13V Französische Zustände. I.
tellenkranz auf die rote Freiheitsmütze gesetzt haben; viele glaub-würdige Leute behaupten, sie hätten es mit eigenen Augen gesehen.Es ist möglich, daß er durch Zwang oder Überraschung diese symbo-lische Handlung gethan; es ist aber auch möglich, daß eine dritteHaud dabei im Spiele war, ohne daß mau es in dem großen Men-schengedränge bemerken konnte. Nach dieser Manifestation, sageneinige, wollte mau die bekränzte rote Mütze im Triumphe durch dieStadt tragen, und als die Municipalgarden und Sergeants de Villebewaffneten Widerstand leisteten, habe der Kampf begonnen. So vielist gewiß, als Lafayette, ermüdet von dem vierstündigen Wege, sichin einen Fiaker setzte, hat daS Volk die Pferde desselben ausgespanntund seinen alten treuesten Freund mit eigenen Händen nnter unge-heurem Beifallruf über die Boulevards gezogen. Viele Ouvricrshatten junge Bäume aus der Erde gerissen und liefen damit wieWilde neben dem Wagen, der in jedem Augenblicke bedroht schien,durch das ungefüge Menschengedränge umgestürzt zu werden. Essollen zwei Schüsse den Wagen getroffen haben; ich kann jedoch überdiesen sonderbaren Umstand nichts Bestimmtes angeben.
Viele, die ich ob des Beginns der Feindseligkeiten befragt habe,behaupten, es habe bei dem Pont d'Austerlitz wegen der Leiche destoten Helden der blutige Hader begonnen, indem ein Teil der „Pa-trioten" den Sarg nach dem Pantheon bringen, ein anderer Teilihn weiter nach dem nächsten Dorfe begleiten wollte, und die Ser-geants de Ville und Municipalgarden sich dergleichen Vorhaben wider-setzten. So schlug man sich nun mit großer Erbitterung, wie einstvor deni Mischen Thore um die Leiche des Patroklus. Auf der Placede la Bastille ist viel Blut geflossen. Um halb sieben Uhr kämpfteman schon an der Porte St. Denis, wo das Volk sich barrikadierte.Mehrere bedeutende Posten wurden genommen; die Nationalgardcn,die solche besetzt hatten, widerstanden nur schwach und übergaben ihreWaffen. So bekam das Volk viele Gewehre. Auf der Place NotreDame des Victoires fand ich großen Kampflärm; die „Patrioten"hatten drei Posten an der Bank besetzt. Als ich mich nach denBoulevards wandte, fand ich dort alle Butiken geschlossen, wenigVolk, darunter gar wenige Weiber, die doch sonst bei Emeuten sehrfurchtlos ihre Schaulust befriedigen; es sah alles sehr ernsthaft aus.Linientruppen und Kürassiere zogen hin und her, Ordonnanzen mitbesorgten Gesichtern sprengten vorüber, in der Ferne Schüsse und Pul-verdampf. Das Wetter war nicht mehr trübe und gegen Abendsehr günstig. Die Sache schien für die Regierung sehr gefährlich,als es hieß, die Nationalgarden hätten sich für das Volk erklärt.Der Irrtum entstand dadurch, daß viele der „Patrioten" gestern dieUnisorm der Nativnalgardisten trugen und die Nationalgarde wirk-lich einige Zeit unschlüssig war, welche Partei sie unterstützen sollte.