19
bunden, liegt eine im halben Achteck geschlossene und mit zier-lichen Sterngewölben überdeckte dreijochige Kapelle, welche tech-nischen Kennzeichen zufolge mit dem Schiffskörper gleichzeitigerbaut, aber etwas später vollendet worden ist. Obgleich derName dieses interessanten Heiligthums weder inschriftlich nochurkundlich überliefert ist, so sind doch Gründe vorhanden,welche mit grofser Wahrscheinlichkeit die Bezeichnung dieserKapelle errathen lassen. Da nämlich an dem nördlichen Mittel-pfeiler dieser Kapelle der Name des Baumeisters und das Datumdes Baues auf einer besonders dazu formatisirten und dem Mittel-pfeiler angepafsten Inschriftstafel vorhanden ist, da ferner dieFa<?aden dieser Kapelle reicher und glänzender ausgestattet undvollendeter durchgeführt worden sind, als irgend ein andrerBautheil der Kirche, so ist man zu der Annahme berechtigt,dafs die Kapelle dasjenige Heiligthum war, welchem die Bau-herren (Rath und Kirchenvorstand), sowie der Baumeister diegröfsten materiellen wie künstlerischen Mittel zuzuwenden fürnöthig hielten. Dies kann aber den vielen oben angedeutetenUrkunden zufolge kein andrer Raum als der der Frohnleich-namskapelle gewesen sein, derentwillen die höchsten Würden-träger der Kirche die bedeutenden Ablässe bewilligt hatten.
Mit der Frohnleichnamskapelle in der äufseren Gestaltungsehr verwandt erscheint der auf der Südseite belegene, ebenfallsaus dem Schiffskörper heraustretende viereckige Raum, dessenBezeichnung und Erbauungszeit uns unbekannt ist. Der jetztdarin noch vorhandene geschnitzte Flügelaltar mit Darstellungenaus dem Leben der heiligen Amalberga wird von älteren wieneueren Schriftstellern als der 1409 gestiftete heilige Bluts-Altarbezeichnet und nach ihm die ganze Kapelle benannt. Aber ohnehinreichenden Grund, denn abgesehen davon, dafs dieser höl-zerne Altar von seiner ursprünglichen Stelle gerückt sein kannist in den Darstellungen desselben kein Zusammenhang mit derVerehrung des heiligen Blutes und Körpers Christi zu erkennen,der jedenfalls vermittelt worden wäre, wenn der Altar wirklichals Frohnleichnams-Altar gedient hätte. Nur aus der Gesammt-anordnung und der Bildung der Kunstformen mufs angenommenwerden, dafs diese Südkapelle sehr bald nach Vollendung derFrohnleichnamskapelle, also ca. 1410 erbaut worden ist.
Später als diese letztgenannte Kapelle sind die beiden öst-lich daran stofsenden Räume aufgeführt, welche die klare ein-heitliche Schönheit des Fa^adensystems aufs Höchste beeinträch-tigt haben und von denen nichts weiter anzuführen ist, als dafsbeide in zwei Geschossen und in späteren, theilweis sehr nüchter-nen gothischen Formen hergestellt worden sind.
Der westliche Theil der Kirche, welcher hart und unver-mittelt mit dem reichen Backsteinbau des Schiffes verbundenist, bewahrt die ältesten wie die jüngsten Baureste und zeigtdem entsprechend einerseits hochalte rohe, andrerseits spät nüch-terne Kunstformen. An der Südwestecke ist von dem ältestenBau ein Thurmrest 38 Fufs tief, 32 Fufs lang und ca. 10 bis12 Fufs hoch in 17 Fufs dickem Granitmauerwerk mit abge-schrägter Granitplinthe erhalten. S. Bl. XI, Fig. 1, den dunkelschraffirten Theil des Grundrisses. Ueber demselben erhebt sichaus dunkelrothen Backsteinen ein westliches, später erbautesQuerhaus, dessen Südseite bisher ein sehr mittelmäfsiger Giebelin reducirten Renaissanceformen abschlofs. — Neben diesen Thei-len, aber nicht genau in der Mittelaxe, steht aus anderm Mate-rial (gelben Backsteinen) erbaut der einfach gehaltene viereckigeGlockenthurm, der oben ins Achteck übergehend, von einernoch etwas gothisch gehaltenen Haube abgeschlossen wird. —Unzweifelhaft ist dies der oben mehrfach erwähnte Thurmdes Meisters Joh. Bapt. v. Mailand, welcher 1584—87 an dieStelle des eingestürzten alten Granitthurmes trat. Mit diesemZeitraum stimmen die wenigen mit gothischer Stylbildung ver-mischten Renaissanceformen, wobei zu bemerken ist, dafs, nachVerzahnungen zu urtheilen, der Thurm den letzten beabsich-tigten Schmuck, besonders eines Hauptportals nie erhalten hat.Da nun das westlichste Joch des nördlichen Seitenschiffes ausdemselben Material erbaut ist, wie der Thurm und die daran
vorhandenen Details, z. B. der Fries aufsen an der Westwandentweder ganz rohe spätgothische Formen, oder wie das nord-westliche Portal sehr eilige und nachlässige Technik zeigen,endlich wie der nordwestliche Wandpfeiler ganz unprofilirt ge-blieben sind, so mufs man die ganze Nordwestecke ebenfallsals erneuert betrachten '). Daher ist bei dem Zusammensturzedes grofsen Mittelthurmes das nordwestliche Seitenschiffsjoch,sowie die Nordseite des westlichen Querhauses mit den Um-fassungswänden schwer beschädigt und bei dem schleunigenWiederaufbau, vielleicht aus Sparsamkeitsgründen, nur dasSchiff ergänzt und der Mittelthurm erneuert worden, weshalbdie Westseite von St. Katharina jetzt einen unregelmäfsigen undnüchternen Anblick darbietet.
