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9 (1898) Französische Zustände : 1
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238 Französische Zustände, I.

Die Franzosen verhehlen sich nicht das Gefahrvolle ihrer Lage,aber der Mut ist ihre Nationaltugend. Und am Ende wissen siesehr gnt, daß die politischen Besitztümer, die ihre Bäter mit kampf-lustigster Tapferkeit erworben haben, nicht durch duldende Nachgiebig-keit und müßige Demut bewahrt werden können. Selbst Guizot,der so unwürdig geschmähte und verleumdete Guizot, ist keineswegsgesonnen, den Frieden um jeden Preis zu erhalten. Dieser Mannbehauptet zwar einen unerschrockenen Widerstand gegen den an-stürmenden Radikalismus, aber ich bin überzeugt, daß er sich mitderselben Entschlossenheit dem Andrang absolutistischer und hierarchischerBestrebungen entgegenstemmen würde. Ich weiß nicht, wie groß dieZahl der Nationalgardisten war, die beim kaiserlichen Leichenbegäng-nisse: ^ bms Llumot! riefen; aber ich weiß, daß die Nativnalgarde,verstünde sie ihre eigenen Interessen, ebenso verständig wie dankbarhandeln würde, wenn sie gegen jene schnöden Rufe öffentlich Prote-stierte, Denn die Nationalgardc ist am Ende doch nichts anderes,als die bewaffnete Bourgeoisie, und eben diese, gefährdet zu gleicherZeit durch die intrigierende Partei des alten Regimes und diePrädi-kanten einer Babocufschen Republik, hat in Guizot ihren natürlichenSchntzvogt gefunden, der sie schützt nach oben wie nach unten, Guizothat nie etwas anderes gewollt, als die Herrschaft der Mittelklassen,die er durch Bildung und Besitz dazu geeignet glaubte, die Staats-gcschäfte zu lenken und zu vertreten. Ich bin überzeugt, hätte erin der französischen Aristokratie noch ein Lebenselement gefunden,wodurch sie fähig gewesen wäre, zum Heile des Volkes und derMenschheit Frankreich zu regieren, Guizot wäre ihr Kämpe ge-worden, mit ebenso großem Eifer und gewiß mit größerer Uneigen-nützigkeit, als Berryer und ähnliche Paladine der Vergangenheit;ich bin in gleicher Weise überzeugt, daß er für die Proletarierhcrr-schaft kämpfen würde, und zwar mit strengerer Ehrlichkeit alsLamennaisund seine Kreuzbrüder, wenn er die unteren Klassen durch Bildungund Einsicht reif glaubte, das Staatsruder zu führen, und wenn ernicht einsähe, daß der unzeitige Triumph der Proletarier nur vonkurzer Dauer und ein Unglück für die Menschheit wäre, indem siein ihrem blödsinnigen Gleichhejtstanmel alles, was schön und erhabenauf dieser Erde ist, zerstören, und namentlich gegen Kunst und Wissen-schaft ihre bilderstürmende Wut auslassen würden,

Guizot ist jedoch kein Mann des starren Stillstandes, sonderndes geregelten und gezeitigten Fortschrittes, Die Feinde der Revolu-tion würdigen ihn in dieser Beziehung weit besser, als unsere Radikalen;jene haben wohl eingesehen, daß, während er das Regiment derMittelklassen gegen den Ansturm der Proletarier schützt, er dennochdurch seine Untcrrichtsreformcn die unteren Klassen vorbereitete, imLaufe der Zeit, in allmählicher Entwicklung ohne gewaltsame Plötz-