— 185 —
Unter den deutschen Kommentatoren des großenDichters kann man den seligen Franz Horn nichtunerwähnt lassen. Seine Erläuterungen Shak-speare's sind jedenfalls die vollständigsten, und be-tragen fünf Bände. Es ist Geist darin, aber einso verwaschener und verdünnter Geist, dass er unsnoch nnergnicklicher erscheint als die geistloseste Be-schränktheit. Sonderbar, dieser Mann, der sich ausLiebe für Shakspeare sein ganzes Leben hindurchmit dein Studium Desselben beschäftigte und zuseinen eifrigsten Anbetern gehört, war ein schwach-matischcr Pietist. Aber vielleicht eben das Gefühlseiner eigenen Seelenmattigkcit erregte bei ihm einbeständiges Bewundern Shakspeare'schcr Kraft, undwenn gar manchmal der brittischc Titane in seinenleidenschaftlichen Scenen den Pelion auf den Ossaschleudert und bis zur Himmelsbnrg hinanstürmt,dann fällt dem armen Erlänterer vor Erstaunendie Feder aus der Hand, und er seufzt und flenntgelinde. Als Pietist müsste er eigentlich seinemfrömmelnden Wesen nach jenen Dichter hassen,dessen Geist, ganz getränkt von blühender Göttcr-lust, in jedem Worte das freudigste Heidcnthumathmet; er müsste ihn hassen, jenen Bekenner desLebens, der, dem Glauben des Todes heimlich ab-hold und in den süßesten Schauern alter Helden-