I)' Martin Luthers Werke. In einer das Bedürfniß der Zeit berücksichtigenden Auswahl. Zweite vermehrte Auflage. Sechster Theil. Hamburg, bei Friedrich P e r t h e s. 1 8 Z 8. Anmerckungen über ven Evangelisten Matthäus. D. Martin Luther an den andächtigen Leser. ^ch habe in denen Gedancken gestanden, daß diese Anmerckungen verloren gegangen, und also auch nicht gewußt, daß man diese Schrift Anmerckungen genennet hat, bis mir selbige durch gute Freunde, die sie aufbehalten und zum Druck ausgefertiget, überbracht wurde. Denn es hat mit selbiger diese Bewandniß. Einem guten Freunde zu Gefallen, der damals über den Matrhaum laß, habe ich bey Tische, weil ich sonst keine Zeit hatte, etwas aufgeschrieben, damit er Materie zu seinen Lectionen hatte. Im übrigen aber bin ich nichts weniger, als dieses vermuthend gewesen, daß dergleichen Gedancken sollten zum Druck aufbehalten werden. Denn man hat Bücher genug und die Menge, sowohl von alten, als neuen, daß ich es also gar gerne kann geschehen lassen, wenn meine Bücher verloren gehen. Ich bin von meinen Widersachern mit Gewalt darzu genöthiget worden, daß ich mich habe müssen ans Licht wagen; jedoch habe ich darbey keine andere Absicht gehabt, als daß ich, vermöge meiner Pflicht und Amts, die tstuchoso-. zu denen Quellen selbst, nemlich zur heiligen Schrift, führen möchte. Und mich dünckt, ich habe diesem meinem Amte durch Gottes Gnade eine solche Gnüge gethan, daß es nicht ohne allen Segen gewesen. Denn man hat nunmehro die Bibel selbst, sowol in Hebräischer, Griechischer und Lateinischer, als auch in unsrer Deutschen Sprache, wiederum in Handen, und zwar ist dieselbe größtentheils dermassen erläutert, daß ein jeder (wenn er nur fromm ist und Fleiß anwendet,) sich selbst in der heiligen Schrift ohne meine Bücher weiden und seine Seele davon fett machen kann. Derowegen geschieht es eben nicht mit meinem Willen und auf mein Anregen, daß diese gegenwärtigen Anmerckungen ans Licht gestel- let werden, sondern ich muß es nur so geschehen lassen, weil es meine guten Freunde haben wollen, welches auch die Sache selbst ausweisen wird, indem es keine vollständig? Auslegung über den gantzen 6 Anmerckungen über den Evangelisten Matthäus. Matthaum ist. Denn dergleichen würde ich verfertiget haben, wenn ich hatte Anmerckungen über den Matthaum (wie der bereits gedruckte Tittel von diesem Wercke lautet, und also mehr verspricht, als das Buch in sich halt,) heraus geben wollen. Allein, gleich wie ich von ohngefahr zu dieser Arbeit kam, da gedachter gute Freund bereits über das achte Capitel laß: also habe ich auch mit ihm bey dem achten Capitel aufgehöret. Daher kömmt es, daß die Anmerckungen nur über zehen Capitel im Druck erscheinen, ob es gleich dem Titel nach lautet, als ob die Anmerckungen über den gantzen Evangelisten giengen. Derowegen wird der geneigte Leser dieses zum Besten auslegen, daß in dem Tittel zu viel enthalten, und anstatt des Gantzen nur ein Stück davon erscheinet, und solches meinen guten Freunden zu gute halten; von mir mag er dencken, was er will. Denn ich halte es ferner für überflüssig, und ich achte mich für untüchtig, noch mehrere Schriften über das heilige Bibelbuch heraus zu geben, als welches nunmehro unter dem Scheffel des Pabstthums herfüc gezogen, und auf den Leuchter gestellet ist, daß es vor sich selbst Heller, als die Sonne, allen, die zum Hause Christi eingehen, leuchtet. Und wenn wir die Sache recht überlegen wollen, so sind jetzo weit, weit mehr Bücher, als Leser vorhanden, und es gibt auch jetzo noch de- rerjenigcn weit mehr, die da schreiben, als derer, die da lernen; also, daß da viel Büchermachens kein Ende ist, (wie Salomon, Pred. am 12, 12. darüber klaget, zu befürchten stehet, es werde in kurtzer Zeit die Menge derer Bücher, so die besten nicht sind, die geringe Anzahl derer guten unterdrücken, auch selbst die Bibel endlich wiederum ver- dunckeln und unter einen weit unglücklichern Scheffel, als der vorige gewesen, gebracht werden. Also sehen wir, daß es nach der Apostel Zeiten ergangen ist. Diese hatten die Bibel ans Licht gebracht; aber indem ihre Nachkommen die Bücher ohne Maasse Haufeten, haben sie es endlich dahin gebracht, daß die Kirche, anstatt der Bibel, die Lehrer, die Kirchenvater, die Concilia, zuletzt auch die vecrets, Sophisten und Menschenunflath ohne Ende zu lehren und zu lernen genöthiget wurde, bis endlich der Spruch Jeremia 2, Z2. erfüllet wurde: Mein Volck vergisset mein ewiglich. Dieses ist die Ursache, warum ich nicht eben wünsche, daß meine Bücher langer, als dieses Jahrhundert hindurch, dem sie gedienet haben, dauern mögen. Gott wird zu andern Zeiten auch seine Arbeiter senden, gleichwie er allezeit gethan hat. Derowegen soll ein jeder unter uns dahin sehen, daß wir also Matth, l. 7 schreiben, lesen, lehren, lernen, damit wir nicht darbey die Bibel gar bey Seite setzen, und uns auf neue mit denen Kirchenvätern, Lehrern, Conciliis, Dccreten, Artickeln, Decretalien und mit der schädlichen Grundsuppe von Menschensatzungen und Meynungen überhäufen. Wir dürfen nicht erst an fremdem, sondern wir können an unserm eigenen Schaden klug werden. Der Herr regiere und erhalte uns in der Reinigkeit und Einigkeit des Glaubens und seines Worts, Amen. Matthäus 1. Von Christi Seschlechrsregister. Aie Evangelisten haben sich daran begnügen lassen, wenn sie auf eine ungekünstelte, jedoch deutliche Weise zeigeten, daß Christus von Abraham und David herkäme. Denn sie sehen auf die Verheissun- gen Gottes mehr, als auf die genaueste Ausrechnung der Glieder. Es ist aber Christus nicht dem Nahor, oder dem Haran, welche des Abrahams Brüder waren, 1. Mos. 11, 26., sondern Abraham und zwar ihm allein, verheissen worden. Nächst diesem ist er nicht dem priesterlichen, oder irgend einem andern Stamme, sondern allein dem David und dessen königlichem Stamme verheissen worden, damit der Heilige Geist lehcete, daß das Levitische Priesterlhum nicht über Christum hinaus dauern würde, als welcher der künftige Priester seyn und von einem andern Namen, nemlich des Davids, herkommen sollte, wie davon die Epistel an die Hebräer herrlich handelt. Derowegen ist dieses genug, wenn man aus diesen Geschlechtsregistern weiß, daß Christus aus dem Stamme Davids, des Sohnes Abrahä, hergekommen sey. Wenn dieses feste stehet, so ist der unendliche Streit von allen Geschlechtslinien und Gliedern, sowol überhaupt, als insonderheit, vergeblich. Denn wenn dieses zum Grunde gelegt wird, daß Christus, der König und Priester, vom Stamme Juda komme, so fallt das Levitische Prjesterthum gäntzlich Übern Haufen, und alles ist falsch, was sich die Jüden, es sey, was es wolle, von ihrem Levitisehen Priesterlhum rühmen, daß es ewig wahren solle; sintemal Christus, der König und Priester, wenn er Matth, 1. auch (nach dem irrigen Wahn derer Juden) künftig noch kommen sollte, dennoch ihr Levitisches Priesterthum aufheben und an dessen Statt treten würde, weil geschrieben steht, Ps. 110,4.- Du bist ein " Priester ewiglich. Derowegen hat Matthaus gleich im Anfange die Jüden lehren wollen, ihr Gottesdienst, Priesterthum und Königreich habe nunmekro sein Ende erreichet, indem er alsobald beweiset, daß der Mensch, Jesus von Nazareth, (von welchem sie nicht allein wußten, daß er kommen war, sondern den sie auch creutzigten,) der Christ sey, nemlich der Sohn Davids, des Sohnes Abrahä. Denn dieses setzet Matthaus gantz sicher, auch aus ihren eigenen Geschlechtregistern, zum voraus. Aber darauf dringst er sonderlich, daß eben dieser Jesus der Cbrist sey, auf den sie, als auf den Verheissenen warteten. Derchalben, wenn auch gleich die Evangelisten keine Geschlechtregister verfertiget hatten, so wäre es doch bey den Jüden gewiß gewesen, daß Jesus von dem Stamme Davids, des Sohnes Abraha, sey. Jedoch haben sie die Gewohnheit ihres Volcks einigermassen beobachten wollen, damit sie nicht vielleicht das Ansehen gaben, als ob sie die Geschlechtregister entweder geringer schätzten, oder selbige gantz und gar für falsch hielten, und also das Ansehen der Bücher derer Könige und Mosis verachteten, in welchen, wie es scheint, die Geschlechtregister aus dergleichen Absicht mit Fleiß sind beschrieben worden. Demnach ziehet Matthaus den Abraham und David allein als Stammvater an, als welchen zweyen allein die Verheissung von Christo in selbigem Volcke geschehen ist, 1. Mos. 22, 1». 2. Sam. 7, 12. Denn daß eben dieser Christus durch den Weibessaamen dem Adam verbeissen worden, I.Mos. 3, Ib., selbige Verheissung ist ausserhalb diesem Volcke und dem Saamen Abraha, und deßwegen hatten sie sich dadurch zu nichts bewegen lassen. Derowegen, da Malthaus seine Absicht auf dieses Volck alleine gerichtet hat, so dringet er auf die Verheissungcn, so dem Abraham und David geschehen, auf daß er sie als Erben der Verheissung, Gal. 3, 29-, auf eine angenehme Weise bewegen möchte, Cbristus, der ihnen verheis- sen war, Röm. 9, 4., anzunehmen, und daß dieser der Jesus sey, den sie gecreutziget hatten. Lucas aber gehet weiter und will gleichsam Christum allen Völckern gemein machen; derowegen führet er dessen Geschlechte bis auf Adam hinaus, welchem die erste Verheissung von Christo für alle Völcker, und nicht allein für den Saamen Abraha, geschehen ist. Gleichwie nun Matthäus beweisen will, daß Christus zu den Juden Matth. 1. 9 gekommen sey nach der Verheissung, welche dem Abraham und David geschehen: also will Lucas darthun, daß eben dieser Christus nicht allein für die Juden gehöre, (wie sie wol, durch Haß und Neid verblendet, dencken,) sondern auch selbst für Adam und seinen Saamen, das ist für alle Völcker der gantzen Welt. Eben dieses sagen auch nachgehends alle Propheten deutlich, und eben die Verheissung, so dem Abrabam gescheben, erklaret es zur Gnüge, wenn es heißt: Alle Völcker sollen in deinem Saamen gesegnet werden, I.Mosi 12,3. Was wird hier ausgeschlossen? Alle Völcker werden ja darinnen begriffen. Dieses allein wird ausgeschlossen, daß 'Abraham nicht durch den Saamen aller Völcker, sondern im Gegenteil alle Völcker durch den Saamen Abrahams sollen gesegnet werden. Ist Gott nicht auch derer Heyden Gott? Ist er allein derer Juden Gort? Rom. 3, 23. Matthäus 2. Von der Offenbarung Christi. ^um ersten laßt sich dieses gantze Capitel in zwey Hauptpuncte abtheilen, in die Offenbarung und Verfolgung Christi. Denn diese zwey Stücke handelt St. Matthaus hierinnen ab. Die Offenba- rung Christi war nöthig, weil man nach demjenigen, was man nicht weiß, kein Verlangen, und ein unbekanntes Geschenck keinen Nutzen hat. Es halte uns nichts geholfen, daß Christus geboren worden, wenn er wäre verborgen geblieben. Das ist also die Ursache, warum wir dieser Geschichte zu Ehren ein Fest feyern, auf daß wir nemiich für dieses Gesckencke, oder Wohlthat und Erscheinung, danckbar und derselben eingedenck seyn sollen. Hier kann einer, wer darzu Lust hat, seine Beredsamkeit zeigen, und diese Wohlthat der Offenbarung rühmen, von ihrer Nothwendigkeit, von ihrer Nutzbarkeit, Lieblichkeit, Wirckung und Früchten, und im Gegentheil anführen, wie jammerlich es würde gewesen seyn, wenn Christus verborgen geblieben wäre, und was es vor Gefahr, vor Elend und gantz widrige Wirckungcn und Folgerungen nach Matth. 2. sich gezogen hatte, wenn diese theure Gabe nicht wäre offenbaret worden. Dieses einzige Stück würde eine ganze und weittauftige Rede ausmachen, die man zur Dancksagung, zur Ermunterung und zur Bewegung derer Affecten, zur Freude und zum Vertrauen einrichten könnte. Zum andern wird die Offenbarung an und für sich selbst in gewisse Stücke abgetheilet, darunter das erste ist der Stern, das andere das Bekenntniß derer Weisen, das dritte das Zeugniß derer Priester, das vierte das Bekenntniß des gottlosen Herodis von seiner Furcht. Allen diesen wird der geborne Christus geprediget und offenbaret, nemlich von dem Stern, einer stummen Creatur, von auslandi- scken Heyden, von ihrem eigenen Volcks, von dem Feinde und Verfolger, daß also derjenige nicht zu entschuldigen ist, der da nicht weiß, daß Christus geboren sey. Denn also stehet geschrieben durch den Propheten Micham 5, 1.: Und du Bethlehem Ephrata, die du klein bist unter den Tausenden in Juda, aus dir soll mir kommen, der in Israel Herr sey, welches Ausgang von Ansang und von Ewigkeit her gewesen ist. Zum dritten wird durch diese Offenbarung die Weissagung des Propheten Micha von Christo, der da sollte geboren werden, bekräftiget und bewiesen, und es ist eine wirckliche Geschichte aus dieser Weissagung von einer künftigen Sache worden. Dieses ist also der eigentliche Hauptpunct dieses Evangelii, nemlich, daß es von Christo handelt, der durch Micham ist beschrieben worden, wer er seiner Person und Amte nach seyn sollte. Seiner Person nach ist er aus dem Stamme Juda, aus der Stadt Bethlehem, ein wahrer Sohn Davids und ein wahrer Mensch, vom Va- ' ter in Ewigkeit geboren, ein wahrer Sohn Gottes, ein wahrer Gott, wie es aus der Prophezeyung Micha weitläustiger erhellet. Sein Amt bestehet darinne, daß er ein Herzog über das Volck Gottes sey; aber ein solcher Herzog, der von andern Herzögen unterschieden, und nicht ein solcher sey, wie David und andere Sterbliche und dererselben Nachfolger gewesen. Dieser ist der einige Herzog und unsterblich, und hat keinen Nachfolger in diesem Amte, weil er eine ewige Person ist, wie Micha S, t. spricht: Sein Ausgang ist vom Anfang und vor denen Tagen der Welt, der mein Volck Israel regiere, das ist, selig mache, beschütze, regiere, wider die Sünde, wider den Tod, wider den Teufel. Denn es ist gewiß, daß Mi- chas von dem verheissenen Messia redet, welches auch die Hohenpriester und Schriftgelehrten selbst gegen Herodem bekennen. Folglich Matth, 2. 11 ist dieser wahre und einige Herzog der Heiland der Welt. Hier kann man das Gegentheil anführen und weitlauftig sagen, wie Moses, die Weltweisen, die Rechte, die Könige, die Klugen dieser Welt, nichts sind gegen diesen Herzog, weil sie mit ihm, weder in Ansehung seiner Person, noch Amtes, in einigen Vergleich kommen- Denn diese können sich nicht einmal selbst selig machen, sie dienen nur zeitlicher Weise. Aber dieser ist ein Herr in Ewigkeit. Matth. 4, 1-12. Von Christi Versuchung. Nachdem Christus getauft, bey welcher Taufe er durch den Ausspruch des Vaters zum Lehrer beruffen und rrklaret worden, wird er gesandt, sein nunmehro wircklich übernommenes Amt zu führen. Aber er wird erstlich versucht und geprüfet, als einer, der erst muß unterwiesen werden (uns zum Exempel), damit er nicht als ein Neuling und Unerfahrner (wie Paulus 1. Tim. 3, 6. schreibt) eine so wichtige Sache ansinge, und nachgehends in dem Glauben an Gott etwan nicht bestandig wäre, gleichwie die Neulinge pflegen verwegen zu seyn und sich aufzublasen, aber bald fallen und ihr Amt verlassen. Er wird aber probiret und versucht auf eine dreyfache Weise. Zum ersten wird Christus versucht, ob er um Gottes willen könne Hunger oder Dürftigkeit ausstehen, oder ob er vielmehr das Brod, oder das Wort vorziehe und suche; weil ein Christ, fürnem- lich ein Lehrer, die Gefahr der Armuth und den Verlust seines Vermögens nothwendig erdulden muß. Hier überwindet Christus und lehret überwinden, daß Gott der Speise vorzuziehen sey, sintemal Gott nicht ein Gott des Bauchs,, sondern ein Gott des Lebens ist, wie er aus Mose beweiset, daß der. Mensch nicht von Brod allein lebe, sondern von einem jeglichen Worte, das durch den Mund Gottes gehet, S. Mos. 8, 3. Also hat der Mensch das Leben, nicht allein dieses leibliche Leben vom Brode sondern auch dieses und das zukünftige Leben im Wort, oder in Gott 12 ' Matth. 4, 1 - 12. Daß ist die Versuchung des Geitzes und der Sorge für dieses Leben, daß man Gottes Wort soll fahren lassen. Das andere ist eine geistliche Versuchung, daß er Gott versuchen solle. Es ist aber eine hohe Versuchung, und der gemeine Mann kann sie nicht verstehen: deßwegen sie hier mit kurtzen berühret worden. Man kann es nennen eine grobe Versuchung Gottes, daß man nemlich nichts thun solle, was Gott nicht befohlen und worzu er auch das Vermögen nicht gegeben hat, unter dem Verwand, weil alle Dinge möglich waren dem, der da glaubet. Denn gleichwie er bey der ersten Versuchung den Glauben angefochten hat mit Mißtrauen durch den Mangel des Brods und anderer Nothdurft: also versucht er hier den Glauben durch das Vornehmen solcher Dinge, die man nicht hat, und die Gott nicht befohlen. Als, wenn du essen und trincken und doch nicht arbeiten wolltest, um dein Brod zu erwerben, sondern im Glauben die Früchte erwarten: oder wenn du im Glauben auf ein Haus ohne Arbeit warten wolltest. Also auch in allen andern Dingen. Jmgleichen, wenn du ohne Macht oder Kriegsheer (da es Gott nicht befohlen) dir einen Krieg vornehmen und den Sieg erhalten wolltest. Die dritte Versuchung ist die Versuchung der eitlen Herrlichkeit und weltlichen Macht. Wie, wenn dir Reichthum und grosse Herrlichkeit zufliessen könnten, wolltest du wol lieber die Herrlichkeit und Herrschaft, als das Wort, fahren lassen? Denn hier ist die Natur /den so sehr begierig nach Herrlichkeit, nach Lobe, nach einem grossen Nanun, als sie in der ersten Versuchung für den Bauch sorgfältig bekümmert war. Dabist eine grosse Versuchung, die man offenbarlich siehet an allen denenjenigen, die begierig sind nach Ehre und Macht vor der Welt, und die einen Grauen haben vor der Schmach des Ereutzes und mit der Herrlichkeit der Welt in die Herrlichkeit des Himmels eingeben wollen. Nachdem diese Versuchung überwunden, so folget der Trost, daß die Engel zu diesen geistlichen Streitern treten und ihnen dienen, womit zu verstehen gegeben wird, daß sie uns in dergleichen Kampffe allen Vorschub thun und sich über unsern Sieg freuen- 13 Auslegung der Bergpredigt Christi. Matth. Z. 6. 7. B o r r e d e. Ach habe fast gerne gesehen, daß diese meine Predigten über die drey Capitel St. Matthai, welche St. Augustinus nennet des Herrn Predigt auf dem Berge, ausgehen, ab Gott wollte seine Gnade darzu verleihen, baß solche Lehre Christi möchte in rechtem, gewissem, Christ- lichem Verstände bleiben und erhalten werden, weil es sogar gemeine Sprüche und Texte sind, durch die gantze Christenheit gewaltiglich getrieben und geübet. Denn ich nicht zweifele, ick) habe den Meinen und wer es begehrt, den rechten, lautern, christlichen Verstand hierin vorgelegt. Und kann nicht wissen, wie der leidige Teufel sonderlich das fünfte Capitel durch seine Apostel so meisterlich verdrehet und verkehret hat, daß er eben das Widerspiel daraus gemacht. Und gleich wie Christus fürsetziglich darinnen hat wollen aller falschen Lehre begegnen, und den rechten Sinn der Gebote Gottes eröffnen, wie er bedinget und spricht, Matth. 3, 17.: Ich bin nicht kommen, das Gesetz aufzulösen, und nimmts dazu von Stück zu Stück, und wills ja klar und gewiß genug machen: noch hat der höllische Satan keinen Text in der Schrift funden, den er schandlicher verkehret und mehr Irrthum und falscher Lehre daraus gemacht hat, denn eben diesen, der darzu geordnet und gestehet ist von Christo selbst, daß er sollte falscher vorkommen. Das heißt ein Meisterstück des Teufels. Als erstlich sind in diß fünfte Capitel gefallen die groben Saue und Esel, Juristen und Sophisten, des Pabstesels rechte Hand, und seine Mammelucken. Die haben aus dieser schönen Rose solchen Gisst gesogen und in alle Welt gestreuet, damit Christum verscharret und den Endechrist erhebet und erhalten, nemlich, daß Christus hier nicht von seinen Christen alles geboten, noch gehalten wolle haben, was er im fünften Capitel lehret, sondern habe viel Stück allein gerathen denen, so vollkommen seyn wollen, und möge sie halten, wer da wolle; unangesehen, daß Christus daselbst zorniglich dräuet: sie sollen im Himmel nicht seyn, wer der geringsten solcher Gebote eins auflöset, und nennets mit dürren Worten: Gebote. Daher haben sie zwölf Consisis kmsnAeiii erdichtet, zwölf guter Rathe im Evangelio, die man halten möge, wer da wolle, so er !4 Auslegung der Bergpredigt Christi. etwas für und über andere Christen höheres und vollkommneres fern will, haben also nicht allein ausser dem Glauben, in das Werck die christliche Seligkeit, ja auch die Vollkommenheit gesetzet, sondern auch dieselben Wercke frey gemacht. Das heißt, meyne ich, recht und fein gute Wercke verbieten, welches sie uns Schuld geben, die groben Esel und Lasterer. Denn sie können solches nicht leugnen, und hilft sie kein Decken, noch Putzen, so lange diß fünfte Capitel Matthai bleibet. Denn ihre Bücher und Glossen sind vorhanden, dazu ihr altes und noch tagliches unbußfertiges Leben, das sie führen nach solcher ihrer Lehre. Und ist gar gemein bey ihnen die Lehre von den zwölf Lcmsilüs OuanAcIIcis, als da sind: 1. Nicht Böses vergelten. 2. Nicht rächen. 3. Den andern Backen darbieten. 4. Dem Uebel nicht widerstehen. S. Den Mantel zum Rock lassen. 6. Zwo Meilen für eine gehen. 7. Geben allen, der da bittet. 8. Leihen dem, der da abborget. 9. Bitten für die Verfolger. 1 V.Lieben die Feinde. 1 l. Wohlthun den Hassern, wie Christus hier lehret. Solches alles (speyen sie) sey nicht geboten, und die Esel zu Paris geben redliche Ursach, sagen: Es wäre der Christlichen Lehre viel zu schwer, wo sie sollte damit beladen seyn. Also haben die Juristen und Sophisten die Kirche regiert und gelehret bisher, daß Christus hat mit seiner Lehre und Auslegung ihr Narr und Gaukeler müssen seyn, und thun dazu noch keine Busse dafür, sondern wolltens noch gern vertheidigen, und ihre verfluchte, schabichte Lammes gerne wieder aufwerfen, und ihren Pabst- esel wieder krönen. Gott gebe aber, daß ich leben und Spangen und Edelsteine zu solcher Krone geben müsse, so soll der Esel, ob Gott will, recht gekrönet heissen. Darum lasse dir, lieber Bruder, so du willst und nichts bessers hast, diese meine Predigt dienen, zum ersten wider unsere Junckern, die Juristen und Sophisten. Ich meyne sonderlich die Canonisten, welche sie selbst zwar Esel heissen, als sie denn auch sind, aus daß du vor ihrer Eselskunst und Teufelsmist die Lehre Christi rein bey dir behalten an diesem Ort Matthai. Zum andern, auch wider die neuen Juristen und Sophisten, nemlich die Rottengeister und Wiedertäufer, welche auch aufs neue aus ihrem tollen Kopf das Hertzeleid anrichten in diesem fünften Capitel. Und gleichwie jene zu sehr aus die lincke Seite gefallen, nichts überall von dieser Lehre Christi gehalten, sondern verdammt und vertilget haben: also fallen diese zu sehr auf die rechte Seite, und lehren, man solle nichts eigenes haben, nicht schwören, nicht Auslegung der Bergpredigt Christi. 15 Obrigkeit, noch Gericht halten, nicht schützen, noch vertheidigen, von Weib und Kind lausten, und des Jammers viel. Also blauets und braucts der Teufel auf beyden Theilen unter einander, daß sie keinen Unterschied wissen zwischen welllichem und gottlichem Reich, viel weniger, was unterschiedlich in einem jeglichen Reiche gebühret zu lehren und zu thun, welches wir, Gott Lob, rühmen können, daß wirs in diesen Predigten klaclich und fleissiglich haben angezeigt und ausgestrichen: daß, wer hii.fort irret, oder irren will, wir seinethalben entschuldiget sind, als die wir das unsere treulich haben zu eines jeglichen Besten dargethan. Ihr Blut sey auf ihrem Kopsse, den Lohn dafür wollen wir gewarten, nemlich Undanck, Haß und allerley Feindschaft, und sagen: Des gratis«. Weil wir denn erfahren und wissen, durch solche greuliche Exempel, beyde, Pabstischer und rottischer Juristen, was der Teufel im Sinn hat, und sonderlich diß fünfte Capitel St. Matthai zu verkehren, und die reine christliche Lehre damit zu vertilgen gedencket: so sey gebeten und vermahnet ein jeglicher Prediger oder Pfarrherr, daß er treulich und fleissig dawider in seinem befohlenen Hanflein wache und den rechten Verstand helfe erhalten. Denn so lange der Teufel lebt und die Welt stehet, wird er nicht aufhören, diß Capitel anzufechten. Denn ihm ist daran gelegen, daß er die guten Wercke dadurch gantz unterdrücke, wie unter dem Pabstthum geschehen, oder falsche gute Wercke und erdichtete Heiligkeit anrichte, wie er jetzt durch die neuen Mönche und Rottengeister angefangen hat. Und wenn schon beyde, Pabstliche und rottische Juristen und Mönche untergingen, so würde er doch aber andere finden und aufwecken. Denn er muß solch Gesinde haben, und ist sein Reich vom Anfange der Welt her durch Mönche regieret. Ob sie wol nicht Mönche geheissen haben, so ist doch ihre Lehre und Leben mönchisch, das ist, ein anderes und sonderliches, oder besseres, denn Gott geboten hat, gewesen, wie bey dem Volck Israel die Baaliten, Cama- rim und dergleichen, bey denen Heyden die Galli und Vestales waren. Darum können wir nicht sicher vor ihm seyn. Denn aus diesem fünften Capitel sind auch des Pabsts Mönche kommen, als die einen vollkommnen Stand vor andern Christen vor sich nahmen, welchen sie auf diß Capitel gründeten, und haben doch dran gehalten, daß sie voll Geitz, Hoffart und zuletzt voll aller Teufel worden sind. Christus, unser lieber Herr und Meister, der uns den rechten Sinn aufgethan hat, wollte uns denselbigen mehren und starcken, darzn Auslegung der Bergpredigt Christi. helfen» daß wir auch darnach leben und thun. Dem sey Lob und Danck, sammt dem Vater und Heiligen Geist, in Ewigkeit, Amen. Cap. Z. t. 2. Da er aber das Volck sahe, ging er auf einen Berg und setzte sich, und seine Jünger traten zu ihm. Und er that seinen Mund auf, lehrete sie und sprach. Da machet der Evangelist eine Vorrede und Geprang, wie sich Christus gesteliet habe zu der Predigt, die er thun wollte; daß er auf einen Berg gehet und sich setzet, und seinen Mund austhut, daß man siehet, es sey sein Ernst. Denn das sind die drey Stück, wie man sagt, so zu einem guten Prediger gehören; Zum ersten, daß er auftrete; zum andern, daß er das Maul aufthue, und etwas sage; zum dritten, daß er auch könne aufhören. Austreten ist, daß er sich stelle als ein Meister oder Prediger, der es kann und thun soll, als dazu beruffen und nicht von ihm selbst kommet, sondern dem es gebühret aus Pflicht und Gehorsam, daß er sagen möge: Ich komme nicht getrollt aus eignem Vornehmen und Gutdüncken, sondern muß es türm von Amts wegen. Das ist wider die gesagt, die uns bisher und noch so viel Plage und Marter anlegen, die Rottenbuben und Schwärmer, so hin und wieder in Landen irre lausten und streichen, vecgissten die Leute, ehe es Pfarrherr und, die im Amt oder Obrigkeit sitzen, erfahren, und so ein Haus nach dein andern beschmeifsen, bis sie eine gantze Stadt, darnach aus der Stadt ein gantz Land vergifften- Solchen Schleichern und Streichern zu wehren, sollte man schlecht nicht zulassen jemand, zu predigen, dem es nicht befohlen und das Amt aufgelegt ist. Auch niemand sich unterstehen, ob er schon ein Prediger ist, wo er einen Lügenprediger höret in einer papistischen oder andern Kirche, der die Leute verführet, wider ihn zu predigen. A ch nicht hin und wieder in die Häuser schleichen und sonderliche Win- ckclpredigt anrichten, sondern dabeim bleiben und seines Amts oder Predigtstuhls warten, oder stillschweigen, wo er nicht will oder kann öffentlich auf die Eantzel treten. Denn Gott will nicht, daß man mit seinem Worte irre lauste, als treibe jemand der Heilige Geist, und müsse predigen, und alio Statte und Winckel, Häuser oder Predigtstühle suche, da er kein Amt hat. Denn auch Paulus selbst nicht wollte, ob er wol zu Auslegung der Bergpredigt Christi. einem Apostel von Gott beruffen war, an den Orten predigen, da die andern Apostel vorhin geprediget hatten, Rom. 15, 20. 2. Cor. lc>, 15. lt>. Darum stehet hier, daß Christus frey, öffentlich auf den Berg gehet, als er sein Predigtamt ansähet, und bald hernach (V. 14.) spricht er zu seinen Jüngern: Ihr seyd das Licht der Welt; item (V. 15.): Man zündet kein Licht an und stecket es unter einen Scheffel, sondern setzet es auf einen Leuchter, daß es leuchtet allen, die im Hause sind. Denn das Predigtamt und Gottes Wort soll daher leuchten, wie die Sonne, nicht im Dunckeln schleichen und meuchlings, wie man der blinden Kuh spielet, sondern frey am Tage bandeln, und ihm wohl lassen unter die Augen sehen, daß beyde, Prediger und Zuhörer, deß gewiß seyn, daß es recht gelehret und das Amt befohlen sey, daß sie es kein Hehl haben dürfe. So thue du auch; wenn du im Amt bist und Befehl hast, zu predigen, so tritt frev, öffentlich Herfür, und scheue niemand, auf daß du könnest rübmen mit Christo: Ich habe frey, öffentlich gelehret vor der Welt, und habe nichts im Winckel geredt. Joh. Ich 20. Sprichst du aber: Wie, soll denn niemand nichts lehren, es geschehe denn öffentlich? Oder sollte ein Hausvater in seinem Hause sein Gesinde nicht lehren, oder einen Schüler oder andern bey sich halten, der ihnen vorlese? Antwort: Traun ja, das ist auch wohlgethan, dazu ein rechter Raum und Statte dazu. Denn ein jeglicher Hausvater ist schuldig, daß er sein Kind und Gesinde ziehe und lehre oder lehren lasse. Denn er ist in seinem Hause als ein Pfarrherr und Bischof über sein Gesinde, und ist ihm befohlen, daß er darauf sehe, was sie lernen, und für sie antworte. Aber das gilt nicht, daß du solches ausser deinem Hause thun wolltest, und dich von dir selbst in andere Hauser oder zu Nachbarn eindringen. Sollst auch nicht leiden, daß irgend ein Schleicher zu dir komme und in deinem Hause ein sonderliches mache mit Predigen, das ihm nicht befohlen ist. Kommt aber einer in ein Haus oder Stadt, so Heisse man ihn Zeugniß bringen, daß er bekannt sey, oder Siegel ' und Brief zeigen, daß ers Befehl habe. Denn man muß nicht allen Schleichern glauben, die sich des Heiligen Geistes rühmen, und sich damit hin und her in die Hauser drehen. Kurtz, es heißt: Das Evangelium oder Prsdigtamt soll nicht im Winckel, sondern hoch empor auf dem Berge und frey, öffentlich am Licht sich lassen hören. Das ist eines, das hier Matthaus will anzeigen. Das andere ist, daß er seinen Mund aufthut. Das gehöret, wie gesagt, auch zu einem Prediger, daß er nicht das Maul zuhalte und nicht allein öffentlich das Amt führe, daß jedcr- VI 2 15 Auslegung der Bergpredigt Christi. mann schweigen müsse, und ihn austreten lasse als den, der gottlich Recht und Befehl hat, sondern auch das Maul frisch und getrost aufthue, das ist, die Wahrheit und, was ihm befohlen ist, zu predigen, nicht schweige, noch murmele, sondern ohne Scheu und unerschrocken bekenne und dürre heraussage, niemand angesehen noch geschont, es treffe wen oder was es wolle. Denn das hindert einen Prediger gar sehr, wenn er sich will umsehen und sich damit bekümmern, was man gerne höret oder nicht, oder was ihm Ungunst, Schaden oder Gefahr bringen möchte; sondern, wie er hoch auf dem Berge, an einem öffentlichen Orte, stehet und frey um sich siehet- so soll er auch frey reden und niemand scheuen, ob er gleich mancherley Leute und Köpffe siehet, und kein Blat fürs Maul nehmen, weder gnadige noch zornige Herren und Junckern, weder Geld, Reichthum, Ehre, Gewalt, noch Schande, Armuth, Schaden ansehen, und nicht weiter drucken, denn daß er rede, was sein Amt fordert, darum er da stehet. Denn Christus hat das Predigtamt nicht dazu gestifftet und eingesetzet, daß es diene, Geld, Gut, Gunst, Ehre, Freundschaft zu erwerben, oder seinen Vortheil damit zu suchen, sondern daß man die Wahrheit frey, öffentlich an Tag stelle, das Böse strafe, und sage, was zur Seelen Nutz, Heil und Seligkeit gehöret. Denn Gottes Wort ist nicht darum hier, daß es lehre, wie eine Magd oder Knecht im Hause arbeiten soll und sein Brod verdienen, oder ein Bürgermeister regieren, ein Ackermann pflügen oder Heu machen. Summa, es gibt noch zeiget nicht zeitliche Guter, dadurch man dieses Leben erhalten, denn solches hat die Vernunft vorhin alles einen jeglichen gelehret; sondern das will es lehren, wie wir sollen kommen zu jenem Leben, und heißt dich dieses Lebens brauchen und den Bauch hier nähren, so lange es wahret, doch, daß du wissest, wo du bleiben und leben sollest, wenn solches aufhören muß. Wenn nun solches angehet, daß man predigen soll von einem andern Leben, darnach wir sollen trachten, und um deßwillen wir deß nicht sollen achten, als wollten wir ewig hier bleiben, so gehet denn Hader und Streit an, daß die Welt nicht leiden will. Wo denn da einem Prediger der Bauch und zeitlich Leben lieber ist, der thuts nickt, stehet wol und waschet auf der Cantzel, aber er predigt die Wahrheit, thut das Maul nimmer nicht auf; wo es will übel gehen, da halt er inne, und beisset den Fuchs nicht. Siehe, darum hat Matthaus das Gepränge vorher geschrieben, daß Christus, als ein rechter Prediger, auf den Berg gehet und den Mund frisch auf- Auslegung der Bergpredigt Christi. ttt thut, die Wahrheit lehret und strafet beyde, falsche Lehre und Leben, wie wir hören werden. Selig sind, die da geistlich arm sind, denn das Himmelreich ist ihr. Das ist ja ein feiner, süsser, freundlicher Anfang seiner Lehre und Predigt. Denn er fahret nicht daher, wie Moses, oder ein Gesetzlehrer, mit Gebieten, Dräuen und Schrecken, sondern aufs allerfreundlichste, mit eitel Reihen und Locken und lieblichen Ver- heissungen. Und zwar, wo es nicht also gefasset und uns allen vorgetragen waren die lieben Worte und Predigt, die der Herr Christus zum ersten gethan hat: so würde einen jeglichen der Fürwitz reihen und treiben, darnach zu laussen bis gen Jerusalem, ja bis ans Ende der Welt, da man nur ein Wort davon hören mochte. Da sollte man Geld genug finden, daß die Strasse wohl gebauet würde, und würde jedermann gar herrlich rühmen, wie er die Worte und Predigt gehöret oder gelesen hatte, die der Herr Christus selbst geredt hatte. O welch ein treflich selig Mann sollte der geachtet werden, dem solches möchte widerfahren! So würde es gewißlich gehen, wenn wir nicht davon geschrieben hatten, obgleich sonst viel von andern geschrieben wäre; und würde ein jeglicher sagen; Ja, ich höre wol, was St. Paulus und andere seiner Apostel gelekret haben, aber viel lieber wollte ich hören, was er doch selbst geredet und geprediget hatte. Jetzt aber, nun es so gemein ist, daß es jedermann im Buch geschrieben hat und taglich lesen kann, achtet es niemand für etwas sonderliches und köstliches. Ja, wir werden es dazu überdrüssig und schlagen es in Wind, als hätte es nicht die hohe Majestät vom Himmel, sondern irgend ein Schuster geredt. Darum widerfähret uns auch, zur Strafe unsers Undancks und Verachtung, daß wir wenig genug davon haben und nimmer fühlen noch schmecken, was für ein Schatz, Kraft und Gewalt in Christi Worten ist. Wer aber die Gnade hat, daß ers recht ansehe, als Gottes und nicht Menschen Wort, der wirds auch wobl höher und tkeurer achten , und nimmermehr müde noch überdrüssig werden. Wie freundlich aber und süsse diese Predigt ist für die Christen, die seine Schüler find, so verdrüßlich und unleidlich ist sie für die Jüden und ihre grossen Heiligen. Denn er gibt ihnen bald im Anfang einen harten Stoß mit diesen Worten, verwirft und verdammet ihre Lehre, und prediget gleich das Widerspiel; ja er schreyet Wehe über ihr Leben und Lehre, wie Lucas 6, 24. anzeiget. Denn das ist die Summa ihrer Lehre gewesen: Wenn es einem Menschen wohl ginge hier aus Erden, der wäre selig und wohl dran. Und dahin 2* 20 Auslegung der Bergpredigt Christi. hatten sie alles gerichtet: wenn sie fromm waren und Gott dieneten das ihnen Gott genug geben sollte auf Erden und nichts gebrechen lassen, wie David Psalm 144, 13. 