Heinrich Heines siiminttilhe Werke. Rechtmäßige Original-Ausgabe. Dritter ZZaad. Englische Fragmente. Shakspeare's Mädchen und Frauen. Hamburg. Hosfmann und Campe. 1861. Englische Fragmente und SImluiMrc'ki Mädchen und Arn neu von Heinrich Heine. Hamburg. H o f f in ci n n und Cu ni p e. 1861. I n k n l t. Seite Vorwort des Herausgebers IX Englische Fragmente. Vorwort zur ersten Auflage I. Gespräch auf der Themse II. London III. Die Engländer IV. John Bull V. Iiis Iiis »IXaxolson IZuonaxnrts, b^IVnitsrLvott VI. Old Bailcy 5 VII. Körperliche Strafe in England VIII. Das neue Ministerium . . IX. Die Schuld X. Die Oppositionsparteien . . XI. Die Emancipation 115 XII. Wellington 135 XIH. Die Befreiung 143 Shakspearc 's Mädchen nnd Frauen. Einleitung 159 Tragödien. Cressida (Troilus und Cressida) 195 Seite Cassandra (TroiluS und Cressida) 200 Helena (Troilus und Cressida) 202 Virgilii (Corivlan) 206 Portia (Julius Cäsar) 211 Cleopatra (Antonius und Cleopatra) 213 Lavinia (Titus Andronikus) 229 Constanze (König Johann) 236 Lady Percy (König Heinrich IV.) 244 Prinzessin Catharina (König Heinrich V.) 247 Jeanne dÄrc (König Heinrich VI. Erster Theil) . . 250 Margaretha (König Heinrich VI. Erster Theil) . . . 252 Königin Margaretha (König Heinrich VI. Zweiter und dritter Theil) 255 Lady Grey (König Heinrich VI. Dritter Theil) . . . 265 Lady Anna (König Richard III.) 270 Königin Catharina (König Heinrich VIII.) .... 272 Anna Bullen (König Heinrich VIII.) 276 Lady Macbeth (Macbeth) 280 Ophelia (Hamlet) 285 Cordelia (König Lear) . 230 Julia (Romeo und Julia) 235 Desdemona (Othello) 301 Jessika (Der Kaufmann von Venedig) 307 Porzia (Der Kaufmann von Venedig) 326 Komödien. Miranda (Der Sturm) 337 Titania (Ein Sommernachtstraum) 333 Perdita (Das Wintermärchen) 340 Jmogen (Cymbeline) 341 — VII — Seite Silvia (Die beiden Veroneser) 343 Hero «Viel Lärm um Nichts) 345 Beatrice (Viel Lärm um Nichts) 346 Helena (Ende gut, Alles gut) 348 Celia (Wie es euch gefällt) 356 Rosalinde (Wie es euch gefällt) 352 Olivia (Was ihr wollt) 354 Viola (Was ihr wollt) 356 Maria (Was ihr wollt) 358 Jsabella (Maß für Maß) 359 Prinzessin von Frankreich (Der Liebe Muh' umsonst) . 366 Die Äbtissin (Die Komödie der Irrungen) .... 361 Frau Page (Die lustigen Weiber von Windsor) . . . 363 Frau Ford (Die lustigen Weiber von Windsor) . . . 364 Anna Page (Die lustigen Weiber von Windsor). . . 365 Catharina (Die gezähmte Keiferin) 367 Schlusswort 369 Vorwort dos Herausgebers. Die „Englischen Fragmente" wurden zuerst theilwcis im 26. und 27. Bande der „Neuen allgemeinen politischen Annalcn" abgedruckt, welche Heine während des Jahres 1828 gemeinschaftlich mit F. L. Lindncr redigierte^). Später wurden diese Anfangs wurden die redaktionellen Noten, mit welchen die Herausgeber häufig die von ihnen aufgenommenen Abhandlungen begleiteten, nicht mit einer Namcnschiffre bezeichnet. Letzteres geschah jedoch regelmäßig, seit Heine im 4. Heft des 26. Bandes der „Annalen" (S. 365) sich zu der Erklärung veranlasst sah, dass eine redaktionelle Note im vorigen Heft (S. 227), welche gegen die Hegel'sche Schule gerichtet war und behauptete, es werde in ihr die Philosophie in der Sprache des Wahnwitzes vorgetragen, „weder ans seiner Feder noch aus seiner Gesinnung geflossen" sei. Aufsätze (mit Weglassung der später auszuführenden, jetzt wieder von mir ergänzten Stellen, und mit Hinzufügung der fünf neuen Abschnitte: „London," „Die Engländer," „Old Bailcy," „Wellington" und „Die Befreiung") unter dem Titel: „Englische Fragmente" den „Nachträgen zu den Reiscbildcrn" (Rciscbildcr, vierter Theil) einverleibt, deren erste Auflage zu Anfang des Jahres 1831 erschien. Der Abschnitt „Die Schuld" war in den „Annalen": „Die englischen Finanzen," der Abschnitt „Die Emanci- pation": „Die Emancipation der Katholiken" betitelt. — Die ersten Sätze des Hcine'schen Borworts habe ich — als ausschließlich „Die Stadt Lucca" betreffend — hier fortgelassen. Aus den „Politischen Annalen" ergänzte ich: S. 35—44 Die von Heine übersetzte Charakteristik John Bull's. S. 50 Immerhin, wie die Menschen sind — S. 51 und verehrt seinen Wellington. S. 64—67 Die Bemerkungen, mit welchen Heine in den „Politischen Annalen" den Aufsatz eines ungenannten Verfassers über „Körperliche Strafe" begleitete. (Die „Nachbemerkungen" Hcine's beginnen dort mit den Worten: „Ich kann den vorhergehenden Aufsatz nicht in die Presse schicken, ohne einige Worte beizufügen. Ich thcilc ganz die Gefühle des Verfassers, dessen Urthcil über militärische Dis- ciplin gewiss kompetenter ist als das meinigc. Ich kann nicht bestimmt genug versichern, wie sehr auch ich gegen Prügel" :c.). S. 72 und die Wächter desselben — leicht überwältigt wären. S. 86 22) Dazu kommt — S. 88 in die Luft gesprengt. S. 118 und der unselige Wellington. S. 127 Doch ich komme ab — S. 134 bei den nachfolgenden Generationen. (Hört! Hört!)" —- (Den Schluss der Rede von Spring Rice, welcher für das nächste Heft der „Annalcn" versprochen ward, hat Heine leider nicht nachgeliefert.) In der französischen Ausgabe sind nur sieben Abschnitte der „Englischen Fragmente" unter dem Gcsammttitel „74nAlvr>, und wo die vornehmere und minder beschäftigte Welt lebt, ist jene Einförmigkeit noch vorherrschender; doch giebt es hier ganz lange, gar breite Straßen, wo alle Häuser groß wie Pallästc, aber äußerlich Nichts weniger als ausgezeichnet sind, außer dass man hier, wie an allen nicht ganz ordinären Wohnhäusern London's, die Fenster der ersten Etage mit cisengittrigcn Ballonen verziert sieht und auch an rW äs ollansses ein schwarzes Gittcrwcrk findet, wodurch eine in die Erde gegrabene Kellerwohnung geschützt wird. Auch findet man in diesem Thcile der Stadt große Squares: Reihen von Häusern gleich den obenbeschricbenen, die ein Viereck bilden, in dessen Mitte ein von schwarzem Eiscngittcr umschlossener Garten mit irgend einer Statue befindlich ist. Auf allen diesen Plätzen und Straßen wird das Auge des Fremden nirgends beleidigt von baufälligen Hütten des Elends. Überall starrt Reichthum und Vornehmheit, und hineingedrängt in abgelegene Gässchen und dunkle feuchte Gänge wohnt die Armnth mit ihren Lumpen und ihren Thränen. Der Fremde, der die großen Straßen Lon- don's durchwandert und nicht just in die eigentlichen Pöbclgnartiere gcräth, sieht daher Nichts oder sehr Wenig von dem vielen Elend, das in London vorhanden ist. Nur hie und da am Eingänge eines dunklen Gässchcns steht schweigend ein zerfetztes Weib, mit einem Säugling an der abgehärmten Brust, und bettelt mit den Augen. Vielleicht wenn diese Augen noch schön sind, schaut man einmal hinein — und erschrickt ob der Welt von Jammer, die man darin geschaut hat. Die gewöhnlichen Bettler sind alte Leute, meistens Mohren, die an den Straßenecken stehen und, was im kothigcn London sehr nützlich ist, einen Pfad für Fußgänger kehren und dafür eine Kupfermünze verlangen. Die Armnth in Gesellschaft dcö Lasters und dcs Verbrechens schleicht erst des Abends aus ihren Schlupfwinkeln. Sic scheut das Tageslicht um so ängstlicher, je grauenhafter ihr Elend kontrastiert mit dem Übcrmuthe des Rcichthums, der überall hervorprunkt; nur der Hunger treibt sie manchmal um Mittagszeit aus dem dunkeln Gäss- chcn, und da steht sie mit stummen, sprechenden Augen und starrt flehend empor zu dem reichen Kaufmann, der gcschüftig-geldklimpcrnd vvrübercilt, oder zu dem müßigen Lord, der wie ein satter Gott auf hohem RosS cinherrcitct und auf das Menschengewühl unter ihm dann und wann einen gleichgültig vornehmen Blick wirft, als wären es winzige Ameisen, oder doch nur ein Haufen niedriger Geschöpfe, deren Lust und Schmerz mit seinen Gefühlen Nichts gemein hat — denn über dem Men- schcngcsindel, das am Erdboden festklebt, schwebt Englands Nobility wie Wesen höherer Art, die das kleine England nur als ihr Absteigequartier, Italien als ihren Sommcrgartcn, Paris als ihren Gcscll- schaftssaal, ja die ganze Welt als ihr Eigcnthum betrachten. Ohne Sorgen und ohne Schranken schweben sie dahin, und ihr Gold ist ein Talisman, der ihre tollsten Wünsche in Erfüllung zaubert. Arme Armuth! wie peinigend muss dein Hunger sein, dort wo Andere im höhnenden Überflüsse schwelgen! Und hat man dir auch mit gleichgültiger Hand eine Brotkruste in den Schoß geworfen, wie bitter müssen die Thronen sein, womit du sie erweichst! Du vergiftest dich mit deinen eigenen Thronen. Wohl hast dn Recht, wenn du dich zu dem Laster und Verbrechen gesellst. Ausgestoßen«: Verbrecher tragen oft mehr Menschlichkeit im Herzen, als jene kühlen, untadclhaftcn Staatsbürger der Tugend, in deren bleichen Herzen die Kraft des Bösen erloschen ist, aber auch die Kraft des Guten. Und gar das Laster ist nicht immer Laster. Ich habe Weiber gesehen, auf deren Wangen das rothc Laster gemalt war, und in ihrem Herzen wohnte himmlische Reinheit. Ich habe Weiber gesehen — ich wollt', ich sähe sie wieder! — III. Dic E n g I ii n d e r. Unter dm Bogengängen der Londoner Börse hat jede Nation ihren angewiesenen Platz, und auf hochgesteckten Täfelchcn liest man die Namen: Russen, Spanier, Schweden, Deutsche, Malteser, Inden, Hanseaten, Türken u. s. w. Vormals stand jeder Kaufmann unter dem Täfelchcn, worauf der Name seiner Nation geschrieben. Jetzt aber würde man ihn vergebens dort suchen; die Menschen sind fortgerückt; wo einst Spanier standen, stehen jetzt Holländer, die Hanseaten traten an die Stelle der Juden, wo man Türken sucht, findet man jetzt Russen, die Jtaliäncr stehen, wo einst die Franzosen gestanden, sogar die Deutschen sind weiter gekommen. Wie auf der Londoner Börse, so auch in der übrigen Welt sind die alten Täfelchen stehen geblieben, während die Menschen darunter weggeschoben worden und Andere an ihre Stelle gekommen sind, deren neue Köpfe sehr schlecht passen zu der alten Aufschrift. Die alten stereotypen Charakteristiken der Völker, wie wir solche in gelehrten Kompendien und Bicrschenkcn finden, können uns Nichts mehr nutzen und nur zu trostlosen Jrrthü- incrn verleiten. Wie wir unter unfern Augen in. den letzten Jahrzehnten den Charakter unserer westlichen Nachbareu sich allmählig umgestalten sahen, so können wir seit Aufhebung der Kontinentalsperre eine ähnliche Umwandlung jenseits des Kanalcs wahrnehmen. Steife, schweigsame Engländer wallfahren scharcnwcis nach Frankreich, um dort sprechen und sich bewegen zu lernen, und bei ihrer Rückkehr sieht man mit Erstaunen, dass ihnen die Zunge gelöst ist, dass sie nicht mehr wie sonst zwei linke Hände haben, und nicht mehr mit Beefsteak und Plumpudding zufrieden sind. Ich selbst habe einen solchen Engländer gesehen, der in Tavistock- Tavcrn etwas Zucker zu seinem Blumenkohl verlangt hat, eine Ketzerei gegen die strenge anglikanische Küche, worüber der Kellner fast rücklings fiel, indem gewiss seit der römischen Invasion der Blumenkohl in England nie anders als in Wasser abgekocht und ohne süße Zuthat verzehrt worden. Es war derselbe Engländer, der, obgleich ich ihn vorher nie gesehen, sich zu mir setzte und einen so zuvorkommend französischen Diskurs anfing, dass ich nicht umhin konnte, ihm zu gestehen, wie sehr es mich freue, einmal einen Engländer zu finden, der nicht gegen den Fremden zurückhaltend sei, worauf er ohne Lächeln eben so frcimüthig entgegnete, dass er mit mir spräche, um sich in der französischen Sprache zu üben. Es ist auffallend, wie die Franzosen täglich nachdenklicher, tiefer und ernster werden, in eben dem Maße, wie die Engländer dahin streben, sich ein legöres, oberflächliches und heiteres Wesen anzueignen; wie im Leben selbst, so auch in der Literatur. Die Londoner Pressen sind vollauf beschäftigt mit fashionablcn Schriften, mit Romanen, die sich in der glänzenden Sphäre des llig-ll liks bewegen oder dasselbe abspiegeln, wie z. B. ^1- rnnalrs, Vivmn (ilre/, Molimin In^-Schilderung der französischen Ncvolntionshcldcn von ihm erwarten^). Wer England aufmerksam betrachtet, findet jetzt täglich Gelegenheit, jene beiden Tendenzen, die frivole und puritanische, in ihrer widerwärtigsten Blüthe und, wie sich von selbst versteht, ihren Zweikampf zu beobachten. Eine solche Gelegenheit gab ganz besonders der famösc Proccss des Herrn Wakeficld, eines lustigen Kavaliers, der gleichsam aus dem Stegreif die Tochter des reichen Herrn ch Heine's prophetische Vorkritik über das angekündigte „Leben Napoleon Bonaparte's von Walter Scott" findet sich in den „Reisebildern"; Sämmtl. Werke, Bd. I, S. 170 ff. Anmerkung des Herausgebers. — 31 — Turner, eines Livcrpoolcr Kaufmanns, entführt und zu Grctna Grccu, wo ein Schmied wohnt, der die stärksten Fesseln schmiedet, geheirathet hatte. Die ganze kopfhängerische Sippschaft, das ganze Volk der Auserlesenen Gottes, schrie Zctcr über solche Verruchtheit, in den Bctstubcn Liverpools erflehte man die Strafe des Himmels über Wake- ficld und seinen brüderlichen Helfer, die der Abgrund der Erde verschlingen sollte wie die Rotte des Korah, Dathan und Abiram, und um der heiligen Rache noch sicherer zu sein, wurde zu gleicher Zeit in den GcrichtSsälcn London's der Zorn des Kings-Bcnch, des Großkanzlcrs und selbst des Oberhauses ans die Entweiher des heiligsten Sakramentes hcrabplädirt — während man in den fashionablen SalonS über den kühnen Mäd- chcnräuber gar tolerant zu scherzen und zu lachen wusste. Am ergötzlichsten zeigte sich mir dieser Kontrast beider Denkweisen, als ich einst in der großen Oper neben zwei dicken Manchcsterncn Damen saß, die diesen Versammlungsort der vornehmen Welt zum ersten Male in ihrem Leben besuchten, und den Abscheu ihres Herzens nicht stark genug kundgeben konnten, als das Ballett begann, und die hochgeschürzten schönen Tänzerinnen ihre üppig graciösen Bewegungen zeigten, ihre lieben langen, — 32 — lasterhaften Beine ausstreckten, und plötzlich bacchantisch den cntgcgcnhüpfcndcn Tänzern in die Arme stürzten; die warme Musik, die Urklcidcr von fleischfarbigem Trikot, die Natnralsprüngc, Alles vereinigte sich, den armen Damen Angstschweiß auszupressen, ihre Busen crröthetcn vor Unwillen, sllockrinA! kor sbaius, kor sllamo! ächzten sie beständig, und sie waren so sehr von Schrecken gelähmt, dass sie nicht einmal das Pcrspcktiv vom Auge fortnehmen konnten und bis zum letzten Augenblicke, bis der Vorhang fiel, in dieser Situation sitzen blieben. Trotz diesen entgegengesetzten Geistes- und Lc- bcnsrichtungcn, findet man doch wieder im englischen Volke eine Einheit der Gesinnung, die eben darin besteht, dass es sich als ein Volk fühlt; die neueren Stntzköpfc und Kavaliere mögen sich immerhin wechselseitig hassen und verachten, dennoch hören sie nicht auf, Engländer zu sein; als Solche sind sie einig und zusammengehörig, wie Pflanzen, die aus demselben Boden hcrvorgcblüht und mit diesem Boden wunderbar verwebt sind. Daher die geheime Übereinstimmung des ganzen Lebens und Wcbcns in England, das uns beim ersten Anblick nur ein Schauplatz der Verwirrung und Widersprüche dünken will. Überrcichthnm und Misörc, Orthodoxie und Unglauben, Freiheit und Knechtschaft, Grausamkeit und Milde, Ehrlichkeit und Gaunerei, diese Gegensätze in ihren tollsten Extremen, darüber der graue Nebclhimmck, von allen Seiten summende Maschinen, Zahlen, Gaslichter, Schornsteine, Zeitungen, Portcrkrügc, geschlossene Mäulcr, alles Dieses hängt so zusammen, dass wir uns Kcins ohne das Andere denken können, und was vereinzelt unser Erstaunen oder Lachen erregen würde, erscheint uns als ganz gewöhnlich und ernsthaft in seiner Vereinigung. Ich glaube aber, so wird es uns überall gehen, sogar in solchen Landen, wovon wir noch seltsamere Begriffe hegen, und wo wir noch reichere Ausbeute des Lachens und Staunens erwarten. Unsere Reiselust, unsere Begierde, fremde Länder zu sehen, besonders wie wir solche im Knabenalter empfinden, entsteht überhaupt durch jene irrige Erwartung außerordentlicher Kontraste, durch jene geistige Maskeradclust, wo wir Menschen und Denkweise unserer Hcimath in jene fremde Länder hineindenken, und solchermaßen unsere besten Bekannten in die fremden Kostüme und Sitten vermummen. Denken wir z. B. an die Hottentotten, so sind es die Damen unserer Vaterstadt, die schwarz angestrichen und mit gehöriger Hintcrfülle in unserer He ine's Werke. Bd. III. Z — 34 — Vorstellung umhertanzcn, während unsere jungen Schöngeister als Buschklepper auf die Palmbäumc hinaufklettern; denken wir an die Bewohner der Nordpol-Länder, so sehen wir dort ebenfalls die wohlbekannten Gesichter, unsere Muhme fährt in ihrem Hundeschlitten über die Eisbahn, der dürre Herr Konrektor liegt auf der Bärenhaut und säuft ruhig seinen Morgcnthran, die Frau Accise-Ein- nchmerin, die Frau Jnspcktorin und die Frau Jn- fibulationsräthin hocken beisammen und kauen Talg- lichter n. s. w. Sind wir aber in jene Länder wirklich gekommen, so sehen wir bald, dass dort die Menschen mit Sitten und Kostüm gleichsam verwachsen sind, dass die Gesichter zu den Gedanken und die Kleider zu den Bedürfnissen passen, ja dass Pflanzen, Thicre, Menschen und Land ein zusammenstimmendes Ganze bilden. IV. John Bull. (Übersetzt aus einer englischen Beschreibung London's.) Es scheint, als ob die Jrländcr durch ein unveränderliches Gesetz ihrer Natur den Müßiggang als das echte, charakteristische Kennzeichen eines Gentlemans betrachten; und da ein Jeder dieses Volkes, kann er auch ans Armnth nicht einmal sein gentilcs Hinterthcil bedecken, dennoch ein geborener Gentleman ist, so geschieht es, dass verhältnismäßig wenige Sprösslingc dcS grünen Erin sich mit den Kauflcuten der City vermischen. Diejenigen Jrländcr, welche wenig oder gar keine Erziehung genossen, und Solcher zählt man wohl die Meisten, sind Taglohn-Gcntlemcn (Asutlswsn än^- labonrsrs), und die übrigen sind Gentlemen an und für sich selbst. Könnten sie durch einen raschen 3» - 36 — L0UP äiz inain zum Genüsse eines mcrkantilischcn Ncichthnms gelangen, so würden sie sich wohl gerne dazu entschließen; aber sie können sich nicht auf drcifüszigc Komptoirstühlchen niederlassen und über Pulte und lange Handelsbüchcr gebeugt liegen, um sich langsame Schätze zu crknickern. Dergleichen aber ist ganz die Sache eines Schotten. Sein Verlangen, den Gipfel des Baums zu erreichen, ist ebenfalls ziemlich heftig; aber seine Hoffnungen sind weniger sanguinisch als beharrlich, und mühsame Ausdauer ersetzt das momentane Feuer. Der Jrländcr springt und hüpft wie ein Eichhörnchen; und wenn er, was oft geschieht, sich an Stamm und Zweigen nicht fest genug hielt, schießt er herab in den Koth, steht dort besudelt, wenn auch nicht verletzt, und eine Menge von Hin- und Hcrsprüngcn werden Vorbereitungen zu einem neuen Versuche, der wahrscheinlich eben so fruchtlos ablaufen wird. Hingegen der zögernde Schotte wählt sich seinen Baum mit großer Sorgfalt, er untersucht, ob er gut gewachsen ist und stark genug, ihn zu tragen, und kräftig wurzelnd, um nicht von den Stürmen des Zufalls nicdergcblascn zu werden. Er sorgt auch, dass die niedrigsten Äste ganz in seinem Bereiche sind und durch eine bequeme Folge von Knoten an der Rinde sein Aufschwingen sicher vollbracht werden — 37 — kann. Er beginnt von unten an, betrachtet genau jeden Zweig, bevor er sich ihm anvertraut, und bewegt nie den einen Fuß, che er sicher ist, dass der andre recht fest steht. Andre Leute, welche hitziger und minder bedächtig sind, klimmen über ihn fort, und bespötteln die ängstliche Langsamkeit seiner Fortschritte; aber Das kümmert ihn wenig, er klettert weiter, geduldig und beharrlich, und wenn Jene niederpurzcln und er oben auf ist, so kömmt das Lachen an ihn, und er lacht recht herzlich. Diese bewundcrungswcrtheFühigkcit des Schotten sich in Handelsgeschäften hcrvorzuthun, seine außerordentliche Nachgiebigkeit gegen seinen Vorgesetzten, die beständige Hast, womit er sein Segel nach jedem Winde aufspannt, hat nicht allein bewirkt, dass man in den Handelshäusern London's eine Unzahl schottischer Schreiber, sondern auch Schotten als Kompagnons finden kann. Dennoch vermochten die Schotten keineswegs, trotz ihrer Anzahl und ihres Einflusses, dieser Sphäre der Londoner Gesellschaft ihren Nationalcharaktcr einzuprägen. Eben jene Eigenschaften, wodurch sie beim Anfang ihrer Laufbahn die besten Diener ihrer Obern und späterhin die besten AssocieS sind, bewirken auch, dass sie die Sitten und den Geschmack ihrer Umgebung nachäffen. Außerdem finden sie, dass jene Gegenstände, worauf sie zu Hause den höchsten Werth' legten, in ihrer neuen Hcimath wenig geachtet werden. Ihre kleinliche Feudalvcr- bindungcn, ihre prahlende Vettcrschaft mit irgend einem unbarbierten Eigentümer von zwei oder drei kahlen Bergen, ihre Legenden von zwei oder drei außerordentlichen Männern, deren Namen man niemals außerhalb Schottland gehört hat, ihre puritanische Mäßigkeit, worin sie erzogen worden, und die Sparsamkeit, die sie sich zu eigen gemacht — all Dergleichen stimmt nicht übcrcin mit den positiven und verschwenderischen Gewöhnungen John Bull's. Das Gepräge John Bull's ist so tief und scharf, wie das einer griechischen Denkmünze; und wo und wie man ihn findet, sei es in London oder in Kalkutta, sei es als Herr oder als Diener, kann man ihn nie verkennen. Überall ist er ein Wesen wie eine plumpe Thatsache, sehr ehrlich, aber kalt und durchaus abstoßend. Er hat ganz die Solidität einer materiellen Substanz, und man kann nie umhin zu bemerken, dass, wo er auch sei und mit wem er auch sei, John Bull sich doch immer als die Hauptperson betrachtet — so wie auch, dass er niemals Rath oder Lehre von Demjenigen annehmen — 39 — wird, der sich vorher die Miene gegeben, als ob er Dessen bedürfe. Und wo er auch sei, bemerkt man: sein eigner Komfort, sein eigner, unmittelbarer, persönlicher Komfort, ist der große Gegenstand all' seiner Wünsche und Bestrebungen. Denkt John Bull, dass Aussicht zu irgend einem Gewinn vorhanden sei, so wird er schon beim ersten Zusammentreffen sich mit Jemand einlassen. Will man aber einen intimen Freund an ihm haben, so muss man ihm wie einem Frauenzimmer die Kour machen; hat man endlich seine Freundschaft erlangt, so findet man bald, dass sie nicht der Mühe Werth war. Vorher, ehe man sich um ihn bewarb, gab er kalte, genaue Höflichkeit, und was er nachher zu geben hat, ist nicht Viel mehr. Man findet bei ihm eine mechanische Förmlichkeit und ein offenes Bekenntnis jener Selbstsucht, welche andre Leute vielleicht eben so stark besitzen, aber gar sorgsam verbergen, so dass uns das kostbarste Gastmahl eines Engländers kaum halb so gut schmeckt wie die Hand voll Datteln des Beduinen in der Wüste. Aber während John Bull der kälteste Freund ist, ist er der sicherste Nachbar, und der gradsinnigste und generöseste Feind; während er sein eigenes Schloss wie ein Pascha hütet, sucht er nie — 40 in ein fremdes einzudringen. Komfort und Unabhängigkeit— unter dem Einen versteht er die Befugnis, sich Alles zu kaufen, was zu seiner bequemsten Behaglichkeit beitragen kann, unter dem andern Ausdruck versteht er das Gefühl, dass er Alles thun kann, was er will, und Alles sagen kann, was er denkt — diese beiden sind ihm die Hauptsache, und da kümmert er sich wenig um die zufälligen und vielleicht chimärischen Auszeichnungen, die in der übrigen Welt so viel Plag' und Noth hervorbringen. Sein Stolz — und er hat Stolz in hinlänglicher Fülle — ist nicht der Stolz des Haman; Wenig kümmert es ihn, ob Mardachai, der Jude, lang und breit vor der Thüre seines Hauses sitzt, nur dafür sorgt er, dass besagter Mardachai nicht ins Haus hineinkomme, ohne seine spc- cielle Erlaubnis, die er ihm gewiss nur dann gewährt, wenn es zusammenstimmt mit seinen: eigenen Vorthcil und Komfort. Sein Stolz ist ein englisches Gewächs; obschon er ziemlich viel prahlt, so ist seine Prahlerei doch nicht von der Art anderer Völker. Nie sieht man, dass er sich auf Rechnung seiner Vorfahren irgend ein Air von Würde beimesse; wenn John Bull seine Taschen voll Guinccn hat und ein Mann geworden ist, der warn: sitzt, so kümmert es ihn keinen Pfiffcr- — 41 — ling, ob sein Großvater ein Herzog war oder ein Karrcnschieber. „Jedermann ist er selbst und er ist nicht sein Vater" istJohn's Theorie, und nach dieser richtet er seine Handlungen. Er prahlt nur damit, dass er ein Engländer ist, dass er irgendwo zwischen Lowestoft und St. Davids und zwischen Pcnzance und Bcrwick das Licht des Tages erblickte und thut sich auf diesen Umstand mehr zu Gut, als wenn er ans irgend einem andern Fleck dieses Planeten geboren worden wäre. Denn Alt-England gehört ihm, und er gehört Alt-England. Diesem aber ist Nichts gleich auf der ganzen Welt, es kann die ganze Welt ernähren, die ganze Welt unterrichten, und wenn es darauf ankäme, auch die ganze Welt erobern. Aber Das ist nur im Allgemeinen gesagt; denn ersucht man John ans das Besondere einzugehen, und rückt ihm etwas näher zu Leibe, so findet man, dass in diesem gepriesenen England eigentlich doch Nichts vorhanden ist, womit er ganz zufrieden wäre, außer ihm selbst. Man erwähne gegen ihn den König, denselben König, dessen Thron er mit so großem Stolz auf seinen Schultern trägt — und gleich klagt er über Verschwendung im königlichen Hausstand, Bestechlichkeit und königliche Gunst, wachsenden bedrohlichen Einfluss der Krone, und betheucrt, dass, wenn nicht — 42 — bedeutende, schnelle Eingriffe und Beschränkungen stattfinden, so wird England bald nicht mehr England sein. Erwähnt man gegen ihn die Parlamente — so brummt er und verdammt beide, klagt, dass das Oberhaus durch Hosguust und das Unterhaus durch Partciwcscn und Bestechungen gefüllt werden, und vielleicht versichert er obendrein, England würde besser daran sein, wenn es gar kein Parlament gäbe. Erwähnt man gegen ihn die Kirche —- so bricht er aus in ein Zetergeschrei über Zehnten und über gemästete Pfaffen, die das Wort Gottes zu ihrer Domäne gemacht haben und alle mühsamen Früchte fremder Arbeit in geistlichem Müßiggang verzehren. Erwähnt man die öffentliche Meinung und den großen Vortheil der schnellen Verbreitung aller Art von Mitthcilung — so beklagt er ganz sicher, dass der Jrrthum auf diesen verbesserten Wegen eben so schnell reist wie die Wahrheit, und dass das Volk alte Dummheiten anfgicbt, um sich neue dafür anzuschaffen. Kurz, in England gicbt es keine einzige Institution, womit John vollkommen zufrieden wäre. Sogar die Elemente trifft sein Tadel, und von Anfang bis Ende des Jahres murrt er über das Klima eben so stark wie über Dinge, die von Menschen herrühren. Selbst mit den Gütern, die er selbst erworben, ist er unzufrieden, wenn man — 43 — ihn näher ausforscht. Obschon er große Neich- thümer zusammengescharrt hat, so ist doch sein beständiger Refrain, dass er zu Grunde geh'; er ist bettelarm, während er zwischen aufgehäuften Schätzen in einem Pallastc wohnt; und er stirbt vor Hunger — während er so rund gefüttert ist, dass er mit seinem Schmerbauche Mühe hat, sich von einem Ende des Zimmers nach dem andern hinzuschieben. Nur Eins gicbt es, was sein vollständiges Lob erhält, selbst wenn man es ganz besonders erwähnt — und Das ist die Flotte, die Kriegsschiffe, Alt-Englands hölzerne Wälle; und diese lobt er vielleicht, weil er sie nie sieht. Indessen, wir wollen diese Tadclsucht nicht t adeln. Sie hat dazu beigetragen, England zu Dem zu machen und zu erhalten, was es jetzt ist. Dieser Murrsinu des rauhen, halsstarrigen, aber ehrlichen John Bull's ist vielleicht das Bollwerk brit- tischcr Größe im Ausland und brittischcr Freiheit daheim, und obgleich manche Provinzen Großbritanniens es nicht genug zu schätzen wissen, so verdanken sie doch das reelle Gute, das sie besitzen, weit eher John Bull's beharrlichem Knurren als der nachgiebigen Philosophie des Schotten oder dem stürmischen Feuer des Jrländers. Diese beiden Völker, in der jetzigen Klemme, scheinen nicht Kraft — 44 — und Ausdauer genug zu besitzen, ihre eigenen Rechte zu erhalten und ihr eigenes Heil zu befördern; und wenn irgend ein Widerstand gegen Eingriffe in die allgemeine Freiheit zu leisten ist oder eine Maßregel für das allgemeine Beste ergriffen werden soll, so zeigen unS die Tagebücher des Parlaments und die Petitionen, die darin vorgebracht werden, dass in den meisten Fällen mit einem solchen Widerstand und einer solchen Maßregel Niemand anders hervortritt als John Bull, der mürrische, selbstsüchtige, brummende, aber doch kühne, männliche, unabhängige, uncrweichbare, vordringende und durchdringende John Bull. — 45 — V. VI>e Iis« «L iiiunin^niln >Vn1tsr Leott. Armer Walter Scott! Wärest du reich gewesen, du hättest jenes Buch nicht geschrieben, und wärest kein armer Walter Scott geworden! Aber die CuratorcS der Constablc'schcn Masse kamen zusammen, und rechneten und rechneten, und nach langem Subtrahieren und Dividieren schüttelten sie die Köpfe — und dem armen Walter Scott blieb Nichts übrig als Lorbercn und Schulden. Da geschah das Außerordentliche: der Sänger großer Thatcn wollte sich auch einmal im Heroismus versuchen, er entschloss sich zu einer osssio b>onc>- rum, der Lorbcr des großen Unbekannten wurde taxiert, um große bekannte Schulden zu decken — und so entstand in hungriger Geschwindigkeit, in — ^ 6 — bankrotter Begeisterung das Leben Napolcon's, ein Buch, das von den Bedürfnissen des neugierigen Publikums im Allgemeinen und des englischen Ministeriums insbesondere gut bezahlt werden sollte. Lobt ihn, den braven Bürger! lobt ihn, ihr sämmtlichen Philister des ganzen Erdballs! lob ihn, du liebe Krämertugcnd, die Alles aufopfert, um die Wechsel am Verfalltage einzulösen — nur mir muthet nicht zu, dass auch ich ihn lobe. Seltsam! der todte Kaiser ist im Grabe noch das Verderben der Britten, und durch ihn hat jetzt Britanniens größter Dichter seinen Lorber verloren! Es war Britanniens größter Dichter, man mag sagen und einwenden, was man will. Zwar die Kritiker seiner Romane mäkelten an seiner Größe und warfen ihm vor, er dehne sich zu sehr ins Breite, er gehe zu sehr ins Detail, er schaffe seine großen Gestalten nur durch Zusammensetzung einer Menge von kleinen Zügen, er bedürfe unzählig vieler Umständlichkeiten, um die starken Effekte hervorzubringen — Aber, die Wahrheit zu sagen, er glich hierin einem Millionär, der sein ganzes Vermögen in lauter Scheidemünze liegen hat, und immer drei bis vier Wagen mit Säcken voll Groschen und Pfennigen herbeiführen muss, wenn er eine — 47 — große Summe zu bezahlen hat, und der dennoch, sobald man sich über solche Unart und das mühsame Schleppen und Zählen beklagen will, ganz richtig entgegnen kann: gleichviel wie, so gäbe er doch immer die verlangte Summe, er gäbe sie doch, und er sei im Grunde eben so zahlfähig und auch wohl eben so reich wie etwa ein Anderer, der nur blanke Goldbarren liegen hat, ja er habe sogar den Vortheil des erleichterten Verkehrs, indem Jener sich auf dem großen Gemüsemarkte mit seinen großen Goldbarren, die dort keinen Kours haben, nicht zu helfen weiß, während jedes Kramwcib mit beiden Händen zugreift, wenn ihr gute Groschen und Pfennige geboten werden. Mit diesem populären Rcichthume des brittischen Dichters hat es jetzt ein Ende, und er, dessen Münze so kourant war, dass die Herzogin und die Schncidcrsfrau sie mit gleichem Interesse annahmen, er