220 Französische Zustände. II.
betrifft, so glaube ich, daß Meycrbecr diese Aufgabe nicht durch Kunst-mittel gelöst hat, sondern durch Naturmittel, indem jenes famoseDuo eine Reihe von Gefühlen ausspricht, die vielleicht nie, oderwenigstens nie mit solcher Wahrheit, in einer Oper hervorgetreten,und für welche dennoch in den Gemütern der Gegenwart die wildestenSympathien auflodern. Was mich betrifft, so gestehe ich, daß niebei einer Musik mein Herz so stürmisch pochte, wie bei dem viertenAkte der Hugenotten, daß ich aber diesem Akte und seinen Auf-regungen gern aus dem Wege gehe und mit weit größeren, Vergnilgen dem zweiten Akte beiwohne. Dieser ist ein gehaltvollere?Idyll, das an Lieblichkeit und Grazie den romantischen Lustspielenvon Shakespeare, vielleicht aber noch mehr dem „Aminta" von Dassoähnlich ist. In der That, unter den Rosen der Freude lauscht darineine sanfte Schwermut, die an den unglücklichen Hofdichter von Ferraraerinnert. Es ist mehr die Sehnsucht nach der Heiterkeit, als dieHeiterkeit selbst, es ist kein herzliches Lachen, sondern ein Lächeln desHerzens, eines Herzens, welches heimlich krank ist und von Gesundheitnur träumen kann. Wie kommt es, daß ein Künstler, dem von derWiege au alle blutsaugenden Lebenssorgen abgewedelt worden, der,geboren im Schöße des Reichtums, gehätschelt von der ganzen Familie,die allen seinen Neigungen bereitwillig, ja enthusiastisch fröhnte, weitmehr als irgend ein sterblicher Künstler zum Glück berechtigt war,—wie kommt es, daß dieser dennoch jene ungeheuren Schmerzen er-fahren hat, die uns aus seiner Musik entgegenseufzen und schluchzen?Denn waS er nicht selber empfindet, kann der Musiker nicht so ge-waltig, nicht so erschütternd aussprechen. Es ist sonderbar, daß derKünstler, dessen materielle Bedürfnisse befriedigt sind, desto unleid-licher von moralischen Drangsalen heimgesucht wird! Aber das istein Glück für das Publikum, das den Schinerzen des Künstlers seineidealsten Freuden verdankt. Der Künstler ist jenes Kind, wovondas Volksmärchen erzählt, daß seine Thränen lauter Perlen sind.Ach! die böse Stiefmutter, die Welt, schlägt daS arme Kind um sounbarmherziger, damit es nur recht viele Perlen weine!
Man hat die Hugenotten, mehr noch als Robert le Diable, einesMangels au Melodien zeihen wollen. Dieser Vorwurf beruht aufeinem Irrtum. „Vor lauter Wald sieht man die Bäume nicht." DieMelodie ist hier der Harmonie untergeordnet, und bereits bei einerVergleichuug mit der rein menschlichen, individuellen Musik Rossinis,worin das umgekehrte Verhältnis stattfindet, habe ich angedeutet, daßes diese Vorherrschaft der Harmonie ist, welche die Musik von Meyerbeer als eine menschheitlich bewegte, gesellschaftlich moderne Musikcharakterisiert. An Melodien fehlt es ihr wahrlich nicht, nur dürfendiese Melodien nicht störsam schroff, ich möchte sagen egoistisch, her-vortreten, sie dürfen nur dem Ganzen dienen, sie sind discipliniert.