14- von ihnen sagt: Das ist ihre Lehre, daß alle Winckel und Kammern voll Vorrath seyn, und die Anger voll Schafe, die allzumal voll und viel tragen, und das Vieh viel verarbeite, dazu kein Schade, noch Verlust, noch Unfall oder Plage sie treffe. Das heissen sie selige Leute. Dawider thut hier Christus seinen Mund auf und spricht: Es gehöre ein anders dazu, denn daß man hier genug habe auf Erden; als wollte er sagen: Ihr lieben. Jünger, wenn ihr unter den Leuten predigen sollet, so werdet ihr finden, daß sie alle so lehren und glauben: wer da reich, gewaltig sey, der sey allerding selig, und wiederum: wer da arm, elend ist, der sey vor Gott verworfen und verdammet. Denn in dem Glauben stunden die Jüden starck, wenn es einem Menschen wohl ginge, das wäre ein Zeichen, daß er einen gnadigen Gott hatte und wiederum. Das machte, daß sie viel und grosse Verheissungen von Gott hatten von zeitlichen und leiblichen Gütern, die er denen Frommen wollte geben. Darauf verliessen sie sich, mcyneten, wenn sie solches hatten, so waren sie wohl mit ihm daran. Darum ist eine nothige Predigt gewesen zum Ansang, daß er solchen Wahn umstiesse und aus dem Hertzcn risse, als der grössesten Hindernisse eines wider den Glauben, der den rechten Abgott Mammon im Hcrtzen starcket. Denn aus solcher Lehre hat nichts anders können folgen, denn daß die Leute geitzig würden, und ein jeglicher nur darnach trachtete, wie er genug und gute Tage hatte, ohne Mangel und Ungemach. Und jedermann hat müssen drucken: Ist der selig, dem es wohl gehet und Guts genug hat, so muß ich zusehen, daß ich auch nicht am wenigsten habe. Das ist auch noch heutiges Tages aller Welt Glaube, sonderlich der Türcken, die sich am höchsten darauf verlassen und stärcken, und daher schliesset!: es wäre nicht möglich, daß sie so viel Glück und Sieg battcn, wo sie nicht Gottes Voick'waren, und er ihnen vor allen andern gnädig wäre. So glaubet auch bey uns das gantze Pabstthum, und stehet der Grund ihrer Lehre und Lebens darauf, daß sie nur genug haben, und haben damit aller Welt Güter zu sich bracht, wie man vor Augen siehet, Summa, diß ist der größte und weiteste Glaube oder Religion auf Erden, darauf alle Menschen nach Fleisch und Blut bleiben, können auch kein anders für Seligkeit achten. Darum bringet er hier gar eine andere neue Predigt vor die Christen, daß, wenn es ihnen übel gehet, Armuth leiden, Auslegung der Bergpredigt Christi, 2t und sich hier Reichthums, Gewalt, Ehre und guter Tage verzeihen müssen, sollen sie dennoch selig seyn, und nicht einen zeitlichen, sondern einen-andern, ewigen Lohn haben, daß sie im Himmelreich gnug haben. Sprichst du aber: Wie, müssen denn die Christen alle arm seyn, und darf niemand Geld, Gut, Ehre, Gewalt haben? Oder wie sollen die Reichen, als Fürsten, Herren, Konige thun? Müssen sie all ihr Gut, Ehre fahren lassen, oder den Armen das Himmelreich abkaufen, wie etliche gelehret haben? Antwort: Nein; es heißt nicht, den Armen abkaufen, sondern selbst arm seyn, und unter solchen Armen erfunden werden, wer da will das Himmelreich haben. Denn es ist deutlich und dürre gesetzt: Selig sind die Armen, und stehet doch dabey das Wortlein geistlich arm, also, daß es auch nicht damit ausgerichtet ist, daß jemand leiblich arm sey, und kein Geld und Gut habe. Denn äusserlich Geld, Güter, Land und Leute haben, ist an ihm selbst nicht unrecht, sondern Gottes Gabe und Ordnung, So ist niemand darum selig, der ein Bettler ist und nichts überall eigenes hat, sondern es heißt, geistlich arm seyn. Denn ich habe droben im Ansang gesagt, daß Christus hier gar nichts handelt von weltlichem Regiment und Ordnung; sondern er will allein von dem Geistlichen reden, wie man ausser und über das äusserliche vor Gott leben soll. Zum weltlichen Regiment gehöret, daß man Geld, Gut, Ehre, Gewalt, Land und Leute habe, und kann ohne diß nicht bestehen. Darum soll und kann ein Herr und Fürst nicht arm seyn; denn er muß allerley solche Güter zu seinem Amt und Stande haben. Darum ists nicht die Meynung, daß man so müsse arm seyn, daß man gar nichts eigenes habe. Denn es kann die Welt nicht so bestehen, daß wir alle sollten Bettler seyn und nichts haben, denn auch kein Hausvater sein Haus und Gesinde nähren könnte, wenn er selbst gar nichts hätte. Summa, leiblich arm seyn, thuts nicht. Denn man findet manchen Bettler, der das Brodt vor der Thüre nimmt, so stoltz und böse, als kein Nichter, und manchen schädigten Bauer, mit dem weniger um zu kommen ist, denn mit keinem Herrn und Fürsten. Darum sey leiblich und äusserlich arm oder reich, wie dirs bescheret ist, da fragt Gott nicht nach, und wisse, daß ein jeglicher müsse vor Gott, das ist geistlich und von Hertzen, arm seyn; das ist, daß er seine Zuversicht, Trost und Trotz nicht setze auf zeitliche Güter, noch das Hertz darein stecke, und lasse den Mammon seinen Abgott seyn. David war ein trefflicher König, und mußte warlich seinen Beute! 22 Auslegung der Bergpredigt Christi. und Kasten voll Geldes, die Böden voll Korns, das Land voll allerley Güter und Verrath haben, noch mußte er darneben geistlich ein armer Bettler seyn, wie er von sich singet, Psalm 39, 13: Ich bin arm und ein Gast im Lande, gleich wie alle meine Vater. Siehe der Konig, der in solchen Gütern sitzet, ein Herr über Land und Leute darf sich nicht anders, denn ein Gast oder Pilgrim nennen, als der auf der Strassen gebet, da er nichts hat, da er bleiben kann. Das heißt ein Hertz, das sich nicht bindet an Gut und Reichthum, sondern ob es gleich hat, noch ist ihm, gleich als hätte es nichts, wie St. Paulus von den Christen rühmet, 2. Cor. 6, 10: Als die Armen, aber die doch viel reich machen, als die nichts inne haben, und doch alles haben. Alles ist dabin geredt, daß nian aller zeitlichen Güter und leiblicher Nothdurft, weil wir hier leben, nicht anders brauche, denn als ein Gast an einem fremden Orte, da er über Nacht liegt und des Morgens davon zeucht, braucht nicht mehr, denn Futter und Lager zur Nothdurft, darf nicht sagen: Das ist mein, hier will ich bleiben! noch sich ins Gut setzen, als gebühre es ihm von Recht; sonst müßte er bald hören, daß der Wirth zu ihm sagte: Lieber, weißt du auch, daß du ein Gast hier bist? Gehe deines Weges, wo du hingehörest. Also auch hier; daß du zeitlich Gut hast, hat dir Gott gegeben zu deinem Leben, und gönnet dir wohl, daß du sein brauchest und den Madensack damit füllest, den du am Halse trägest, aber nicht das Hertz daran bangest und heftest, als wolltest du ewig leben, sondern immer weiter fahrest, und druckest nach einem andern, höhern und bessern Schatz, der dein eigen ist und ewig bleiben soll. Das sey grob für den gemeinen Mann geredt, daß man lerne verstehen, nach der Schrift zu reden, was geistlich arm, oder vor Gott arm Heisse; nicht äusserlich nach Geld und Gut, oder nach Mangel oder Ueberfluß zu rechnen, da man siehet (wie gesagt) daß die ärmsten, elendesten Bertelbuben die ärgsten, verzweifeltsten Schälcke sind und alle Büberey und Untugend begehen dürfen, welches seine, ehrliche Leute, reiche Bürger oder Herren und Fürsten nicht thun, wiederum auch viel heilige Leute, die Geld und Gut, Ehre, Land und Leute gnug gehabt haben, und dennoch mit so viel Gütern arm gewesen sind: sondern nach dem Hertzen muß mans rechnen, das ihm nicht lasse harte angelegen seyn, ob es etwas oder nichts, viel oder wenig habe, und was es für Güter hat, immer so hinsetze, als hätte mans nickst und alle Stunden darum kommen und verlieren müßte, und das Hertz immer am Himmelreich behalte. Auslegung der Bergpredigt Christi. 23 Wiederum heißt der reich, nach der Schrift, welcher, ob er gleich kein Geld noch Gut hat, dennoch darnach reisset und kratzet, daß er nimmer kann gnug haben. Das sind die rechten, die das Evangelium reiche Wanste heißt, die in grossem Gut am allerwenigsten haben, und sich nimmer lassen genügen an dem, das ihnen Gott bescheret. Denn es siehet ins Hertz, das da voll Gelds und Guts steckt, und richtet darnach, obgleich nichts im Beutel und Kasten liegt. Wiederum richtet es den Armen auch nach dem Hertzen, ob er gleich Kasten, Haus und Hof voll hat. So gehet der Christliche Glaube bindurch, siehet weder Armuth noch Reichthum an, sondern wie das Hertz stehet. Wo darinn ein Geitz- wanst steckt, so heißt er geistlich reich; und wiederum geistlich arm, wer nicht daran hanget und kanns aus dem Hertzen lassen, wie Christus anderswo sagt, Matth. 19, 29. Luc. 18, 29. 3V: Wer da verlaßt Hauser, Kecker, Kind, Weib w., der solls hundertfaltig wieder haben, und dazu das ewige Leben ererben; damit er die Hertzen vom Gut reisten will, daß sie es nicht für ihren Schatz halten, und die Seinen trösten, die es lassen müssen, daß sie viel mehr und bessers auch in diesem Leben empfahen sollen, denn sie verlassen können. Nicht, daß man von Gut, Haus, Hof, Weib und Kind solle lausten und im Lande irre gehen, andere Leute beschweren, wie die Wiedertauferrotte thut, die uns Schuld geben, daß wir das Evangelium nicht recht predigen, weil wir Haus und Hof behalten, bey Weib und Kind bleiben; nein, solche tolle Heiligen will er nicht haben, sondern es heißt also: wer mit dem Hertzen Haus, Hof, Weib und Kind lassen kann, ob er gleich darinnen sitzet und dabey bleibet, sich mit ihnen nähret und aus Liebe dienet, wie Gott geboten hat, und doch dahin setzet, wo es die Noth fodert, daß ers könne um Gotteswillen alle Stunden fahren lassen. Bist du so geschickt, so hast du alles verlassen, also, daß das Hertz nur nicht gefangen sey, sondern rein bleibe vom Geitz und Ankleben, Trost und Zuversicht aller Dinge. Und mag wohl ein Reicher geistlich arm heissen, und darf darum sein Gut nicht wegwerfen; ohne wenn er aus Noth davon lassen soll, so lässet ers in Gottes Namen, nicht darum, daß er gerne von Weib, Kind, Haus und Hof sey, sondern viel lieber behalt, so lange es Gott gibt, und ihm damit dienet, und doch auch bereit, wenn ers ihm wieder nehmen will. So siehest du, was geistlich und vor Gott arm sey, oder geistlich nichts haben und alles verlassen Heisse. Nun siehe auch an diese Verheissung, die Christus dazu setzt und spricht: Denn solcher ist das Himmelreich. Das ist 24 Auslegung der Bergpredigt Christi. ja eine grosse, treffliche, herrliche Berhcissung, daß wir sollen dafür, daß wir hier gern arm seyn und zeitlich Gut nicht achten, ein schon, herrlich, groß, ewig Gut im Himmel haben, und da du hier eine kleine Parteken fahren lassest, (der du doch brauchen magst, so lange und so viel du deß haben kannst,) sollst du dagegen eine Krone erlangen, daß du ein Bürger und Herr im Himmel seyst. Solches sollte uns ja bewegen, wenn wir wollten Christen seyn, und dafür hielten, daß seine Worte wahr waren. Aber es achter niemand, wer der sey, der es sagt, und viel weniger, was er saget, lassen eS vor den Lhren übergehen, daß sich niemand weiter darum bekümmert, noch zu Hertzen fasset. Er zeiget aber eben mit diesen Worten, daß niemand solches fasset, er sey denn vorhin ein rechter Christ. Denn beyde, diß Stück und alle andere, die hernach folgen, sind eitel Früchte des Glaubens, hie der Heilige Geist selbst im Hertzen schaffen muß. Wo nun der Glaube nicht ist, da wird das Himmelreich auch wohl aussen bleiben, noch geistlich Armuth, Sanftmuth folgen, fondern eitel Scharre» und Geitzen, Zancken und Rumoren um zeitlich Gut bleiben. Darum ist verloren bey solchen Wcltbcrtzen, daß sie »immermehr lernen noch erfahren, was geistliche Armuth sey, auch nicht glauben noch achten, was er vom Himmelreich sagt und verheißt. Wiewol ers doch dcnselbigen zu Dienst so schicket und ordnet, daß, wer nicht will geistlich arm seyn in Gottes Namen, um des Himmelreichs willen, der muß doch arm seyn ins Teufels Namen, und keinen Danck dazu haben. Denn Gott hat die Gcitzigen so gehangt an ihren Wanst, daß sie ihres ergeitzten Guts nimmer satt noch froh werden können. Denn Junckcr Geitz ist ein solcher fröhlicher Gast, der keinen laßt ruhen, suchet, treibet und jaget ohn Unterlaß, daß er des lieben Guts keine Stunde gemessen muß, wie auch der Prediger Salomonis wundert und spricht, Cap. 6, 2- Jsts nicht eine schändliche Plage, daß Gott einem Menschen Geld und Gut, Land und Leute gibt, und er doch nicht so viel vermag, daß ers gebrauche; muß immerdar fürchten, sorgen und beben, wie ers behalte und mehre, daß es nicht umkomme, noch weniger werde, und ist sogar gefangen, daß er nicht einen Heller fröhlich darf an- greissen. Wo aber ein Hertz wäre, das ihm könnte gnügcn lassen und zufrieden seyn, so hätte es Ruhe und das Himmelreich dazu, da es sonst bey grossem Gut, oder ja mit seinem Geitz, hier das Fegfeucr und dort das höllische Feuer dazu muß haben und, wie man sagt, hier mit einem Kam und dort mit einem Rad muß fahren; das ist, hierJammcr und Angst und dort das Hertzeleid haben. Auslegung der Bergpredigt Christi. Siehe, so schusser es Gott allezeit, daß sein Wort doch muß wahr bleiben, und niemand selig seyn, noch gnug haben, denn die Christen, und die. andern, ob sie gleich alles haben, doch nichts desto besser haben, ja nimmermehr so gut haben, und müssen doch arme Bettler bleiben, dem Hertzen nach zu rechnen; ohne daß diese gern arm sind und an einem unvergänglichen, ewigen Gut, das ist am Himmelreich, hangen und selige Gotteskinder sind, jene aber nach zeillichem Gut geitzen, und doch nicht erlangen, was sie wollen, müssen dazu ewig des Teusels Märtyrer seyn. Und ist, kurtz, kein Unterschied unter einem Bettler vor der Thür und einem solchen leidigen Wanst, ohne daß jener nichts hat, und laßt sich mit einem Stück Brods abweisen, dieser aber, je mehr er hat, je weniger er zu erfüllen ist, wenn er auch gleich aller Welt Geld und Gut auf einen Haufen kriegte. Darum dienet diese Predigt, wie ich gesagt habe, für die Welt nicht, schasset auch nichts; denn sie bleibet dabey, daß sie ihres Dinges will gewiß seyn und nicht glauben, sondern vor Augen sehen und in der Hand haben, und spricht- Es sey besser ein Sperling in der Faust, denn nach einem Kranich in der Luft gaffen. Darum laßt sie Ebristus auch fahren, will niemand zwingen, noch mit den Haaren herzu ziehen, sondern gibt seinen treuen Rath, wer ihm will rathen lassen, und halt uns die allertheuerstcn Verheissun- gen vor. Willst du, so hast du hier Friede und Ruhe im Hertzen, und dort ewig, was dein Hertz begehren soll. Willst du nicht, so fahre immerhin, und habe lieber hier und dort alles Hertzelcid und Unglück. Denn wir sehen und erfahren, daß alles daran liegt, wer ihm laßt genügen, und nicht am zeitlichen Gut klebt; als mancher ist, wenn er gleich nur einen Bissen Brods hat, kann ihm Gott das Hertz füllen, daß er frölich und besser zufrieden ist, denn kein Fürst noch König. Summa, er ist ein reicher Herr und Kayser, darf keine Sorge, Mühe und Hertzeleid haben. Das ist das erste Stück dieser Predigt- Wer hie und dort gnug will haben, der dencke, daß er nicht so geitze und kratze, sondern nehme an und brauche, was Gott gibt, und nähre sich seiner Arbeit im Glauben, so hat er hier das Paradies und das Himmelreich gar, wie St. Paulus auch sagt, 1. Timotb. 4, 8: Die Gottseligkeit ist zu allen Dingen nütze und hat die Verheissung, nicht allein dieses, sondern auch des zukünftigen Lebens. 4. Selig sind, die da Leide tragen, denn sie sollen getröstet werden. Wie er diese Predigt hat angefangen wider der Juden Lehre 26 Auslegung der Bergpredigt Christi. und Glauben (und zwar nicht allein ihr, sondern der gantzen Welt, wo sie am besten ist, welche allezeit auf dem Wahn bleibet, wenn sie nur hier Gut, Ehre und ihren Mammon habe, so stehe sie wohl, und allein um desselbigen willen Gott dienet): also fahret er nun fort, und flösset auch um, daß sie hielten für das beste, seligste Leben auf Erden, wer es dazu könnte bringen, daß er gute, sanfte Tage hatte, und kein Ungemach dürste leiden, von welchen der 73. Psalm saget: Sie sind nicht in Unglück, wie andere Leute, und werden nickt, wie andere Leute, geplagt. Denn das ist das Höheste, das die Menschen begehren, daß sie mögen Freude und Lust haben, und ohne Uebel seyn. Nun kebret Christus das Blat um, setzet stracks das Widerspiel, und Heisset die selig, die da trauren und Leide tragen. Und so fort durchaus sind alle diese Stücke gestellet und gerichtet wider der Welt Sinn und Gedancken, wie sie es gerne hatte. Denn sie will nicht Hunger, Kummer, Unehre, Schmach, Unrecht und Gewalt leiden, und die solches können überhaben seyn, halt sie für selige Leute. So will er nun hier sagen, daß ein ander Leben seyn müsse, denn sie suchen und meynen, und sich ein Christ darnach muß richten, daß er traure und Leid trage in der Welt- Wer das nicht tbun will, mag hier wol gute Tage haben und nach allem seinem Willen leben, aber hernach soll er ewig trauren, wie er Luc. 6, 25. spricht: Wehe euch, die ibr hier lachet und gutes Muths seyd, denn ihr werdet heulen und weinen müssen: wie es dem reichen Mann ging, Luc. 16, 19., der alle Tage herrlich und in Freuden lebte, und sich schmückte in köstliche Seiden und Purpur, ließ sich düncken, er Ware ein grosser Heiliger und vor Gott wohl dran, daß er ihm so viel Gutes gegeben hatte, und ließ gleichwol dieweil den armen Lazarum taglich vor der Thüre liegen voll Schwären, in Hunger und Kummer und grossem Elend. Aber was hörete er zuletzt für ein Urtheil, da er in der Höllen Gluth lag? Gedencke, daß du im Leben hast Gutes empfangen, Lazarus aber Böses; darum wirst du nun gequalet, er aber getröstet, Luc. 16, 25. Siehe, das ist eben dieser Text: Selig sind die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden! und wiederum so viel gesagt: Welche hier nichts, denn Freude und Lust suchen und haben, die sollen ewig weinen und heulen. Fragest du abermal: Wie soll man denn thun? Sollen sie denn alle verdammt seyn, die da lachen, singen, springen und sich wobl kleiden, essen und trincken? Lesen wir doch von Königen und heiligen Leuten, die auch fröhlich gewesen sind, und wohl gelebt haben. Und sonderlich ist St. Paulus ein wunderlicher Heili- Auslegung der Bergpredigt Christi. 27 ger, der will haben, daß wir allezeit sollen fröhlich seyn, Phil. 4, 4., und spricht Rom. 12, 15- Send frölich mit den Frölichen, und wiederum - Weinet mit den Weinenden. Siehe das lautet ja wider einander, allezeit frölich seyn, und doch mit andern weinen und trauren. Antwort- Gleichwie ich gesagt habe, daß, Reichthum haben, ist nicht Sünde, noch verboten, also ist auch frölich seyn, wohl essen und trincken, nicht Sünde, noch verdammlich. Desgleichen auch nicht, Ehre und guten Namen babem und soll doch selig seyn, wenn ich solches nicht habe, oder lassen kann, und dafür Armuth, Elend, Schmach und Verfolgung leide. Also ist es beydes da und muß auch beodes seyn, trauren und frölich seyn, essen und Hunger leiden, wie St. Paulus, Philip. 4, 11. 12., von sich rühmet- Ich habe die Kunst gelernet, daß, wo ich bin, mir genügen lasse. Ich kann niedrig seyn, ich kann hock) fahren: ich bin in allen Dingen und bey allen geschickt, beyde, satt seyn und hungern; beyde, übrig haben und Mangel leiden; item 2. Cor. 6, 8- Durch Ebre und Schande, durch böse Gerüchte und gute Gerüchte; als die Sterbenden, und flehe, wir leben; als die Traurigen, aber allezeit frölich. Darum ist das die Meynung- Gleichwie der geistlich arm heißt, nicht, der kein Geld, nach etwas Eigenes hat, "sondern, der nicht darnach geitzet, noch seinen Trost und Trutz darauf setzet, als sey es sein Himmelreich.- also auch heißt das Leide tragen und trauren, nicht, der äusserlich immer den Kopf hänget, sauer siehet und nimmermehr lachet, sondern der seinen Trost nicht darauf setzet, daß er nur hier gute Tage habe und in Sause lebe, wie die Welt thut, die nicht weiter trachtet, denn wie sie eitel Freude und Lust hier habe, und sich darinne weidet, und nichts achtet, noch sorget, wie eS Gott oder den Leuten gehe. Also haben viel tressliche, grosse Leute, Könige und andere, so Christen sind gewesen, trauren und Leid tragen müssen, ob sie gleich vor der Welt herrlich gelebt haben, wie David allenthalben im Psalter von seinem Weinen und Leiden klagt. Und auch jetzt könnte ich wohl Exempel anzeigen von grossen Leuten, Herren und Fürsten, so über dem lieben Evangelio diß Stück wohl erfahren und gelernct haben. Als, jetzt auf dem vergangenen Reichstage zu Auqspurg und sonst, ob sie gleich auch auswendig wohl gelebt und fürstlich in Seiden und Gold sich gekleidet, und anzusehen gewesen, als die auf eitel Rosen gingen, aber täglich unter eitel giftigen Schlangen müssen seyn, und im Hertzen gefüblet solchen unerhörten Hochmuth, Trotz und Schmach, so viel böse Tücke und Worte von den schändlichen Papisten, die ihre Lust und 25! Auslegung der Bergpredigt Christ!. Freude daran gehabt, daß sie ihr Hertz durchbittert, und so viel an ihnen gewesen, keine ftöliche Stunde gcgönnet haben, daß sie alles haben müssen in sich fressen, und nicht mehr thun, denn Gott klagen mit seufzen und weinen. Solche Leute wissen etwas davon, was da heißt- Selig sind, die da trauren und Leide tragen! ob mans ihnen gleich nicht ansiehet, und mit andern essen und trincken, und zuweilen wit lachen und schertzen, ihres Leides zu vergessen. Denn du mußt nicht denckcn, daß trauren allein Heisse, weinen und klagen, oder heulen, wie die Kinder und Weiber, welches ist noch nicht das rechte tiefe Leiden, wenn es übers Hertz kommen ist, und zu den Augen heraus quillst; sondern das ist, wenn die rechten grossen Stosse kommen, die das Hertz treffen und stürmen, daß man nicht kann weinen, und niemand darf klagen. Darum ist, Trauren und Leide tragen, nicht ein seltsam Kraut bey den Christen, ob es gleich auswendig nicht scheinet, auch wenn sie gerne wollten frölick seyn in Christo und auch äusserlich, so viel sie können. Denn sie müssen taglich sehen und fühlen im Hertzen, wenn sie die Welt ansehen, so viel Bosheit, Muthwillen, Verachtung und Lästerung Gottes und seines Worts, dazu so viel Jammer und Unglück, so der Teufel anrichtet, beyde, im geistlichen und weltlichen Regiment, daß sie nickt viel ftöliche Gcdancken können haben und ihre geistliche Freude sehr schwach ist. Und wo sie es stets sollten ansehen und nicht zuweilen die Augen wegwerfen, könnten sie keinen Augenblick frolich seyn, ist gnug, daß es sonst mehr vorfallet und trift, denn sie es gerne hakten, daß sie es nicht dürfen weil suchen. Darum hebe nur an, und werde ein Christ, so wirst du wohl lernen, was Trauren und Leide tragen Heisse. Kannst du nicht mehr, so nimm ein Weib und setze dich, und nähre dich im Glauben, daß du Gottes Wort lieb habest und thust, was dir in deinem Stande befohlen ist: so sollst du bald erfahren, beyde, von Nachbarn und in deinem eigenen Hause, daß es nicht gehen wird, wie du gerne hattest, und sich überall hindern und hemmen, daß du genug zu leiden kriegest und sehen mußt, das dir im Hertzen wird wehe thun. Sonderlich aber die lieben Prediger müssen solches wohl lernen, und raglich damit geübct werden, daß sie allerley Neid, Haß, Hohn und Spott, Undanck, Verachtung und Lästerung dazu müssen in sich fressen, damit ihr Hertz und Seele durchstochen und ohne Unterlaß gcqualet wird. Die Welt aber will solch Trauren und Leidetragen nicht haben, darum suchet sie solche Stande und Leben, darinnen sie gute Auslegung der Bergpredigt Christi. 29 Tage habe und von niemand nichts leiden dürfe, wie der Möncsi- und Pfaffen-Stand gewesen ist. Denn sie kann nicht leiden, daß sie im göttlichen Stande andern Leuten dienen sollte mit eitel Sorgen, Mühe und Arbeit, und dazu nichts denn Undanck und Verachtung und andere böse Tücke zu Lohne kriegen. Darum wenn es ihr nicht gehet, wie sie will, und einer den andern sauer ansiehet, so können sie nichts, denn poltern mit Fluchen und Donnern, ja mit der Faust dazu, wollen bald Gut und Ehre, Land und Leute hinansetzen. Aber Gott schickets also, daß sie dennoch nicht müssen so frey hingehen, daß sie kein Leid sehen noch leide» dürfen, und gibt ihnen zu Lohn, weil sie es nicht gerne thun, daß sie es doch leiden müssen, und dasselbe mit Zorn und Ungeduld zwiefaltig grösser und schwerer machen, und keinen Trost noch gut Gewissen haben können. Die Christen aber haben den Vortheil, daß, ob sie gleich Leide tragen, dennoch sollen getröstet werden und, beyde, hier und dort selig seyn Darum, wer nicht will gar ein Weltkind seyn, und mit den Christen Theil haben, der lasse sich auch in dem Register finden, daß er helfe seufzen und Leide tragen, auf daß er auch getröstet werde, wie die Verheifsung lautet. Daher liefet man ein Exempel in dem Propheten Ezechiel 9, 2. ff., wie Gott sechs Manner aussendete, mit tödtlicher Wehre, über die Stadt Jerusalem. Aber einen unter ihnen schickte er mit einem Schreibezeug, der sollte mitten durch die Stadt gehen, und ein Zeichen auf die Stirne schreiben, allen, die da seufzeten und Leide trugen, daß es so schandlich zuginge, und sehen mußten, das ihnen durchs Hertz ginge. Und wer da gezeichnet würde, der sollte lebendig bleiben, die andern aber alle todtgeschlagen werden. Siehe, das ist der Christen Vortheil, daß, ob sie gleich eitel Leid und Jammer in der Welt sehen müssen, doch zuletzt dahin kömmt, wenn die Welt am sichersten ist und in eitel Freuden fahret, daß sich das Radlein umkehret, und plötzlich ein Unglück über sie kommet, darinnen sie. bleiben und verderben muß, sie aber herausgerissen und errettet werden, wie der liebe Lot zu Sodom errettet ward, da sie lange sein Hertz gequalet und gemartert hatten (wie St. Petrus 2. Epist. 2, 7. 8. sagt) mit ihrem schandlichen Wesen. Darum laß die Welt jetzt lachen und in: Sause leben nach ihrer Lust und Muthwillen. Und ob du mußt trauren und Leide tragen, und taglich sehen, daß dein Hertz betrübt: so leide dich, und halte dich des Spruchs, daß du dirs lassest Wohlgefallen und dich damit tröstest, und auch äusserlich dich erquickest und srölich machest, so viel du kannst. ZV Auslegung der Bergpredigt Christi. Denn die also Leide trugen, die mögen wol Freude haben und nehmen, wo sie können, daß sie nicht vor Traurigkeit versincken. Denn auch Christus eben diese Worte setzet und den Trost verheis- set, daß sie in ihrem Leide nicht verzagen, noch des Hertzens Freude gar nehmen und verloschen lassen, sondern solch Trauren mit dem Trost und Labsal mengen: sonst, wo sie nimmer keinen Trost noch Freude hatten, müßten sie verschmachten und verdorren. Denn es vermag kein Mensch eitel Trauren zu ertragen; denn es saugt Saft und Kraft im Leibe aus, wie der weise Mann sagt, Sir. ZV, 25; 38, 19: Traurigkeit hat viel Leute ums Leben bracht. Ztem Sprüchw. 17, 22: Ein trauriger Muth vertrocknet das Marck in Beinen. Darum soll man solche nicht allein nachlassen, sondern auch heisscn und dazu treiben, daß sie sich zuweilen frölich machen, womit sie können, oder ja solch Trauren lindern und ein wenig vergessen. Darum will Christus nicht, daß allein eitel Trauren und Betrübniß da seyn soll, sondern will denen wehren, die gar nicht trau- rcn wollen, und eitel gute Tage und alle ihren Trost hier haben, und seine Christen lehren, wenn es ihnen übel gehet und trauren müssen, daß sie wissen, daß solches Gott wohlgefallet, und ihnen auch Wohlgefallen lassen, nicht fluchen und toben, oder verzweifeln, als wolle ihr Gott keine Gnade haben. Wo das ist, da soll das bittere Trüncklein mit Honig und Zucker gemenget und gelindert, oder gemildert werden, welches ist diese Verheissung, daß ihm solches wohlgefallet, und daß er sie selig spricht, dazu auch hier getröstet und dort das Leid gar von ihnen soll genommen werden. Darum laß gehen Welt und alle, die uns Leide thun, in ihres Herrn, des Teufels Namen, und uns diß Lied singen und frolich seyn in Gottes und Christi Namen. Denn es soll ihnen doch nicht hinaus gehen, wie sie wollen, sondern, ob sie gleich sich jetzt unsers Unglücks freuen und uns viel zu Leide thun, wollen wir dennoch einen guten Muth haben und erleben, daß sie zuletzt heulen und weinen müssen, wenn wir getröstet und frölich werden. 5. Selig sind die Sanftmüthigen, denn sie werden das Erdreich besitzen. Diß Stück folget fein auf das erste, da er gesagt: Selig sind, die geistlich arm sind. Denn wie er droben (V. 3.) das Himmelreich und ewige Gut verheißet, also setzt er hier auch dazu eine Verheissung von diesem zeitlichen Leben und Gütern hier auf Erden. Wie reimet sichs aber zusammen, arm seyn und das Land besitzen? Ich meyne der Prediger habe vergessen, was er angefangen Auslegung der Bergpredigt Christi. 3 1 hak- Denn soll man das Land und Güter besitzen, so muß man ja nicht arm seyn? Er Heisset aber hier das Land besitzen, allerley Güter haben hier auf Erden. Nicht, daß ein jeglicher ein gantz Land soll inne haben, sonst müßte Gott noch mehr Welten schaffen, sondern die Güter, so einem jeglichen Gott bescheret, daß er einem Weib, Kinder, Vieh, Haus, Hof gibt, und was darin gehöret, daß er im Lande (wo er wohnet) sitzen und bleiben kann, und seines Guts ein Herr sey, wie die Schrift sonst pflegt zu reden, und Ps. 37, 9- oft stehet: Die des Herrn harren, werden das Land erben: item V. 11. 12: Seine Gesegneten erben das Land. Darum bringt er hier die Glosse selbst, daß, geistlich arm seyn, davon er zuvor gesagt, nicht Heisset, ein Bettler seyn, oder Geld und Gut wegwerfen. Denn er will hier, daß sie im Lande wohnen und bleiben sollen und mit irdischem Gut umgehen, wie wir weiter hören werden. Was heißt nun: sanftmüthig seyn? Hier mußt du erstlich abermal wissen, daß Christus gar nichts redet von der Obrigkeit und ihrem Amte; denn derselbigen gehöret nicht zu, daß die sanftmüthig sey (wie wir auf Deutsch Sanstmuth nennen), denn sie führet das Schwerdt, damit sie die Bösen strafen muß, und hat einen Zorn und Rache, die heißt Gottes Zorn und Rache. Sondern er sagt allein von einzelnen Personen, wie ein jeglicher vor sich leben soll gegen andern, ausser dem Amte und Regiment; als Vater und Mutter, wo sie nicht als Vater und Mutter gegen ihren Kindern leben, noch ihr Vater- und Mutteramt treiben, das ist, gegen die, so sie nicht Vater und Mutter hcissen, als Nachbarn und andere Leute. Denn ich sonst oft gesagt habe, daß man die zwey weit unterscheiden muß, Amt und Person. Es ist viel ein anderer Mann, der da Hans, oder Martin heißt, und der da Churfürst, oder Doctor und Prediger heißt. Denn hier werden gleich zwo unterschiedliche Personen in einem Menschen, eine, darinnen wir geschaffen und geboren sind, nach welcher wir alle unter einander gleich sind, Mann, Weib, Kind, Jung, Alt. Aber wenn wir nun geboren sind, so kleidet und schmücket dich Gott zu einer andern Person, machet dich zu einem Kinde, mich zum Vater, einen zum Herrn, den andern zum Knecht, diesen zu einem Fürsten, jenen zum Bürger, und so fortan. Das Heisset denn eine göttliche Person, als die ein göttlich Amt führet und in seiner Herrlichkeit geschmücket gehet, und nicht schlecht Hans oder Claus, sondern ein Fürst zu Sachsen, oder Vater und Herr heißt. Von dieser redet er hier nichts, sondern laßt sie für sich 82 Auslegung der Bergpredigt Christi. gehen in ihrem Amte und Regiment, wie ers geordnet Hut, sondern von der blossen, einzelnen, nutürlichen Person, was ein jeglicher vor sich selbst, als ein Mensch gegen dem nndern thun soll. Darum, wo wir im Amt und Obrigkeit gehen, du sollen und müsse» wir scharf und strenge seyn, zürnen und strafen. Denn bier müssen wir thun, was uns Gott in die Hand gibet und von seinetwegen tbun Heisset. Sonst was ausser dem Amte gehet, du lerne ein jeglicher für sich selbst, daß er sanftmüthig sey gegen jedermann, das ist, nicht mit Unvernunft, aus Haß oder Nachgiec mit dem Nächsten fahre und handele, als die, so man hcisset Hans mit dem Kopf hindurch, die nimmer nichts leiden, noch weichen wollen, sondern Welt und Berg umreissen und Baume versetzen, wollen und können niemund kein Wort verhören, noch zu gute halten, und flugs Sack und Seil aufbinden, nichts dcncken, denn wie sie sich rächen und wieder schlagen wollen. Damit ist der Obrigkeit nicht gewehret, zu strafen und Rache zu führen von Gottes wegen, aber auch nicht Raum gegeben, wo ein Richter, Bürgermeister, Herr, oder Fürst ein Schalck ist, und die zwo Personen in einander mengt, und über sein Amt greift aus eigenem Muthwillen, oder aus Neid, Haß und Feindschaft, (wie gemeiniglich geschieht) unter dem Schein und Deckel des Amts und Rechts, als, wo unsere Nachbarn unter der Obugkeit Namen wollten etwas wider uns ausrichten, dazu sie sonst nicht kommen könnten. Und sonderlich redet er abermal mit seinen Juden, wie er hat angefangen, welche stracks auf dem Sinne stunden, daß sie meyne- ten, sie dürsten von keinem Heyden und Fremden nichts leiden, und thaten wohl dran, daß sie nur getrost sich racheten, und führeten dazu Sprüche aus Mose, als 5. Mos. 28, 18: Der Herr wird dich zum Haupt machen und nicht zum Schwanz, und wirst nur oben schweben und nicht unterliegen. Welches wäre wol recht. ES heißt aber also, wenn es Gott selbst thut so ist es wohl gethan. Denn es ist viel ein anders, wenn ers heißt und spricht: Ich wills thun, und wenn wir es selbst ohne Befehl thun. Was er sagt, das soll und muß geschehen. Was wir sagen, das geschieht, wenn es kann, oder bleibt wol gar nach. Darum gilts nicht, daß du es wolltest thun, da ers thun sollte, und nicht harren, bis er dichs Heisset, und dennoch dich solcher Verheissung annehmen und drauf trotzen. Siehe, solche tolle Heiligen straft hier Christus, die da meynen, ein jeglicher sey Herr in der gantzen Welt, und habe Recht dazu, daß er nichts leide, sondern nur poltern und rumoren, und Auslegung der Bergpredigt Christi. 