ist jetzt ein armer Walter Scott geworden. Sein Schicksal mahnt an die Sage von den Bergeisen, die neckisch wohlthä- tig den armen Leuten Geld schenken, das hübsch blank und gedeihlich bleibt, so lange sie es gut anwenden, das sich aber unter ihren Händen in eitel Staub verwandelt, sobald sie es zu nichtswürdigen Zwecken missbrauchcn. Sack nach Sack öffnen wir Walter Scott's neue Zufuhr, und siehe da! statt — 48 — der blitzenden, lachenden Gröschlein finden wir Nichts als Staub und wieder Staub. Ihn bestraften die Bergeisen des Parnassus, die Musen, die, wie alle cdelsinnigcn Weiber, leidenschaftliche Na- poleonistinncn sind, und daher doppelt empört waren über den Missbranch der verliehenen Geistcs- schätzc. Werth und Tendenz des Scott'schcn Werks sind in allen Zeitschriften Europa's beleuchtet worden. Nicht bloß die erbitterten Franzosen, sondern auch die bestürzten Landslcutc des Verfassers haben das Verdammungsnrtheil ausgesprochen. In diesen allgemeinen Wcltunwillen mufften auch die Deutschen einstimmen; mit schwcrverhaltcncm Feuereifer sprach das Stuttgarter Litcraturblatt, mit kalter Ruhe äußerten sich die Berliner Jahrbücher für wissenschaftliche Kritik, und der Rccenscnt, der jene kalte Ruhe um so wohlfeiler erschwang, je weniger thcuer ihm der Held des Buches sein muss, charakterisiert dasselbe mit den trefflichen Worten: „In dieser Erzählung ist weder Gehalt noch Farbe, weder Anordnung noch Lebendigkeit zu finden. Verworren in oberflächlicher, nicht in tiefer Verwirrung, ohne Hervortreten des Eigcnthüm- lichcn, unsicher und wandelbar zieht der gewaltige Stoff träge vorüber; kein Vorgang erscheint in ) — 49 — scincr bestimmten Eigenheit, nirgends werden die springenden Punkte sichtbar, kein Ereignis wird deutlich, keines tritt in scincr Notwendigkeit hervor, die Verbindung ist nur äußerlich, Gehalt und Bedeutung kaum geahnct. In solcher Darstellung muss alles Licht der Geschichte erlöschen, und sie selbst wird zum nicht wunderbaren, sondern gemeinen Märchen. Die Überlegungen und Betrachtungen, welche sich öfters dem Vortrag einschieben, sind von einer entsprechenden Art. Solch dünnlichcr philosophischer Bereitung ist unsere Lescwelt längst entwachsen. Der dürftige Zuschnitt einer am Einzelnen haftenden Moral reicht nirgend aus. " Dergleichen und noch schlimmere Dinge, die der scharfsinnige Berliner Rccensent, Varnhagen von Ense, ausspricht, würde ich dem Walter Scott gern verzeihen. Wir sind Alle Menschen, und der Beste von uns kann einmal ein schlechtes Buch schreiben. Man sagt alsdann, es sei unter aller Kritik, und die Sache ist abgemacht. Verwunderlich bleibt es zwar, dass wir in diesem neuen Werke nicht einmal Scott's schönen Stil wiederfinden. In die farblose, wocheutäglichc Rede werden vergebens hie und da etliche rothc, blaue und grüne Worte eingestreut, vergebens sollen glänzende Läppchen aus den Poeten die prosaische Blöße bedecken, Heine'S Werke, Bd. rn. 4 ) — 50 — vergebens wird die ganze Arche Noüh geplündert, um bestialische Vcrglcichungcn zn liefern, vergebens wird sogar das Wort Gottes citicrt, um die dummen Gedanken zu übcrschildcn. Noch verwunderlicher ist es, dass es dem Walter Scott nicht einmal gelang, sein angeborenes Talent der Gestalten- zcichnung auszuüben und den äußeren Napoleon aufzufassen. Walter Scott lernte Nichts aus jenen schönen Bildern, die den Kaiser in der Umgebung seiner Generäle und StantSlcute darstellen, während doch Jeder, der sie unbefangen betrachtet, tief betroffen wird von der tragischen Ruhe und antiken Gemessenheit jener Gesichtszüge, die gegen die modern aufgeregten, pittoresken Tagsgcsichtcr so schauerlich erhaben kontrastieren, und etwas Herabgc- stiegen-GöttlichcS beurkunden. Konnte aber der schottische Dichter nicht die Gestalt, so konnte er noch viel weniger den Charakter des Kaisers begreifen, und gern verzeih' ich ihm auch die Lästerung eines Gottes, den er nicht kennt. Ich muss ihm ebenfalls verzeihen, dass er seinen Wellington für einen Gott hält, und bei der Apotheose Desselben so sehr in Andacht gcräth, dass er, der doch so stark in Vich- bildcrn ist, nicht weiß, womit er ihn vergleichen soll. Immerhin, wie die Menschen sind, so sind auch ihre Götter. Stumpfsinnige Neger verehren - 51 — giftige Schlangen, gucrängigc Baschkiren verehren hüsslichc Klötze, platte Lappländer verehren Seehunde — Sir Walter Scott giebt diesen Leuten Nichts nach, und verehrt seinen Wellington. Bin ich aber tolerant gegen Walter Scott, und verzeihe ich ihm die Gehaltlosigkeit, Jrrthümcr, Lästerungen und Dummheiten seines Buches, verzeih' ich ihm sogar die Langeweile, die es mir verursacht — so darf ich ihm doch nimmermehr die Tendenz desselben verzeihen. Diese ist nichts Geringeres als die Exkulpation des englischen Ministeriums in Betreff des Verbrechens von St. Helena. „In diesem Gerichtshandcl zwischen dem englischen Ministerium und der öffentlichen Meinung," wie der Berliner Reccnseut sich ausdrückt, „macht Walter Scott den Sachwalter," er verbindet Advokatenkniffe mit seinem poetischen Talente, um den Thatbcstand und die Geschichte zu verdrehen, und seine Klienten, die zugleich seine Patrone sind, dürften ihm wohl außer seinen Spvr- tcln noch extra ein Douccur in die Hand drücken. Die Engländer haben den Kaiser bloß ermordet, aber Walter Scott hat ihn verkauft. Es ist ein rechtes Schottcnstück, ein echt schottisches Na- tionalstückchcn, und man sieht, dass schottischer Geiz noch immer der alte, schmutzige Geiz ist, und sich 4» — 52 nicht sonderlich verändert hat seit den Tagen von Naseby, wo die Schotten ihren eigenen König, der sich ihrem Schutze anvertraut, für die Summe von 400,500 Pfund Sterling an seine englischen Henker verkauft haben. Jener König ist derselbe Karl Stuart, den jetzt Calcdonia's Barden so herrlich besingen, — der Engländer mordet, aber der Schotte verkauft und besingt. Das englische Ministerium hat seinem Advokaten zu obigem Bchusc das Archiv des koi-mM okkimz geöffnet, und Dieser hat im neunten Bande seines Werks die Aktenstücke, die ein günstiges Licht auf seine Partei und einen nachteiligen Schatten auf deren Gegner werfen konnten, gewissenhaft benutzt. Dcsshalb gewinnt dieser neunte Band bei all seiner ästhetischen Wertlosigkeit, worin er den vorgehenden Bänden Nichts nachgicbt, dennoch ein gewisses Interesse; man erwartet bedeutende Aktenstücke, und da man deren keine findet, so ist Das ein Beweis, dass deren keine vorhanden waren, die zu Gunsten der englischen Minister sprechen — und dieser negative Inhalt des Buches ist ein wichtiges Resultat. Alle Ausbeute, die das englische Archiv liefert, beschränkt sich auf einige glaubwürdige Kommunikationen des edlen Sir Hudson Lowe und dessen — 53 — Mhrmidoncn und einige Aussagen des General Gourgand, der, wenn solche wirklich von ihm gemacht worden, als ein schamloser Vcrräthcr seines kaiserlichen Herrn und Wohlthätcrs ebenfalls Glauben verdient. Ich will das Faktum dieser Aussagen nicht untersuchen, es scheint sogar wahr zu sein, da es der Baron Stürmer, einer von den drei Statisten der großen Tragödie, konstatiert hat; aber ich sehe nicht ein, was im günstigsten Falle dadurch bewiesen wird, außer dass Sir Hudson Lowe nicht der einzige Lump auf St. Helena war. Mit Hilfsmitteln solcher Art und erbärmlichen Suggestionen behandelt Walter Scott die Gefan- genschastSgcschichtc Napolcon's, und bemüht sich, uns zu überzeugen, dass der Exkaiser — so nennt ihn der Exdichter — nichts Klügeres thun konnte, als sich den Engländern zu übergeben, obgleich er seine Abführung nach St. Helena vorauswissen mnsstc, dass er dort ganz charmant behandelt worden, indem er vollauf zu essen und zu trinken hatte, und dass er endlich frisch und gesund und als ein guter Christ an einem Magenkrebse gestorben. Walter Scott, indem er solchermaßen den Kaiser voraussehen lässt, wie weit sich die Generosität der Engländer erstrecken würde, nämlich bis St. Helena, befreit ihn von dem gewöhnlichen Vor- — 54 Wurf, die tragische Erhabenheit seines Unglücks habe ihn selbst so gewaltig begeistert, dass er civilisiertc Engländer für persische Barbaren und die Bccf- stcakküchc von St. James für den Herd eines großen Königs ansah — und eine heroische Dummheit beging. Auch macht Walter Scott den Kaiser zu dein größten Dichter, der jemals auf dieser Welt gelebt hat, indem er uns ganz ernsthaft insinuiert, dass alle jene denkwürdigen Schriften, die seine Leiden auf St. Helena berichten, sämmtlich von ihm selbst diktiert worden. Ich kann nicht umhin, hier die Bemerkung zu machen, dass dieser Thcil des Walter Scott'- schcn Buches, so wie überhaupt die Schriften selbst, wovon er hier spricht, absonderlich die Memoiren von O'Mcara, auch die Erzählung des Kapitän Maitland, mich zuweilen an die possenhafteste Geschichte von der Welt erinnert, so dass der schmerzlichste Unmuth meiner Seele plötzlich in muntre Lachlust übergehen will. Diese Geschichte ist aber keine andere als „Die Schicksale des Lcmucl Gulliver," ein Buch, worüber ich einst als Knabe so viel gelacht, und worin gar ergötzlich zu lesen ist, wie die kleinen Lillipntaner nicht wissen, was sie mit dem großen Gefangenen anfangen sollen, wie sie tausendwcisc an ihm hcrumklettcrn und ihn mit unzähligen dünnen Härchen festbinden, wie sie mit großen Anstalten ihm ein eigenes großes Haus errichten, wie sie über die Menge Lebensmittel klagen, die sie ihm täglich verabreichen müssen, wie sie ihn im Staatsrath anschwärzen und beständig jammern, dass er dem Lande zu Viel koste, wie sie ihn gern umbringen möchten, ihn aber noch im Tode fürchten, da sein Leichnam eine Pest hervorbringen könne, wie sie sich endlich zur glorreichsten Großmnth entschließen, und ihm seinen Titel lassen und nur seine Augen ausstechen wollen u. s. w. Wahrlich, überall ist Lilliput, wo ein großer Mensch unter kleine Menschen gcräth, die unermüdlich und auf die kleinlichste Weise ihn abquälen, und die wieder durch ihn genug Qual und Roth ausstehen; aber hätte der Dcchant Swift in unserer Zeit sein Buch geschrieben, so würde man in dessen scharf- geschliffenem Spiegel nur die Gefangenschaftsgc- schichte des Kaisers erblicken, und bis auf die Farbe des Rocks und des Gesichts die Zwerge erkennen, die ihn gequält haben. Nur der Schluss des Märchens von St. Helena ist anders, der Kaiser stirbt an einem Magenkrebs, und Walter Scott versichert uns, Das sei die alleinige Ursache seines Todes. Darin will ich ihm auch nicht widersprechen. Die Sache ist nicht — 56 — unmöglich. Es ist möglich, dass cm Mann, der auf dcr Folterbank gespannt liegt, plötzlich ganz natürlich an einem Schlagfluss stirbt. Aber die böse Welt wird sagen, die Folterknechte haben ihn hingerichtet. Die böse Welt hat sich nun einmal vorgenommen, die Sache ganz anders zu betrachten, wie der gute Walter Scott. Wenn dieser gute Mann, der sonst so bibelfest ist und gern das Evangelium citicrt, in jenem Aufruhr der Elemente, in jenem Orkane, der beim Tode Napolcon's ausbrach, nichts Anders sieht, als ein Ereignis, das auch beim Tode Cromwcll's stattfand, so hat doch die Welt darüber ihre eigenen Gedanken. Sie betrachtet den Tod Napolcon's als die entsetzlichste Unthat, losbrechendes Schmerzgefühl wird Anbetung, vergebens macht Walter Scott den ncivoon- tum ciindoli, die Heiligsprechung des todtcn Kaisers strömt aus allen edeln Herzen, alle cdcln Herzen des europäischen Vaterlandes verachten seine kleinen Henker und den großen Barden, dcr sich zu ihrem Komplicen gesungen, die Musen werden bessere Sänger zur Feier ihres Lieblings begeistern, und wenn einst Menschen verstummen, so sprechen die Steine, und der Martyrsclscn St. Helena ragt schauerlich ans den Mcercswcllcn, und erzählt den Jahrtausenden seine ungeheure Geschichte. Bld Bailcy. ! ! Schon der Name Old Bailey erfüllt die Seele mit Grauen. Man denkt sich gleich ein großes schwarzes, misSmüthigcs Gebäude, einen Pallast des Elends und des Verbrechens. Der linke Flügel, der das eigentliche Newgate bildet, dient als Kri- minalgcsängnis, und da sieht man nur eine hohe Wand von wcttcrschwarzen Quadern, worin zwei Nischen mit eben so schwarzen allegorischen Figuren, und, wenn ich nicht irre, stellt eine von ihnen die Gerechtigkeit vor, indem, wie gewöhnlich, die Hand mit der Wage abgebrochen ist, und Nichts als ein blindes Weibsbild mit einem Schwerte übrig blieb. Ungefähr gegen die Mitte des Gebäudes ist der Altar dieser Göttin, nämlich das Fenster, wo das Galgcngerüst zu stehen kommt, und endlich rechts befindet sich der Kriminalgerichtshof, worin die — 58 — vierteljährlichen Sessionen gehalten werden. Hier ist ein Thor, das gleich den Pforten der Dante'- schen Hölle die Inschrift tragen sollte: k?sr ins si vn nella, eitta. ciolents, ?sr ins si vn nsli' stsrno clolors, ?sr ins si vn trn In zisräntn Asnts. Durch dieses Thor gelangt man auf einen kleinen Hos, wo der Abschaum des Pöbels versammelt ist, um die Verbrecher durchpassieren zu sehen; auch stehen hier Freunde und Feinde Derselben, Verwandte, Bettelkindcr, Blödsinnige, besonders alte Weiber, die den Rcchtsfall des Tages abhandeln, und vielleicht mit mehr Einsicht als Richter und Jury, trotz all ihrer kurzweiligen Feierlichkeit und langweiligen Jurisprudenz. Hab' ich doch draußen vor der GcrichtSthürc eine alte Frau gesehen, die im Kreise ihrer Gevatterinnen den armen schwarzen William besser vcrthcidigtc, als drinnen im Saale Dessen grundgelehrter Advokat — wie sie die letzte Thräne mit der zerlumpten Schürze aus den rothcu Augen wegwischte, schien auch William's ganze Schuld vertilgt zu sein. Im Gerichtssaale selbst, der nicht besonders groß, ist unten vor der sogenannten Bar (Schranken) wenig Platz für das Publikum; dafür gicbt — 59 — es aber oben an beiden Seiten sehr geräumige Galerien mit erhöhetcn Bänken, wo die Zuschauer Kopf über Kopf gestapelt stehen. Als ich Old Bailcy besuchte, fand auch ich Platz auf einer solchen Galerie, die mir von einer alten Pförtnerin gegen Gratifikation eines Shillings erschlossen wurde. Ich kam in dem Augenblick, wo die Jury sich erhob, um zu urthcilcn, ob der schwarze William des angeklagten Verbrechens schuldig oder nicht schuldig sei. Auch hier, wie in den andern Gerichtshöfen London's, sitzen die Richter in blauschwarzcr Toga, die hcllviolctt gefüttert ist, und ihr Haupt bedeckt die wcißgcpudcrte Perücke, womit oft die schwarzen Augcnbranncn und schwarzen Backenbärte gar drollig kontrastieren. Sic sitzen an einem langen grünen Tische, auf erhabenen Stühlen, am obersten Ende des Saales, wo an der Wand mit goldenen Buchstaben eine Bibclstclle, die vor ungerechtem Richtcr- spruch warnt, eingegraben steht. An beiden Seiten sind Bänke für die Männer der Jury, und Plätze zum Stehen für Kläger und Zeugen. Den Richtern gerade gegenüber ist der Platz der Angeklagten; Diese sitzen nicht auf einem Armcsündcrbänkchcn, wie bei den öffentlichen Gerichten in Frankreich und Rheinland, sondern aufrecht stehen sie hinter — 60 - einem wunderlichen Brette, das oben wie ein schmal- gebogenes Thor ausgeschnitten ist. Es soll dabei ein künstlicher Spiegel angebracht sein, wodurch der Richter im Stande ist, jede Miene der Angeklagten deutlich zu beobachten. Auch liegen einige grüne Kräuter vor Letzteren, um ihre Nerven zu stärken, und Das mag zuweilen nöthig sein, wo man angeklagt steht auf Leib und Leben. Auch auf dem Tische der Richter sah ich dergleichen grüne Kräuter und sogar eine Rose liegen. Ich weiß nicht wie es kommt, der Anblick dieser Rose hat mich tief bewegt. Die rothe blühende Rose, die Blume der Liebe und des Frühlings, lag auf dem schrecklichen Richtcrtischc von Old Bailcy. Es war im Saale so schwül und dumpfig. Es schaute Alles so unheimlich mürrisch, so wahnsinnig ernst. Die Menschen sahen aus, als kröchen ihnen graue Spinnen über die blöden Gesichter. Hörbar klirrten die eisernen Wagschalen über dem Haupte des armen schwarzen William's. Auch auf der Galerie bildete sich eine Jury. Eine dicke Dame, aus deren rothausgcdnnscnem Gesicht die kleinen Äuglein wie Glühwürmchen hcrvor- glimmten, machte die Bemerkung, dass der schwarze William ein sehr hübscher Bursche sei. Indessen ihre Nachbarin, eine zarte, piepsende Seele in einem 61 — Körper von schlechtem Postpapier, behauptete, er trüge das schwarze Haar zu lang und zottig, und blitze mit den Augen wie Herr Kean im Othello — „Dagegen," fuhr sie fort, „ist doch der Thomson ein ganz anderer Mensch, mit Hellem Haar und glatt gekämmt nach der Mode, und er ist ein sehr geschickter Mensch, er bläst ein bischen die Flöte, er malt ein bischen, er spricht ein bischen Französisch" — „Und stiehlt ein bischen", fügte die dicke Dame hinzu. „Ei was, stehlen!" versetzte die dünne Nachbarin, „Das ist doch nicht so barbarisch wie Fälschung; denn ein Dieb, es sei den», er habe ein Schaf gestohlen, wird nach Bo- tany-Bay transportiert, während der Bösewicht, der eine Handschrift verfälscht hat, ohne Gnad' und Barmherzigkeit gehenkt wird." „Ohne Gnad' und Barmherzigkeit!" seufzte neben mir ein magerer Mann in einem verwitterten schwarzen Rock; „Hängen! kein Mensch hat das Recht, einen Andern umbringen zu lassen, am allerwenigsten sollten Christen ein Todcsurthcil fällen, da sie doch daran denken sollten, dass der Stifter ihrer Religion, unser Herr und Heiland, unschuldig verurtheilt und hingerichtet worden!" „Ei was," rief wieder die dünne Dame, und lächelte mit ihren dünnen Lippen, „wenn so ein Fälscher nicht gehenkt würde, wäre ja kein reicher Mann seines Vermögens sicher, z. B. der dicke Jude in Lombard Street, Saint Swinthin's Lane, oder unser Freund Herr Scott, dessen Handschrift so täuschend nachgemacht worden. Und Herr Scott hat doch sein Vermögen so sauer erworben, und man sagt sogar, er sei dadurch reich geworden, dass er für Geld die Krankheiten Anderer auf sich nahm, ja die Kinder laufen ihm jetzt noch auf der Straße nach, und rufen: Ich gebe Dir einen Sixpencc, wenn Du mir mein Zahnweh abnimmst, wir geben Dir einen Shilling, wenn Du Gottfricdchcns Buckel nehmen willst" — „Kurios!" fiel ihr die dicke Dame in die Rede, „es ist doch kurios, dass der schwarze William und der Thomson frühcrhin die besten Spießgesellen gewesen sind, und zusammen gewohnt und gegessen und getrunken haben, und jetzt Edward Thomson seinen alten Freund der Fälschung anklagt! Warum ist aber die Schwester von Thomson nicht hier, da sie doch sonst ihrem süßen William überall nachgelaufen?" Ein junges schönes Frauenzimmer, über dessen holdem Gesicht eine dunkle Betrübnis verbreitet lag, wie ein schwarzer Flor über einem blühenden Rosenstrauch, flüsterte jetzt eine ganz lange, verweinte Geschichte, wovon ich nur so Viel verstand, dass ihre Freundin, die — 63 — schöne Mary, von ihrem Bruder gnr bitterlich geschlagen worden und todtkrank zu Bette liege. „Nennt sie doch nicht die schöne Mary!" brummte verdrießlich die dicke Dame; „viel zu mager, sie ist viel zu mager, als dass man sie schön nennen könnte, und wenn gar ihr William gehenkt wird —" In diesem Augenblick erschienen die Männer der Jury und erklärten, dass der Angeklagte der Fälschung schuldig sei. Als man hierauf den schwarzen William aus dem Saale fortführte, warf er einen langen, langen Blick auf Edward Thomson. Nach einer Sage des Morgenlandes war Satan einst ein Engel und lebte im Himmel mit den andern Engeln, bis er Diese zum Abfall verleiten wollte, und desshalb von der Gottheit hin- nntergestoßen wurde in die ewige Nacht der Hölle. Während er aber vom Himmel hinabsank, schaute er immer noch in die Höhe, immer nach dem Engel, der ihn angeklagt hatte; je tiefer er sank, desto entsetzlicher und immer entsetzlicher wurde sein Blick — Und es muss ein schlimmer Blick gewesen sein; denn jener Engel, den er traf, wurde bleich, niemals trat wieder Röthc in seine Wangen, und er heißt seitdem der Engel des Todes. Bleich wie der Engel des Todes wurde Edward Thomson. — 64 — VII. Körperliche Strafe in England. Ich kann nicht bestimmt genug versichern, wie sehr ich gegen Prügel im Allgemeinen eingenommen bin, und wie sehr sich mein Gefühl empört, wenn ich geprügelte Nebcnmenschcn insbesondere sehe. Der stolze Herr der Erde, der hohe Geist, der das Meer beherrscht und die Gesetze der Sterne erforscht, wird gewiss durch Nichts so sehr gcdc- müthigt als durch körperliche Strafe. Die Götter, um den lodernden Hochmuth der Menschen hcrab- zudämpfcn, erschufen sie die Prügel. Die Menschen aber, deren Erfindungsgcist durch den brütenden Unwillen geschärft wurde, erschufen dagegen das Uoillt ci'llonrisur. Franzosen, Japaner, indische Brahmincn und das Officicrkorps des Kontinents haben diese Erfindung am schönsten ausgebildet, sie haben die Blutrache der Ehre in Paragraphen gebracht, und die Duelle, obgleich sie von den Staatsgesetzcn, von der Religion und selbst von der Vernunft missbilligt werden, sind dennoch eine Blüthe schöner Menschlichkeit. Bei den Engländern aber, wo sonst alle Erfindungen zur höchsten Vollkommenheit verfeinert werden, hat das ?c>iut ällronnonr noch nicht seine rechte Politur empfangen. Der Engländer hält Prügel noch immer für kein so großes Übel wie den Tod, und während meines Aufenthalts in England habe ich mancher Sccne beigewohnt, wo ich ans den Gedanken kommen durfte, als haben Prügel in dem freien England keine so schlimmen Wirkungen ans die persönliche Ehre wie im despotischen Deutschland. Ich habe Lords abprügcln gesehen, und sie schienen nur das Materielle dieser Beleidigung zu fühlen. Bei den Pferderennen zu Epsom und Brigh- ton sah ich Jokeyen, die, um den Wettrcitern Bahn zu machen, mit einer langen Peitsche hin und her liefen, und Lords und Gcntlemcn aus dem Weg peitschten. Und was thnten die solchermaßen berührten Herren? Sic lachten mit einem saueren Gesichte. Ist also körperliche Strafe in England nicht so entehrend wie bei uns, so ist doch der Vorwurf ihrer Grausamkeit dadurch noch nicht gemildert. He ine'S Werke. Bd. IN. 5 Aber dieser trifft nicht das englische Volk, sondern die Aristokratie, die unter dem Wohl Englands nichts Anderes versteht als die Sicherheit ihrer eigenen Herrschaft. Freien Menschen mit freiem Ehrgefühl dürfte diese despotische Rotte nicht trauen; sie bedarf des blinden Gehorsams geprügelter Sklaven. Der englische Soldat muss ganz Maschine sein, ganz Automat, das aufs Kommandowort marschiert und losschießt. Daher bedarf er auch keines Befehlshabers von bedeutender Persönlichkeit. Eines Solchen bedurften freie Franzosen, die der Enthusiasmus leitet, und die einst, trunken von der Feuer- scele ihres großen Feldherr», wie im Rausche die Welt eroberten. Englische Soldaten bedürfen keines Feldherrn, nicht einmal eines Feldhcrrnstabs, sondern nur eines Korporalstocks, der die ausgerechneten Ministerialinstruktioncn, wie es von einem Stück Holz zu erwarten steht, recht ruhig und genau ausführt. Und, o je! da ich ihn doch einmal rühmen muss, so gestehe ich, ein ganz vorzüglicher Stock solcher Art ist der . . Wellington, dieser eckig geschnitzelte Hampelmann, der sich ganz nach dem Schnürchen bewegt, woran die Aristokratie zieht, dieser hölzerne Völkervampyr mit hölzernem Blick sstvoocksn loolc, wie Byron sagt), und ich möchte hinzusetzen: mit hölzernem — 67 — Herzen. Wahrlich, Alt-England kann ihn zu jenen hölzernen Schntzmaucrn rechnen, womit es beständig prahlt. General Foy hat in seiner Geschichte des Krieges auf der pirenäischen Halbinsel den Kontrast des französischen und englischen Militärs und ihrer Mannszncht sehr treffend geschildert, und diese Schilderung zeigt uns, was Ehrgefühl und was Prügel aus dem Soldaten machen. Es ist zu hoffen, dass das grausame System, welches die englische Aristokratie befolgt, sich nicht lange mehr erhält, und John Vnll seinen regierenden Korporalstock entzweibricht. Denn John ist ein guter Christ, er ist milde und wohlwollend, er seufzt über die Härte seiner Landesgesetze, und in seinem Herzen wohnt die Menschlichkeit. Ich könnte eine hübsche Geschichte davon erzählen. Ein andermal! 5* VIII. Das neue Miinstrrium. In Bcdlam habe ich vorigen Sommer einen Philosophen kennen gelernt, der mir mit heimlichen Augen und flüsternder Stimme viele wichtige Aufschlüsse über den Ursprung des Übels gegeben Hut. Wie mancher andere seiner Kollegen meinte auch er, dass man hierbei etwas Historisches annehmen müsse. Was mich betrifft, ich neigte mich ebenfalls zu einer solchen Annahme, und erklärte das Grundübel der Welt ans dem Umstand, dass der liebe Gott zu wenig Geld erschaffen habe. „Du hast gut reden," antwortete der Philosoph, „der liebe Gott war sehr knapp bei Kassa, als er die Welt erschuf. Er musste das Geld dazu beim Teufel borgen, und ihm die ganze Schöpfung als Hypothek verschreiben. Da ihm nun der liebe Gott von Gott- und Rechtswegen die Welt noch — 69 schuldig ist, so darf cr ihm auch aus Delikatesse nicht verwehren, sich darin herum zu treiben und Verwirrung und Unheil zu stiften. Der Teufel aber ist seinerseits wieder sehr stark dabei interessiert, dass die Welt nicht ganz zu Grunde und folglich seine Hypothek verloren gehe; cr hütet sich daher es allzu toll zu machen, und der liebe Gott, der auch nicht dumm ist und Wohl weiß, dass er im Eigennutz des Teufels seine geheime Garantie hat, geht oft so weit, dass cr ihm die ganze Herrschaft der Welt anvertraut, d. h. dem Teufel den Auftrag gicbt, ein Ministerium zu bilden. Dann geschieht, was sich von selbst versteht, Samiel erhält das Kommando der höllischen Heerscharen, Beelzebub wird Kanzler, Vizliputzli wird Staatssekretär, die alte Großmutter bekommt die Kolonien n. s. w. Diese Verbündeten wirthschaftcn dann in ihrer Weise, und indem sie, trotz des bösen Willens ihrer Herzen, aus Eigennutz gezwungen sind, das Heil der Welt zu befördern, entschädigen sie sich für diesen Zwang dadurch, dass sie zu den guten Zwecken immer die niederträchtigsten Mittel anwenden. Sie trieben es jüngsthin so arg, dass Gott im Himmel solche Greuel nicht länger ansehen konnte, und einem Engel, den Auftrag gab, ein neues Ministerium zu bilden. Dieser sammelte nun um sich her alle guten Geister. Freudige Wärme durchdrang wieder die Welt, es wurde Licht, und die bösen Geister entwichen. Aber sie legten doch nicht ruhig die Klauen in den Schoß, heimlich wirken sie gegen alles Gute, sie vergiften die neuen Heilquellen, sie zerknicken hämisch jede Roscuknospc des neuen Frühlings, mit ihren Amendements zerstören sie den Baum des Lebens, chaotisches Verderben droht Alles zu verschlingen, und der liebe Gott wird am Ende wieder dem Teufel die Herrschaft übergeben müssen, damit sie, sei es auch durch die schlechtesten Mittel, wenigstens erhalten werde. Siehst du, Das ist die schlimme Nachwirkung einer Schuld." Diese Mittheilung meines Freundes in Bcd- lam erklärte vielleicht den jetzigen englischen Mini- stcrwcchscl. Erliegen müssen die Freunde Cauuing's, die ich die guten Geister Englands nenne, weil ihre Gegner dessen Teufel sind; Diese, den dummen Teufel Wellington an ihrer Spitze, erheben jetzt ihr Sicgesgcschrci. Schelte mir Keiner den armen George, er musstc den Umständen nachgeben. Man kann nicht leugnen, dass nach Canning's Tode die Whigs nicht im Stande waren, die Ruhe in England zu erhalten, da die Maßregeln, die sie deshalb zu ergreifen hatten, beständig von den Torics vereitelt wurden. Der König, dem die Erhaltung — 71 — der öffentlichen Ruhe, d. h. die Sicherheit seiner Krone, als das Wichtigste erscheint, inusstc daher den Torics selbst wieder die Verwaltung des Staates überlassen- — Und, o! sie werden jetzt wieder nach wie vor alle Früchte des VolkSflcißcs in ihren eigenen Säckel hineinvcrwnltcn, sie werden als regierende Korujudcn die Preise ihres Getreides in die Höhe treiben, John Bull wird vor Hunger mager werden, er wird endlich für einen Bissen Brot sich leibeigen selbst den hohen Herren verkaufen, sie werden ihn vor den Pflug spannen und peitschen, er wird nicht einmal brummen dürfen, denn auf der einen Seite droht ihm der Herzog von Wellington mit dem Schwerte, und auf der andern Seite schlagt ihn der Erzbischof von Canterbury mit der Bibel auf den Kopf — und es wird Ruhe im Lande sein. Die Quelle jener Übel ist die Schuld, tlls national ckoizt, oder, wie Cobbett sagt, tllo iUnA's äsllt. Cobbett bemerkt nämlich mit Recht: Während man allen Instituten den Namen des Königs voransctzt, z. B. tllo llinA's arm^, tllo Icin^'s nav^, tlls lling-'s eonrts, tlls llin^'s Wilsons oto., wird doch die Schuld, die eigentlich aus jenen Instituten hervorging, niemals tlls lllnZ's ckollt genannt, und sie ist das Einzige, wobei man der Nation die Ehre erzeigt, Etwas nach ihr zu benennen. Der Übel größtes ist die Schuld. Sie bewirkt zwar, dass der englische Staat sich erhält, und dass sogar dessen ärgste Teufel ihn nicht zu Grunde richten; aber sie bewirkt auch, dass ganz England eine große Tretmühle geworden, wo das Volk Tag und Nacht arbeiten muss, um seine Gläubiger zu füttern, dass England vor lauter Zahlnngssorgen alt und grau und aller heiteren Jugendgcfühlc entwohnt wird, dass England, wie bei starkverschul- dctcn Menschen zu geschehen pflegt, zur stumpfsten Resignation niedergedrückt ist und sich nicht zu helfen weiß — obgleich 900,000 Flinten und eben so viel' Säbel und Bajonette im Tower zu London aufbewahrt liegen, und die Wächter desselben, die feisten rothröckigen Beefeaters, leicht überwältigt wären. IX, Die S ch u i d. Als ich noch sehr jung war, gab cS drei Dinge, die mich ganz vorzüglich interessierten, wenn ich Zeitungen las. Zuvörderst, unter dem Artikel „Großbritannien," suchte ich gleich, ob Richard Martin keine neue Bittschrift für die mildere Behandlung der armen Pferde, Hunde und Esel dem Parlamente übergeben. Dann, unter dem Artikel „Frankfurt," suchte ich nach, ob der Herr Doktor Schreiber nicht wieder beim Bundestag für die großherzoglich hessischen Domäncnkäufcr cingckom- men. Hierauf aber fiel ich gleich über die Türkei her und durchlas das lange Konstantinopcl, um nur zu sehen, ob nicht wieder ein Großvcsicr mit der seidenen Schnur beehrt worden. Dieses Letztcrc gab mir immer den meisten Stoff zum Nachdenken. Dass ein Despot seinen Diener ohne Umstände erdrosseln lässt, fand ich — 74 — ganz natürlich. Sah ich doch einst in der Menageric, wie der König der Thicrc so sehr in majestätischen Zorn gcrieth, dass er gewiss manchen unschuldigen Zuschauer zerrissen hätte, wäre er nicht in einer sichern Konstitution, die ans eisernen Stangen verfertigt war, eingesperrt gewesen. Aber was mich Wunder nahm, war immer der Umstand, dass nach der Erdrosselung des alten Herrn Großvesicrs sich immer wieder Jemand fand, der Lust hatte, Großvesicr zu werden. Jetzt, wo ich etwas älter geworden bin, und mich mehr mit den Engländern als mit ihren Freunden, den Türken, beschäftige, ergreift mich ein analoges Erstaunen, wenn ich sehe, wie nach dem Abgang eines englischen Premier-Ministers gleich ein Anderer sich an Dessen Stelle drangt, und dieser Andere immer ein Mann ist, der auch ohne dieses Amt zu leben hätte, und auch (Wellington ausgenommen) Nichts weniger als ein Dummkopf ist. Schrecklicher als durch die seidene Schnur endigen ja alle englischen Minister, die länger als ein Semester dieses schwere Amt verwaltet. Besonders ist Dieses der Fall seit der französischen Revolution; Sorg' und Roth haben sich vermehrt in Downingstreet, und die Last der Geschäfte ist kaum zu ertragen. Einst waren die Verhältnisse in der Welt weit einfacher, und die sinnigen Dichter verglichen den Staat mit einem Schiffe und den Minister mit dessen Steuermann. Jetzt aber ist Alles kompli- cicrtcr und verwickelter, das gewöhnliche Staatsschiff ist ein Dampfboot geworden, und der Minister hat nicht mehr ein einfaches Ruder zu regieren, sondern als verantwortlicher Enginccr steht er unten zwischen dem Ungeheuern Maschincnwcrk, untersucht ängstlich jedes Eisenstiftchen, jedes Rädchen, wodurch etwa eine Stockung entstehen könnte, schaut Tag und Nacht in die lodernde Feueresse, und schwitzt vor Hitze und Sorge — sintemalen durch das geringste Versehen von seiner Seite der große Kessel zerspringen, und bei dieser Gelegenheit Schiff und Mannschaft zu Grunde gehen könnte. Der Kapitän und die Passagiere ergehen sich unterdessen ruhig auf dem Verdecke, ruhig flattert die Flagge auf dem Seitcnmast, und wer das Boot so ruhig dahinschwimmen sieht, ahnet nicht, welche gefährliche Maschinerie und welche Sorge und Roth in seinem Bauche verborgen ist. Frühzeitigen Todes sinken sie dahin, die armen verantwortlichen Engincers des englischen Staatsschiffes. Rührend ist der frühe Tod des großen Pitt, rührender der Tod des größeren Fox. Per- cival wäre an der gewöhnlichen Ministcrkrankhcit gestorben, wenn nicht ein Dolchstoß ihn schneller abgefertigt hätte. Diese Ministcrkrankhcit war eS ebenfalls, was den Lord Castlcreagh so zur Verzweiflung brachte, dass er sich die Kehle abschnitt zu North-Cray in der Grafschaft Kcnt. Lord Liverpool sank auf gleiche Weise in den Tod des Blödsinns. Canning, den göttcrglcichcn Canning, sahen wir, vergiftet von hochtorhschcn* Verleumdungen, gleich einem kranken Atlas unter seiner Wcltbnrdc niedersinken. Einer nach dem Andern werden sie eingescharrt in Westminstcr, die armen Minister, die für Englands Könige Tag und Nacht denken müssen, während Diese gedankenlos und wohlbeleibt dahinleben bis ins höchste Mcnschenaltcr. Wie heißt aber die große Sorge, die Englands Ministcrn Tag und Nacht im Gehirne wühlt und sie tödtct? Sic heißt: lim ciedt, die Schuld. Schulden, eben so wie Vaterlandsliebe, Religion, Ehre n. s. w., gehören zwar zu den Vorzügen des Menschen — denn die Thicre haben keine Schulden — aber sie sind auch eine ganz vorzügliche Qual der Menschheit, und wie sie den Einzelnen zu Grunde richten, so bringen sie auch ganze Geschlechter ins Verderben, und sie scheinen das alte Fatnm zu ersetzen in den Nationaltragödien unserer Zeit. Engtand kann diesem Fatnm nicht entgehen, seine Minister sehen die Schrecknisse herannahen, und sterben mit der Verzweiflung der Ohnmacht. Wäre ich königlich preußischer Obcrlandes- ka lknlator, oder Mitglied des Genickorps, so würde ich in gewohnter Weise die ganze Summe der eng- tischen Schuld in Silbcrgroschcn berechnen, und genau angeben, wie vielmal man damit die große Friedrichstraßc oder gar den ganzen Erdball bedecken könnte. Aber das Rechnen war nie meine Force, und ich möchte lieber einem Engländer das fatale Geschäft überlassen, seine Schulden aufzuzählen und die daraus entstehende Ministcrnoth hcrauszurcchncn. Dazu taugt Niemand besser als der alte Cobbett, und aus der letzten Nummer seines Registers liefere ich folgende Erörterungen. „Der Znstand der Dinge ist folgender: 1) Diese Regierung, oder vielmehr diese Aristo kratie und Kirche, oder auch, wie ihr wollt, diese Regierung borgte eine große Summe Geldes, wofür sie viele Siege, sowohl Land- als Sccsicgc, gekauft hat — eine Menge Siege von jeder Sorte und Größe. 