126 Französische Zustände, II,
mit seinem Schießgewehr hinstiirmt, in seinem Gesichte die Galeereund in seinem häßlichen Rock gewiß noch den Duft des Assisenhvfesträgt; aber das ist es eben, ein großer Gedanke hat diese gemeinenLentc, diese vrnxnls, geadelt nnd geheiligt nnd die entschlafene Würdein ihrer Seele wieder aufgeweckt.
Heilige Jnlitage von Paris! ihr werdet ewig Zeugnis gebenvon dem Uradel der Menschen, der nie ganz zerstört werden kann.Wer euch erlebt hat, der jammert nicht mehr ans den alten Gräbern,sondern freudig glaubt er jetzt an die Auferstehung der Völker,Heilige Julitage! wie schön war die Sonne nnd wie groß war dasVolk von Paris! Die Götter im Himmel, die dem großen stampfezusahen, jauchzten vor Bewunderung, und sie wären gerne aus-gestanden von ihren goldenen Stühlen nnd wären gerne zur Erdeherabgestiegen, um Bürger zu werden von Paris! Aber neidisch,ängstlich, wie sie sind, fürchteten sie am Ende, daß die Menschen zuhoch und zu herrlich emporblühen möchten, und durch ihre willigenPriester suchten sie „das Glänzende zu schwärzen und das Erhabenein den Staub zu ziehen", nnd sie stifteten die belgische Rebellion,das de Pottersche Vichstück, Es ist dafür gesorgt, daß die Freiheits-bäume nicht in den Himmel hineinwachsen.
Auf keinem von allen Gemälden des Salons ist so sehr dieFarbe eingeschlagen, wie ans Dclacroix' Julirevolution, Indessen,eben diese Abwesenheit von Firnis und Schimmer, dabei der Pnlver-dampf und Staub, der die Figuren wie graues Spinnweb bedeckt,das sonncngetrockncte Kolorit, das gleichsam nach einem Wasscrtropfcnlechzt, alles dieses giebt dem Bilde eine Wahrheit, eine Wesenheit,eine Ursprünglichkeit, nnd man ahnt darin die wirkliche Physiognomieder Jnlitage,
Unter den Beschauern waren so manche, die damals entwedermitgcstritten oder doch wenigstens zugesehen hatten, nnd diese konntendas Bild nicht genug rühmen, „Mntin," rief ein Epieicr, „dieseGamms haben sich wie Riesen geschlagen!" Eine junge Dame meinte,auf dem Bilde fehle der polytechnische Schüler, wie man ihn seheans allen andern Darstellungen der Julirevolutivn, deren sehr viele,über vierzig Gemälde, ausgestellt waren. Ein clsässischer Korporalsprach auf deutsch zu seinem Kameraden' „Was ist doch die Malereieine große Künstlichkeit! Wie treu ist das alleS abgebildet! Wienatürlich gemalt ist der Tote, der dort auf der Erde liegt! Mansollte darauf schwören, er lebt!"
„Papa!" rief eine kleine Karlistin, „wer ist die schmutzige Fraumit der roten Mütze?" — „Nun freilich," spöttelte der noble Papamit einem süßlich zerquetschten Lächeln, „nun freilich, liebes Kind,mit der Reinheit der Lilien hat sie nichts zu schaffen. Es ist dieFreiheitsgöttin," — „Pc>Pa, sie hat auch nicht einmal ein Hemd