33 mit Gewalt fahren, das ihre zu schützen, und lehret uns, daß, wer da will das Seine, Gut, Haus und Hof mit Friede regieren und besitzen, der müsse sanftmüthig seyn, daß er könne versehen und mit Vernunft fahren und leiden, was er immer leiden kann. Denn es kann nicht fehlen, es wird zuweilen dein Nachbar sich an dir vergreisten und zu viel thun, entweder aus Versehen, oder auch aus Muthwillen. Jsts Versehen, so machst du es deinethalben nicht gut, daß du nichts willst noch kannst vertragen. Jsts aber Muthwillen, so machest du ihn nur arger, daß du feindlich scharrest und pochest, und er dazu lachet und seine Lust küsset, daß er dich erzürnet und Leide thut, so daß du doch keinen Friede kannst haben, noch des Deinen mit Rübe brauchen. Darum wähle der zweyen eins, welches du willst, daß du entweder mit der Sanftmuth und Geduld unter den Leuten lebest und behaltest, was du hast, mit Friede und gutem Gewissen, oder mit Poltern und Rumoren das Deine verlierest und keine Ruhe dazu habest. Denn da stehet beschlossen: Die Sanftmüthigen sollen das Land besitzen. Und siebe nur selbst die seltsamen Köpfte, die immerdar zancken und hadern um Gut und ander Ding, und niemand weichen, sondern alles mit dem Kopsse hindurch ausführen wollen, ob sie nicht mehr verHadern und verkriegen, denn sie immer gewinnen mochten, und zuletzt Land und Leute, Haus und Hof verlieren, mit Unfried und bösem Gewissen dazu. So spricht auch Gott seinen Segen dazu, der heißt also: Seyd ja nicht sanftmüthig, daß ihr das liebe Land ja nicht behaltet, noch einen Bissen mit Frieden geniesset. Willt du aber recht fahren und Ruhe haben, so laß deines Nachbarn Muthwillen und Frevel sich selbst dampften und verlöschen, sonst kannst du dem Teufel nichts liebers, noch dir selbst mehr zu Leide thun, denn daß du feindlich zürnest und rumorest. Hast du eine Obrigkeit, so sage es an, und laß sie drauf sehen. Denn sie ist darum gefetzt, daß sie es nicht leide, daß man die Unschuldigen gar unterdrücke. So wird Gott auch wohl drüber halten, daß sein Wort und Ordnung bleibe, und du dieser Verheißung nach das Land besitzest. So hast du Friede und Segen von Gott, dein Nachbar aber Unfriede samt Gottes Ungnade und Fluch. Aber diese Predigt gehet niemand ein, denn, die Christen sind und glauben und wissen, daß sie ihren Schatz haben im Himmel, der ihnen gewiß ist und nicht kann genommen werden; daher sie auch hier müssen genug haben, ob sie gleich nicht Kasten und Taschen voll rother Gulden haben. Weil du denn das weissest, warum V! 3 Z4 Auslegung der Bergpredigt Christi. wolltest du dir deine Freude zerrütten und nehmen lösten, ja selbst Unruhe machen und dich solches trefflichen Segens berauben. Siehe, so hast du nun dreh Stücke, mit dreyen reichen Verheissungen, daß, wer ein Christ ist, der muß gnug haben, beyde, zeitlich und ewig, ob er gleich hier muß viel leiden, beyde, inwendig im Hcrtzen und auswendig. Wiederum, daß die Weltkinder, weil sie keine Armuth, noch Leid, noch Gewalt leiden wollen, weder das Himmelreich, noch zeitlich Gut mit Fried und Ruhe behalten und gemessen. Davon magst du weiter lesen im Psalm 37, welcher ist die rechte Glosse über diß Stück, und reichlich beschreibt, wie die Sanstmülhigen das Land besitzen und die Gottlosen sollen ausgerottet werden. b. Selig sind, die da hungert und durstet nach der Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden. Gerechtigkeit muß an diesem Orte nicht heissen die Christliche Hauplgerechtigkeit, dadurch die Person fromm und angenehm vor Gott wird. Denn ich habe gesagt, daß diese acht Stücke nichts anders sind, denn eine Lehre von den Früchten und guten Wcrckcn eines Christen, vor welchen der Glaube zuvor muß da seyn, als der Baum und Hauptsiück, oder Summa seiner Gerechtigkeit und Seligkeit, ohne alle Wercke und Verdienst, daraus solche Stücke alle wachsen und folgen müssen. Darum verstehe bier die äußerliche Gerechtigkeit vor der Welt, so wir unter uns gegen einander halten, daß diß kurtz und einfältig die Meynung sey von diesen Worten: Das ist ein rechtschassen seliger Mensch, der immer anhält und mit allen Kräften darnach strebt, daß es allcntbalben wohl zugehe, und jedermann recht thue, und solches mit Worten und Wercken, mit Ralh und That hilft ballen und fördern. Diß ist nun auch ein köstlich Stück, welches sehr viel guter Wercke begreift, aber auch gar seltsam ist; als, daß wirs in Exempel fassen, wenn ein Prediger will in diesem Stück erfunden werden, der muß so geschickt seyn, daß er einxn jeglichen in seinem Stande unterweise und helfe, daß er denselbige^i recht führe und thue, was dazu gehöret. Und wo er siehet, daß es mangelt und nicht recht gehet, daß er da sey, warne, strafe und bessere, wie und womit er kann; also, daß ichs als ein Prediger nicht mangeln lasse an meinem Amte, noch die andern an ihrem, daß sie meiner Lehre und Predigen folgen, und also auf beyden Seiten recht zugehe. Wo nun solche Leute sind, die sich drum annehmen und lassens ihnen Ernst seyn, daß sie gerne wollten reckt thun, oder im rechten Wesen und Wercken erfunden werden, die hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit. Und wenn es so ginge, so wäre keine Büberey Auslegung der Bergpredigt Christi. 55 und Unrecht, sondern eitel Gerechtigkeit und selig Wesen ans Erden. Denn was ist der Welt Gerechtigkeit anders, denn daß jedermann thue in seinem Stande, was er schuldig ist, welches heißt desselbigen Standes Recht, als Mannsrecht und Frauenrecht, Kindesrecht, Knechts- und Magdrecht im Hause, Bürgerrecht und Stadtrecht im Lande, welches alles stehet darinne, daß die, so andern Leuten vorstehen und regieren sollen, solch Amt mit Fleiß, Sorgen und Treuen ausrichten, die andern deßgleichen schuldigen Dienst und Gehorsam treulich und willig leisten. Er setzt ader nicht umsonst solche Worte: Hungern und Dursten nach der Gerechtigkeit. Damit will er anzeigen, daß ein grosser Ernst, Begierde und Brunst, darzu ein unablässiger Fleiß dazu gehöre, daß, wo solcher Hunger und Durst nicht ist, da wird nimmer nichts draus. Ursache ist diese, denn es hat zu groß und viel Hinderniß, beyde, vom Tcusel, der sich allenthalben im Weg legt und sperret, und von der Welt, als von seinen Kindern, wclcke so böse ist, daß sie keinen frommen Menschen leiden kann, der gerne vor sich recht thue, oder andern Leuten dazu helfen wollte: sondern legt ihnen alle Plage an, daß einer die Lange möchte müde und verdrossen darüber werden. Denn es thut wehe, daß man sehen soll, daß so schandlich zugehet, und dazu für eitel Wohlthat nichts, denn Undanck, Verachtung, Haß und Verfolgung zu Lohn haben. Daher auch viel Leute, die solchen Unwillen nicht haben sehen mögen, zuletzt gar daran verzweifelt und von den Leuten in die Wüste gelausten und Mönche daraus worden sind, also daß diß Sxrüchwort je und je wahr gewesen ist! Verzweifeln macht einen Mönch; entweder, daß man sich nicht trauet zu ernähren und ums Bauchs willen ins Kloster laustet, wie der grosse Hauste gethan hat, oder, daß man an der Welt verzweifelt und nicht trauet, darinne fromm zu bleiben, noch den Leuten zu helfen. Aber das heißt nicht gehungert und gedürstet nach der Gerechtigkeit. Denn wer da will predigen und regieren, daß er sich laßt müde und ungeduldig machen und in einen Winckel jagen, der wird langsam den Leuten helfen. Es heißt nicht, zu Winckel, oder in die Wüste kriechen, sondern, heraus lausten, wenn du drinnen wärest, und beyde, Hände und Füsse und deinen gantzen Leib darreichen, und alles dran setzen, was du hast und vermagst, und will einen solchen Menschen haben, der hart gegen hart sey, daß er sich nichts abschrecken, noch übertauben, und keinen Undanck noch Bosheit der Welt überwinden lasse, sondern immer treibe und anhalte, so viel 3* 36 Auslegung der Bergpredigt Christi. er aus allen Kräften vermag. Summa, es gehöret dazu ein solcher Hunger und Durst nach der Gerechtigkeit, der da nimmer ablasse, noch aufhöre, und nicht satt werden könne, nichts anders suche, noch dencke, und alles dagegen verachte, was ihn will hindern, daß er nur Recht fördere und erhalte. Kann er die Welt nicht gar fromm machen, so thue er, was er kann; ist genug, daß er das seine gethan und ja etlichen geholfen hat, ob es gleich nur einer oder zween waren. Wollen die andern nicht hernach, so lasse er sie fahren in Gottes Namen. Man muß um der Bösen willen nicht davon lausten, sondern so dencken: Es ist um ihrentwil.'en nicht angefangen, um ihrentwillen auch nicht gelassen, vielleicht mögen mit der Zeit noch derselben auch etliche herzu kommen, oder ja ihr weniger werden, und etlichermassen sich bessern. Denn hier hast du eine tröstliche, gewisse Verheissung, damit Christus seine Christen locket und reihet, daß, welche so hungert und durstet nach der Gerechtigkeit, die sollen gesattiget, das ist, ihres Hungers und Dursis ergötzet werden, daß sie nicht umsonst gearbeitet haben, und dennoch endlich ein Häuflein herzugebracht werde, bey welchem es wohl angelegt sey, und nicht allein hier auf Erden, sondern vielmehr in jenem Leben offenbar werden, da jedermann wird sehen, was solche Leute vor Frucht geschaffet haben durch ihren Fleiß und stetigs Anhalten, ob es gleich jetzt nicht will gehen, wie sie gerne wollten, und wol halb daran verzweifeln müssen, als, daß ein frommer Prediger so viel Seelen aus des Teufels Rachen gerissen, und gen Himmel gebracht, oder ein frommer, treuer Regent viel Lande» und Leuten geholfen hat, die ihm solches zeugen und vor aller Welt preisen werden. Dawider sind nun die falschen Heiligen, die vor grosser Heiligkeit die Welt meiden und in die Wüsten lausten, oder sich in die Winckel verkriechen, auf daß sie solcher Mühe und Unlust, so sie sonst haben müßten, überhaben seyn und sich nichts dürfen annehmen, wie es in der Welt gehet, dencken nicht einmal dran, daß sie andern Leuten helfen oder rathen sollten mit Lehren, Unterweisen, Vermahnen, Strafen und Bessern, oder zum wenigsten mit Beten und Seufzen zu Gott. Ja, es eckelt ihnen dafür, und wäre ihnen leid, daß andere Leute fromm waren, auf daß man sie allein für heilig halte, daß, wer da will gen Himmel kommen, muß ihnen ihre gute Wercke und Verdienste abkaufen. Summa, sie sind der Gerechtigkeit so voll, daß sie die andern armen Sünder anköcken, gleich wie der grosse heilige Pharisäer, Luc. 18, 11. ss, vor grosser Trunckenheit heraus köcket und speyet über den armen Zöllner, that Auslegung dcr Bergpredigt Christi. 27 ihm so hertzlich sanft, daß er Gott hosirt und dancket, daß er allein fromm, und andere Leute böse waren. Siehe, das sind sie, wider die Christus hier redet, die schandlichen, stoltzen, sattsamen Geister, die sich damit kützeln und ihre Freude und Lust haben, daß andere Leute nicht fromm sind, dafür sie sollten sich erbarmen, mitleiden und helfen; können nicht mehr, denn jedermann verachten, assterrcden, urtheilen und verdammen, und muß alles Stanck und Unflath seyn, ohn was sie selbst thun. Aber daß sie sollten hingehen und einen armen, gebrechlichen Sünder vermahnen oder bessern, dafür hüten sie sich, als vor dem Teufel. Darum werden sie auch wiederum müssen hören, wie Christus über sie schreyet, Luc. 6 25: Wehe euch, die ihr satt und voll seyd, denn euch wirb hungern. Denn wie die satt müssen werden, so jetzt hungert und dürstet, so müssen jene ewig hungern, die jetzt so voll und satt sind, und doch niemand ihr gemessen kann, noch rühmen, daß sie einen Menschen hatten geholfen oder zurecht gebracht. Also hast du kurtz die Meynung dieses Stücks, welches (wie gesagt) viel guter Wercke, ja alle gute Wercke begreift, damit ein jeglicher für sich unter den Leuten recht lebe und allerley Amt und Stande fördern helfe, davon ich oft anderswo weiter gesagt habe. 7. Selig sind die Barmhertzigen, denn sie werden Barmhertzig- keit erlangen. Diß ist auch eine feine Frucht des Glaubens und folget wohl auf das vorige, wer andern Leuten soll helfen und fördern, daß es allenthalben recht zugehe, daß der auch gütig und barmhertzig sey, das ist, daß er nicht bald rumore und wüte, wo es noch fehlet und nicht will gehen, wie es gehen soll, und dennoch Besserung zu hoffen ist. Denn das ist auch der falschen Heiligkeit Tugend eine, daß sie kein Mitleiden noch Barmhertzigkeit können haben mit Gebrechlichen und Schwachen, sondern wollens aufs allerstrengeste gehalten und aufs reineste erlesen haben, und sobald es ein wenig fehlet, so ist alle Gnade aus und eitel Wüten und Toben da. Wie auch St. Gregorius solche lehret erkennen und spricht: Vera justttia com- passionem Iraket, ialsa inäignationem; die wahrhaftige Heiligkeit ist barmhertzig und mitleidig, aber falsche Heiligkeit kann nichts, denn zürnen und wüten. Und soll doch heifsen, pro ?elo justitias (wie sie sich schmücken), das ist aus Liebe und Eifer nach der Gerechtigkeit gethan. Denn das gehet mit aller Gewalt in der Welt, daß sie alle ilmn Mulhwillen und Wütcrey treibet, unter dem schönen, treff- ZF Auslegung der Bergpredigt Christi. lichen Schein und Deckel, daß sie es thue eben um der Gerechtigkeit willen, gleichwie sie bisher und noch ihre Bosheit und Verratherey wider das Evangelium ausrichtet, unter dem Namen, die Wahrheit zu schützen und die Ketzerey auszurotten, und will damit verdienen, daß sie Gott dafür soll krönen und gen Himmel heben, die als vor grossem Durst und Hunger nach der Gerechtigkeit seine Heiligen verfolget, würget und brennet. Denn sie wollen traun auch den Namen haben, ja wohl mehr, denn die rechten Heiligen, daß sie hungere und dürste nach der Gerechtigkeit, führen dazu so grossen Schein und treffliche Worte, daß sie meynen, Gott selbst solle nicht anders wissen. Aber an den Früchten kennet man den edlen Baum. Denn wo sie Gerechtigkeit fördern sollen, nemiich daß, beyde, in geistlichem und weltlichem Regiment recht zugehe, das thun sie nicht, dencken auch niemand zu unterweisen und bessern, leben selbst in eitel Untugend, und wo jemand ihr Thun strafet, oder nicht lobet und tbut, wie sie wollen, so muß er ein Ketzer seyn und sich unter die Hölle verdammen lassen. Siehe, so ist gewißlich ein jeglicher falscher Heilige. Denn die Eigenheiligkeit machet ihn so stoltz, daß er jedermann verachtet und kann kein gütig, barmhertzig Hertz haben. Darum ist eine nöthige Warnung wider solche schandliche Heiligen, daß ein jeglicher drauf sehe, wo er mit dem Nächsten zu schaffen hat, dem er in seinem Stande und Wesen helfen und zurechte bringen soll, daß er dennoch auch könnte barmhertzig seyn und vergeben, daß man sehe, daß du die Gerechtigkeit mit rechtem Hertzen meynest, und nickt deinen eigenen Muthwillen und Zorn büssen wollest, und so gerecht seyst, daß du gegen dem, der die Ungerechtigkeit lassen und sich bessern will, freundlich und sauberlich fahrest und sein Gebrechen oder Schwachheit zu gute haltest und tragest, so lange bis er hernach komme. Wo du aber solches alles versuchest, und keine Hoffnung zur Besserung findest, da magst du ihn lassen fahren und denen befehlen, die zu strafen haben. Das ist nun ein Stück der Barmhertzigkeit, daß man gernvergebe den Sündern und Gebrechlichen. Das andere ist, daß man auch wohlthatig sey gegen die, so äusserlich Noth leiden, oder Hülfe bedürfen, welches man heißt die Wercke der Barmhertzigkeit, Matth. 25, 35. Diß Stück können die hoffartigen jüdischen Heiligen auch nicht. Denn da ist nichts, denn eitel Eis und Frost, ja ein stock- und steinhart Hertz, und gar kein Blutstropssen der Lust noch Liebe, dem Nächsten wohl zu thun, gleichwie auch keine Barmhertzigkeit, Sünde zu vergeben; sorgen und trachten allein für ihren Wanst, bo- Auslegung der Bergpredigt Christi. 29 gleich ein anders sollte Hungers sterben, daß auch bei öffentlichen Sündern viel mehr Barmhertzigkeit ist, denn bey einem solchen Heiligen. Wie denn folgen muß, weil sie sich allein preisen und fromm halten, jedermann verachten und für nichts halten, und meynen, alle Welt soll ihnen allein dienen und genug geben, sie aber seyn niemand schuldig zu aeben, noch zu dienen. Darum ist diese Predigt und Vermahnung verachtet und vergeblich bey solchen Heiligen, und findet keine Schüler, denn die vorher an Christo hangen und glauben, keine eigene Heiligkeit bey ihnen selbst wissen, sondern, nach denen vorigen Stücken, arm, elend, sanstmüthig und recht hunyerig und durstig sind, und so geschickt, daß sie niemand verachten, sondern sich jedermanns Noth annehmen und Mitleiden haben können. Diesen gilt nun die trostliche Verheis- sung: Wohl euch, die ihr barmhertzig seyd, denn ihr werdet wieder eitel Barmhertzigkeit finden, beyde, hier und dort, und solche Barmhertzigkeit, die alle menschliche Wohlthat und Barmhertzigkeit unaussprechlich weit übertrifft. Denn es ist ja keine Gleiche unserer Barmbertzigkeit gegen Gottes Barmhertzigkeit, noch unserer Güter gegen die ewigen Güter im Himmelreich; noch laßt er ihm unsere Wohlthat gegen dem Nächsten so Wohlgefallen, daß er für einen Pfennig hundert tausend Gülden, wo es uns noth wäre, für einen Trunck Wassers das Himmelreich verheißt. Wer sich nun solche tressliche, tröstliche Verheissungen nicht will lassen bewegen, der wende das Blatt um und höre ein ander Urtheil: Weh und verflucht sind die Unbarmhertzigen, denn ihnen soll auch keine Barmhertzigkeit widerfahren. Wie jetzt die Welt voll solcher Leute ist, vom Adel, Bürger und Bauren, die sich so trefflich versündigen an dem lieben Evangelio, daß sie armen Pfarrherren und Predigern nicht allein nichts geben, noch helfen, sondern auch dazu nehmen und plagen, wo sie können, und sich nicht anders stellen, denn als wollten sie es aushungern und aus der Welt jagen, und doch dieweil gantz sicher dahin gehen, meynen, Gott solle stille dazu schweigen und alles lassen gut seyn, was sie thun. Aber es wird sie einmal (das Unglück) treffen und, wie ich sorge, jemand kommen, der mich (der ich genug gewarnt habe,) zum Propheten machen, und mit aller Unbarmhertzigkeit mit ihnen umgehen wird, und ihnen nehmen Ehre und Gut, Leib und Leben dazu, auf daß Gottes Wort wahr bleibe, und wer nicht Barmhertzigkeit erzeigen noch haben will, eitel Zorn und ewige Ungnade überkommen. Wie auch St. Jacobus sagt, Cap. 2, 13.: Es wird gar ein unbarmhertzig Gericht über den gehen, der nicht Barmhertzigkeit gethan hat. 40 Auslegung der Bergpredigt Christi. Darum auch Christus am Jüngsten Tage solche Unbarmher- tzigkcit allein für das höchste wird anziehen, als wider ihn selbst gethan, alles, was wir aus Unbarnchertzigkeit gethan haben, und selbst den Fluch über sie sprechen: Ich bin hungrig, durstig gewesen, und ihr habt mich nicht gespeiset, noch getrancket. Darum gehet hin, ihr Verfluchten, in das ewige höllische Feuer. Match. 2Z, 42. Er warnet und vermahnet uns treulich, aus lauter Gnade und Barm- hertzigkeit. Wer das nicht haben will, der wähle den Fluch und ewige Verdammniß. Siehe an den reichen Mann, Luc. 16., welcher, ob er wol den armen Lazarum taglich voll Schwären sahe vor seiner Thür liegen, noch hat er nicht so viel Barmhertzigkeit, daß er ihm hatte ein Bund Stroh gegeben, oder die Brosamen unter seinem Tisch gegönnet. Aber siehe, wie hoch ist er gerochen, daß er in der Hölle gerne hundert tausend Gülden gäbe, daß er möchte einen Faden rühmen, den er ihm gegeben hatte. 8. Selig sind, die reines Hertzens sind, denn sie werden Gott schauen. Diß Stück ist ein wenig subtil und nickt so verstandlich geredt vor uns, die wir grobe und fleischliche Hertzen und Sinne haben, und noch vor allen Sophisten, die doch sollten die Gelehrtesten seyn, verborgen, daß ihr keiner kann sagen, was: ein rein Hertz haben, und noch weniger, was: Gott schauen, Heisse, gehen mit eitel Traumen und losen Gedancken um der Dinge, davon sie selbst nie nichts erfahren haben. Darum müssen wir diese Worte nach der Schrift ansehen und recht verstehen lernen. Ein rein Hertz, haben sie getraumet, Heisse, daß ein Mensch von den Leuten in einen Winckel, Kloster, oder Wüsten liefe, und nicht an die Welt gedachte, noch sich mit weltlichen Sachen und Geschäften bekümmerte, sondern mit eitel himmlischen Gedancken spielete, haben mit solcher Traumlehre nicht allein sich und andere Leute genarret und gefahrlich verführet, sondern auch den »nördlichen Schaden gethan, daß man die Wercke und Stande, so in der Welt gehen müssen und von Gott geordnet sind, für unrein gehalten hat. Die Schrift aber sagt von solchen reinen Hertzen und Gedancken, daß dennoch dabey stehen könne, daß einer ein Ehemann sey» Weib und Kind lieb habe, für sie dencke und sorge, und mit andern Sachen umgehe, was dazu gehöret. Denn solches alles hat Gott geboten. Was aber Gott geboten hat, das muß nicht unrein seyn, ja es ist eben die Reinigkeit, damit man Gott siehet. Also, wenn Auslegung der Bergpredigt Christi. 41 ein Richter sein Amt treibet, und einen Uebelthäter zum Tode urtheilet, das ist nicht sein, sondern Gottes Amt und Werck. Darum ist es ein gut, rein und heilig Werck, (wo er anders auch ein Christ ist,) welches er nicht könnte thun, wo nicht zuvor ein rein Hertz da wäre. Item, so muß auch ein rein Werck und Hertz heissen, obgleich ein Knecht oder Magd im Hause ein unflatig, unsauber Wcrck thut, als, Mist laden, Kinder waschen und rein machen. Darum ist eine schandliche Verkehrung, daß man die Stande, so in den Zehen Geboten gefasset sind, so geringe achtet, und nach andern besondern, gleissenden Wercken gaffet, gerade als hatte Gott nicht so reinen Mund oder Augen, als wir, noch so rein Hertz und Faust, wenn er beyde, Mann und Weib, schaffet; wie sollte denn solch Werck oder Gedancken ein unrein Hertz machen? Aber so sollen zu Blinden und Narren werden, die Gott verachten und allein nach ausserlichen Larven und Gleisten derer Wercke die Reinigkeit achten, und dieweil das Unglück anzurichten haben mit ihren eigenen fliegenden Gedancken und gaffen, gen Himmel zu klettern, und nach Gott tappen, bis sie darüber ihnen selbst den Hals abstürtzen. Darum laßt uns recht verstehen, was Christus ein rein Hertz Heisse. Und erstlich mercke abermal, daß diese Predigt am meisten gesetzet und geschärft ist wider die Jüden. Denn wie sie nichts wollten leiden, sondern gute Tage, Lust und Freude, auch nicht wollten hungern, noch barmhertzig seyn, sondern satt und allein fromm seyn, dazu jedermann urtheilen und verachten- also war auch das ihre Heiligkeit, daß sie mußten äusserlich rein seyn, am Leibe, Haut Haar, Kleider und Speisen, daß auch nicht ein ,Flecklein am Kleide seyn mußte. Und wenn einer ein todt Aas angerührt, oder einen Grind oder Genetz am Leibe hatte, mußte er nicht unter die Leute kommen; das hielten sie für Reinigkeit. Aber damit (spricht er) ist es nicht ausgerichtet, sondern die lobe ich, die sich fleissigen, daß sie reines Hertzens sind, wie er auch Matth. 23, 25. spricht: Ihr reiniget das Auswendige am Becher und Schüssel, inwendig aber seyd ihr voll Raubes und Frasses. Item V. 27. Ihr seyd, wie die übertünchten Graber, welche auswendig auch fein hübsch scheinen, aber inwendig sind sie voll Todtenbeine und alles Unflaths. Was ist denn nun ein rein Hertz, oder worinnen stehet es? Antwort: Es ist bald gesagt und darfst nicht gen Himmel klettern, noch in ein Kloster darnach lauffen und mit eigenen Gedancken ausrichten, sondern hüte dich vor allem, was du vor eigenen Gedancken bey dir weissest, als vor eitel Schlamm und Unflath, und wisse, daß ein Mönch im Kloster, wenn er in seiner höchsten Be- 42 Auslegung der Bergpredigt Christi. schaulichkeit sitzet und an seine» Herrn Gott dencket, wie er ihn selbst mahlet und träumet, und will die Welt gar aus dem Hertzen werfen, der sitzet (mit Urlaub) im Dreck, nickt bis an die Knie, sondern über die Ohren. Denn er gehet mit eigenen Gedancken um, ohne Gottes Wort, welches ist eitel Lügen und Trügerey, wie die Schrift allenthalben zeuget. Aber das heißt ein rein Hertz, das darauf siehet und dencket, was Gott sagt, und anstatt seiner eigenen Gedancken Gottes Wort setzet. Denn dasselbe ist allein rein vor Gott, ja die Reinigkeit selbst, dadurch auch alles, was daran banget und dar- inne gebet, rein wird und Heisset. Als, daß ein gemeiner Handwercks- mann, Schuster oder Sckmidt, dabeim sitzet, ob er gleich unsauber oder rustrig ist, oder übel reucht von Schwache und Pech, und dencket: Mein Gott hat mich geschaffen zu einem Mann, und mir mein Haus, Weib und Kind gegeben, und befohlen, lieb zu haben und zu nabren mit meiner Arbeit; siehe, der gehet mit Gottes Wort um im Hertzen, und ob er wol auswendig stincket, aber inwendig ist er eitel Balsam vor Gott. Kommt er aber auch in die hohe Reinigkeit, daß er auch das Evangelium ergreift und an Christum glaubt, (ohne welches zwar auch jene Reinigkeit nicht seyn kann): so ist er durch und durch rein, beyde, inwendig im Hertzen gegen Gott, und auswendig gegen allem, was unter ihm ist auf Erden, daß alles, was er lebet und thut, gehet, stehet, ißt und trinckct, ist ihm rein, und kann ihn nichts unrein machen. Als, wenn er sein ehelich Weib anstehet, oder auch mit ibr schertzet, wie der Patriarch Jsaac, l. Mos. 26, 8. Denn da bat er Gottes Wort und weiß, daß sie ibm Gott gegeben hat. Aber wenn er sein Weib liesse sitzen, und hielte sich zu einer andern, oder liesse sein Handwcrck oder Amt anstehen, und thäte andern Leuten Schaden oder Verdrieß, so wäre er nicht mehr rein, denn das Ware wider Gottes Gebot. So lange er aber bleibt in den zweyen Stücken, nemlich im Worte des Glaubens gegen Gott, dadurch das Hertz rein wird, und im Wort des Verständniß, das ihn lehret» was er gegen den Nächsten thun soll in seinem Stande: so ist ihm alles rein, wenn er gleich mit Fausten und dem gantzen Leibe in eitel Schwartze umgehet. Eine arme Dienstmagd, wenn sie thut, was sie thun soll, und eine Christin dazu ist, so ist sie vor Gott im Himmel eine schöne, reine Metze, daß alle Engel ihr zulachcn und Lust zu sehen haben. Wiederum, der allerstrengste Carthauser, ob er sich zu todt fastet und ca- steyet, vor grosser Andacht eitel Thränen weinet und nimmer an die Welt gedachte, und doch ohne Glauben an Christum und Liebe ge- Auflegung der Bergpredigt Christi. 4Z gen den Nächsten ist: so ist er ein lauter Stanck und Unflatb, beyde inwendig und auswendig, daß beyde, Gott und Engel, eitel Grauen und Eckcl vor ilmi haben. So siehest du, wie es alles liegt an Gottes Wort, daß, was darin gefasset ist und gehet, das muß alles rein, lauter und schneeweiß heissen, gegen Gott und Menschen. Daher St. Paulus saget, Tit. 1, 15. 16..- Den Reinen ist alles rein, und wiederum den Unreinen und Ungläubigen ist nichts reine. Warum das? Denn unrein ist beyde, ihr Sinn und Gewissen. Wie gehet das zu? Denn sie sagen wol, sie erkennen Gott, aber mit den Wercken verleugnen sie es, sintemal sie sind, an welchen Gott einen Greuel hat. Was ist aber der Lohn, oder was verheißt er denen, die reines Hertzens sind? Das ists, daß sie sollen Gott scha len. Ein herrlicher Titel und trefflicher Schatz! Was heißt aber: Gott schauen? Die Mönche haben hchr abermal ihre Traume, daß es sey, in der Eellcn sitzen und hierauf dencken gen Himmel, und ei» beschaulich Leben führen, wie sie es genennet und viel Bücher davon geschrieben haben. Aber das wird noch lange nicht Gott schauen heissen, wenn du mit deinen Gedancken kömmst getrollt und gen Himmel kletterst, wie die Sophisten und unsere Rottengeister und tolle Heiligen mit ihrem Kopf Gott, sein Wort und Werck abmessen und meistern wollen; sondern das ists, wenn du einen rechten Glauben hast, daß Christus dein Heiland sey. So siebest du flugs, daß du einen gnadigen Gott habest. Denn der Glaube leitet dich hinauf, und thut dir Gottes Hertz und Willen auf, da du eitel überschwengliche Gnade und Liebe siehest. Das heißt recht, Gott schauen, nicht mit leiblichen Augen (damit ihn niemand kann sehen in diesem Leben-, sondern mit dem Glauben, der sein vaterlich, freundlich Hertz siehet, darinnen kein Zorn noch Ungnade ist. Denn wer ihn für zornig anstehet, der siehet ihn nicht recht, sondern hat einen Vorhang und Decke, ja eine finstre Wolckc für sein Angesicht gezogen. Sein Angesicht aber sehen, wie die Schrift redet, heißt, ihn recht erkennen, als einen gnadigen, frommen Vater, zu dem man sich alles Gutes versehen darf, welches allein durch den Glauben an Christum geschieht. Darnach auch, wenn du in deinem Stande lebest nach Gottes Wort und Gebot, bey deinem Mann, Weib, Kind, Nachbarn und Nahesten: da kannst du sehen, wie Gott dazu gesinnet ist, und schlies- sen, daß ihm gefallt, als daß nicht dein eigener Traum, sondern sein Wort und Befehl ist, das uns nicht leuget, noch treuget. Nun ist ein tresslich, groß Ding und ein Schatz über alles, was man wünschen oder drucken kann, zu wissen, daß man gegen Gott recht stehe 44 Auslegung der Bergpredigt Christi. und leb«: also, daß beyde, das Hertz sich seiner Gnade gewißlich kann trösten und rühmen, und weiß, daß auch sein äusserlich Leben und Wandel ihm gefallet. Daraus denn folget, daß er frö'ich und getrost ist, alles zu thun und zu leiden, laßt sich nichts schrecken, noch verzagt machen, welcher keines vermögen, die solchen Glauben und rein Hertz, das sich allein nach Gottes Wort richtet, nicht haben. Wer aber Gottes Wort ergreift und im Glauben bleibt, der kann vor Gott bestehen und ihn ansehen als seinen gnadigen Vater, darf sich nicht fürchten, daß er hinter ihm stehe mit der Keule, ist gewiß, daß er ihn gnadiglich ansiehet und zulachet sammt allen Engeln und Heiligen im Himmel. Siehe, das meynet Christus mit diesem Spruche, daß allein die Gott schauen, die solch rein Hertz haben, damit er abschelet und sondert alle andere Reinigkeit, daß, wo diese nicht ist, obgleich sonst alles rein am Menschen ist, so gilt es vor Gott nicht, kann auch nimmermehr Gott sehen. Wiederum, wo das Hertz rein ist, so ist alles rein, und schadet nicht, obgleich auswendig alles unrein, ja, obgleich der Leib voll Schwären, Blattern und eitel Aussatz wäre. 9. Selig sind die Friedfertigen, denn sie werden Gottes Kinder heissen. Hier preiset der Herr mit einem hohen Titel und tresslichen Ruhm, die, so sich flechsigen, daß sie gerne Friede schaffen, nicht allein für sich, sondern auch unter andern Leuten, daß sie helfen, böse und verworrene Sachen vereinigen, Hader vertragen, Krieg und Blut- vergiessen wehren und vorkommen, welches ist auch eine grosse Tugend, aber gar seltsam in der Welt und bey den falschen Heiligen. Denn welche nicht Christen sind, die sind beyde, Lügner und Mörder, gleickwie ihr Vater, der Teufel. Darum dienen sie nirgend zu, denn Unfriede, Hader, Krieg anzurichten. Also, wenn ein Fürst zornig wird, meynet er bald, er müsse einen Krieg ansahen; da zündet und Hetzer jedermann an, so lange, bis man so viel verkriegt und Blut vergossen hat, daß der Reuel kömmt und gibt etliche tausend Gülden für die Seelen, die umkommen sind. Das sind und bleiben Bluthunde, können nicht ruhen, bis sie sich gerochen und ihren Zorn gebüsset haben, bis sie Land und Leute in Jammer und Unglück führen, und wollen dennoch Christliche Fürsten heissen und rechte Sachen haben. Es gehöret mehr dazu, Krieg anzufahen, denn daß du eine rechte Sache habest. Denn ob wol hier nicht verboten wird, daß man nicht kriegen solle, (wie gesagt, daß Christus hier nichts der Auslegung der Wergpredigt Christi. Obrigkeit und ihrem Amte will genommen haben, sondern lehret nur die einzelnen Personen, die für sich selbst Christlich leben wollen)- so gilt doch nicht, daß ein Fürst mit seinen Nachbarn kriegen will, ob er gleich (sage ich) rechte Sache, und der andere unrecht hat, sondern es heißt- Selig sind die Friedfertigen! daß, wer ein Christ und Gottes Kind seyn will, nicht allein keinen Krieg und Unfrieden ansähe, sondern zum Frieden helfe und rathe, wo er immer kann, ob auch gleich Recht und Ursachen genug zu kriegen waren, ist genug, wenn man alles versucht, und nicht helfen will, daß man eine Nothwehr thun muß, Land und Leute zu schützen. Darum sollen nicht Christen, sondern des Teufels Kinder hcissen die zornigen Junckherrn, die von Stund an Messer stürtzen und vom Leder zucken um eines Worts willen; vielmehr aber, die jetzund das Evangelium verfolgen und desselbigen Prediger unschuldig brennen oder ermorden lassen, die ihnen nichts Böses, sondern alles Gutes gethan und mit Leid und Seele gedienet. Doch von diesen sagen wir hier nicht, sondern allein von denen, die da wollen Recht und gute Sache haben, und meynen, sie sollen nicht leiden, als hohe und fürstliche Pessonen, obs auch gleich andere Leute wollten leiden. Darwider stehet hier also: Wo dir Unrecht und Gewalt geschieht, daß es nicht gilt, daß du wolltest deinen narrischen Kwf zu rathe nehmen, und bald anfahrn zu rächen und wieder schlagen, sondern daß du denckest und trachtest, wie es vertragen und Friede werde. Will aber solches nicht seyn, und du es nicht kannst leiden, so bast du Recht und Obrigkeit im Lande, dabey du es ordentlicher Weise magst suchen. Denn sie ist dazu gesetzt, daß sie solches wehren und strafen soll. Darum, wer die Gewalt thut, der sündiget nicht allein wider dich, sondern vielmehr wider die Obrigkeit selbst, weil es nicht dein, sondern ihr Gebot und Befehl ist, daß man Friede balle. Darum lasse es deinen Richter, dem es befohlen ist, solches rächen und strafen, als wider den sich dein Widersacher verwirekt bat. Wenn du dich aber willst selbst rächen, so thust du noch grösser Uebel, daß du auch derselbigen Sünde schuldig wirst, als der wider die Obrigkeit sündiget und in ihr Amt greiftet, dazu deine rechte Sache selbst unrecht machest. Denn es heißt also - Wer wieder schlagt, ist unrecht, und wiederschlagen macht Hader. Siehe, das ist eines, das Christus hier fordert, wider die rachgierigen und rumorischen Köpfst, und heissct Friedfertige zum ersten, die da Land und Leuten zum Frieden helfen, als- fromme Fürsten, Rathe oder Juristen und Obrigkeit, so ums Friedens willen in ihrem Amte und Regimente sitzen; darnach auch fromme Bür- 46 Auslegung der Bergpredigt Christi. gcr und Nachbarn, die Hader und Zwietracht, (so durch böse giftige Zungen zugerichtet) unter Mann und Weib, oder Nachbarn richten, söhnen und wegnehmen durch ihre heilsame, gute Zunge, wie St. Au- qustinus von seiner Mutter Monica rühmet, daß, wo sie zwo minus sabe, redete sie allezeit das Beste auf beyden Seiten, und was sie von einer Gutes hörete. das brachte sie zu der andern; aber was sie Böses hörete, das verschwieg sie, oder linderte es, so viel sie konnte, und hat also viel unter einander versöhnet. Denn das gehet sonderlich unter dem Weibervolcke, unter welchem sonst das schandliche Laster, Afterreden, regieret, daß oft durch eine böse Zunge viels Unglücks angerichtet wird. Darzu dienen die bittern und giftigen Teufelsbräute, welche, wenn sie ein Wort von einer hören, das spitzen, scharfen und verbittern sie auss allcrärgste gegen andere, daß zuweilen Jammer und Mord draus kömmt. Das macht alles, daß uns natürlich anklebt der schandliche, teufelische Unflath, daß jedermann gerne das ärgste höret und redet von dem Nächsten, und sich kritzelt, wo er an einem andern einen Fehl siehet. Wenn ein Weib so schön wäre, als die Sonne, und irgend ein Mahl oder Flecken am Leibe hatte, so sollte man das andere alles vergessen, und allein nach dem Flecken sehen und davon sagen. Also, wenn eine die berühmteste von Ebren und Tugenden wäre, noch soll eine giftige Zunge kommen, die sie hatte einmal mit einem lachen sehen, und so zu schänden machen, daß alle ihr Lob und Ehre müßte »crdunckelt werden. Das hcissen rechte giftige Spinnen, die aus einer schönen, lieblichen Rose nichts, denn Gift saugen können, und beyde, die Blumen und Saft, verderben, aus welcher ein Bien- lein eitel süsses Honig sauget und die Rosen unverschret läßt. Also thun diese, die auch nichts an andern Leuten ersehen, denn wo sie gebrechlich oder unrein sind, daß sie tadeln können; dargegen, was sie Gutes an sich haben, nicht sehen, wie wenn stiel Tugenden am Menschen sind, die der Teufel nicht verderben kann, und doch aus den Augen thut oder verstellet, daß man sie nicht sehen soll. Als an einem Weibe, ob es gleich allenthalben gebrechlich und keine andere Tugend hätte, so ist es dennoch Gottes Creatur, und kann zum wenigsten Wasser tragen, oder Windeln waschen. Und ist kein Mensch aus Erden so böse, es hat ja etwas an ihm, das man loben muß. Was ist es denn, daß man das Gute aus den Augen setzet, und allein in die Augen bildet und ansiehet, wo er unrein ist, als hätte man Lust, einem andern, mit Urlaub, nur in Hintern zu sehen, so doch Gott selbst die unehrlichsten Glieder am Leibe zugedeckt, und (wie Paulus t. Eor. 12, 23. sagt) am meisten Ehre gegeben Auslegung der Bergpredigt Christi. 47 Hut. Und wir sind solche Unfläter, daß wir nur, was unflätig ist und stinckt, Herfür suchen und dnrinne wühlen, wie die Säue. Siehe, das sind auch rechte Teufelskinder, welcher auch selbst daher den Namen hat, daß er viasio!»