2) Indessen muss ich zuvor bemerken, ans wel cher Veranlassung und zu welchen, Zwecke man die Siege gekauft hat; die Veranlassung (ommsion) — 78 war die französische Revolution, die alle aristokratischen Vorrechte und geistlichcn Zehnten niedergerissen hatte; und der Zweck war die Verhütung einer Parlamcntsreform in England, die wahrscheinlich ein ähnliches Niederreißen aller aristokratischen Vorrechte und geistlichen Zehnten zur Folge gehabt hätte. 3) Um nun zu verhüten, dass das Beispiel der Franzosen nicht von den Engländern nachgeahmt würde, war es nöthig, die Franzosen anzugreifen, sie in ihren Fortschritten zu hemmen, ihre nenerlangte Freiheit zu gefährden, sie zu verzweifelten Handlungen zu treiben, und endlich die Revolution zu einem solchen Schrcckbildc, zu einer solchen Völkcrschcuche zu machen, dass man sich unter dem Namen der Freiheit Nichts als ein Aggregat von Schlechtigkeit, Greuel und Blut vorstellen, und das englische Volk in der Begeisterung seines Schreckens dahin gebracht würde, sich sogar ordentlich zu verlieben in jene grenelhaft despotische Regierung, die einst in Frankreich blühte, und die jeder Engländer von jeher verabscheute, seit den Tagen Alfrcd's des Großen bis herab auf Georg den Dritten. 4) Um jene Vorsätze auszuführen, bedurfte man der Mithülfe verschiedener fremder Nationen; — 79 — diesc Nationen wurden daher mit englischen? Gcldc unterstützt ssntzsicki^sck); französische Emigranten Ivurdcn mit englischen? Gcldc unterhalten; kurz, man führte einen zwcinndzwanzigjährigcn Krieg, ????? jenes Volk niederzudrücken, das sich gegen aristo k r a t ? s ch c V o r r c ch t e u n d g c i st l i ch c Z c h n- ten erhoben hatte. ö) Unsere Regierung also erhielt „unzählige Siege" über die Franzosen, die, wie es scheint, immer geschlagen worden; aber diese unsere unzähligen Siege waren gekauft, d. h. sie wurden erfochten von Micthlingcn, die wir für Geld dazu gedungen hatte??, und »vir hatten in unserem Solde zu einer und derselben Zeit ganze Scharen von Franzosen, Holländern, Schweizern, Jtaliänern, Russen, Österreichern, Vaicrn, Hessen, Hannoveranern, Preußen, Spaniern, Portugiesen, Neapolitanern, Maltesern, und Gott weiß! wie viele Nationcn noch außerdem. 6) Durch solches Micthcn fremder Dienste und durch Benutzung unserer eigenen Flotte und Landmacht kauften wir so viele Siege über die Franzose??, welche armen Teufel kein Geld hatte??, um ebenfalls Dergleichen einzuhandeln, so dass wir endlich ihre Revolution überwältigten, die Aristokratie bei ihnen bis zu einer gewissen Stufe wieder- — 80 — herstellten, jedoch um Alles in der Welt willen die geistlichen Zehnten nicht ebenfalls restaurieren konnten. 7) Nachdem wir diese große Aufgabe glücklich vollbracht und auch dadurch jede Parlaments- reform in England hintertrieben hatten, erhob unsere Regierung ein brüllendes Siegesgcschrci, wobei sie ihre Lunge nicht wenig anstrengte, und auch lautmöglichst unterstützt wurde von jeder Kreatur in diesem Lande, die auf eine oder die andere Art von den öffentlichen Taxen lebte. 8) Beinah ganze zwei Jahre dauerte der über- schwängliche Freudenrausch bei dieser damals so glücklichen Nation; zur Feier jener Siege drängten sich Jubelfeste, Volksspicle, Triumphbögcn, Lust- kämpfe und dergleichen Vergnügungen, die mehr als eine Vicrtclmillion Pfund Sterling kosteten, und das Haus der Gemeinen bewilligte einstimmig eine ungeheure Summe (ich glaube: drei Millionen Pfund Sterling), um Triumphbögen, Denkfaulen und andere Monumente zu errichten und damit die glorreichen Ereignisse des Krieges zu verewigen. 9) Beständig seit dieser Zeit hatten wir das Glück, unter der Regierung eben derselben Personen zu leben, die unsere Angelegenheiten in besagtem glorreichen Kriege geführt hatten. — 81 - 10) Beständig seit dieser Zeit lebten wir in einem tiefen Frieden mit der ganzen Welt; man kann annehmen, dass Dieses noch jetzt der Fall ist, ungeachtet unserer kleinen zwischcuspicligcn Rauferei mit den Türken; und daher sollte man denken, es könne keine Ursache in der Welt geben, wesshalb wir jetzt nicht glücklich sein sollten: wir haben ja Frieden, unser Boden bringt reichlich seine Früchte, und, wie die Weltwcisen und Gesetzgeber unserer Zeit eingestehen, wir sind die allcrcrlcuch- tetste Nation auf der ganzen Erde. Wir haben wirklich überall Schulen, um die heranwachsende Generation zu unterrichten; wir haben nicht allein einen Rektor oder Vikar oder Anraten in jedem Kirchsprcngel des Königreichs, sondern wir haben in jedem dieser Kirchsprcngel vielleicht noch sechs Rcligionslehrer, wovon Zeder von einer andern Sorte ist als seine vier Kollegen, dergestalt, dass unser Land hinlänglich mit Unterricht jeder Art versorgt ist, kein Mensch dieses glücklichen Landes im Zustande der Unwissenheit leben wird, — und daher unser Erstaunen um so größer sein muss, wie irgend Jemand, der ein Premierminister dieses glücklichen Landes werden soll, dieses Amt als eine so schwere und schwierige Last ansieht. Heine 'S Werke. Bd. IN. 6 — 82 — 11) Ach, wir haben ein einziges Unglück, und Das ist ein wahres Unglück: wir haben nämlich einige Siege gekauft — sie waren herrlich — es war ein gutes Geschäft — sie waren drei- oder viermal so viel Werth als wir dafür gaben, wie Frau Twcazle ihrem Manne zu sagen Pflegt, wenn sie vom Markte nach Hause kommt — es war große Nachfrage und viel Begehr nach Siegen — kurz, wir konnten nichts Vernünftigeres thun, als uns zu so billigem Preise mit einer so großen Portion Ruhm zu versehen. 12) Aber, ich gestehe es bekümmerten Herzens, wir haben, wie manche andere Leute, das Geld geborgt, womit wir diese Siege gekauft, als wir dieser Siege bedurften, deren wir jetzt auf keine Weise wieder los werden können, eben so wenig wie ein Mann seines Weibes los wird, wenn er einmal das Glück gehabt hat, sich die holde Bescherung aufzuladen. 13) Daher geschieht's, das» jeder Minister, der unsere Angelegenheiten übernimmt, auch sorgen muss für die Bezahlung unserer Siege, worauf eigentlich noch kein Pfennig abbezahlt worden. 14) Er braucht zwar nicht dafür zu sorgen, dass das ganze Geld, welches wir borgten, um Siege dafür zu kaufen, ganz auf einmal, Kapital — 83 — und Zinsen, bezahlt werde; aber für die regelmäßige Auszahlung der Zinsen mnss er leider Gottes! ganz bestimmt sorgen; und diese Zinsen, zusammengerechnet mit dem Solde der Armee und anderen Ausgaben, die von unseren Sic g en herrühren, sind so bedeutend, dass ein Mensch ziemlich starke Nerven haben mnss, wenn er das Gc- schäftchcn übernehmen will, für die Bezahlung dieser Summe zu sorgen. 15) Früherhin, che wir uns damit abgaben Siege einzuhandeln und uns allzureichlich mit Ruhm zu versorgen, trugen wir schon eine Schuld von wenig mehr als zweihundert Millionen, während alle Armcngeldcr in England und Wales zusammen nicht mehr als zwei Millionen jährlich betrugen, und während wir noch Nichts von jener Last hatten, die unter dem Namen cisnci rvsi^llt uns jetzt aufgebürdet ist, und ganz ans unscrm Durst nach Ruhm hervorgegangen. 16) Außer diesem Geldc, das von Kreditoren geborgt worden, die es freiwillig hergaben, hat unsere Regierung ans Durst nach Siegen auch indirekt bei den Armen eine große Anleihe gemacht, d. h. sie steigerte die gewöhnlichen Taxen bis ans eine solche Hohe, dass die Armen weit mehr als jemals niedergedrückt wurden, und dass sich die 6* ^ 84 — Anzahl der Armen und Armengelder erstaunlich vergrößerte. 17) Die Armcngclder stiegen von zwei Millionen jahrlich auf acht Millionen; die Armen haben nun gleichsam ein Pfandrecht, eine Hypothek auf das Land; und hier ergicbt sich also wieder eine Schuld von sechs Millionen, welche mau hinzurechnen muss zu jenen anderen Schulden, die unsere Passion für Ruhm und der Einkauf unserer Siege verursacht hat. 18) Mio cieaci rvoigcht besteht aus Leibrenten, die wir unter dem Namen Pensionen einer Menge von Männern, Weibern und Kindern verabreichen, als eine Belohnung für die Dienste, welche jene Männer beim Erlangen unserer Siege geleistet haben, oder geleistet haben sollen. 19) Das Kapital der Schuld, welche diese Regierung kontrahiert hat, um sich Siege zu verschaffen, besteht ungefähr in folgenden Summen: Hinzugekommene Summe zu der Na- Pf. Sterling. tionalschuld 890,090,OVO. Hinzugekommene Summe zur eigentlichen Armcngclder-Schuld . . 150,000,000. Deaci rvoiAirt als Kapital einer Schuld berechnet 175,000,000. Pf. St. 1125,000,000. — 85 — D. h. elfhundert und fünfundzwanzig Millionen zu fünf Proccnt ist der Betrag jener jährlichen scchsundfünfzig Millionen; ja, Dieses ist ungefähr der jetzige Betrag, nur dass die Armcn- geldcr-Schnld nicht in den Rechnungen, die dem Parlamente vorgelegt werden, ausgeführt ist, indem sie das Land gleich direkt in den verschiedenen Kirchspielen bezahlt. Will man daher jene sechs Millionen von den sechsundfünfzig Millionen abziehen, so ergiebt sich, dass die Staatsschuldgläubiger und das äsack ^voiAÜt-Volk wirklich alles Übrige verschlingen. 20) Indessen, die Armengclder sind eben so eine Schuld wie die Schuld der Staatsschuld- gläubiger, und augenscheinlich aus derselben Quelle entsprungen. Von der schrecklichen Last der Taxen werden die Armen zu Boden gedrückt; jeder Andere wird zwar auch davon gedrückt, aber Jeder außer den Armen wusste diese Last mehr oder weniger von seinen Schultern abzuwälzen, und sie fiel endlich mit fürchterlichem Gewichte ganz auf die Armen, und Diese verloren ihre Bierfässer, ihre kupfernen Kessel, ihre zinnernen Teller, ihre Wanduhr, ihre Betten und Alles bis auf ihr Handwcrks- geräthc, sie verloren ihre Kleider, und mufften sich in Lumpen hüllen, sie verloren das Fleisch von ihren Knochen — Sic konnten nicht weiter aufs Äußerste getrieben werden, und non Dem, was man ihnen genommen, gab man ihnen wieder Etwas zurück unter dem Namen von vermehrten Armcn- gcldcrn. Diese sind daher eine wahre Schuld, ein wahres Pfandrecht auf das Laud. Die Interessen dieser Schuld können zwar zurückgehalten werden, aber wenn Dieses geschieht, würden die Personen, die solche zu fordern haben, in Masse herbeikommen und sich für den Betrag, gleichviel in welcher Währung, bezahlt machen. Dieses ist also eine wahre Schuld, und eine Schuld, die man bei Heller und Pfennig bezahlen wird, und zwar, ich bemerke es ausdrücklich, wird mau ihr ein Vorrecht vor allen anderen Schulden gestatten. 21) Es ist also nicht nöthig, sich sehr zu wundern, wenn man die Roth Derjenigen sieht, die solche Geschäfte übernehmen! Es ist zu verwundern, das? sich überhaupt Jemand zu einer solchen Übernahme versteht, wenn ihm nicht anhcimgcstellt wird, nach Gutdünken eine radikale Umwandlung des ganzen Systems vorzunehmen. 22) Dazu kommt: Die zwei erstgenannten Schulden, nämlich die Staatsschuld und die cksaci >vsig'llt-Schnlden, bezahlte man frühcrhin, oder, besser gesagt, die Interessen derselben bezahlte man — 87 — frühcrhin in cincm herabgesetzten Papiergelde, von welcher Währung fünfzehn Schillinge kaum so Viel Werth waren, wie ein Winchcstcrncr Scheffel Weizen. Dieses war die Art, wie man jene Kreditoren während sehr vielen Jahren bezahlt hat; aber im Jahre 1819 machte ein tiefsinniger Minister, Herr Peel, die große Entdeckung, dass es für die Nation besser sei, wenn sie ihre Schulden in wirklichem Gcldc ausbezahlte, in wirklichem Geldc, wovon fünf Schilling, statt fünfzehn Schilling Papiergeld, so Viel Werth sind wie ein Winchesterner Scheffel Weizen! 23) Die Nominalsumme wurde nie verändert! Diese blieb immer dieselbe, Nichts geschah, als dass Herr Peel und das Parlament den Werth der Summe veränderten, und sie verlangten, dass die Schuld in einer Gcldsortc bezahlt würde, wonach fünf Schillinge so viel Werth sind und nur durch eben so viel Arbeit oder eben so viel' Realien erlangt werden können, wie fünfzehn Schillinge jener Währung, worin die Schulden kontrahiert sind, und worin die Interessen jener Schulden während sehr vielen Jahren bezahlt worden. 24) Von 1819 bis heutigen Tag lebte daher die Nation in dem trostlosesten Zustand, sie wird aufgegessen von ihren Kreditoren, die gewöhnlich — 88 — Juden sind, oder, besser gesagt, Christen, die wie Juden handeln, und die man nicht so leicht dahin bringen könnte, weniger hastig auf ihren Raub loszufahren. 25) Mancher Versuch wurde gemacht, um die Folgen der Veränderung, welche 1819 in der Währung des Geldes stattfand, einigermaßen zu mildern; aber diese Versuche missglücktcn, und hätten einst bald das ganze System in die Luft gesprengt. 26) Hier gicbt's keine Möglichkeit der Aushülfe, wenn man die jährliche Ausgabe der Staats- gläubigcr-Schuld und der clsaä vrsiAÜt-Schuld herabzusetzen sucht; um solches Herabsetzen der Schuld, solche Reduktion dem Lande anznmuthen, um zu verhindern, dass sie große Umwälzungen hervorbringe, um zu verhindern, dass nicht eine halbe Million Menschen in und um London dadurch vor Hunger sterben müssen: da ist nöthig, dass man zuvor weit verhältnismäßigere Reduktionen anderswo vornehme, ehe man die Reduktion jener obigen zwei Schulden oder ihrer Interessen versuchen wollte. 27) Wie wir bereits gesehen haben, die Siege wurden gekauft in der Absicht, um Parlamcntsrcform in England zu verhindern und die aristokratischen — 89 — Vorrechte und geistlichen Zehnten aufrecht zu erhalten; es wäre daher eine himmelschreiende Grcuclthat, entzögen wir ihre rechtmäßigen Zinsen jenen Leuten, die uns das Geld geborgt, oder entzögen wir gar ihre Bezahlung denjenigen Leuten, die uns die Hände vermicthet, wodurch wir die Siege erlangt haben; es wäre eine Grcuclthat, die Gottes Rache auf uns laden würde, wenn wir Dergleichen thä- tcn, während die einträglichen Ehrenämter der Aristokratie, ihre Pensionen, Sinekuren, königlichen Schenkungen, Militärbelohnnngen und endlich gar die Zehnten des Klerus unangetastet blieben! 28) Hier, hier also liegt die Schwierigkeit: Wer Minister wird, wird Minister eines Landes, das eine große Passion für Siege gehabt, auch sich hinlänglich damit versehen und sich unerhört viel militärischen Ruhm verschafft — aber leider diese Herrlichkeiten noch nicht bezahlt hat, und nun dem Minister übcrlässt, die Rechnung zu berichtigen, ohne dass Dieser weiß, woher er das Geld nehmen soll." Das sind Dinge, die einen Minister ins Grab drücken, wenigstens des Verstandes berauben können. England ist mehr schuldig, als es bezahlen kann. Man rühme nur nicht, dass es Indien und reiche Kolonien besitzt. Wie sich nuS den letzten Parla- — 90 — mcntsdcbatten crgiebt, zieht der englische Staat keinen Heller eigentlicher Einkünfte aus seinem großen, uncrmcsslichcn Indien, ja er muss dorthin noch einige Millionen Zuschuss bezahlen. Dieses Land nutzt England bloß dadurch, dass einzelne Britten, die sich dort bereichern, durch ihre Schätze die Industrie und den Geldumlauf des Mutterlandes befördern, und tausend Andere durch die indische Kompagnie Brot und Versorgung gewinnen. Die Kolonien ebenfalls liefern dem Staate keine Einkünfte, bedürfen des Zuschusses, und dienen zur Beförderung des Handels und zur Bereicherung der Aristokratie, deren Nepoten als Gouverneure und Untcrbcamtc dahin geschickt werden. Die Bezahlung der Nationalschnld fällt daher ganz allein auf Großbritannien und Irland. Aber auch hier sind die Resourccn nicht so beträchtlich wie die Schuld selbst. Wir wollen ebenfalls hier Cobbett sprechen lassen.: „Es gicbt Leute, die, um eine Art Aushülfe anzugeben, von den Resourccn des Landes sprechen. Dies sind die Schüler des seligen Col- guhonn, eines Diebesfängers, der ein großes Buch geschrieben, um zu beweisen, dass unsere Schuld uns nicht im Mindesten besorgt machen darf, indem sie so klein sei im Verhältnis zu den Nc- — 91 — sourccn dcr Nation; und damit scinc klugen Leser eine bestimmte Idee von der Uncrmcsslichkeit dieser Resourcen bekommen mögen, machte er eine Ab-- schätznng von Allem, was im Lande vorhanden ist, bis herab auf die Kaninchen, und schien sogar zu bedauern, dass er nicht füglich die Ratten und Mäuse mitrechnen konnte. Den Werth dcr Pferde, Kühe, Schafe, Ferkelchen, Federvieh, Wildbret, Kaninchen, Fische, den Werth der HauSgcräthe, Kleider, Feuerung, Zucker, Gewürze, kurz von Allem im Lande macht er ein Ästimatum; und dann, nachdem er das Ganze assummiert, und den Werth dcr Ländereicn, Bäume, Häuser, Minen, den Ertrag des Grases, des KornS, die Rüben und das Flachs hinzugerechnet und eine Summe von Gott weiß wie vielen tausend Millionen herausgebracht hat, grinst er in Pfiffig prahlerisch schottischer Manier, ungefähr wie ein Truthahn, und hohnlachend fragt er Leute meines Gleichen: Mit Resourcen, wie diese, fürchtet ihr da noch einen National- bankerott? „Dieser Mann bedachte nicht, dass man Häuser nöthig hat, um darin zu leben, die Ländereicn, damit sie Futter liefern, die Kleider, damit man seine Blöße bedecke, die Kühe, damit sie Milch geben, den Durst zu löschen, das Hornvieh, Schafe, — 92 — Schweine, Geflügel und Kaninchen, damit man sie esse, ja, der Teufel hole diesen widersinnigen Schotten! diese Dinge sind nicht dafür da, dass sie verkauft und die Nationalschulden damit bezahlt werden. Wahrhaftig, er hat noch den Taglohn der Arbeitslcute zu den Resourcen der Nation gerechnet! Dieser dumme Teufel von Dicbesfängcr, den seine Brüder in Schottland zum Doktor geschlagen, weil er ein so vorzügliches Buch geschrieben, er scheint ganz vergessen zu haben, dass Arbeitslcute ihren Taglohn selbst bedürfen, um sich dafür etwas Essen und Trinken zu schaffen. Er konnte eben so gut den Werth des Blutes in unseren Adern abschätzen, als ein Stoff, wovon man allenfalls Blutwürste machen könnte!" So weit Cobbctt. Während ich seine Worte in deutscher Sprache niederschreibe, bricht er leibhaftig selbst wieder hervor in meinem Gedächtnisse, und wie vorig Jahr bei dem lärmigen Mittagessen in Crown-and-Anchor-Tavern, sehe ich ihn wieder mit seinem scheltend rothcn Gesichte und seinem radikalen Lächeln, worin der giftigste TodeShass gar schauerlich zusammenschmilzt mit der höhnischen Freude, die den Untergang der Feinde ganz sicher voraussieht. Tadle mich Niemand, dass ich Cobbett citicrc! Man mag ihn immerhin der Unredlichkeit, der Schcltsucht und eines allzu ordinären Wesens beschuldigen; aber man kann nicht leugnen, dass er viel bcrcdtsamcn Geist besitzt, und dass er sehr oft, und in obiger Darstellung ganz und gar, Recht hat. Er ist ein Kettenhund, der Jeden, den er nicht kennt, gleich wüthend anfüllt, oft den besten Freund des Hauses in die Waden beißt, immer bellt, und eben wegen jenes unaufhörlichen Vellens nicht gehört wird, wenn er einmal einem wirklichen Diebe ent- gcgcnbcllt. Desshalb halten es jene vornehmen Diebe, die England plündern, nicht einmal für nöthig, dem knurrenden Cobbett einen Brocken zuzuwerfen und ihm damit das Maul zu stopfen. Dieses wurmt den Hund am bittersten, und er fletscht die hungrigen Zähne. Alter Cobbett! Hund von England! ich liebe dich nicht, denn fatal ist mir jede gemeine Natur; aber du dauerst mich bis in tiefster Seele, wenn ich sehe, wie du dich von deiner Kette nicht losreißen und jene Diebe nicht erreichen kannst, die lachend vor deinen Äugen ihre Beute fortschleppen und deine vergeblichen Sprünge und dein ohnmächtiges Geheul verspotten. X. Die DppMwnspartcieii. Einer meiner Freunde hat die Opposition im Parlamente sehr trcsfcnd mit einer Oppositionskutsche verglichen. Bekanntlich ist Das eine öffentliche Stage-Kutsche, die irgend eine spekulierende Gesellschaft ans ihre Kosten instituicrt und zwar zu so spottwohlfeilcn Preisen fahren lässt, dass die Reisenden ihr gern den Vorzug geben vor den schon vorhandenen Stagc-Kntschen. Diese letztem müssen dann ebenfalls ihre Preise heruntersetzen, um Passagiere zu behalten, werden aber bald von der neuen Oppositionskntschc überboten oder vielmehr unterboten, ruinieren sich durch solche Konkurrenz, und müssen am Ende ihr Fahren ganz einstellen. Hat aber die Oppositionskntschc auf solche Art das Feld gewonnen, und ist sie jetzt ans einer bestimmten 95 - Tour die einzige, so erhöht sie ihre Preise, oft sogar den Preis der verdrängten Kutsche übersteigend, und der arme Reisende hat Nichts gewonnen, hat oft sogar verloren, und zahlt und flucht, bis eine neue Oppositionskutsche wieder das vorige Spiel erneut, und neue Hoffnungen und neue Täuschungen entstehen. Wie übcrmüthig wurden die Whigs, als die Stnart'schc Partei erlag und die protestantische Dynastie den englischen Thron bestieg! Die Tones bildeten damals die Opposition, und John Bull, der arme Staatspassagicr, hatte Ursache, vor Freude zu brüllen, als sie die Oberhand gewannen. Aber seine Freude war von kurzer Dauer, er musstc jährlich mehr und mehr Fnhrlohn ausgeben, es wurde Viel bezahlt und schlecht gefahren, die Kutscher wurden obendrein sehr grob, es gab Nichts als Rütteln und Stöße, jeder Eckstein drohte Umsturz — und der arme John dankte Gott, seinem Schöpfer, als unlängst die Zügel des Staatswagcns in bessere Hände kamen. Leider dauerte die Freude wieder nicht lange, der neue Oppositionskutschcr fiel todt vom Bock herab, der andere stieg ängstlich herunter, als die Pferde scheu wurden, und die alten Wagenlcnkcr, die alten Reiter mit goldenen Sporen, haben 96 — wieder ihre alten Plätze eingenommen, nnd die alte Peitsche knallt. Ich will das Bild nicht weiter zu Tode Hetzen und kehre zurück zu den Worten Whigs und Tones, die ich oben zur Bezeichnung der Oppositionsparteien gebraucht habe, nnd einige Erörterung dieser Namen ist vielleicht um so fruchtbarer, je mehr sie seit langer Zeit dazu gedient haben, die Begriffe zu verwirren. Wie im Mittelalter die Namen Ghibcllincn und Guelfcn durch Umwandlungen der Interessen und neue Ereignisse die vagsten und veränderlichsten Bedeutungen erhielten, so auch späterhin in England die Namen Whigs und Torics, deren Entstchungsart mau kaum noch anzugeben weiß. Einige behaupten, es seien früherhin Spottnamen gewesen, die am Ende zu honetten Partcinamen wurden, was oft geschieht, wie z. B. der Genscnbund sich selbst nach dem Spottnamen iss Zueux taufte, wie auch späterhin die Jakobiner sich selbst manchmal Sanskülottcn benannten, und wie die heutigen Servilen und Obskuranten sich vielleicht einst selbst diese Namen als ruhmvolle Ehrennamen beilegen — was sie freilich jetzt noch nicht können. Das Wort „Whig" soll in Irland etwas unangenehm Sauertöpfisches bedeutet haben, und dort zuerst zur Verhöhnung der Prcsbyteriancr oder überhaupt der neuen Sekten gebraucht worden sein. Das Wort „Tory," welches zu derselben Zeit als Parteibcncnnung aufkam, bedeutete in Irland eine Art schäbiger Diebe. Beide Spottnamen kamen in Umlauf zur Zeit der Stuarts während der Streitigkeiten zwischen den Sekten und der herrschenden Kirche. Die allgemeine Ansicht ist, die Partei der Tones neige sich ganz nach der Seite des Thrones und kämpfe für die Vorrechte der Krone; wohingegen die Partei der Whigs mehr nach der Seite des Volks hinneige und dessen Rechte beschütze. Indessen, diese Annahmen sind vag und gelten zumeist nur in Büchern. Jene Benennungen könnte man vielmehr als Kotcrienamcn ansehen. Sie bezeichnen Menschen, die bei gewissen Streitfragen zusammenhalten, deren Vorfahren und Freunde schon bei solchen Anlässen zusammenhielten, und die in politischen Stürmen Freude und Ungemach und die Feindschaft der Gegenpartei gemeinschaftlich zu tragen pflegten. Von Principien ist gar nicht die Rede, man ist nicht einig über gewisse Ideen, sondern über gewisse Maßregeln in der Staatsverwaltung, über Abschaffung oder Beibehaltung gewisser Missbräuche, über gewisse Bills, gewisse erbliche (ssnsstions — gleichviel aus Wel- Hc in c's Werke Bd. III. 7 — 98 — chcm Gesichtspunkte, meistens ans Gewohnheit. — Die Engländer lassen sich nicht durch die Partci- namcn irre machen. Wenn sie von Whigs sprechen, so haben sie nicht dabei einen bestimmten Begriff, wie wir z. B. wenn wir von Liberalen sprechen, wo wir uns gleich Menschen vorstellen, die über gewisse Freihcitsrcchtc herzinnig einverstanden sind — sondern sie denken sich eine äußere Verbindung von Leuten, deren Jeder, nach seiner Denkweise bc- urtheilt, gleichsam eine Partei für sich bilden würde, und die nur, wie schon oben erwähnt ist, durch äußere Anlässe, durch zufällige Interessen, durch FrcnndschaftS- und Feindschaftsverhältnisse gegen die Tones ankämpfen. Hierbei dürfen wir uns ebenfalls keinen Kampf gegen Aristokraten in unserem Sinne denken, da diese Tones in ihren Gefühlen nicht aristokratischer sind als die Whigs, und oft sogar nicht aristokratischer als der Bür- gcrstand selbst, der die Aristokratie für eben so unwandelbar hält wie Sonne, Mond und Sterne, der die Vorrechte des Adels und des Klerus nicht bloß als staatsnützlich, sondern als eine Natur- nothwcndigkeit ansieht, und vielleicht selbst für diese Vorrechte mit weit mehr Eifer kämpfen würde als die Aristokraten selbst, eben weil er fester daran glaubt als Diese, die zumeist den Glauben an sich — W — selbst verloren. In dieser Hinsicht liegt über dem Geist der Engländer noch immer die Nacht des Mittelalters; die heilige Idee von der bürgerlichen Gleichheit aller Menschen hat sie noch nicht erleuchtet, und manchen bürgerlichen Staatsmann in England, der torysch gesinnt ist, dürfen wir desshalb bei Leibe nicht servil nennen und zu jenen wohlbekannten servilen Hunden zählen, die frei sein könnten, und dennoch in ihr altes Hundeloch zurück- gckrochen sind und jetzt die Sonne der Freiheit anbellen. Um die englische Opposition zu begreifen, sind daher die Namen Whigs und Torics völlig nutzlos, mit Recht hat Francis Burdctt beim Anfange der Sitzungen voriges Jahr bestimmt ausgesprochen, dass diese Namen jetzt alle Bedeutung verloren; und Thomas Lethbridge, den der Schöpser der" Welt und des Verstandes nicht mit allzuviel Witz ausgerüstet, hat damals dennoch einen sehr guten Witz, vielleicht den einzigen seines Lebens, über die Äußerung Burdett's gerissen, nämlich: Ks llns nn- torisll Urs torlos null nnvrlllAAsll Urs rvIriAS. Bedeutungsvoller sind die Namen rskorinsrs oder rnälsnl rskorinsrs, oder kurzweg rnllioals. Sie werden gewöhnlich für gleichbedeutend gehalten, sie zielen auf dasselbe Gebrechen des Staates, — 100 auf dicselbc heilsame Abhülfe, und unterscheiden sich nur durch mehr oder minder starke Färbung. Jenes Gebrechen ist die bekannte schlechte Art der Volks- rcpräsentation, wo sogenannte rotten dorou^üs, verschollene, unbewohnte Ortschaften, oder, besser gesagt, die Oligarchcn, denen sie gehören, das Recht haben, Volksrcpräscntanten ins Parlament zuschicken, während große bevölkerte Städte, namentlich viele neue Fabrikstüdte, keinen einzigen Repräsentanten zu wählen haben; die heilsame Abhülfe dieses Gebrechens ist die sogenannte Parlamcntsrcform. Nun freilich, diese betrachtet man nicht als Zweck, sondern als Mittel. Man hofft, dass das Volk dadurch auch eine bessere Vertretung seiner Interessen, Abschaffung aristokratischer Missbräuchc und Hülfe in seiner Roth gewinnen würde. Es lässt sich denken, dass die Parlamcntsrcform, diese gerechte, billige Anforderung, auch unter den gemäßigten Menschen, die Nichts weniger als Jakobiner sind, ihre Verfechter findet, und wenn man solche Leute rotor- insrs nennt, betont man dieses Wort ganz anders, und himmelweit ist es alsdann unterschieden von dem Worte rnciieal, auf das ein ganz anderer Ton gelegt wird, wenn man z. B. von Hunt oder Cob- bett, kurz von jenen heftigen, fletschenden Revolutionären