Das Bürgerkönigium im Jahre 1832. 139
Paris, den 12, Juni,
Die große Revue war gestern das allgemeine Tagesgespräch,Die Gemäßigten sahen darin das beste Einverständnis zwischen demKönig und den Bürgern, Viele erfahrene Leute wollen jedoch diesemschönen Bunde nicht trauen, und weissagen ein Zerwürfnis zwischendem König und den Bürgern, das leicht stattfinden kann, sobald ein-mal die Interessen des Thrones mit den Interessen der Butik inKonflikt geraten. Jetzt freilich stützen sie sich wechselseitig, und Königund Bürger sind miteinander zufrieden. Wie man mir erzählt, wardie Place Vendöme vorgestern nachmittag der Schauplatz, wo manjene schöne Übereinstimmung am besten bemerken konnte; der Königwar erheitert durch den Jubel, womit er auf den Boulevard?empfangen worden; und als die Kolonnen der Nationalgarden anihm vorbeidefilierten, traten einzelne derselben ohne Ilmstände ausder Reihe hervor, reichten auch ihm die Hand, sagten ihm dabei einfreundliches Wort, oder sagten ihm bündigst ihre Meinung über dieletzten Ereignisse, oder erklärten ihm unumwunden, daß sie ihn unter-stützen werden, solange er seine Macht nicht mißbrauche. Daß diesesnie geschehe, daß er nur die Unruhestifter unterdrücken wolle, daß erdie Freiheit und Gleichheit der Franzosen um so kräftiger verfechtenwerde, beteuerte Ludwig Philipp aufs heiligste, und sein Wort be-gründete vieles Vertrauen, Ich habe der Unparteilichkeit wegen dieseUmstände nachträglich erwähnen müssen. Ja, ich gestehe es, das miß-trauende Herz ward mir dadurch etwas besänftigt.
Die Oppositionsjournale scheinen fast die vorgestrigen Vorgängeignorieren zu wollen. Überhaupt ist ihr Ton sehr merkwürdig. Esist eine Art des Ansichhaltens, wie es furchtbaren Ausbrüchen vor-herzugehen Pflegt. Sie scheinen nur die Aufhebung der Ordonnanzüber den Belagerungsstand abwarten zu wollen. Der Ton jedesJonrnales bekundet, in welchem Grade es bei den letzten Ereignissenkompromittiert ist. Die „Tribüne" muß ganz schweigen, denn dieseist am meisten bloßgestellt. Der „National" ist es ebenfalls, abernicht in so hohem Grade, und er darf schon mehr und freier sprechen.Der „Temps", der am stärksten und kühnsten sich gegen die Ordonnanzdes Belagernngsstandes erhoben hat, steht gar nicht schlecht mit einigenRädelsführern des Inste-Milieu, und ist viel mehr geschützt als Sarrutund Carrel; aber wir wollen unS durch solche Berücksichtigung nichtabhalten lassen, den Herrn Coste als einen der besten Bürger Frank-reichs zu loben ob der männlichen, großen Worte, womit er sich inbcdrängtester Zeit gegen die Ungesetzlichkeit und die Willkür derRegierung ausgesprochen hat, - Herr Sarrut ist arretiert; HerrnCarrel sucht man überall. Gegen Carrel ist man wohl am meistenaufgebracht, und es ist möglich, daß man an ihn ganz besonders