« heißt, das ist ein Schander und Lästerer, als der seine Lust daran hat, daß er aufs ärgste uns schände und unter einander verbittere, auf daß er nur Mord und Jammer anrichte, und keinen Friede noch Eintracht zwischen Brüdern und Nachbarn, Mann, Weib, bleiben lasse. Deß habe ich einmal ein Exempel gehöret von zweyen Eheleuten, so mit einander lebeten in grosser Liebe und Eintracht, daß man in der gautzen Stadt davon sagte. Und als er solches mit nichts konnte hindern, schickte er einen alten Balg zu dem Weib, die brachte ihr zu Ohren, wie ihr Mann mit einer andern zuhielte, und gedächte, sie umzubringen, erbitterte also ihr Hertz q-gen den Mann und gab ihr den Rath, sie sollte ein Schermesser heimlich zu sich nehmen, daß sie ihm vorkäme. Da sie das hakte ausgericht, kam sie zu ihrem Mann und sagte ihm von ihr, wie sie ihn wollte ermorden, und zum Wahrzeichen (sprach sie) würde er des Nachts ein Schermesser bey ihr im Bette finden; das fand er also und schnitte ibr den Hais ab. Solches sey mm wahr, oder erdichtet, so ist damit angezeiget, was böse, giftige Mäuler zurichten können, auch zwischen denen, die sich von Hertzen untereinander lieben, daß sie recht mögen heissen Teufelsmauler oder Tcufelin, wie er, der Teufel, nichts anders Heisset, denn ein bitter, giftig, böses Maul. Darum hüte dich für solchen, daß du sie nicht hörest, noch Statt gebest, und lerne, daß, was du vom Nächsten hörest sagen, zum besten auslegest, oder ja zudeckest, auf daß du Fried und Eintracht machest und erhaltest. So magst du vor aller Welt und den Engeln im Himmel mit allen Ehren Gottes Kind heissen. Diese Ehre solltest du dich ja lassen reitzcn und lockm, ja darnach zu lauf- sen, wenn dirs möglich wäre, bis ans Ende der Welt, und gerne alles, was du hattest, dafür geben. Nun hast du es hier angeboten und umsonst vorgetragen, darfst nichts dafür geben, noch thun, ohne, wo du willst Gottes Kind seyn, daß du dich auch also erzeigest und deines Vaters Werck thust gegen deinen Nächsten. Denn also hat uns auch unser Herr Christus gethan, da er uns dem Vater versöhnet und zu Gnaden gebracht, und noch täglich uns vertritt und das beste für uns redet. So thue du auch, daß du ein söhnlicher Mensch und Mittler seyst zwischen deinem Nächsten und das beste tragest zu beyden Seiten, das Böse aber, so der Teufel eingegeben hat, schweigest, oder, so viel du kannst, ausredest. Kömmst du zu 48 Auslegung der Bergpredigt Christ!. Grelen, so thue, wie gesagt von der heiligen Monica, St. Augustini Mutter, und sprich- Ach, liebe N,, warum seyd ihr so bitter? Mey- net sie es doch wahrlich nicht übel, ich mercke nicht anders an ihr, denn daß sie gerne wollte eure liebe Schwester seyn. Deßgleichen, kömmst du zu Catharin, thue auch also. So hattest du, so viel in dir ist, auf beyden Seiten Friede gefertigt, als ein recht Kind Gottes. Willst du aber, oder mußt das Böse sagen, so thue, wie dich Christus gelehret hat, Matth. 18, 15..- Trage es nicht zu andern, sondern gehe zu dem, der es gethan hat, und vermahne ihn, daß er sich bessere; nicht also, daß du es schau tragest, wo du hinkömmst, und lassest die Person stehen, die es angehet, redest, wo du schweigen solltest, und hier schweigest, da du solltest reden. Das ist die eine und erste Weise, daß du zwischen dir und dem Nächsten allein handelst. Mußt du es aber ja andern sagen, wo jenes nicht helfen will, so sage es denen, welchen es gebühret zu strafen, Vater und Mutter, Herren und Frauen, Bürgermeistern und Richtern. Das wäre recht und ordentlich gehandelt, damit das Böse weggelegt und gestraft würde. Sonst, wenn du es unter andere Leute trägst, so bleibt die Person ungebessert und das Böse ungestraft, und wird gleichwol durch dich und andere ausgetragen, daß jedermann sein Maul damit waschet. Siehe, wie ein frommer Arzt mit seinem krancken Kinde thut; der laust nicht unter die Leute und schreyet es aus, sondern gehet zu ihm und greift ihm an den Puls und an andern Ort, wo es Noth thut. Nicht, daß er seine Lust an seinem Schaden büsse, oder sein lache, sondern aus guter hertzlicher Meynung, daß er ihm helfe. Also liefet man von dem heiligen Patriarchen Joseph, 1. Mos. 37, ?., der mit seinen Brüdern bei dem Viehe war, und wenn böses Geschrey wider sie kam, ging er hin und brachte es vor ihren Vater, als ihren Oberherren, dem da gebührete einzusehen und zu strafen, weil sie nicht wollten ihn hören. Sprichst du aber- Warum greifsest du selbst den Pabst und andere öffentlich an und haltest nicht Friede? Antwort- Man soll ja das Beste rathen und helfen zum Frieden, und schweigen alles, das man schweigen kann. Aber wenn die Sünde offenbar ist und zu weit um sich greiffet, oder öffentlich (als des Papst Lehre) Schaden thut, da gilt nicht mehr schweigen, sondern wehren und strafen, sonderlich mir und andern, so in öffentlichem Amte sind, denen es gebühret, zu lehren und warnen jedermann. Denn mir ist besohlen und aufgelegt, als einem Prediger und Doctor, dazu gefordert, der da soll aufsehen, daß niemand verführet werde, auf daß ich dafür Auslegung der Bergpredigt Christi. 40 könne Rechenschuft geben am jüngsten Gerichte. Also befiehlet St. Paulus, Apostgesch. 2V, 28., denen Predigern, daß sie sollen wachen und Acht haben auf die gantze Heerde vor den Wölfen, so unter sie kommen würden. So gebühret mir auch zu strafen, die öffentlich sündigen, daß sie sich bessern, gleichwie ein Nichter öffentlich die Bösen verdammen und strafen muß von Amts wegen- Denn es ist genug gesagt, daß Christus hier von keinem öffentlichen Amte redet, sondern von allen Christen insgemein, nachdem wir alle gleich sind vor Gott. 10. Selig sind, die um Gerechtigkeit willen verfolgt werden, denn das Himmelreich ist ihr. Ich habe droben gesagt, daß die Stücke und Verheifsungen alle müssen verstanden werden im Glauben von denen Dingen, die man nicht siehet, noch höret, und nicht sagen von ausserlichem Schein. Denn wie kann es dem wohl gehen und selig heissen, dem ausserli- chen Ansehen nach, der da arm ist, und trauren oder Leid tragen, dazu allerley Verfolgung leiden muß, welches alle Welt und Vernunft Heisset übelgehen und fliehen lehret? Darum, wer die Seligkeit und Güter will haben, davon hier Christus saget, der muß das Hertz emporschwingen über alle Sinne und Vernunft, und nicht urtheilen von sich selbst, darnach er fühlet, sondern so schliessen- Bin ich arm, so bin ich nicht arm. Arm bin ich wohl äusserlich, nach dem Fleisch; aber vor Gott im Glauben bin ich reich. Also, wenn er sich fühlet traurig, betrübt und bekümmert, muß er auch nicht.darnach urtheilen, noch sagen, er sey ein unseliger Mensch, sondern sich herumwerfen und sagen: Ich fühle wol Traurigkeit, Jammer und Hertzeleid, aber gleichwol bin ich selig, frölich und getrost auf Gottes Wort. Eben demnach gehet auch in der Welt das Widcrspiel, daß, die reich und selig heissen, die sinds nicht. Denn Christus schreyet Weh über sie und Heisset sie unselig, ob es gleich scheinet, als seyn sie wohl dran und gehe ihnen aufs allerbeste. Darum sollten sie auch ihre Gedancken erheben über Reichthum und gute Tage, die sie fühlen, und sagen: Ich bin wol reich und lebe in eitel Freuden ; aber weh mir, wenn ich nicht etwas anders habe. Denn es muß gewißlich eitel Elend, Jammer und Hertzeleid darunter seyn, das über mich gehen wird, ehe ichs suhle und mich versehe. So gehe durch alle diese Stücke, daß alles ein ander Ansehen hat vor der Welt, aber anders nach diesen Worten. So haben wir nun bisher gehandelt fast alle Stücke eines Christlichen Wesens und geistliche Früchte des Glaubens nach den Vl 4 ZV Auslegung der Bergpredigt Christi. zweyen Stücken; erstlich für seine Person, daß er arm, betrübt und elend, Mangel und Hunger leidet, und dazu gegen andere ein fruchtbar, wohlthatig, barmhertzig, friedfertig Mensch ist, und nichts denn gute Wercke thut. Hier setzet er nun dazu das letzte, wie es ihm drüber gehet, daß er über das, daß er voller guter Wercke ist, auch gegen Feinden und bösen Buben muß das zu Lohne haben von der Welt, daß er verfolget werde, und Leib, Leben und alles drüber zusetze. Darum, willst du ein Christe seyn, so erwege dich deß, daß du unerschrocken seyest und nicht darum verzagest, noch ungeduldig werdest, sondern frölich und getrost dazu seyst, und wissest, es stehe nicht übel um dich, wenn dirs so gehet- Denn es ist ihm selbst und allen Heiligen (wie bald auf diese Worte folgen wird) also gangen, und wird denen, so Christen seyn wollen, darum also zuvor gesagt, daß sie sollen müssen Verfolgung leiden. Darum magst du wählen, welches du willst. Du hast zween Wege vor dir; entweder zum Himmel und ewigen Leben, oder zu der Hölle; entweder mit Christo, oder mit der Welt. Aber das mußt du wissen, wo du darnach lebest, daß du hier gute Tage und keine Verfolgung willst haben, so wirst du mit Christo gen Himmel nicht kommen, und wiederum. Und mußt kurtzum entweder den Christum und den Himmel fahren lassen, oder dich deß erweg-n, daß du allerley Verfolgung und Plage in der Welt leiden wollest. Summa, wer den Christum will haben, der muß Leib, Leben, Gut, Ehre, der Welt Gunst und Gnade dahin setzen, und weder Verachtung, Undanck, noch Verfolgung sich lassen erschrecken. Ursache ist diese: Der Teufel ist ein böser, zorniger Geist, und kann, noch will nicht leiden, daß ein Mensch zu Gottes Reich komme. Nimmt ers aber vor, so legt er sich in Weg, erwecket und versuchet dawider alles, was er kann. Darum, willst bu Gottes Kind seyn, so dencke und rüste dich zu der Verfolgung, wie der weise Mann sagt, Sir. k, 2. und Paulus 2. Tim. ö, 12.: Alle, die gottselig leben wollen in Christo Jesu, müssen Verfolgung leiden. Item Christus selbst, Matth. 10,24.2Z.: Der Jünger soll es nicht besser haben, denn sein Meister. Haben sie mich verfolget, so werden sie euch auch verfolgen. Da wird nichts anders aus, darum heifit es: Selig sind, die Verfolgung leiden um des Himmelreichs willen. Daß man wisse, weß man sich zu trösten habe. Denn es ist sonst ein verdrüßlich, unselig Wesen, äusserlich anzusehen, und thut faul, immerdar zu sitzen in Gefahr Leibes und Guts. Wo aber der Glaube solches fasset, kann er sich darüber erheben und dencken: Nun hat ja dennoch Christus gesagt, ich sey Auslegung der Bergpredigt Christi. 51 selig und wohl dran. Weil denn ers gesagt hat, so lasse ich solches meinen Trost seyn und mir wohl gefallen. Das Wort soll mir mein Hertz groß machen, ja grosser, denn Himmel und Erden- Denn was sind alle, die mich verfolgen, gegen diesen Mann, oder sein Wort? Ist einer oder zween, die uns verfolgen, so sind ihr vielmehr, ja zehntausend Engel gegen einen, die es mit uns halten und uns Machen, trösten und selig sprechen, samt allen Heiligen, so mit Christo und Gott selbst stimmen. Darum müssen wir solche Worte nicht so kalt und roh liegen lassen, sondern wohl aufblasen und groß machen, und setzen wider alle Verfolgung, so werden wir sehen und lernen, daß alle unser Leiden zu verachten ist, als lauter nichts gegen diesen hohen Trost und ewiges Gut, Rom. 8, 18. Er setzt aber deutlich diß Wort: um der Gerechtigkeit willen, anzuzeigen, daß nicht genug sey, verfolget werden, wo diß nicht dabey ist. Denn der Teufel und böse Leute müssen wol auch leiden, daß man sie verfolgt, und ein Bube fallet oft dem andern in die Haare, und sind unter einander nicht Freunde, wie ein Mörder den andern verfolgt, ein Türcke wider einen Tartern kriegt, sind aber darum nicht selig, sondern es gilt allein denen, die um Gerechtigkeit willen verfolgt werden, wie auch 1. Petr. 4, 15. sagt: Niemand unter euch leide als ein Mörder, Dieb oder Uebelthaker. Darum gilts nicht, daß man ohne das viel rühme oder schreye von grossem Leiden, wie die heillosen Mönche die armen Leute verführet haben, so man hat ausgeführt zur Strafe um ihrer Uebelthat willen, und so getröstet, daß sie solchen Tod sollten für ihre Sünde setzen. Du aber hüte dich vor dem Tode, der da für deine Sünde soll gelten. Denn er gehöret in Abgrund der Höllen. Es muß zuvor Gerechtigkeit da seyn und des Herrn Christi Tod. Darum siehe zu, daß du zum ersten eine rechte göttliche Sache habest, darum du müssest Verfolgung leiden, und derselbigen gewiß seyst, daß dein Gewissen darauf bestehen und bleiben könnte, wenn gleich alle Welt wider dich stünde. Darum muß vor allen Dingen Gottes Wort gewiß und vest gefaßt seyn, daß man daraus keinen Zweifel, noch Wancken mache. Als, wenn dir jetzt Kayser, Bischöfse, Fürsten wollten verbieten das eheliche Leben, Freyheit zu essen, oder beyderley Gestalt des Sacraments, und dich darüber verfolgen: da mußt zusehen, ix>aß dein Hertz der Sache gewiß und gantz beschlossen sey, daß Gottes Wort solches will frey und unverboten haben, ja befiehlt ernstlich, darüber zu halten und Leib und Leben dran zu setzen. So hast du denn den Trotz, daß du kannst sagen: Die Sache ist nicht mein, sondern meines Herrn Christi. Denn ich habe es ja 4* S2 Auslegung der Bergpredigt Christi. nicht aus meinem Kopffe erdacht, weder auS meinem, noch einiges Menschen Rath und Willen vorgenommen und angefangen, sondern durch Christi Mund, vom Himmel herabgebracht und verkündigt, empfangen, der mir nicht leugt noch treugt, sondern eitel Wahrheit und Gerechtigkeit selbst ist. Auf des Mannes Wort will ich wagen, leiden, thun und lassen, was ich soll, und soll mir sein eigen Wort mehr gelten, mein Hertz zu trösten und stärcken, denn aller Teufel und Welt Wüten und Drauen, zu schrecken. Denn was ists, wenn ein Fürst oder Kayser toll und thöricht ist mit Toben, und dräuet mit dem Schwerd, Feuer oder Galgen, wenn mir mein Christus dagegen freundlich ins Hertz redet und tröstet mit solchen Verheissungen, daß ich selig und mit Gott im Himmel hertzlich wohl dran sey, und mich alles himmlische Heer und Creatur selig preisen? Wenn ich ein solch Hertz und Muth habe, daß ich kann um seines Worts und Wercks willen leiden- was soll ich mich denn solche elende Leute, so wol feindlich wider Gott toben und sprühen, aber wie der Rauch und wie die armen Wasserblasen plötzlich vergehen, erschrecken lassen? Wie auch der Prophet Jesaias St, 12. 13. spricht: Ich bin euer Tröster, was ists denn, daß du dich vor Menschen fürchtest, die doch sterben müssen, und vor Menschenkindern, die als Heu dahin gerafft werden, und vergissest des Herrn, der dich gemacht hat, der den Himmel ausbreitet und die Erde gründet; das ist, er ist ewig und allmächtig, der dich tröstet und Gefallen an dir hat; wenn sie alle dahin sind, so bleibt er dennoch droben sitzen und du auch. Warum willst du dich denn mehr annehmen des Drauens und Pochens eines elenden, stinckenden Madensacks, denn solches göttlichen Trosts und Wohlgefallens? dafür du Gott solltest dancken und von Hertzen froh seyn, daß du solches würdig bist zu leiden, wie die Apostel, Apgsch. 5, 41., mit Freuden und Springen davon gingen, da sie geschmähet und gestäupet waren. Das ist nun gesagt von der Verfolgung, so mit der That oder Faust geschieht und über Leib oder Gut gehet, da man den Christen Gewalt anlegt und martert, brennet, hencket und würget, wie auch jetzt geschieht und allezeit geschehen ist. Darüber ist nun noch eine Verfolgung, die heißt Lästerung, Schmach oder Schande, so die Ehre und unsern Namen betrift, welche die Christen fürnemlich vor allen andern leiden müssen. Davon redet nun Christus weiter. 11. Selig seyd ihr, wenn euch die Menschen um meinetwillen schmähen und verfolgen, und reden allerley Uebels wider euch, so sie daran lügen. Auslegung der Bergpredigt Christi. LZ Diß ist auch eine grosse, schwere Verfolgung und (wie gesagt) das rechte Leiden der Christen, daß man sie aufs allerbitterste und gisstigste lästert und schmähet. Denn obwol andere Leute auch müssen Verfolgung leiden, daß man ihnen Gewalt und Unrecht thut, so läßt mans dennoch daran genug seyn, daß sie ihre Ehre und guten Namen behalten. Darum ist solches noch nicht ein recht Christlich Leiden. Denn hier ists nicht genug, daß man ihnen alle Marter und Plage anlegt, sondern muß dazu ihren Namen aufs allerschänd- lichste anspeyen und durchlastern, so daß die Welt noch herrlich rühme, wenn sie die Christen würget, sie haben die argesten Buben hingerichtet, so die Erde nicht habe können tragen, und habe Gott den größten, angenehmsten Dienst gethan, wie Christus saget, Joh. 16,2., daß kein schmählicher und schandlicher Name auf Erden kommen ist, denn eines Christen, und kein Volck, dem man so bitter feind ist und mit so bösen, giftigen Zungen zusetzt, als den Christen. Darum sage ich abermal: Wer ein Christ will seyn, der wisse deß zu gewarten, daß er solche Verfolgung von giftigen, bösen Lästermäulern leiden muß (sonderlich, wo sie mit der Faust nichts vermögen) , daß er alle Welt ihre Zunge an ihm wetzen und auf ihn zielen, stechen und hauen lasse, und er dagegen solches alles nur trotzlich verachte und dazu lache in Gottes Namen, und lasse sie zürnen in ihres Gottes, des Teufels Namen, auf den Trost und Sicherheit, wie gesagt, daß unsere Sache recht und Gottes eigen ist, welches auch sie selbst bestätigen müssen, ob sie uns wol verdammen, und doch sagen, es sey die Wahrheit. Dazu unser Hertz und Gewissen vor Gott sicher ist, daß wir recht lehren. Denn wir ja nicht aus unserm Kopffe und eigener Vernunft oder Weisheit lehren, noch unsern Nutzen, Gut oder Ehre bey der Wett damit suchen, sondern allein Gottes Wort und Wcrck predigen und preisen. Dagegen sie, unsere Feinde, nichts denn ihr eigen Werck, Verdienst und Heiligkeit rühmen, und uns, die wir solches nicht mit ihnen treiben, darüber verfolgen. Denn sie verfolgen uns nicht, als seyn wir Ehebrecher, Rauber oder Diebe, können die ver- zweifelstcn Schälcke und Buben wohl unter sich leiden; sondern darüber erhebt sich das Zetergeschrey, daß wir ihre Lehre und Leben nicht wollen recht heissen, und allein das Evangelium, Christum, den Glauben und rechte gute Wercke preisen, und also nicht für uns, sondern alles um des Herrn Christi willen leiden. Darum wollen wirs auch mit ihnen aussingen, und so harten Kopf sollen sie nicht haben, wir wollen noch härtern haben. Denn sie sollen noch kurtzum den Mann lassen bleiben, es sey ihnen lieb oder leid. 54 Auslegung der Bergpredigt Christi, t2. Seyd frölich und getrost, es wird euch im Himmel wohl belohnet werden. Das sind süsse, tröstliche Worte, die da sollten unser Hertz lustig und muthig machen wider allerley Verfolgung, daß ich höre, daß meinem Herrn Christo so hertzlich wohlqefäUet, und mich selbst heißt frölich dazu seyn, dazu so trefflichen Lohn verheißt, daß das Himmelreich soll mein seyn, und alles, was Christus samt allen Heiligen und der gantzen Christenheit hat, Summa, einen solchen Schatz und Trost, dafür ich nicht sollte nehmen aller Welt Gut, Freude und Saitenspiel, obgleich alles Laub und Gras eitel Zungen waren, die mich lobten und preiscten. Denn hier nicht ein Christ, ja, nicht ein Engel mich selig preisen, sondern der Herr aller Engel, dem beyde» sie und alle Creatur, müssen zu Fusse fallen und anbeten. Darum müssen sie mit allen Creaturen, auch Laub und Gras, mich zu loben und preisen frölich von mir singen und springen. Was sind nun dagegen, die mich lästern und fluchen, denn eitel Nisse und Lausebalge, (mit Urlaub,) ja noch viel schandlicher, denn sie jemand nennen kann. Was wäre es, wenn alle Creatur, Blatter und Gras im Walde und Sand am Meer eitel Zungen wären, und sie aufs äusserste tadelten und vernichteten, gegen diß Manns einig Wort? Denn seine Stimme klinget so hell, daß Himmel und Erden davon voll werden und erschallen muß, und dagegen verschwinden das spittclische, Heischere Scharren und Husten seiner Feinde. Siehe, also sollten wir ein wenig lernen solcher Worte brauchen und uns nütze machen, als die nicht umsonst da stehen, sondern uns zur Stärcke und Trost geredet und geschrieben sind, damit er uns, als unser lieber Meister und treuer Hirt oder Bischof, rüstet, daß wir geschickt und unerschrocken dazu seyn, zu leiden, wenn man uns alle Plage und Unglück anlegt um seinetwillen, beyde, mit Worten und Wercken, und solches alles, was uns unter Augen stösset, verachten können, und wider unsere eigene Vernunft und Hertz richten. Denn wo man denen Sinnen und Fühlen nachhänget, gehets ja sauer unter Augen, und thut wehe, daß einer soll der Welt und jedermann dienen, helfen, rathen und eitel Gutes thun und nichts dafür einnehmen zu Danck, denn den ärgesten, bittersten Haß, und verfluchte, giftige Zungen, daß, wo Fleisch und Blut hier sollte regiere», würde es bald sagen- Soll ich nichts anders davon haben, so bleibe bey dem Evangclio und sey ein Ehrist, wer da will, und helfe der Teufe! forthin der Welt, wenn sie nicht anders will. Da- Auslegung der Bergpredigt Christi- 25 her auch jedermann jetzt klagt und schreyet, das Evangelium mache viel Unfriede, Hader und unordig Wesen in der Welt, und stehe alles arger, sint es aufkommen ist, denn vor je, da es doch sein stille zuging, und keine Verfolgung war, und die Leute mit einander lebten als gute Freunde und Nachbarn- Es heißt aber also: Willst du das Evangelium nicht haben, noch ein Christ seyn, so gehe hin und halte es mit der Welt, so verfolgt dich niemand, und bleibst wohl ihr Freund. Willst du aber das Evangelium und Christum haben, so mußt du dich deß erwegen, daß es übel zugehe, Unfriede und Verfolgung angehe, wo es hinkommt. Ursach, denn der Teufel wird nicht leiden, daß es anders zugehe, noch aufhören, die Leute zu Hetzen wider das Evangelium, daß alle Welt dawider entbrannt werde. Darum sage ich also, solchen unnützen Maulern und Klüg- lingen zu antworten. Es kann und soll nicht wohl und sein zugehen. Denn wie sollte es wohl zugehen, wo der Teufel das Regiment hat und dazu dem Evangelio todtfeind ist? Und zwar auch nicht ohne Ursach; denn es thut ihm Schaden in seinem Reiche, daß ers fühlet; und wo crs sollte ungehindert gehen lassen, so wäre es bald darum geschehen und gar zerstöret. Soll ers aber wehren und hindern, so muß er alle seine Kunst und Macht aufbringen, und dawider erwecken, was in seiner Gewalt ist. Darum hoffe keines Friedens und stilles Wesens nicht, so lange sich Christus mit seinem Evangelio in des Teufels Reich leget. Und wehe des Wohlgehens und guten Gemachs, das vorhin gewesen ist und sie jetzt wünschen und begehren. Denn das ist ein gewiß Zeichen, daß der Teufel mit aller Gewalt regieret, und kein Christus da ist, wie ich leider besorge, daß es wieder so gehen wird, und das Evangelium allzu früh von uns Deutschen kommen wird, darnach solche Schreyer jetzt ringen- Wir aber haben ja diese Sicherheit, daß nicht unsere Schuld ist, daß es übel zugehet. Denn wir sehens von Hertzen gerne, daß alles recht ginge, und haben ja das unsere gethan mit Lehren, Vermahnen, Bitten, Flehen und Weichen, auch gegen die Feinde, bieten ihnen Frieden an und alles, was wir sollen! helfen und rathen dazu aus allen Kräften, ja, mit unsrer eigenen Gefahr und Nachtheil, leiden darüber, was wir sollen; noch schaffen wir nichts, denn, daß sie uns aufs greulichste und giftigste verfolgen, lästern und schmähen, und nicht aufhören können, bis sie sich in unserm Blut möchten kühlen. Weil es denn nicht anders will seyn, so lassen wir sie zuletzt auch fahren mit ihrem Dräuen, Toben und 55 Auslegung der Bergpredigt Christi. Laster» und halten uns des Trostes, den wir hier gehöret haben, gewiß, daß sie es nicht werden dahin bringen, da sie es gerne hatten , sie haben denn vor den Christum vom Himmel gcstürtzt und mit allem, was er geredt hat, zum Lügner gemacht. Denn also haben sie verfolgt die Propheten, die vor euch gewesen sind. Seyd ihr doch nicht allein (will er sagen), denen solches widerfahret. Sehet euch um und rechnet zurück nach allen heiligen Vätern, die je vor euch gelebt haben, so werdet ibr finden, daß ihnen allen also ergangen ist. Was wollet ihr denn sondcrlichs haben? Soll er um euerntwillen seine Weise lassen? Hat ers doch in seinen lieben Vätern und Propheten müssen leiden, daß man sie verfolget und erwürget hat, dazu von jedermann gelästert und ge- schmahet und der Welt Spott gewesen sind, wie man in der Schrift siehet, daß eine gemeine Weise und Sprüchwort gewesen ist, wenn man einen Propheten nennen wollte, so nennet man ihn einen Narren; als in Historia Jehu, 2. Kon. 9, 11, sprachen sie von einem Propheten- Warum ist dieser Rasende zu dir kommen? Und Jesaias 57, 4. zeigt, wie sie das Maul gegen ihn aufgesperret und die Zunge herausgereckt haben. Was haben sie aber damit ausge- richt, denn daß jetzt die lieben Propheten und Heiligen in aller Welt Ehre, Lob und Preis haben, dazu mit dem Herrn Christo ewig regieren, jene aber aufs allerschandlichste stincken und verflucht werden? Solches sollt ihr auch euch gewißlich versehen (sagt Christus), daß euch belohnet soll werden, wie es jenen belohnet ist, reichlicher und herrlicher, denn ihr könnet glauben, oder dürfet wünschen. Denn ihr seyd eben in derselben Gesellschaft und Gemeinde. Siehe, das ist je ein feiner, köstlicher Prediger und treuer Meister, laßt nichts aussen, das da dienet zu starcken und getrost zu machen, beyde, mit seinem Wort und Verheissung, dazu mit Exempel und Zeugniß aller Heiligen und seiner selbst, mit welchem zustimmen alle Engel im Himmel und Creaturen. Was wollten wir denn mehr haben und begehren? Sollten wir nicht auf solchen Trost der Welt und dem Teufel einen Zorn und Trotz ausstehen, um seinetwillen? Was wollten wir thun, wenn nicht rechte göttliche Sache und solche treffliche Sprüche und Zusagung hatten, und dennoch müßten leiden, wie andere Leute, die keinen Trost haben? Denn es kann doch in der Welt nicht dazu kommen, daß mans nicht leiden dürfte, und muß, wie gesaget, übel zugehen um des Evangelü willen, auf daß die Frommen damit bewahret und zu ihrem verheisscnen Trost, Freude und Seligkeit gefördert, die Bö- Auslegung der Bergpredigt Christi. sen aber und Verächter oder Feinde des Evangelii gestreift und verdammt werden. So hat nun Christus bisher seine Christen zugerichtet und bereitet , wie sie sollen vor sich in der Welt leben und leiden, und sonderlich die, so öffentlich ein Amt führen sollen in der Christenheit. Wiewol auch ohne das ein jeglicher Christ, als vor sich selbst, soll allzeit bereit seyn, daß er stehen könne, wo es noth ist, seinen Herren zu bekennen und seinen Glauben zu vertreten, und immerdar gerüstet wider die Welt, Teufel, Rotten und was er vermag aufzubringen. Nun fahret er weiter und will ihnen auch das Amt auflegen und lehren, wie sie dafselbige führen sollen, darnach auch in Mund legen, was und wie sie predigen sollen. Denn nach diesen Stücken ist ein Christ gantz vollkommen, wenn er für seine Person recht lebet und drüber allerley leidet, darnach auch sein Amt, damit er andern dienen und helfen soll, recht führet und treibet. So spricht er nun - 1iZ. Ihr seyd das Saltz der Erden: wo nun das Saltz dumm wird, womit soll man saltzen? Es ist Hinsort kein nütze, denn daß man es hinausschütte, und lasse es die Leute zutreten. Mit dem Worte: Saltz, zeigt er, was ihr Amt seyn soll. Denn Saltz ist für sich selbst nicht Saltz, kann sich selbst nicht saltzen; sondern das ist sein Brauch, daß man Fleisch, und wozu mans in den Kuchen bedarf, damit saltze, daß es seinen Schmack habe, frisch bleibe und nicht verfaule. Also, spricht er, seyd ihr auch ein Saltz, nicht das in die Küchen gehöret, sondern dazu, daß man damit saltze solch Fleisch, das heißt die gantzc Welt. Das ist ja ein herrlich Amt und eine grosse treffliche Ehre, daß sie Gott sein Saltz Heisset, und dazu setzet, daß sie sollen saltzen alles, was auf Erden ist. Es gehöret aber dazu ein solcher Mann, der da bereit sey, wie er bisher gelehret, arm, elend, dürftig, sanftmüthig zu seyn, und allerley Verfolgung, Schmach und Lästerung zu leiden. Wo das nicht ist, da wird nimmer kein Prediger aus, der da recht ansähe zu saltzen, sondern bleibt wohl ein dumm Saltz, das nirgend kein nütz ist. Denn es ist ja viel ausgelegt und zu hoch überladen, daß die armen Fischer, oder sonst ein armer, verachter Mensch, soll vor Gott heissen ein Saltz der Erden und sich unterwinden, anzugreifen und zu saltzen alles, was Menschen sind auf Erden. Vernunft und Natur vermags nicht; denn sie wirds müde und kanns nicht leiden, daß sie nur Schande, Schmach und Unglück sollte davon 58 Auslegung der Bergpredigt Christi. huben, und würde bald sagen: Saltze der Teufel die Welt an meiner statt. Darum ist es ja ein schwer Ding, ein Apostel oder Prediger zu seyn und solch Amt zu treiben, ja unmöglich, nach Fleisch und Blut zu richten. Aber es müssen solche Leute seyn, die es gerne thun, um Gottes und des Herrn Christi willen, welcher will niemand dazu zwingen noch treiben mit Geboten. Denn Christcnstand ist ein solcher Stand, der nur willige Her- tzen fordert; wer nicht von Hertzen Lust dazu hat, wird wol davon bleiben. Unser Trotz aber ist der, wenn es übel gehet, Welt und Teufel uns sauer anstehet und so böse sind, als sie wollen, daß er zu uns sagt: Ihr seyd das Saltz der Erden. Wo das Wort ins Hertz leuchtet, daß sichs kann drauf verlassen und angezweifelt rühmen, daß er Gottes Saltz sey: so laß zürnen und böse seyn, wer nicht lachen will. Ich kann und darf mehr trotzen und pochen aus sein einiges Wort, denn sie auf alle ihre Macht, Schweriner und Büchsen. Denn weil er mich dafür erkennet und durch sein Wort das Zeugniß gibt, so müssen alle Engel im Himmel, ja Sonn und Mond sammt allen Creaturen, Ja dazu sagen und bey uns stehen wider Welt und Teufel. Und obgleich das nicht wäre, so hatten wir doch an dem einigen Wort genug, daß er uns so nennet und taufet. Das sollen sie wohl stehen lassen; so wollen wir auch wohl vor ihnen bey Ehren bleiben, so lange Christus und sein Wort bleibet. Nun, wie das Saltzen zugehe, ist leicht zu verstehen, nemlich, daß man soll auftreten und sagen: Alles, was auf Erden geboren ist und lebt, das ist kein nütze, faul und verderbt vor Gott. Denn weil er dürre und klar saget, sie sollen seyn ein Saltz der Erden, das ist, über alles, was die Welt ist: so muß folgen, daß alles, was in der Welt ist und Fleisch oder Mensch beißt, muß gestraft und durchsaltzen werden; also daß man aller Welt Heiligkeit, Weisheit, Gottesdienst, von ihnen selbst erfunden, ausser Gottes Wort, verdamme, als das des Teufels ist und in Abgrund der Hölle gehöret, wo sichs nicht an Christum allein halt. Das ist denn eine unfreundliche Predigt, macht uns der Welt unangenehme, und verdient, daß man uns feind wird und über das Maul schlagt. Denn das könnte die Welt noch wohl leiden, daß man recht predigte von Christo und allen Artickeln des Glaubens; aber wenn man sie will angreiffen und damit saltzen, daß ihre Weisheit und Heiligkeit nichts soll gelten, ja blind und verdammt ist, das kann und will sie nicht leiden, und gibt den Predigern Auslegung der Bergpredigt Christi, 59 Schuld, sie können nichts, denn schelten und beissen, und muß heissen, die Welt erreget und Unfriede gemacht, geistliche Stände und gute Wcrcke geschändet. Aber wie können wir ihm thun? Soll man stützen, so muß es beissen. Und ob sie uns gleich beissig schelten, so wissen wir, daß so seyn soll und Christus solches befohlen hat, und will, daß das Saltz scharf sey und getrost beifse, wie wir hören werden. Wie St. Paulus auch allenthalben thut, strafet die gantze Welt und schilt alles, was sie lebet und thur, wo nicht der Glaube an Christum ist, und Christus, Joh. 16, 8., sagt, wenn der Heilige Geist komme, soll er die Welt strafen u. s. w. Das ist, er soll alles an- greissen, was er in der Welt findet, keinen Auszug noch Unterscheid machen, noch etliche schelten, noch etliche loben, oder allein Dieb und Schalcke strafen, sondern alles auf einen Haufen fassen, einen mit dem andern, er sey groß, klein, fromm, weise, heilig, oder wie er wolle, Summa, alles, was nicht Christus ist. Denn der Heilige Geist darf nicht darum kommen, noch Prediger in der Welt schicken, daß er äusserlich grobe Sünde, Ehebruch, Mord?c. zeige und strafe, so sie selbst wohl weiß und strafen kann, sondern das sie für das köstlichste halt, und da sie am besten ist, fromm und heilig seyn und Gott damit dienen will. Darum gilts nicht, daß jetzt etliche klügeln und vorgeben, es sey gnug, daß ein Prediger jedermann sage, was recht ist, und könne wol das Evangelium predigen, daß man nicht dürfe Pabst, Bischöffe, Fürsten und andere Lttande und Personen antasten, dadurch viel Unfriede und Hader entstehet; sondern es heißt also- Willt du das Evangelium predigen, und den Leuten helfen, so mußt du auch scharf seyn und Saltz in die Wunden reiben, das ist, das Widerspiel anzeigen, und strafen, wo es nicht recht gehet, als jetzt sind Messen, Möncherey, Ablaß ?c. und alles, was daran hanget und drüber halt, auf daß solch Aergerniß aus dem Wege geräumet und niemand dadurch verführet werde. Darum muß man hier immer anhalten mit saltzen, daß man wehre und nicht Raum lasse, dadurch es möchte wieder aufkommen, oder heimlich einreisten, wie dann geschehen muß, wo das Saltzamt nicht immer im Schwange gehet, und bisher in der Christenheit geschehen ist, daß eitel faule Menschenlehre regiert und alles verderbt hat, welches wohl wäre nach blieben, wo. das Saltz blieben wäre. Denn es hakte nicht an der rechten Lehre gefehlet, weil von Gottes Gnaden dennoch die Schrift, Evangelium, Sacrament, Predigtstuhl ist in der Kirche blieben, wenn nur die Bischöffe und Prediger solches getrieben und in der 60 Auslegung der Bergpredigt Christi. Uebung und Brauch hätten lassen gehen, darmit zu saltzen, was des alten Adams ist. Darum vermahnet und warnet hier Christus die Jünger so fleissig, daß sie zusehen und solch Saltzens stets lassen im Schwange gehen, und spricht: Wenn das Saltz dumm wird, womit soll man denn etwas saltzen? Dumm Saltz heißt, das die Zahne und Scharfe verloren hat, und nicht mehr würtzet, noch beisset, das ist, wenn das Amt in der Christenheit untergehet, daß man die Leute aufhöret zu strafen und zeiget ihnen nicht ihr Elend und Unvermögen, noch erhalt bey der Busse und Erkenntniß sein selbst, laßt sie dahin gehen, als fern sie fromm und recht dran, und also ihr Ding, eigene Heiligkeit und selbsterwählte Gottesdienst laßt einreisten so lange, bis die reine Lehre vom Glauben wieder gar untergehet und Christus verloren wird, und sogar verderbet, daß nicht mehr zu helfen noch zu rathen ist. Solches hat er hiermit gesehen und geweissagt die zukünftige Gefahr, ja den Schaden und Verderb der Christenheit, daß man solch Saltzen oder Strafamt würde liegen lassen, und dafür auf. kommen so mancherley Geschwüren von Rotten und Seelen, da ein jeglicher seinen eigenen Tand aufwirft, als ein? rechte Lehre und Gottesdienst, und doch nichts anders ist, denn weltlich, fleischlich Ding, aus unserm Kopf und Vernunft gewachsen, damit wir uns selbst kützeln, und also gar darinnen verfaulen, als eitel wild, stin- ckend, verdorben Fleisch, daran saltzen und strafen verloren ist. Aus dem siehest du, wie viel und groß an dem Stücke gelegen ist, daß es Christus nicht umsonst vor allen andern hie? setzet und so fleissig besichlet. Denn ohne das kann die Christenheit nicht bestehen und Christus nicht bleiben, kein rechter Verstand noch Leben im Schwange gehen, daß freylich kein grösserer Schaden und Verderb der Christenheit ist, denn wo das Saltz, damit man alle andere Dinge würtzcn und saltzen muß, dumm wird. Und ist doch sobald geschehen. Denn es ist ein solches Gisst, das süsse eingehet und dem alten Adam sanfte thut. Denn er darf nicht so in Gefahr stehen, Leib und Leben wagen, noch Verfolgung, Schmach und Lästerung leiden. Freylich hat diß Amt allenthalben viel Anfechtung und Hinderniß, beyde, zur lincken und rechten Seiten, daß man schweige, und solches entweder aus Furcht oder Gefahr Schadens und Verfolgung, oder um Ehre, Gut und Genieß willen. So sind wir ohne das schwach, faul und verdrossen dazu, daß wir uns leichtlich davon bringen lassen und müde werden, wenn wir sehen, daß es Auslegung der Bergpredigt Christi, 6 k nicht will fortgehen, wie wirs gerne hätten, und läßt sich ansehen, als sey es vergebens und die Leute verachten, ja nur arger werden, jemehr man sie strafen will. Darum müssen wir dagegen gerüstet seyn, und allein Christi Befehl ansehen, der uns solch Amt auflegt und will, daß wir das Maul frisch aufthun und strafen, was zu strafen ist, nicht ansehen unsere Gefahr, Ungemach, oder Nutzen und Genieß, noch anderer Leute Bosheit und Verachtung, und uns deß trösten, daß er uns zu seinem Saltz machet und dabey erhalten will, und heißt uns getrost stützen, nicht daran kehren, noch erschrecken lassen, obs die Welt nicht leiden will und uns drüber