Auslegung der Bergpredigt Christi. 29
Tage habe und von niemand nichts leiden dürfe, wie der Möncsi-und Pfaffen-Stand gewesen ist. Denn sie kann nicht leiden, daßsie im göttlichen Stande andern Leuten dienen sollte mit eitel Sor-gen, Mühe und Arbeit, und dazu nichts denn Undanck und Ver-achtung und andere böse Tücke zu Lohne kriegen. Darum wenn esihr nicht gehet, wie sie will, und einer den andern sauer ansiehet,so können sie nichts, denn poltern mit Fluchen und Donnern, jamit der Faust dazu, wollen bald Gut und Ehre, Land und Leutehinansetzen. Aber Gott schickets also, daß sie dennoch nicht müssenso frey hingehen, daß sie kein Leid sehen noch leide» dürfen, undgibt ihnen zu Lohn, weil sie es nicht gerne thun, daß sie es dochleiden müssen, und dasselbe mit Zorn und Ungeduld zwiefaltig grösserund schwerer machen, und keinen Trost noch gut Gewissen habenkönnen. Die Christen aber haben den Vortheil, daß, ob sie gleichLeide tragen, dennoch sollen getröstet werden und, beyde, hier unddort selig seyn
Darum, wer nicht will gar ein Weltkind seyn, und mit denChristen Theil haben, der lasse sich auch in dem Register finden,daß er helfe seufzen und Leide tragen, auf daß er auch getröstetwerde, wie die Verheifsung lautet. Daher liefet man ein Exempelin dem Propheten Ezechiel 9, 2. ff., wie Gott sechs Manner aus-sendete, mit tödtlicher Wehre, über die Stadt Jerusalem. Abereinen unter ihnen schickte er mit einem Schreibezeug, der sollte mit-ten durch die Stadt gehen, und ein Zeichen auf die Stirne schrei-ben, allen, die da seufzeten und Leide trugen, daß es so schandlich zuginge,und sehen mußten, das ihnen durchs Hertz ginge. Und wer da ge-zeichnet würde, der sollte lebendig bleiben, die andern aber alle todt-geschlagen werden. Siehe, das ist der Christen Vortheil, daß, obsie gleich eitel Leid und Jammer in der Welt sehen müssen, dochzuletzt dahin kömmt, wenn die Welt am sichersten ist und in eitelFreuden fahret, daß sich das Radlein umkehret, und plötzlich einUnglück über sie kommet, darinnen sie. bleiben und verderben muß,sie aber herausgerissen und errettet werden, wie der liebe Lot zuSodom errettet ward, da sie lange sein Hertz gequalet und gemar-tert hatten (wie St. Petrus 2. Epist. 2, 7. 8. sagt) mit ihremschandlichen Wesen. Darum laß die Welt jetzt lachen und in:Sause leben nach ihrer Lust und Muthwillen. Und ob du mußttrauren und Leide tragen, und taglich sehen, daß dein Hertz betrübt:so leide dich, und halte dich des Spruchs, daß du dirs lassest Wohl-gefallen und dich damit tröstest, und auch äusserlich dich erquickestund srölich machest, so viel du kannst.