spricht, die nach Parlamcntsrcform — 101 — schreien, um den Umsturz aller Formen, den Sieg der Habsucht und völlige Pöbclhcrrschast herbeizuführen. Die Nüanccn in den Gesinnungen der Koryphäen dieser Partei sind daher unzählich. Aber, wie gesagt, die Engländer kennen sehr gut ihre Leute, der Namen täuscht nicht das Publikum, und dieses unterscheidet sehr genau, wo der Kampf nur Schein und wo er Ernst ist. Oft lange Jahre hindurch ist der Kampf im Parlamente nicht Viel mehr als ein müßiges Spiel, ein Turnier, wo man für die Farbe kämpft, die man sich aus Grille gewählt hat; giebt es aber einmal einen ernsten Krieg, so eilt Zeder gleich unter die Fahne seiner natürlichen Partei. Dieses sahen wir in der Canning'schen Zeit. Die heftigsten Gegner vereinigten sich, als es Kampf der Positivsten Interessen galt; Tories, Whigs und Radikale scharten sich, wie eine Phalanx, um den kühnen bürgerlichen Minister, der den Mermuth der Oligarchen zu dämpfen versuchte. Aber ich glaube dennoch, mancher hochgcbornc Whig, der stolz hinter Canning saß, würde gleich zu der alten Foxhuntcr-Sippschaft übergetreten sein, wenn plötzlich die Abschaffung aller Adelsrechte zur Sprache gekommen wäre. Ich glaube (Gott verzeih' mir die Sünde), Francis Burdctt selbst, der in seiner Jugend zu den heftigsten Radikalen gehörte und — 102 noch jetzt nicht zu den milderen Reformers gerechnet wird, würde sich bei einem solchen Anlasse sehr schnell neben Sir Thomas Lethbridge gesetzt haben. Dieses suhlen die plebejischen Radikalen sehr gut, und dcsshalb hassen sie die sogenannten Whigs, die für Parlamcntsrcform sprechen, sie hassen sie fast noch mehr wie die eigentlich hochfcindscligen Torics. In diesem Augenblick besteht die englische Opposition mehr aus eigentlichen Reformern als aus Whigs. Der Chef der Opposition im Unter- Hause, Urs Isncksr ok Urs Opposition, gehört unstreitig zu jenen Letzter». Ich spreche hier von Brougham. Die Reden dieses muthigen Parlamcntsheldcn lesen wir täglich in den Zeitblättcrn, und seine Gesinnungen dürfen wir daher als allgemein bekannt voraussetzen. Weniger bekannt sind die persönlichen Eigentümlichkeiten, die sich bei diesen Reden kundgeben; und doch muss man erstcrc kennen, um letztere vollgeltcnd zu begreifen. Das Bild, das ein geistreicher Engländer von Brougham's Erscheinung im Parlamente entwirft, mag daher hier seine Stelle finden: „Auf der ersten Bank zur linken Seite des Sprechers sitzt eine Gestalt, die so lange bei der Stndicrlampc gehockt zu haben scheint, bis nicht - 103 bloß dic Blüthe des Lebens, sondern die Lebenskraft selbst zu erlöschen begonnen; und doch ist es diese scheinbar hilflose Gestalt, die alle Augen des ganzen Hauses auf sich zieht, und die, so wie sie sich in ihrer mechanischen, automatischen Weise zum Aufstehen bemüht, alle Schnellschreibcr hinter uns in fluchende Bewegung setzt, während alle Lücken auf der Galerie, als sei sie ein massives Stein- gewölbc, ausgefüllt werden und durch die beiden Seitcnthürcn noch das Gewicht der draußcnstchcnden Menschenmenge hereindrängt. Unten im Hause scheint sich ein gleiches Interesse kundzugeben; denn so wie jene Gestalt sich langsam in einer vertikalen Krümmung, oder vielmehr in einem vertikalen Zickzack steif zusammengefügter Linien, auseinander wickelt, sind die paar sonstigen Zeloten auf beiden Seiten, dic sich schreiend entgcgendämmcn wollten, schnell wieder auf ihre Sitze zurückgesunken, als hätten sie eine verborgene Windbüchse unter der Robe des Sprechers bemerkt. „Nach diesem vorbereitenden Geräusch und während der athemlosen Stille, die daraus folgte, hat sich Henry Brougham langsam und bedächtigen Schrittes dem Tische genähert, und bleibt dort zusammengeknickt stehen — dic Schultern in die Höhe gezogen, der Kopf vorwärts gebeugt, seine Oberlippe und Nasenflügel in zitternder Bewegung, als fürchte er ein Wort zu sprechen. Sein Aussehen, sein Wesen gleicht fast einem jener Prediger, die aus freiem Felde predigen — nicht einem modernen Manne dieser Art, der die müßige Sonn- tagsmcnge nach sich zieht, sondern einem solchen Prediger ans alten Zeiten, der die Reinheit des Glaubens zu erhalten und in der Wildnis zu verbreiten suchte, wenn sie aus der Stadt und selbst aus der Kirche verbannt war. Die Töne seiner Stimme sind voll und melodisch, doch sie erheben sich langsam, bedächtig und, wie man zu glauben versucht ist, auch sehr mühsam, so dass man nicht weiß, ob die geistige Macht des Mannes unfähig ist, den Gegenstand zu beherrschen, oder ob seine physische Kraft unfähig ist, ihn auszusprechen. Sein erster Satz, oder vielmehr die ersten Glieder seines Satzes — denn man findet bald, dass bei ihm jeder Satz in Form und Gehalt weiter reicht, als die ganze Rede mancher anderen Leute — kommen sehr kalt und unsicher hervor, und überhaupt so entfernt von der eigentlichen Streitfrage, dass man nicht begreifen kann, wie er sie darauf hinbiegen wird. Jeder dieser Sätze freilich ist tief, klar, an und für sich selbst befriedigend, sichtbar mit künstlicher Wahl aus den gewähltesten Materialien dcducicrt, — 105 — und mögen sie kommen, aus welchem Fache des Wissens es immerhin sein mag, so enthalten sie doch dessen reinste Essenz. Man fühlt, dass sie alle nach einer bestimmten Richtung hingebogen werden, und zwar hingebogen mit einer starken Kraft; aber diese Kraft ist noch immer unsichtbar wie der Wind, und, wie von diesem, weiß man nicht, woher sie kommt und wohin sie geht. „Wenn aber eine hinreichende Anzahl von diesen Anfangssätzen vorausgeschickt ist, wenn jeder Hilfssatz, den menschliche Wissenschaft zur Feststellung einer Schlussfolge bieten kann, in Dienst genommen worden, wenn jeder Einspruch durch einen einzigen Stoß erfolgreich vorgeschoben ist, wenn das ganze Heer politischer und moralischer Wahrheiten in Schlachtordnung steht — dann bewegt es sich vorwärts zur Entscheidung, fest zusammengeschlossen wie eine macedonische Phalanx, und unwiderstehlich wie Hochländer, die mit gefälltem Bajonette eindringen. „Ist ein Hauptsatz gewonnen mit dieser scheinbaren Schwäche und Unsicherheit, wohinter sich aber eine wirkliche Kraft und Festigkeit verborgen hielt, dann erhebt sich der Redner sowohl körperlich als geistig, und mit kühnerem und kürzerem Angriff erficht er einen zweiten Hauptsatz. Nach — 106 dem zweiten erkämpft er einen dritten, nach dem dritten einen vierten, und so weiter, bis alle Prin- cipien nnd die ganze Philosophie der Streitfrage gleichsam erobert sind, bis Jeder im Hause, der Ohren zum Hören und ein Herz zum Fühlen hat, von den Wahrheiten, die er eben vernommen, so unwiderstehlich wie von seiner eigenen Existenz überzeugt ist, so dass Brougham, wollte er hier stehen bleiben, schon unbedingt als der größte Logiker der St. Stcphanskapclle gelten könnte. Die geistigen Hilfsquellen des Mannes sind wirklich bewunderungswürdig, und er erinnert fast an das altnordische Märchen, wo Einer immer die ersten Meister in jedem Fache des Wissens getödtet hat, und dadurch der Allcincrbe ihrer sämmtlichen Geistesfähigkeiten geworden ist. Der Gegenstand mag sein wie er will, erhaben oder gcmeinplützig, abstruse oder praktisch, so kennt ihn dennoch Heinrich Brougham, und er kennt ihn ganz aus dem Grunde. Andere mögen mit ihm wetteifern, ja Einer oder der Andere mag ihn sogar übertreffen in der Kenntnis äußerer Schönheiten der alten Literatur, aber Niemand ist tiefer als er durchdrungen von der herrlichen und glühenden Philosophie, die gewiss als ein kostbarster Edelstein hcrvorglänzt ans jenen Schmuckkästchen, die uns das Altcrthum hinter- — 107 lassen hat. Brougham gebraucht nicht die klare, fehlerfreie und dabei etwas hofmäßigc Sprache des Cicero; eben so wenig sind seine Reden in der Form denen des Demosthcncs ähnlich, obgleich sie etwas von dessen Farbe an sich tragen; aber ihm fehlen weder die streng-logischen Schlüsse des römischen Redners noch die schrecklichen Zornworte des Griechen. Dazu kommt noch, dass Keiner besser als er es versteht, das Wissen des Tages in seinen Parlamcntsreden zu benutzen, so dass diese zuweilen, abgesehen von ihrer politischen Tendenz und Bedeutung, schon als bloße Vorlesungen über Philosophie, Literatur und Künste, nnsre Bewunderung » verdienen würden. „Es ist indessen gänzlich unmöglich, den Charakter des Mannes zu analysieren, während man ihn sprechen hört. Wenn er, wie schon oben erwähnt worden, das Gebäude seiner Rede auf einen guten philosophischen Boden und in der Tiefe der Vernunft gegründet hat; wenn er, nochmals zu dieser Arbeit zurückgekehrt, Senkblei und Nichtmaß anlegt, um zu untersuchen, ob Alles in Ordnung ist, und mit einer Niesenhand zu prüfen scheint, ob Alles auch sicher zusammenhält; wenn er die Gedanken aller Zuhörer mit Argumenten festgebunden wie mit Seilen, die Keiner zu zerreißen — 108 — im Stande ist — dann springt cr gewaltig auf das Gebäude, das er sich gezimmert hat, es erhebt sich seine Gestalt und sein Ton, er beschwört die Leidenschaften aus ihren geheimsten Winkeln, und überwältigt und erschüttert die maulaufspcr- rendcn Parlamcntsgcnosscn und das ganze dröhnende Haus. Jene Stimme, die erst so leise und anspruchlos war, gleicht jetzt dem betäubenden Brausen und den unendlichen Wogen des Meeres; jene Gestalt, die vorher unter ihrem eigenen Gewichte zu sinken schien, sieht jetzt aus, als hätte sie Nerven von Stahl, Sehnen von Kupfer, ja als sei sie unsterblich und unveränderlich wie die Wahrheiten, die sie eben ausgesprochen; jenes Gesicht, welches vorher blass und kalt war wie ein Stein, ist jetzt belebt und leuchtend, als wäre der innere Geist noch mächtiger als die gesprochenen Worte; und jene Augen, die uns anfänglich mit ihren blauen und stillen Kreisen so demüthig ansahen, als wollten sie unsre Nachsicht und Verzeihung erbitten, aus denselben Augen schießt jetzt ein meteorisches Feuer, das alle Herzen zur Bewunderung entzündet. So schließt der zweite, der leidenschaftliche oder deklamatorische Theil der Rede. „Wenn er Das erreicht hat, was man für den Gipfel der Beredtsamkcit halten möchte, wenn — ivö - cr gleichsam umherblickt, um die Bewunderung, die er hervorgebracht, mit Hohnlächeln zu betrachten, dann sinkt seine Gestalt wieder zusammen, und auch seine Stimme fällt herab bis zum sonderbarsten Flüstern, das jemals aus der Brust eines Menschen hervorgekommen. Dieses seltsame Hcrab- stimmcn oder vielmehr Fallenlassen des Ausdrucks, der Gebärde und der Stimme, welches Brougham in einer Vollkommenheit besitzt, wie es bei gar keinem anderen Redner gefunden wird, bringt eine wunderbare Wirkung hervor; und jene tiefen, feierlichen, fast hingcmurmcltcn Worte, die jedoch bis auf den Anhauch jeder einzelnen Silbe vollkommen vernehmbar sind, tragen in sich eine Zaubcrgcwalt, der man nicht widerstehen kann, selbst wenn man sie zum ersten Male hört und ihre eigentliche Bedeutung und Wirkung noch nicht kennen gelernt hat. Man glaube nur nicht etwa, der Redner oder die Rede sei erschöpft. Diese gemilderten Blicke, diese gedämpften Töne bedeuten Nichts weniger als den Anfang einer Peroratio, womit der Redner, als ob er fühle, dass cr etwas zu weit gegangen, seine Gegner wieder besänftigen will. Im Gegen- thcil, dieses Zusammenkrümmen des Leibes ist kein Zeichen von Schwäche, und dieses Fallenlassen der Stimme ist kein Vorspiel von Furcht und Unter- — 110 — würfigkeit; es ist das lose, hängende Vorbeugen des Leibes bei einem Ringer, der die Gelegenheit erspäht, wo er seinen Gegner desto gewaltsamer umschlingen kann, es ist das Zurückspringen des Tigers, der gleich darauf mit desto sicherern Krallen auf seine Beute losstürzt, es ist das Zeichen, dass Heinrich Brougham seine ganze Rüstung anlegt und seine mächtigste Waffe ergreift. In seinen Argumenten war er klar und überzeugend; in seiner Beschwörung der Leidenschaften war er zwar etwas hochmüthig, doch auch mächtig und siegreich; jetzt aber legt er den letzten, ungeheuersten Pfeil auf seinen Bogen — er wird fürchterlich in seinen Jnvektiven. Wehe dem Manne, dem jenes Auge, das vorher so ruhig und blau war, jetzt entgcgcn- flammt aus dem geheimnisvollen Dunkel dieser zu- sammengezogncn Brauen! Wehe dem Wicht, dem diese halbgcflüstcrten Worte ein Vorzeichen sind von dem Unheil, das über ihn hcranschwebt! „Wer als ein Fremder vielleicht heute zum erstenmal die Galerie des Parlamentes besucht, weiß nicht, was jetzt kommen wird. Er sieht bloß einen Mann, der ihn mit seinen Argumenten überzeugt, mit seiner Leidenschaft erwärmt hat, und jetzt mit jenem sonderbaren Flüstern einen sehr lahmen, schwächlichen Schluss anzubringen scheint. O Fremd- — III — ling! wärest du bekannt mit den Erscheinungen dieses Hauses und auf einem Sitze, wo du alle Parlamentsglieder übersehen könntest, so würdest du bald merken, dass Diese in Betreff eines solchen lahmen, schwächlichen Schlusses durchaus nicht deiner Meinung sind. Du würdest Manchen bemerken, den Parteisucht oder Anmaßung in dieses stürmische Meer, ohne gehörigen Ballast und das nöthige Steuerruder, hineingetrieben hat, und der nun so furchtsam und ängstlich umherblickt wie ein Schiffer auf dem chinesischen Meere, wenn er an einer Seite des Horizontes jene dunkle Ruhe entdeckt, die ein sicheres Vorzeichen ist, dass von der andern Seite, ehe eine Minute vergeht, der Typhon heranweht mit seinem verderblichen Hauche; — du würdest irgend einen klugen Mann bemerken, der fast greinen möchte und an Leib und Seele schauert wie ein kleines Vögclchcn, das in die Zaubcrnähe einer Klapperschlange gcrathcn ist, seine Gefahr entsetzlich fühlt, und sich doch nicht helfen kann und mit jämmerlich närrischer Miene dem Untergänge sich darbietet; — du würdest einen langen Antagonisten bemerken, der sich mit schlotternden Beinen an der Bank festklammert, damit der heranziehende Sturm ihn nicht fortfegt; — oder du bemerkst sogar einen stattlichen, wohlbeleibten Repräsentanten irgend einer fetten Grasschaft, der beide Fäuste in das Kissen seiner Bank hincingräbt, völlig entschlossen, im Fall ein Mann von seiner Wichtigkeit aus dem Hause geschlendert würde, dennoch seinen Sitz zu bewahren und unter sich von bannen zu führen. „Und nun kommt es: — die Worte, welche so tief geflüstert und gemurmelt wurden, schwellen an, so laut, dass sie selbst den Zubelrnf der eignen Partei übertönen, und nachdem irgend ein unglückseliger Gegner bis auf die Knochen geschunden und seine verstümmelten Glieder durch alle Rcdcfigurcn durchgcstampft worden, dann ist der Leib des Redners wie nicdergebrochcn und zerschlagen von der Kraft seines eignen Geistes, er sinkt ans seinen Sitz zurück, und der Beifall-Lärm der Versammlung kann jetzt unaufhaltsam hervorbrechen." Ich habe es nie so glücklich getroffen, dass ich Brongham während einer solchen Rede im Parlamente ruhig betrachten konnte. Nur stückweis oder Unwichtiges hörte ich ihn sprechen, und nur selten kam er mir dabei selbst zu Gesicht. Immer aber — Das merkte ich gleich — sobald er das Wort nahm, erfolgte eine tiefe, fast ängstliche Stille. Das Bild, das oben von ihm entworfen worden, ist gewiss nicht übertrieben. Seine Gestalt, von gewöhnlicher Manneslänge, ist sehr dünn, ebenfalls sein Kopf, der mit kurzen schwarzen Haaren, die sich der Schläfe glatt anlegen, spärlich bedeckt ist. Das blasse, längliche Gesicht erscheint dadurch noch dünner, die Muskeln desselben sind in krampfhafter, unheimlicher Bewegung, und wer sie beobachtet, sieht des Redners Gedanken, che sie gesprochen sind. Dieses schadet seinen witzigen Einfällen; denn für Witze und Geldborgcr ist es heilsam, wenn sie uns unangemeldet überraschen. Obgleich sein schwarzer Anzug bis auf den Schnitt des Fracks ganz gentlemännisch ist, so trägt solcher doch dazu bei, ihm ein geistliches Ansehen zu geben. Vielleicht bekommt er Dieses noch mehr durch seine oft gekrümmte Nückenbewcgung und die lauernde, ironische Geschmeidigkeit des ganzen Leibes. Einer meiner Freunde hat mich zuerst auf dieses „Klcri- kalische" in Brougham's Wesen aufmerksam gemacht, und durch die obige Schilderung wird diese feine Bemerkung bestätigt. Mir ist zuerst das „Advokatische" im Wesen Brougham's aufgefallen, besonders durch die Art, wie er beständig mit dem vorgestreckten Zeigefinger demonstriert und mit vorgebeugtem Haupte selbstgefällig dazu nickt. Am bewunderungswürdigsten ist die rastlose Thätigkeit dieses Mannes. Jene ParlamcntSrcdcn hält er, nachdem er vielleicht schon acht Stunden He ine's Werke. Bd. III. Z — 114 — lang seine täglichen Berufsgcschäftc, nämlich das Advocieren in den Gerichtssälen, getrieben, und vielleicht die halbe Nacht an Aufsätzen für das Edinburgh Review oder an seinen Verbesserungen des Volksuntcrrichts und der Kriminalgcsetze gearbeitet hat. Erstere Arbeiten, der Volksuntcrricht, werden gewiss einst schöne Früchte hervorbringen. Letztere, die Kriminalgcsetzgebung, womit Brougham und Peel sich jetzt am meisten beschäftigen, sind vielleicht die nützlichsten, wenigstens die dringendsten; denn Englands Gesetze sind noch grausamer als seine Oligarchen. Der Process der Königin begründete zuerst Brougham's Celebrität. Er kämpfte wie ein Ritter für diese hohe Dame, und, wie sich von selbst versteht, wird Georg IV. niemals die Dienste vergessen, die er seiner lieben Frau geleistet hat. Desshalb, als vorigen April die Opposition siegte, kam Brougham dennoch nicht ins Ministerium, obgleich ihm als Isaäsr ol tluz oxxositloir in diesem Falle nach altem Brauch ein solcher Eintritt acbührte. — 115 — XI. Die Emamipation der Katholiken. Wenn man mit dem dümmsten Engländer über Politik spricht, so wird er doch immer etwas Vernünftiges zu sagen wissen. Sobald man aber das Gespräch auf Religion lenkt, wird der gescheiteste Engländer Nichts als Dummheiten zu Tage fördern. Daher entsteht wohl jene Verwirrung der Begriffe, jene Mischung von Weisheit und Unsinn, sobald im Parlamente die Emancipation der Katholiken zur Sprache kommt, eine Streitfrage, worin Politik und Religion kollidieren. Selten in ihren parlamentarischen Verhandlungen ist es den Engländern möglich, ein Princip auszusprechen, sie diskutieren nur den Nutzen oder Schaden der Dinge, und bringen Fakta, die Einen xro> die Anderen oontrn, zum Vorschein. 8* Mit Faktis aber kann man zwar streiten, doch nicht siegen, da gicbt es Nichts als ein materielles Hin- nnd Herschlagcn, und das Schauspiel eines solchen Streites gemahnt uns an wohlbekannte pro xatria-Kämpfe deutscher Studenten, deren Resultat darauf hinausläuft, dass so und so viel' Gänge gemacht worden, so und so viel' Quarten und Terzen gefallen sind, und Nichts damit bewiesen worden. Im Jahr 1827, wie sich von selbst versteht, haben wieder die Emancipationisten gegen die Ora- nicnmänncr in Westminster gefachten, und, wie sich von selbst versteht, es ist Nichts dabei herausgekommen. Die besten Schläger der Emancipationisten waren Burdctt, Plunkctt, Brougham und Canning. Ihre Gegner, Herrn Peel ausgenommen, waren wieder die bekannten oder, besser gesagt, die unbekannten Fuchsjäger. Von jeher stimmten die geistreichsten Staatsmänner Englands für die bürgerliche Gleichstellung der Katholiken, sowohl aus Gründen des innigsten Rechtsgcfühls als auch der politischen Klugheit. Pitt selbst, der Erfinder des stabilen Systems, hielt die Partei der Katholiken. Gleichfalls Bnrke, der große Renegat der Freiheit, konnte nicht so weit die Stimme seines Herzens unterdrücken, dass er gegen Irland gewirkt hätte. Anch Canning, sogar damals, als er noch ein toryschcr Knecht war, konnte nicht ungerührt das Elend Irlands betrachten, und wie thcucr ihm dessen Sache war, hat er zu einer Zeit, als man ihn der Lauigkeit bezichtigte, gar rührend naiv ausgesprochen. Wahrlich, ein großer Mensch kann, um große Zwecke zu erreichen, oft gegen seine Überzeugung handeln und zweideutig oft von einer Partei zur andern übergehen; — man muss alsdann billig bedenken, dass Derjenige, der sich aus einer gewissen Höhe behaupten will, ebenso den Umständen nachgeben muss, wie der Hahn auf dem Kirchthurm, den, obgleich er von Eisen ist, jeder Sturmwind zerbrechen und hcrabschleudern würde, wenn er trotzig unbeweglich bliebe, und nicht die edle Kunst verstände, sich nach jedem Winde zu drehen. Aber nie wird ein großer Mensch so weit die Gefühle seiner Seele verleugnen können, dass er das Unglück seiner Landsleute mit indifferenter Ruhe ansehen und sogar vermehren könnte. Wie wir unsere Mutter lieben, so lieben wir auch den Boden, worauf wir geboren sind, so lieben wir die Blumen, den Duft, die Sprache und die Menschen,' die ans diesem Boden hcrvorgeblüht sind, keine Religion ist so schlecht und keine Politik ist so gut, dass sie im — 118 — Herzen ihrer Bekenner solche Liebe ersticken könnte; obgleich sie Protestanten und Tories waren, konnten Burkc und Canning doch nimmermehr Partei nehmen gegen das arme, grüne Erin; Jrländer, die schreckliches Elend und namenlosen Jammer über ihr Vaterland verbreiten, sind Menschen — wie der selige Castlereagh und der unselige Wellington. Dass die große Masse des englischen Volkes gegen die Katholiken gestimmt ist, und täglich das Parlament bestürmt, ihnen nicht mehr Rechte einzuräumen, ist ganz in der Ordnung. Es liegt in der menschlichen Natur eine solche Unterdrückungssucht, und wenn wir auch, was jetzt beständig geschieht, über bürgerliche Ungleichheit klagen, so sind alsdann unsere Augen nach oben gerichtet, wir sehen nur Diejenigen, die über uns stehen, und deren Vorrechte uns beleidigen; abwärts sehen wir nie bei solchen Klagen, es kommt uns nie in den Sinn, Diejenigen, welche durch Gewohnheits- unrccht noch unter uns gestellt sind, zu uns heraufzuziehen, ja uns verdrießt es sogar, wenn Diese ebenfalls in die Höhe streben, und wir schlagen ihnen auf die Köpfe. Der Kreole verlangt die Rechte des Europäers, spreizt sich aber gegen den Mulatten, und sprüht Zorn, wenn Dieser sich ihm — 119 — gleichstellen will. Ebenso handelt der Mnlattc gegen den Mestizen, und Dieser wieder gegen den Neger. Der Frankfurter Spießbürger ärgert sich über Vorrechte des Adels; aber er ärgert sich noch mehr, wenn man ihm zumuthct, seine Juden zu cman- cipieren. Ich habe einen Freund in Polen, der für Freiheit und Gleichheit schwärmt, aber bis auf diese Stunde seine Bauern noch nicht aus ihrer Leibeigenschaft entlassen hat. Was den englischen Klerus betrifft, so bedarf es keiner Erörterung, wcsshalb von dieser Seite die Katholiken verfolgt werden. Verfolgung der Andersdenkenden ist überall das Monopol der Geistlichkeit, und auch die anglikanische Kirche behauptet streng ihre Rechte. Freilich, die Zehnten sind ihr die Hauptsache, sie würde durch die Emancipation der Katholiken einen großen Theil ihres Einkommens verlieren, und Aufopferung eigener Interessen ist ein Talent, das den Priestern der Liebe eben so sehr abgeht wie den sündigen Laien. Dazu kommt noch, dass jene glorreiche Revolution, welcher England die meisten seiner jetzigen Freiheiten verdankt, ans religiösem, protestantischem Eifer hervorgegangen; ein Umstand, der den Engländern gleichsam noch besondere Pflichten der Dankbarkeit gegen die herrschende protestantische Kirche auferlegt, und sie — 120 — dicsc als daS Hauptbollwerk ihrer Freiheit betrachte» lässt. Manche ängstliche Seelen unter ihnen mögen wirklich den Katholicismus und dessen Wiedereinführung fürchten, und an die Scheiterhaufen von Smithficld denken — und ein gebranntes Kind scheut das Feuer. Auch giebt es ängstliche Parla- mcntsglicdcr, die ein neues Pulvcrkomplott befürchten — Diejenigen fürchten das Pulver am meisten, die es nicht erfunden haben — und da wird es ihnen oft, als fühlten sie, wie die grünen Bänke, worauf sie in der St. Stcphanskapelle sitzen, allmählich warm und wärmer werden, und wenn irgend ein Redner, wie oft geschieht, den Namen Guy Fawkcs erwähnt, rufen sie ängstlich: Ilsar irim! Irear llim! Was endlich den Rektor von Göttingen betrifft, der in London eine Anstellung als König von England hat, so kennt Jeder seine Mäßigkcits- politik; er erklärt sich für keine von beiden Parteien, er ficht gern, dass sie sich bei ihren Kämpfen wechselseitig schwächen, er lächelt nach herkömmlicher Weise, wenn sie friedlich bei ihm konren, er weiß Alles und thut Nichts, und vcrlässt sich im schlimmsten Falle auf seinen Oberschnnrrcn Wellington. Man verzeihe mir, dass ich in flipprigem Tone eine Streitfrage behandle, von deren Lösung — 121 das Wohl Englands und daher vielleicht mittelbar das Wohl der Welt abhängt. Aber eben je wichtiger ein Gegenstand ist, desto lustiger muss man ihn behandeln; das blutige Gemetzel der Schlachten, das schaurige Sichclwetzen des Todes wäre nicht zu ertragen, erklänge nicht dabei die betäubende türkische Musik mit ihren freudigen Pauken und Trompeten. Das wissen die Engländer, und daher bietet ihr Parlament auch ein heiteres Schauspiel des unbefangensten Witzes und der witzigsten Unbefangenheit; bei den ernsthaftesten Debatten, wo das Leben von Tausenden und das Heil ganzer Länder auf dem Spiel steht, kommt doch Keiner von ihnen auf den Einfall, ein deutsch-steifes Land- ständegcsicht zu schneiden, oder französisch-pathetisch zu deklamieren, und wie ihr Leib, so gebärdet sich alsdann auch ihr Geist ganz zwanglos, Scherz, Selbstpersifflagc, Sarkasmcn, Gcmüth und Weisheit, Malice und Güte, Logik und Verse sprudeln hervor im blühendsten Farbenspiel, so dass die Annale» des Parlaments uns noch nach Jahren die geistreichste Unterhaltung gewähren. Wie sehr kontrastieren dagegen die öden, ausgestopften, lösch- papicrncn Reden unserer süddeutschen Kammern, deren Langweiligkeit auch der geduldigste Zcitungs- lcscr nicht zu überwinden vermag, ja deren Duft — 132 — schon einen lebendigen Leser verscheuchen kann, so dass wir glauben müssen, jene Langweiligkeit sei geheime Absicht, um das große Publikum von der Lektüre jener Verhandlungen abzuschrecken, und sie dadurch trotz ihrer Öffentlichkeit dennoch im Grunde ganz geheim zu halten. Ist also die Art, wie die Engländer im Parlamente die katholische Streitfrage abhandeln, wenig geeignet, ein Resultat hervorzubringen, so ist doch die Lektüre dieser Debatten um so interessanter, weil Fakta mehr ergötzen als Abstraktionen, und gar besonders amüsant ist es, wenn fabclglcich irgend eine Parallelgeschichte erzählt wird, die den gegenwärtigen, bestimmten Fall witzig pcrsiffliert, und dadurch vielleicht am glücklichsten illustriert. Schon bei den Debatten über die Thronrede, am 3. Februar 1825, vernahmen wir im Obcrhause eine jener Parallclgcschichten, wie ich sie oben bezeichnet, und die ich wörtlich hierhersetze: (vick. ?ar1mmsntnr^ llistor/ anä rsviorr äurinA tlm ssssion ob 1825—26. 