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IX—X. Thore.
Die Stadt Stendal, welche schon im J. 1285 als eine festeStadt der Altmark angesehen wurde und innerhalb 1288—1300eine beträchtliche Erweiterung ihrer Mauern erfahren hatte, waram Schlüsse des Mittelalters durch einen Wall und doppeltenGraben, an einzelnen Strecken sogar durch Doppelwall und drei-fachen Graben befestigt. Vier Thore, das Uenglinger, Tanger-münder, Vieh- und Arneburger Thor, durchbrachen die mit vor-springenden halbrunden und quadratförmigen Mauerthürmen gesi-cherte Ringmauer, welche unterhalb aus Granitgeschieben, ober-halb aus Backsteinen erbaut war. Von dieser höchst ausgedehn-ten und starken Befestigungsanlage haben sich aufser der Ring-mauer nur die Innenthorthürme am Uenglinger und Tangermün-der Thore erhalten ').
IX. Das Uenglinger Thor.
Historisches.
Aus den unter Historisches der Pfarrkirche St. Peter ange-führten Urkunden geht hervor, dafs die Erweiterung der städti-schen Ringmauer zwischen 1288 und 1300 stattgefunden habenmufs, wodurch die Bauzeit der ältesten Reste, des dicht bei St.Peter belegenen Uenglinger Thores mit Sicherheit gegeben ist.
Baubeschreibung 1 ).
Nach der vor einigen Jahren bewirkten Abtragung derMauer- und Bogenreste eines schiefwinklig davor angelegten Vor-thores besteht jetzt das Uenglinger Thor noch aus dem quadrat-förmigen Thorhause und dem unmittelbar darauf ruhenden run-den Oberthurme. Vergl. Bl. XXXVI. Fig. 1. Nur der Unterbaudes Thorhauses, welcher bis auf eine Höhe von 13 Fufs ebenso wie die anstofsenden Ringmauern aus behauenen Granitqua-dern hergestellt ist, darf mit Rücksicht auf die Thatsache, dafsder spätere Backsteinbau ziemlich regellos theils in denselbeneingeschroten, theils auf denselben aufgesetzt ist, als ein Restdes Mauerbaues von 1288—J300 betrachtet werden. Der beiweitem gröfsere Theil des ganzen, grofsartig entworfenen undmit seltenem Reichthume an Kunstformen durchgeführten Bau-werks ist ein einheitlicher Bau aus der Mitte des XV. Jahrh.
Das quadratförmige Thorhaus ist in drei, auch im Aeufse-ren charakterisirte Geschosse getheilt. Vergl. die in Fig. 3, 4,6 u. 7 mitgetheilten Grundrisse mit der Fa^ade Fig. 1 und demQuerschnitte Fig. 2. Das Erdgeschofs mit zweireich profilirten Spitzbogenöffnungen, deren Pro-fil der Holzschnitt darstellt, nach der Stadt-und Feldseite geöffnet und mit einem flachenKreuzgewölbe auf Rippen bedeckt, vermittelteden Durchgangsverkehr. Die beiden oberen Ge-schosse, nur mit Balkenlagen überdeckt und mit vergittertenFlachbogenfenstern, die von Spitzbogenblenden umrahmt werden,ausgestattet, dienten zur Wohnung der Besatzung, doch sind dieehemaligen Heizvorrichtungen durch einen Umbau fast verwischtund nur die Abtrittsanlage noch vorhanden. Oberhalb des drit-ten Geschosses wird das Thorhaus mittelst einer reich geglie-
') Auf der Stadt-Ansicht in Merian’s Topographie der Mark S. 1< 0 sind drei Thore,aber wie es scheint nicht zuverlässig richtig, dargestellt. Viel besser ist der Stadtprospektin Be ckmann a. a. O. Sp. 1. 2.
’) Eine perspektivische Darstellung des Uenglinger Thors ist in Strack a. a. O. Bl. 9und in der Zeitschr. f. Bauw. VII. Bl. 36 von Borstell gegeben worden. Obwohl letzteredas Bauwerk nach der vor einigen Jahren bewirkten Restauration, also vollständiger mit-theilt, entbehrt sie doch der wünschenswerthen Genauigkeit in den Hauptverhältnissen wiein einzelnen Details. Noch fehlerhafter ist der von demselben Verfasser auf Bl. 37 Fig. 1mitgetheilte geometrische Aufrifs, in welchem beispielsweise der Durchmesser des rundenOberthurmes um vier Fufs zu klein angegeben worden ist. Ebenso irrthümlich ist die Formdes unteren Bogenfrieses und die Anzahl und Anordnung der glasirten Ziegelstreifen anden kleinen Eckthürmchen wie an dem Oberthurme wiedergegeben. Durch alle diese Män-gel veranlafst, entbehrt die Borstellsche Darstellung des in der Wirklichkeit vorhande-nen kraftvollen und energischen Charakters des Thorgebäudes.