Bei weitem anziehender ist die Erscheinung der übrigenKirche, deren Fanden nach einem sehr einheitlichen, nur anden Kapellen etwas modificirten Systeme erbaut sind, Bl. XII,Fig. 4. Die vor der Wand mäfsig hervortretenden Strebepfeilersteigen in reicher und lebendiger Gliederung mit Nischen, Maafs-werk und Giebeln in abwechselnden Schichten schwarzgrün undhellroth gefärbt bis zu dem Hauptgesimse empor und sind dortj mit demselben verkröpft. Die an den Strebepfeilern befindlichenNischen waren ursprünglich mit 148 Statuen von Heiligen in dreiViertel der natürlichen Gröfse besetzt, von denen sich leider nurnoch 18 Stück erhalten haben. Grofse, sehr gut profilirte Spitz-bogenfenster, Bl. XI, Fig. 4, liegen in den glatten rothen Mauer-flächen und ruhen auf einem durchgehenden Gurtgesimse, wel-ches wie die Wand- und Strebepfeilerbasis, Bl. XI, Fig. 5, aus1 grün glasirten Steinen hergestellt ist. Der gröfste Reichthum| dieses Systems entfaltet sich an der Frohnleichnamskapelle. Dortsind die Strebepfeiler in der Form sechseckiger Fialen mit Figu-ren-Nischen und Ziergiebeln gestaltet, welche an den Umschlie-fsungswänden frei vortretend emporsteigen und der obern, über-aus reichen, zum gröfsten Theil ganz frei durchbrochenen Gie-1 beiwand als Stützpfeiler dienen. Zwei reich profilirte, oben mit:j durchbrochenem Flechtwerk umgrenzte Portale führen in dasii Innere, welches von stattlichen Fenstern erleuchtet wird. Hori-zontale Friese und glasirte Abdeckungen trennen die einfachen![ untern Fensterwände von dem Hauptgiebel und den auf Ost-'! und Westseite vorhandenen durchbrochenen Brüstunssgallerien,| hinter denen das steile Satteldach sich erhebt. An diesen ober-; sten krönenden Theilen erscheint bei allem Reichthum an Maafs-! und Flechtwerk ein streng organisirtes System von Freipfeilern! und dazwischen gestellten mehr oder weniger durchbrochenen| Wänden, wodurch in Verbindung mit der edlen Zeichnung aller! Ornamente ein sehr bedeutender künstlerischer Eindruck gewon-i nen wird. Um die eigentümliche Wirkung dieses kleinen, aber| reich und trefflich ausgeführten Bauwerks möglichst genau wiederzu geben und den constructiven Zusammenhang aller Details zuzeigen, ist die Nordfa<?ade desselben in dem halben Maafsstabej der Details auf Bl. XIV, in Farbendruck gegeben worden. Esmufs dabei bemerkt werden, dafs absichtlich keine Ergänzungoder Restauration der zerstörten Theile stattgefunden hat, son-dern nur der an verschiedenen Stellen deutlich sichtbare, schön|i fleischrothe Ton der unglasirten Backsteine, welcher durch den- Rauch benachbarter Häuser einen schwärzlichen Ton angenommenhat, in ursprünglicher Intensität wiederhergestellt worden ist 2 ).
I Die Seitenansicht der obern Giebeltheile der Frohnleich-
namskapelle giebt Bl. XIII, Fig. 1, worin namentlich die mittelstdurchbrochener Giebelbrüstungen bewirkte Verbindung des Nord-giebels mit der Schiffsmauer sichtbar wird.
Eine ähnlich reiche Giebelbildung ist über der Kapelle aufü der Südseite vorhanden, nur fehlt die an der Frohnleichnams-
1 ) Durch ein Versehen beim Stiche ist die dunklere Schraffirung des Schiffes undChores auf die Nordwestecke ausgedehnt worden, während den oben angeführten GründenI entsprechend, der hellste Schraffirungston daselbst angegeben sein müfste.
I J ) Kallenbach hat zuerst in seinem Werke: Baukunst des Mittelalters, chronologisch
geordnet, 1847, eine Darstellung von der Frohnleichnamskapelle nebst einem Theile derjj Schiffsfayade gegeben; aber die mitgetheilte Zeichnung giebt weder die Verhältnisse, nochdie Gliederungen richtig. Noch mangelhafter und unbrauchbar ist die von E. Förster in|| seinem bekannten Werke nach Kallenbach mitgetheilte Kopie desselben Gegenstandes.