verfolget, noch verzagen, ob wir gleich, wie wir meynen, nichts schaffen. Denn was er uns heißt, sollen wir uns gefallen und genügen lassen, und ihm lassen besohlen seyn, was und wie viel er durch uns ausrichte. Wollens die Leute nicht hören, noch annehmen, so sind wir nichts desto weniger Saltz und haben unser Amt ausgericht. So können wir denn mit allen Ehren und Freudigkeit vor Gottes Gericht bestehen» und dafür antworten, daß wirs jedermann treulich gesagt haben, und nichts unter die Banck gesteckt, daß sie keine Entschuldigung haben, als haben sie es nicht besser gewußt und sey ihnen nicht gesagt. Welche aber sich lassen erschrecken, und schweigen um Gunst, Ehre und Guts willen, die werden auch am Jüngsten Tage müssen hören von ihnen sagen- Der ist unser Prediger gewesen und hats uns nicht gesagt. Und wird sie nicht entschuldigen, ob sie wollten sagen- Herr, sie Habens nicht wollen hören. Denn Christus wird dagegen sagen- Weißt du nicht, daß ich dir befohlen habe, du solltest stützen, und dazu so fleissig gewarnet. Solltest du nicht meine Wort mehr fürchten, denn sie? Solches soll uns auch billig schrecken. Denn hie hörest du das Urtheil, das er über solch dumm Saltz verkündiget und spricht: Es ist zu nichts hinfort nütze, denn daß mans hinaus schütte und lasse es die Leute zutreten. Diß ist so viel gesagt: Sie sollens auch hier auf Erden nicht gut haben, sondern schlecht verworfen seyn von Christo, als die ihm nichts mehr angehören und nimmer seine Prediger seyn sollen» noch zur Christenheit gehören, schon ausgeworfen und beraubt sind aller Gemeinschaft im Himmel und mit allen Heiligen, ob sie gleich den Namen behalten und vor den Leuten groß geachtet sind, als die besten Prediger und heiligsten Leute auf Erden. Das ist nun ein Stück der Warnung, daß er spricht: Wenn das Saltz dumm wird, so sey es kein nütze mehr. Das 62 Auslegung der Bergpredigt Christi. ander«. lautet noch schrecklicher, als er das Urtheil drüber spricht, daß man soll die Leute drüber lauffen und es zutreten lassen. Wenn das rechte Saltz, das ist die rechte Auslegung der Schrift, hinweg ist, dadurch man alle Welt strafen soll, und nicht, denn allein den einigen Glauben an Christum, gelten lassen, so ist es alles aus, und hilft nichts mehr, was man sonst lehret oder strafet. Denn es ist schon beyde, Lehre und Leben, Meister und Schüler, vor Gott verworfen und verdammt. Summa, wo dieser Artickel von Christo nicht getrieben wird, daß wir durch ihn allein gerecht und selig werden, und außer ihm alles verdammt halten - so ist kein Wehren und Aushalten mehr, ja, kein Maaß noch Aushören aller Ketzerey und Irrthum, aller Secten und Rotten, da jedermann etwas sonderliches Eigenes erdenckt und aufwirft. Wie bisher uns widerfahren ist unter dem Pabst, da keinem Mönche etwas getraumet hat, es hat auf die Cantzel müssen kommen, und ein sonderlicher Gottesdienst draus werden, und keine Lügen so schandlich gewesen, die man nicht hat angenommen, wer es nur hat dürfen auf den Predigtstuhl bringen; bis zuletzt so weit ist kommen, daß man nicht allein Christum verloren hat, sondern Gott dazu, und sie selbst schier keinen Artickel des Glaubens mehr glauben, daß ich dürfte sagen: Daß in hundert Jahren wenig Pabste gewesen sind, die einen Artickel geglaubt haben. Wie es auch letzt in deutschen Landen stehet bey denen, da der Artickel von Christo untergangen und dafür eine Rotterey und Irrthum über die andere ausgangen, da einer das Sacrament, der andere die Taufe und andere Artickel leugnet, und viel schon gar epicurisch worden, die nichts überall glauben, und also zuletzt lauter Kühe und Saue werden und auch also hinsterben. Darum habe ich allezeit vermahnet, wie auch hier Christus thut, daß das Saltz Saltz bleibe und nicht dumm werde, das ist, daß man den Hauptartickel des Glaubens recht treibe. Denn wo der aufhöret, da kann nicht ein Stück recht bleiben, und ist alles verloren, kein Glaube noch Verstand mehr, daß niemand recht lehren noch rathen kann, Summa, es muß jedermann lassen mit Füssen über sich lauffen; das ist, (wie gesagt,) kein Bachant noch Esel ist so grob, wenn er nur darf was neues aufbringen, so lauft jedermann zu und glaubet es. Denn was haben bisher die schändlichen Mönche nicht dürfen unverscbamt predigen und die Leute bereden mit ihren Brüderschaften, Gebetlein, Rosenkränzen, ja mit ihren schädigten Kappen, so sie den Todten anzogen, und dadurch den Himmel zugesagt? Was ist das anders, denn sich jedermann Auslegung der Bergpredigt Christi. ti,; mit Füssen lassen treten, und einem jeglichen Lügenprediger unterworfen seyn? Das macht, daß der Teufel des Hertzens gewaltig ist worden und gar verderbt hat mit seinen faulen, verdammlichen Lehren und Aberglauben, daß Christus hinweg und sein Erkenntniß verloren wird. Denn wenn ich das behalte, daß Christus allein meine Gerechtigkeit und Heiligkeit ist, so wird mich nimmer kein Mönch überreden noch verführen durch seine Kappe, Rosenkranze, solch oder andere Wercke und Menschentand. Denn durch den Glauben bin ich ein Richter über alle Stande und Wesen, so man erdenckt, daß ich alles kann verdammen, was mir etwas anders zeigen will, das vor Gott gelten soll. Versehe ichs aber, und lasse den Schatz fahren und dahin weisen, daß ich daneben auch andere Weise suche, fromm zu werden, Gott versöhnen und Sünde küssen, so bin ich schon bereit zu allerley Stricken und Netze des Teufels, und lasse mich führen, wie er will; so kömmt hier und da einer, der mir vorpredigt: Willst du fromm werden und Gort dienen, so zeuch eine Kappe an, bece taglich so viel Rosenkranze, zünde St. Anna so viel Lichtlein an, so falle ich hinnach, wie ein Blinder und jedermanns Narr und Gefangener, und thue alles, was man mich Heisset, sogar, daß ich mich auch nicht des geringsten Irrthums erwehren kann. Siehe, das hat der Herr Christus hier selbst zuvor gesagt und gewarnet, daß so gehen würde; noch ist niemand gewesen, der sich hiefüc hatte wissen zu hüten. Und wo wir jetzt nicht wacker sind, und wohl drauf sehen, daß wir den Artickel behalten, so wirds uns auch so gehen, daß wir keinen Artickel recht und rein behalten, noch aufhören zu irren und Rotterey zu machen, bis es gar aus ist, und kein Predigen noch Lehren mehr hilft, sondern Kühe und Saue bleiben, wie es leider schon unter dem grossen Haufen gehet, zu Lohn unserer Verachtung und Undanck des Evangelii. 14. 15. Ihr seyd das Licht der Welt. Es mag die Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen seyn. Man zündet auch nicht ein Licht an, und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter, so leuchtet es allen, die im Hause sind. Das ist das andere Theil des Amts, so er den lieben Aposteln auflegt, daß sie sollen heissen und seyn ein Licht der Welt, nem- lich, die Seelen zu unterrichten und weisen zum ewigen Leben, damit er die gantze Welt wirst unter Apostel, daß sie solle und müsse durch sie erleuchtet werden, und schleußt, daß sie gantz mit allem, 64 Äuslegung der Bergpredigt Christi. was sie vermag, eitel Finsterniß und Blindheit ist. Denn wo sie ohne das ein Licht hatte, das sie könnte erleuchten, (wie sie doch meynet,) was dürfte der Apostel dazu? Nun stehe, ob das nicht ein hoch, tresslich Amt und eine Ehre über alle Ehre ist, daß sich alles, was in der Welt ist, es heissen Könige, Fürsten, Herren, Gelehrte, Weise, Heilige, müssen heruntersetzen, und die Apostel auftreten und alle ihre Weisheit, Heiligkeit tadeln und verdammen lassen, als die nicht wissen, was sie lehren oder leben, noch wie sie mit Gott dran seyn. Aber hier kömmt Meister Pabst mit seinen Bischofslarven, als die Christi und der Apostel Statthalter wollen heissen, die dürfen Christi Wort meistern und die Apostel herunter setzen, wenn sie geifern - Es sey nicht gnug, daß die Apostel gepredigt und der Heilige Geist durch sie geleuchtet habe, sondern man müsse der heiligen Väter Concilien und Pabste Satzungen hören und halten, als die viel mehr und höhers gelehret haben. Wir aber sollen wissen, daß Christus nicht ein solcher Gaukler ist, der mit halben Worten redet, sondern weil er sie ein Licht der Welt heißt, so muß ihre Lehre allein gelten, und genugsam seyn, alle Welt zu erleuchten, daß man keines andern Lichts bedarf, ja, was ausser ihrer Lehre ist, eitel Finster- -niß bleibe. Wenn sie gleich lange leuchten mit ihrer Latern, so sinds doch nichts, denn lauter Gesetz, von Menschen erdacht, von äusserlichen Dingen, so ein jeglicher ohne das verstehet und wol selbst ersehen und machen könnte, daß man sie wol nicht sollte I.ux Nunä!, sondern I^ex vei heissen, als die sich unterstehen, Gott selbst und seine Christenheit zu regieren mit ihren Gesetzen, gerade, als waren sie viel besser, denn die Apostel, dämpffen also der Apostel Licht mit ihrer blinden Lehre, damit sie nicht ein Gewissen recht strafen noch unterweisen können, wie man siehet in allen Büchern des Pabsts und aller hohen Schulen, und also weder Saltz noch Licht heissen mögen. Denn wenn sie ihr bestes thun, so strafen sie die groben, äusserlichen Stücke, so schon zuvor durch weltlich Recht und der Vernunft leicht gestraft sind. Aber die rechten Knoten und Hauptstücke, als Unglanben, falsche Heiligkeit, werden sie nimmer gewahr, ja stecken selbst drinnen über die Ohren. Darum ist ihre Lehre eitel dumm Ding, dazu Finsterniß und Blindheit, können nicht höher sehen, saltzen, noch leuchten, denn wie man Fleisch oder Fisch essen, sich so oder sonst kleiden und geberden soll. Darum ist und bleibt wol allein der Apostel Amt, beyde, recht strafen die rechten inwendigen Laster, und wiederum, heiligen, trösten und aufrichten alle arme, betrübte Gewissen, und niemand Auslegung der Bergpredigt Christi. 6,» lassen ungestraft im Bösen, noch ununterweiset und unaufgerichtet zum Guten. Darum sie auch Christus alhier einsetzet und weihet zu Predigern, daß man sie allein hören solle und müsse, und keine andere Nottengeister zulasse, so der Teufel auch neben einführet, die da wollen auch Saltz und Licht seyn, ja auch Christum selbst meistern und schreyen: es sey nichts mit der Lehre vom Glauben, man müsse höher kommen und sich anders angreiften, daß man leide und sich creutzigen lasse. Welches, wenn mans allenthalben ansiehet, so ist nichts, denn von unserm eigenen Thun gelehret, und noch nirgend dazu kommen, daß es den Unglauben zeige und strafe die rechten hossartigen Laster, so in derselbigen Lehre stecken, damit sie sich selbst zum Saltz und Licht auswerfen; lassens nicht bleiben bey dem Beruf und Befehl, den er hier den Aposteln gibt, und spricht: Ihr sollt das Licht seyn! darauf wir allein treiben, daß man deß müsse gewiß seyn und rühmen könne, daß uns Christus dazu weyhet und den Christen angestrichen hat, daß wir sollen und müssen saltzen und leuchten, als von Amts und göttliches Befehls wegen. Denn solches ist auch darum noth, daß Christus solch Amt nicht heimlich, oder an einem Orte, sondern öffentlich, durch die gantze Welt, will getrieben haben, und zeigt ihnen genugsam an, was sie davon zu gewarten haben bey der Welt, als er spricht: Es mag die Stadt, so auf einem Berge liegt, nicht verborgen seyn. Man zündet auch nicht ein Licht an und setzet es unter einen Scheffel. Das ist so viel gesagt: Wer ein Licht seyn soll, der sehe nur zu und krieche nicht im Winckel, sondern trete frey auf den Platz und sey unerschrocken. Denn also gehets, wie auch vorgesagt, daß, die da beruften sind, daß sie sollen Apostel seyn und leuchten, wollen nicht gerne Herfür, lassen sich abschrecken mit Drauen, Gefahr, Verfolgung, oder überthören durch Freundschaft, Gunst, Ehre und Gut, daß sie nicht Herfür treten und das Maul aufthun, sondern kriechen zu Winckel, halten hinter dem Berge und ziehen die Pfeifen ein. Dagegen sind die andern Rottengeister, die keinen Beruf dazu haben und wol möchten daheim im Winckel bleiben, die wollen sich überall eindringen und allein leuchten, daß sie jedermann müsse hören und auf sie seyen. Ist aber auch nichts, denn daß sie ihre eigene Ehre damit suchen und so lange predigen, als die Leute an ihnen hangen und sich keiner Gefahr dürfen besorgen. Sollten sie aber stehen, wie die rechten Prediger, als denen das Amt aufgelegt, und stets öffentlich leuchten, keinen Wind noch Wetter sich schrecken, noch schweigen und dampften lassen, so würden sie sich bald verlieren VI. 5 66 Auslegung der Bergpredigt 7 sondern ein Vetter, Herr, Fürst u. s. w. Ein Ehrist bist du für deine Person; aber gegen dein Kind, Gesinde, Unterthanen, bist du eine andere Person und schuldig, sie zu schützen. Siehe, also reden wir jetzt von einem Christen in relatlone, nicht als von einem Christen, sondern gebunden in diesem Leben an eine andere Person, so er unter, oder über ihm, oder auch neben ihm hat, als Herrn, Frauen, Weib, Kind, Nachbar, da einer den andern schuldig ist, zu vertheidigen, schützen und schirmen, wo er kann. Darum wäre es nicht recht, daß man hier wollte lehren, den andern Backen herhalten und den Rock zum Mantel wegwerfen. Denn das wäre eben genarret, wie man sagt von einem tollen Heiligen, der sich selbst ließ die Lause fressen und wollte keine todten, um dieses Texks willen, gab vor, man müßte leiden und dem Bösen nicht widerstehen. Bist du nun ein Fürst, Richter, Herr, Frau, und hast Leute unter dir und willst wissen, was dir zugehöret, so darfst du Christum nicht fragen, sondern frage des Kaysers oder dein Landrecht darum, das wird dir wohl sagen, wie du dich gegen deine Unterthanen hat- ten und sie schützen sollst. Denn da hast du Macht und Recht, beyde, zu vertheidigen und strafen, so ferne dein Regiment oder Amt und Befehl reichet; aber nicht als ein Christ, sondern als des Kaysers Unterthan. Was wäre das für eine thörichte Mutter, die nicht wollte ihr Kind vor einem Hunde oder Wolfe schützen und retten, und darnach sagen - ein Christ soll sich nicht wehren! Sollte man sie nicht mit guten Schlagen lehren und sagen- Bist du eine Mutter, so thue, was Mutterrecht ist, das dir befohlen ist und Christus nicht genommen, sondern vielmehr bestätiget hat. Darum liefet man von vielen heiligen Märtyrern, die auch unter ungläubigen Kaysern und Herren in Krieg gezogen, wen» man hat aufgeboten, und getrost um sich geschlagen und gemordet haben, wie andere, daß hierinne kein Unterschied war zwischen Christen und Heyden, und dennoch nicht wider diesen Text gethan haben. Denn sie thakcns nicht als Christen für ihre Person, sondern als gehorsame Glieder und Unterthanen, verbunden an weltliche Person und Regiment. Wo du aber los und ungebunden bist an solch weltlich Regiment, so hast du hier eine andere Regel, als eine andere Person. Darum lerne nur den Unterscheid wohl unter den zwo Personen, die ein Christ zugleich tragen muß auf Erden, weil er unter andern Leuten lebt und der Welt und des Kaysers Güter brauchen muß, sowol als die Heyden. Denn er hat eben dasselbe Blut und Fleisch, das er muß erhalten, nicht aus dem geistlichen Regiment, t»s Auslegung der Bergpredigt Christi. sondern aus dem Acker und Land, das des Kaysers ist, so lange, bis er auch leiblich gar aus diesem Leven in ein anderes kommt. Wo nun solches mit gutem Unterscheid gefaßt ist, wie weit sich eines Christen und eine weltliche Person strecket, so kannst du solche Sprüche alle fein ortern und recht appliciren, dahin sie gehören, daß man die zwey nicht in einander braue und menge, wie der Pabst gethan hat mit seiner Lehre und Regiment. Das sey nun gesagt von solcher Person, so gegen andere Personen verbunden ist unter weltlich Recht, das da heißt: Vater-, Mutter-, Herrn- und Frauenrecht. Wie aber, wenns deine Person allein betrift, daß man dir Leid oder Unrecht thut, ob es da auch gelte, daß man sich mit Gewalt dawider wehre und schütze? Antwort: Nein. Denn hier lehret das weltliche und des Kaysers Recht selbst: Das Wiederschlagen macht Hader, und wer wiederschlagt, der kriegt Unrecht. Denn damit fallt er dem Richter ins Amt, welchem gebühret, zu strafen, und nimmt ihm sein Recht, gleichwie in andern Fallen; als wenn dir jemand stielt oder raubt, gebührt dir nicht, demselbigen wieder zu stehlen oder rauben und mit Gewalt zu nehmen. Aber wir sind gemeiniglich so geschickt, daß wir uns flugs, ehe man sich umsiehet, selbst gerochen haben. Es soll aber nicht seyn. Willst du oder kannst du es ja nicht leiden, so magst du mit ihm vor den Richter gehen und daselbst dein Recht ausführen. Denn er laßts wohl geschehen, daß du ordentlicher Weise das Recht forderst und nehmest, allein, daß du zusehest und nicht ein rachgierig Hertz habest, gleichwie ein Richter wohl mag strafen und todten, und doch daneben verboten ist, daß er keinen Haß, noch Rachgier im Hertzen habe, wie gemeiniglich geschieht, daß man des Amts mißbrauchet, seinen eigenen Mulhwillsn zu büssen. Wo aber nun solches nicht mit unterlauft und allein dich mit Recht wider Gewalt und Frevel suchest zu schützen und aufzuhalten, nicht dich zu rächen, noch dem Nächsten zu schaden, so thust du nicht unrecht; denn wo das Hertz rein ist, da ist alles recht und wohl gethan. Es ist aber gefährlich darum, daß die Welt samt Fleisch und Blut böse ist und immer das Ihre suchet, und gleichwol mit solchem Schein sich schmücket und den Schalck decket. Also ist nicht verboten, vor Gericht zu gehen und klagen über Unrecht, Gewalt, wo nur das Hertz nicht falsch ist, sondern gleich geduldig, wie vor, und allein darum thut, daß es über dem Rechten halte und dem Unrechten nicht Statt gebe, und aus rechter Liebe zur Gerechtigkeit geschehe, wie ich droben ein Erempel habe angezeigt von Auslegung der Bergpredigt Christi. 109 dem heiligen Joseph, der seine Brüder verklagte vor ihrem Vater, wo sie etwas Unrechts gethan und ein böse Geschrey krigten, und wird darum gelobet; denn er thats nicht aus bösem Hertzen, daß er sie verrathen wollte, oder Lust hatte, Hader zu machen, wie sie es ansahen und ihn darum feindeten, sondern aus einem freundlichen, brüderlichen Hertzen, um ihres Besten willen. Denn er sahe nicht gerne, daß sie sollten ein böse Geschrey kcigen: daß es nicht konnte heissen, Rache gesucht oder Böses gegönnet, sondern mehr zum Besten geholfen und drüber gelitten, daß sie ihm alle Schalckheit anlegten, 1. Mos. 37, 2. ff. Also lesen wir auch im Evangelio Matth. 18, 23 ff. in dem Gleichniß von dem Knecht, welchem sein Herr alle seine Schuld ge- schenckt hatte, und er nicht wollte seinem Milknecht eine kleine Schuld erlassen, daß die andern Knechte sehr betrübt wurden und solches dem Herrn klagten, nicht darum, daß sie sich racheten, oder seines Unglücks froh waren, sondern hielten Faust, Hertz und Mund stille, daß sie nicht flucheten, oder bey andern verlaumdeten, sondern brachtens vor den Herrn, dem es gehörte, zu strafen, und suchten das Recht, aber mit feinem Christlichen Hertzen, als solche Personen, die ihrem Herrn verbunden waren, treu zu seyn. Wie es denn soll und muß gehen, es sey in einem Hause oder Stadt, wo ein frommer, treuer Knecht oder Unterthan siehet einem andern Unrecht, oder seinem Herrn Schaden thun, daß ers ihm anzeige und seinen Schaden verhüte; desgleichen ein frommer Bürger, wo er sahe seinem Nachbarn Gewalt und Schaden geschehen, daß er helfe retten und wehren. Das sind alles weltliche Handel, die Christus nicht verboten, sondern vielmehr bestätiget hat. Denn das muß und soll nicht seyn, daß man sollte einem jeden seines Muthwillens Raum und Ursach lassen, und stille dazu schweigen und nichts dazu thun, wenn mans ordentlicher Weise wohl wehren und vorkommen kann, ob wirs gleich ohnedas leiden sollen und müssen, wo man uns Unrecht und Gewalt thut. Denn man muß nicht Unrecht billigen, sondern der Wahrheit Zeugniß geben, und mag sich wohl aufs Recht beruffcn wider Gewalt und Frevel, wie Christus selbst vor dem Hohenpriester Hannas sich aufs Recht berief und erbot, und doch nichts desto weniger litte, daß man ihn schlug, und nicht allein den andern Backen, sondern den qantzen Leib darbot, Joh. 18, 22. Siehe, so hast du einen feinen, klaren Unterricht, wie man in den beyden recht fahren soll, daß man der weitlaustigen und gefahrlichen Glossen, die man bisher gesucht hat, nicht darf; allein, tttl Auslegung der Bergpredigt Christi. daß mans recht theile und nicht in einander ziehe, auf daß es beydes gehe und doch ein jegliches in seinem Kreis bleibe, nemlich also, daß ein Christ möge ohne Sünde allerley weltliche Handel führen, aber nicht als ein Christ, sondern als eine Weltperson, und doch das Hertz in seinem Christenthum rein bleibe, wie Christus fordert, welches die Welt nicht thun kann, sondern aller weltlichen Ordnung und Rechts, ja aller Creaturen mißbraucht wider Gottes Gebot. Also, wenn ein Christ in einen Krieg zeucht, oder sitzet und recht spricht, und straft oder verklagt seinen Nächsten, das thut er nicht als ein Christ, sondern als ein Krieger, Richter, Aurist. Behalt aber gleichwol ein Christlich Hertz, der niemand begehret Böses zu thun, und wäre ihm leid, daß dem Nächsten sollte ein Leid geschehen, und lebt also zugleich als ein Christ gegen jedermann, der allerley für sich leidet in der Welt, und doch daneben auch, als eine Weltperson, allerley halt, brauchet und thut, was Land- oder Stadtrecht, Bürgerrecht, Hausrecht fordert. Summa, ein Christ, als ein Christ, lebet der keines, was man an ihm siehet in diesem äusserlichen Leben. Denn solches gehöret alles zum Käyserlichen Regiment, welches Christus auch nicht will umstossen, noch so lehren, daß man davon lauste und die Welt oder sein Amt und Stand verlasse, sondern desselben Regiments und Ordnung brauche und darunter verbunden bleibe, und doch innwendig eines andern Regiments lebe, das jenes nichts überall angehet, auch nicht hindert, sondern wohl bey sich leiden kann. So kommen wir nun mit solchem Unterscheid auf den Text und gehen durch alle diese Stücke, nemlich, daß ein Christ soll keinem Uebel widerstehen, wiederum eine Weltperson soll allem Uebel widerstehen, so ferne es in sein Amt gehet, wie ein Hausvater nicht leiden soll, daß sich sein Gesinde wider ihn setze, oder sich unter einander schlage. Also auch soll ein Christ mit niemand rechten, sondern beyde, den Rock und Mantel, lassen fahren, wenn mans ihm nimmt; aber eine Weltperfon soll sich mit den Rechten schützen und vertheidigen, wo er kann, wider Gewalt und Frevel. Summa in Christi Reich heißt es: allerley leiden, vergeben und Gutes für Böses vergelten; wiederum, ins Kaysers Regiment soll man kein Unrecht leiden, sondern dem Bösen wehren und strafen, und das Recht helfen und schützen und erhalten, darnach eines jeglichen Amt oder Stand fordert. Sprichst du aber: Ja, hat doch Christus alhier mit klaren Worten gesagt, ihr sollt dem Uebel nicht widerstehen; das lautet ja dürre, als sey es allerdings verboten. Antwort: Ja, siehe auch, Auslegung der Bergpredigt Christi. tlt mit wem er solches redet. Denn er spricht nicht, man soll gar nicht dem Uebel widerstehen; denn das wäre schlecht alle Regimente und Obrigkeit aufgehaben, sondern so spricht er: Ihr, ihr sollets nicht rhun. Was sind diese ihr? Es heissen Christi Jünger, die er lehret, wie sie für sich selbst leben sollen, ausser dem weltlichen Regiment. Denn Christen seyn, ist ein ander Ding (wie genug gesagt ist), denn ein weltlich Amt oder Stand haben und führen. Darum will er sagen: Wer im weltlichen Regiment ist, den lasset dem Bösen widerstehen, rächen und strafen, wie die Juristen und Rechte lehren. Euch aber, als meinen Schülern, die ich lehre, nicht, wie ihr äusserlich regieren, sondern vor Gott leben sollet, sage ich, ihr sollt nicht dem Uebel widerstehen, sondern allerley leiden und gegen die, so euch Unrecht oder Gewalt thun, ein rein freundlich Hertz haben. Und ob man dir den Rock nehme, daß du nicht Rache suchest, sondern ehe auch den Mantel dazu lässest, wo du es nicht wehren kannst. Er setzet aber zweyerley Weise, dadurch einem Unrecht geschieht, oder das Seine genommen wird. Zum ersten aus lauter Gewalt und Frevel, als, da man einen aufs Maul schlagt, oder öffentlich beraubt, und fragt nicht das Recht drum; das heißt er einen Backenstreich geben. Zum andern, wenn es nicht öffentliche Gewalt heißt, sondern mit dem Schein und Behelf des Rechten geschieht. Als wenn jemand vor Gericht eine Sache zu dir suchet, als habe er gut Recht wider dich, daß er dir das Deine abbringe: das heißt Christus, vor Gericht den Rock genommen, da man dir das Deine abspricht, und mußt also, beyde, unschuldig Unrecht leiden und doch dazu Schuld haben, als seyst du ungerecht. Nicht, daß das Recht dir Leid oder Gewalt thue, welches dazu gesetzt, daß es die Frommen schütze, sondern daß Schalcke und Buben am Gericht sitzen und im Amte sind, daß sie sollen Recht sprechen, und doch, wo man dir mit Gewalt nicht zu kann, dasselbe beugen und krümmen und mißbrauchen zu ihrem Muthwillen, wie denn die Welt meisterlich kann und taglich treibt, daß jetzt nichts so gemein ist, als aus Recht Unrecht, und aus Unrecht Recht machen mit allerley geschwinden Fündlein und seltsamen Nancken. Allermeist aber geschieht solches den frommen Christen, welchen die Welt ohne das seind ist und Lust hat, alle Plagen anzulegen. Darum sagt ihnen auch Christus zuvor, daß sie sich solches versehen sollen in der Welt und ergeben, zu leiden, sonderlich so es geschieht um der Sachen willen, darum sie Christen sind, das ist von wegen des Evangelii und des geistlichen Regiments, daß sie darüber aller Auslegung der Bergpredigt Christi. Streiche gewarten und alles fahren lassen. Denn da müssen wir doch sonst leiden, weil wir als einzele Personen nichts vermögen, noch uns wehren können wider die Obrigkeit, so sich selbst wider uns setzt. Sonst, wo das nicht ist, und dich kannst durchs Recht schützen und erwehren, daß dir oder dem Deinen keine Gewalt geschehe, so thust du recht und bist es schuldig. 42. Gib dem, der dich bittet, und wende dich nicht von dem, der dir abborgen will. Dreyerley zeigt er an, daß die Christen leiden sollen in zeitlichen Gütern- daß sie ihnen nehmen lassen, gerne leihen und geben. Da lehreten die Schriftgelehrten auch nicht weiter, denn der Welt und Kaysers Recht gehet, welches dich nicht heißt, daß du das Deine andern gebest, noch dir nehmen lassest, sondern lehret dich mit deinem Gut umgehen und handlen, daß du gleiches dafür nehmest mit Kaufen, Verkaufen, Wechseln ec. Da predigt nun Christus nichts von, sondern lassets gehen, wie es die Vernunft lehret, wie man Güter theilen und handeln soll. Er zeigt aber, was ein Christ über das alles haben soll, nemlich, die dreyerley Stücke, daß er ihm lasse nehmen, es sey mit Gewalt oder mit dem Schein des Rechten, item, daß er gerne gebe und auch gerne leihe. Darum muß man hier abermal von einander theilen: weltlich Recht und Christi Lehre. Nach weltlichem Recht magst du wohl deiner Güter brauchen, damit handeln, kaufen und verkaufen, wie man liefet von den heiligen Patriarchen, daß sie mit Geld und Gut gehandelt und umgangen sind, wie andere Leute, wie es denn auch seyn muß, wer unter den Leuten will leben, Weib und Kinder nähren. Denn es gehöret alles dazu, daß der Bauch sein Recht habe, und ist eben so nöthig, als Essen und Trincken. Aber über das lehret dich Christus, daß du in diesem allen gleichwol sollst bereit seyn, gerne nehmen zu lassen, ja wohlthun, oder zu geben und auch zu leihen, wo du kannst, und Gewalt zu leiden nicht allein mit Gütern, sondern auch mit deinem Leib und Leben, wie im vorigen Text gesagt ist, und sonderlich alles um des Herrn Christi willen, wo man dir von des Evangelii wegen zuwill, daß du da nicht allein den Rock, sondern auch den Mantel, nicht allein Gut und Ehre, sondern auch Leib und Leben lassest fahren. Denn in solchem Fall hat es keinen Zweifel, und kann zwar auch nicht wobl ein andrer Fall sich zutragen. Denn in andern Fallen, so zu weltlichen Sachen und Regiment gehören, hast du Richter und Recht, wo dir Unrecht oder Gewalt geschieht, die du kannst zu Hülfe nehmen. Kannst du aber nicht Recht noch Schutz erlangen, Auslegung der Bergpredigt Christi. lI3 so mußt du es auch leiden, wie es denn auch wohl die Uttchtisten eiden müssen. Aber hier muß man auch zusehen, daß man nicht Schalcken und Buben Raum lasse, die sich der Lehre wollten behelfen und vorgeben- Die Christen müssen allerley leiden, darum möge man ihnen getrost in ihre Güter greiffen, nehmen und stehlen, und ein Christ müsse schuldig seyn, mir allem, was er hat, da zu sitzen einem jeglichen verwegenen Buben, daß ihm alles offen stehe, und müsse ihm geben oder leihen, so viel er haben wolle, und nicht wieder fordern; wie der schandliche, abtrünnige Kayser Julianus mit diesem Tetzt spottete, und nahm den Christen, was er wollte, gab für: er wollte ihres eigenen Rechten mit ihnen spielen. Nein, lieber Gesell, es gilt nicht also. Das ist wol wahr, daß die Christen sollen bereit seyn, allerley zu leiden; aber-kömmst du vor den Richter, oder dem Hencker in die Hand, so stehe, was er von dir leiden wird! Ein Christ muß es gewartcn, zu leiden, was ihm widerfahret von dir und jedermann; aber das ist er nicht schuldig, daß er dir deines Muthwillens gestatte und Raum lasse, wo ers mit Recht und durch der Obrigkeit Hülfe wehren kann. Und ob ihn gleich die Obrigkeit nicht schützen will, oder auch selbst mit Gewalt fahret, soll er darum nicht dazu stille schweigen, als müßte ers billigen. Also auch hier, ob er wol soll gerne jedermann, der ihn bittet, leihen und geben: doch, wo er weiß, daß ein Bube ist, ist er ihm nicht schuldig zu geben. Denn das heißt mich Christus nicht, daß ich soll einem jeglichen Buben das Meine geben und den Meinen und andern entziehen, so es dürfen, denen ich ohne das schuldig bin zu helfen, und darnach selbst sollte mangeln und andere beschweren. Denn er spricht nicht, daß man einem jeglichen geben und leihen soll, sondern dem, der uns bittet, als der nothdürstig ist, nicht, der es muthwillig abbringen will, als die sonst wol haben, oder sich ohne Arbeit mit anderer Leute Beschwerung nähren wollen. Darum sollte man hier drauf sehen und wissen, was man für Leute in einer Stadt hatte, welche arm und unvermögend, oder nicht, waren, und nicht einen jeglichen Buben oder Landlausser zulassen, die keine Noth haben und sich wohl könnten nähren. Denn desselben Juncker Unraths gehet jetzt überall im Lande irre, die sich dieser Lehre behelfen wollen und damit auf anderer Leute Gut zehren und prassen, und alles hindurch schlagen und so von einem Ort zum andern streichen. Solche soll man zu Meister Hansen weisen und anders lehren lassen, daß sie nicht ihres Muthwillens fromme Leute betrügen müßten. 114 Auslegung der Bergpredigt Christi. Solches lehret auch St. Paulus, 2. Ccr. 8, 2., da er selbst eine Steuer suchet an den Corinlhern für die armen Christen in' der theuren Zeit, daß es nicht der Mennung soll geschehen, daß die andern Ruhe und sie Trübsal haben sollen, das ist, daß sie Mühe und Arbeit haben und selbst Mangel leiden sollten, daß die andern einen guten Muth von dem ihren hatten, und 2. Thess 3, 6 ff. gebeut er den Christen, daß sie sich entziehen sollen von solchen, die unordig wandeln, sondern ein jeglicher mit stillem Wesen arbeiten, sein eigen Brod essen und nicht anders beschweren, und schleußt, daß, wer nicht will arbeiten, der soll auch nicht essen. Darum, wer arbeiten kann, soll wissen, daß diß Gottes Gebot ist, daß er etwas vornehme, damit er sich selbst nähre und nicht andern beschwerlich sey. Denn deren, die es bedürfen, sind ohne das genug, daß man dennoch genug su leihen und geben hat, wie die Schrift sagt, 5. Mos. 15, 11. Matth. 26, 11.: Es werden allezeit Arme in deinem Lande seyn. Denn wir sollen drum nicht so leihen und geben, daß wirs dahin in Wind schleudern und nicht sehen, wem wirs geben, sondern sollen vorhin die Augen aufthun, wer eS ist, ob er sey peteus swie Christus hier sagt), daß ers benoihigt sey und recht bitte, oder ob es ein Versucher, oder ein Bube sey? Da gehöret nun eine wellliche Person zu, daß du hier klug seyst, weil du unter den Leuten wohnest, und die Armen kennest und sehest, was du für Leute krigest, und wem du geben sollst oder nicht. Siehest du denn, daß ein rechter Bitter ist, so thue deine Hand auf und leihe oder borge ihm, so er dirs kann wieder geben. Kann er aber nicht, so sollst du es ihm schencken und einen Strich durchs Register machen, als wol fromme Leute sind, die sich gerne nähren wollten mit Weib und Kindern und arbeiten, und will doch nicht von Statten gehen, kommen hier und da in Schuld und Un- rath, für welche auch eine jegliche Stadt soll ihren gemeinen Kasten und Almosen haben und Kirchendiener, die drauf sehen, wer solche sind, und wie sie leben, daß man nicht den faulen Streichern Raum lasse, die Leute zu beschweren. 43—4g. Ihr habt gehöret, daß da gesagt ist: Du sollst deinen Nächsten lieben, und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde, segnet, die euch fluchen, thut wohl denen, die euch hassen, bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen, auf daß ihr Kinder seyd eures Vaters im Himmel. Denn er laßt seine Sonne aufgehen über die Bösen und über die Guten und laßt regnen über Gerechte und Ungerechte. Denn so ihr Auslegung der Bergpredigt Christi. ll5 liebet, die euch liebe», wcis werdet ihr für Lohn haben? Thun nicht dassclbige auch die Zöllner? Und so ihr euch nur zu euren Brüdern freundlich thut, was thut ihr sonderliches? Thun nicht die Zöllner auch also? Darum sollet ihr vollkommen seyn, gleich wie euer Bater im Himmel vollkommen ist. Dieser Spruch, so Christus hier anzeucht, stehet nicht an einem Ort im Alten Testament, sondern hin und wieder im fünften Buch Mosis von ihren Feinden, den Hcyden umher, als: Moab, Anunon, Amalek, und wiewol nicht ausgedrückt stehet, daß sie ihre Feinde hassen sollen, doch folget es gleichwol daraus, als er sagt, S. Mos. 23, Z ff., sie sollen den Ammonitern und Moabitern und andern ihren Feinden nimmer kein Gutes thun, auch kein Glück noch Heil wünschen. Da war nun warlich den Juden viel zugelassen und weit eingeräumet, haben sich auch wohl drein gewickelt. Aber gleichwie in andern, so haben sie diß auch nicht recht verstanden, sondern zu weit gegriffen und zu alle ihrem Muthwillen mißbraucht. Darum deutet es hier Christus anders und zeiget ihnen den rechten Verstand des Gesetzes, welchen sie liessen liegen, und dafür solche Sprüche herfürzogen, die da scheineten, für sie zu lauten , daß sie ihren Tand damit bestätigen. Hier fasse nun abermal den Unterscheid: Erstlich, daß er allein redet, was die Christen, als Christen, thun sollen, sonderlich um des Evanqclii und ihres Christenthums willen, als, wo mich jemand hasset, neidet, lästert oder verfolgt um Christi und des Himmelreichs willen, soll ich nicht wieder hassen, verfolgen, lästern und fluchen, sondern lieben, wohlthun, segnen und für sie bitten. Denn ein Christ ist ein solcher Mensch, der gar keinen Haß, noch Feindschaft wider jemand weiß, keinen Zorn noch Rache in seinem Hertzen hat, sondern eitel Liebe, Sanftmuth und Wohlthat, gleichwie unser Herr Christus und sein himmlischer Vater selbst ist, welchen er auch hier zum Exempel setzet. So fraget sichs nun: Was soll man denn dazu sagen, daß man oft in der Schrift liefet, daß auch die heiligen Leute ihren Feinden geflucht haben, auch Christus selbst und seine Apostel? Heißt das die Feinde lieben und segnen? Oder wie kann ich den Pabst lieb haben, den ich taglich schelte und fluche, und auch billig? Antwort aufs einfaltigste: Ich habe oft gesagt, daß das Predigtamt nicht unser Amt, sondern Gottes ist- Was aber Gottes ist, das thun wir nicht, sondern er selbst durch das Wort und Amt, als seine eigene Gabe und Geschöxsse. Nun stehet geschrieben, Joh. ls, 116 Auslegung der Bergpredigt Christi. 