2öö Französische Znstande. I.
Ruhmes oder in die Livree der Knechtschaft. Das war das GeheimnisNapoleons, und sein Geschichtschreiber Thiers hat es ihm abgelauscht,abgelauscht mit dem Herzen, nicht mit dem bloßen Verstände: dennnur das Gefühl versteht das Gefühl. Thiers ist wahrhaft durchglühtvom französischen Nationalgefühl, und wer dieses gemerkt hat, ver-steht seine Macht und llnmacht, seine Irrtümer und Vorzüge, seineGroße und Kleinheit, und sein Anrecht ans die Zukunft. DiesesNativnalgefühl erklärt alle Akte seines Ministeriums — hier sehenwir die Translation der kaiserlichen Asche, die glorreichste Feier seinesHeldentums, neben der kläglichen Vertretung jenes kläglichen Konsulsvon Damaskus, welcher mittelalterliche Jnstizgreuel unterstützte, aberein Repräsentant von Frankreich war; hier sehen wir das leicht-sinnigste Aufbrausen und Alarmschlagen, als der Londoner Traktatdivnlgiert und Frankreich beleidigt ward, und daneben die besonneneAktivität der Bewaffnung und jenen kolossalen Entschluß der Forti-fikation von Paris. Ja, Thiers war es, welcher letztere begann, undfür dieses Beginnen auch nachträglich das Gesetz in der Kammer er-oberte. Nie sprach er mit größerer Beredsamkeit, nie hat er mitseinerer Taktik einen parlamentarischen Sieg erfochten. Es war eineSchlacht, und im letzten Augenblick war die Entscheidung sehr zweifel-haft; aber das Feldhcrrnauge des Thiers entdeckte schnell die Gefahr,die dem Gesetz drohte, und ein improvisiertes Amendement gab denAusschlag. Ihm gebührt die Ehre des Tages.
Es fehlte nicht an Leuten, die den Eifer, den Thiers für denGesetzentwurf an den Tag legte, nur egoistischen Motiven zuschrieben.Aber hier war wirklich nur ver Patriotismus vorwaltend, und ichwiederhole es, Herr Thiers ist durchdrungen von diesem Gefühle.Er ist ganz der Mann der Nationalität, nicht der Revolution, alsderen Sohn er sich gern darstellt. Mit dieser Kindschaft hat es frei-lich seine Richtigkeit, die Revolution ist seine Mutter, aber man darfnicht überschwengliche Sympathien daraus herleiten. Thiers liebtzunächst das Vaterland, und ich glaube, er würde diesem Gefühle allemütterlichen Interessen, nämlich die der Revolution, unbedingt aufopfern. Sein Enthusiasmus ist gewiß sehr abgekühlt für den ganzenFrciheitSsPektakel, der nur noch als ein verhallendes Echo in seinerSeele nachklingt. Er hat ja als Geschichtschreiber alle Phasen des-selben im Geiste mitgelebt, als Staatsmann mußte er mit der fort-gesetzten Bewegung tagtäglich kämpfen und ringen, und nicht seltenmag diesem Sohn der Revolution die Mutter sehr lästig, sehr fatalgeworden sein; denn er weiß sehr gut, daß die alte Frau kapabclwäre, ihm selber den Kopf abschlagen zu lassen. — Sic ist nämlichnicht von sanftem Naturell; ein Berliner würde sagen: Sie hat keinGemüt. Wenn die Herren Söhne sie zuweilen schlecht behandeln, somuß man nicht vergessen, daß sie selber, die alte Frau, für ihre