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9 (1898) Französische Zustände : 1
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246 Französische Zustände. I.

ihr Tagewerk. Aber ihre Rolle ist noch immer ziemlich schon, unddie übrigen Völker sind doch nur daS verehrnngswiirdige Publikum,das der französischen Staats- und Volkskomödie zuschaut. DiesesPublikum freilich wandelt zuweilen das Gelüste an, ein bißchen lautseinen Beifall oder Tadel auszusprechen, wo nicht gar auf die Scenezu steigen und mitzuspielen; aber die Franzosen bleiben doch immerdie Hauptakteurs im großen Weltdrama, man mag ihnen Lorbeer-kränze oder faule Apfel an den Kopf werfen. „Mit Frankreich isteS ans" — mit diesen Worten läuft hier mancher deutsche Korre-spondent herum und prophezeit den Untergang des heutigen Jerusalems;aber er selber fristet doch sein kümmerliches Leben durch Bericht-erstattung dessen, was die so gesunkenen Franzosen täglich schaffenund thun, und seine respcktiuen Kommittenten, die deutschen ZcitungS-rcdaktivnen, würden ohne Berichte aus Paris keine drei Wochen langihre Jvurnalspalten füllen können. Nein, Frankreich hat noch nichtgeendet, aber — wie alle Völker, wie das Menschengeschlecht selbst

— es ist nicht ewig, es hat vielleicht schon seine Glanzperiode über-lebt, und es^zeht jetzt mit ihm eine Umwandlung vor, die sich nichtableugnen ltttzt; auf seiner glatten Stirn lagern sich diverse Runzeln,das leichtsinnige Haupt bekommt graue Haare, senkt sich sorgenvollund beschäftigt sich nicht mehr ausschließlich mit dem heutigen Tage

— cS denkt auch an morgen.

Der Kauimerbeschluß über die Fortifikation von Paris beur-kundet eine solche Übergangsperiode des französischen Vvlksgeistes.Die Franzosen haben in der letzten Zeit sehr viel gelernt, sie ver-loren dadurch alle Lust des blinden Hinausstiirmens in die gefähr-liche Fremde. Sie wollen jetzt sich selber zu Hause verschanzen gegendie eventuellen Angriffe der Nachbarn. Auf dem Grabe des kaiser-lichen Adlers ist ihnen der Gedanke gekommen, daß der bürgerkönig-lichc Hahn nicht unsterblich sei. Frankreich lebt nicht mehr in demkecken Rausche seiner unüberwindlichen Obmncht; eS ward ernüchtertdurch das aschcrmittwvchliche Bewußtsein seiner Bcsicgbarkeit, undach, wer an den Tod denkt, ist schon halb gestorben! Die Befesti-glingswcrke von Paris sind vielleicht der Riesensarg, den der Riesesich selber dekretierte in trüber Ahnung. Es mag jedoch noch einegute Weile dauern, ehe seine Sterbestunde schlägt, und manchemNichtricsen dürfte er zuvor die tödlichsten Hiebe versetzen. Jedenfallswird er einst durch die klirrende Wucht seines Hinsinkcns den Erd-boden schüttern machen, und noch furchtbarer als im Leben wird erdurch seine posthnmen Werke, als nachtwandelndes Gespenst, seineFeinde ängstigen. Ich bin überzeugt, im Fall man Paris zerstörte,würden seine Bewohner, wie einst die Juden, sich in die ganze Weltzerstreuen und dadurch noch erfolgreicher die Saat der gesellschaft-lichen Umwandlung verbreiten.