8: Des Heiligen Geistes Amt und Werck sey, daß er soll die Welt strafen; soll er sie aber strafen, so kann er ihr nicht heucheln, noch Gnadjuncker heissen, und sagen, was sie gerne höret, sondern muß sie schelten und übel anfahren, wie Christus, Matth. 23, 13., über seine Pharisäer Wehe schreyet, und St. Paulus zu Elima, Apgesch. 13, 10: Du Teufelskind, voll aller Schalckheit, und St. Stephan auch, Apgesch. 7, Sl-, den Hohenpriestern einen harten, scharfen Text liefet, und sonderlich St. Paulus, Galat, 1, 8., schüttet es gar auf einen Haufen aus und heißt sie alle Ana- thema, das ist, verbannt und verflucht und in Abgrund der Holle gesteckt, die nicht die reine Lehre vom Glauben lehren. Siehe, also thut Gottes Wort, daß es die gantze Welt antastet, greift beyde, Herren und Fürsten und jedermann ins Maul, schilt und verfluchet alle ihr Wesen, welches mir und dir, als ein- zelen Christen, ausser dem Amt und der Lehre nicht ziemet. Also darf David im andern Psalm, V- 10, Hersahren und allen Konigen und Herren sagen, daß sie dancken und sich demüthigen, und zu Fusse fallen der Lehre von Christo, lassen sich strafen und anders lehren, oder sollen kurtzum verdammt und zum Teufel geflossen werden. Das dürste ich nicht thun; aber Gottes Wort gehet also, donnert und blitzet und stürmet wider großmachtige Berge und schlagt drein, daß es raucht, zuschmettert alles, was groß, stoltz, ungehorsam ist, wie Ps. 29, 3. sagt, und wiederum als ein fruchtbarer Regen begeußt und feuchtet, pflantzet und staccket, was matt und kranck ist, als arme, dürre Pflantzen. Wenn nun jemand will zufahren und um sich beissen mit Fluchen und Schelten, nicht als ein Lehrer und Prediger, dem Gottes Wort befohlen ist zu führen, der thut unrecht. Welchem aber solch Amt besohlen ist, der soll und muß es thun, und thut auch unrecht, wenn ers nachlässet, oder aus Furcht das Maul nicht getrost austhut und strafet ohne Ansehen der Person, was zu strafen ist, als wir jetzt unsern Bischoffen müssen sagen, daß sie Tyrannen und Böswichtcr sind, die öffentlich mit allem Frevel und Muthwillen wider Gott und Recht handeln. Denn das thue ich nicht von mir selber, sondern von meines Amts wegen; sonst soll ich für meine Person keinem Menschen auf Erden kein Böses wünschen noch sagen, sondern wiederum jedermann alles Gutes wünschen, reden und thun. Denn so feind bin ich dem Pabst, Bi- schössen und allen Feinden nicht, die uns verfolgen und alle Plagen anlegen: was ihnen Gott gibt von zeitlichen Gütern, Gewalt und Ehre, das gönne ich ihnen hertzlich wohl, wollte sie auch gerne hel- Auslegung der Bergpredigt Christi. 117 fen dabey erhalten, ja noch viel lieber das dazu gönnen, baß sie auch in geistlichen Gütern, dacinne wir sind, reich waren und keinen Mangel hatten, und wäre unsere hertzliche Freude, wo wir sie konnten mit unserm Leib und Leben herzu bringen und aus ihrer Blindheit und Teufels Gewalt reissen und retten. Aber weil sie deß schlecht nicht wollen» noch etwas Gutes, so wir ihnen anbieten, von uns leiden oder annehmen können, so müssen wir auch sie fahren lassen und sagen- Wenns ja soll seyn, daß deren eins untergehen soll, Gottes Wort und Christi Reich, oder der Pabst mit alle seinem Hausen, so gehe er lieber in Abgrund der Hölle, in seines Gottes, des Teufels Namen, daß nur Gottes Wort bleibe. Soll ich eines segnen und preisen, oder fluchen und verdammen: so segne ich Gottes Wort und verfluche sie mit allem, was sie haben. Denn ich muß Gottes Wort über alle Dinge setzen und Leib und Leben, der Welt Gunst, Gut, Ehre und alles Heil daran zu setzen, daß ich dasselbigc erhalte und bey Christo bleibe, als meinem höchsten Schatz im Himmel und Erden. Denn es muß ja der zweyen eins geschehen, daß entweder Gottes Wort bleibe und sie sich dazu schlagen, oder wo sie nicht wollen Gnade und Gutes und alle Seligkeit haben, so sollen sie es auch nicht unterdrücken. Also kann sich ein Christ leichtlich in die Sache richten, daß er sich beyde, gegen Feind und Freund, recht halte und jedermann liebe und segne, wo es des Nahesten Person betrift, aber doch daneben, was Gott und sein Wort angehet, nichts lasse zu nahe geschehen, sondern dasselbe über und für alles setze, alles drüber zusetze, niemand angesehen, es sey Freund oder Feind, als das nicht unser, noch des Nahesten, sondern Gottes selbst Sache ist, dem wir schuldig sind vor allen Dingen zu gehorchen. Darum sage ich zu meinen ärgsten Feinden: So viel meine Person betrifft, will ich dir hertzlich gerne helfen und alles Gutes thun, ob du mir gleich feind ist und eitel Böses thust; aber was Gottes Wort belanget, da ollst du keiner Freundschaft, noch Liebe gewarten, daß ich dawider thun sollte, ob du auch mein nächster, bester Freund wärest, sondern, weil du dasselbe nicht leiden willst, so will ich solch Gebet und Segen über dich sprechen, vaß dir Gott wehre und dich zu Schanden mache. Gerne will ich dir dienen; aber nicht dazu, daß du Gottes Wort willst umstossen, darzu sollst du mich nicht bringen, noch vermögen, daß ich dir einen Trunck Wassers sollte geben. Summa, Menschen soll man lieben und dienen; aber Gott über alles, daß, wo man dieselbe hindern oder wehren will, da gilt keine Liebe noch Auslegung der Bergpredigt Christi. Dienst mehr. Denn es heißt, deinen Feind sollst du lieben und Gutes thun; aber Gottes Feinden muß ich auch feind seyn, daß ich nicht mit ihnen wider Gott anlauffe. So hat er nun diß Stück auch widerlegt wider der Juden Wahn, die der Schrift eine Nase dreheten, als möchten sie wol ihrem Feinde wieder feind seyn, und das Gesetz so erklaret, daß sie gar keinen Feind sollen haben, dem sie feind seyn, obgleich Moses gesagt hatte, daß sie mit etlichen fremden Heyden sollten keine Freundschaft haben und machen, welche sie nicht, sondern Gott sonderlich ausgezogen hatte als seine Feinde. Aber daß sie selbst für Feinde hielten, welche sie wollten, und denenselben fluchten, verfolgten und plagten, das ist Mosis Meynung nicht gewesen. Denn auch Salomo, als der Mosen recht verstanden und ausgelegt hat, spricht also, Sprüchw. 25, 2l: Wenn deinen Feind hungert, so speise ihn, dürstet ihn, so träncke ihn! welchen Spruch auch St. Paulus Rom. l2, 20. anzeucht. Denn seinen Feind hassen, gehöret zu einer gemeinen Person und Amt von Gottes wegen; aber das Gebot; Du sollst deinen Nächsten lieben, als dich selbst! gehet über den gemeinen Haufen und einen jeglichen durch und durch. Siehe aber, wie hoch er das Ziel steckt, daß er nicht allein die strafet, die den Feinden Böses thun, sondern auch die nicht lasset fromm seyn, die da lassen anstehen, ihnen Gutes zu thun, wo sie es dürfen. Denn er spricht zum ersten - Liebet eure Feinde. Lieben aber heißt, ein gut Hertz tragen und alles Gutes gönnen, von Her- tzen freundlich, gütig und süsse seyn gegen einen jeglichen, nicht lachen zu seinem Schaden oder Unglück. Desgleichen will er, daß auch mit Worten geschehe, als er spricht-- Segnet, die euch fluchen! daß man auch kein böse Wort wider sie lasse fahren, ob sie uns gleich aufs ärgste schelten, lästern, schänden und verfluchen, sondern eitel Gutes reden und wünschen. Daher kömmt das feine Christliche Wort, so etliche fromme Leute führen, wo sie hören, daß ihnen jemand hat Unrecht gethan, oder ein Bubenstück beweiset, daß sie sprechen: Vergebe es ihm Gott! als klagend und aus Mitleiden, die nicht mehr wünschen, denn daß ihm solches vor Gott nicht schade. Das heißt eine gute Zunge wider andere böse Zungen, daß beyde, Mund und Hertze, eitel Liebe erzeigen. Darnach, zum dritten, will er, daß man solch Hertz auch mit dem Werck beweise und mit allerley Freundschaft und Gutthat, und spricht: Thut wohl denen, die euch hassen. Diß ist aber gar eine seltsame Tugend und eine solche Lehre, die wahrlich vor die Welt Auslegung der Bergpredigt Christi. IIS gar nicht dienet und zwar der Natur gantz unmöglich ist» daß man sollte eitel Gutes für allerley Bosheit geben und hinschüttcn, und sich keine Bosheit noch schandlichen Undanck überwinden lassen, sondern das Böse mit Gutem überwinden und dämpffen, wie St. Paulus sagt, Rom. 12, 2l. Darum hat er zuvor bedinget, daß, wer Christi Jünger will seyn und ins Himmelreich kommen, der müsse eine andere, bessere Gerechtigkeit haben, denn die Pharisäer und jüdischen Heiligen. Das vierte Stück aber: Bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen! gehet mehr auf unsere Lehre und Glauben, denn auf unsere Person und Leben. Denn, daß sie uns verfolgen, geschieht um Gottes Worts willen, daß sie wollen recht haben und wir sollen unrecht haben. Da gehöret zu, daß wir sollen bitten und Gott die Sache befehlen, weil wir auf Erden kein Recht, noch Richter finden. Und weil wir sehen, daß, die uns verfolgen, nicht allein wider uns, sondern wider Gott selbst anlauffen und in sein Reich greiffen, und nicht uns, sondern ihnen selbst den größten Schaden thun, und in Gottes Zorn und Urtheil gefallen sind: sollen wir uns mehr ihrer erbarmen und für sie bitten, daß sie aus der Blindheit und schrecklichem Urtheil kommen möchten. Denn es kann uns hoch niemand kein Leid thun, er muß es zuvor viel einem grössern Herrn gethan haben, nemlich der hohen Majestät im Himmel. Doch das auch so fern, daß es ausser dem Amte gehe und dasselbe nicht hindere, auf daß man, wie ich immer gesagt habe, wohl unterscheide die Lehre, so insgemein eines jeglichen Person betrifft, von der Lehre, welche denen, so im Amt sind, gehört, es sey geistlich oder weltlich, welches sein Werck hat, daß es strafen und dem Bösen wehren muß. Darum, ob sie wol für sich gütig sind, so muß doch Recht und Strafe, als ihres Amts Werck, auch gehen, und wäre nicht recht, daß sie dasselbe, als aus Barmhertzigkeit, wollten anstehen lassen; denn das wäre zum Bösen geholfen, ge- starckt und Raum gegeben. Als wenn ich zu unsern Feinden, Pabst, Bischöffen, Fürsten und wer sie sind, die das Evangelium und die armen Leute, so daran hangen, verfolgen und mit Füssen treten, wollte also sagen: Liebe Herren, lohne euch der liebe Gott, ihr seyd fromme Leute und heilige Vater, oder wollte schweigen und sie anbeten, oder die Füsse küssen. Nein, lieber Bruder, es heißt also: Ich bin ein Prediger, der da soll Zähne im Maul haben, bcissen und saltzen, und ihnen die Wahrheit sagen, und wenn sie nicht wollen hören, in Bann thun, den Himmel zuschliessen, höllisch Feuer zuordnen und dem Teufel geben von Gottes wegen. 120 Auslegung der Bergpredigt Chris». Wer nun solch Amt hat, zu strafen, zu schelten, der thue es; aber ausser dem Amte halte sich ein jeglicher dieser Lehre, daß du nicht scheltest, noch fluchest, sondern alles Gutes wünschest und erzeigest, ob er gleich Böses thut, und also die Strafe von dir schiebest und befehlest denen, die das Amt haben. Denn er wird doch wol seinen Richter finden, der es ihm nicht schencken wird, ob du dich gleich nicht rächest, noch zu rächen suchest. Denn Gott will keines Muthwillen ungestraft lassen, sondern selbst rächen an unsern Feinden, und ihnen heimschicken, was sie an uns verdienet, wie er selbst spricht, 5. Mos. 32, 35: Mein ist die Rache, ich wills vergelten. Daraus St. Paulus die Christen vermahnet, Rom. 12, 19: Rächet euch selber nicht, sondern gebet Raum dem Zorn Gottes! mit welchen Worten er nicht allein lehret, sondern auch tröstet, als wollte er sagen: Unterwindet euch nicht, einander zu rächen, fluchen und Uebels wünschen; denn wer dir Leid oder Schaden thut, der greift in ein Amt, das nicht sein ist, als der sich unterwindet, dich zu strafen, oder Leid zu thun ohne Befehl, ja wider Gottes Befehl. Wenn du nun auch so thust, so greiffest du auch in Gottes Amt und sündigest eben so schwer wider ihn, als jener. Darum halte deine Faust stille, und gib Raum seinem Zorn und Strafe, und laß ihn machen, als der es nicht will angerochen lassen, und harter strafet, denn du begehren magst. Denn er hat nicht dich, sondern viel höher, Gott selbst angetastet, und ist schon in seinen Zorn gefallen, dem wird er nicht entlausten, wie ihm denn noch keiner entlausten ist. Was willst du denn zürnen, weil schon Gottes Zorn, der unermeßlich grösser und schwerer ist, denn aller Welt Zürnen und Strafen, über ihn angangen ist, und bereits höher gerochen, denn du dich rächen könntest, und hat dir noch nicht das zehente Theil so wehe gethan, als ihm selbst? Warum willst du denn viel fluchen und rächen, weil du siehest, daß er in solchem schweren Urtheil liegt, daß du dich vielmehr seines Jammers erbarmen sollst, und für ihn bitten, daß er möchte heraus kommen und sich bessern? Und diese Lehre zu bestätigen und einzubilden, gibt es allhier zwey Exempel; zum ersten, daß er spricht: Aufdaß ihr Kinder seyd eures Vaters im Himmel. Als sollte er sagen: Wollet ihr rechte Kinder beissen des Vaters im Himmel, so lasset euch sein Exempel bewegen, daß ihr auch also lebt und thut, wie er. Wie thut er aber? Er laßt seine Sonne täglich aufgehen und regnen, beyde, über die Frommen und Bösen. Da hat er mit kurtzen Worten gefass t alle Wohlthat die Gott der Welt aus Erden erzeigt, Auslegung der Bergpredigt Christi. t2l als er die zwey Stucke setzet- Die Sonne, und den Regen. Denn wo die zwey, oder desselben eines nicht wäre, so wäre die gantze Welt langst wüste, verdorben und vergangen. Wenn die Sonne nicht taglich aufginge, so könnte man keinen Tag nicht arbeiten, sondern müßten alle Thiere, dazu alle Baume, Kraut und Gras vor Frost verderben- Darum gibt allein die Sonne den Nutzen, (deß die Welt voll ist, und nicht bezahlen kann,) daß alles, Thier und Mensch, s.ine Nahrung suchen kann, und dazu Hitze und Warme, daß es lebend bleibet, wachset, zunimmt und vergehet. Summa, es ist nicht auszuzahlen, was Gott alle Stunden und Augenblick durch die Sonne vor Wohlthat gibt. Ja, wo ist jemand, der solches erkennet, oder dafür dancket? Aber, obwol Gott durch die Sonne alles gibt, schast und erhalt, so müssen wir doch auch den Regen haben. Denn wo sie immer schiene, so würde zuletzt alles vor Hitze verdorren und verschmachten, und könnte kein Futler noch Getrayde für die Thiere noch Menschen wachsen. Darum hat ers mit dem Regen tempe- riret, daß es wieder zu sich selbst komme und also bey seinem Saft und Kraft bleibe. Also sind nun in den beyden gefaßt die vier Stücke, so zum Leben gehören, welches die Philosoph! heissen xr!- INSS sondern nach dem Wort, so daran gehefftet ist, anstehest- so findest du darinne einen tresslichen, köstlichen Schatz, daß es jetzt nicht mehr dein Werck, sondern ein gottlich Sacrament ist, und machtigen grossen Trost, daß du zu der Gnaden kommest, daß du deinem Nächsten vergeben kannst, ob du gleich zu andern Sacramenten nicht kommen könntest. Das sollte dich bewegen, daß du solch Werck von Hertzen gerne thatest, und Gott dazu danckest, daß du solcher Gnaden werth bist; solltest du doch bis an der Welt Ende darnach lausten, und alle dein Gut darum verzehren, wie wir zuvor um den erdichteten Ablaß gethan haben. Wer nun das nicht will annehmen, der muß ein schandlicher, verfluchter Mensch seyn, sonderlich wo er solche Gnade höret und erkennet, und dennoch so kröpffisch und halsstarrig bleibet, daß er nicht will vergeben, damit er beyde, Taufe und Sacrament, und alle andere auf einmal verlernet. Denn sie sind alle an einander gebunden, daß, wer eines hat, der soll sie alle haben, oder keines behalten. Denn wer getaust ist, soll auch das Sacrament empfahen, und wer das Sacrament empfähet, muß auch beten, und wer da betet, auch vergeben ?c. Vergibst du aber nicht, so hast du hier ein schrecklich Urtheil, daß dir deine Sünden auch nicht sollten vergeben seyn, ob du gleich mit unter den Christen bist und der Sacramente und anderer Güter mit geneussest, sondern sollen dir nur desto schädlicher und verdammlicher seyn. Und auf daß uns Christus desto mehr dazu reitze, hat er auch feiner, freundlicher Worte gebrauchet, daß er eben also spricht: Wenn ihr den Menschen ihre Fehle vergebet u. f. w., sagt nicht- ihre Bosheit und Büberey, oder Muthwillen und Frevel u. f. w. Denn einen Fehl heißt er eine solche Sünde, die mehr aus Gebrechlichkeit oder Unwissenheit geschieht, denn aus Bosheit. Warum thut er das, daß er des Nächsten Sünde so geringcrt und verkleinert, so wir doch oft sehen, daß mancher vorsetziglich, aus lauter Frevel und bösem Willen sündigt? Darum thut ers, daß er dir deinen Zorn legen will, und dich erweichen, gerne zu vergeben, und siehet mehr daraus, daß er dein Hertz süsse und freundlich mache, denn daß er die Sünde so groß mache, wie sie an ihr selbst ist. Denn vor Gott ist und soll sie so groß seyn, daß sie der ewigen Verdammniß werth ist und den Himmel zuschleußt, obs gleich eine geringe Sünde und nur ein Gebrechen ist, wo ers nicht erkennet, oder dir abbittet. Aber von mir und dir will er die Sünde nicht so angesehen haben, als dem nicht gebühret, die Sünde zu strafen, sondern zu vergeben, daß du also denckest: Ob gleich dein Nächster aus Bosheit wider dich gethan hat, so ist er dennoch ver- 144 Auslegung der Bergpredigt Christi. irret, gefangen und verblendet vom Teufel. Darum sollst du so fromm seyn, und dich sein vielmehr erbarmen, als der vom Teufel überwältiget ist, daß es wol des Teufels halben, der ihm solches eingibt, eine grosse, unvergebliche Sünde ist, aber des Menschen halber ein Fehl und Gebrechen Heisse, wie Christus auch selbst gegen uns gethan hat, als er am Creutz gebeten hat: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie thun, Luc. 23, 34. Das ist ja unsere Sünde klein und geringe gemacht, welche doch an ihr selbst die allergrößte ist, so je auf Erden geschehen. Denn was kann grössers gesündiget werden, denn daß man Gott seinen einigen Sohn aufs allerschandlichste martert und tödtet? Doch mußt du solchen Fehl und Gebrechen so deuten, daß es der Nächste, so wider dich gesündiget, erkenne, und Vergebung begehre und sich bessern wolle. Denn ich habe sonst gesagt, daß zweyerley Sünde ist: eine, die man bekennet, die soll niemand un- vergebcn lassen, die andere, die man vertheidiget, die kann niemand vergeben; denn sie will nicht Sünde seyn, noch die Vergebung em- pfahen. Darum auch Christus, Matth, 1«, 13., da er vom Vergeben oder Schlüsseln redet, setzet er beyde Stück bey einander: Lösen und Binden, anzuzeigen, daß man die Sünde, die man nicht will lassen Sünde seyn, noch vergeben haben, nicht lösen kann, sondern binden soll in Abgrund der Hölle; aber wiederum, die man bekennet, soll man lösen und in Himmel heben w. Wie es nun zugehet im Amt der Schlüssel, so gehet es auch mit einem jeglichen Christen gegen den Nächsten, welcher, ob er wol soll bereit seyn, jedermann zu vergeben, der ihm Leid thut: doch wo er die Sünde nicht will erkennen, noch ablassen, sondern dazu noch fortfahren, so kannst du ihm nicht vergeben, nicht deiner, sondern sein selbst halben, weil er die Vergebung nicht haben will. So bald er sich aber schuldig gibt und Vergebung begehret, so soll es alles geschenckt seyn und die Absolution flugs darauf folgen. Denn weil er sich selbst straft und die Sünde fallen laßt, daß keine Sünde mehr bey ihm bleibt, so soll ich sie vielmehr wegfallen lassen; wo er sie aber selbst halt und nicht will fallen lassen, so kann ich sie nicht von ihm nehmen, sondern muß ihn lassen darinnen stecken, als der ihm selbst aus vergeblicher Sünde eine unvergebliche machet. Summa, wo er sich nicht erkennen will, soll man sein Gewissen aufs Höheste beschweren, und keine Gnade erzeigen, als der da will muthwillens des Teufels eigen seyn. Wiederum, wo er die Sünde bekennet und dir abbittet, und du ihm nicht vergibst, so hast du sie auf dich geladen, daß sie dich auch verdammet. Auslegung der Bergpredigt Christi. 145 Also will auch Christus die Sünde bekannt haben, damit, daß er sie dennoch einen Fehl Heisset; will nicht leugnen, daß es unrecht ist, noch dir auflegen, daß du es sollst billigen, als recht gethan, sondern nicht lassen recht noch gut seyn, ohne wenn es dazu kömmt, daß es eine vergebliche Sünde ist worden, und so geringe, daß sie nur ein Fehl Heisset, daß du also zum Nächsten sagest: Ob ichs wol nicht loben kann, und ist ja unrecht; aber doch, weil du dich erkennest, und dein Hertz nun anders ist und nichts Böses wider mich hat, so will ichs auch gerne lassen geschenckt seyn, als einen Fehl und Versehen, und alles Zorns vergessen. Wenn du nun so gegen den Nächsten gesinnet bist, so wird sich Gott auch wieder gegen dich also erzeigen mit solchem süssen, freundlichen Hertzen, und deine grosse, schwere Sünde, so du wider ihn gethan und noch thust, auch so geringe machen, daß ers nur einen Fehl heisst, wo du sie erkennest und um Vergebung bittest, als der mehr geneigt ist, zu vergeben, denn wir uns selbst zu ihm versehen können. Nun solltest du ein solch Hertz Gott abkaufen mit deinem Leib und Leben, und darnach laussen bis an der Welt Ende, wie man unter dem Pabstthum darnach gelausten ist und sich mit so mancherley Wercken darum zumartert hat. Nun wird dir hier solch Hertz angeboten und lauter umsonst vorgetragen und geschenckt, gleichwie die Taust, Evangelium und alle seine Güter, und krigest mehr, denn du mit allen deinen und aller Menschen Werck erlangen möchtest. Denn da hast du die gewisse Verheissung, die dir nicht leugt noch treuget, daß alle deine Sünde, wie viel und groß sie sind, sollen vor ihm so geringe seyn, als menschliche, tägliche Gebrechen, die er nicht rächen noch gedencken will, so fern du den Glauben an Christum hast. Denn gleich wie andere Sacra- mente herkommen und gehen durch den Herrn Christum, also auch, daß unser Gebet erhöret wird und gewisse Vergebung haben, daß wies nicht haben verdienet, sondern alles durch ihn erworben und uns geschenckt ist, daß er immer der einige Mittler bleibe, durch welchen wir alles haben, daß auch die Verheissung, aufbiß Werck gestellet, allein durch ihn gelte. So siehest du nun, warum Christus diesen Zusatz zu dem Gebete gethan hat, daß er damit uns je veste zusammen binde, und seine Christenheit behalte in der Einigkeit des Geistes, beyde, im Glauben und Liebe, daß wir uns um keiner Sünde noch Gebrechen willen lassen trennen, damit wir nicht Glauben und alles verlieren. Denn es kann nicht anders zugehen, es müssen viel Anstösse unter uns taglich vorfallen in allen Standen und Handeln, da man gegen vi. 10 146 Auslegung der Bergpredigt Christi. einander redet und thut, das man nicht gerne höret und leidet, und Ursache gibt zu Zorn und Zwietracht. Denn wir haben noch Fleisch und Blut an uns, das thut, wie seine Art ist, und laßt ihm leichtlich entfahren ein böse Wort, oder zornig Zeichen und Werck, da- mit die Liebe verletzt wird; also daß doch eitel Vergebung muß seyn und gehen bey den Christen, wie wir auch bey Gott ohne Unterlaß Vergebung dürfen, und uns immer müssen zu dem Gebet halten: Vergib uns, wie wir vergeben! ohne daß wir so heillose Leute sind, daß wir immer eher einen Splitter in des Nächsten Auge sehen, denn den Balcken in unserm Auge, und unsere Sünde auf den Rücken werfen. Denn, sollten wir uns selbst taglich ansehen vom Morgen bis zu Abend, so würden wir wohl soviel an uns finden, daß wir der andern vergessen und froh würden, daß wir zu dem Gebete kommen könnten. 16. Wenn ihr fastet, sollt ihr nicht sauer sehen, wie die Heuchler, denn sie verstellen ihr Angesicht:c. Wie er ihr Almosen und Beten gestraft hat, also strafet er auch hier ihr Fasten. Denn das sind fast die drey guten Wercke, welche alle andern in sich begreiffen: das erste, allerley Wohlthat gegen den Nächsten; das andere, daß wir uns allerley Noth, beyde, gemeine und unsere eigene, annehmen und Gott vortragen; das dritte, daß wir unsern Leib casteyen. Aber wie sie des Almosen und Betens schandlich mißbraucht haben, daß sie nicht Gottes Ehre, sondern ihren Ruhm damit gesucht: also haben sie auch des Fastens mißbraucht und verkehret, nicht für ihren Leib, im Zwang und Zucht zu halten, noch Gott zu loben und dancken, sondern von den Leuten gesehen zu werden und einen Namen zu haben, daß man sich wundern und sagen müsse: O das sind treffliche Heiligen, die da nicht leben, wie andere gemeine Leute, sondern daher gehen in grauen Röcken, den Kops hangen, sauer und bleich sehen ?c. Wenn die nicht gen Himmel kommen, wo wollen wir andern bleiben? Er will aber damit nicht das Fasten an ihm selbst verworfen oder verachtet haben, eben so wenig, als er das Almosengeben und Beten verwirst, sondern vielmehr bestätiget und lehret, desselbigen recht brauchen; also will er das Fasten auch wieder zurecht bringen, daß es in rechtem Brauch und rechter Meynung gehe, wie ein gut Werck gehen soll. Es hat aber bey den Juden daher seinen Ursprung, daß ihnen Moses aufgesetzt hatte, im Herbst, auf das Fest Kxpistimiis, ohn- gesehrlich vierzehn Tage nach einander zu fasten, 2. Mos. 30, lo. Auslegung der Bergpredigt Christi. 147 12; 3. Most 23, 27. 2«; 25, 3. Das war nun die gemeine Fasten, die sie alle zugleich hielten. Darüber hatten nun die Pharisäer ihre sonderliche Fasten, daß sie etwas mehr thaten und heiliger geachtet würden, denn andere. Denn jene Fasten war nicht dazu gemacht, daß sie konnten damit vor andern gesehen seyn, weil sie durch das gantze Volck gieng, und was insgemeinhin gehet, deß kann sich niemand sonderlich rühmen. Darum mußten sie viel sonderlicher Fasten vernehmen, daß sie gesehen würden, als viel hoher und geistlicher, denn gemeine Leute. Daher sie auch rühmen im Evangelio wider Christum- Warum fasten der Pharisäer Jünger so oft, und deine Jünger fasten nicht? Matth. 3, 14. Dazu machten sie einen Unterscheid mit Geberden und Zeichen, dabey man kennen sollte, wenn sie fasteten, verstelleten ihr Angesicht, das sie sich nicht wuschen noch schmückten, sondern sahen sauer und finster, und trieben solchen trefflichen Ernst, daß man davon sagen und singen mußte. So kömmt nun Christus, schlagt solch Fasten gar zu boden und lehret stracks das Widerspiel und spricht: Willst du fasten, so faste also, daß du nicht sauer sehest , sondern wasche und salbe dein Angesicht, daß du fein lustig und frölich sehest, als auf einen Feyer- tag, also, daß man keinen Unterscheid sehe noch mercke zwischen deinem Fasten und Feyern. Denn das war der Juden Weise, daß sie sich mit köstlichen Wassern besprengeten und das Haupt begossen, daß es vom gantzen Leibe roch, wenn sie seyreten, oder frölich wollten seyn. Wenn du so fastest, zwischen dir und deinem Vater allein, so hast du recht gefastet, daß es ihm gefallet; doch nicht also, daß damit ein Verbot gestellet sey, daß man nicht dürfe auf einen Fasttag in geringen Kleidern oder ungewaschen gehen, sondern der Zusatz ist verworfen, daß mans ums Ruhms willen thut, und den Leuten mit solchen sonderlichen Geberden die Augen aufsperret. Sonst liefet man oft, wenn man gesastet hat, daß man Säcke angezogen und Asche auf das Haupt gestreuet hat, als von dem Konige zu Ninive, samt der gantzen Stadt, Ion. 3, 5. ff., aber das war ein ander Fasten, das sie ihre Noth und Elend lehrete. Nun, von der Jüden Fasten haben wir auch unsere grosse Fasten genommen, und erstlich auch vierzehen Tage gehalten, darnach heiliger worden und dieselbige gestreckt in vier Wochen, bis sie zuletzt erlängert ist auf vierzig Tage; sind aber dabey nicht blieben, sondern daneben durchs Jahr alle Wochen zween Tage gesetzt zu fasten, den Freytag und Sonnabend, zuletzt die vier Goldfasten, oder Nothfasten; das sind dennoch noch eitel gemeine Fasten gewesen. Ueber das hat das Advent noch etliche sonderliche Heiligen lo* 14» Auslegung der Bergpredigt Christi. funden, die auch eine Fasten haben draus gemacht, ohne was die Mönche in Klöstern gehalten haben, und darnach ein jeglicher etliche sonderliche Heiligen ausgewählet, über die gemeinen Feste, bis so weit ist kommen, daß man diß alles für nichts geachtet, wenn ihm nicht ein jeglicher eigene Fasten machte. Nun ist solch Fasten alles auf einen Haufen nicht eines Hellers werth. Denn die ersten alten Vater mögens wol gut gemeynet und wohl gehalten haben, ist aber bald übermenget und verderbet mit dem Unflath, daß es nichts taugt. Es ist ihm aber auch recht geschehen. Denn wie es ein lauter Menschentand ist mit dem seltsamen vielen Fasten, so ist es auch in einen schändlichen Mißbrauch gerathen. Denn ich darf frey sagen, daß ich noch nie keine rechte Fasten unter dem Pabstthum gesehen habe, wie sie es gefastet heis- sen. Denn was ist mir das vor ein Fasten, wenn man des Mittags ein Mahl zurichtet mit köstlichen Fischen, aufs beste gewürtzet, mehr und herrlicher, denn sonst auf zwey oder dreymal, und das stärckeste Geträncke dazu, und eine Stund oder drey dabey gesessen und den Wanst gefüllet, daß er dehnet? Und das war noch gemein und geringe, auch bey den allerstrengesten Mönchen. Aber die heiligen Väter, die Bischöffe, Aebte und andere Prälaten Habens erst strenge angriffen auf einmal mit zehen und zwanzig Gerichten, und auf den Abend so viel Labsal, daß sich etliche Drescher drey Tage könnten damit behelfen. Das mag wol seyn, daß etliche Gefangene, oder Arme und gebrechliche Leute, Armuths halben haben müssen fasten, aber aus Andacht weiß ich niemand, der gefastet habe, viel weniger jetzt faste. Denn sie sind jetzt, meine lieben Papisten, alle gut Lutherisch worden, daß ihr keiner nicht mehr an die Fasten den- cket, lassen dieweil auf unserm Theil arme Pfarrherren Hunger und Kummer leiden und eine rechte tägliche Fasten halten an ihrer Statt. Weil denn diß Fasten viel ärger ist gerathen, denn der Jüden und Pharisäer Fasten, (welche doch recht und wahrhaftig gesastet haben, ohne daß sie ihren Ruhm damit gesucht, unsers aber unter dem Namen des Fastens ein lauter Fraß geworden ist, und nicht gefastet, sondern Gott und der Leute gespottet heissct, dazu der schändliche Zusatz daran gehängct, daß man Unterscheid der Speise gemacht und derselben etliche verboten, daß nur damit gefastet hiesse, wenn man nicht Fleisch esse, aber dieweil die besten Fische mit köstlichsten Latwergen und Gewürtz und stärckesten Wein dazu:) darum habe ich gerathen und rathe noch, daß man solch Fasten schlechts mit Füssen trete, als das Gott zu lauterm Spott und Schanden Auslegung der Bergpredigt Christi. 143 geschieht, daß michs verdreußt, daß man solche Spötterey in der Christenheit soll treiben und leiden, und Gott mit der Larve tauschen, daß solch Leben, aufs beste fressen und saufen und den Bauch füllen, soll Fasten und ein gut Wcrck heissen. Diß ist nun gar eine grobe, unverschämte, schandliche Trüge- rey, die nicht die Schrift darf strafen, sondern ein jeglicher Bauer, ja ein Kind von sieben Jahren kann greissen und verstehen. Aber darüber ist auch der schandliche Mißbrauch zugeschlagen, (der auch das rechte Fasten verderbet,) daß man damit groß Verdienst bey Gott gesuchet hat, als dadurch Sünde zu büssen und Gott versöhnen , wie sie denn in der Absolution solch Fasten zur Busse aufgelegt haben. Das heißt erst gar in aller Teufel Namen gefastet und Christum ins Maul geschlagen und mit Füssen getreten, daß ich um des Mißbrauchs willen eher wollte erlauben, wenn ja Böses sollte gethan seyn, daß man sich ja voll und toll söffe, und lieber will eine volle Saue sehen, denn einen solchen Heiligen, der aufs aller- strengeste zu Wasser und Brod fastet. Noch sind des Greuels aller Mönche Lehre und Bücher, aller Pabste Bullen, alle Predigtstüle voll, daß sie von keinem andern Fasten wissen, wenn sie es aufs beste machen. Ich will schweigen, daß sie auch die grobe, schandliche Lügenfasten, davon jetzt gesagt, so hoch heben und damit der Heiligen Abgötterey gestifftet und bestätiget haben, und niemand gefunden ist, der ein Wort wider solche Mißbrauche geredt habe. Darum sage ich noch, daß ich in dem gantzen Pabstthum mein Lebtag nie keine Fasten gesehen habe, die recht Christlich gefastet wäre, sondern eitel Schandfastcn und Fraß anstatt des Fastens, und dazu lauter Abgötterey und Heuche- ley, damit man Gott eine Nase gemacht und die Leute betrogen hat. Darum lasset uns hier lernen, was doch eine rechte Fasten Heisse. Es sind zweyerley Fasten, die da gut und löblich sind, eine mag heissen weltliche oder bürgerliche Fasten, durch die Obrigkeit geboten, wie eine andere Ordnung und Gebot der Obrigkeit, nicht als ein gut Werck oder Gottesdienst gefordert. Denn das wollte ich gerne sehen und darzu rathen und helfen, daß Kayser oder Fürsten solch Gebot macheten, daß man einen Tag oder zween in der Wochen nicht Fleisch speisite noch feil hatte, al > eine gute nützliche Ordnung für das Land, damit man nicht sogar alles auffresse, wie jetzt geschieht, bis zuletzt theure Zeit muß werden und nichts zu bekommen ist. Darnach wollte ich auch, daß man zu etlichen Zeiten, die Woche einmal, oder wie sie es gut düncket, des Abends nicht 150 Auslegung der Bergpredigt Christi. speisete, ohne einen Bissen Brods und einen Trunck, damit man nicht so mit stetem Fressen und Sausten alles verzehret?, wie wir Deutschen thun, und ein wenig lerneten leben, sonderlich was junge, volle, starcke Leute sind. Aber das sollte gar eine weltliche Weise seyn, der Obrigkeit unterworfen. Darnach wäre über diese Fasten noch eine geistliche gemeine Fasten, die wir Christen sollten halten, und wäre auch wohl fein, daß man noch etliche Tage vor Ostern, item vor Pfingsten und Weyhnachten, eine gemeine Fasten behielte und also die Fasten ins Jahr theilete. Aber beyleibe auch nicht darum, daß man einen Gottesdienst daraus mache, als damit etwas zu verdienen, oder Gott zu versöhnen, sondern als eine ausserliche Christliche Zucht und Uebung für das junge und einfaltige Volck, daß sie sich lerneten in die Zeit richten und unterscheiden durchs gantze Jahr, wie man bisher viel Weyh- oder Fronfasten hat gehalten, da sich jedermann nach richtet. Denn es muß seyn, daß man etliche Zeit unterscheide und ausmahle als Fastet- und Feyertage dem groben gemeinen Haufen, um der Predigt und Gedächtniß willen der sürnehmlichen Geschichte und Wercke Christi: also daß damit kein sonderlicher Gottesdienst gesucht werde, sondern allein ein Mercktag sey, darnach man könnte das gantze Jahr fassen, und wisse, wie man in der Zeit sey. So mochte ich auch leiden, daß man auf diese Weise durchs gantze Jahr alle Freytage abends fastete, als zu einem merklichen Tag ausgesondert. Aber solch Fasten kann und will ich nicht anrichten, es würde denn zuvor cintrachliglich angenommen. Siehe, also hatte die Christliche Kirche genug für sich zu fasten, daß man nicht dürfte uns Schuld geben, wir verachteten und verwürfen das Fasten gar. Aber das ist auch noch nicht das rechte Christliche Fasten, das Christus meynet, welches gehöret für einen jeglichen sonderlich, und ist also gethan, daß, wenn es wahrhaftig und Christlich Fasten heis- sen soll, ists nicht genug, daß du des Abends nichts essest, welches ist nur ein Stück davon und das allergeringste; sondern es stehet darinne, daß du deinen Leib züchtigest und maßig haltest. Das betrifft nicht allein Essen, Trincken und Schlafen, sondern auch müßig gehen, allerley Freudenspiel und alles, was dem Leibe mag wohl thun, damit man sein pfleget und wartet. Das heißt nun gefastet, wenn man solches alles abbricht und entzeucht, und allein darum, daß man das Fleisch im Zaum halte und demüthige, wie die Schrift die Fasten auflegt zu halten, und nennets Misere suimam, dem Leibe wehe thun, da er sich keiner Wohllust, guter Tage, Freu- Auslegung der Bergpredigt Christi. 