31.) „Lord King bemerkte, dass, wenn auch England blühend und glücklich genannt werden könne, so befänden sich doch sechs Millionen Katholiken in einem ganz andern Zustande jenseits des irländi- — 123 — schcn Kanals, und die dortige schlechte Regierung sei eine Schande für unser Zeitalter und für alle Britten. Die ganze Welt, sagte er, ist jetzt zu vernünftig, um Regierungen zu entschuldigen, welche ihre Untcrthanen wegen Religionsdiffercnzcn bedrücken oder irgend eines Rechtes berauben. Irland und die Türkei könnte man als die einzigen Länder Europa's bezeichnen, wo ganze Mcnschen- klassen ihres Glaubens wegen unterdrückt und gekränkt werden. Der Großsultan hat sich bemüht, die Griechen zu bekehren, in derselben Weise wie das englische Gouvernement die Bekehrung der irländischen Katholiken betrieben, aber ohne Erfolg. Wenn die unglücklichen Griechen über ihre Leiden klagten und' dcmüthigst baten, ein bischen besser als mahomedanische Hunde behandelt zu werden, ließ der Sultan seinen Großvcsicr holen, um Rath zu schassen. Dieser Großvesier war früherhin ein Freund und späterhin ein Feind der Sultanin gewesen. Er hatte dadurch in der Gunst seines Herrn ziemlich gelitten, und in seinem eigenen Divan von seinen eigenen Beamten und Dienern manchen Widerspruch ertragen müssen (Gelächter). Er war ein Feind der Griechen. Dem Einfluss nach die zweite Person im Divan war der Reis Effcndi, welcher den gerechten Forderungen jenes unglücklichen Vol- 124 kcs freundlich gcncigt war. Dieser Beamte, wie man wusste, war Minister der äußern Angelegenheiten, und seine Politik verdiente und erhielt allgemeinen Beifall. Er zeigte in diesem Felde außerordentliche Liberalität und Talente, er that viel Gutes, verschaffte der Regierung des Sultans viel Popularität, und würde noch mehr ausgerichtet haben, hätten ihn nicht seine minder erleuchteten Kollegen in allen seinen Maßregeln gehemmt. Er war in der That der einzige Mann von wahrem Genie im ganzen Divan (Gelächter), und man achtete ihn als eine Zierde türkischer Staatslcute, da er auch mit poetischen Talenten begabt war. Der Kiaya-Bei oder Minister des Innern und der Kapudan Pascha waren wiederum Gegner der Griechen; aber der Chorführer der ganzen Opposition gegen die Rechtsansprüche dieses Volks war der Obermufti oder das Haupt des mahomcdanischen Glaubens (Gelächter). Dieser Beamte war ein Feind jeder Veränderung. Er hatte sich regelmäßig widersetzt bei allen Verbesserungen im Handel, bei allen Verbesserungen in der Justiz, bei jeder Verbesserung in der ausländischen Politik (Gelächter). Er zeigte und erklärte sich jedesmal als der größte Verfechter der bestehenden Missbräuchc. Er war der vollendetste Intrigant im ganzen Divan (Ge- — 135 lächtcr). In früherer Zeit hatte er sich für die Sultnnin erklärt, aber er wandte sich gegen sie, sobald er befürchtete, dass er dadurch seine Stelle im Divan verlieren könne, er nahm sogar die Partei ihrer Feinde. Einst wurde der Vorschlag gemacht, einige Griechen in das Korps der regulären Truppen oder Janitscharcn aufzunehmen; aber der Obcrmufti erhob dagegen ein so heilloses Zetergeschrei — ähnlich unserem Ho xoxsr^-Gcschrci — dass Diejenigen, welche jene Maßregel genehmigt, aus dem Divan scheiden mussten. Er gewann selbst die Oberhand, und sobald Dies geschah, erklärte er sich für eben dieselbe Sache, wogegen er vorhin am meisten geeifert hatte (Gelächter). Er sorgte für des Sultans Gewissen und für sein eigenes; doch will man bemerkt haben, dass sein Gewissen niemals mit seinen Interessen in Opposition war (Gelächter). Da er aufs genaueste die türkische Konstitution studiert, hatte er ausgcfunden, dass sie wesentlich mahomcdanisch sei (Gelächter), und folglich allen Vorrechten der Griechen feindselig sein müsse. Er hatte desshalb beschlossen, der Sache der Intoleranz fest ergeben zu bleiben, und war bald umringt von Wollahs, Jmams und Derwischen, welche ihn in seinen cdcln Vorsätzen bestärkten. Um das Bild dieser Spaltung im Divan zu — 126 — vollenden, sei noch erwähnt, dass dessen Mitglieder übereinkamen, sie wollten bei gewissen Streitfragen einig nnd bei andern wieder entgegengesetzter Meinung sein, ohne ihre Vereinbarung zu brechen. Nachdem man nun die Übel, die durch solch einen Di- van entstanden, gesehen hat, nachdem man gesehen, wie das Reich der Muselmänner zerrissen worden durch eben ihre Intoleranz gegen die Griechen und ihre Uneinigkeit unter sich selbst, so sollte man doch den Himmel bitten, das Vaterland vor einer solchen Kabinettsspaltung zu bewahren." Es bedarf keines sonderlichen Scharfsinns, um die Personen zu erratheu, die hier in türkische Namen vermummt sind; noch weniger ist es von- nöthen, die Moral der Geschichte in trocknen Worten herzusetzen. Die Kanonen von Navarino haben sie laut genug ausgesprochen, und wenn einst die hohe Pforte zusammenbricht — und brechen wird sie trotz Pcra's bevollmächtigten Lakaien, die sich dem Unwillen der Völker cntgegenstcmmcn — dann mag John Bull in seinem Herzen bedenken: mit verändertem Namen spricht von dir die Fabel. Etwas der Art mag England schon jetzt ahnen, indem seine besten Publicistcn sich gegen den Interventionskrieg erklären und ganz naiv darauf hindeuten, dass die Völker Europa's mit gleichem — 127 — Rechte sich der irländischen Katholiken annehmen und der englischen Regierung eine bessere Behandlung derselben abzwingen könnten. Sic glauben hiermit das Jnterventionsrecht widerlegt zu haben, und haben es nur noch deutlicher illustriert. Freilich hätten Europa's Völker das heiligste Recht, sich für die Leiden Irlands mit gcwaffnctcr Hand zu verwenden, und dieses Recht würde auch ausgeübt werden, wenn nicht das Unrecht stärker wäre. Nicht mehr die gekrönten Häuptlinge, sondern die Völker selbst sind die Helden der nencrn Zeit, auch diese Helden haben eine heilige Alliance geschlossen, sie halten zusammen, wo es gilt für das gemeinsame Recht, für das Völkerrecht der religiösen und politischen Freiheit, sie sind verbunden durch die Idee, sie haben sie beschworen und dafür geblutet, ja sie sind selbst zur Idee geworden — und dcsshalb zuckt es gleich schmerzhaft durch alle Völkerherzen, wenn irgendwo, sei es auch im äußersten Winkel der Erde, die Idee beleidigt wird. Doch ich komme ab von meinem Thema. Ich wollte alte Parlamentsspäße erzählen, und, sich da! die Zeitgeschichte macht jetzt aus jedem Spaße gleich Ernst. Ich will ein noch lustigeres Stückchen wählen, nämlich eine Rede, die Spring Rice den 26. Mai desselben Jahrs im Unterhause hielt, und — 138 — worin er die protestantische Angst wegen etwaiger Übermacht der Katholiken ans die ergötzlichste Weise persifflicrt: (viel, kurliarusirtar^ Iristor^ anci rsvisrv eto. 353.) ,,^rmv 1753, sagte er, brachte man ins Parlament eine Bill für die Naturalisierung der Juden,— eine Maßregel, wogegen heutzutage in diesem Lande nicht einmal irgend ein altes Weib etwas einwenden würde, die aber doch zu ihrer Zeit den heftigsten Widerspruch fand, und eine Menge von Bittschriften aus London und andern Plätzen, von ähnlicher Art, wie wir sie jetzt bei der Bill für die Katholiken vorbringen sehen, zur Folge hatte. In der Bittschrift der Londoner Bürger hieß es: „Sollte die besagte Bill für die Juden gesetzliche Sanktion erhalten, so würde sie die christliche Religion erschrecklich gefährden, sie würde die Konstitution des Staates und unserer heiligen Kirche untergraben (Man lacht), und würde den Interessen des Handels im Allgemeinen und der Stadt London insbesondere außerordentlich schaden (Gelächter)." Indessen, ungeachtet dieser strengen De- nunciation fand der nachfolgende Kanzler des Ex- cheguer, dass die bedrohten, erschrecklichen Folgen ausblieben, als man die Juden in die City von London und selbst in Downingstreet aufnahm (Ge- — 129 - lächtcr). Damals hatte das Journal „Der Kraftsmann" bei der Denunciation der unzähligen Unglücke, welche jene Maßregel hervorbringen würde, in folgenden Worten sich ausgelassen! „Ich muss um Erlaubnis bitten, die Folgen dieser Bill auseinander zu setzen. Bei Gott ist Gnade, aber bei den Juden ist keine Gnade, und sie haben 1700 Jahre der Züchtigung an uns abzurächcn. Wenn diese Bill durchgeht, werden wir Alle Sklaven der Juden, und ohne Hoffnung irgend einer Rettung durch die Güte Gottes. Der Monarch würde den Inden untcrthan werden, und der freien Landbesitzer nicht mehr achten. Er würde unsere brittischen Soldaten abschaffen und eine größere Armee von lauter Inden errichten, die uns zwingen würde, unsere königliche Familie abzuschwören, und gleichfalls unter einem jüdischen König naturalisiert zu werden. Erwacht daher, meine christlichen und protestantischen Brüder! Nicht Hannibal ist vor euren Pforten, sondern die Juden, und sie verlangen die Schlüssel eurer Kirchthüren!" (Lautes anhaltendes Gelächter). Bei den Debatten, welche über jene Bill im Unterhausc statt fanden, erklärte ein Baron aus dem Westen (Man lacht), dass, wenn man die Naturalisierung der Juden zugestehe, so gerathe man in Gefahr, bald von ihnen im Par- Heine'S Werke. Bd, III, 9 — 130 — lamcnte überstimmt zu werden. „Sie werden unsere Grafschaften", sagte er, „unter ihre Stämme vcrtheilcn, und unsere Landgüter den Meistbietenden verkaufen." (Man lacht). Ein anderes Parla- mcntsglicd war der Meinung, „wenn die Bill durchgehe, würden sich die Juden so schnell vermehren, dass sie sich über den größten Theil Englands verbreiten, und dem Volke sein Land ebenso wie seine Macht abringen würden. Das Parla- mcntsglicd für London, Sir John Bernard, betrachtete den Gegenstand aus einem tiefern theologischen Gesichtspunkte, einem Gesichtspunkt, den man ganz wiederfindet in der nculichcn Petition aus Lciccster, deren Unterzeichner den Katholiken vorwerfen, sie seien Abkömmlinge Derer, die ihre Vorfahren verbrannt haben — und in solcher Art rief er, „die Juden seien die Nachkommen Derjenigen, welche den Heiland gekreuzigt haben, und dcsshalb bis ans die spätesten Enkel von Gott verflucht worden." — Er (Spring Rice) bringe jene Auszüge zum Vorschein, um zu zeigen, dass jenes alte Lärmgeschrci eben so begründet gewesen sei, wie der jetzige neue Lärm in Betreff der Katholiken. (Hört! hört!) Zur Zeit der Judcnbill ward auch eine scherzhafte „Judenzeitung" ausgegeben, worin man die folgende Ankündigung las: „Seit — 131 — unserer letzten Nummer ist der Postwagen von Jerusalem angekommen. Vergangene Woche wurden im Entbindungshospital, Brownlow-Street, fünfundzwanzig Knaben öffentlich beschnitten. Gestern Abend wurde im Sanhedrin durch Stimmenmehrheit die Naturalisierung der Christen verworfen. Das Gerücht eines Aufruhrs der Christen in Nord-Wales erfand sich als ganz unbegründet. Letzten Freitag wurde die Jahrfeier der Kreuzigung im ganzen Königreiche sehr vergnüglich begangen." — In dieser Art und zu allen Zeiten, bei der Judcnbill sowohl als bei der Bill für die Katholiken, wurde der lächerlichste Widcrsctzungslärm durch die geistlosesten Mittel erregt, und wenn wir den Ursachen eines solchen Lärms nachforschen, finden wir, dass sie sich immer ähnlich waren. Wenn wir den Ursachen der Opposition gegen die Zudenbill im Jahre 1753 nachforschen, finden wir als erste Autorität den Lord Chatham, der im Parlamente aussprach, „er sowohl als die meisten andern Gentlcmcn seien überzeugt, dass die Religion selbst mit dieser Streitfrage Nichts zu schaffen habe, und es nur dem Vcrfol- gnngsgcistc der alten erhabenen Kirche (Urs c>Iä iri^ir elrnrsiUs psrsssutinA spürit) gelungen sei, dem Volke das Gegenthcil weiß zu machen." (Hört! hört!) So ist es auch in diesem Falle, und es ist HS — 132 — wieder ihre Liebe für ausschließliche Macht und Bcvvrrcchtnng, was jetzt die alte erhabene Kirche antreibt, das Volk gegen die Katholiken zn bearbeiten; und er (Spring Rice) sei überzeugt, dass Viele, welche solche Künste anwenden, ebenfalls sehr gut wüssten, wie wenig die Religion bei der letzten Katholikcnbill in Betrachtung kommen konnte, gewiss eben so wenig, wie bei einer Bill für Regulierung der Maße und Gewichte oder für Bestimmung der Länge des Pendels nach der Anzahl seiner Schwingungen. Ebenfalls in Betreff der Zudenbill befindet sich in der damaligen Hardwickc- Zeitung ein Brief des Doktor Birch an Herrn Philipp Jork, worin Jener sich äußerte, dass all dieser Lärm wegen der Judenbill nur einen Ein- fluss auf die nächstjährigen Wahlen beabsichtigt." (Hört! Man lacht.) Es geschah damals, wie Dergleichen auch in unserer Zeit geschieht, dass ein vernünftiger Bischof von Norwich zu Gunsten der Judcnbill aufgetreten. Dr. Birch erzählt, dass Dieser bei seiner Zurückkunft in seinen Kirchsprcngel jener Handlung wegen insultiert worden; „als er nach Jpswich ging, um dort einige Knaben zu konfirmieren, ward er unterwegs verspottet und man verlangte von ihm beschnitten zu werden;" auch annoncierte man, „dass der Herr Bischof nächsten 133 — Samstag die Juden konfirmieren nnd Tags darauf die Christen beschneiden würde." (Man lacht.) So war das Geschrei gegen liberale Maßregeln in allen Zeitaltern gleichartig unvernünftig und brutal. (Hört ihn! hört ihn!) Jene Besorgnisse in Hinsicht der Juden vergleiche man mit dem Alarm, der in gewissen Orten durch die Bill für die Katholiken erregt wurde. Die Gefahr, welche man befürchtete, wenn den Katholiken mehr Macht eingeräumt würde, war ebenso absurd; die Macht Unheil anzurichten, wenn sie dazu geneigt waren, konnte ihnen durch das Gesetz in keinem so hohen Grade verliehen werden, wie sie jetzt solche eben durch ihre Bedrückung selbst erlangt haben. Diese Bedrückung ist es, wodurch Leute wie Herr O'Con- ncll nnd Herr Sheil so cinflusSreich geworden sind. Die Nennung dieser Herren geschehe nicht um sie verdächtig zu machen; in? Gegcntheil, man muss ihnen Achtung zollen, und sie haben sich um das Vaterland Verdienste erworben; dennoch wäre es besser, wenn die Macht vielmehr in den Gesetzen als in den Händen der Individuell, seien Diese auch noch so achtungswcrth, beruhen möchte. Die Zeit wird kommen, wo man den Widerstand des Parlaments gegen jene Ncchtscinräumung nicht bloß mit Verwunderung, sondern auch mit Verachtung — 134 — ansehen wird. Die religiöse Weisheit eines früher» Zeitalters war oft Gegenstand der Verachtung bei den nachfolgenden Generationen. (Hört! hört!) — — — — — — -— — 135 XII. W e l l i n g t o ii. Der Mann hat das Unglück, überall Glück zu haben, Ivo die größten Männer der Welt Unglück hatten, und Das empört uns und macht ihn vcr- hasst. Wir sehen in ihm nur den Sieg der Dummheit über das Genie — Arthur Wellington triumphiert, wo Napoleon Bonaparte untergeht! Nie ward ein Mann ironischer von Fortuna begünstigt, und es ist, als ob sie seine öde Winzigkeit zur Schau geben wollte, indem sie ihn auf den Schild des Sieges emporhebt. Fortuna ist ein Weib, und nach Wcibcrart grollt sie vielleicht heimlich dem Manne, der ihren ehemaligen Liebling stürzte, obgleich Dessen Sturz ihr eigner Wille war. Jetzt bei der Emancipation der Katholiken lässt sie ihn wieder siegen, und zwar in einem Kampfe, worin George Canning zu Grunde ging. Man würde ihn vielleicht geliebt haben, wenn der elende Lon- dondcrry sein Vorgänger im Ministerium gewesen wäre; jetzt aber war er der Nachfolger des edlen Canning, des viclbcweinten, angebeteten, großen Canning — und er siegt, wo Canning zu Grunde ging. Ohne solches Unglück des Glücks würde Wellington vielleicht für einen großen Mann passieren, man würde ihn nicht hassen, nicht genau messen, wenigstens nicht mit dem heroischen Maßstabe, womit man einen Napoleon und einen Canning misst, und man würde nicht entdeckt haben, wie klein er ist als Mensch. Er ist ein kleiner Mensch, und noch weniger als klein. Die Franzosen haben von Polignac nichts Ärgeres sagen können, als: er sei ein Wellington ohne Ruhm. In der That, was bleibt übrig, wenn man einem Wellington die Feldmarschallnniform des Ruhmes auszieht? Ich habe hier die beste Apologie des Lord Wellington — im englischen Sinne des Wortes — geliefert. Man wird sich aber wundern, wenn ich ehrlich gestehe, dass ich diesen Helden einst sogar mit vollen Segeln gelobt habe. Es ist eine gute Geschichte, und ich will sie hier erzählen. Mein Barbier in London war ein Radikaler, genannt Mister White, ein armer kleiner Mann — 137 in einem abgeschabten schwarzen Kleide, das einen weißen Wicdcrschein gab; er war so dünn, dass die Fayade seines Gesichtes nur ein Profil zu sein schien, und die Seufzer in seiner Brust sichtbar waren noch ehe sie aufstiegen. Er seufzte nämlich immer über das Unglück von Alt-England und über die Unmöglichkeit, jemals die Nationalschuld zu bezahlen. „Ach!" — hörte ich ihn gewöhnlich seufzen — „was brauchte sich das englische Volk darum zu bekümmern, wer in Frankreich regierte und was die Franzosen in ihrem Lande trieben? Aber der hohe Adel und die hohe Kirche fürchteten die Frei- hcitsgrnndsätze der französischen Revolution, und um diese Grundsätze zu unterdrücken, musstc John Bull sein Blut und sein Geld hergeben und noch obendrein Schulden machen. Der Zweck des Krieges ist jetzt erreicht, die Revolution ist unterdrückt, den französischen Frciheitsadlcrn sind die Flügel beschnitten, der hohe Adel und die hohe Kirche können jetzt ganz sicher sein, dass keiner derselben über den Kanal fliegt, und der hohe Adel und die hohe Kirche sollten jetzt wenigstens die Schulden bezahlen, die für ihr eignes Interesse, und nicht für das arme Volk gemacht worden sind. Ach! das arme Volk —" — 138 — Immer, wenn er cm „das arme Volk" kam, seufzte Mister White noch tiefer, und der Refrain war dann, dass das Brot und der Porter so thcucr fei, und dass das arme Volk verhungern müsse, um dicke Lords, Jagdhunde und Pfaffen zu füttern, und dass es nur Eine Hilfe gäbe. Bei diesen Worten Pflegte er auch das Messer zu schleifen, und während er es über das Schlcifleder hin und her zog, murmelte er ingrimmig langsam: „Lords, Hunde, Pfaffen!" Gegen den Onl:s ob ^silinAton kochte aber sein radikaler Zorn immer am heftigsten, er spuckte Gift und Galle, sobald er auf Diesen zu sprechen kam, und wenn er mich unterdessen einseifte, so geschah es mit schäumender Wuth. Einst wurde ich ordentlich bange, als er mich just nahe beim Halse barbierte, während er so heftig gegen Wellington loSzog, und beständig dazwischen murmelte: „Hätte ich ihn nur so unterm Messer, ich würde ihm die Mühe ersparen, sich selbst die Kehle abzuschneiden, wie sein Amtsbrudcr und Landsmann Londondcrry, der sich die Kehle abgeschnitten zu North-Cray in der Grafschaft Kent — Gott verdamm' ihn!" Ich fühlte schon, wie die Hand des Mannes zitterte, und aus Furcht, dass er in der Leiden- — 139 — schaft sich Plötzlich einbilden könnte, ich sei der Onivs ok ^V-zlIinAton, suchte ich seine Heftigkeit hcrabzustimmen und ihn unter der Hand zu besänftigen. Ich nahm seinen Nationalstolz in Anspruch, ich stellte ihm vor, dass Wellington den Ruhm der Engländer befördert, dass er immer nur eine unschuldige Maschine in dritten Händen gewesen sei, dass er gern Beefsteaks esse, und dass er endlich — Gott weiß! was ich noch mehr von Wellington rühmte, als mir das Messer an der Kehle stand. Was mich am meisten ärgert, ist der Gedanke, dass Arthur Wellington eben so unsterblich wird wie Napoleon Bonapartc. Ist doch in ähnlicher Weise der Name Pontius Pilatus eben so unvcrgesslich geblieben wie der Name Christi. Wellington und Napoleon! Es ist ein wunderbares Phänomen, dass der menschliche Geist sich Beide zu gleicher Zeit denken kann. Es giebt keine größren Kontraste als diese Beiden, schon in ihrer äußern Erscheinung. Wellington, das dumme Gespenst mit einer aschgrauen Seele in einem steiflcinerncn Körper, ein hölzernes Lächeln in dem frierenden Gesichte — daneben denke man sich das Bild Napoleon's, jeder Zoll ein Gott! — 140 Nie schwindet dieses Bild aus meinem Gedächtnisse. Ich sehe ihn immer noch hoch zu Ross, mit den ewigen Augen in dem marmornen Jmpe- ratorgcsichtc, schicksalruhig hinabblicken auf die vor- beidefilierendcn Garden — er schickte sie damals nach Russland, und die alten Grenadiere schauten zu ihm hinauf so schauerlich ergeben, so mitwis- send ernst, so todesstolz — N Seine Füße Beschritten Oceane; sein empor- Gcstrcckter Arm nmsauste eine Welt; Der Harmonie der Sphären glich die Stimme, Wenn sie den Freunden tönte; wenn er meint' Den Erdkreis zu bezähmen, zu erschüttern, Wie Donner rasselnd. Seine Güte kannte Den Winter nie; sie war ein Herbst, der stets Durch Ernten reicher ward. Delphinen gleich War sein Ergötzen, die den Rücken ob Dem Elemente zeigen, das sie hegt. Es wandelten in seiner Liverei Der Königs- und der Fürstenkroncn viel'. Und Königreich' und Inseln sielen ihm Wie Münzen aus der Tasche. Diese Cleopatra ist ein Weib. Sic liebt und verrnth zu gleicher Zeit. Es ist ein Jrrthum zu glauben, dass die Weiber, wenn sie uns vcrrathcn, auch aufgehört haben uns zu lieben. Sie folgen nur ihrer augcbornen Natur; und wenn sie auch nicht den verbotenen Kelch leeren wollen, so möchten sie doch manchmal ein bischen nippen, an dem Rande lecken, um wenigstens zu kosten, wie Gift schmeckt. Nächst Shakspeare, in vorliegender Tragödie, hat dieses Phänomen Niemand so gut geschildert wie unser alter Abbe Prevost in seinem Romane „Manon de Lcscant". Die Intuition des größten Dichters stimmt hier übcrcin mit der nüchternen Beobachtung des kühlsten Prosaikers. In, diese Cleopatra ist ein Weib, in der holdseligsten und vermaledeitesten Bedeutung des Wortes ! Sie erinnert mich an jenen Ausspruch Lcssing's: Als Gott das Weib schuf, nahm er den Thon zu fein! Die Übcrzarthcit seines Stoffes verträgt sich nun selten mit den Ansprüchen des Lebens. Dieses Geschöpf ist zu gut und zu schlecht für diese Welt. Die lieblichsten Vorzüge werden hier die Ursache der verdrießlichsten Gebrechen. Mit entzückender Wahrheit schildert Shakspeare schon gleich beim Auftreten der Cleopatra den bunten flatterhaften Launcngcist, der im Kopfe der schönen Königin beständig rumort, nicht selten in den bedenklichsten Fragen und Gelüsten übersprudelt, und vielleicht eben als der letzte Grund von all ihrem Thun und Lassen zu betrachten ist. Nichts ist charakteristischer als die fünfte Scene des ersten Akts, wo sie von ihrer Kammcrjnngfer verlangt, dass sie ihr Mandragora zu trinken gebe, damit dieser Schlaf- trunk ihr dic Zeit ausfülle, während Antonius entfernt. Dann plagt sie der Teufel, ihren Kastraten Mardian zu rufen. Er fragt untcrthänig, was seine Gebieterin begehre. Singen will ich dich nicht hören, antwortet sie, denn Nichts gefällt mir jetzt, was Eunuchen eigen ist — aber sage mir: Fühlst du denn Leidenschaft? Mardian. Ja, holde Königin! Cleop atra. In Wahrheit? Mardian. Nicht in Wahrheit; Denn Nichts vermag ich, als- was in der Wahrheit Mit Anstand kann gcschchn, und doch empfind' Ich heft'gc Triebe, denk' auch oft an Das, Was Mars mit Venus that. Cleopatra. O Charmian! Wo, glaubst du, ist er jetzt? Steht oder sitzt er? Geht er umher? besteigt er jetzt sein Ross? Beglücktes Ross, das seine Last erträgt! Sei tapfer, Ross! denn weißt du, wen du trägst? Der Erde halben Atlas! Ihn, den Arm, Den Helm der Menschen! Sprechen wird er oder H ein e's Werke. Vd. III. 15 - 226 — Wird murmeln jetzt: Wo ist nun meine Schlange Des alten Nil's? — Denn also nennt er mich. Soll ich, ohne Furcht vor diffamatorischcm Misslächeln, meinen ganzen Gedanken aussprechen, so mnss ich ehrlich bekennen: dieses ordnungslose Fühlen und Denken der Cleopatra, welches eine Folge des ordnungsloscn, müßigen und beunruhigten Lebenswandels, erinnert mich an eine gewisse Klasse verschwenderischer Frauen, deren kostspieliger Haushalt von einer außerehelichen Freigebigkeit bestritten wird, und die ihre Titulargattcn sehr oft mit Liebe und Treue, nicht selten auch mit bloßer Liebe, aber immer mit tollen Launen plagen und beglücken. Und war sie denn im Grunde etwas Anders, diese Cleopatra, die wahrlich mit ägyptischen Kroncin- künftcn nimmermehr ihren unerhörten Luxus bezahlen konnte, und von dem Antonius, ihrem römischen Entretcncur, die erpresstcn Schätze ganzer Provinzen als Geschenke empfing, und im eigentlichen Sinne des Wortes eine unterhaltene Königin war! In dem aufgeregten, unstäten, aus lauter Extremen zusammengewürfelten, drückend schwülen Geiste der Cleopatra wetterleuchtet ein sinnlich wilder, schwefelgelber Witz, der uns mehr erschreckt 227 — als ergötzt. Plutarch giebt uns einen Begriff von diesem Witze, der sich mehr in Handlungen als in Worten ausspricht, und schon in der Schule lachte ich mit ganzer Seele über den mystificicrtcn Antonius, der mit seiner königlichen Geliebten auf den Fischfang ausfuhr, aber an seiner Schnur lauter eingcsalzenc Fische heraufzog; denn die schlaue Ägypterin hatte heimlich eine Menge Taucher bestellt, welche unter dem Wasser an dem Angelhaken des verliebten Römers jedesmal einen eingcsalzcncn Fisch zu befestigen wussten. Freilich, unser Lehrer machte bei dieser Anekdote ein sehr ernsthaftes Gesicht, und tadelte nicht wenig den frevelhaften Mermuth, womit die Königin das Leben ihrer Untcrthancn, jener armen Taucher, aufs Spiel setzte, um den besagten Spaß auszuführen; unser Lehrer war überhaupt kein Freund der Cleopatra, und er machte uns sehr nachdrücklich darauf aufmerksam, wie sich der Antonius durch dieses Weib seine ganze Staats-Kar- risrc verdarb, in häusliche Unannehmlichkeiten verwickelte, und endlich ins Unglück stürzte. Ja, mein alter Lehrer hatte Recht, es ist äußerst gefährlich, sich mit einer Person, wie die Cleopatra, in ein näheres Verhältnis einzulassen. Ein Held kann dadurch zu Grunde gehen, aber auch nur ein 15» — 228 — Held. Der lieben Mittelmäßigkeit droht hier, wie überall, keine Gefahr. Wie der Charakter der Cleopatra, so ist auch ihre Stellung eine äußerst witzige. Dieses launische, lustsüchtige, wetterwendische, fieberhaft kokette Weib, diese antike Pariserin, diese Göttin des Lebens, gaukelt und herrscht über Ägypten, dem schweigsam starren Todtenland... Ihr kennt es wohl, jenes Ägypten, jenes geheimnisvolle Mizraim, jenes enge Nilthal, das wie ein Sarg aussieht ... Im hohen Schilfe greint das Krokodil oder das ausgesetzte Kind der Offenbarung . . . Felsentcmpel mit kolossalen Pfeilern, woran heilige Thierfratzen lehnen, hässlich bunt bemalt ... An der Pforte nickt der hiero- glyphenmützigc Jsismönch ... In üppigen Villas halten die Mumien ihre Siesta, und die vergoldete Larve schützt sie vor den Fliegcnschwärmen der Verwesung. . . Wie stumme Gedanken stehen dort die schlanken Obelisken und die plumpen Pyramiden ... Im Hintergrund grüßen die Mondberge Äthiopiens, welche die Quellen des Nil's verhüllen . .. Überall Tod, Stein und Geheimnis . . . Und über dieses Land herrschte als Königin die schöne Cleopatra. Wie witzig ist Gott! — 229 — Lavinia. (Titus Andronikns.) In „Julius Cäsar" sehen wir die letzten Zuckungen des republikanischen Geistes, der dem Aufkommen der Monarchie vergebens entgegcnkämpft; die Republik hat sich überlebt, und Brutus und Cassius können nur den Mann ermorden, der zuerst nach der königlichen Krone greift, keineswegs aber vermögen sie das Königthum zu tödten, das in den Bedürfnissen der Zeit schon tief wurzelt. In Antonius und Cleopatra sehen wir, wie, statt des einen gefallenen Cäsar's, drei andre Cäsaren nach der Weltherrschaft die kühnen Hände strecken; die Prin- cipienfragc ist gelöst, und der Kampf, der zwischen diesen Trinmvirn ausbricht, ist nur eine Pcr- soncnfrage: Wer soll Imperator sein, Herr über alle Menschen und Lande? Die Tragödie, betitelt „Titus Andronikus," zeigt uns, dass auch diese 230 unbeschränkte Alleinherrschaft im römischen Reiche dem Gesetze aller irdischen Erscheinungen folgen, nämlich in Verwesung übergehen mnsstc, und Nichts gewährt einen so widerwärtigen Anblick wie jene späteren Cäsaren, die dem Wahnsinn und dem Verbrechen der Neroncn und Caligulen noch die windigste Schwächlichkeit hinzufügten. Diesen, den Neroncn und Caligulen, schwindelte auf der Höhe ihrer Allmacht; sich erhaben dünkcnd über alle Menschlichkeit, wurden sie Unmenschen; sich selber für Götter haltend, wurden sie gottlos; ob ihrer Ungeheuerlichkeit aber können wir vor Erstannen sie kaum mehr nach vernünftigen Maßstäben bcur- thcilcn. Die späteren Cäsaren hingegen sind weit mehr Gegenstünde unseres Mitleids, unseres Unwillens, unseres Ekels; es fehlt ihnen die heidnische Selbstvergöttcrung, der Rausch ihrer alleinigen Majestät, ihrer schauerlichen Unvcrantwortlichkeit . . . Sie sind christlich zerknirscht, und der schwarze Beichtiger hat ihnen ins Gewissen geredet, und sie ahnen jetzt, dass sie nur armselige Würmer sind, dass sie von der Gnade einer höhern Gottheit abhängen, und dass sie einst für ihre irdischen Sünden in der Hölle gesotten und gebraten werden. Oblcich in „Titus Androniküs" noch das äußere Gepränge des Hcidcnthnms waltet, so offenbart — 231 — sich doch in diesem Stück schon der Charakter der spätem christlichen Zeit, und die moralische Verkehrtheit in allen sittlichen und bürgerlichen Dingen ist schon ganz byzantinisch. Dieses Stück gehört sicher zu Shakspeare's frühesten Erzeugnissen, obgleich manche Kritiker ihm die Autorschaft streitig machen; es herrscht darin eine Unbarmherzigkcit, eine schneidende Vorliebe für das Hässliche, ein titanisches Hadern mit den göttlichen Mächten, wie wir Dergleichen in den Erstlingswerken der größten Dichter zu finden pflegen. Der Held, im Gegensatz zu seiner ganzen demoralisierten Umgebung, ist ein echter Römer, ein Überbleibsel aus der alten starren Periode. Ob dergleichen Menschen damals noch existierten? ES ist möglich; denn die Natur liebt es von allen Kreaturen, deren Gattung untergeht oder sich transformiert, noch irgend ein Exemplar aufzubewahren, und sei es auch als Versteinerung, wie wir Dergleichen auf Bcrgeshöhcn zu finden Pflegen. Titus AndronikuS ist ein solcher versteinerter Römer, und seine fossile Tugend ist eine wahre Kuriosität zur Zeit der spätesten Cäsaren. Die Schändung und Verstümmelung seiner Tochter Lavinia gehört zu den entsetzlichsten Scenen, die sich bei irgend einem Autor finden. Die Geschichte der Philomelc in den Verwandlungen des — 232 — Ovidius ist lange nicht so schauderhaft; denn der unglücklichen Römerin werden sogar die Hände abgehackt, damit sie nicht die Urheber des grausamsten Bubenstücks vcrrathen könne. Wie der Vater durch seine starre Männlichkeit, so mahnt die Tochter durch ihre hohe Weibcswürde an die sittlichere Vergangenheit; sie scheut nicht den Tod, sondern die Entehrung, und rührend sind die keuschen Worte, womit sie ihre Feindin, die Kaiserin Tamora, um Schonung anfleht, wenn die Söhne Derselben ihren Leib beflecken wollen: Nur schnellen Tod erfleh' ich! — und noch Eins, Was Weiblichkeit zu nennen mir verweigert: Entzieh mich ihrer Wollust, schrecklicher Als Mord für mich, und wälze meine Leiche In eine garst'gc Grube, wo kein Auge Des Mannes jemals meinen Körper sieht. O, Dies erfüll, und sei erbarmungsvoll Als Mörderin! In dieser jungfräulichen Reinheit bildet La- vinia den vollendeten Gegensatz zu der erwähnten Kaiserin Tamora; hier, wie in den meisten seiner Dramen, stellt Shakspcare zwei ganz gemüthsver- schiedene weibliche Gestalten neben einander, und veranschaulicht uns ihren Charakter durch den Kontrast. Dieses sahen wir schon in „Antonius und Cleopatra," wo neben der weißen, kalten, sittlichen, erzprosaischcn und häuslichen Octavia unsere gelbe, ungezügelte, eitle und inbrünstige Ägypterin desto plastischer hervortritt. Aber auch jene Tamara ist eine schöne Figur, und es dünkt mir eine Ungerechtigkeit, dass der englische Grabstichel in gegenwärtiger Galerie Shak- spcare'scher Frauen ihr Bildnis nicht eingezeichnet hat. Sie ist ein schönes majestätisches Weib, eine bezaubernd imperatorischc Gestalt, auf der Stirne das Zeichen der gefallenen Göttlichkeit, in den Augen eine wcltverzehrcnde Wollust, prachtvoll lasterhaft, lechzend nach rothem Blut. Weitblickend milde, wie unser Dichter sich immer zeigt, hat er schon in der ersten Sccne, wo Tamara erscheint, alle die Greuel, die sie später gegen Titus Andro- nikus ausübt, im Voraus jnstificicrt. Denn dieser starre Römer, ungerührt von ihren schmerzlichsten Mntterbittcn, lässt ihren geliebten Sohn gleichsam vor ihren Augen hinrichten; sobald sie nun in der werbenden Gunst des jungen Kaisers die Hoffnungsstrahlen einer künftigen Rache erblickt, ent- ringcln sich ihren Lippen die jauchzend finstcrn Worte: — 234 — Ich will es ihnen zeigen, was es heißt, Wenn eine Königin ans den Straßen kniet, Und Gnad' umsonst erfleht. Wie ihre Grausamkeit entschuldigt wird durch das erduldete Übermaß von Qualen, so erscheint die metzcnhaftc Liederlichkeit, womit sie sich sogar einem scheußlichen Mohren hingicbt, gewissermaßen veredelt durch die romantische Poesie, die sich darin ausspricht. Ja, zu den schauerlich süßesten Zaubergcmäldcn der romantischen Poesie gehört jene Sccnc, wo während der Jagd die Kaiserin Tamora ihr Gefolge verlassen hat, und ganz allein im Walde mit dem geliebten Mohren zusammentrifft. Warum so traurig, holder Aaron? Da doch umher so heiter Alles scheint. Die Vögel singen überall im Busch, Die Schlange liegt im Sonnenstrahl gerollt, Das grüne Laub bebt von dem kühlen Hauch, Und bildet bunte Schatten auf dem Boden. Im süßen Schatten, Aaron, last uns sitzen, Jndcss das Echo schwatzhaft Hunde äfft, Und wicdcrhallt der Horner hellen Klang, Als sei die Jagd verdoppelt; — lass uns sitzen, — 235 — Und horchen auf das gellende Getöse. Nach solchem Zweikampf, wie der war, den Dido — Erzählt man — mit Äneas einst gcnoss, Als glücklich sie ein Sturmwind überfiel, Und die verschwiegne Grotte sie verbarg, Laß uns verschlungen Beide, Arm in Arm, Wenn wir die Lust genossen, goldnem Schlaf Uns überlassen; während Hund und Horn Und Vögel mit der süßen Melodie Uns Das sind, was der Amme Lied ist, die Damit das Kindlcin lullt und wiegt zum Schlaf. Während aber Wollustgluthen aus den Augen der schönen Kaiserin hervorlodern, und über die schwarze Gestalt des Mohren wie lockende Lichter, wie züngelnde Flammen ihr Spiel treiben, denkt Dieser an weit wichtigere Dinge, an die Ausführung der schändlichsten Jntriguen, und seine Antwort bildet den schroffsten Gegensatz zu der brünstigen Anrede Tnmora's. — 236 — Constanze. (König Johann,) Es war am 29. August des Jahrs 1827 nach Christi Geburt, als ich im Theater zu Berlin bei der ersten Vorstellung einer neuen Tragödie vom Herrn E. Raupach allmahlig einschlief. Für das gebildete Publikum, das nicht ins Theater geht und nur die eigentliche Literatur kennt, muss ich hier bemerken, dass benannter Herr Raupach ein sehr nützlicher Mann ist, ein Tragödien- und Komödien-Lieferant, welcher die Berliner Bühne jeden Monat mit einem neuen Meisterwerke versieht. Die Berliner Bühne ist eine vortreffliche Anstalt und besonders nützlich für Hcgel'schc Philosophen, welche des Abends von dem harten Tagwerk des Denkens ausruhen wollen. Der Geist erholt sich dort noch weit natürlicher als bei Wisotzki. Man geht ins Theater, streckt sich nachlässig hin auf die sammtnen Bänke, lorgniert die Augen seiner Nachbarinnen oder die Beine der eben auftretenden Mimin, und wenn die Kerls von Komödianten nicht gar zu laut schreien, schläft man ruhig ein, wie ich es wirklich gethan am 29. August des Jahres 1827 nach Christi Geburt. Als ich erwachte, war Alles dunkel rund um mich her, und bei dem Scheine einer mattflimmernden Lampe erkannte ich, dass ich mich ganz allein im leeren Schauspielhause befand. Ich beschloss, den übrigen Thcil der Nacht dort zu verbringen, suchte wieder gelinde einzuschlafen, welches mir aber nicht mehr so gut gelang wie einige Stunden vorher, als der Mohnduft der Raupach'schen Verse