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1 (1862) Die Mark Brandenburg : Stadt Brandenburg, die Altmark
Entstehung
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treten daselbst zierliche Viertelsäulen mit ringförmigen Kämpfer-steinen auf, eine Anordnung, welche sich sonst nirgends an derKirche zeigt') und sehr gut mit dem eben so seltenen Umstandezusammentrifft, dafs die Bogen dieser Fenster in der meisterhaf-testen Technik aus einzelnen grofsen, besonders genau geform-ten Bogensteinen konstruirt sind. Diese letztere Eigenthüm-lichkeit, welche der Holzschnitt darstellt, dürfte für die ausge-sprochene Annahme besonders ins Gewicht fallen, wenn manerwägt, dafs bei dem ersten in einer neuen Technik ausgeführ-ten Bau gewifs die Behandlung des Materials noch zu unvoll-kommen bekannt war, um so schwierige Strukturtheile mit sol-cher Meisterschaft herzustellen. Auch zeigen alle übrigen Fensterdes Baues die Bogenleibungen stets geputzt, um, wie dies ganzallgemein Sitte war, die verhauenen Bogensteine in ihren Un-terflächen zu verdecken. Endlich unterscheiden sich die we-nigen herben Kunstformen des alten Baues, namentlich die sand-steinernen Deckplatten über den Schiffssäulen und Vierungspfei-lern, deren südöstliche der Holzschnitt giebt,sehr deutlich von der flüssigeren Skulpturarbeit,welche an den Kapitellen und Basen der Krypta-säulen auftritt. Vergl. Bl. XXII, Fig. 7 mit Fig. 1.Alle diese Gründe berechtigen zu der Annahme,dafs Krypta, Hauptabsis und Nebenchöre spätererbaut worden sind, als der erste Bau von 1149 59 und zwar darf man aus der Uebereinstim-mung der verwendeten Kunstformen mit entsprechenden an an-deren datirten Bauwerken die Erbauungszeit dieser Bautheile aufetwa 120010 stellen. Etwas später ist sodann die Thurmfronterbaut worden, welche wegen ihrer grofsen Verwandtschaft mitder Westfront des Domes zu Stendal in gleiche Zeit, in die Mittedes XIII. Jahrh. gesetzt werden mufs.

Betrachtet man nun den alten Bau der Säulenbasilika mit.Langhaus, Querschiff, Chor nebst drei Absiden und einfach ge-gliedert zu denkender Westfront, so zeigt sich derselbe von ebenso grofser Einfachheit in der Plankonception wie Strenge in denverwendeten Details. Nur die lichte Weite des Mittelschiffs vonfast 26Fufs, so wie die Höhenerhebung auf mehr als 48 Fufssprechen schon für einen reiferen Bau aus der Mitte des XII.Jahrh. Dafs für das Strukturprincip des Baues die Säulenbasi-lika gewählt wurde, hatte wohl vor Allem in der Strenge desvon Norbert gegründeten Prämonstratenser-Ordens seinen Gnind,der gern an die einfachste, schlichteste Bauweise der altchrist-lichen Kunst anknüpfte 2 ). Auch ist es sehr wahrscheinlich,dafs die Kirche des Mutterklosters von Jerichow, nämlich dieKirche U. L. Frauen zu Magdeburg, damals noch eine Basilikawar, deren Arkaden jederseits durch einen starken Mittelpfeiler,sonst aber durch Säulen gestützt wurden 3 4 ). Man darf daherden Bauplan als von Magdeburg stammend bezeichnen, wo da-mals gewifs noch ältere Säulenbasiliken vorhanden waren, dieals Vorbild dienen konnten f ).

Für die Gestaltung des Innenraumes kommen zunächst dieArkadenbogen nebst den stützenden Säulen in Betracht. DieLetzteren, cylinderförmig gestaltet, bei einem Verhältnisse desDurchmessers wie 1 : 44, sind vollständig aus geformten Back-steinen konstruirt; nur die verschieden gestalteten Deckplattender Kapitelle, theils einfach profilirt, theils mit Ornamenten der

') Das Vorbild für diese Fenster zeigt die Liebfrauenkirehe zu Magdeburg, nur alter-thümlicher und schwerfälliger. Vergl. v. Quast u. Otte Zeitschr. f. christl. Kunst I. S. 175.

2 ) Dafs Norbert selbst dieser Sinnesweise huldigte, beweist namentlich die durch ihnangeregte und beförderte Erbauung des Klosters Oberzell bei Wirzburg (112933), dessenstattliche Säulenreihen durch ihre strengen Details (z. B. schöne attische Basen ohne Eck-blätter, Würfelkapitelle mit feinen Voluten und Karniesdeckplatten mit den halb sichtbaren, halbvermauerten Säulen in der Liebfrauenkirche zu Magdeburg sehr verwandt sind. Nicht mindergrofse Einfachheit und Strenge zeigen sodann die Prämonstratenserkirchen zu Kappenberg,Ilbenstadt und besonders das ebenfalls als Säulenbasilika im J. 1139 erbaute Heilsbronn.

s ) Der Nachweis dieser Annahme mufs einem andern Orte Vorbehalten bleiben.

