34
rieh V., welcher ihn in Salzwedel belagerte, erfolgreich wider- jistehen konnte. Nach bald geschlossenem Frieden besuchte der j.Kaiser 1112 die hier zum ersten Male in der Geschichte erschei-nende Stadt Salzwedel (slavisch Losdy genannt) 1 ). Nach demAbtreten dieses Grafen Rudolf vom politischen Schauplatze 1114,verblieb die Markgrafschaft nur noch kurze Zeit dem StadischenHause, da ein schweres Schicksal die männlichen Nachkommendesselben bis zum Jahre 1144 hinwegraffte. j
Schon im Jahre 1130 wurde Konrad von Plötzkau (die ;Sachsenblume genannt) mit der Markgrafschaft belehnt undnach dessen frühem Tode empfing sie Graf Albrecht von Bal-lenstädt. Erst dem tliatkräftigen und staatsklugen Auftretendieses Mannes gelang es, die von Kaiser Otto I. angestrebtenPläne zur Germanisirung des Landes und Ausbreitung des christ- ■liehen Glaubens zur Verwirklichung zu bringen. Unter hartenKämpfen sicherte er die Altmark, eroberte die Priegnitz unddas feste Havelberg, erwarb durch Schenkung die Zauche und "durch Erbschaft die Stadt Brandenburg und starb 1170 hoch- igeehrt nach einem langen thatenreichen Leben, welches er nurder Ei’weiterung der deutschen Herrschaft und Ausbreitung derchristlichen Kirche geweiht hatte. Unter Albrecht dem Bärenerkennt man überall die zahlreichen Spuren lebendiger Kultur-entwickelung auf allen Gebieten, mit ihm beginnt auch die Bau-geschichte der Altmark. |
Alle Denkmale des Landes, welche vor Albrechts Herrschaft ifallen, sind entweder durch kriegerische Ereignisse zu Grundegegangen oder durch spätere Erneuerung beseitigt worden. Dasälteste Bauwerk ist der ungeheure in Granit erbaute Rundthurm, ■'welcher früher die Westfront von St. Maria in Salzwedel schmückte |und später so umbaut wurde, dafs er jetzt in der Kirche steht. :Es ist ein formloser, gewaltiger Baurest, der sehr wohl dem An- ;]fanee des XII. Jahrhunderts entstammen und der damals eben |ientstandenen Pfarrkirche angehört haben kann. Alle übrigen ||älteren Bauwerke verdanken Albrecht dem Bären oder seinenersten eben so kräftigen Nachfolgern ihre Entstehung. !|
Die für die Entwickelung der Baukunst in dem nordöstli-chen Deutschland folgenreichste That war die durch MarkgrafAlbrecht und Bischof Anselm von Havelberg in den Jahren1146 —49 bewirkte und noch später fortdauernde Einführung ,jniederländischer Kolonisten in die Altmark 2 ). Neben der ur- !■kundlichen oder chronistischen Aufzeichnung erkennen wir ihreAnwesenheit und die ersten Punkte der erfolgten Ansiedelung j;durch das plötzliche Auftreten des Backsteinbaues und zwar ganzden Angaben des glaubwürdigen Ilelmold entsprechend in einer ;;losen Kette von gröfseren und kleineren Bauwerken, die von ISalzwedel bis Seehausen, Osterburg und Werben reicht und auf |dem rechten Elbufer die Gegend von Jerichow und Saxidow um- 'fafst. Als Ilauptausgangspunkt dieser neuen Technik erscheint :das 1144 von den letzten Nachkommen des Stadischen Grafen- .hauses gestiftete, 1148 verlegte und 1149—59 neu erbaute Kloster jJerichow, welches in sich Anfang nnd höchste Stufe der tecli- |nischen Behandlung des Backsteinbaues darstellt und daher für idie Marken von gröbster Wichtigkeit geworden ist. Von hier auswurde um 1157 die neue Technik an das Kloster Diesdorf bei j|Salzwedel übertragen und fortan auch in den Bauten der Stadt j;Salzwedel konsequent geübt. Ebenso zeigen die ältesten Reste jder Pfarrkirche St. Johannes zu Werben, welche Albrecht 1160 jdem Johanniter-Orden vereignete, nur Backsteinbau, ohne jede IAnwendung von Granit und beweisen schon dadurch die auch isonst gesicherte Ansiedelung holländischer Kolonisten in näch- |ster Nähe. Noch etwas früher, schon 1151 war die jetzt ver- ;jschwundene aber noch in der Erinnerung älterer Personen le- jibende Pfarrkirche St. Jakob zu Seehausen ebenfalls in Back- ;steinen erbaut worden, wie diese Technik auch die auf der älterenStadtstelle belegene Pfarrkirche St. Martin zu Osterburg noch -wohl erhalten zeigt. Mitten in der für niederländische Ansiede-
') Wohlbrück, a. a. 0. S. 22. Riedel, Maik Brandenburg I. 42.