mir in die Nase stieg; auch störte mich allzusehr das Knis- pern und Gepiepse der Mäuse. Unfern vom Orchester raschelte eine ganze Mäusekolonie, und da ich nicht bloß Raupach'sche Verse, sondern auch die Sprache aller übrigen Thiers verstehe, so erlauschte ich ganz unwillkürlich die Gespräche jener Mäuse. Sie sprachen über Gegenstände, die ein denkendes Geschöpf am meisten interessieren müssen: über die letzten Gründe aller Erscheinungen, über das Wesen der Dinge an und für sich, über Schicksal und Freiheit des Willens, über die große Raupach'sche Tragödie, die sich kurz vorher mit allen möglichen Schrecknissen vor ihren eignen Augen entfaltet, entwickelt und geendigt hatte. Ihr jungen Leute, sprach laugsam ein alter Mauscrich, ihr habt nur ein einziges Stück oder nur wenige solcher Stücke gesehen, ich aber bin ein Greis, und habe deren schon sehr viele erlebt und sie alle mit Aufmerksamkeit betrachtet. Da habe ich nun gefunden, dass sie sich im Wesen alle ähnlich, dass sie fast nur Variationen desselben Themas sind, dass manchmal ganz dieselben Expositionen, Verwicklungen und Katastrophen vorkommen. Es sind immer dieselben Menschen und dieselben Leidenschaften, welche nur Kostüme und Ncdcfigurcn wechseln. Da sind immer dieselben Beweggründe des Handelns, Liebe oder Hass oder Ehrgeiz oder Eifersucht, der Held mag nun eine römische Toga oder einen altdeutschen Harnisch, einen Turban oder einen Filz tragen, sich antik oder romantisch gebärden, einfach oder geblümt, in schlechten Jamben oder in noch schlechtem Trochäen sprechen. Die ganze Geschichte der Menschheit, die man gern in verschiedene Stücke, Akte und Auftritte einthcilcn mochte, ist doch immer eine und dieselbe Geschichte; es ist eine nur maskierte Wiederkehr derselben Naturen und Ereignisse, ein organischer Kreislauf, der immer von vorne wieder anfängt; und wenn man — 239 — Das einmal gemerkt hat, so ärgert man sich nicht mehr über daö Böse, man frcnt sich anch nicht mehr allzustark über daö Gute, man lächelt über die Narrheit jener Heroen, die sich aufopfern für die Veredlung und Beglückung des Menschengeschlechts; man amüsiert sich mit weiser Gelassenheit. Ein kicherndes Stimmchcn, welches einem kleinen Spitzmänschcn zu gehören schien, bemerkte dagegen mit großer Hast: Auch ich habe Beobachtungen angestellt, und nicht bloß oon einem einzigen Standpunkte ans, ich habe mir keine springende Mühe verdrießen lassen, ich verließ das Parterre und betrachtete nur die Dinge hinter den Koulisscn, und da habe ich gar befremdliche Entdeckungen gemacht. Dieser Held, den ihr eben bewundert, der ist gar kein Held; denn ich sah, wie ein junger Bursch ihn einen besoffenen Schlingel nannte, und ihm diverse Fußtritte gab, die er ruhig einsteckte. Jene tugendhafte Prinzessin, die sich für ihre Tugend aufzuopfern schien, ist weder eine Prinzessin, noch tugendhaft; ich habe gesehen, wie sie ans einem Porzcllantöpfchen rothc Farbe genommen, ihre Wangen damit angestrichen, und Dieses galt nachher für Schamröthc; am Ende sogar warf sie sich gähnend in die Arme eines GardclicutcnantS, der ihr auf Ehre versicherte, dass sie aus seiner — 240 — Stubc einen jutcn Hcringsnlat nebst einem Glase Pnnsch finden würde. Was ihr für Donner und Blitz gehalten habt, Das ist nur das Rollen einiger Blcchwalzen und das Verbrennen einiger Loth gestoßenen Kolophoniums. Aber gar jener dicke ehrliche Bürger, der lauter Uncigcnnützigkcit und Großmnth zu sein schien, der zankte sich sehr geldgierig mit einem dünnen Menschen, den er Herr Generalintendant titulierte, und von dem er einige Thalcr Zulage verlangte. Ja, ich habe Alles mit eigenen Augen gesehen, und mit eigenen Ohren gehört; all das Große und Edle, das uns hier voragicrt wurde, ist Lug und Trug; Eigennutz und Selbstsucht sind die geheimen Triebfedern aller Handlungen, und ein vernünftiges Wesen lässt sich nicht täuschen durch den Schein. Hiergegen aber erhob sich eine seufzende, weinerliche Stimme, die mir schier bekannt dünkte, obgleich ich dennoch nicht wusste, ob sie einer männlichen oder weiblichen Maus gehörte. Sie begann mit einer Klage über die Frivolität des Zeitalters, jammerte über Unglauben und Zwcifelsucht, und beisteuerte Viel von ihrer Liebe im Allgemeinen. Ich liebe euch, seufzte sie, und ich sage euch die Wahrheit. Die Wahrheit aber offenbarte sich mir durch die Gnade in einer gewcihetcn Stunde. Ich schlich ebenfalls umher, die letzten Gründe der bunten Begebenheiten, die uns dieser Bühne vorüberzogen, zu cnträthseln und zu gleicher Zeit auch wohl ein Brotkrümchcn zu finden, um meinen leiblichen Hunger zu stillen; denn ich liebe euch. Da entdeckte ich Plötzlich ein ziemlich geräumiges Loch oder vielmehr einen Kasten, worin zusammengekauert ein dünnes, graues Männchen saß, welches eine Rolle Papier in der Hand hielt, und mit monotoner leiser Stimme alle die Reden ruhig vor sich hin sprach, welche oben auf der Bühne so laut und leidenschaftlich deklamiert wurden. Ein mystischer Schauer zog über mein Fell, trotz meiner Unwür- digkcit war ich doch begnadigt worden, das Allcr- heiligste zu erschauen, ich befand mich in der seligen Nähe des geheimnisvollen Unwesens, des reinen Geistes, welcher mit seinem Willen die Körpcrwelt regiert, mit seinem Wort sie schafft, mit dem Worte sie belebt, mit dem Worte sie vernichtet; denn die Helden auf der Bühne, die ich noch kurz vorher so stark bewundert, ich sah, dass sie nur dann mit Sicherheit redeten, wenn sie Sein Wort ganz gläubig nachsprachen, dass sie hingegen ängstlich stammelten und stotterten, wenn sie sich stolz von Ihm entfernt und Seine Stimme nicht vernommen hatten; Alles, sah ich, war nur abhängige Kreatur Heine'S Werke. Bd. III. lS von Ihm, Er war der Alleinsclbständigc in Scincm allcrheiligsten Kasten An jeder Scitc Seines Kostens erglühten die geheimnisvollen Lampen, erklangen die Violinen nnd tönten die Flöten, um Ihn her war Licht und Musik, Er schwamm in harmonischen Strahlen und strahlenden Harmonien, . . Doch diese Rede ward am Ende so näselnd und weinerlich wispernd, dass ich Wenig mehr davon verstehen konnte; nur mitunter hörte ich die Worte: Hüte mich vor Katzen nnd Mausefallen, —- gicd mir mein tägliches Brosämchcn, — ich liebe euch — In Ewigkeit! Amen. — Durch Mittheilung dieses Traumes möchte ich meine Ansicht über die verschiedenen philosophischen Standpunkte, von wo aus man die Weltgeschichte zu bcnrtheilcn Pflegt, meine Gedanken vcrrathcn, zugleich andeutend, warum ich diese leichten Blätter mit keiner eigentlichen Philosophie der englischen Geschichte befrachte. Ich will ja überhaupt die dramatischen Gedichte, worin Shakspeare die großen Begebenheiten der englischen Historie verherrlicht hat, nicht dogmatisch erläutern, sondern nur die Bildnisse der Frauen, die aus jenen Dichtungen hcrvorblühcn, mit einigen Wortarabesken verzieren. Da in diesen englischen Geschichtsdramen die Frauen Nichts weniger als die Hauptrollen spielen, und der Dichter sie nie austreten lässt, um, wie in andern Stücken, weibliche Gestalten und Charaktere zu schildern, sondern vielmehr weil die darzustellende Historie ihre Einmischung erforderte, so werde ich auch desto kärglicher von ihnen reden. Constanze beginnt den Reihen, und zwar mit schmerzlichen Gebärden. Wie die Nater cloloross. trägt sie ihr Kind auf dem Arme. . . Das arme Kind, durch welches Alles gebüßt wird. Was die Seinigcn verschuldet. Auf der Berliner Bühne sah ich einst diese trauernde Königin ganz vortrefflich dargestellt von der ehemaligen Madame Stich. Minder brillant war die gute Maria Luise, welche zur Zeit der Invasion auf dem französischen Hofthcatcr die Königin Constanze spielte. Indessen kläglich über alle Maßen zeigte sich in dieser Rolle eine gewisse Madame Karolinc, welche sich vor einigen Jahren in der Provinz, besonders in der Vcndoe, herumtrieb; es fehlte ihr nicht an Talent und Passion, aber sie hatte einen zu dicken Bauch, was einer Schauspielerin immer schadet, wenn sie heroische Königs- wittwcn tragieren soll. — iL» Lady Percy. (König Heinrich IV.) Ich träumte mir ihr Gesicht und überhaupt ihre Gestalt minder vollflcischig als sie hier konterfeit ist. Vielleicht aber kontrastieren die scharfen Züge und die schlanke Taille, die man in ihren Worten wahrnimmt, und welche ihre geistige Physiognomie offenbaren, desto interessanter mit ihrer wohlgeründctcn äußern Bildung. Sic ist heiter, herzlich und gesund an Leib und Seele. Prinz Heinrich möchte uns gern diese liebliche Gestalt verleiden, und parodiert sie und ihren Percy: „Ich bin noch nicht in Percy's Stimmung, dem Heißsporn des Nordens, der euch sechs bis sieben Dutzend Schotten zum Frühstück umbringt, sich die Hände wäscht und zu seiner Frau sagt: „Pfui über dies stille Leben! Ich muss zu thun haben." — „O, mein Herzcns-Hcinrich," sagt — 245 — sie, „wie Viele hast du heute umgebracht?" — „Gebt meinem Schecken zu saufen," und eine Stunde drauf antwortet er: „Ein Stückcr vierzehn; Baga- tell! Bagatell!" Wie kurz, so entzückend ist die Scene, wo wir den wirklichen Haushalt des Percy und seiner Frau sehen, wo diese den brausenden Helden mit den kecksten Liebcsworten zngclt: Komm, komm, du Papagei! antworte mir Geradezu auf Das, was ich dich frage. Ich breche dir den kleinen Finger, Heinrich, Willst du mir nicht die ganze Wahrheit sagen. Percy. Fort! Fort! Du Tändlerin! — Lieben? — Ich lieb' dich nicht. Ich frage nicht nach dir. Ist dies 'ne Welt Zum Puppenspielen und Mit-Lippcn-fechten? Nein, jetzo muss es blnt'ge Nasen geben, Zerbrochne Kronen, die wir doch im Handel Für voll anbringen. — Alle Welt, mein Pferd! Was sagst du, Käthchcn? wolltest du mir was? Lady Perey. Ihr liebt mich nicht? Ihr liebt mich wirklich nicht? Gut, lasst es nur; denn, weil Ihr mich nicht liebt. — 246 — Lieb' ich mich selbst nicht mehr. Ihr liebt mich nicht? Nein, sagt mir, ob DaS Scherz ist oder Ernst? Percy. Komm, willst mich reiten sehn? Wenn ich zu Pferde bin, so will ich schwören: Ich liebe dich unendlich. Doch höre, Käthchcn: Du musst mich ferner nicht mit Fragen gnnlcn, Wohin ich geh', noch rathen, was es soll. Wohin ich mnss, muss ich; und kurz zu sein, Heut Abend muss ich von dir, liebes Käthchcn. Ich kenne dich als weise, doch nicht weiser Als Heinrich Pcrey's Frau; standhaft bist du, Jedoch ein Weib, und an Verschwiegenheit Ist keine besser, denn ich glaube sicher: Du wirst nicht sagen, was du selbst nicht weißt — Und so weit, liebes Käthchcn, trau ich dir. Prinzessin Catharina. (König Heinrich V.) Hat Shakspcarc wirklich die Seme geschrieben, wo die Prinzessin Katharina Unterricht in der englischen Sprache nimmt, und sind überhaupt von ihm alle jene französischen Redensarten, womit sie John Bull ergötzt? Ich zweifle. Unser Dichter hätte dieselben komischen Effekte mittelst eines englischen Jargons hervorbringen können, um so mehr, da die englische Sprache die Eigenschaft besitzt, dass sie, ohne von den Regeln der Grammatik abzuweichen, durch bloße Anwendung romanischer Worte und Konstruktionen eine gewisse französische Gcistcsrichtnng hervortreten lassen kann. In ähnlicher Weise könnte ein englischer Schauspicldichter eine gewisse germanische Sinnesart andeuten, wenn er sich nur altsächsischcr Ausdrücke und Wendungen bedienen wollte. Denn die englische Sprache besteht aus zwei heterogenen Elementen, dem romanischen und dem germanischen Element, die, nur zusammengedrückt, nicht zu einem organischen Ganzen vermischt sind; und sie fallen leicht auseinander, und alsdann weiß man doch nicht genau zu bestimmen, auf welcher Seite sich das legitime Englisch befindet. Man vergleiche nur die Sprache des Doktor Johnson oder Addison's mit der Sprache Byron's oder Cobbctt's. Shakspeare hätte wahrlich nicht nöthig gehabt, die Prinzessin Catharina Französisch sprechen zu lassen. Dieses führt mich zu einer Bemerkung, die ich schon an einem andern Orte aussprach. Es ist nämlich ein Mangel in den geschichtlichen Dramen von Shakspeare, dass er den normannisch-französischen Geist des hohen Adels nicht mit dem säch- sisch-brittischcn Geist des Volks durch cigenthüm- lichere Sprachformcn kontrastieren lässt. Walter Scott that Dieses in seinen Romanen, und erreichte dadurch seine farbigsten Effekte. —- Der Künstler, der uns zu dieser Galerie das Konterfei der französischen Prinzessin geliefert, hat ihr, wahrscheinlich aus englischer Malice, weniger schöne als drollige Züge geliehen. Sie hat hier ein wahres Vogclgesicht, und die Augen sehen aus wie geborgt. Sind es etwa Papagcicnfedcrn, die — 249 — sie auf dem Haupte trägt, und soll damit ihre nachplappernde Gelehrigkeit angedeutet werde»? Sie hat kleine, weiße, neugierige Hände. Eitel Pntzliebe und Gefallsucht ist ihr ganzes Wesen, und sie weiß mit dem Fächer allerliebst zu spielen. Ich wette, ihre Füßchcn kokettieren mit dem Boden, worauf sie wandeln. Icaune d'Arr. (König Heinrich VI. Erster Theil.j Heil dir, großer deutscher Schiller, der du dns hohe Standbild wieder glorreich gesäubert hast von dem schmutzigen Witze Voltaire's und den schwarzen Flecken, die ihm sogar Shakspearc angedichtet! . . . Ja, war es brittischcr Nationalhass oder mittelalterlicher Aberglaube, was seinen Geist umnebelte, unser Dichter hat das heldenmüthigc Mädchen als eine Hexe dargestellt, die mit den dunkeln Mächten der Hölle verbündet ist. Er lässt die Dämonen der Unterwelt von ihr beschwören, und gerechtfertigt wird durch solche Annahme ihre gransame Hinrichtung. — Ein tiefer Unmuth crfasst mich jedesmal, wenn ich zu Ronen über den kleinen Marktplatz wandle, wo man die Jungfrau verbrannte, und eine schlechte Statue diese schlechte That verewigt. Qualvoll tödten! Das war also schon damals eure Handlungswcisc gegen überwundene Feinde! Nächst dem Felsen von St. Helena giebt der erwähnte Marktplatz von Ronen das empörendste Zeugnis von der Großmuth der Engländer. Ja, auch Shakspeare hat sich an der Pucellc versündigt, und wo nicht mit entschiedener Feindschaft, behandelt er sie doch unfreundlich und lieblos, die edle Jungfrau, die ihr Vaterland befreite! Und hätte sie es auch mit Hilfe der Hölle gcthan, sie verdiente dennoch Ehrfurcht und Bewunderung! Oder haben die Kritiker Recht, welche dem Stücke, worin die Pucelle auftritt, wie auch dem zweiten und dritten Theilc „Heinrichs VI.," die Autorschaft des großen Dichters absprechen? Sic behaupten, diese Trilogic gehöre zu den ältcrn Dramen, die er nur bearbeitet habe. Ich möchte gern, der Jungfrau von Orleans wegen, einer solchen Annahme beipflichten. Aber die vorgebrachten Argu mcntc sind nicht haltbar. Diese bestrittenen Dramen tragen in manchen Stellen allzu sehr das Vollge- präge des Shakspeare'schcn Geistes. Margaretha. (König Heinrich VI. Erster Theil.) Hier sehen wir die schöne Tochter des Grafen Reignicr noch als Mädchen. Suffolk tritt auf und führt sie vor als Gefangene, doch che er sich Dessen versieht, hat sie ihn selber gefesselt. Er mahnt uns ganz an den Rekruten, der von einem Wachtposten aus seinem Hauptmann cntgegenschrie: „Ich habe einen Gefangenen gemacht." — „So bringt ihn zu mir her," antwortete der Hauptmann. „Ich kann nicht," erwicdcrtc der arme Rekrut, „denn mein Gefangener lässt mich nicht mehr los." Suffolk spricht: Sei nicht beleidigt, Wunder der Natur! Von mir gefangen werden ist dein Laos. So schützt der Schwan die flaumbedccktcn Schwänlein, Mit seinen Flügeln sie gefangen haltend; Allein sobald dich kränkt die Sklaverei, So geh, und sei als Snffolk's Freundin frei. (Sie wendet sich weg, als wollte sie gehen.) O bleib! Mir fehlt die Kraft, sie zu entlassen, Bcfrcin will sie die Hand, das Herz sagt Nein. Wie auf krystallncm Strom die Sonne spielt Und blinkt mit zweitem nachgeahmten Strahl, So scheint die lichte Schönheit meinen Augen. Ich würbe gern, doch wag' ich nicht zu reden; Ich fodre Tint' und Feder, ihr zu schreiben. Pfui, De la Poolc! enthcrzc dich nicht selbst. Hast keine Zung'? ist sie nicht da? Verzagst du vor dem Anblick eines Weibs? Ach ja! der Schönheit hohe Majestät Verwirrt die Zung', und macht die Sinne wüst. Margaretha. Sag, Graf von Suffolk (wenn du so dich nennst), Was gilt's zur Lösung, eh' du mich cntlässcst? Denn wie ich seh', bin ich bei dir Gefangne. Suffolk Mseiti. Wie weißt du, ob sie deine Bitte weigert, Eh' du um ihre Liebe dich versucht? Margaretha. Du sprichst nicht. Was für Lösung muss ich zahlen? 254 — Snffolk Die Gunst der Frauen, wie das Glück überhaupt, ist ein freies Geschenk, man empfängt es, ohne zu wissen wie, ohne zu wissen warum. Aber es giebt Menschen, die es mit eisernem Willen vom Schicksal zu ertrotzen verstehen, und Diese gelangen zum Ziele, entweder durch Schmeichelei, oder indem sie den Weibern Schrecken einflößen, oder indem sie ihr Mitleiden anregen, oder indem sie ihnen Gelegenheit geben sich aufzuopfern . . . Letzteres, nämlich das Geopfertsein, ist die Lieblingsrolle der Weiber, und kleidet sie so schön vor den Leuten, und gewährt ihnen auch in der Einsamkeit so viel thränenrciche Wchmuthsgenüsse. Lady Anna wird durch alles Dieses zu gleicher Zeit bezwungen. Wie Honigseim gleiten die Schmei- chelwvrtc von den furchtbaren Lippen . . . Richard 271 schmeichelt ihr, derselbe Richard, welcher ihr alle Schrecken der Hölle einflößt, welcher ihren geliebten Gemahl und den väterlichen Freund getödtet, den sie eben zu Grabe bestattet ... Er befiehlt den Lcichcnträgcrn mit herrischer Stimme, den Sarg niederzusetzen, und in diesem Moment richtet er seine Liebeswerbung an die schöne Leidtragende... DaS Lamm ficht schon mit Entsetzen das Zähne- flctschen des Wolfes, aber dieser spitzt plötzlich die Schnauze zu den süßesten Schmeichcltönen... Die Schmeichelei des Wolfes wirkt so erschütternd, so berauschend auf das arme Lammgemüth, dass alle Gefühle darin eine plötzliche Umwandlung erleiden . . . Und König Richard spricht von seinem Kummer, von seinem Gram, so dass Anna ihm ihr Mitleid nicht versagen kann, um so mehr, da dieser wilde Mensch nicht sehr klagcsüchtig von Natur ist . . . Und dieser unglückliche Mörder hat Gewissensbisse, spricht von Reue, und eine gute Frau könnte ihn vielleicht ans den besseren Weg leiten, wenn sie sich für ihn aufopfern wollte . . . Und Anna entschließt sich, Königin von England zu werden. — 272 — Königin Cntharina. (König Heinrich VIII.) Ich hege ein unüberwindliches Vorurthcil gegen diese Fürstin, welcher ich dennoch die höchsten Tugenden zugestehen muss. Als Ehefrau war sie ein Muster häuslicher Treue. Als Königin betrug sie sich mit höchster Würde und Majestät. Als Christin war sie die Frömmigkeit selbst. Aber den Doktor Samuel Johnson hat sie zum übcrschwänglichsten Lobe begeistert, sie ist unter allen Shakspcarc'schen Frauen sein auserlesener Liebling, er spricht von ihr mit Zärtlichkeit und Rührung . . . Das ist nicht zu ertragen. Shakspearc hat alle Macht seines Genius aufgeboten, die gute Frau zu verherrlichen, doch diese Bemühung wird vereitelt, wenn man sieht, dass Dr. Johnson, der große Porterkrng, bei ihrem Anblick in süßes Entzücken gcräth und von Lobeserhebungen überschäumt. Wär' sie meine Frau, ich könnte mich von ihr scheiden lassen ob solcher Lobeserhebungen. Vielleicht war es nicht der Liebreiz von Anna Bullen, was den armen König Heinrich von ihr losriss, sondern der Enthusiasmus, womit sich irgend ein damaliger Dr. Johnson über die treue, würdevolle und fromme Cathariua aussprach. Hat vielleicht Thomas Morus, der bei all seiner Bortrcfflichkeit etwas pedantisch und ledern und unverdaulich wie Dr. Johnson war, zu sehr die Königin in den Himmel erhoben? Dem wackcrn Kanzler freilich kam sein Enthusiasmus etwas theuer zu stehen; der König erhob ihn desshalb selbst in den Himmel. Ich weiß nicht, was ich am meisten bewundern soll: dass Cathariua ihren Gemahl ganze fünfzehn Jahre lang ertrug, oder dass Heinrich seine Gattin während so langer Zeit ertragen hat? Der König war nicht bloß sehr launenhaft, jähzornig und in beständigem Widerspruch mit allen Neigungen seiner Frau —- Das findet sich in vielen Ehen, die sich trotzdem, bis der Tod allem Zank ein Ende macht, nnfs beste erhalten —- aber der König war auch Musiker und Theolog, und Beides in vollendeter Miserabilität. Ich habe unlängst als ergötzliche Kuriosität einen Choral von ihm gehört, der eben so schlecht war wie sein Traktat äs sspllsm snora- H eine'S Werke. Ad, NI. 18 inentis. Er hat gewiss mit seinen musikalischen Kompositionen und «einer theologischen Schriftstellerin die arme Frau sehr belästigt. Das Beste an Heinrich war sein Sinn für plastische Knust, und aus Vorliebe für das Schöne entstanden vielleicht seine schlimmsten Sympathien und Antipathien. Catharina von Arragonien war nämlich noch hübsch in ihrem viernndzwanzigsten Jahre, als Heinrich achtzehn Jahr alt war und sie heirathete, obgleich sie die Wittwe seines Bruders gewesen. Aber ihre Schönheit hat wahrscheinlich mit den Jahren nicht zugenommen, um so mehr da sie aus Frömmigkeit mit Gcißc'ung, Fasten, Nachtwachen und Betreibungen ihr Fleisch beständig kasteite. Über diese asketischen Übungen beklagte sich ihr Gemahl oft genug, und auch uns wären Dergleichen an einer Frau sehr fatal gewesen. Aber es gicbt nach einen andern Umstand, der mich in meinem Vorurthcil gegen diese Königin bestärkt: Sie war die Tochter der Jsabella von Kastilien und die Mutter der blutigen Maria. Was soll ich von dem Baume denken, der solcher bösen Saat entsprossen, und solche böse Frucht gebar? Wenn sich auch in der Geschichte keine Spuren ihrer Grausamkeit vorfinden, so tritt dennoch der wilde Stolz ihrer Race bei jeder Gelegenheit hervor, 275 wo sie ihren Rang vertreten oder geltend machen will. Trotz ihrer wohleiugcübtcu christlichen Dcmuth, gerieth sie doch jedesmal in einen fast heidnischen Zorn, wenn man einen Verstoß gegen die herkömmliche Etikette machte oder gar ihr den königlichen Titel verweigerte. Bis in den Tod bewahrte sie diesen unauslöschbarcn Hvchmuth, und auch bei Shakspcare sind ihre letzten Worte: Ihr sollt mich balsamieren, dann zur Schau Ausstellen, zwar cntköuigt, doch begrabt mich Als Königin und eines Königs Tochter. Ich kann nicht mehr! Z8» — 276 — Anna Bullen. (König Heinrich VIII.) Die gewöhnliche Meinung geht dahin, dass König Heinrich'S Gewissensbisse ob seiner Ehe mit Catharincn durch die Reize der schönen Anna entstanden seien. Sogar Shakspeare »erräth diese Meinung, und wenn in dem Krönnngszug die neue Königin auftritt, legt er einem jungen Edelmann folgende Worte in den Mund: . . . . . .... Gott sei mit dir! Solch süß Gesicht als deins erblickt' ich nie! Bei meinem Leben, Herr, sie ist ein Engel, Der König hält ganz Indien in den Armen, Und Viel, Viel mehr, wenn er dies Weib umfängt; Ich tadle sein Gewissen nicht. Von der Schönheit der Anna Bullen giebt uns der Dichter auch in der folgenden Scene einen — 277 — Begriff, wo er den Enthusiasmus schildert, den ihr Anblick bei der Krönung hervorbrachte. Wie sehr Shakspcarc seine Gebieterin, die hohe Elisabeth, liebte, zeigt sich vielleicht am schönsten in der Umständlichkeit, womit er die Krönungs- scicr ihrer Mutter darstellt. Alle diese Details sanktionieren das Thronrccht der Tochter, und ein Dichter wusstc die bestrittene Legitimität seiner Königin dem ganzen Publikum zu veranschaulichen. Aber diese Königin verdiente solchen Liebeseifcr! Sic glaubte ihrer KönigSwürdc Nichts zu vergeben, wenn sie dem Dichter gestattete, alle ihre Vorfahren, und sogar ihren eigenen Vater, mit entsetzlicher Unparteilichkeit auf der Bühne darzustellen! Und nicht bloß als Königin, sondern auch als Weib wollte sie nie die Rechte der Poesie beeinträchtigen; wie sie unserem Dichter in Politischer Hinsicht die höchste Redefreiheit gewährte, so erlaubte sie ihm auch die kecksten Worte in geschlechtlicher Beziehung, sie nahm keinen Anstoß an den ausgelassensten Witzen einer gesunden Sinnlichkeit, und sie, Urs inniäsn Husen, die königliche Jungfrau, verlangte sogar, dass Sir John Falstaff sich einmal als Liebhaber zeige. Ihrem lächelnden Wink verdanken wir „Die lustigen Weiber von Windsor." Shakspearc konnte seine englischen Geschichtsdramen nicht besser schließen, als indem er am Ende von „Heinrich VIII/' die ncugcborne Elisabeth, gleichsam die bessere Zukunft in Windeln, über die Bühne tragen lässt. Hat aber Shakspearc wirklich den Charakter Heinrich's VIII., des Vaters seiner Königin, ganz geschichtstreu geschildert? Ja, obgleich er die Wahrheit nicht in so grellen Lauten wie in seinen übrigen Dramen verkündete, so hat er sie doch jedenfalls ausgesprochen, und der leisere Ton macht jeden Vorwurf desto eindringlicher. Dieser Heinrich VIII. war der schlimmste aller Könige, denn während alle andere böse Fürsten nur gegen ihre Feinde wüthctcn, raste Jener gegen seine Freunde, und seine Liebe war immer weit gefährlicher als sein Hass. Die Ehcstaudsgcschichtcn dieses königlichen Blaubarts sind entsetzlich. In alle Schrecknisse derselben mischte er obendrein eine gewisse blödsinnig grauenhafte Galanterie. Als er Anna Bullen hinzurichten befahl, ließ er ihr vorher sagen, dass er für sie den geschicktesten Scharfrichter von ganz England bestellt habe. Die Königin dankte ihm gehorsamst für solche zarte Aufmerksamkeit, und in ihrer leichtsinnig heitern Weise umspannte sie mit beiden weißen Händen ihren Hals und rief: Ich bin sehr - 279 — leicht zn köpfen, ich hnb' nur ein kleines schmales Hälschen. Auch ist das Beil, womit man ihr das Haupt abschlug, nicht sehr groß. Man zeigte es mir in der Rüstkammer des Towers zu London, und während ich es in den Händen hielt, bcschlichen mich sehr sonderbare Gedanken. Wenn ich Königin von England wäre, ich ließe jenes Beil in die Tiefe des Occans versenken. Lady Macbeth. (Macbet h.) Von dm eigentlich historischen Dramen wende ich mich zu jenen Tragödien, deren Fabel entweder rein ersonnen oder aus alten Sagen und Novellen geschöpft ist. Macbeth bildet einen Übergang zu diesen Dichtungen, worin der Genius des großen Shakspcare am freicstcn und kecksten seine Flügel entfaltet. Der Stoff ist einer alten Legende entlehnt, er gehört nicht zur Historie, und dennoch macht dieses Stück einige Ansprüche an geschichtlichen Glauben, da der Ahnherr des königlichen Hauses von England darin eine Rolle spielte. Macbeth ward nämlich unter Jakob I. aufgeführt, welcher bekanntlich von dem schottischen Banquo abstammen sollte. In dieser Beziehung hat der Dichter auch einige Prophezeiungen zur Ehre der regierenden Dynastie seinem Drama eingewebt. — 281 - Macbeth ist ein Liebling der Kritiker, die hier Gelegenheit finden, ihre Ansichten über die antike Schicksalstragödic, in Vcrglcichung mit der Auffassung des Fatums bei modernen Tragikern, des Breitesten auseinander zu setzen. Ich erlaube mir über diesen Gegenstand nur eine flüchtige Bemerkung. Die Schicksalsidec des Shakspcare ist von der Idee des Schicksals bei den Alten in gleicher Weise verschieden, wie die wahrsagenden Frauen, die kro- ncnverhcißcnd in der alten nordischen Legende dem Macbeth begegnen, von jener Hcxcnschwcstcrschaft verschieden sind, die man in der Shakspcarc'schcn Tragödie auftreten sieht. Jene wundersamen Frauen in der alten nordischen Legende sind offenbar Walküren, schauerliche Luftgöttinncn, die, über den Schlachtfeldern cinhcrschwcbcnd, Sieg oder Niederlage entscheiden, und als die eigentlichen Lenkcrin- ncn des Mcnschenschicksals zu betrachten sind, da letzteres im kriegerischen Norden zunächst vom Ausgang der Schwertkämpfe abhängig war. Shakspcare verwandelte sie in unheilstiftcndc Hexen, entkleidete sie aller furchtbaren Grazie des nordischen Zanbcr- thnms, er machte sie zu zwitterhaften Missweibern, die ungeheuerlichen Spuk zu treiben wissen, und Verderben brauen aus hämischer Schadenfreude oder ans Geheiß der Hölle; sie sind die Dienerinnen des Bösen, und wer sich von ihren Sprüchen be- thörcn lässt, geht mit Leib und Seele zu Grunde. Shakspearc hat also die altheidnischen Schicksals- göttinncn und ihren ehrwürdigen Zaubersegen ins Christliche übersetzt, und der Untergang seines Helden ist daher nicht etwas vorausbcstimmt Noth- wendigcs, etwas starr Unabwendbares wie das alte Fatum, sondern er ist nur die Folge jener Lockungen der Hölle, die das Menschenherz mit den feinsten Netzen zu umschlingen weiß: Macbeth unterliegt der Macht des Satans, dem Urböscn. Interessant ist es, wenn man die Shakspearc'- schen Hexen mit den Hexen anderer englischen Dichter vergleicht. Man bemerkt, dass Shakspcare sich dennoch von der althcidnischcn Anschauungsweise nicht ganz losreißen konnte, und seine Zauber- schwestcrn sind daher auffallend grandioser und respektabler als die Hexen von Middlcton, die weit mehr eine böse Vettclnatur bekunden, auch weit kleinlichere Tücken ausüben, nur den Leib beschädigen, über den Geist wenig vermögen, und höchstens mit Eifersucht, Missgunst, Lüsternheit und ähnlichem GefühlSaussatz unsere Herzen zu überkrusten wissen. Die Renommee der Lady Macbeth, die man während zwei Jährhunderten für eine sehr böse — 283 — Person hielt, hat sich vor etwa zwölf Jahren in Deutschland sehr zu ihrem Vortheil verbessert. Der fromme Franz Horn machte nämlich im Brockhau- sischcu Konversations-Blatt die Bemerkung, dass die arme Lady bisher ganz verkannt worden, dass sie ihren Manu sehr liebte, und überhaupt ein liebevolles Gemüth besäße. Diese Meinung suchte bald darauf Herr Ludwig Ticck mit all seiner Wissenschaft, Gelahrtheit und philosophischen Tiefe zu unterstützen, und es dauerte nicht lange, so sahen wir Madame Stich auf der königlichen Hof- bühnc in der Rolle der Lady Macbeth so gefühlvoll girren und turteltäubeln, dass kein Herz in Berlin vor solchen Zärtlichkcitstöncn ungerührt blieb, und manches schöne Auge von Thränen überfloß beim Anblick der jutcn Macbeth. — Das geschah, wie gesagt, vor etwa zwölf Jahren, in jener sanften Rcstaurationszeit, wo wir so viel Liebe im Leibe hatten. Seitdem ist ein großer Bankrott ausgebrochen, und wenn wir jetzt mancher gekrönten Person nicht die übcrschwänglichc Liebe widmen, die sie verdient, so sind Leute daran Schuld, die, wie die Königin von Schottland, während der RestanrationS-Periode unsre Herzen ganz ausgc- bcntelt haben. — 284 — Ob man in Deutschland die Liebenswürdigkeit der besagten Lady noch immer verficht, weiß ich nicht. Seit der Juliusrcvolution haben sich jedoch die Ansichten in vielen Dingen geändert, und man hat vielleicht sogar in Berlin einsehen lernen, dass die jutc Macbeth eine sehr bcsc Bestie sint. — 285 — D p I) c l i n. (Hamlet.) Das ist die arme Ophelia, die Hamlet der Däne geliebt hat. Es war ein blondes schönes Mädchen, und besonders in ihrer Sprache lag ein Zanbcr, der mir schon damals das Herz rührte, als ich nach Wittenberg reisen wollte und zu ihrem Vater ging, um ihm Lebewohl zu sagen. Der alte Herr war so gütig, mir alle jene guten Lehren, wooon er selber so wenig Gebrauch machte, ans den Weg mitzugeben, und zuletzt rief er Ophelicn, dass sie uns Wein bringe zum Abschicdstrunk. Als das liebe Kind sittsam und anmuthig mit dem Kredenztellcr zu mir herantrat, und das strahlend große Auge gegen mich aufhob, griff ich in der Zerstreuung zu einem leeren statt zu einem gefüllten Becher. Sie lächelte über meinen Missgriff. Ihr Lächeln war schon damals so wundersam glänzend, — 286 — es zog sich über ihre Lippen schon jener berauschende Schmelz, der wahrscheinlich von den Kusselfen herrührte, die in den Mundwinkeln lauschten. Als ich von Wittenberg heimkehrte und das Lächeln Ophclia's mir wieder entgcgcnlcuchtctc, vergaß ich darüber alle Spitzfindigkeiten der Scholastik, und mein Nachgrübeln betraf nur die holden Fragen: Was bedeutet jenes Lächeln? Was bedeutet jene Stimme, jener geheimnisvoll schmachtende Flötenton? Woher empfangen jene Augen ihre seligen Strahlen? Äst es ein Abglanz des Himmels, oder erglänzt der Himmel nur von dem Wiederschein dieser Augen? Steht jenes Lächeln im Zusammenhang mit der stummen Musik des Sphärentanzcs, oder ist es nur die irdische Signatur der übersinnlichsten Harmonien? Eines Tages, als wir im Schlossgarten zu Helsingör uns ergingen, zärtlich scherzend und kosend, die Herzen in voller Schnsuchtsblüthe ... es bleibt mir unvcr- gesslich, wie bcttelhaft der Gesang der Nachtigallen abstach gegen die himmclhauchcndc Stimme Ophclia's, und wie armselig blöde die Blumen aussahen mit ihren bunten Gesichtern ohne Lächeln, wenn ich sie zufällig verglich mit dem holdseligen Munde Ophelia's! Die schlanke Gestalt, wie wand- lende Lieblichkeit schwebte sie neben mir einher. 