Druckschrift 
3 (1804) Patriotische Phantasien, Th. 3
Entstehung
Seite
62
Einzelbild herunterladen
 

62

Die arme Tante Lore.

daß sie durch seinen Tod nicht glücklicher werden kann;rind dieses ist auch der Grund, worauf die König!. Ver-ordnung am stärksten gebauet hat, da sie einen Vater,einen Oheim und einen Bruder zuerst nennet; vielleichtwürden auch diese zu mehrerer Wohlthätigkeit verpflich-tet, und würde überhaupt das Band der Liebe unter Ver-wandten fester geknüpft, wenn sie durch ihr Wohlrhunim Leben der Hoffnung auf ihren Tod zu begegnen Här-ten .... Aber ich habe keinen Vater, keinen Oheini,keinen Bruder, und es ist auch kein großer Herr in derWelt, der mir bep seinem Leben eine Pension von zwep-hundert Thaler gebe» will, damit ich ihn zu meinemManne in der Wittwencaffe benennen, und mich so vonder Versuchung wie von dem Verdachte befrepen könne,daß mir ioo Rthlr. nach seinem Tode lieber sepn wür-den, als zwephundert Thaler bep seinem Leben.

Schreckliche Verlegenheit! woraus ich mir nicht an-ders zu helfen weis, als daß ich hiemit öffentlich bekanntmache: Wie ich einen Mann suche, wodurch ich höchstensin zehn Iahren (ich bin jetzt sechzig) Wittwe werden,und so nur die letzten Tage meines kummervollen lieblosenLebens außerhalb der Kinderstube meiner Verwaudtinnenzubringen könne? Ein Greis von siebenzig oder achtzigIahren — unter diesen findet sich ja noch wohl einer,der sein Leben nicht langer als auf zehn Jahr rechnet —soll mir der willkommenste sepn, und da ihm mit meinerLiebe nichts gedienet sepn kann: so will ich den Himmelalle Morgen und alle Abende bitten, daß er ihn dagegenvor alle Anfälle der Gicht, der Schlaflosigkeit und derLehrsucht in Gnaden bewahren wolle. Meine Addreffeist: an Tante Lore, abzugeben im Intelligenz-comtoir.

Schließlich bitte ich alle meine Leser, die Vater,Oheim und Bruder heißen, die Gelegenheit, den Ihrigengleichsam einen Stiftsplatz zu verschaffen, doch nicht zu

ver-