186 Französische Zustände. I.
obgleich er, wie man behauptet, es selbst gesteht. In seiner schnell-züngigcn Weise soll er nämlich voriges Jahr während der Minister-krisis zum König gesagt haben: „Eure Majestät glauben, Sie seiender klügste Mann in diesem Lande, aber ich kenne hier jemand, dernoch weit klüger ist, und das bin ich!" Der schlaue Philipp sollhieraus geantwortet haben: „Sie irren sich, Herr Thiers; wenn SieeS wären, würden Sie es nicht sagen." — Dem sei aber, wie ihmwolle, Herr Thiers wandelt zu dieser Stunde durch die Gemächerder Tuilerien mit dem Selbstbewußtsein seiner Größe, als ein Mairedu Palais der Orleanischen Dynastie.
Wird er lange diese Allmacht behaupten? Ist er nicht jetztschon heimlich gebrochen infolge ungeheurer Anstrengungen? SeinHaupt ist vor der Zeit gebleicht, man findet darauf gewiß keineinziges schwarzes Haar mehr; und je länger er herrscht, desto mehrschwindet die kecke Gesundheit seines Naturells. Die Leichtigkeit,womit er sich bewegt, hat jetzt sogar etwas Unheimliches. Aberaußerordentlich und bewunderungswürdig ist sie noch immer, dieseLeichtigkeit, und wie leicht und beweglich auch die andern Framzvsen sind, in Vergleichung mit Thiers erscheinen sie wie lauterplumpe Deutsche.
VIII.
Paris, den S7. Mai 1840.
Uber die Blutfrage von Damaskus haben norddeutsche Blättermehrere Mitteilungen geliefert, welche teils von Paris, teils vonLeipzig datiert, aber wohl aus derselben Feder geflossen sind, undim Interesse einer gewissen Clique das Urteil des deutschen Publikumsirre leiten sollen. Wir lassen die Persönlichkeit und die Motivejenes Berichterstatters unbeleuchtet, enthalten uns auch aller Unter-suchung der Damascener Vorgänge; nur über das, was in Be-ziehung derselben von den hiesigen Juden und der hiesigen Pressegesagt wurde, erlauben wir uns einige berichtigende Bemerkungen.Aber auch bei dieser Aufgabe leitet uns mehr das Interesse derWahrheit als der Personen; und was gar die hiesigen Juden be-trifft, so ist es möglich, daß unser Zeugnis eher gegen sie als fürsie spräche. — Wahrlich, wir würden die Juden von Paris eherloben als tadeln, wenn sie, wie die erwähnten norddeutschen Blättermeldeten, für ihre unglücklichen Glaubensbriidcr in Damaskus einenso großen Eifer an den Tag legten uno zur Ehrenrettung ihrerverleumdeten Religion keine Geldopfer scheuten. Aber es ist nichtder Fall. Die Juden in Frankreich sind schon zu lange emanzipiert,als daß die Stammesbande nicht sehr gelockert wären, sie sind fastganz untergegangen, oder besser gesagt, aufgegangen in der fran-