Die arme Tante Lore. 6 z
versäumen. Sie werden sich dadurch eine Krone auf ihrGrab erwerben, und noch gure Werke nach ihrem Todethun. Auch bitte ich alle unverheyrathete Töchter,Schwestern und Nichten, ihren vermuthlichen Wohlthä-tcrn also zu begegnen, daß sie nicht nörhig haben, sichdereinst im Publikum so auszubieten, wie ich leider jetztthun muß. Ach wenn sie wußte» . . . aber sie könnenes nicht wissen; sie müßten erst, so wie ich, bis ins sechs-zigste Jahr die Gnade ihrer Blutsverwandten als Kinder-wärteriunen genossen haben — sie würden gewiß keinenAugenblick versäumen, sich die Gelegenheit, die ihnen nungeboten, mir aber versagt wird, geschwind zu Nutzezu machen.
XVII.
So mag man auch noch im Alter lieben.
stille! stille! mein Freund, verliebt möchte ich nuneben nicht gern heißen; aber wenn Sie einen andernAusdruck haben, der einen liebenden Mann bezeichnet,und minder anstößig ist: so geben Sie ihn mir immer,ob ich schon mein siebzigstes Jahr zurückgelegt habe.Denn ich liebe in der That, und möchte es gern bis anmein seliges Ende thun, wenn es der Vorsehung gefallensollte, solches noch einige Jahre hinauszusetzen. Es wirdeinem so sanft, so warm dabei), daß man alles Uebeldarüber vergißt, und wenn meine liebenswürdige Freun-din mich besucht: so ist es, als wenn die Mittagssonneim Winter durchs Fenster auf meinen Fuß scheint, unddie Gicht sanfter stechen macht. Meine Augen heiternsich auf, der Husten wird wohlthätiger, und die Run-zeln dehnen sich in lauter sanfte Wellenlinien aus. Ich
werde