Das Blirgerköniglmn im Jahre 1832. 245
Wallen wir hingegen geduldig dem Fortschritt des Übels zusehen, sohaben wir die sichere Knechtschaft. Da ist ein schlimmes Dilemma.Wie sie sich auch betrage, die arme Jungfrau Europa — sie magmit Klugheit bei ihrer Lampe wachend bleiben, oder als ein sehrunkluges Fräulein bei der erlöschenden Lampe einschlafen — ihrerharrt kein Freudentag.
XXX.
Paris, den IS. Februar 1841.
Sie gehen jeder Frage direkt auf den Leib und zerren daran solange herum, bis sie entweder gelöst, oder als unauflösbar beseitigtwird. Das ist der Charakter der Franzosen, und ihre Geschichte ent-wickelt sich daher wie ein gerichtlicher Prozeß. Welche logische, syste-matische Aufeinanderfolge bieten alle Vorgänge der Revolution! Indiesem Wahnsinn war wirklich Methode, und die Historiographen, dienach dem Vorbild von Mignct, dem Zufall und den menschlichenLeidenschaften wenig Spielraum gestattend, die tollsten Erscheinungenseit 1789 als ein Resultat der strengsten Notwendigkeit darstellen —diese sogenannte fatalistische Schule ist in Frankreich ganz an ihremPlatz, und ihre Bücher sind ebenso wahrhaft wie leichtfaßlich. DieAuschauungs- und Darstelluugsweise dieser Schriftsteller, angewendetans Deutschland, wird jedoch sehr irrtumreiche unbrauchbare Geschichtswerke hervorbringen. Denn der Deutsche, aus Scheu vor aller Neue-rung, deren Folgen nicht klar zu ermitteln sind, geht der bedeutendenpolitischen Frage so lange wie möglich aus dem Wege, oder sucht ihrdurch Umwege eine notdürftige Vermittelung abzugewinnen, und dieFragen häufen und verwickeln sich unterdessen bis zu jenem Knäuel,welcher am Ende vielleicht, wie jener gordische, nur durch das Schwertgelöst werden kann. Der Himmel behüte mich, dem großen Volkder Deutschen hiermit einen Vorwurf machen zu wollen! Weiß ichdoch, daß jener Mißstand aus einer Tugend hervorgeht, die denFranzosen fehlt. Je unwissender ein Volk, desto leichter stürzt essich in die Strömung der That; je wissenschaftsreicher und nachdcnklicher ein Volk, desto länger sondiert es die Flut, die es mit klugenSchritten durchwatet, wenn es nicht gar zögernd davor stehen bleibt,aus Furcht vor verborgenen Untiefen oder vor der erkältenden Nässe,die einen gefährlichen Nationalschnnpfen verursachen könnte. AmEnde ist auch wenig daran gelegen, daß wir solchermaßen nur laug-sam fortschreiten, oder durch Stillstand einige hundert Jährcheu ver-lieren, denn dem deutschen Volk gehört die Zukunft, und zwar einesehr lange, bedeutende Zukunft. Die Franzosen handeln so schnellund handhaben die Gegenwart mit solcher Eile, weil sie vielleichtahnen, daß für sie die Dämmerung heranbricht; hastig verrichten sie