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10 (1898) Französische Zustände : 2
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152 Französisch? Zustände. II.

Gegenthcil, diese Zeitbewegung müßte ihr sogar gedeihlich werden,wie einst in Athen und Florenz, wo eben in den wildesten Kriegs-nnd Parteistürmcn die Kunst ihre herrlichsten Blüten entfaltete.Freilich, jene griechischen und florentinischen Künstler führten keinegoistisch isoliertes Kunstlebcn, die müßig dichtende Seele hermetischverschlossen gegen die großen Schmerzen und Freuden der Zeit; imGegenteil, ihre Werke waren nur das träumende Spiegelbild ihrerZeit, und sie selbst waren ganze Männer, deren Persönlichkeit ebensogewaltig wie ihre bildende Kraft; Phidias und Michel Angclvwaren Männer aus einem Stück, wie ihre Bildwerke, und wiediese zu ihren griechischen und katholischen Tempeln paßten, so standenjene Künstler in heiliger Harmonie mit ihrer Umgebung; sie trenntennicht ihre Kunst von der Politik des Tages, sie arbeiteten nicht mitkümmerlicher Privatbegeisternng, die sich leicht in jeden beliebigenStoff hineinliigt; Acschylus hat die Perser mit derselben Wahrheitgedichtet, womit er zu Marathon gegen sie gefochten, und Danteschrieb seine Komödie nicht als stehender KvmmissionSdichter, sondernals flüchtiger Gnclfe, und in Verbannung und Kriegsnot klagte ernicht über den Untergang seines Talentes, sondern über den Untergang der Freiheit.

Indessen, die neue Zeit wird auch eine neue Kraft gebären, diemit ihr selbst in begeistertem Einklang sein wird, die nicht aus derverblichenen Vergangenheit ihre Symbolik zu borgen braucht, unddie sogar eine neue Technik, die von der seitherigen verschieden,hervorbringen muß. Bis dahin möge, mit Farben und Klängen,die selbsttrnnkenste Subjektivität, die Weltentzügelte Individualität,die gottfreie Persönlichkeit mit all ihrer Lebenslust sich geltendmachen, was doch immer ersprießlicher ist, als das tote Scheinwesender alten Kunst.

Oder hat es überhaupt mit der Kunst und mit der Welt selbstein trübseliges Ende? Jene überwiegende Geistigkeit, die sich sehtin der europäischen Litteratur zeigt, ist sie vielleicht ein Zeichen vonnahem Absterben, wie bei Menschen, die in der Todesstunde plötzlichhellsehend werden und mit verbleichenden Lippen die übersinnlichstenGeheimnisse aussprechen? Oder wird das greise Europa sich wiederverjüngen, und die dämmernde Geistigkeit seiner Künstler und Schrift-steller ist nicht das wunderbare Ahnnngsvermögcn der Sterbenden,sondern das schaurige Vorgefühl einer Wiedergeburt, daS sinnigeWehen eines neuen Frühlings?

Die diesjährige Ausstellung hat durch manches Bild jene unheim-liche Todesfurcht abgewiesen und die bessere Verheißung bekundet.Der Erzbischvf von Paris erwartet alles Heil von der Cholera, vondem Tode; ich erwarte es von der Freiheit, von dem Leben. Darinunterscheidet sich unser Glauben. Ich glaube, daß Frankreich au?