4 ) Vielleicht ist auf die Wahl des Planes auch die Thatsache von Einflufs gewesen,dafs die Stifter von Jeiichow, nämlich die Gräfin Richardis mit ihrem Sohne und Anselmv. Havelberg im Gefolge des Königs Conrad im October d. J. 1144 Zeugen der feierlichenEinweihung der riesigen Säulenbasilika des Klosters Hersfeld iu Hessen waren und vondort nach Magdeburg gingen, um die eingeleitete Stiftung von Jerichow urkundlich festzu-stellen.

schlichtesten Art bedeckt, bestehen aus Sandstein. Die Bildungdieser Details, sowie der Säulen ergeben Bl. XXII Fig. 1 u. 36.Die Säulenbasen ruhen auf quadraten Bruchsteinplinthen und sindmit einfachen Ringen und Abläufen versehen. Ungleich inter-essanter ist die Bildung der Kapitelle. Jedes derselben bestehtaus vier vertikalen Flächen, parallel mit den Seiten des Abakus-quadrats und den Mantelstücken von vier durch ihre Scheitelgeschnittenen schiefen Kegeln, deren gemeinschaftliche Grund-fläche der Horizontaldurchschnitt des Säulenschaftes ist und derenScheitel mit den Abakusecken Zusammentreffen. Durch die Ver-bindung dieser schiefen Kegel mit vertikalen Kubusflächen wirdein Kapitell erzeugt, welches in seiner äufseren Form eine schein-bare Verwandtschaft mit dem bekannten Würfelkapitell darstellt 1 ).Wie dasselbe praktisch hergestellt worden ist, läfst sich schwerentscheiden. Da die schiefen Kegelflächen nicht geformt, sonderngemeifselt sind, so ist zu vermuthen, dafs die über dem Schaft-ringe anfangenden Kapitellschichten in der Diagonale des Qua-drats schichtweis übereinander vortretend gemauert worden sind,bis mittelst der letzten vorgestreckten Schichten die Abakuseckenerreicht waren, dafs dann von diesen Scheitelecken aus nachbestimmten Punkten der kreisförmigen Grundebene Schnurschlägegemacht und endlich mittelst des Meifsels die schiefen Kegel-flächen zur Verbindung des Cylinders mit dem Kubus hergestelltwurden. Diese Bildung, welche man kurz mit dem Namen tra-pezschildiges Würfelkapitell (im Gegensatz zu dem rundschildigen)bezeichnen kann, ist nicht nur an allen Säulen des Langhausessondern auch an den Halbsäulen der beiden westlichen Vierungs-pfeiler angewendet worden, wie dies der Längendurchschnitt,Bl. XXIII, Fig. 1 und der Querdurchschnitt Bl. XXII, Fig. 8 dar-stellen 2 ). Die über den Schiffs-Säulen ruhenden Bogen sind wiedie Vierung- und Absis-Bogen einfach abgestuft profilirt und anihren Unterflächen geputzt. Die letztgedachten Bogen der Vie-rung und Hauptabsis sind nicht rundbogig, sondern in einemdeutlich wahrnehmbaren, mäfsig erhobenen Spitzbogen konstruirtworden 3 ). Da an allen genannten Bogen diese Bogenbildungübereinstimmend erscheint, dürfte es nicht unmöglich sein, dafsauch die Vierungsbogen mit der Hauptabsis gleichzeitig erneuertworden sind und dabei diese Modifikation erlitten haben. Dochist es schwer für diese Vermuthung andere zwingendere Gründegeltend zu machen.

Die Oberfenster des Langhauses, schmal und schwach ge-schmiegt, sind ohne ersichtlichen Grund nicht lothrecht über dieMittelaxen der unteren Arkaden gestellt, gehören aber doch nachallen Analogien zum ersten Bau. Auffallend klein erscheinendie Fenster des Querschiffs und Chores, besonders wenn mansie mit den grofsen, stattlichen Fenstern der Hauptabsis ver-gleicht. Die Fenster der Seitenschiffe sind nicht mehr die ur-sprünglichen; an ihre Stelle sind breite zweitheilige gothischeFlachbogenfenster von sehr gewöhnlicher Profilirung getreten,die ohne Zweifel dem Schlüsse des XV. Jahrh. angehören undkein Interesse erwecken.

Das Innere des Bauwerkes war ursprünglich mit Ausnahmeder Bogenleibungen an Fenstern und Arkaden, so wie der Ab-sidengew T ölbe ohne Putz gelassen, welche Anordnung durch dieRestauration wieder hergestellt worden ist und abgesehen vonder gewählten zu lebhaft rothen Ziegelfarbe eine sehr günstige,ernste und einheitliche Wirkung ergeben hat.

Die unter Hauptchor und Vierung befindliche und bis indas Mittelschiff hineintretende Krypta ist mittelst einer Stützen-

') Diese mathematische Erläuterung der interessanten Kapitellform wird der gefälligenTheilnahme des Herrn Geh. Rath Salzenberg verdankt.

2 ) Diese Kapitellform, welche nachweisbar zuerst in Jerichow erscheint, hat nur beiBacksteinbauten eine sehr ausgedehnte Anwendung gefunden, wie dies v. Quast in seinembereits mehrfach citirten Aufsatze zuerst angedeutet hat und die Denkmale dieses Werkeses noch spezieller nachweisen werden.

3 ) Der mit der Aufnahme des Bauwerks betraute Architekt hat diese bemerkenswertheThatsache übersehen; auch konnte eine Prüfung der Aufnahme erst stattfinden, als dieZeichnungen im Stiche vollendet waren, daher ergeben die vorliegenden Zeichnungen indiesem Punkte nicht den richtigen, in der Wirklichkeit vorhandenen auch ohne Messungzu konstatirenden Thatbestand.