287 Ach, Das ist der Fluch schwacher Menschen, dass sie jedesmal, wenn ihnen eine große Unbill widerfährt, zunächst an dem Besten und Liebsten, was sie besitzen, ihren Unmnth auslassen. Und der arme Hamlet zerstörte zunächst seine Vernunft, das herrliche Kleinod, stürzte sich durch verstellte Geistesverwirrung in den entsetzlichen Abgrund der wirklichen Tollheit, und quälte sein armes Mädchen mit höhnischen Stachelredcn . . . Das arme Ding! Das fehlte noch, dass der Geliebte ihren Vater für eine Ratte hielt und ihn todstach . . . Da musstc sie ebenfalls von Sinnen kommen! Aber ihr Wahnsinn ist nicht so schwarz und brütend düster wie der Hamlct'sche, sondern er gaukelt gleichsam besänftigend mit süßen Liedern um ihr krankes Haupt. . . . Ihre sanfte Stimme schmilzt ganz in Gesang, und Blumen und wieder Blumen winden sich durch all ihr Denken. Sie singt und flechtet Kränze und schmückt damit ihre Stirn, und lächelt mit ihrem strahlenden Lächeln, armes Kind!... Es neigt ein Weidenbaum sich übern Bach, Und zeigt im klaren Strom sein grünes Laub, Mit welchem sie phantastisch Kränze wand Von Hahnfnß, Nesseln, Maßlieb, Kuckucksblumen. Dort, als sie aufklomm, um ihr Laubgewindc Au deu gesenkten Ästen aufzuhängen, Zerbrach ein falscher Zweig, und nieder fielen Die rankenden Trophäen und sie selbst Ins weinende Gewässer. Ihre Kleider Verbreiteten sich weit, und trugen sie Sircnenglcich ein Weilchen noch empor, Jndess sie Stellen alter Weisen sang, Als ob sie nicht die eigne Roth begriffe, Wie ein Geschöpf, geboren und begabt Für dieses Element. Doch lange währt' es nicht, Bis ihre Kleider, die sich schwer getrunken. Das arme Kind von ihren Melodien Hinuntcrzogcn in den schlamm'gen Tod. Doch was erzähl' ich euch diese kummervolle Geschichte! Ihr kennt sie Alle von frühester Jugend, und ihr habt oft genug geweint über die alte Tragödie von Hamlet dem Dänen, welcher die arme Ophelia liebte, weit mehr liebte als tausend Brüder mit ihrer Gcsammtliebe sie zu lieben vermochten, und welcher verrückt wurde, weil ihm der Geist seines Vaters erschien, und weil die Welt aus ihren Angeln gerissen war und er sich zu schwach fühlte, um sie wieder einzufügen, und weil er im deutschen Wittenberg vor lauter Denken das Handeln verlernt hatte, und weil ihm die Wahl — 289 — stand, entweder wahnsinnig zu werden oder eine rasche That zu begehen, und weil er als Mensch überhaupt große Anlagen zur Tollheit in sich trug. Wir kennen diesen Hamlet wie wir unser eigenes Gesicht kennen, das wir so oft im Spiegel erblicken, und das uns dennoch weniger bekannt ist, als man glauben sollte; denn begegnete uns Jemand auf der Straße, der ganz so aussähe wie wir selber, so würden wir das befremdlich wohlbekannte Antlitz nur instinktmäßig und mit geheimem Schreck anglotzen, ohne jedoch zu merken, dass es unsere eignen Gesichtszüge sind, die wir eben erblickten. Heine's Werke. Bd. III. 19 — 290 — C o r d e l i a. (König Lear.) In diesem Stücke liegen Fußangeln und Selbstschüsse für den Leser, sagt ein englischer Schriftsteller. Ein Anderer bemerkt, diese Tragödie sei ein Labyrinth, worin sich der Kommentator verirren und am Ende Gefahr laufen könne, von dem Mi- notaur, der dort haust, erwürgt zu werden; er möge hier das kritische Messer nur zur Sclbstvcr- theidigung gebrauchen. Und in der That, ist es jedenfalls eine misslichc Sache, den Shakspcare zu kritisieren, ihn, ans dessen Worten uns beständig die schärfste Kritik unserer eignen Gedanken und Handlungen entgegen lacht: so ist es fast unmöglich, ihn in dieser Tragödie zu beurtheilen, wo sein Genius bis zur schwindligsten Höhe sich emporschwang. Ich wage mich nur bis an die Pforte dieses Wunderbans, nur bis zur Exposition, die schon gleich unser Erstaunen erregt. Die Expositionen sind überhaupt in Shakspcare's Tragödien bewunderungswürdig. Durch diese ersten Eingangs-Sce- nen werden wir schon gleich aus unseren Werkeltagsgefühlen und Zunftgedanken herausgerissen, und in die Mitte jener Ungeheuern Begebenheiten versetzt, womit der Dichter unsere Seelen erschüttern und reinigen will. So eröffnet sich die Tragödie des Macbeth mit der Begegnung der Hexen, und der weissagende Spruch Derselben unterjocht nicht bloß das Herz des schottischen Feldherrn, den wir siegestrunken auftreten sehen, sondern auch unser eignes Zuschaucrherz, das jetzt nicht mehr loskann, bis Alles erfüllt und beendigt ist. Wie in „Macbeth" das wüste, sinnebetäubende Grauen der blutigen Zaubcrwelt schon im Beginn uns erfasst, so überfröstelt uns der Schauer des bleichen Geistcrreichs bereits in den ersten Sccnen des „Hamlet," und wir können uns hier nicht loswinden von den gespenstischen Nachtgcfühlcn, von dem Alpdrücken der unheimlichsten Ängste, bis Alles vollbracht, bis Dänemarks Luft, die von Mcnschcnfäulnis geschwängert war, wieder ganz gereinigt ist. In den ersten Sccnen des „Lear" werden wir auf gleiche Weise unmittelbar hineingezogen in die fremden Schicksale, die sich vor unseren Augen IS« M ankündigen, entfalten und abschließen. Der Dichter gewährt uns hier ein Schauspiel, das noch entsetzlicher ist als alle Schrecknisse der Zaubcrwelt und des Gcistcrrcichs; er zeigt uns nämlich die menschliche Leidenschaft, die alle Vernunftdämmc durchbricht, und in der furchtbaren Majestät eines kö niglichen Wahnsinns hinaustobt, wetteifernd mit der empörten Natur in ihrem wildesten Aufruhr. Aber ich glaube, hier endet die außerordentliche Obmacht, die spielende Willkür, womit Shakspearc seinen Stoff immer bewältigen konnte; hier beherrscht ihn sein Genius weit mehr als in den erwähnten Tragödien, in „Macbeth" und „Hamlet," wo er mit künstlerischer Gelassenheit neben den dunkelsten Schatten der Gcmüthsnacht die rosigsten Lichter des Witzes, neben den wildesten Handlungen das heiterste Stilllcben hinmalcn konnte. Ja, in der Tragödie „Macbeth" lächelt uns eine sanfte befriedete Natur entgegen; an den Fenstcrflicscn des Schlosses, wo die blutigste Unthat verübt wird, kleben stille Schwalbennester; ein freundlicher schottischer Sommer, nicht zu warm, nicht zu kühl, weht durch das ganze Stück; überall schöne Bäume und grünes Laubwerk, und am Ende gar kommt ein ganzer Wald cinhcrmarschicrt, Birnam-Wald kommt nach Dunsinan. Auch in „Hamlet" kontrastiert die — 2W - liebliche Natur mit der Schwüle der Handlung; bleibt es auch Nacht in der Brust des Helden, so geht doch die Sonne darum nicht minder morgcn- röthlich ans, und Polonius ist ein amüsanter Narr, und es wird ruhig Komödie gespielt, und unter grünen Bäumen sitzt die arme Ophelia, und mit bunten, blühenden Blumen windet sie ihre Kränze. Aber in „Lear" herrschen keine solche Kontraste zwischen der Handlung und der Natur, und die ent- zügeltcn Elemente heulen und stürmen um die Wette mit dem wahnsinnigen König. Wirkt ein sittliches Ereignis ganz außerordentlicher Art auch auf die sogenannte leblose Natur? Befindet sich zwischen dieser und dem Mcnschcngemüth ein äußerlich sichtbares Wahlverhältnis? Hat unser Dichter Dergleichen erkannt und darstellen wollen? Mit der ersten Sccnc dieser Tragödie werden wir, wie gesagt, schon in die Mitte der Ereignisse geführt, und wie klar auch der Himmel ist, ein scharfes Auge kann das künftige Gewitter schon voraussehen. Da ist ein Wölkchen im Verstände Lear's, welches sich später zur schwärzesten Geistesnacht verdichten wird. Wer in dieser Weise Alles verschenkt, Der ist schon verrückt. Wie das Gemüth des Helden, so lernen wir auch den Charakter der Töchter schon in der Expositionsscene kennen, und — 294 — namentlich rührt uns schon gleich die schweigsame Zärtlichkeit Cordelia's, der modernen Antigene, die an Innigkeit die antike Schwester noch übertrifft. Ja, sie ist ein reiner Geist, wie es der König erst im Wahnsinn einsieht. Ganz rein? Ich glaube, sie ist ein bischen eigensinnig, und dieses Fleckchen ist ein Vatermal. Aber wahre Liebe ist sehr verschämt und hasst allen Wortkram; sie kann nur weinen und verbluten. Die wchmüthige Bitterkeit, womit Cordelia auf die Heuchelei der Schwestern anspielt, ist von der zartesten Art, und trägt ganz den Charakter jener Ironie, deren sich der Meister aller Liebe, der Held des Evangeliums, zuweilen bediente. Ihre Seele entladet sich des gerechtesten Unwillens und offenbart zugleich ihren ganzen Adel in den Worten: Fürwahr, nie hcirath' ich wie meine Schwestern, um bloß meinen Vater zu lieben. — 295 — Julie. (Romeo und Julie.) In der Thnt, jedes Shakspcare'schc Stück hat sein besonderes Klima, seine bestimmte Jahrszeit und seine lokalen Eigcnthümlichkeitcn. Wie die Personen in jedem dieser Dramen, so hat auch der Boden und der Himmel, der darin sichtbar wird, eine besondere Physiognomie. Hier, in „Romeo und Julie," sind wir über die Alpen gestiegen und befinden uns plötzlich in dem schönen Garten, welcher Italien heißt . . . Kennst du das Land, wo die Citroncn blnhn, Im dunkeln Laub die Goldorangen glühn? — Es ist das sonnige Verona, welches Shak- speare zum Schauplatze gewählt hat für die Groß- thatcn der Liebe, die er in „Romeo und Julie" ver- — 296 herrlichen wollte. Ja, nicht das benannte Menschen- Paar, sondern die Liebe selbst ist der Held in diesem Drama. Wir sehen hier die Liebe jugendlich übcr- müthig auftreten, allen feindlichen Verhältnissen Trotz bietend, und Alles besiegend . . . Denn sie fürchtet sich nicht, in dem großen Kampfe zu dem schrecklichsten aber sichersten Bundesgenossen, dem Tode, ihre Zuflucht zu nehmen. Liebe im Bündnisse mit dem Tode ist unüberwindlich. Liebe! Sie ist die höchste und siegreichste aller Leidenschaften. Ihre wcltbezwingende Stärke besteht aber in ihrer schrankenlosen Großmuth, in ihrer fast übersinnlichen Uneigennützigkcit, in ihrer ausopferungssüchtigcn Lebensvcrachtung. Für sie giebt es kein Gestern und sie denkt an kein Morgen . . . Sie begehrt nur des heutigen Tages, aber diesen verlangt sie ganz, unverkürzt, unvcrkümmert... Sic will Nichts davon aufsparen für die Zukunft und verschmäht die aufgewärmten Reste der Vergangenheit . . . „Vor mir Nacht, hinter mir Nacht" . . . Sie ist eine wandelnde Flamme zwischen zwei Finsternissen . . . Woher entsteht sie? . . . Aus unbegreiflich winzigen Fünkchcn! . . . Wie endet sie? .. . Sie erlöscht spurlos, eben so unbegreiflich... Je wilder sie brennt, desto früher erlöscht sie . . . Aber Das hindert sie nicht, sich ihren lodernden Trieben ganz hinzugeben, als dauerte ewig dieses Feuer . . . Ach, wenn mau zum zweitenmal im Leben von der großen Gluth crfasst wird, so fehlt leider dieser Glaube an ihre Unsterblichkeit, und die schmerzlichste Erinnerung sagt uns, dass sie sich am Ende selber aufzehrt . . . Daher die Verschiedenheit der Melancholie bei der ersten Liebe und bei der zweiten . . . Bei der ersten denken wir, dass unsere Leidenschaft nur mit tragischem Tode endigen müsse, und in der That, wenn nicht anders die cntgcgcu- drohendcn Schwierigkeiten zu überwinden sind, entschließen wir nns leicht, mit der Geliebten ins Grab zu steigen . . . Hingegen bei der zweiten Liebe liegt uns der Gedanke im Sinne, dass unsere wildesten und herrlichsten Gefühle sich mit der Zeit in eine zahme Lauheit verwandeln, dass wir die Augen, die Lippen, die Hüften, die uns jetzt so schauerlich begeistern, einst mit Gleichgültigkeit betrachten werden . . . Ach! dieser Gedanke ist melancholischer als jede Todesahnung! . . . Das ist ein trostloses Gefühl, wenn wir im heißesten Rausche au künftige Nüchternheit und Kühle denken, und aus Erfahrung wissen, dass die hochpoetischen heroischen Leidenschaften ein so kläglich prosaisches Ende nehmen! . . . — 298 — Diese hochpolitischen heroischen Leidenschaften! Wie die Thcatcrprinzcssinncn gebärden sie sich, und sind Hochroth geschminkt, prachtvoll kostümiert, mit funkelndem Geschmeide beladen, und wandeln stolz einher und deklamieren in gemessenen Jamben. . . Wenn aber der Vorhang fällt, zieht die arme Prinzessin ihre Werkeltagskleidcr wieder an, wischt sich die Schminke von den Wangen, sie muss den Schmuck dem Gardcrobcmcistcr überliefern, und schlotternd hängt sie sich an den Arm des ersten besten Stadtgerichtsrcfcrendarii, spricht schlechtes Berliner Deutsch, steigt mit ihm in eine Mansarde, und gähnt und legt sich schnarchend aufs Ohr, und hört nicht mehr die süßen Bethcuerungcn: „Sie spielten jettlich, auf Ehre!" . . . Ich wage es nicht, Shakspeare im mindesten zu tadeln, und nur meine Verwunderung möchte ich darüber aussprechen, dass er den Romeo erst eine Leidenschaft für Rosalindc empfinden lässt, ehe er ihn Julien zuführt. Trotzdem, dass er sich der zweiten Liebe ganz hingicbt, nistet doch in seiner Seele eine gewisse Skepsis, die sich in ironischen Redensarten kundgicbt, und nicht selten an Hamlet erinnert. Oder ist die zweite Liebe bei dem Manne die stärkere, eben weil sie alsdann mit klarem Selbst- bewusstscin gepaart ist? Bei dem Weibe giebt es keine zweite Liebe, seine Natur ist zu zart, als dass sie zweimal das furchtbarste Erdbeben des Gemüthes überstehen könnte. Betrachtet Julie! Wäre sie im Stande zum zweiten Male die übcrschwänglichcn Seligkeiten und Schrecknisse zu ertragen, zum zweiten Male, aller Angst Trotz bietend, den schauderhaften Kelch zu leeren? Ich glaube, sie hat genug am ersten Male, diese arme Glückliche, dieses reine Opfer der großen Passion. Julie liebt zum ersten Male, und liebt mit voller Gesundheit des Leibes und der Seele. Sie ist vierzehn Jahre alt, was in Italien so Viel gilt wie siebzehn Jahre nordischer Währung. Sic ist eine Roscnknospc, die eben vor unseren Augen von Romco's Lippen aufgeküsst ward, und sich in jugendlicher Pracht entfaltet. Sie hat weder aus weltlichen noch aus geistlichen Büchern gelernt, was Liebe ist; die Sonne hat es ihr gesagt, und der Mond hat es ihr wiederholt, und wie ein Echo hat es ihr Herz nachgesprochen, als sie sich nächtlich unbclauscht glaubte. Aber Romeo stand unter dem Ballone und hat ihre Reden gehört, und nimmt sie beim Wort. Der Charakter ihrer Liebe ist Wahrheit und Gesundheit. Das Mädchen athmet Gesundheit und Wahrheit, und es ist rührend anzuhören, wenn sie sagt: - 300 — Du weißt, die Nacht verschleiert mein Gesicht, Sonst färbte Mädcheuröthe meine Wangen Um Das, was du vorhin mich sagen hörtest. Gern hielt' ich streng auf Sitte, möchte gern Verleugnen, was ich sprach — doch weg mit Förmlichkeit! Sag, liebst du mich? Ich weiß, du wirst's bejahn, Und will dem Worte traun; doch wenn du schwörst, So kannst du treulos werden; wie sie sagen, Lacht Jupiter des Meineids der Verliebten. O holder Romeo, wenn du mich liebst, Sag's ohne Falsch! Doch dächtest du, ich sei Zu schnell besiegt, so will ich finster blicken, Will widerspenstig sein und Nein dir sagen, So du dann werben willst — sonst nicht um Alles. Gewiss, mein Montague, ich bin zu herzlich; Du könntest denken, ich sei leichten Sinns. Doch glaube. Mann, ich werde treuer sein Als sie, die fremd zu thnn geschickter sind. Auch ich, bekenn' ich, hätte fremd gethan, Wär' ich von dir, eh ich's gewahrte, nicht Belauscht in Liebesklagen. Drum vergieb! Schilt diese Hingebung nicht Flatterliebe, Die so die stille Nacht vcrrathcn hat! — 301 — Desdemon a. (Othello.) Ich habe oben beiläufig angedeutet, dass der Charakter des Romeo etwas HamlctischcS enthalte. In der That, ein nordischer Ernst wirft seine Streif- schattcn über dieses glühende Gemüth. Vergleicht man Julie mit Desdemona, so wird ebenfalls in Jener ein nordisches Element bemerkbar; bei aller Gewalt ihrer Leidenschaft bleibt sie doch immer ihrer selbst bewusst, und im klarsten Sclbstbcwusst- scin Herrin ihrer That. Julie liebt und denkt und handelt. Desdemona liebt und fühlt und gehorcht, nicht dem eignen Willen, sondern dem stärkern Antrieb. Ihre Vortrcfflichkeit besteht darin, dass das Schlechte auf ihre edle Natur keine solche Zwangsmacht ausüben kann wie das Gute. Sie wäre gewiss immer im Palazzo ihres Vaters geblieben, ein schüchternes Kind, den häuslichen Geschäften obliegend; aber die Stimme des Mohren drang in ihr Ohr, und obgleich sie die Augen niederschlug, sah sie doch sein Antlitz in seinen Worten, in seinen Erzählungen, oder wie sie sagt: „in seiner Seele" ... und dieses leidende, großmüthige, schöne, weiße Seelenantlitz übte auf ihr Herz den unwiderstehlich hinreißenden Zauber. Ja, er hat Recht, ihr Vater, Seine Wohlweisheit der Herr Senator Brabantio: eine mächtige Magie war Schuld daran, dass sich das bange zarte Kind zu dem Mohren hingezogen fühlte und jene hässlich schwarze Larve nicht fürchtete, welche der große Haufe für das wirkliche Gesicht Othello's hielt . . . Julia's Liebe ist thätig, Desdcmona's Liebe ist leidend. Sie ist die Sonnenblume, die selber nicht weiß, dass sie immer dem hohen Tagesgestirn ihr Haupt zuwendet. Sie ist die wahre Tochter des Südens, zart, empfindsam, geduldig, wie jene schlanken, großäugigen Frauenlichter, die aus sanskritischen Dichtungen so lieblich, so sanft, so träumerisch hcrvorstrahlen. Sie mahnt mich immer an die Sakontala des Kalidasa, des indischen Shak- speare's. Der englische Kupferstecher, dem wir das vorstehende Bildnis der Desdcmona verdanken, hat ihren großen Augen vielleicht einen zu starken Aus- — 303 - druck von Leidenschaft verliehen. Aber ich glaube bereits angedeutet zu haben, dass der Kontrast des Gesichtes und des Charakters immer einen interessanten Reiz ausübt. Jedenfalls aber ist dieses Gesicht sehr schön, und namentlich dem Schreiber dieser Blätter muss es sehr gefallen, da es ihn an jene hohe Schöne erinnert, die Gottlob! an seinem eignen Antlitz nie sonderlich gemäkelt hat und dasselbe bis jetzt nur in seiner Seele sah . . . Ihr Vater liebte mich, lud oft mich ein. Er fragte die Geschichte meines Lebens Von Jahr zu Jahr; Belagerungen, Schlachten Und jedes Schicksal, das ich überstand. Ich lief sie durch, von meinem Knabenalter Bis zu dem Augenblick, wo er gebot, Sic zu erzählen. Sprechen musst' ich da Von höchst unglücklichen Ereignissen, Von rührendem Geschick zu See und Land, Wie in der Bresche ich gewissem Tod Kaum um die Breite eines Haars entwischte; Wie mich ein trotz'ger Feind gefangen nahm, Der Sklaverei verkaufte; wie ich mich Daraus gelöst, und die Geschichte Dessen, Wie ich auf meinen Reisen mich benahm. Von öden Höhlen, unfruchtbaren Wüsten, — 304 — Von rauhen Gruben, Felsen, Hügeln, die Mit ihren Häuptern an den Himmel rühren, Hatt' ich sodann zn sprechen Anlast, auch Von Kannibalen, die einander fressen, Anthropophagcn, und dem Volke, dem Die Köpfe wachsen unter ihren Schultern. Von solchen Dingen zu vernehmen, zeigte Bei Dcsdcmona sich sehr große Neigung; Doch riefen Hausgeschäfte stets sie ab, Die sie beseitigte mit schnellster Hast; Kam sie zurück, mit gicr'gem Ohr verschlang sie, Was ich erzählte. Dies bemerkend, nahm Ich eine weiche Stunde wahr, und fand Gelegne Mittel, ihr aus ernster Brust Die Bitte zu entwinden: dast ausführlich Ich schildre ihr die ganze Pilgcrschaft, Von der sie stückweis Etwas wohl gehört, Doch nicht zusammenhängend. Ich gewährt' es, Und oft Hab' ich um Thräncn sie gebracht, Wenn ich von harten, traur'gcn Schlägen sprach, Die meine Jugend trafen. Auscrzählt, Lohnt eine Welt voll Seufzer meine Müh. Sie schwor: In Wahrheit, seltsam! mehr als seltsam ! Und kläglich sei es, kläglich wundersam! Sie wünschte, dast sie Nichts davon gehört, Und wünschte doch, dass sie der Himmel auch Zu solchem Mann gemacht. Sic dankte mir, Und bat, wofern ein Freund von mir sie liebe, Ihn nur zu lehren, wie er die Geschichte Von meinem Leben müss' erzählen; Dann wcrb' er sie. Ich sprach ans diesen Wink: Sic liebe mich, weil ich Gefahr bestand, Und weil sie mich bcdaure, lieb' ich sie. Dieses Trauerspiel soll eine der letzten Arbeiten Shakspcarc's gewesen sein, wie „Titus An- dronikus" für sein Erstlingswerk erklärt wird. Dort wie hier ist die Leidenschaft einer schönen Frau zn einem hässlichcn Mohren mit Vorliebe behandelt. Der reife Mann kehrte wieder zurück zu einem Problem, das einst seine Jugend beschäftigte. Hat er jetzt wirklich die Lösung gefunden? Ist diese Lösung eben so wahr als schön? Eine düstre Trauer crfasst mich manchmal, wenn ich dem Gedanken Raum gebe, dass vielleicht der ehrliche Zago mit seinen bösen Glossen über die Liebe Dcsdcmona's zu dem Mohren nicht ganz Unrecht haben mag. Am allcrwidcrwärtigstcn aber berühren mich Othcl- lo's Bemerkungen über die feuchten Hände seiner Gattin. Heinc'S Werke. Bd. III. 20 — 306 — Em eben so abenteuerliches und bedeutsames Beispiel der Liebe zu einem Mohren, wie wir in „Titus Andronikns" und „Othello" sehen, findet man in „Tausend und eine Nacht," wo eine schöne Fürstin, die zugleich eine Zauberin ist, ihren Gemahl in einer statucnähnlichen Starrheit gefesselt hält, und ihn täglich mit Ruthen schlügt, weil er ihren Geliebten, einen hässlichen Neger, getödtet hat. Herzzerreißend sind die Klagetöne der Fürstin am Lager der schwarzen Leiche, die sie durch ihre Zauberkunst in einer Art von Scheinleben zu erhalten weiß und mit verzwcifluugsvollcn Küssen bedeckt, und durch einen noch größeren Zauber, durch die Liebe, aus dem dämmernden Halbtode zu voller Lebens- wnhrheit erwecken möchte. Schon als Knabe frappierte mich in den arabischen Märchen dieses Bild leidenschaftlicher und unbegreiflicher Liebe. — 307 Jesjlka. (Der Kaufmann von Venedig.) Als ich dieses Stück in Drurylane aufführen sah, stand hinter mir in der Loge eine schöne blasse Brittin, welche am Ende des vierten Aktes heftig weinte und mehrmals ausrief: Ilm xoor man is rvronAsä! (dem armen Mann geschieht Unrecht!) Es war ein Gesicht vom edelsten griechischen Schnitt, und die Augen waren groß und schwarz. Ich habe sie nie vergessen können, diese großen und schwarzen Augen, welche um Shylock geweint haben! Wenn ich aber an jene Thräncn denke, so muss ich den „Kaufmann von Venedig" zu den Tragödien rechnen, obleich der Rahmen des Stückes von den heitersten Masken, Satyrbildern und Amoretten verziert ist, und auch der Dichter eigentlich ein Lustspiel geben wollte. Shakspeare hegte vielleicht 20» — 308 — die Absicht, zur Ergötzung des großen Haufcns eiucn gcdrilltcu Währwolf darzustcllcu, ein vcrhass- tcs Fabclgcschöpf, dos noch Blut lcchzt, und dabei seine Tochter und seine Dukaten einbüßt und obendrein verspottet wird. Aber der Genius des Dichters, der Weltgcist, der in ihm waltet, steht immer höher als sein Privatwille, und so geschah es, dass er in Shylock, trotz der grellen Fratzcnhaftigkcit, die Justifikation einer unglücklichen Sekte aussprach, welche von der Vorsehung aus geheimnisvollen Gründen mit dem Hass des Niedern und vornehmen Pöbels belastet worden, und diesen Hass nicht immer mit Liebe vergelten wollte. Aber was sag' ich? der Genius des Shak- spcare erhebt sich noch über den Kleinhader zweier Glaubensparteicn, und sein Drama zeigt uns eigentlich weder Inden noch Christen, sondern Unterdrücker und Unterdrückte und das wahnsinnig schmerzliche Aufjauchzen dieser Letzter», wenn sie ihren über- müthigen Quälern die zugefügten Kränkungen mit Zinsen zurückzahlen können. Von Rcligionsver- schicdenhcit ist in diesem Stücke nicht die geringste Spur, und Shakspcarc zeigt in Shylock nur einen Menschen, dem die Natur gebietet seinen Feind zu hassen, wie er in Antonio und dessen Freunden keineswegs die Jünger jener göttlichen Lehre schil- dcrt, die uns befiehlt unsere Feinde zu lieben. Wenn Shylock dein Manne, der von ihm Geld borgen will, folgende Worte sagt: Signor Antonio, viel und oftcrmals Habt Ihr auf dem Rialto mich geschmäht Um meine Gelder, und um meine Zinsen; Stets trug ich's mit geduld'gcm Achselzucken, Denn dulden ist das Erbtheil unscrs Stamms. Ihr scheltet mich abtrünnig, einen Bluthund, Und speit ans meinen jüdischen Rocklor, Und Alles, weil ich nutz', was mir gehört. Gut denn, nun zeigt sich's, Ihr braucht meine Hülfe; Ei freilich, ja, Ihr kommt zu mir, Ihr sprecht: „Shylock, wir wünschten Gelder." So sprecht Ihr, Der mir den Auswurf auf den Bart geleert. Und mich getreten, wie Ihr von der Schwelle Den fremden Hund stoßt; Geld ist Cur Begehren. Wie sollt' ich sprechen nun? Sollt' ich nicht sprechen: „Hat ein Hund Geld? Ist's möglich, dass ein Spitz Dreitausend Dukaten leihn kann?" Oder soll ich Mich bücken, und in eines Schuldners Ton, Demüthig wispernd, mit vcrhaltnem Odem, So sprechen: „Schöner Herr, am letzten Mittwoch Spiet Ihr mich an; Ihr tratet mich den Tag; Ein andermal hießt Ihr mich einen Hund — — 310 — Für diese Höflichkeiten will ich Euch Die und die Gelder lcihn" da antwortet Antonio: Ich könnte leichtlich wieder dich so nennen, Dich wieder anspein, ja mit Füßen treten. — Wo steckt da die christliche Liebe! Wahrlich, Shakspeare würde eine Satirc auf das Christenthum gemacht haben, wenn er es von jenen Personen repräsentieren ließe, die dem Shylock feindlich gegenüber stehen, aber dennoch kaum Werth sind, Demselben die Schuhricmen zu lösen. Der bankrotte Antonio ist ein weichliches Gcmüth ohne Energie, ohne Stärke des Hasses und also auch ohne Stärke der Liebe, ein trübes Wurmherz, dessen Fleisch wirklich zu nichts Besserm taugt, als „Fische damit zu angeln." Die abgcborgtcn dreitausend Dukaten stattet er übrigens dem geprellten Juden keineswegs zurück. Auch Bassanio gicbt ihm das Geld nicht wieder, und Dieser ist ein echter kortuu» Irrmtsr, nach dem Ausdruck eines englischen Kritikers; er borgt Geld, um sich etwas prächtig heraus- zustafficrcn und eine reiche Heirath, einen fetten Brautschatz zu erbeuten; denn, sagt er zu seinem Freunde: — 311 — Euch ist nicht unbekannt, Antonio, Wie sehr ich meinen Glncksstand Hab' erschöpft, Indem ich glänzender mich eingerichtet, Als meine schwachen Mittel tragen konnten. Auch jammr' ich jetzt nicht, dass die große Art Mir untersagt ist; meine Sorg' ist bloß. Mit Ehren von den Schulden loszukommen. Worin mein Leben, etwas zu vcrschwcndrisch. Mich hat verstrickt. — — Was gar den Lorenzo betrifft, so ist er der Mitschuldige eines der infamsten Hausdicbstähle, und nach dem preußischen Landrccht würde er zu fünfzehn Jahren Zuchthaus vcrurtheilt und gcbrand- markt und an den Pranger gestellt werden; obgleich er nicht bloß für gestohlene Dukaten und Juwelen, sondern auch für Natnrschönheiten, Landschaften im Mondlicht und für Musik sehr empfänglich ist. Was die andern edlen Vcnetianer betrifft, die wir als Gefährten des Antonio auftreten sehen, so scheinen sie ebenfalls das Geld nicht sehr zu hassen, und für ihren armen Freund, wenn er ins Unglück gcrathcn, haben sie Nichts als Worte, gemünzte Luft. Unser guier Pietist Franz Horn macht hierüber folgende sehr wässrigc, aber ganz richtige Bemerkung: „Hier ist nun billig die Frage aufzu- — 312 — werfen: wie war es möglich, dass es mit Antonio's Unglück so weit kam? Ganz Venedig kannte und schätzte ihn, seine guten Bekannten wussten genau um die furchtbare Verschrcibung, und dass der Jude auch nicht einen Punkt derselben würde auslöschen lassen. Dennoch lassen sie einen Tag nach dem andern verstreichen, bis endlich die drei Monate vorüber sind, und mit denselben jede Hoffnung auf Rettung. Es würde jenen guten Freunden, deren der königliche Kaufmann ja ganze Scharen um sich zu haben scheint, doch wohl ziemlich leicht geworden sein, die Summe von dreitausend Dukaten zusammen zu bringen, um ein Menschenleben — und welch eines! — zu retten; aber Dergleichen ist denn doch immer ein wenig unbequem, und so thnn die lieben guten Freunde, eben weil es nur sogenannte Freunde oder, wenn man will, halbe oder dreiviertel Freunde sind, — Nichts und wieder Nichts und gar Nichts. Sie bedauern den vortrefflichen Kaufmann, der ihnen früher so schöne Feste veranstaltet hat, ungemein, aber mit gehöriger Bequemlichkeit, schelten, was nur das Herz und die Zunge vermag, auf Shylock, was gleichfalls ohne alle Gefahr geschehen kann, und meinen dann vcr- muthlich Alle, ihre FrenndschaftSpflicht erfüllt zu haben. So sehr wir Shylock hassen müssen, so würden wir doch selbst ihm nicht verdenken können, wenn er diese Lenke ein wenig verachtete, was er denn anch wohl thun mag. Ja, er scheint znletzt auch den Graziano, den Abwesenheit entschuldigt, mit Jenen zu verwechseln und in Eine Klasse zu werfen, wenn er die frühere Thatlosigkeit und jetzige Wortfülle mit der schneidenden Antwort abfertigt: Bis du von meinem Schein das Siegel wegschiltst, Thnst du mit Schrein nur deiner Lunge weh. Stell deinen Witz her, guter junger Mensch, Sonst fällt er rettungslos in Trümmern dir. Ich stehe hier um Recht. Oder sollte etwa gar Lanzelot Gobbo als Repräsentant des Christenthnms gelten? Sonderbar genug, hat sich Shakspeare über letzteres nirgends so bestimmt geäußert wie in einem Gespräche, das dieser Schalk mit seiner Gebieterin führt. Auf Zcssika'ö Äußerung: „Ich werde durch meinen Mann selig werden, er hat mich zn einer Christin gemacht" antwortet Lanzelot Gobbo: „Wahrhaftig, da ist er sehr zu tadeln. Es gab unser vorher schon Christen gcnng, grade so — 314 - viele als neben einander gut bestehen konnten. Dies Christcnmachcn wird den Preis der Schweine steigern; wenn wir alle Schwcincflcischcsscr werden, so ist in Kurzem kein Schnittchcn Speck in der Pfanne für Geld mehr zu haben." Wahrlich, mit Ausnahme Porzia's ist Shhlock die respektabelste Person im ganzen Stück. Er liebt das Geld, er verschweigt nicht diese Liebe, er schreit sie aus auf öffentlichem Markte . . . Aber es giebt Etwas, was er dennoch höher schätzt als Geld, nämlich die Gcnugthuung für sein beleidigtes Herz, die gerechte Wiedervergcltung unsäglicher Schmähungen; und obgleich man ihm die erborgte Summe zehnfach anbietet, er schlägt sie aus, und die dreitausend, die zehnmal dreitausend Dukaten gereuen ihn nicht, wenn er ein Pfund Herzfleisch seines Feindes damit erkaufen kann. „Was willst du mit diesem Fleische?" fragt ihn Salarino. lind er antwortet: „Fisch' mit zu angeln. Sättigt es sonst Niemanden, so sättigt es doch meine Rache. Er hat mich beschimpft, mir eine halbe Million gehindert, meinen Verlust belacht, meinen Gewinn bespottet, mein Volk geschmäht, meinen Handel — 315 — gekreuzt, meine Freunde verleitet, meine Feinde gehetzt. Und was hat er für Grund? Ich bin ein Jude. Hat nicht ein Jude Augen? Hat nicht ein Jude Hände, Gliedmaßen, Werkzeuge, Sinne, Neigungen, Leidenschaften? Mit derselben Speise genährt, mit denselben Waffen verletzt, denselben Krankheiten unterworfen, mit denselben Mitteln geheilt, gewärmt und gekältet von eben dem Winter und Sommer, als ein Christ? Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht? Wenn ihr uns kitzelt, lachen wir nicht? Wenn ihr uns vergiftet, sterben wir nicht? Und wenn ihr uns beleidigt, sollen wir uns nicht rächen? Sind wir euch in allen Dingen ähnlich, so wollen wir's euch auch darin gleich thun. Wenn ein Jude einen Christen beleidigt, was ist seine Demuth? Rache. Wenn ein Christ einen Juden beleidigt, was muss seine Geduld sein nach christlichem Vorbild? Nu, Rache. Die Bosheit, die ihr mich lehrt, die will ich ausüben, und es muss schlimm hergchn, oder ich will es meinen Meistern zuvorthun." Nein, Shylock liebt zwar das Geld, aber es giebt Dinge, die er noch weit mehr liebt, unter andern auch seine Tochter, „Jessika, mein Kind." Obgleich er in der höchsten Leidenschaft des Zorns sic verwünscht und todt zn seinen Füßen liegen sehen möchte, mit den Juwelen in den Ohren, mit den Dukaten im Sarg, so liebt er sie doch mehr als alle Dukaten und Juwelen. Aus dem öffentlichen Leben, aus der christlichen Socictät zurückgedrängt in die enge Umfriedung häuslichen Glückes, blieben ja dem armen Inden nur die Familicn- gefühle, und diese treten bei ihm hervor mit der rührendsten Innigkeit. Den Türkis, den Ring, den ihm einst seine Gattin, seine Lea, geschenkt, er hätte ihn nicht „für einen Wald von Affen" hingegeben. Wenn in der Gcrichtssccnc Bassanio folgende Worte zum Antonio spricht: Ich Hab' ein Weib zur Ehe, und sie ist So lieb mir als mein Leben selbst, doch gilt Sic höher als dein Leben nicht bei mir. Ich gäbe Alles hin, ja opfert' Alles, Das Leben selbst, mein Weib und alle Welt, Dem Teufel da, um dich nur zu besrein — wenn Graziano ebenfalls hinzusetzt: Ich Hab' ein Weib, die ich, ans Ehre! liebe; Doch wünscht' ich sie im Himmel, könnt' sic Mächte Dort flchn, den hünd'schcn Juden zu erweichen — dann regt sich in Shylock die Angst ob dem Schicksal seiner Tochter, die unter Menschen, welche ihre Weiber aufopfern könnten für ihre Freunde, sich vcrhcirathct hat, und nicht laut, sondern „bei Seite" sagt er zu sich selber: So sind die Christcnmnnner! Ich Hab' 'nc Tochter; War' irgend wer vom Stamm des Barnabas Ihr Mann geworden, lieber als ein Christ! — Diese Stelle, dieses leise Wort begründet das Vcrdammungsurtheil, welches wir über die schöne Jessika aussprechen müssen. Es war kein liebloser Vater, den sie verließ, den sie beraubte, den sie vcrricth. . . . Schäudlichcr Vcrrath! Sic macht sogar gemeinschaftliche Sache mit den Feinden Shylock's, und wenn diese zu Bclmont allerlei Missrcdcn über ihn führen, schlägt Jessika nicht die Augen nieder, erbleichen nicht die Lippen Jcs- sika's, sondern Jessika spricht von ihrem Vater das Schlimmste. . . . Entsetzlicher Frevel! Sie hat kein Gemüth, sondern abenteuerlichen Sinn. Sie langweilte sich in dem streng verschlossenen „ehrbaren" Hause des bittermttthigcn Inden, das ihr endlich eine Hölle dünkte. Das lcichfcrtigc Herz ward allzusehr angezogen von den heiteren Tönen der Trommel und der quergchalstcn Pfeife. Hat - 318 — Shakspeare hier eine Jüdin schildern wollen? Wahrlich, nein; er schildert mir eine Tochter Eva's, einen jener schönen Vögel, die, wenn sie flügge geworden, aus dem väterlichen Neste fortflattern zu den geliebten Männchen. So folgte Desdemona dem Mohren, so Jmogen dem Postumus. Das ist weibliche Sitte. Bei Jessika ist besonders bemerkbar eine gewisse zagende Scham, die sie nicht überwinden kann, wenn sie Knabcntracht anlegen soll. Vielleicht in diesem Zuge möchte man jene sonderbare Keuschheit erkennen, die ihrem Stamme eigen ist, und den Töchtern desselben einen so wunderbaren Liebreiz verleiht. Die Keuschheit der Juden ist vielleicht die Folge einer Opposition, die sie von jeher gegen jenen orientalischen Sinnen- und Sinnlichkeitsdienst bildeten, der einst bei ihren Nachbaren, den Ägyptern, Phöniciern, Assyrcrn und Babylo- niern in üppigster Blüthe stand, und sich in beständiger Transformation bis auf heutigen Tag erhalten hat. Die Juden sind ein keusches, enthaltsames, ich möchte fast sagen: abstraktes Volk, und in der Sittcnrciuheit stehen sie am nächsten den germanischen Stämmen. Die Züchtigkeit der Frauen bei Juden und Germauen ist vielleicht von keinem absoluten Wcrthe, aber in ihrer Erscheinung macht sie den lieblichsten, anmuthigsten und rührendsten Eindruck. Rührend bis zum Weinen ist es, wenn z. B. nach der Niederlage der Cimbern und Teutonen die Frauen derselben den Marius anflehen, sie nicht seinen Soldaten, sondern den Pricsterinuen der Vesta als Sklavinnen zu übergeben. Es ist in der That auffallend, welche innige Wahlverwandtschaft zwischen den beiden Völkern der Sittlichkeit, den Juden und Germanen, herrscht. Diese Wahlverwandtschaft entstand nicht auf historischem Wege, weil etwa die große Familien-Chronik der Juden, die Bibel, der ganzen germanischen Welt als Erzichungsbuch diente, auch nicht weil Juden und Germanen von früh an die unerbittlichsten Feinde der Römer, und also natürliche Bundesgenossen waren; sie hat einen tiefern Grnnd, und beide Völker sind sich ursprünglich so ähnlich, dass man das ehemalige Palästina für ein orientalisches Deutschland ansehen könnte, wie man das heutige Deutschland für die Heimat des heiligen Wortes, für den Mutterbodcn des Prophcteuthums, für die Burg der reinen Gcistheit halten sollte. Aber nicht bloß Deutschland trägt die Physiognomie Palästina's, sondern auch das übrige Europa erhebt sich zu den Juden. Ich sage erhebt sich, denn die Juden trugen schon im Beginne das — 320 — moderne Princip in sich, welches sich heute erst bei den europäischen Völkern sichtbar entfaltet. Griechen und Römer hingen begeistert an dem Boden, an dem Vaterlandc. Die spätem nordischen Einwanderer in die Römer- und Griechcnwclt hingen an der Person ihrer Häuptlinge, und an die Stelle des antiken Patriotismus trat im Mittelalter die Vasallentreue, die Anhänglichkeit an die Fürsten. Die Juden aber, von jeher, hingen nur an dem Gesetz, an dem abstrakten Gedanken, wie unsere neueren kosmopolitischen Republikaner, die weder das Geburtsland noch die Person der Fürsten, sondern die Gesetze als das Höchste achten. Ja, der Kosmopolitismus ist ganz eigentlich dem Boden Judäa's entsprossen, und Christus, der trotz dem Missmnthc des früher erwähnten Hamburger Spcccrcihändlcrs ein wirklicher Jude war, hat ganz eigentlich eine Propaganda des Wcltbürgcr- thums gestiftet. Was den Rcpublikanismus der Juden betrifft, so erinnere ich mich im Joscphus gelesen zu haben, dass es zu Jerusalem Republikaner gab, die sich den königlich-gesinnten Herodiancrn entgegensetzten, am muthigstcn fochten, Niemanden den Namen „Herr" gaben, und den römischen Absolutismus aufs ingrimmigste hasstcn; Freiheit und Gleichheit war ihre Religion. Welcher Wahn! — 321 — Was ist aber dcr letzte Grund jenes Hasses, den wir in Europa zwischen den Anhängern der mosaischen Gesetze und dcr Lehre Christi bis auf heutigen Tag gewahren, und wovon uns der Dichter, indem er das Allgemeine im Besonder» veranschaulichte, im „Kaufmann von Venedig" ein schauerliches Bild geliefert hat? Ist es der ursprüngliche Brndcrhass, den wir schon gleich nach Erschaffung der Welt ob der Verschiedenheit des Gottesdienstes zwischen Kam und Abel entlodcrn sehen? Oder ist die Religion überhaupt nur Vorwand, und die Menschen hassen sich, um sich zu hassen, wie sie sich lieben, um sich zu lieben? Auf welcher Seite ist die Schuld bei diesem Groll? Ich kann nicht umhin, zur Beantwortung dieser Frage eine Stelle aus einem Privatbriefe mitzuthcilen, die auch die Gegner Shylock's justi- ficicrt: „Ich verdamme nicht den Hass, womit das gemeine Volk die Juden verfolgt; ich verdamme nur die unglückseligen Jrrthümer, die jenen Hass erzengten. Das Volk hat immer Recht in der Sache, seinem Hasse wie seiner Liebe liegt immer ein ganz richtiger Instinkt zu Grunde, nur weiß es nicht, seine Empfindungen richtig zu formulieren, und statt der Sache trifft sein Groll gewöhnlich die He ine's Werke. Bd. III, S1 Person, den unschuldigen Sündenbock zeitlicher oder örtlicher Missvcrhältnissc. Dos Volk leidet Mangel, es fehlen ihm die Mittel zum Lcbcnsgcnuss, und obgleich ihm die Priester der Staatsrcligion versichern, „dass man auf Erden sei, um zu entbehren und trotz Hunger und Durst der Obrigkeit zu gehorchen" — so hat doch das Volk eine geheime Sehnsucht nach den Mitteln des Genusses, und es hasst Diejenigen, in deren Kisten und Kasten Dergleichen aufgespeichert liegt; es hasst die Reichen und ist froh, wenn ihm die Religion erlaubt, sich diesem Hasse mit vollem Gcmüthe hinzugeben. Das gemeine Volk hasste in den Juden immer nur die Geldbesitzer, es war immer das aufgehäufte Metall, welches die Blitze seines Zornes auf die Juden herabzog. Der jedcsweilige Zeitgeist lieh nun immer jenem Hasse seine Parole. Im Mittelalter trug diese Parole die düstre Farbe der katholischen Kirche, und man schlug die Juden todt und plünderte ihre Häuser, „weil sie Christus gekreuzigt" — ganz mit derselben Logik, wie auf St. Domingo einige schwarze Christen zur Zeit der Massacre mit einem Bilde des gekreuzigten Heilands herumliefen und fanatisch schrieen: I-ss klanas 1'ont tns, tuoris nous Iss kzlarms! — 323 — „Mein Freund, Sie lachen über die armen Neger; ich versichere Sie, die westindischen Pflanzer lachten damals nicht, und wurden niedergemetzelt zur Sühne Christi, wie einige Jahrhunderte früher die europäischen Juden. Aber die schwarzen Christen auf St. Domingo hatten in der Sache ebenfalls Recht! Die Weißen lebten müßig in der Fülle aller Genüsse, während der Neger im Schweiße seines schwarzen Angesichts für sie arbeiten musstc, und zum Lohne nur ein bischen Rcismchl und sehr viele Peitschenhiebe erhielt; die Schwarzen waren das gemeine Volk. — „Wir leben nicht mehr im Mittelalter, auch das gemeine Volk wird aufgeklärter, schlägt die Juden nicht mehr auf einmal todt, und beschönigt seinen Hass nicht mehr mit der Religion; unsere Zeit ist nicht mehr so naiv glaubensheiß, der traditionelle Groll kleidet sich in moderne Redensarten, und der Pöbel in den Bierstuben wie in den Deputiertenkammern deklamiert.wider die Juden mit mer- kantilischen, industriellen, wissenschaftlichen oder gar philosophischen Argumenten. Nur abgefeimte Heuchler geben noch heute ihrem Hasse eine religiöse Färbung und verfolgen die Juden um Christi willen; die große Menge gesteht offenherzig, dass hier materielle Interessen zu Grunde liegen, und sie 21* will den Juden durch alle möglichen Mittel die Ausübung ihrer industriellen Fähigkeiten erschweren. Hier in Frankfurt z. B. dürfen jährlich nur vier- nndzwanzig Bekenner des mosaischen Glaubens heirathcn, damit ihre Population nicht zunimmt und für die christlichen Handelsleute keine allzustarke Konkurrenz erzeugt wird. Hier tritt der wirkliche Grund des Judenhasses mit seinem wahren Gesichte hervor, und dieses Gesicht trägt keine düster fanatische Mönchsmiene, sondern die schlaffen aufgeklärten Züge eines Krämers, der sich ängstigt, im Handel und Wandel von dem israelitischen Geschäftsgeist überflügelt zu werden. „Aber ist es die Schuld der Juden, dass sich dieser Geschäftsgeist bei ihnen so bedrohlich entwickelt hat? Die Schuld liegt ganz an jenem Wahnsinn, womit man im Mittelalter die Bedeutung der Industrie verkannte, den Handel als etwas Unedles und gar die Geldgeschäfte als etwas Schimpfliches betrachtete, und desshalb den einträglichsten Theil solcher Industriezweige, namentlich die Geldgeschäfte, in die Hände der Juden gab; so dass Diese, ausgeschlossen von allen anderen Gewerben, nothwendigcrweise die raffiniertesten Kauf- lcutc und Bankiers werden mufften. Man zwang sie reich zu werden, und hasste sie dann wegen ihres — 325 — Rcichthnms; und obgleich jetzt die Christenheit ihre Vornrthcilc gegen die Industrie aufgegeben hat, und die Christen in Handel und Gewcrb eben so große Spitzbuben und eben so reich wie die Juden geworden sind, so ist dennoch an diesen Letztem der traditionelle Volkshass haften geblieben, das Volk sieht in ihnen noch immer die Repräsentanten des Geldbcsitzes und hasst sie. Sehen Sie, in der Weltgeschichte hat Jeder Recht, sowohl der Hammer als der Amboss." — 326 — Porzia. (Der Kaufmann von Venedig.) „Wahrscheinlich wurden alle Kunstrichtcr von Shylock's erstaunlichem Charakter so geblendet und befangen, dass sie ihrerseits Porzia ihr Recht nicht widerfahren ließen, da doch ausgemacht Shylock's Charakter in seiner Art nicht kunstreicher, noch vollendeter ist als Porzia's in der ihrigen. Die zwei glänzenden Figuren sind beide ehrcnwerth — Werth, zusammen in dem reichen Bann bezaubernder Dichtung und prachtvoller, anmuthigcr Formen zu stehen. Neben dem schrecklichen, unerbittlichen Juden, gegen seine gewaltigen Schatten durch ihre Glanzlichtcr abstechend, hängt sie wie ein prächtiger, schönhcit- athmcndcr Tizian neben einem herrlichen Rembrandt. „Porzia hat ihr gehöriges Theil von den angenehmen Eigenschaften, die Shakspcarc über viele seiner weiblichen Charaktere ausgegossen; neben der 327 — Würde aber, der Süßigkeit und Zärtlichkeit, welche ihr Geschlecht überhaupt auszeichnen, auch noch ganz cigcnthümliche, besondere Gaben: hohe geistige Kraft, begeisterte Stimmung, entschiedene Festigkeit und Allem obschwcbendc Munterkeit. Diese sind angeboren; sie hat aber noch andere ausgezeichnete äußerlichere Eigenschaften, die aus ihrer Stellung und ihren Bezügen hervorgehen. So ist sie Erbin eines fürstlichen Namens und unberechenbaren Reich- thumS; ein Gefolg dienstwilliger Lustbarkeiten hat sie stets umgeben; von Kindheit an hat sie eine mit Wohlgcrttchcn und Schmeicheldüften durchwürzte Lust gcathmct. Daher eine gebieterische Anmuth, eine vornehme, hehre Zierlichkeit, ein Geist der Pracht in Allein, was sie thut und sagt, als die von Geburt an mit dem Glänze Vertraute. Sic wandelt einher wie in Marmorpalästcn, unter goldverzierten Decken, auf Fußböden von Cedcr und Mosaiken von Jaspis und Porphyr, in Gärten mit Standbildern, Blumen und Quellen und gcistcr- artig flüsternder Musik. Sie ist voll eindringender Weisheit, unverfälschter Zärtlichkeit und lebhaften Witzes. Da sie aber nie Mangel, Gram, Furcht oder Misscrfolg gekannt, so hat ihre Weisheit keinen Zug von Düsterheit oder Trübheit; all ihre Regungen sind mit Glauben, Hoffnung, Freude — 338 — versetzt; und ihr Witz ist nicht im mindesten böswillig oder beißend." Obige Worte entlehne ich einem Werke der Frau Jameson, welches „Moralische, poetische und historische Frauen-Charaktere" betitelt. Es ist in diesem Buche nur von Shakspeare'schcn Weibern die Rede, und die angeführte Stelle zeugt von dem Geiste der Verfasserin, die wahrscheinlich von Geburt eine Schottin ist. Was sie über Porzia im Gegensatz zu Shylock sagt, ist nicht bloß schön, sondern auch wahr. Wollen wir Letzteren, in üblicher Auffassung, als den Repräsentanten des starren, ernsten, kunstfeindlichen Judäa's betrachten, so erscheint uns dagegen Porzia als die Repräsentantin jener Nachblüthc des griechischen Geistes, welche van Italien aus im sechzehnten Jahrhundert ihren holden Duft über die Welt verbreitete, und welche wir heute noch unter dem Namen „die Renaissance" lieben und schätzen. Porzia ist zugleich die Repräsentantin des heitern Glückes im Gegensatze zu dem düstcrn Mißgeschick, welches Shylock repräsentiert. Wie blühend, wie rosig, wie rein- klingend ist all ihr Denken und Sprechen, wie freudewarm sind ihre Worte, wie schön alle ihre Bilder, die meistens der Mythologie entlehnt sind! Wie trübe, kneifend und häßlich sind dagegen die Gedanken nnd Reden des Shylock, der im Gegen- thcil nur alttcstamentalische Gleichnisse gebraucht! Sein Witz ist krampfhaft und ätzend, seine Metaphern sucht er unter den widerwärtigsten Gegenständen, und sogar seine Worte sind zusammcnge- qnctschte Misslaute, schrill, zischend und quirrend. Wie die Personen, so ihre Wohnungen. Wenn wir sehen, wie der Diener Jchovah's weder ein Abbild Gottes noch des Menschen, des erschaffenen Konterfei Gottes, in seinem „ehrbaren Hanse" duldet, und sogar die Ohren desselben, die Fenster, verstopft, damit die Töne des heidnischen Mummenschanzes nicht hiucindringcn in sein „ehrbares Haus" . . . so sehen wir im Gegcntheil das kostbarste und geschmackvollste Villcggiatura-Leben in dem schönen Palazzo zu Bclmont, wo lauter Licht und Musik, wo unter Gemälden, marmornen Statuen und hohen Lorbcrbäumeu die geschmückten Freier lustwandeln und über Liebesräthsel sinnen, und inmitten aller Herrlichkeit Signora Porzia, gleich einer Göttin hcrvorglänzt, Das sonnige Haar die Schlaf' umwallend. Durch solchen Kontrast werden die beiden Hauptpersonen des Dramas so individualisiert, dass man darauf schwören möchte, es seien nicht Phan- tasiebildcr eines Dichters, sondern wirkliche, weibgeborene Menschen. Ja, sie erscheinen uns noch lebendiger als die gewöhnlichen Naturgcschöpfe, da weder Zeit noch Tod ihnen Etwas anhaben kann, und in ihren Adern das unsterblichste Blut, die ewige Poesie, pulsiert. Wenn du nach Venedig kommst und den Dogcnpallast durchwnndelst, so weißt du sehr gut, dass du weder im Saal der Senatoren noch auf der Riesentrcppc dem Marino Falieri begegnen wirst; — an den alten Dandolo wirst du im Arsenale zwar erinnert, aber auf keiner der goldenen Galcren wirst du den blinden Helden suchen; — siehst du an einer Ecke der Straße Santa eine Schlange in Stein gehauen, und an der andern Ecke den geflügelten Löwen, welcher das Haupt der Schlange in der Tatze hält, so kömmt dir vielleicht der stolze Carmagnole in den Sinn, doch nur auf einen Augenblick. Aber weit mehr als an alle solche historische Personen denkst du zu Venedig an Shakspearc's Shylock, der immer noch lebt, während Jene im Grabe längst vermodert sind, — und wenn du über den Rialto steigst, so sucht ihn dein Auge überall, und du meinst, er müsse dort hinter irgend einem Pfeiler zu finden sein, mit seinem jüdischen Rockelor, mit seinem miss- trauisch berechnenden Gesicht, und du glaubst manchmal sogar seine kreischende Stimme zu hören: „Dreitausend Dukaten — gut!" Ich wenigstens, wandelnder Traumjäger, wie ich bin, ich sah mich aus dem Rialto überall um, ob ich ihn irgend fände, den Shylock. Ich hätte ihm Etwas mitzutheilcn gehabt, was ihm Vergnügen machen konnte, dass z. B. sein Vetter, Herr von Shylock zu Paris, der mächtigste Baron der Christenheit geworden, und von Ihrer katholischen Majestät jenen Jsabcllcnordcn erhalten hat, welcher einst gestiftet ward, um die Vertreibung der Juden und Mauren aus Spanien zu verherrlichen. Aber ich bemerkte ihn nirgends aus dem Rialto, und ich entschloss mich daher, den alten Bekannten in der Synagoge zu suchen. Die Juden feierten hier eben ihren heiligen Versöhnungstag und standen eingewickelt in ihren weißen Schaufüden-Tnlaren, mit unheimlichen Kopfbcwegungen, fast aussehend wie eine Versammlung von Gespenstern. Die armen Inden, sie standen dort, fastend und betend, vom frühesten Morgen, hatten seit dem Vorabend weder Speise noch Trank zu sich genommen, und hatten auch vorher alle ihre Bekannten um Verzeihung gebeten für etwaige Beleidigungen, die sie ihnen im Laufe des Jahres zugefügt, damit ihnen Gott ebenfalls ihre Sünden verzeihe, — ein schöner 332 — Gebrauch, welcher sich sonderbarer Weise bei diesen Leuten findet, denen doch die Lehre Christi ganz fremd geblieben ist! Indem ich, nach dem alten Shylvck nmher- spähcnd, all' die blassen, leidenden Judengesichtcr aufmerksam musterte, machte ich eine Entdeckung, die ich leider nicht verschweigen kann. Ich hatte nämlich denselben Tag das Irrenhaus San Carlo besucht, und jetzt in der Synagoge fiel es mir ans, dass in dem Blick der Juden derselbe fatale, halb stiere halb unstäte, halb Pfiffige halb blöde Glanz flimmerte, welchen ich kurz vorher in den Augen der Wahnsinnigen zu San Carlo bemerkt hatte. Dieser unbeschreibliche, räthsclhaftc Blick zeugte nicht eigentlich von Geistesabwesenheit, als vielmehr von der Oberherrschaft einer fixen Idee. Ist etwa der Glaube an jenen außcrwcltlichcn Donnergott, den Moses aussprach, zur fixen Idee eines ganzen Volks geworden, das, trotzdem dass man es seit zwei Jahrtausenden in die Zwangsjacke steckte und ihm die Douche gab, dennoch nicht davon ablassen will — gleich jenem verrückten Advokaten, den ich in San Carlo sah, und der sich ebenfalls nicht ausreden ließ, dass die Sonne ein englischer Käse sei, dass die Strahlen derselben aus lauter rochen Würmern bestünden, und dass ihm ein solcher herabgeschossener Wurmstrahl das Hirn zerfresse? Ich will hiermit keineswegs den Werth jener fixen Idee bestreiten, sondern ich will nur sagen, dass die Träger derselben zu schwach sind, um sie zu beherrschen, und davon niedergedrückt und inkurabel werden. Welches Martyrthum haben sie schon um dieser Idee willen erduldet! welches größere Martyrthum steht ihnen noch bevor! Ich schaudre bei diesem Gedanken, und ein unendliches Mitleid rieselt mir durchs Herz. Während des ganzen Mittelalters bis zum heutigen Tag stand die herrschende Weltanschauung nicht in direktem Widerspruch mit jener Idee, die Moses den Juden aufgebürdet, ihnen mit heiligen Riemen angeschnallt, ihnen ins Fleisch eingeschnitten hatte; ja, von Christen und Mahomedanern unterschieden sie sich nicht wesentlich, unterschieden sie sich nicht durch eine entgegengesetzte Synthese, sondern nur durch Auslegung und Schiboleth. Aber siegt einst Satan, der sündhafte Pantheismus, vor welchem uns sowohl alle Heiligen des alten und des neuen Testaments als auch des Korans bewahren mögen, so zieht sich über die Häupter der armen Juden ein Ver- folgungsgewittcr, das ihre früheren Erduldungcn noch weit überbieten wird . . . — 334 — Trotzdem dast ich in der Synagoge von Venedig nach allen Seiten umherspähcte, konnte ich das Antlitz des Shylock's nirgends erblicken. Und doch war es mir, als halte er sich dort verborgen unter irgend einem jener weißen Talarc, inbrünstiger betend als seine übrigen Glaubensgenossen, mit stürmischer Wildheit, ja mit Raserei hinaufbetend zum Throne Zehovah's, des harten Gottkönigs ! Ich sah ihn nicht. Aber gegen Abend, wo nach dem Glauben der Juden die Pforten des Himmels geschlossen werden und kein Gebet mehr Einlast erhält, hörte ich eine Stimme, worin Thrä- nen rieselten, wie sie nie mit den Augen geweint werden ... Es war ein Schluchzen, das einen Stein in Mitleid zu rühren vermochte ... Es waren Schmcrzlante, wie sie nur aus einer Brust kommen konnten, die all das Martyrthum, welches ein ganzes gequältes Volk seit achtzehn Jahrhunderten ertragen hat, in sich verschlossen hielt... Es war das Röcheln einer Seele, welche todtmüde niedersinkt vor den Himmclspfortcn . . . Und diese Stimme schien mir wohlbekannt, und mir war, als hätte ich sie einst gehört, wie sie eben so verzweiflungsvoll jammerte: „Jessika, mein Kind!" M i r a u d a. (Der Sturm. Akt III, Scene I.) Ferdinand. Warum weint Ihr? Miranda. Um meinen Unwerth, dass ich nicht darf bieten, Was ich zu geben wünschte; noch viel minder. Wonach ich todt mich sehnen werde, nehmen. Doch Das heißt tändeln, und je mehr es sucht Sich zu verbergen, um so mehr erscheint's In seiner ganzen Macht. Fort, blöde Schlauheit! Führ du das Wort mir, schlichte, heil'gc Unschuld! Ich bin Eu'r Weib, wenn Ihr mich haben wollt, Sonst sterb' ich Eure Magd; Ihr könnt mir's weigern, Gefährtin Euch zu sein, doch Dienerin Will ich Euch sein, Ihr wollet oder nicht. Hetnc'S Wcrle, Bd. III. 22 — 338 — Ferdinand. Geliebte, Herrin, und auf immer ich So unterthänig! Mir an da. Mein Gatte denn? Ferdinand. Ja, mit so will'gcm Herzen, Als Dienstbarkcit sich je zur Freiheit wandte. Hier habt Ihr meine Hand. Titania. (Ein Sommernachtstraum. Akt II, Scene II.) (Titania kommt mit ihrem Gefolge.) Titania. Kommt! einen Ringel-, einen Fcensang! Dann auf das Drittel 'ncr Minute fort! Ihr, tödtet Raupen in den Roscnknospen! Ihr Andern führt mit Fledermäusen Krieg, Bringt ihrer Flügel Balg als Beute heim, Den kleinen Elfen Röcke draus zu machen! Ihr endlich, sollt den Kauz, der nächtlich kreischt Und über nnsrc schmucken Geister staunt, . Von uns verscheuchen! Singt mich nun in Schlaf; An eure Dienste dann, und lasst mich ruhn! 22^ P crd it a, (Das Wintermärchen. Akt IV, Scene III.) Pcrdita. — — Nehmt die Blumen! Mich dünkt, ich spiel' ein Spiel, wie ich's um Pfingsten Von Hirten sah; fürwahr, dies Prachtgewand Verwandelt meine Stimmung. Florizel. ? Was Ihr thut, » Veredelt all Eu'r Thun. Sprecht Ihr, so wünscht.' ich, Ihr sprächet immer; singt Ihr, mächt' ich, dass Ihr So singend kauftet und verkauftet, und Almosen gäbt und betetet, und Alles So thätet, was Ihr thut; und wenn Ihr tanzet, Wollt' ich) Ihr wäret Welle, stets zu tanzen, Euch stets nur so, nicht anders zu bewegen, Als Ihr Euch regt; denn jedes Euer Thun , Ist so in allen Theilen einzig, dass, Was Ihr auch thut, jedwede Handlung sich Als Königin bewährt. 341 — I m n g en. (Cymbeline. Akt 17, Sccnc II.) Jmogen. Ihr Götter! In euren Schutz emsifehl' ich mich! Beschützt Vor Feen mich und nächtlichen Versuchern! (Sie schläft ein. Jachimo steigt aus der Kiste.) Zachimo. Die Grille singt, des Menschen müde Sinne Erholen sich im Schlaf. So drückt' Targuin Die Binsen sanft, eh er die Keuschheit weckte, Die er verletzte! — Cytherca, wie Du hold dein Lager schmückst! Du frische Lilie! Und weißer als dein Bcttgcwand! O könnt' Ich dich berühren, küssen, einmal küssen! Rubinen sonder Gleichen, o wie hold Muss Euer Kuss sein! Ist's ihr Athem doch, Der dieses Zimmer so erfüllt mit Duft. Des Lichtes Flamme neigt sich gegen sie, Und guckte gern ihr unters Angenlicd, Das dort vcrschlossne Licht zu schaun — — - 343 — Julia. (Die beiden Veroneser, Akt IV, Scene IV.) Julia. Ob viele Frauu wohl brächten solche Botschaft? Ach, armer Proteus! einen Fuchs hast du Zum Hirten deiner Lämmer angenommen. Ach, arme Thörin! du bedauerst ihn, Der so von ganzem Herzen dich verachtet! Weil er sie liebt, so schätzt er mich gering; Weil ich ihn liebe, muss ich ihn bedauern. Bei unserm Abschied gab ich ihm den Ring, Zu fesseln die Erinnrung meiner Liebe. Nun werd' ich — Unglücksbote! — hingesandt, Das zu erslchn, was ich nicht wünschen kann; Zu fordern, was ich gern verweigert sähe; Die Treu' zu preisen, die ich tadeln mnss! Ich bin die treue Liebe meines Herrn, Doch kann ich treu nicht dienen meinem Herrn, Will ich mir selber kein Verräther sein. Zwar will ich für ihn werben, doch so kalt, Als, weiß es Gott! es hätte keine Eil'. - 343 — Silur a. (Die beiden Veroneser, Akt IV, Scene IV.) Silvia. — — — Jüngling! da du so Dein Fräulein liebst, verehr' ich dir dies Geld. Gehab dich wohl! (Sie geht ab.) Julia. Wenn du sie je erkennst, sagt sie dir Dank. Ein tugendhaftes Mädchen, mild und schon! Ich hoffe, kalt empfängt sie meinen Herrn, Da meines Fräuleins Liebe sie so ehrt. Wie Liebe mit sich selber tändelt! — Ach, Hier ist ihr Bild. Ich will doch sehn. Mich dünkt, Mein Antlitz wäre — hätt' ich solchen Schmuck — Gewiss so reizend als ihr Angesicht. Und doch der Maler schmeichelt ihr ein wenig, Wenn ich mir selbst zu viel nicht schmeicheln mag) Ihr Haar ist braun, mein Haar vollkommen gelb. Ist Dieses seines Leichtsinns einz'gcr Grund, — 344 — So schmück' ich mich mit falschem, braunem Haar Ihr Aug' ist grau wie Glas; so ist auch mcins. Ja, doch die Stirn ist niedrig, meine hoch. Was kann's nur sein, was er an ihr so schätzt, An mir ich ihn nicht schätzend machen kann? (Viel Lärm um Nichts. Akt IV, Scene I.) Mönch. Herrin, wer ist's, mit dem man Euch beschuldigt? H e r o. Die mich bcschuld'gcn, wisscn's — ich weiß Nichts, Denn weiß ich mehr von irgend einem Mann, Als Keuschheit reiner Zungfrau es gestattet, So fehl' all' meinen Sünden Gnade. Vater! Beweist sich's, dass zu unanständ'gcn Stunden Mit mir ein Mann sprach, oder dass ich gestern Zu Nacht mit irgend Einem Wort gewechselt, So hasst — verstoßt mich — martert mich zu Tode. Beatrire. (Viel Lärm um Nichts. Alt III, Scene l.) Hcro. Doch schuf Natur uoch nie ein weiblich Herz Von sprödcrm Stoff, als das der Beatrice. Hohn und Verachtung sprüht ihr funkelnd Auge Und schmäht, worauf sie blickt; so hoch im Preise Stellt sie den eignen Witz, dass alles Andre Ihr nur gering erscheint; sie kann nicht lieben, Noch Liebe fassen und in sich entwerfen. So eigcnlicbig ist sie. Ursula. Gewiss, solch Mäkeln ist nicht zu empfehlen. Hero. O nein, so schroff, so außer aller Form, Wie Beatricc, ist nicht lobenswcrth. Wer aber darf's ihr sagen? Wollt' ich reden, Zerstäubte sie mit Spott mich, lachte mich Helena. (Ende gut, Alles gut. Akt I. Sccne III.) Helena. So bekenn' ich Hier auf den Knien vor Euch und Gott dem Herrn, Dass ich vor Euch und nächst dem Herrn des Himmels Lieb' Euren Sohn. Mein Stamm war arm, doch ehrsam; so mein Lieben. Zürnt nicht darüber! thut's ihm doch kein Leid, Dass er von mir geliebt wird. Ich Verfolg' ihn Mit keinem Zeichen dringlicher Bewerbung; Noch möcht' ich ihn, bis ich mir ihn verdient; Weiß aber nicht, wie mir Das werden sollte. Ich weiß, ich lieb' umsonst und wider Hoffnung; Und doch in dies unhaltbar weite Sieb Gieß' ich beständig meiner Liebe Fluth, Die nimmer doch erschöpft wird; gleich dem Inder, Wahngläubig fromm, andächtig bei' ich an Die Sonne, die da schauet auf den Beter, Doch mehr von ihm nicht weiß. O theure Lasst Euren Hass nicht meine Liebe treffen, Weil sie Dasselbe liebt wie Ihr! — — — Ceiia. (Wie es euch gefällt. Akt I, Seme II.) Rosalinde. Das will ich von nun an, Mühmchen, und auf Spaße denken. Lass sehen, was hältst du vom' Verlieben? Cclia. Ei ja, thu's, um Spaß damit zu treiben. Aber liebe keinen Mann in wahrem Ernst, auch zum Spaß nicht weiter, als dass du mit einem unschuldigen Er- röthen in Ehren wieder davon kommen kannst. Rosalindc. Was wollen wir denn für Spaß haben? Celia. Lass uns sitzen und die ehrliche Hausmutter Fortuna von ihrem Rade weglästern, damit ihre Gaben künftig gleicher ausgetheilt werden mögen. Nosalindc. (Wie es euch gefällt. Akt III, Scene II.) Celia. Hast du diese Verse gehört? Rosalinde. O ja, ich hörte sie alle und noch was drüber, denn einige hatten mehr Füße als die Verse tragen konnten. Celia. Das thut Nichts, die Füße konnten die Verse tragen. R o s a l i n d e. Ja, aber die Füße waren lahm und konnten sich nicht außerhalb des Verses bewegen, und darum standen sie so lahm im Verse. Celia. Aber hast du gehört, ohne dich zu wundern, dass dein Name an den Bäumen hängt und eingeschnitten ist? — 354 — Mvia. (Was ihr wollt. Akt I, Scene V.) Viola. Liebes Fräulein, lasst mich Euer Gesicht sehn. Olivia. Habt Ihr irgend einen Auftrag von Eurem Herrn, mit meinem Gesicht zu verhandeln? Jetzt seid Ihr aus Eurem Text gekommen. Doch will ich den Vorhang wcgzichn, und Euch das Gemälde weisen.