151 den annehme. Das ist das Fasten der alten Vater gewesen, die haben den gantzen Tag über nicht gessen, noch getruncken, wenig geschlafen, und sind hergegangen, als die Leid trügen, und dem Leibe alles abbrachen, so viel die Natur hat mögen leiden. Darum gehöret gar viel dazu, daß es ein recht gut Werck sey und Gott gefalle. Denn er will deß nicht-s überall, daß du mit deinem Fasten ihm wolltest Hosiren als ein grosser Heiliger, und doch dieweil Haß und Zorn auf den Nächsten tragest; sondern willst du recht fasten, so dencke, daß du zuvor ein frommer Mann seyst und, beyde, recht glaubest und liebest. Denn solch Werck gehet nicht Gott, noch den Nächsten, sondern unsern eigenen Leib an. Aber das will nirgend hernach. Darum mag ich wohl sagen, daß ich kein recht Fasten habe gesehen. Denn es ist doch sonst alles nur halb und stücklich gefastet und eine lautere Teuscherey, da man zum Schein eine Mahlzeit abbricht, aber gleichwol sonst taglich den Leib wohl kützelt, ohne was jetzt mag seyn bey etlichen frommen Predigern und Pfarrherren auf den Dörfern und sonst, die es aus Noth müssen thun, und Hohn, Spott und alle Plage dazu leiden, und von niemand einen Bissen Brods haben. Da ist weder Lust, noch Schmuck, oder sanfte Tage; das sind die, die in der Welt irre gehen, und sie niemand kennet, derer auch die Welt nicht werth ist, (wie die Epistel an die Ebraer 11, 38. sagt.) Siehe, das Heisse ich die rechte Fasten der Christen, wenn man dem gantzen Leibe wehe thut und zwinget mit allen fünf Sinnen, daß er lassen und entbehren muß alles, was ihm sanfte thut, es geschehe willig, oder aus Noth (doch daß mans gerne annehme und leide), man esse Fische oder Fleisch, aber nichts mehr, denn die liebe Nothdurst fordert, daß der Leib nicht drüber verderbet oder untüchtig gemacht, sondern im Zwang und Arbeit gehalten werde, daß er nicht müssig, noch faul und geil werde. Aber solch Fasten traue ich mir nicht aufzubringen, wills auch niemand auflegen. Denn es muß ein jeglicher hier auf sich selbst sehen und sich suhlen, weil wir nicht alle gleich sind, daß man keine gemeine Regel darauf stellen kann, sondern ein jeglicher, darnach er starck ist und fühlet, daß dem Fleische noth ist, darnach soll er ihm auflegen und abbrechen. Denn es ist allein gesetzt wider die Lust und Reitzung des Fleisches, nicht wider die Natur, und ist an keine gewisse Regel oder Maaß, Zeit noch Statte gebunden, sondern soll stets gehen, wenn es noth ist, daß man den Leib im Zaum halte und also gewöhne, daß er Ungemach leiden könne, wenn es zur Noth käme, daß ers thun müßte. Und soll frey gehen nach eines jeglichen Willkühre, daß 152 Auslegung der Bergpredigt Christi. mans nicht mit Gesetzen vornehme abzumessen, wie der Pabst gethan hat, gleichwie man nicht kann das Gebet abmessen, sondern muß frey lassen, wenns eines jeglichen Andacht oder Noth gibt und fordert, also auch nicht das Almosen, wem, oder wenn, oder wie viel man geben müsse, als aus Noth und Gesetz gezwungen. So ferne gehet aber die gemeine Regel für alle Christen, und ist jedermann geboten, maßig, nüchtern und züchtig zu leben, nicht einen Tag, oder ein Jahr, sondern taglich und immerdar, welches die Schrift nennet 8obr!etstem, nüchtern Leben; daß, ob sie gleich die hohe Fasten nicht alle können halten, doch es so weit bringen, daß sie mit Essen, Trincken, Schlafen und aller Nothdurst des Leibes die Maasse halten, daß zur Noth und nicht zum Ueberfluß und Muthwillen diene, und nicht also hier leben, als sey es gar um Fressen und Sausten, Tantzen und Springen willen zu thun. Ob aber zuweilen aus Schwachheit etwas darüber geschieht, das gehe mit in den Artickel, der da heißt, Vergebung der Sünde, wie andere tagliche Gebrechen. Vor allen Dingen aber siehe darauf, daß du zuvor fromm und ein rechter Christ seyst, und nicht durch solch Fasten Gott wollest einen Dienst thun, sondern dein Gottesdienst soll seyn allein der Glaube an Christum und die Liebe gegen den Nahesten, daß du wartest deß, dazu du gefordert bist. Wo das nicht ist, so lasse so- mehr das Fasten auch anstehen. Denn Fasten soll allein dazu dienen, baß es dem Leibe ausgelegt werde, seine Lust und Ursachen zur Lust auswendig abzuhauen, wie der Glaube inwendig im Her- tzen thut. Das sey genug von dem Fasten gesagt. Nun müssen wir auch die Worte ansehen, die Christus setzet zu allen diesen dreyen Stücken, Almosen geben, Beten und Fasten, daß es soll verborgen seyn, so werde es unser Vater, der in das Verborgene siehet, vergelten öffentlich. Denn es ist ein nöthiger Trostspruch für die Christen, die solche Wercke rechtschaffen thun, weil es in der Welt gewißlich also gehet, daß ihr Werck geschändet und so zugedeckt und verborgen wird, daß freylich kein Gottloser kann sehen, und ob crs gleich siehet, doch mit offenen Augen nicht erkennen. Als, daß wir uns zum Exempel setzen, was wir durch Gottes Gnaden Gutes thun und schaffen, das siehet niemand, und schilt uns alle Welt nicht anders, denn als die Beten, Fasten und alle gute Wercke verachten und verbieten, eitel Unglück und Unfriede anrichten. Wie wir aber beten, beyde, öffentlich und heimlich, das sollen sie nicht sehen, wenn sie es schon hören und dabey stehen, und öffentlich greiffen möchten, wie wir zu Friede und allem Guten Auslegung der Bergpredigt Christi. 153 helfen. Denn Gott hat es also geordnet, wie die Schrift saget, Jes. 26, 10., daß kurtzum kein Gottloser soll Gottes Ehre sehen, das ist, alles, was Gott redet und thut, wie auch Jesaias 6, 10. sagt: Verstocke das Hertz dieses Volcks, und laß ihre Ohren dicke seyn, und blende ihre Augen, daß sie nicht sehen mit offenen Augen, noch hören mit ihren Ohren, noch mit dem Hertzen verstehen und sich bekehren. Also gehet es uns auch, beyde, mit unserer Lehre und Leben. Denn ich meyne ja, unser Evangelium sey nicht verborgen an ihm selbst, sondern so erschollen, daß sie es alle sehen und hören, sonst tobeten sie ja nicht so zorniglich dawider; noch können sie es nicht sehen, und muß bey ihnen nicht das Evangelium, sondern verdammte Ketzerei) heissen. Auch sehen sie desselben Früchte bey uns und unsere gute Wercke nicht, die wir auch gegen ihnen, als unsern Feinden, erzeigen und uns auss Höheste vor ihnen demüthigen, Friede und alles Gutes anbieten, und dazu treulich für sie bitten; noch sind sie nicht werth, solches zu erkennen, sondern müssen uns eben darum desto greulicher verfolgen. Also sehen sie auch unser Fasten nicht, wie unsere Prediger williglich Hunger und Kummer leiden, daß sie denen Leuten dienen. Aber wenn sie fasten bey einer guten feisten Eollation und drey oder vier Galreden, das ist köstlich Ding und grosse Heiligkeit, gleichwie unser Gebet muß nichts heissen gegen ihr Plappern und Heulen in der Kirchen. Siehe, also muß das gantze Christliche Leben verborgen seyn und bleiben, und kann zu keinem Ruhm kommen, noch einigen Schöin und Ansehen vor der Welt haben. Darum laß es gehen und nimm dichs nicht an, obs gleich verborgen und wol zugedeckt und vergraben wird, daß es niemand siehet noch achtet, und laß dir gnügen, daß es dein Vater droben im Himmel siehet; der hat scharfe Augen, und kann weit in die Ferne sehen, obs gleich mit grosser, finsterer Wolcken überzogen und tief in der Erden zu gescharret ist: also, daß aller Christen Leben allein auf Gottes Augen gerichtet sey. Denn es wird doch nichts anders draus, wir leben, wie wir wollen, und machens, so gut wir immer können: so können wir doch der Welt nicht gefallen, noch recht und zu Danck thun, und soll nicht werth seyn, daß sie ihr lasse helfen und Gutes thun. Das ist ein Stück des Trosts, daß wir wissen, daß die Welt unser nicht werth ist, sondern einen andern im Himmel haben, der auf uns und unser Werck siehet. Das andere ist, daß er saget: Dein Vater, der in das Verborgene siehet, wird dirs 154 Auslegung der Bergpredigt Christi. vergelten öffentlich, daß nicht allein bey dem Sehen soll bleiben, sondern auch vergolten werden, und nicht heimlich, sondern öffentlich, daß alle Weit sehen soll mit ihren ewigen Schanden. Darum laß ihn machen, er wirds wohl an Tag bringen, daß es nicht dahinten im Finstern bleibe, auch auf Erden und vor den Leuten, wie auch der Psalm 37, 5. 6. lehret und tröstet: Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe aus ihn, er wirds wohl machen und wird deine Gerechtigkeit Herfür bringen, wie das Licht, und deine Sache klar machen, daß sie leuchte, wie die liebe Sonne im Mittag. Siehe, wie die lieben Märtyrer so schändlich sind umbracht, und dennoch jetzt so herfär leuchten, daß alle Welt dagegen ein lauter Stanck ist. So ist Johannes Huß vor unserer Zeit verdammt, so schändlich, als nie gehöret ist, und sein Name (als sie meyneten,) ewiglich ausgetilget; noch scheinet er jetzt mit solchen Ehren Herfür, daß seine Sache und Lehre vor aller Welt muß gepreiset werden, und des Pabst Ding im Dreck liegt aufs allerschänd- lichste. So laßt uns jetzt auch zugescharret und im Verborgenen bleiben, es wird aber die Zeit kommen, daß uns Gott wird einmal Herfür ziehen, daß unsere Sache und Wesen muß leuchten vor aller Welt Äugen, auch noch hier in diesem Leben; aber viel herrlicher an jenem Tage, wenn da wird Herfür treten irgend ein armer Mensch, mit seinen Früchten und guten Wercken das gantze Pabst- thum und Welt zu schänden machen, daß sein Ding eitel Licht und Klarheit, jenes aber eitel Unstath wird seyn. Allein, daß wir uns an Christi Wort halten, und nichts dran kehren und anfechten lassen, ob wir jetzt beschmitzt oder ins Finstere gelegt werden von der Welt, sondern sehen auf ihn und alles thun um seinetwillen. Denn Gottes Werck und Wort kann doch nicht dahinter bleiben, sondern muß Herfür ans Licht, wie tief es verscharret und vergraben wird: daß ich mich selbst oft habe verwundert, wenn ich das Pabstthum gesehen habe, wie der Teufel das liebe Evangelium durch des Pabsts Greuel in einen Misthaufen und Pfützen geführct hat und so tief verschüttet, daß ich dachte, es wäre nicht möglich, daß die Wahrheit immer mehr sollte Herfür kommen unter so viel Verführung der Messen, Fegfeuec und unzählig anderer Greuel; noch hat es herfüc gemußt, eben da es am allertiessten lag und sie meyneten, es sollte ihr Ding nun ewig stehen. Also ist es Christo auch selbst gangen, daß sie ihn unter die Erden gebracht hatten und meyneten, sie hätten ihn nun so tief verscharret, daß niemand mehr von ihm singen noch sagen sollte: da Auslegung der Bergpredigt Christi. 155 blitzete es Herfür und leuchtete durch sein Wort so starck, daß sie alle drüber mußten ewiglich zu boden gehen. Darum sollen wir auch sicher seyn, weil wir sein Wort haben, daß unsere Lehre und Werck muß ans Licht kommen und vor aller Welt Augen gepreiset werden, obs gleich jetzt verborgen liegt, es sey denn, daß Gott selbst müsse im Dunckeln bleiben. Siehe, das ist die trostliche Verheissung, uns gegeben zur Vermahnung, obs bey der Welt nicht angesehen wird; denn sie ist zu blind, und als wenig sie Gott erkennet, so wenig kann sie sein Wort und Werck erkennen, und soll nimmermehr dazu kommen, daß sie sehe, welch ein groß Ding es um ein getauft Kindlein, oder einen Christen, der das Sacrament empfahet und gerne Gottes Wort höret, sondern muß es ansehen als für ein schlecht Wasserbad, oder Stuck Brods, und ein unnütz Geschwatze. So siehet sie auch nicht, was der thut, der da recht fastet oder betet. Darum befehlen wirs dem, der es sehen kann, und hoffen, daß er die blinden, tollen Heiligen zu schänden machen wird mit ihrem grossen, gleissenden Wesen, damit sie jetzt der Christen Leben und Werck verdunckeln. IS. Ihr sollt euch nicht Schatze sammle» auf Erden, da sie die Motten und der Rost fressen, und da die Diebe nachgraben und stehlen w. Er hat bisher erstlich ihre falsche Auslegung der Zehen Gebote gestraft, und die verschorrene und verdunckelte Lehre geläutert und rein gemacht, darnach wider ihre falsche, gleissende Wercke die rechten guten Wercke gelehret: also, daß man beyde, die Zehen Gebote recht verstehe und die Wercke rechtschassen thue. Nun sahet er an, zu warnen wider die Anfechtungen, so diese Lehre hindern, und treibt solches fast durchaus bis zum achten Capitel, und wirds aus der Maassen gut machen, als ein köstlicher Meister, der nichts unterlaßt, was dazu dienet, daß er uns in der rechten Lehre und Leben behalte. Und zum ersten nimmt er für sich das schöne, grosse Laster, welches da heißt der Geitz. Denn das sind fast die zwo schandlichsten Plagen, so da immer mit folgen, wo man das Evangelium lehret und darnach leben will. Zum ersten falsche Prediger, so die Lehre verderben; darnach Juncker Geitz, der da hindert am guten Leben. Wie wir jetzt sehen, nachdem das Evangelium wieder ist geprediget, daß die Leute viel geitziger werden, denn zuvor, scharren und kratzen, als wollten sie gar Hungers sterben, welche vorhin in der Blindheit giengen, als waren sie verstarret, liessen ihnen pre- 156 Auslegung der Bergpredigt Christi. digen, was einem jeglichen traumete, und gaben, was sie sollten, mit Haufen, daß sie selbst nicht sahen, noch klagten, was ihnen abginge; jetzt aber, weil ihnen die Augen sind aufgethan, daß sie sehen, wie sie leben und rechte gute Wercke thun sollen, sehen sie so genau auf ihren Pfenning und geitzen, als wollte jeglicher gerne der Welt Gut allein zu sich reisten.- daß ichs nicht kann anders deuten, noch rechnen, wo es herkomme, denn daß es muß eine lautere Plage seyn vom leidigen Teufel, der allezeit neben dem Lichte des Evangelii diß schandliche Laster, desselbigen zu hindern, mit einwirft. Denn das Evangelium gibt uns ja den Trost, daß wir nicht allein dort ewig leben sollen, sondern auch hier zu essen gnug haben, wie Psalm 8, 7. 8. stehet, daß Christus ein König und Herr soll seyn über alle Welt und in seinen Handen habe Schafe und Ochsen und alle Thiere auf Erden, daß er uns ja nicht wird lassen Hungers sterben. Nun das wissen wir; noch stecken wir auch selbst viel tiefer im Geitz und Sorge zeitlicher Nahrung, denn zuvor, und will uns allenthalben fehlen und zurinnen, und können nicht den zehenten Theil Gott zu Ehren geben deß, so wir zuvor dem Teufel in Rachen verschüttet haben. Solches hat Christus auch an viel mehr Orten gezeigt und zuvor gesagt, als da er seine Apostel ausschicket, zu predigen, ist seine größte Sorge und Warnung, daß sie sich hüten für den zweyen, falscher Lehre und Geitz, und besiehlet ihnen hart, daß sie keinen Vorrath sollen mit sich auf den Weg nehmen, noch sorgen, was sie essen und trinckcn sollen, Matth. 10, 9: also, daß es (wie gesagt) die zwey schandlichsten Stücke seyn in der Christenheit, dadurch es gar verderbt wird, geistlich der Glaube, durch falsche Lehre, leiblich die Früchte, durch den Geitz. Darum ist hier Pcedigens und Warnens noth, wenn die Lehre und Leben angerichtet ist, daß man ja wohl zusehe, daß man dabey bleibe und sich nicht lasse wieder davon führen durch falsche Deutung der Schrift, darnach sich hüte vor dem Geitz, daß er uns nicht heimlich erschleiche und einnehme, also, daß wir unser Datum setzen aufs Zeitliche, daß wir hier gnug haben, als sey es damit ausgerichtet. Denn es ist ein gefahrlich, anklebend Uebtt und kann auch einen feinen Schein und schöne Gedancken machen, daß es auch die Christen bekreuzet und niemand sich dafür kann sicher wissen. Denn wenn sie sehen, wie es ihnen gehet in der Welt, die ihnen alle Plage anlegt und nicht einen Bissen Brods gönnet, daß sie ihrenthalben wohl müßten Hungers sterben, wie man jetzt die armen Prediger laßt Kummer und Noth leiden: so werden sie also ange- Auslegung der Bergpredigt Christi. 157 fochten, daß sie auch dencken, wie sie was kriegen und für sich dringen, daß sie in der Welt bleiben können, so lange, bis sie gar in die Weltsorge und Geitz gerathen, und darüber ihr Predigtamt fallen und liegen und etliche das Evangelium gar fahren lassen. Siehe, darum sahet nun Christus mit viel Worten an zu predigen wider den grossen Abgott Mammon, und mahlet ihn aufs allerschändlichste ab, daß man sich ja dafür hüten solle, und spricht zum ersten: Sammlet euch nicht Schatze auf Erden, da sie die Motten und der Rost fressen, die Diebe darnach graben. Da gibt er denen Schätzen auf Erden drey Fundgrübner, nemlich Rost, Motten und Diebe. Das sind ja schandliche Hüter, wenn man sie über Schatze setzet. Nun hats Gott fein geordnet, daß, wo ein Schatz ist, da müssen auch solche Gesellen seyn, die sein hüten, gleichwie gemeiniglich die Sperlinge oder Ratten und Mäuse bey dem Korn. Denn es ist auch nichts bessers werth, weil wir des Gelds und Guts nicht recht brauchen, sondern durch den leidigen Geitz zu uns scharren und keiner dem andern gibt, noch gönnet tc. Es heissen aber nicht allein Motten und Rost, so die Kleider, oder Eisen und Ertz fressen, noch Mäuse und Ratten, die man mit Fallen fanget, auch nicht die allein Diebe, so heimlich die Kasten räumen, sondern auch die grossen, lebendigen Motten und öffentliche Diebe, als die grossen Eisenfresser und Scharrhansen zu Hofe, die einem Fürsten können Boden und Beutel leeren und zuletzt um alles bringen, was er hat, also auch in Städten, nicht allein, die einem Bürger zum Hause hinein steigen, sondern eine Stadt fein heimlich aussaugen mit Wuchern und Schinden auf dem Marckt und wo sie können. Also, daß kurtzum, wo Geld und Gut ist, da müssen auch Motten und Diebe seyn, darnach gerichtet, und ist alles in der Welt voll solcher Ratten und Mäuse, wo nur Leute unter einander wohnen. Denn was ist ein untreuer Rath zu Hofe oder Amtmann anders, denn ein solcher Rost oder Motte, der nirgend zu dienet, denn daß er eines Fürsten Geld und Gut wegfcisset, weil etwas da ist? Wie denn jetzt solcher Heuchler viel sind, die mit täglichen, schweren, unnöthigen und vergeblichen Kostungen die Fürsten arm machen und nichts darnach fragen, ob ein Fürst gedeye oder verderbe, wenn sie nur in seinem Gelde Herren seyn und regieren, wie sie wollen. Also auch in allen Städten und Dörfern findet man alles voll eitel Ratten und Motten, beyde, grosser und kleiner, heimlich und öffentlich, als Schuster, Schneider, Fleischer, Becker, Bierbrauer und Schencken, und andere Handwercker, Arbeiter und Taglöhner. 158 Auslegung der Bergpredigt Christi. Ja in einem jeglichen Hause, wer einen faulen, untreuen Knecht oder Magd hat, was hat er anders, denn einen Kornwurm, der ihm mehr wegfrißt, denn wenn er den Boden voll Ratten und Mäuse hatte? Nun siehe, was der Mammon vor ein feiner Gott ist, der keine bessern Hüter und Hofgesinde um sich hat, denn eitel Rost und Motten, daß, wenn man lange grosse Schatze gesammlet hat, so muß doch so weggefressen werden von solchem Gesinde, daß sein niemand froh wird, noch geneusset, der es gemessen sollte. Und sind nicht viel grosser Herren und Fürsten Schatze jemal wohl angelegt, sondern gemeiniglich durch Kriege verheeret, oder durch solche lose Freßwürmer ausgeetzet, oder sonst unnützlich umbracht und verschleudert? Darum sind die am besten dran, die nicht viel Schatze haben; denn sie haben nicht viel Ratten zu ernähren und dürfen sich vor Dieben nicht furchten. Wie aber, soll man denn gar keine Schätze haben, und alle hiermit verdammt seyn, die Schätze auf Erden sammlen? Das muß ja auch nicht seyn. Denn sollten sie alle thun, wie du und ich, so hätte morgen niemand nichts im Hause und Hofe. Es müssen ja Herren und Fürsten Norrath schaffen und haben für Land und Leute. Denn dazu hat Gott Gold und Silber erschaffen und ihnen Bergwercke gegeben. So lesen wir in der Schrift, daß Moses den König lehret, daß er nicht sollte zu viel Pferde, Gold und Silber haben, 5. Mos. 17, 16. Damit läßt er ja zu, daß er möchte mässig Schätze sammlen, wie auch der König Salomo selbst von sich rühmet und der Patriarch Joseph so viel sammlete, daß er das gantze Egypten, mit Korn, Geld,. Gut, Vieh und Leib dazu, des Königs eigen machte, als gantz leibeigene Leute. So hatte Abraham auch viel Schafe, Gold und Silber, damit er handelte und kaufte. Was wollen wir denn hiezu sagen, daß er so klar verbeut, wir sollen nicht Schätze sammlen, so er doch (wenn man mit ihm rechten wollte) auch selbst einen Vorrath gehabt, weil ihm Judas den Beutel und Geld nachtrug, und dennoch immer etwas Baar- schaft hatte, daß ihnen nie etwas gemangelt, wenn er die Jünger ausschickte, wie sie selbst sagten? Warum verbeut er denn hier solches und sagt, sie sollen kein Geld, noch Taschen, noch Schuh mit sich tragen? Antwort: Es ist oft genug gesagt, daß Christus in dieser Predigt lehret einen einzelnen oder Christenmann, und daß weit von einander zu scheiden sey ein Weltmann und ein Christe, oder eine Christliche und weltliche Person. Denn ein Christe heißt weder Mann noch Weib, Jung noch Alt, Herr, Knecht, Käyser, Fürst, Auslegung der Bergpredigt Christi. 159 Bauer, Bürger, noch nichts, was in der Welt gehet und genennet mag werden, hat keine Person noch Larven nicht, und soll nichts in der Welt haben noch wissen, sondern ihm gnügen lassen an dem Schatz im Himmel. Wer nun solches nicht wohl unterscheidet, der kann solcher Sprüche keinen recht verstehen. Ein Fürst kann wol ein Fürst seyn; aber als ein Ehrist muß er nicht regieren, und nachdem er regieret, heißt er nicht ein Christ, sondern ein Fürst. Die Person ist wol ein Ehrist; aber das Amt oder Fürstenthum gehet sein Christenthum nicht an. Denn nachdem er ein Ehrist ist, lehret ihn das Evangelium, daß er niemand soll Leid thun, nicht strafen, noch rächen, sondern jedermann vergeben, und was ihm Leid oder Unrecht geschieht, soll er leiden. Das ist (sage ich) eines Christen Lection. Aber das würde nicht ein gut Regiment machen, wenn du dem Fürsten wolltest also predigen; sondern so muß er sagen- Meinen Christenstand lasse ich gehen zwischen Gott und mir, das habe seinen Bescheid, wie ich gegen ihm leben soll- aber über und neben dem habe ich in der Welt einen andern Stand oder Amt, daß ich ein Fürst bin. Die Person gehet nicht gegen Gott, sondern zwischen mir und meinem Land und Leuten. Da gehöret nicht her, wie du gegen Gott leben und was du für dich thun und leiden sollst; das laß für deine Ehristenperson ge- hen, als die nichts mit Land und Leuten zu thun hat. Aber deine Fürstliche Person soll der keines thun, noch damit zu schassen haben, sondern dencken, wie sie das Regiment handhabe, Recht und Frieden halte und schütze, die Bösen strafe. Siehe, so sind beyde Stande oder Aemter recht getheilet, und doch in einer Person, und so zu rechnen widerwärtig, daß eine Person soll zugleich alles leiden und nicht leiden; aber also, daß jeglichem Amte das seine unterschiedlich zugetheilet werde; nemlich, wie gesaget, wenn michs antrifft als einen Christen, so soll ichs leiden, aber wenns antrifft eine weltliche Person, so nicht zwischen Gott und mir, sondern an Land und Leute gebunden ist, (welchen mir befohlen ist, zu helfen und zu schützen, und das Schwerd dazu in die Hände gegeben) da gilts nicht leiden, sondern das Widerspiel. Also hat ein jeglicher Mensch auf Erden zwo Personen, eine für sich selbst, an niemand verbunden, denn an Gott alleine; darnach eine weltliche, damit er an andere Leute gebunden ist, wie wir denn in diesem Leben unter einander seyn müssen, als ein Ehemann oder Hauswirth an Weib und Kind, welcher, ob er wol ein Christ ist, soll er doch von den Seinen nicht leiden, daß sie Büberey oder Muthwillen im Hause wollten üben, sondern dem Bösen wehren und strafen, daß sse 160 Auslegung der Bergpredigt Christi. thun müssen, was recht ist. Wenn du nun solchen Unterschied recht weissest, so ist Christi Lehre leicht zu verstehen; denn er redet hier und in allen seinen Predigten nichts davon, wie eine Wcltperson thun und leben soll, sondern wie du rechtschaffen leben sollst gegen Gott als ein Christ, der sich nichts zu bekümmern hat um die Welt, sondern allein dencken soll nach einem andern Leben. So sage nun auch zu diesem Text: Meine Person, die ein Christe heißt, soll nicht für Geld sorgen, noch sammlen, sondern allein an Gott mit dem Hertzen hangen. Aber äusserlich mag und soll ich des zeitlichen Guts brauchen, für meinen Leib und für andere Leute, so ferne meine Weltperson gehet, Geld und Schatze sammlen, doch auch nicht zu viel, daß auch nicht ein Geitzwanst daraus werde, der nur für sich selbst trachtet und nicht zu erfüllen ist; denn eine Weltperson muß Geld, Korn und Vorrath haben für sein Land, Leute oder andere, die ihm zugehoren. Als wenn man konnte so regieren, wie der Patriarch Joseph in Egyptenland, daß alle Boden und Kasten voll Vorraths wären, und das Land so fassen, daß es mit aller Nothdurst versorget wäre, davon man könnte den Leuten helfen, vorstrecken und austheilen, wenns Noth wäre - das wäre ein recht feiner Schatz und des zeillichen Guts wohl und Christlich gebraucht. Denn was ein Fürst sammlet, das sammlet er nicht für sich, sondern als eine gemeine Person, ja ein gemeiner Vater des gantzen Landes. Denn wir müssen ja nicht alle Bettler seyn, sondern ein jeglicher so viel vor sich bringen, daß er sich nähren könne und nicht andere beschwere, und dazu andern helfe, und also einer zum andern setze, wo es noth thut. Also sollte eine jegliche Stadt sammlen, so viel sie könnte, zu gemeiner Noth, ja auch ein jeglich Kirchspiel einen gemeinen Kasten für die Armen. Das hiesse nicht unrecht, sondern Christlich Schatze gesammlet. Aber die so geitzen und scharren, daß sie nicht können aufhören, und doch niemand lassen gemessen, daß auch sie selbst nicht frö- lich dürfen brauchen, denen soll es auch so gehen, wie hier stehet, daß eitel Motten, Rost und Diebe wegfressen, daß, wie es gewonnen ist, wieder hingehe; wicwol es sonst auch oft geschieht, daß, obs gleichwohl gesammlet ist, dennoch so aufgefressen wird. Denn es muß doch dem zeitlich.» Gut auf Erden nicht besser widerfahren. Gehets nun denen so, die doch rechte Schätze sammlen, wie vielmehr denen, die nichts anders suchen, denn das Geld, nicht aber den Brauch, Nutzen und Frucht des Gelds; denn es ist hier so gesegnet, daß Motten und Rost müssen drüber kommen und wegfressen und gestohlen Auslegung der Bergpredigt Christi. werden, daß doch keinem gelinget, der so geitzet und kratzet; und wenn ein Bauer schon viel gesammlet hat, muß crs doch nicht brauchen, stehet ihm auch nicht an, sondern muß vergraben, daß es weder ihm, noch andern zu Nutze komme, ohne daß die Würmer dran nagen und beissen, oder den Landsknechten und Juncker Scharrhan- sen zu Theil werde, daß es ja nicht besser angelegt werde. So will nun Christus mit diesen Worten uns aus dem Sinn reden, daß wir nicht so geitzen nach dem Mammon, und redet so verächtlich und schmählich davon, daß er ihm nicht konnte »ehrlicher reden. Denn was ist das vor ein Gott, der nicht so viel vermag» daß er sich des Rosts und der Motten erwehren konnte, sondern muß sich täglich wegfressen und verzehren lassen und da liegen jedermann zum Raube, das ihn fristet, was drüber kommt, und ein jeglicher Dieb wegträget. Das ist ja verdrüßlich, einen solchen ohnmächtigen Gott haben, der Rost, Motten und Dieben unterworfen, der doch die gantze Welt regieret. Darum sollten wir uns schämen, daß wir solche Leute sind, die sich an solchen rostsressenden Schatz hängen und alle ihren Trost drauf setzen. Weil ihr denn solches wisset (will er sagen), so setzet euer Hertz nicht darauf, daß ihr auf Erden Schätze sammlet, sondern laßt euch gnügen an dem, was euch Gott hier gibt, und setzets in die Gefahr, daß euch möge umkommen oder genommen werden. Denn es wird nichts anders draus, sonderlich wer da will ein Christ seyn und seinen Herren bekennen oder predigen, der muß alle Stunden gewarten, daß man ihn ausbeisse und verflösse, als der die Welt und alle Teufel hat auf sich geladen. Soll ers denn ausführen, so muß er einen Muth fassen, daß er ihre Schätze und Güter verachten könne und einen andern, bessern Schatz wisse. Darum spricht er: Sammlet euch Schätze im Himmel, das ist, laßt der Welt ihre rostfressige, räuberische und diebische Schätze, als die nichts bessers werth ist, daß sie ihre Lust und Trost daran habe. Aber ihr, so nicht von der Welt seyd, sondern gen Himmel gehöret, und durch mein Blut dazu erkauft seyd, daß ihr ein ander, ewig Gut sollt haben, das euch bereit und bestellet ist, lasset euer Hertz hier nicht gefangen nehmen, sondern, ob ihr in solchem Amte oder Stande lebet, daß ihr müßt damit umgehen, daß ihr nicht daran hänget, noch ihm dienet- Trachtet aber darnach, wie ihr jene Schätze krieget, die euch im Himmel beygelegt sind. Denn das sind rechte Schätze, da nicht Motten noch Rost können zukommen, und wohl sicher sind vor allem, was fressen und stehlen kann. Denn sie sind so gelegt, daß sie immer gantz und frisch blei- VI. 11 162 Auslegung der Bergpredigt Christi. den, und so verwahret, daß niemand darnach graben kann. Wer nun will ein Christe seyn, der mag ihm diese Reitzung und Rhetorica lassen gefallen. Denn es sollte ja einem geitzigen Wanst gefallen und sein Hertz lachen, wenn man ihm einen solchen Schatz zcigete, den kein Rost fressen und kein Dieb stehlen könnte. Aber die Welt soll solches nicht achten, weil sie es nicht siehet noch tappet, sondern bleibet an dem Golde und Silber hangen, das sie siehet gleisten, ob sie wol weiß und siehet, daß es nicht eine Stunde sicher ist vor Rost und Dieben. Aber wir predigen auch denensel- hen nicht. Wer sich nicht will an Christi Wort halten, und sich richten nach dem unsichtigen Schatz, der fahre immer hin, wir wollen niemand mit den Haaren herzuziehen. Aber siehe zu, wenn diß dazu kömmt, daß du sollst und mußt davon fahren, so russe denn deinen Schatz an, den du gesammlet hast und deinen Trost darauf gesetzt, und siehe, was du daran habest und dir damit geho-lfen sey. ' Aber es gehet, wie geschrieben stehet Ps. 76, 6. Die reichen Wanste, die dem Mammon gedienet hatten, da sie sollten sterben, da funden sie gar nichts. Das ist ja ein schrecklich Ding, daß die, so ihr gantzes Leben dem Mammon gedienet, und um seinetwillen manchem Unrecht und Schaden gethan und Gottes Wort verachtet, doch in der Noth nicht ein Haar breit konnten gemessen. Da werden ihnen erst die Augen aufgcthan, daß sie in eine andere Welt sehen und um sich tappen nach dem, was sie gesammlet haben zum Vorrath, so finden sie nichts und laßt sie mit Schanden leer hinfahren: so wird ihnen denn so angst und bange» daß sie darüber vergessen, was sie gesammlet haben, und im Himmel auch nichts finden. Und geschieht ihnen eben, wie Christus, Luc. 12, 19. 20., sagt von dem Reichen, der einmal einen köstlichen, guten Herbst erlebet hatte, daß er die Scheuren wollte abbrechen und grösser machen, und dachte, nun gute Tage zu haben, und sprach: Liebe Seele, du hast nun grossen Vorrath auf viele Jahre, iß und trinck und habe guten Muth. Siehe, das ist das Bauerliedlein, das alle Geitzwan- ste singen; aber was folget darauf? Du Narr, diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern und weß wird es seyn, das du bereitet hast? Also hat er beyde, diesen Schatz verloren und muß seines ge- sammleten Guts auch beraubet werden, und so schandlich, daß er auch nicht weiß, wer es kriegen soll. Denn so gehets in der Welt, weil man selten grosse Schatze göttlich zusammen bringet, daß sie es nicht müssen so wohl anlegen, als sie gerne wollten, oder jemand zu Nutze kommen, sondern so verstreben, daß es niemand weiß, wo es bleibet, wie ich bereits viel Auslegung der Bergpredigt Christi. 163 erlebet habe. Und sonderlich, wo ein Krieg angehet, da gehets nach Freuden und Wunsch, wie der Teufel will, daß es kriegen die Eisenfresser, denen es nie gedacht ist, und dazu den Leuten alle Plage dafür anlegen. Darum, wenn gleich einer lange sammlet und jemand fragt, we r es kriegen soll: so muß er sagen, er wisse es nicht, Pf 39, 8. Und kommt doch dahin, daß es nicht so gerüth, wie ers gedacht hat. Darum ist er ja ein grosser Narr, daß er alle seinen Trost und Heil darauf setzet und sich sein Lebtage mit solcher Sorge und Angst zumartert, und doch selbst nicht weiß, wem ers vorgesammlet hat; noch wills niemand achten. Denn der Menschen Blindheit und Bosheit ist zu groß, und die Welt will kurtzum Welt bleiben und die Plage haben, daß sie dem rostfressigen Schatz diene. Und wenn sie lange gedienet und Gott erzürnet hat, so muß sie zu Lohn haben, daß er am letzten nicht kann helfen und laßt sie das Nachsehen und dazu Spott und Schaden haben. Das laßt sie ihr nicht wehren, so wenig dem Feuer zu wehren ist, daß es nicht brenne, oder Wasser nicht lösche. Darum laß sie nur fahren, und wisse, daß diß dir, als einem Christen, gepredigt ist, daß du denckest, wo du deinen Schatz haben und finden sollest, da er dir gewiß ist und ewig bleibet, und nicht kann verrückt noch einem andern werden, und unterdeß des weltlichen Guts brauchest und gehen lassest, wie es gehet, als eine fahrende Haabe, und wo du so Schatze sammlest mit Gott und Ehren, so wird er auch zusehen, daß es bleibe, wo es bleiben soll, daß es dennoch unverloren sey, sondern wohl angelegt und viel Gutes damit geschaffet werde. Das beschleußt nun Christus mit einem Spruch und spricht: Wo dein Schatz ist, da wird auch dein Hertz seyn. Das ist gleich geredt, als wir Deutschen von einem Geitzwanst sagen: Geld ist sein Hertz, das ist, wenn er nur Geld hat, das ist seine Freude und Trost und Summa sein Gott; wiederum, wenn ernichts hat, das ist sein Tod, da ist kein Hertz, Freude noch Trost. Darum will er sagen: Sehet euch für und prüfet euer eigen Hertz, und wisset gewißlich, daß euer Hertz wird gar an dem Orte seyn, da euer Schatz ist, wie man auch sonst pfleget zu sagen: Was dem Menschen liebet, das ist sein Gott. Denn da tragt ihn sein Hertz zu, gehet Tag und Nacht damit um, schlaft und wacht damit, es sey Geld oder Gut, Lust oder Ehre. Darum siehe nur auf dein eigen Hertz, so wirst du bald finden, was darinne steckt und wo dein Schatz ist. Denn das ist ja wohl zu fühlen, ob du so grosse Lust und Fleiß dazu hast, daß du Gottes Wort hörest und darnach lebest und tl» 164 Auslegung der Bergpredigt Christi. jenes Leben erlangest, als wie du viel Gelds und Guts sammlest und vor dich bringest. Denn ist das Hertz so gesinnet und sich auch also beweiset, wo es zu beweisen ist, daß ich lieber nicht allein Geld und Gut, sondern auch meinen Hals verlieren wollte, denn das Evangelium lassen oder verachten, und dcmNächstcn Unrecht und Gewalt thun um meines Nutzens willen - so kann ich schliessen, daß Geld und Gut nicht meines Hertzens Schatz ist, ob ich gleich auch sammle und zu rathe halte, sondern, dasselbe frey in die Gefahr und Schantze gesetzt, nach einem andern Schatze trachte im Himmel, nemlich in Gottes Wort verborgen. Wiederum aber, wenns also um dich stehet, daß du lassest predigen, lehren und vermahnen, was man will, und gehest hin und denckest, wie du genug habest und deinen Pracht führest, nichts darnach fragest, ob du dem Nächsten recht oder unrecht thust, wenn du nur das Deine habest und deine Rechnung so machest, daß du mit einem Pfenning zween, ja zehen sammlest, Gott gebe, wo er mit seinem Wort und Predigern und die Welt mit ihrem Recht bleibe: da kannst du ja auch greiffen, daß dein Schatz nicht droben im Himmel ist, sondern bey dem Rost und Motten steckt, sogar, daß du lieber Gott und Welt erzürnest, ehe du wolltest dir einen Pfenning lassen abgehen und um ihrentwillen etwas lassen fahren; wie jetzt Bauer, Bürger, Adel, allenthalben unverschämt redet und lebt, die um eines Hellers willen dürfen Gottes und sein Weltregiment in die Schantze schlagen, auf daß ja dieser Spruch wahr bleibe und mit der That sie überweise, weil sie nicht wollen hören, noch ihnen sagen lassen. Denn es wird doch nichts anders draus, wenn wir uns gleich lange darum bekümmern und gerne anders sehen. Darum ist das beste, wenn mans ihnen gesagt hat, daß man sie lasse fahren und ja so sehr verachte und lache, als sie uns thun. Denn Gott spricht, Ps. 2, 4.S., er könne auch lachen und so lachen, daß es ihnen wird ein sauer Weinen werden, das heißt, er wird mit ihnen reden in seinem Zorn und in seinem Grimm wird er sie schrecken. 