Druckschrift 
9 (1898) Französische Zustände : 1
Entstehung
Seite
106
Einzelbild herunterladen
 

lt>6 Französische Zustände. I.

Grille ist. Den Doktor Wirt und den Siebenpfeiffer und HerrnScharpf und Georg Fein aus Braunschweig und Grosse, undSchiller und Savoye, man kann sie festsetzen, und man wird siefestsetzen; aber ihre Gedanken bleiben frei und schweben frei, wieVögel in den Lüften. Wie Vögel nisten sie in den Wipfelndeutscher Eichen, und vielleicht ein halb Jahrhundert lang siehtman und hört man nichts von ihnen, bis sie eines schönen Som-mermorgens auf dem öffentlichen Markte zum Vorschein kommen,großgewachsen gleich dem Adler deS obersten Gottes, und mit Blitzenin den Krallen. Was ist denn ein halb oder gar eilt ganzes Jahr-hundert? Die Völker haben Zeit genug, sie sind ewig; mir dieKönige sind sterblich.

Ich glaube nicht sobald an eine deutsche Revolution, und nochviel weniger an eine deutsche Republik; letztere erlebe ich auf keinenFall; aber ich bin überzeugt, wenn wir längst ruhig in unserenGräbern vermodert sind, kämpft man in Deutschland mit Wort undSchwert für die Republik. Dem: die Republik ist eine Idee, undnoch nie haben die Deutschen eine Idee aufgegeben, ohne sie bis inallen ihren Konsegnenzen durchgefochten zu haben. Wir Deutscheil,die wir in unserer Knnstzeit die kleinste ästhetische Streitfrage, z. B.über das Sonett, gründlichst ausgestritten, wir sollten jetzt, wo unserepolitische Periode beginnt, jene wichtigere Frage nncrörtert lassen?

Zu solcher Polemik haben uns die Franzosen noch ganz beson-dere Waffen geliefert; denn wir haben beide, Franzosen und Deutsche,in der jüngsten Zeit viel voneinander gelernt; jene haben vieldeutsche Philosophie und Poesie angenommen, wir dagegen die poli-tischen Erfahrungen und den praktischen Sinn der Franzosen; beideVölker gleichen jenen homerischen Heroen, die ans dem SchlachtfeldeWaffen und Rüstungen wechseln als Zeichen der Freundschaft. Daherüberhaupt diese große Veränderung, die jetzt mit den deutschenSchriftstellern vorgeht. In früheren Zeiten waren sie entwederFakultätsgelehrte oder Poeten, sie kümmerten sich wenig um das Volk,für dieses schrieb keiner von beiden, und in dem philosophische»,poetischen Deutschland blieb das Volk von der plumpsten Denkweisebefangen, und wenn es etwa einmal mit seinen Obrigkeiten haderte,so war nur die Rede von rohen Thatsächlichkeiten, materiellen Nöten,Steuerlast, Maut, Wildschaden, Thorsperre u. s. w.; — während impraktischen Frankreich das Volk, welches von den Schriftstellern erzogen und geleitet wurde, viel mehr um ideelle Interessen, um philo-sophische Grundsätze stritt. Im Freiheitskriege sluaus a non Invsnäo)benutzten die Regierungen eine Koppel Faknltätsgelehrte und Poeten,um für ihre Krvninteressen auf das Volk zu wirken, und dieses zeigteviel Empfänglichkeit, las den Merkur von Joseph Görres, sang dieLieder von E. M. Arndt, schmückte sich mit dem Laube seiner Vater