| derten Zinnenwand abgeschlossen. Zur Verstärkung derselbenj und zur Herstellung der nöthigen Verbindungstreppe sind runde,zierlich durchgebildete Eckthürmchen aufgemauert, welche mitii massiven Spitzen beendigt, einen höchst wirkungsvollen archi-! tektonischen Abschlufs gewähren. Der unmittelbar hinter derZinnenwand belegene Rundthurm, dessen Umfangslinie durchUeberführung des Quadrats ins Achteck mittelst Eckzwickelbo-gen gewonnen worden ist (vergl. den Durchschnitt Fig. 2), steigtnoch zwei Geschosse höher hinauf und ist im Innern mit einemstarken Rundkuppelgewölbe bedeckt. Oberhalb desselben ist diePlateform mit starkem Gefälle abgepflastert und mit einem Zin-nenkränze als Brustwehr umgeben '). Die Treppe, welche dengezinnten Umgang des quadratförmigen Thorhauses mit der Pla-| teform des Oberthurmes verbindet, liegt in der Mauerdicke desJ Letzteren. Die Totalhöhe des Thores beträgt 87 Fufs 4 Zoll 2 ).
Die Gestaltung der beiden übereinstimmend behandelten Front-j fa^aden giebt Fig. 1, den Charakter der Details Fig. 5, wäh-| rend für die Gliederung der Zinnenpfeiler, Gurt- und Hauptge-simse auf die entsprechenden Details des Nordkreuzflügels vomP Dome Bl. XXXIII Fig. 2, 4 und 5 verwiesen wird,jj Die grofsartige Gesammtkomposition,— welche die schwierigeAufgabe, ein quadrates Thorhaus mit einem Rundthurme unmittelbarzu verbinden, lösen mufste, — ferner die Trefflichkeit der Haupt-verhältnisse, die Reinheit und Eleganz der Profilirungen, endlichdie wohlüberlegte und sinnreiche Anwendung des durch das Bau-material gegebenen Farbenwechsels mit glasirten Steinen, Thon-! platten, Putzflächen etc. — alle diese Vorzüge erheben das Ueng-linger Thor auf eine der höchsten Stufen der mittelalterlichenProfanbaukunst, nicht nur in der Mark, sondern in den balti-schen Ländern. Es ist dieses Thor ein ebenbürtiges Seitenstückzu der Nordkreuzfront des Domes zu Stendal und wie aus derGleichheit der Kunst- und Strukturformen hervorgeht, nicht nurgleichzeitig oder unmittelbar darauf, sondern höchst wahrschein-lich von demselben Meister erbaut. Hierfür sprechen die aufser-ordentlich maafsvolle aber vortreffliche Profilirung beider Bau-körper, ferner die Gleichartigkeit der Formsteine, besonders derBogensteine des kleeblattförmigen Bogenfrieses, der Gurtgesimse,der Pfeiler- und Fenstereinfassungen, endlich noch die selteneAnordnung der zinnenartig ausgeschnittenen Putzflächen, welcheam Uenglinger Thor unterhalb des zweiten Gurtgesimses und amDomkreuzflügel unterhalb des Giebel-Dreiecks in gleicher Gröfseund Behandlung angeordnet sind. Ein besonderer Unterschiedzwischen beiden Bauwerken liegt nur darin, dafs das UenglingerThor bereits eine schmuckreiche Verwendung von glasirtenP Mauer- und Formsteinen erfahren hat, deren die Nordfront desI Domes noch entbehrt. Auch darf nicht verschwiegen werden,
| dafs das Thor in dem Reichthume seiner Gliederung und der Fülle| seiner Kunstformen die Grenze des künstlerisch Vollendetennicht nur erreicht, sondern durch ein zu weit getriebenes Raffi-nement überschreitet. Dahin gehört besonders die Ausbildungder an beiden Fronten vorhandenen Mittel-Erker, welche durch dieVerwendung aller möglichen Bogenformen, sowie durch die selt-same Einziehung der Ecksteine in jeder zweiten Schicht von künst-lerischer Uebertreibung nicht frei zu sprechen ist. Aber trotzj dieser Mängel bildet das Uenglinger Thor, welches strenge WürdeI mit seltener Eleganz höchst wirkungsvoll verbindet, eine der| edelsten und hervorragendsten Schöpfungen des BacksteinbauesI und läfst uns den Verlust des Namens und der Lebensbeziehun-! gen seines in künstlerischer Beziehung so reich begabten Mei-: sters doppelt bedauern.
’) Der obere Zinnenkranz ist durch die jüngste, im Allgemeinen wohlgelungene Re-stauration nicht richtig erneuert worden. Die am Oberthurme vorhandenen, schwach vor-springenden vier Erker gingen unzweifelhaft als Zinnenpfeiler höher hinauf, wie eine gleicheAnordnung am Neustädter Thore zu Tangermünde Bl. XL auf Grund alter Abbildungendargestellt worden ist.
2 ) Während des dreifsigjährigen Krieges war ein kegelförmiges Ziegeldach über derPlateform des oberen Rundthurmes hergestellt und bis zur Mitte des vorigen Jahrh. erhal-ten worden, wie aus der Abb. bei Beckmann a. a. 0. Sp. 1 hervorgeht.