2 ) Vergl. unten: I. Klosterkirche zu Jerichow.
lungen besonders geeigneten Wische, dem sumpfigen Lande zwi-schen Aland und Elbe, erhebt sich noch jetzt die stattliche drei-schiffige Basilika des Dorfes Boyster, welche eben so unzwei-felhaft den niederländischen Einflufs zu erkennen giebt. Allediese Bauwerke, an welche noch kleinere Kirchen des LandesJerichow in ununterbrochener Folge sich anreihen, dürfen alsunverwerfliche Zeugen der mit nicht geringen Mitteln ins Lebengerufenen Kolonisation des Landes durch niederländische An-siedler betrachtet werden *).
Neben der Beförderung der Kolonisation erkennt man aberMarkgraf Albrechts energische Thätigkeit auch in der Grün-dung von Städten, an deren Spitze das schon 1022 erwähnteDoi-f Stendal 2 ) steht. Kaum hatte ca. 1150 3 ) diese Stadt Markt-und Zollgerechtigkeit empfangen, so wurden gleiche Vergün-stigungen sehr bald Seehausen ca. 1151 4 ) und nicht viel spä-ter Osterburg zu Theil. Neben dieser Begründung bürgerlicherVerhältnisse erscheint auch die Stiftung einer Reihe von Kir-chen und Klöstern, welche theils von Albrecht, theils vonseiner Familie oder von angesehenen Vasallen begründet wur-den. Besonders thätig zeigt sich das Haus der Grafen vonOsterburg. Von Werner III , Schwager Albrechts wird 1157—60das Kloster Krewese zum Seelenheile seines bei der letzten Be-lagerung Brandenburgs gefallenen Sohnes erbaut 5 ). Es ist diesder älteste Gewölbebau der Altmark, unbehilflich und schwer inGranit, aber bereits mit schmuckartiger Verwendung von Back-steinen erbaut. Dasselbe edle Geschlecht bethätigt sodann seinenkirchlichen Sinn an der Herstellung der zweiten Pfarrkirche St.Nikolaus zu Osterburg, so wie der Dorfkirchen zu Kalberwischund Königsmark 1164, alles Bauwerke, welche den direkten Ein-flufs der in Krewese festgehaltenen sächsischen Bauweise in Gra-nitquadern beweisen. Diese ältere Bauweise blieb neben der mehrund mehr um sich greifenden Backsteintechnik noch einige Zeitin Uebung. Dafür sprechen St. Georg zu Arnebux*g, St. Jakobzu Stendal, beide ca. 1150, desgleichen St. Nikolaus zu Tanger-münde ca. 1175 erbaut und viele in jener Zeit des ersten Auf-schwunges gestiftete Dorfkii*chen.
Aber die so einleuchtenden Voi-ziige des Backsteinbaxiesliefsen den Sieg zwischen beiden Bauweisen nicht lange zweifel-haft. Mit zwei ganz vereinzelten Ausnahmen ist nach dem Jahre1200 kein kirchliches Bauwerk lxiehr in den Städten der Altmarkin Gi’anit ex-baut worden, nachdem bereits seit 1160 die gröfserenKirchen xind Klöster den Backsteinbau angenommeix hatten. Dieletzteren Stiftungen sind es auch, welche mit grofser Konsequenzdeix Gewölbebau einführten, wie dies Arendsee nach 1184, Dies-dorf bis 1188, St. Maria zu Salzwedel ca. 1190 beweisen undwie es von St. Stephan zu Tangermünde 1186 und dem DomSt. Nikolaus zu Stendal vennuthet werden kann. Der Erbauerder beiden letztgenannten Bauwei’ke, Graf Heinrich von Gai’de-legen, ein Sohn von Markgraf Otto I., hat auch wahrscheinlichbei dem Bau der Pfarrkirche St. Maria zu Gardelegen die neueTechnik in Anwendung gebracht, die dann später bei dem Bauder zweiten Pfarrkirche St. Nikolaus (1222 geweiht) festgehal-ten wui'de.
Alle diese Bauwerke zeigen den romanischen Styl mit denim innern Deutschland damals allgemein üblichen Formen, welcheAnfangs in grofser Schlichtheit, doch mehr und mehr unter An-wendung von Werksteinai-beiten in immer gröfserem Reichthumauftreten. Belege hierfür giebt besonders Kloster Jerichow inder Krypta und den Klostei’gebäuden, wie nicht minder das pracht-volle Westportal der Pfarrkirche von Seehausen.
') Durch die baugeschichtliche Untersuchung und Zusammenstellung dieser Bauwerkewird die älteste Kulturgeschichte der Mark Brandenburg nicht unwesentlich bereichert. Auchmüssen danach die bisherigen zu begränzten Annahmen über Umfang und Einflufs dieserKolonisation berichtigt werden. Eine ausführliche Abhandlung des Verfassers über diesenGegenstand wird in den Märkischen Forschungen Bd. VII. erscheinen.
2 ) Bisch. Bernward v. Hildesheim vereignete 1022 den Zehnten des Dorfes „Steinedal“an das St. Michaelskloster. Kaum er Reg. 470.
3 ) Riedel, Mark Brandenburg I. 117.
9 Riedel, CM. dipl. VI. S. 338.
5 ) Vergl. unten VI. Klosterkirche zu Krewese.