Über die französische Bühne. 139
Harmonie, und er ist voller geschmackloser Auswiicb'c, wie Grabbcund Jean Paul. Es fehlt ihm das schöne Maßhalten, welches wirbei den klassischen Schriftstellern bewundern. Seine Muse, trotz ihrerHerrlichkeit, ist mit einer gewissen deutschen Ilnbeholfcnheit behaftet.Ich mochte dasselbe von seiner Muse behaupten, was man von denschönen Engländerinnen sagt: sie hat zwei linke Hände.
Alexandre DumaS ist kein so großer Dichter wie Victor Hugo,aber er besitzt Eigenschaften, womit er ans dem Theater weit mehr,als dieser, ausrichten kann. Ihm steht zu Gebote jener unmittelbareAusdruck der Leidenschaft, welchen die Franzosen Vsrvs nennen, unddann ist er mehr Franzose als Hugo: er sympathisiert mit allenTugenden und Gebreche». TageSnötcn und Unruhigkeiten seiner Lnnds-leute, er ist enthusiastisch, aufbrausend, komödiantenhaft, edelmütig,leichtsinnig, großsprecherisch, ein echter Sohn Frankreichs, der Gascognevon Europa. Er redet zu dem Herzen mit dem Herzen, und wirdverstanden und applaudiert. Sein Kopf ist ein Gasthof, wo manchmalgute Gedanken einkehren, die sich aber dort nicht länger als überNacht aufhalten; sehr oft steht er leer. Keiner hat wie Dumas einTalent für das Dramatische. Das Theater ist sein wahrer Beruf.Er ist ein geborener Bühnendichter, und von Rechts wegen gehörenihm alle dramatischen Stoffe, er finde sie in der Natur oder inSchiller, Shakespeare und Caldcron. Er entlockt ihnen neue Effekte,er schmilzt die alten Münzen um, damit sie wieder eine freudigeTageszeitung gewinnen, und wir sollten ihm sogar danken für seineDiebstähle an der Vergangenheit, denn er bereichert damit die Gegen-wart. Eine ungerechte Kritik, ein unter betrübsamen Umständenaus Licht getretener Aufsatz im ckourna.1 ckss veduts, hat unseremarmen Dichter bei der großen unwissenden Menge sehr stark geschadet,indem vielen Sccncn seiner Stücke die frappantesten Parallelstellenin ausländischen Tragödien nachgewiesen wurden. Aber nichts istthörichter als dieser Vorwurf des Plagiats, es giebt in der Kunstkein sechstes Gebot, der Dichter darf überall zugreifen, wo er Materialzu seinen Werken findet, und selbst ganze Säulen mit ausgemeißeltenKapitälern darf er sich zueignen, wenn nur der Tempel herrlich ist,den er damit stützt. Dieses hat Goethe sehr gut verstanden, und vorihm sogar Shakespeare. Nichts ist thörichter als daS Begehrnis, einDichter solle alle seine Stoffe aus sich selber herausschaffen, daS seiOriginalität. Ich erinnere mich einer Fabel, wo die Spinne mitder Biene spricht und ihr vorwirft, daß sie aus tausend Blumen dasMaterial sammle, wovon sie ihren Wachsbau und den Honig darinbereite; „ich aber," setzt sie triumphierend hinzu, „ich ziehe meinganzes Kuustgewebe in Originalfäden aus mir selber hervor."
Wie ich eben erwähnte, der Aussatz gegen Dumas im .kournakckss Oöbats trat unter betrübsamen Umständen ans Licht; er war