Das Biirgcrkönigtum im Jahre 1832. 237
Art haben die Russen erbeutet, und zwar ohne großen Aufwand vonGefahr, da im Fall eines Krieges die Franzosen nicht bis zu ihnenhinüberreichen könnten, ebensowenig wie sie den Engländern beizn-kominen vermöchten. Zwischen England und dem Zorn der Franzosenliegt das Meer, zwischen den letzteren und den Russen liegt Deutsch-land; — und wir armen Deutschen, durch den Zufall der Örtlichkeit,wir hätten uns schlagen müssen für Dinge, die uns gar nichts an-gehen, für nichts und wieder nichts, gleichsam für des Kaisers Bart.— Ach, wäre es noch für den Bart eines Kaisers!
XXVII.
Paris, den 6. Januar >841.
DnS junge Jahr begann, wie das alte, mit Musik und Tanz.In der großen Oper erklingen die Melodien Donizettis, womit mandie Zeit notdürftig ausfüllt, bis der Prophet kommt, nämlich dasMeyerbeersche Opus dieses Namens. Vorgestern abend debütierteMademoiselle Heinefetter mit großem, glänzendem Erfolg. ImOdeon, dem italienischen Nachtigallennest, flöten schmelzender als jeder alternde Rubini und die ewig junge Grisi, die singende Blumeder Schönheit. Auch die Konzerte haben schon begonnen in denrivalisierenden Sälen von Herz und Erard, den beiden Holzkünstlern.Wer in diesen öffentlichen Anstalten Polyhymnias nicht genug Ge-legenheit findet, sich zu langweilen, der kann schon in den Privat-soircen sich nach Herzenslust ausgähnen — eine Schar junger Dilet-tanten, die zu den fürchterlichsten Hoffnungen berechtigen, läßt sichhier hören in allen Tonarten und auf allen möglichen Instrumenten;Herr Orfila meckert wieder seine unbarmherzigsten Romanzen, ge-sungenes Rattengift. Nach der schlechten Musik wird lauwarmesZuckerwasser oder gesalzenes Eis herumgereicht und getanzt. Auchdie Maskenbälle erheben sich schon unter Pauken- und Trompetenschall, und wie mit Verzweiflung stürzen sich die Pariser in dentosenden Strudel des Vergnügens. Der Deutsche trinkt, um sich vondrückender Sorgenlast zu befreien; der Franzose tanzt den berauschen-den, betäubenden Galvppwalzer. Die Göttin des Leichtsinns möchtegern ihrem Lieblingsvolke allen trüben Ernst ans der Seele hinaus-gankeln, aber es gelingt ihr nicht; in den Zwischenpausen der Quadrilleflüstert Harlekin seinem Nachbar Pierrot ins Ohr: „Glanben Sie, daßwir uns dieses Frühjahr schlagen müssen?" Selbst der Champagnerist »»mächtig, und kann nur die Sonne benebeln, die Herzen bleibennüchtern, und manchmal beim lustigsten Bankett erbleichen die Gäste,der Witz stirbt ans ihren Lippen, sie werfen sich erschrockene Blicke zu— an der,Wand sehen sie die Worte: Mene, Tekel, Peres!