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9 (1898) Französische Zustände : 1
Entstehung
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8 Französische Zustände. I.

Mißlicher ist es, wenn die Freunde mich verkennen. Das dürstemich verstimmen, und wirklich, es verstimmt mich. Ich will es abernicht verhehlen, ich will es selber zur öffentlichen Kunde bringen,daß auch von feiten der himmlischen Partei mein guter Leumundangegriffen worden. Diese hat jedoch Phantasie, und ihre Insinua-tionen sind nicht so platt prosaisch wie die der böotischen, svdomitischenund abderitischen Partei. Oder gehörte nicht eine große Phantasiedazu, daß man mich in jüngster Zeit der antilibcralsten Tendenzenbezichtigte und der Sache der Freiheit abtrünnig glaubte? Einegedruckte Äußerung über diese angeschnldete Abtrünnigkcit fand ichdieser Tage in einem Buche, betitelt:Briefe eines Narren an eineNärrin."ch Ob des vielen Guten und Geistreichen, das darin enthal-ten ist, ob der edlen Gesinnung des Verfassers überhaupt, verzeih'ich diesem gern die mich betreffenden bösen Äußerungen; ich weiß,von welcher Himmelsgegend ihm dergleichen zugeblasen worden, ichweiß, woher der Wind pfiff. Da giebt es nämlich unter unserenjakobinischen Enragss, die seit den Juliustagen so laut geworden,einige Nachahmer jener Polemik, die ich wahrend der Rcstnurativns-perivde mit fester Rücksichtslosigkeit und zugleich mit besonnener Selbst-sicherung geführt habe. Jene aber haben ihre Sache sehr schlechtgemacht, und statt die persönlichen Bedrängnisse, die ihnen darausentstanden, nur ihrer eigenen Ungeschicklichkeit beizumessen, fiel ihrUnmut auf den Schreiber dieser Blätter, den sie unbeschädigt sähen.Es ging ihnen wie dem Affen, der zugesehen hatte, wie sich einMensch rasierte. Als dieser nun das Zimmer verließ, kam. der Affeund nahm das Barbierzeug wieder aus der Schublade hervor, undseifte sich ein und schnitt sich dann die Kehle ab. Ich weiß nicht,inwieweit jene deutschen Jakobiner sich die Kehle abgeschnitten; aberich sehe, daß sie stark bluten. Auf mich schelten sie jetzt. Seht,rufen sie, wir haben uns ehrlich eingeseift und bluten für die guteSache, der Heine meint es aber nicht ehrlich mit dem Barbieren,ihm fehlt der wahre Ernst beim Gebrauche des Messers, er schneidetsich nie, er wischt sich ruhig die Seife ab, und pfeift sorglos dabei,und lacht über die blutigen Wunden der Kehlabschneider, die esehrlich meinen.

Gebt euch zufrieden; ich habe mich diesmal geschnitten.

Paris, Ende November 18ZS.

Heinrich Heine.

*) Von Karl Gutzkow, Hamburg. Hoffmaun und Campe, 1832. Die be-treffende Stelle findet sich auf S, 75 des Buches.

Der Herausgeber.