22. Das Auge ist des Leibes Licht, wenn nun dein Auge einfältig ist, so wird dein gantzer Leib Licht seyn. Das ist eine Warnung, daß wir uns nicht lassen betrügen durch die schöne Farbe und Schein, damit sich der Geitz kann schmücken und den Schalck decken. Denn, wie ich habe gesagt, es ist kein Laster unter allen leiblichen Lastern, das die Leute mehr bekreuzet und grössern Schaden thut, beyde, dem Evangelio und seinen Fruch- Auslegung der Bergpredigt Christi. 165 tcn. Denn es ist ein solcher Gesell, der da hindert, wo er kann und mag, daß das Evangelium nicht geprediget werde und den den Leuten bleibe. Und obs gleich geprediget wird, so sind doch die Prediger, so in den Geitz gerathen, auch kein nütze: also daß, beyde, der Leute halben, die es hören sollen und die es predigen sollen, gedampft wird, daß, die es wohl haben, wollen die Prediger nicht nähren und lassen sie ihrcnthalben wol Hungers sterben, und weil solches die Prediger sehen, geben sie sich auch darauf, daß sie nicht dürfen der Leute Gnade leben. Die sind denn viel schädlichere Feinde, denn die andern. Denn obgleich ein Bauer geitzig wird und nichts gibt, das Evangelium zu erhalten, kann dennoch ein Prediger ernähret werden, obs auch gleich kümmerlich zugehet. Aber wenn die Prediger selbst drein gerathen, so wird ihnen das Evangelium nicht schmecken, daß sie darum sollten etwas leiden und wagen, sondern werden ihre Rechnung darauf machen, daß ihrem Bauch nicht abgebrochen werde, und predigen, was man gerne höret und Geld trägt. Darum gibt St. Paulus diesem Laster den Namen sonderlich, daß es heißt ein Götzendienst, oder Abgotterey, als das stracks wider den Glauben gehet, welcher ist die rechte Gotterey, oder Gottes Ehre, Eph. 5, 5. Eol. 3, 5. Denn es machet den Mammon und ohnmächtigen Pfenning zu seinem Gott und Herrn; was der will, das thut er, so lebt und predigt er und ist gar sein eigen und gefangen, daß er nach Gottes Wort nichts mehr fragt und nicht einen Heller um seinetwillen in Gefahr setzet. Nun kann Christus nicht mehr dazu thun, denn daß er solche Laster strafet und dafür warnet, wer sich will warnen lassen, wie es denn wohl noth ist. Denn auch die Frommen sich schwerlich dafür hüten können, daß sie nicht betrogen werden. Aber die andern gehen sicher dahin, als gar darinne ersoffen, ungeachtet, was man predigt und sagt. Die Jüden waren auch solche Gesellen, in ihrem Geitz ersoffen, wie denn er sie immer mußte schelten: und alle Propheten, wenn sie vom Glauben ausgeprediget haben, so ist nichts, denn eitel Strafen und Schreyen über den Geitz, wider ihre Prediger und falsche Propheten eben sowol, als den gemeinen Haufen. Aber es half auch nichts, ohne bey wenigen, die noch dabey behalten wurden, um welcher willen Christus und wir alle noch müssen predigen, und die andern fahren lassen, weil sie wollen des Teufels seyn. Nun, diesen Spruch hat Christus auch mehr denn einmal gebraucht, als einen gemeinen Spruch, nicht allein auf den Geitz, sondern auch aus andere Stücks, sonderlich auf die Lehre. Denn in 166 Auslegung der Bergpredigt Christi. der Lehre gehets so zu, daß die Nottengcister und Lügenprediger vorgeben, sie meynens von gantzem Hertzen und rechtem Ernst, und suchen Gottes Ehre und der Seelen Heil, daß niemand so sehr rühmet und schwöret, als sie. Da halt er ihnen vor die Warnung: Siehe dich vor, daß dein Auge einfaltig und nicht ein Schalcksauge sey, das ist, daß deine Meynung und Rühmen recht und nicht ein heimlicher Schalck sey, und dich selbst nicht betrügest mit falschem Wahn und Gedancken. Deß müssen wir ein wenig weiter den Text ansehen und grob anzeigen mit Exempeln (wiewol es nicht möglich ist, alles zu erden- cken, wie mancherley sich der Schalck verdrehen und behelfen kann), auf daß man sich lerne dafür hüten. Denn es ist auch bey den Christen eine gemeine Anfechtung, daß niemand glaubt, daß so wenig Leute rein davon sind; denn die Heyden und andere machens fein grob, daß mans wohl greiffen kann. Daß nun Christus spricht: Das Auge ist des Leibes Licht, ist von dem natürlichen Leibe genommen. Wenn der kein Auge hatte, so hülfe keine Sonne, wenn sie noch hundertmal so helle schiene. Darum hat der Leib kein ander Licht, das ihn führen und weisen möge, denn das Auge; weil er damit sehen kann, darf man nicht sorgen, daß er muthwillig neben der Brücke in die Elbe fahre, oder durch Hecken oder Büsche gehe, oder ins Feuer, oder unter die Spiesse lauste; denn das Licht verwahret ihn wohl vor Gefahr und Schaden. Wer aber kein Auge hat, und soll gehen, der gehet über Holtz und Stein, bis er fallet und den Hals stürtzet, oder im Wasser ersauft; denn es ist kein Licht, sondern eitel Finsterniß da. Also (will er sagen) gehet es auch im Christlichen Wesen, sonderlich mit dem Geitz. Da siehe zu, daß dein geistlicher Leib habe ein Auge, das ist, eine rechtschaffene, gute Meynung und Verstand, daß du wissest, wie du glaubest und lebest, und nicht dich selbst verführest mit falschem Wahn und Dünckel. Als zum Exempel, wenn du so denckest: Ich will arbeiten und etwas thun, daß ich etwas erlange und mich nähre mit Weib und Kind, mit Gott und Ehren; und gibt Gott, daß ich meinem Nächsten auch kann dienen und helfen, das will ich gerne thun. Siehe das ist das Licht oder geistlich Auge, aus Gottes Wort, das dir zeiget, was deinem Stand zugeho- ret und dich weiset, wie du ihn führen und darinne leben sollst. Denn das ist recht und muß seyn, weil der Leib hier lebet, daß ein jeglicher etwas schaffe, daß er sich nähre und Haus halte. Aber da siehe nun zu, daß solch Auge nicht ein Schalck werde und dich betrüge, sondern daß du es thust einfältiger Meynung, und Auslegung der Bergpredigt Christ!. ib? allein das vorhabest, daß du arbeitest und thust, was dein Stand fordert, zur Nothdurft für dich und den Nächsten, und nicht unter solchem Deckel etwas anders suchest, nemlich, wie du deinen Geitz damit füllest. Denn darauf ist Fleisch und Blut ein Meister, das solches Lichts mißbrauchet und zum Schein vorwenden kann. Als wenns nun angehet, daß du etwa eine Nahrung vor dich bracht hast, daß dir solches geliebt, und nur denckest, wie du es bey einander behaltest und grosser machest, und wo du einen Gülden hast, noch gerne zehen dazu haltest: siehe, da lauft das Schalcksauge mit, das nicht allein sehet auf die Nahrung und Nothdurft, sondern auf seinen Geitz, und kann sich doch fein schmücken, daß es nicht den Geitz suche, sondern thue, was ihm Gott befohlen hat, und nehme an, was Gott gibt. Wohlan, da kann dir niemand ins Hertz sehen und dich richten; aber siehe du selbst zu, daß dein Auge nicht ein Schalcksauge sey. Denn es ist bald geschehen, und liebet machtig sehr; sonderlich wenn man fühlet, was es zutragt und gewinnt, so ist die Liebe durstig und wird nimmer satt, und die Natur ohne das sonst dazu geneigt; so kommt denn Huren und Buben zusammen, und gehet, wie es gehen soll, daß es wahr ist, wie man sagt: Vccasio isclt iurem, Geld macht Schalcke. Darum warnet Christus die Seinen so fleissig. Denn die Welt ist ein lauter Hurenhaus und gar in diesem Laster versenckt; und wir auch selbst darinnen müssen leben, und solche Exempel und Reitzung uns anficht, daß wir in grosser Gefahr stehen und wohl vorzusehen haben, daß wir uns den Teufel nicht lassen reiten. Wenn nun dein Auge einfältig ist, spricht Christus, so ist dein gantzer Leib Licht, das ist, alles, was du thust und lebst in ausserli- chem Wandel, nach deinem Amt und Stande, das ist alles rechtschaffen, gehet nach Gottes Wort, aus rechter Meynung, daß es leuchtet, wie die Sonne vor Gott und Menschen, und bestehet vor aller Welt, und ist alles, was du thust, köstlich, und kannst mit gutem Gewissen des zeitlichen Guts brauchen, als redlich und göttlich gewonnen. Wiederum, wenn dein Auge ein Schalck ist, daß du nicht darinn handelst, wie dein Amt und Gottes Befehl gibet, sondern teiltest aus der Bahn, und denkest nur, wie du deine Lust und Liebe zum Geld küssest: so ist dein gantzer Leib finster, und alles, was du thust, vor Gott verdammt und verloren, ob du gleich vor der Welt ein frommer Mann gescholten wirst. Denn der Leib lasset sich führen mit seinem gantzen äusserlichen Wesen und Leben, wie 168 Auslegung der Bergpredigt Christi. ein Blinder, und kann nicht anders gehen noch leben, denn wie das Auge führet. Also will er uns gewarnet und eines jeglichen Gewissen befohlen haben, daß er zusehe, wie seine Meynung und Hertz stehet, daß er ihm nicht selbst einen schönen und doch falschen Gedancken mache, als habe er gute, redliche Ursache und gut Fug und Recht, so zu scharren und geitzen, und Gott eine Nase drehe, als sollte er den Schalck nicht mercken. Als sollte er sagen: Du magst dich schmücken, wie du willt; aber betreugst du Gott, so hast du einen weisen, klugen und dazu einen erfahrnen Mann betrogen. Siehe aber, daß du dich nicht selbst bekreuzest, und aus deinem Licht ein Schalcks- auge werde, das dein gantzes Leben finster und bey Gott verdammt macht; denn er hat ein rein, scharf Gesicht, wird sich nicht so lassen tauschen mit deiner angestcichnen Farbe. Solche Warnung beschleußt er nun mit einem Drauwort, zu schrecken, daß man nicht so leichtlich brauche derselben schönen, gedichteten Meynung, und spricht (V.23): Wenn aber das Licht, das in dir ist, Finsterniß ist, wie groß wird die Finsterniß selbst seyn? Das ist, ob du dir wol kannst solche feine Gedancken schöpffen, du wolltest nicht sammlen zum Geitz, wie die andern, sondern wollest es so machen, daß du es vor Gott und der Welt vertheidigen könnest, daß es nicht soll gegeitzet heissen, und lebest doch eben also, und machest dir so ein eigen Licht im Hertzen: siehe aber eben zu, daß diß Licht auch nicht Finsterniß sey, nicht allein, daß es ein lauter Geitz ist im Hertzen, sondern auch, daß du es noch willst zudecken, als mit dem Licht, daß es nicht soll Geitz heissen, und also eine zwiefaltige Finsterniß wird, viel grösser, denn vor je. Gleichwie das eine grosse Finsterniß ist gewesen unter dem Pabstthum, so das Licht der Christlichen Lehre gar wegnimmt, daß sie nichts anders gelchret haben, denn durch Wercke Sünde wegnehmen und selig werden; aber wenn mans noch erst vertheidiget und rühmet, es sey die rechtschaffene, göttliche Lehre, und wer anders sagt, der sey ein Ketzer, 'der verbiete Gottesdienst und alle gute Wercke: da wird es erst stockfinster, daß man solche Finsterniß und Irrthum schmücket mit dem Namen der Wahrheit, und also die Finsterniß grösser macht durch das zugesetzte Licht. Eben als wenn man den Teufel kennet, daß er der Teufel ist, und machet einen Gott aus ihm: das heißt Finsterniß mit Finsterniß überzogen, und doch helle und Licht, ja die Sonne selbst seyn. So schleußt nun Christus: Wenn solche Meynung und Lehre, Auslegung der Bergpredigt Christi. 16g die man für Licht halt, selbst Finsterniß ist, wie groß wird dann die andere Finsterniß seyn, so diese mitbringt, nemlich, daß man diesel- bige Lehre treibt und darnach lebt? Also hier, wenn der Geitz bestanden-hat, daß er scharret und kratzet, der hat schon eine Finsterniß im Hertzen. Wo er aber zufahret und schmückt sich, daß es nicht gegeitzet Heisse, und nimmt also das Gewissen hinweg, daß man ihn nicht soll strafen, das heißt erst eine rechte doppelte Finsterniß. Gerade als ein Narr, der da will klug und seiner Thorheit ungestraft seyn, den heißt man erst einen grossen, groben Narr; oder eine scheußliche Metze, die da will schön seyn, und sich mit ihrem scheußlichen Muster herfürputzet, das ist erst noch schwacher und schandlicher gemacht. Und sind zwar alle Menschen also geschickt, daß niemand will seine Sünde gestraft haben, sondern machen alle einen Deckel, daß mans soll loben und für köstlich ansehen, und also aus einer schlechten Sünde eine zwiefaltige machen. Wo nun solches gerath in geistliche Sachen, da thuts dengrossen, mördlichen Schaden. Denn derselbe Stand kann nicht leichtlich rechte Maaß treffen; sondern, fallt man aufs Evangelium, so wird man wohl alzu milde mit Geben; wiederum, wo man davon fallet, so ist auch kein Aufhören mit Geitzen, wie es vorhin und bisher gangen ist; da man angefangen hat zu geben, ist es mit Haufen zugeschneyet, zu Kirchen, Gottesdienst und geistlichen Gütern, wie vorzeiten die Kayser und Fürsten guter Meynung gantze Lande dazu geschencket und gestifftet haben, jetzt aber wiederum schier niemand einen Heller gibt, und geitzet alles zu sich, als fürchte man Hungers zu sterben. So haben auch bisher die Mönche, Pfaffen und Domherren gethan, die niemand hat können erfüllen mit Geben. Hat einer gesammelt zwey, drey, vier Lehen, so hatte er gerne noch so viel gehabt, und doch alle den schönen Deckel geführt: Ob ich wol zur Noth genug hatte mit einem Pfründe, Pfarre oder Bißthum, doch gehört auch dazu, daß ich meinen Stand ehrlich führen könne, als ein Fürst, Edelmann, oder sonst ein Pralat. Da gehet dann Fenster und Thür auf, daß er scharret und nimmt, was er nur kriegen kann, alles dazu, daß er seinen Stand ehrlich fähre; und ist doch das Licht angezündet, daß es nicht mehr muß heissen seinen Geitz gesucht, sondern zu Erhaltung seines Standes gethan- Sobald kann man ein Glößlein finden, damit man dem Teufel ein Licht anstecke. Und ob man keinen andern Behelf hat, so muß eben das seyn, daß man sage: Ich will so mein Geld zusammen bringen, daß ich darnach Messen und Gottesdienste stisste, oder Almosen zu Erhaltung armer Leute:c. 17V Auslegung der Bergpredigt Christi. Das ist erst ein schon, groß Licht angezündet; da nehme man sich dann zu tode, und spreche immer: Ich meyne es gut. Und ist dann der alberne Mann, unser Herr Golt, aufs allerfeineste geteuschet, daß er solche geschwinde Griffe nicht sehen noch mercken kann, und kommen ihm in Himmel, ehe crs gewahr wird. Ich habe aber wohl auch viel gesehen, die also gesammlet, daß es bey eitel tausend Gülden da lag, aber darnach mit dem Gut hinwegstürben, daß niemand wußte, wo es blieben wäre; denn es war ergeitzet Gut, im Geitz mußte es auch bleiben, von Rost und Motten gefressen werden und nimmer zu rechtem Brauch kommen. Das sage ich für ein Exempel, daran man sehe, wie meisterlich Juncker Geitz sich schmücken und fromm machen kann, wenns ihm dazu kommt, und doch in der Wahrheit ein zwiefaltiger Schalck und Lügner ist. Denn was fragt Gott darnach, daß du willst einen herrlichen, rittermäßigen Stand führen, daß er ihm darum sollte lassen gefallen, also wider sein Gebot zu geitzen, und so leben, als wolltest du gerne alles allein zu dir reisten, deinen Pracht und Stoltz auszuführen, und darnach sagen: Du thust es um Gottes willen und der Kirchen zu Ehren, und wollest es mit Stifften und Gottesdienst bezahlen. Gerade als wenn dir einer dein Haus oder Kasten aufbrache, und nähme, was er finde, und wollte darnach sagen: er wollte eine Partecken davon zum Almosen geben: so gib von dem, was dein ist; denn er spricht: Ich bin dem Opsser feind, das vom Raube kommt. Hast du, so gib was du willst; hast du nicht, so bist du entschuldigt. Wenn du aber so geitzest und scharrest, daß du geben könnest, und vorwendest, du thust es darum: so ists nicht dein Ernst, sondern ein Licht, daß du dir selbst anzündest aus der finstern Latern, Gott und den Leuten eine Nase zu machen. Aber wer könnte es alles erdencken, was jetzt in allen Standen und Handeln solcher Tücke regieret und gebraucht wird? Denn was ist die Welt, denn ein grosses, weites, wildes Meer aller Bosheit und Schalckheit, mit gutem Schein und Farbe geschmücket, die man niminermehr ausgründen kann, sonderlich jetzt zur letzten Zeit, welches ist ein Zeichen, daß sie nicht lange stehen kann, und gar aus der Gruben gehet. Denn es gehet, wie man sagt: Je älter, je arger; je länger, je ärger! und wird alles so geitzig» daß schier niemand vor dem andern nicht Essen und Trincken kann haben, obgleich alles genug von Gott gegeben wird. Aber das ist der Lohn des Undancks und Verachtung, so man dem Evangelio erzeigt, wie ich gesagt habe. Wer vom Evangelio fällt, der muß so vom Teufel besessen werden, daß er nicht kann genug geitzen, gleich als wiederum, wer das Evan- Auslegung der Bergpredigt Christi. 171 gelium recht im Hertzen hat, der wird milde, daß er nicht alleine das Scharren laßt, sondern alles gibt und wagt, was er soll und kann. Wohlan, wir müssen doch die Welt lassen Welt bleiben, und ob sie lange alles zu sich geitzet, muß sie es doch zuletzt hinter sich und uns auch etwas lassen; oder ob wir gleich bey ihr müssen Armuth und Kummer leiden, so haben wir dennoch nicht übel getheilt, wie Jsaac und Jacob mit ihren Brüdern. Sie haben der Welt Gut und alle Freyheit vom Zwang und Plagen des Pabstthums, durch uns erworben, daß sie thun, was sie wollen. Das ist Jsmaels Theil, eine Flasche mit Wasser, die ihm Abraham an Hals hieng, und ließ ihn streichen. Wir aber haben ein ander Theil, das heißt geistlich Gut und himmlischer Segen, und sind also fein geschieden. Ihr groß Gut, das sie haben, lassen wir ihnen gerne, und wollens nicht, ob sie es uns gleich nachwürfen; wiederum, mögen sie der geistlichen Güter nicht, so wir haben. So behalten wir Grund und Boden, und das Erbe, das uns ewig bleibt, und lassen sie hoch trotzen mit ihrer Partecken, die heut oder morgen vergehet, und sie um derselben willen sich selbst unsers Erbes berauben, das wir ihnen doch gerne gönneten. Berauben sie uns dagegen ihres Theils, so haben wir allzeit so viel, daß wir uns des Schadens wohl erholen können. Deß laßt uns aber gewarnet seyn, daß wir nicht mit der Welt in das falsche Licht gerathen, das ist das Schalcksauge, welches das rechte Licht auslöschet, und zwiefache Finsterniß draus machet. Und siehe, daß der Geitz dich nicht auch betrete mit solcher süsser Meynung und schönerFarbe, daß du dich und deine Kinder wollest in einen hohen, ehrlichen Stand bringen, und nur viel mitgeben, ihren Stand zu bessern und erhöhen. Wie denn der Geitz je langer je weniger satt wird, sondern immer höher und weiter trachtet, und niemand sich laßt an seinem Stande genügen, sondern wer ein Bürger ist, wollte gerne einen riltermäßigen Stand führen, ein Edelmann wollte gerne Fürst seyn, und so fort, ein Fürst wollte gerne dem Kayser gleich fahren. Willst du aber recht fahren als ein Christ, so hüte dich vor solcher Meynung, als vor der schandlichsten Finsterniß, und richte deine Nahrung also, wo dich Gott segnet, daß dirs zuschlagt, daß dein Nachbar auch neben dir sich nähren und dein gemessen könne, daß du ihm deine milde Hand reichest. Denn wo du dich laßt das Schalcksauge betrügen, so hast du schon Gottes Wort verloren, als durch das Licht ausgetrieben, und kömmt eine dicke Finsterniß zur andern, das dich gar blind und verstockt macht, daß dir nicht mehr zu helfen ist. >72 Auslegung der Bergpredigt Christi. 24. Niemand kann zweyen Herren dienen, entweder er wird einen hassen, und den andern lieben. Da schleußt er aus der Maassen ein schrecklich Urtheil über die Geitzigen, zuvor über seine Juden, welche waren die rechten Eeitzwanstc, und doch wollten heilig seyn und grosse Gottesdiener, gleichwie unsere Pfaffen und Geistliche. Er will sagen- ihr mey- net, ihr seyd wohl dran und dienet Gott mit grossem Ernst, und seyd doch daneben geitzige Schelmen, daß ihr alles um des Mammons willen thut, ob ihr gleich auch Gott dienet. Es heißt aber also: Niemand kann zweyen Herren mit einander dienen. Wollet ihr Gottes Diener seyn, so konnt ihr dem Mammon nicht dienen. Das heißt er aber zween Herren, die da widereinander sind, nicht, die da miteinander regieren. Denn das ist nicht widereinander, wenn ich dem Fürsten oder dem Kayser, und Gotte auch diene; denn es gehet ordentlich von einem auf den andern, daß, wenn ich dem Untersten gehorche, so diene ich dem Obersten auch. Gleich als ein Hausvater seine Hausfrau oder Kinder zum Gesinde schickt, und durch sie befiehlst, was sie thun sollen; da sind nicht viel, sondern alles ein Herr und von einem Herrn. Wo aber zween Herren widerwärtige Befehle thun, die sind widereinander, als Gott und der Teufel. Gott spricht: Du sollst nicht geitzig seyn, noch einen andern Gott haben; so sagt der Teufel dagegen- Du magst wol gcitzen und dem Mammon dienen. Solches lehret auch die Vernunft selbst, daß es sich nicht leidet, zween ungleichen Herren zugleich dienen. Wiewol es die Welt meisterlich kann, und heißt auf Deutsch- den Baum auf beyden Achseln tragen, und kalt und warm aus einem Munde blasen. Aber dennoch ists nicht gedienet, und muß auch die Vernunft sagen, daß solche müssen Verrather und Schalcke seyn. Denn wie würde dirs gefallen, daß du sollst einen Knecht haben, der von dir Sold und Lohn nähme, und mit einem Auge auf einen andern sahe, und nichts darnach fragte, wie dirs gienge, sondern, wenn es heut oder morgen wollte übel gehen, daß er dorthin sprünge, und liesse dich sitzen. Darum ist recht gesagt- Wer da ein frommer Knecht ist und treulich dienen will, der muß sich nicht an zween Herren hangen, sondern so sagen: Ich bin an des Herrn Brod, dem will ich dienen, so lange ich bey ihm bin, und sein bestes verschaffen und an keinen andern kehren. Aber wenn er hier will austragen, und dort stehlen, da gehöret der Henckcr zu. Denn die Hühner soll man todtschlagen, die Heime essen gehen, aber anderswo Eyer legen. Also thaten die Auslegung der Bergpredigt Christi. i?Z Juden auch, meyneten, Gott sollte sie für grosse Heiligen halten, und sich wohl lassen gnügen, wenn sie im Tempel opfferten und schlachteten ihre Kalber und Kühe, ob sie gleich dieweil geitzeten, wo sie konnten, bis sie auch vor und in dem Tempel ihre Kramercy trieben und Wechselbancke ausrichteten, daß man nur flugs zutragen und niemand ungeopffert davon gehen sollte. Wider solche setzet nun Christus diesen Spruch, daß ihm niemand vornehme, daß er wolle Gottes und des Mammons Diener seyn. Es ist nicht möglich, seinen Dienst, so er gestisstet hat, zu erhalten, wenn du dem Mammon nach willst geitzen. Denn Gottesdienst ist, daß man allein an seinem Worte hange und alles daran setze. Wer nun darnach will leben und dabey bleiben, der muß kurtzum dem Mammon aufsagen. Denn das ist gewißlich, sobald ein Prediger oder Pfarrherr geitzig wird, so ist er kein nütze mehr, kann auch nichts Gutes predigen. Denn er muß sich scheuen und darf niemand strafen, laßt ihm schencken und das Maul stopf- fen, daß er die Leute lasse thun, was sie wollen, will niemand erzürnen, sonderlich was groß und gewaltig ist, und laßt also seinen Dienst und Amt anstehen, das da fordert, die Bösen zu strafen. Also auch, wenn ein Bürgermeister oder Richter, oder wer ein Amt hat, soll seines Amts warten, und zusehen, daß er recht gehe, so muß er nicht viel dencken, wie er reich werde und seinen Genieß davon habe. Ist er aber des Mammons Knecht, so laßt er sich stechen mit Geschencken, daß er blind wird, und siehet nicht mehr, wie man lebt. Denn er dencket-- Soll ich diesen oder jenen strafen, so wird man mir feind, und möchte das Meine drüber verlieren. Und ob er wol einen köstlichen Dienst hat, und sitzt in dem Amt, das ihm Gott befohlen und gegeben hat, kann ers doch nicht vollführen und treiben; das macht der Mammon, der ihm hat sein Hertz besessen. So gehets nun in der Welt allenthalben, daß sie meynet, es sey ein geringes und keine grosse Gefahr um den Mammon, und machet ihr einen schönen, süssen Gedancken, sie könne dennoch wohl Gott dienen; und ist doch eine schandliche Plage, dadurch der Teufel den Menschen blendet, daß er seines Amts und Diensts nicht mehr wahrnimmt, und gar im Geitz erstarret, allein darum, daß er Sorge hat, man werde ihn nicht ehren, geben oder schencken. Darum stellet Christus (wie gesagt) ein strenges Urtheil, daß man sich nicht mit solchen Gedancken betrüge und so gering in Wind schlage, sondern wisse, wer um des Mammons, Geldes oder Ge- niesses, und Ehre oder Gunst willen sein Amt nicht treibet, wie er 174 Auslegung der Bergpredigt Christi. wohl sollte, daß ihn Gott nicht will für seinen Diener erkennen, sondern als seinen Feind, wie wir hören werden. Wer aber im Gottesdienst will erfunden werden und sein Amt recht führen, daß er dencke und ein Mannshertze fasse, daß er die Welt mit ihrem Mammon verachten könne; aber nicht aus seinem Busen gewachsen, sondern vom Himmel gegeben, mit Bitten, daß Gott, der dir solch Amt gegeben und befohlen hat, auch nachdrücke und gebe, daß du es ausführen könnest; und lassests dich düncken, daß du nichts edlers noch bessers auf Erden habest und thun könnest, denn den Dienst, den du ihm thun sollst, und nicht groß achtest, ob du drüber Schaden leidest, oder zu Unrath kommst, und dich deß tröstest, daß du einem grössern Herrn dienest, der dich des Schadens wohl ergötzen kann, und besser ist, denn daß du solltest den ewigen Schatz verlieren um des geringen, zeitlichen Guts willen, das dir doch nicht helfen kann. Denn wenn du einen Herren wählen solltest, wolltest du nicht vielmal lieber dem lebendigen Gott, denn dem ohnmachtigen, todten Schelmen dienen? Siehe, so thut ein jeglicher Ehrist, der Gottes Wort hat, daß ers so ehre und halte, und sehe nicht an, obs die Welt verdreußt, oder kein Frommen davon hat, sondern ist so gesinnet: Da liegt Beutel und Taschen, Haus und Hof, hier aber mein Christus; soll ich nun eines verlassen und übergeben, so lasse ich jenes alles hinfahren, daß ich meinen Christum behalte. Das meynet Christus mit den Worten, daß man nicht könne zweyen Herren dienen. Denn es kömmt doch dazu, daß sich die beyde wider einander flössen, und einer dem andern weichen muß. Darum ists nichts, daß du dich schmückest mit solchen Gedancken, als wolltest du ste beyde zu Herren behalten, sondern mußt dich deß frisch erwegen, daß du einen lassest. Darum liegt es hier an dem Wortlein: dienen. Geld und Gut, Weib und Kind, Haus und Hof haben, ist nicht Sünde, allein, daß du es nicht lassest deinen Herren seyn, sondern lassest es dir dienen, und sey du sein Herr, wie man sagt von einem redlichen, seinen, milden Mann: Der ist seines Geldes ein Herr, nicht so unterworfen und gefangen, als ein karger Geitzwanst, der ehe Gottes Wort und alles laßt fahren, halt Hand und Mund inne, ehe er sein Geld in die Gefahr setzet. Das ist ein weibisch, kindisch und knechtisch Hertz, der um des schandlichen Mammons willen, deß er nicht darf brauchen noch gemessen, den ewigen Schatz verachtet und laßt, gehet doch dieweil sicher dahin, dencket, er könne zu Gottes Wort noch allzeit wohl kommen, reißt dieweil zu sich, was Auslegung der Bergpredigt Christi. 175 er kann, daß er ihm keinen Heller lasse abgehen um Gottes willen, bis so lange, daß er je tiefer im Geitz vcrsinckt, und je weiter von Gottes Wort kömmt, und zuletzt ihm gar feind wird. Denn Christus hat harte Worte gesetzet und das Urtheil dürre gesprochen, als er sagt: Entweder er wird einen hassen, und den andern lieben, oder wird einem andern anhangen, und den andern verachten. Das ist so viel gesagt: Die schandliche Liebe zu dem Mammon machet Gottes Feinde. Wie denn etliche unserer Pfaffen öffentlich sprechen: Es wäre wol eine feine Lehre, aber sie thut Schaden; darum ist man ihr feind, und nicht unbillig (wie sie meynen), denn sie gibt Ursache dazu. Aber der Mammon ist ein feiner Gott, der thut nicht Schaden in der Küchen, noch im Beu» tel. Darum scheidet sich hier die Liebe und Freundschaft über den Worten: Er wird einen hassen, und den andern lieben. Denn es sind zween Herren, die wider einander sind, und sich nicht in einem Hertzen leiden, so wenig als zween Wirthe in einem Hause, daß, wenns zum Tressen kömmt, da man einem dienen und anhangen soll, so muß man den andern erzürnen, oder fahren lassen. So kömmts denn gewißlich, weil man Geld und Gut liebet, daß man Gott feind wird. Das ist die liebe Frucht des Mammonsdiensts, als sonderlich jetzt zu sehen ist, da der Geitz so durch und durch regieret, daß es eitel Aussatz ist von Geitz, unter Adel, Bauer, Bürger, Pfaffen und Laien. Ist das nicht eine grosse Heiligkeit und schöne Tugend, daß man das beste Stück am Menschen Gott nimmt, und gibts dem Mammon? Denn das ist freylich der höchste Dienst, wozu das Hertz Liebe und Lust hat, da gehen alle Glieder und der gantze Leib hinnach, wie Christus droben (V. 21) gesagt hat: Wo dein Schatz ist, da wird auch dein Hertz seyn. Denn was einer lieb hat, dem laust er gewißlich nach, da redet er gerne davon, da ist alle sein Hertz und Gedancken. Daher auch Sanct Augustin sagt: Was mir liebet, das ist mein Gott. Daraus siehest du, was das für Leute sind, denen Christus den Tittel gibt, daß sie Gottes Feinde sind, die doch so grossen Gottesdienst vorgeben, als seine nächsten Freunde, aber im Grunde nichts sind, denn rechte Teufelsheiligen, die Gott und sein Wort und Werck von Hertzen hassen und verfolgen. Denn das heißt wahrhaftig, Gott gehasset, wenn man sein Wort hasset. Das gehet also zu. Wenn man den Menschen stra- fet um den Unglauben und Geitz, und hält ihm das erste Gebot für: Du sollst nicht andere Götter haben, das ist, du sollst dein 176 Auslegung der Bergpredigt Christi. Hertz, Lust und Liebe nirgendhin hangen, denn an mich! und er solch Strafen nicht will hören, noch leiden, hebt er an dawider zu scharren und toben, so lange, bis er gar im Hertzen durch bitter wird mit gifftigem Haß wider das Wort und seine Prediger. Darum stehet auch im Text der Zehen Gebote ein solch Dräuwort: Ich bin ein eifriger Gott, der da heimsuchet die Sünde der Vater an den Kindern derer, die mich hassen. Damit er eben dieselben Geitz- wanste und des Mammons Diener meynet, wie denn die Schrift den Geitz nennet Abgötterey, oder Götzendienst, Eph. 6, Z. Col. 3, Z. Noch wollen sie (wie gesagt) die größten Heiligen und Feinde der Abgötterey und Ketzer gerühmet seyn, und mit nichten den Namen tragen, daß sie Gott hassen, aber damit werden überweiset, daß sie nicht können Gottes Wort hören, noch sehen, wenn es ihren Geitz angreiffet, wollen schlechts ungestraft seyn; und jemehr man sie strafet und ihnen brauet, jemehr sie dazu lachen und spotten, und thun, was sie wollen, Gott und jedermann zuwider. Nun siehe, ist das nicht eine schandliche Plage und greuliche Sünde, die uns ja schrecken sollte, und machen, daß wir dem Mammon von Hertzen feind würden, und uns dafür segneten und flöhen, als vor dem Teufel? Denn wer wollte nicht erschrecken, daß er dahin fallen und solch Urtheil über sich hören sollte, daß er sollte Gottes Feind heissen, der ihn nicht allein verachtet, sondern wollte, daß Gott und sein Wort nichts wäre, daß er nur seine freye Lust und Willen möchte haben, Gott zu Leid und Verdrieß? Denn, rechne du, wie es einem solchen gehen wird, und was er vor einen Mann auf sich ladet, das ihm zuletzt wird viel zu schwer werden. Und solche sind zwar schon genug geplagt (wie der Text sagt) damit, daß sie so elende Leute sind, daß ihr Hertz, Lust, Liebe und Freude ist gar in das heimliche Gemach gesetzt, die da sollte im Himmel seyn, und bey dem, das Gottes ist. Wie könnte sich ein Mensch höher schänden, denn daß er seinen Trost von Gott wendet, der ihm alles Gutes gibt, und ja wohl verdient, daß man ihm hold sey, und stecket sich dem Teufel in Hintern, und seine Lust hat in seinem Stanck und Hölle, und sogar in die höllische Bosheit gerathen, daß er nicht allein Gottes Wort verachtet, sondern so «nördlich feind wird, daß er wollte, es wäre kein Gott? Das ist der Danck, den er hat von solchen Geitzwänsten, daß er ihnen taglich gibt Leib und Leben, Sonne und Mond, und dieselben Schatze, die sie haben. Aber, was sie daran gewinnen, das werden sie finden, und Habens zum Theil bereits, daß sie immerdar des Teufels Stanck und Unflath fressen müssen. Auslegung der Bergpredigt Christi. 477 Das ist ein Stück im Text, von dem Mammon geredt.- Ent« weder er wird einen hassen, und den andern lieben; das andere- oder wird einem anhangen (das ist Gott), und den andern verachten. Da spricht er nicht schlechts: Er wird einen lieben; sondern zeigt die That und Werck der Liebe mit dem Wort.- anbangen. Denn wer Gott und sein Wort soll lieben, dem wirds nicht so geringe ankommen, sondern ost widerwärtig unter Augen flössen, und eine solche Liebe werden, die ihm der Satan oft wird sauer und bitter machen. Darum geHort dazu, daß man könne vcst halten und hangen an Gottes Wort, und sich nicht lasse davon reisten, ob gleich sich unser eigen Fleisch und Exempel der gantzen Welt, samt dem Teufel dazu, dawider setzet, und sich unterstehet, uns zu nehmen. Und muß wahrlich ein Mann und ritterlicher Muth da seyn, der sich allein wider so viel Feinde setzen und bestehen soll; ja es muß eine grosse Brunst und Feuer der Liebe seyn, die so brenne, daß der Mensch alles kann lassen fahren, Haus und Hof, Weib und Kind» Ehr und Gut, Leib und Leben, ja dazu verachten und mit Füssen treten, daß er nur den Schatz behalte, den er doch nicht siehet und in der Welt verachtet ist, sondern allein im blossen Worte vorgetragen und mit dem Her- tzen geglaubet wird. Doch will er damit nicht, daß man nicht Geld und Gut haben und nehmen soll, oder, wenn mans hat, wegwerfen solle, wie etliche Narren unter den Philosophen und tolle Heiligen unter den Christen gelehret und gethan haben. Denn er läßts wol geschehen, daß du reich seyest, aber die Liebe will er nicht dran gehanget haben; wie David gelehret und mit seinem Exempel bewiesen hat: Fällt euch Reichthum zu (spricht er Ps. 62, lt.), so hänget das Hertz nicht dran. Das ist ein solcher Muth, der mitten im Geld und Gut, von Gort gegeben, kann das Hertz frey behalten, (welches die Welt nicht kann,) und wo es will sein Hertz an sich locken, (wie denn die schönen Gülden und meisten silbernen Becher und Kleinod freundlich anlachen,) und von Gottes Wort reisten: so kann crs mit Füssen treten und so sehr verachten, als die Welt dränget und dagegen den himmlischen Schatz verachtet. Summa, es muß ein Mann seyn, der des Mammons Herr sey, daß er ihm zu Füssen liegen müsse, er aber niemand unterworfen noch zum Herrn habe, denn GotteS Wort. Aber das ist dem Häuflein gepredigt, die da Christo gläuben und sein Wort für wahr halten; mit den andern wird nichts daraus. VI. 12 178 Auslegung der Bergpredigt Christi. 25. Darum sage ich euch, sorget nicht für euer Leben, was ihr essen und trincken werdet. Der Herr nimmt ihm Raum, und machet eine grosse, starcke Predigt wider dieses schandliche Laster, weil es gemeiniglich neben dem Evangelio gewaltiglich einreistet, und nicht allein die Welt, sondern auch die Christen sehr anfichtct, sonderlich aber die, so da Gottes Wort predigen sollen, und um desselben willen in allerley Gefahr sitzen, verachtet und verdruckt von der Welt, daß sie nach dem Fleisch wohl Ursache hatten, zu sorgen, Denn wer ein Christ will seyn und seinen Herren bekennen, der macht ihm den Teufel (der ein Fürst der Welt ist,) zum Feinde; darum setzet er ihm zu und greiffet ihn an, nicht durchs Wort und Glauben, sondern dadurch, daß er unter seinem Reiche und Gewalt ist. Nun baben wir unsern faulen Sack, Fleisch und Blut, noch in seinem Reiche, das kann er wohl plagen und in Kercker werfen, Essen und Trincken und Kleider nehmen- also, daß wir mit allem, so wir haben, stets müssen in solcher Gefahr stehen. Dagegen dencket denn Fleisch und Blut, wie es auch soviel vor sich bringe, daß es vest sitzen und der Gefahr überhaben seyn möchte. Also hebt sich die Anfechtung, die da Heisset Sorge der Nahrung. Wiewol es die Welt nicht für eins Anfechtung, sondern mehr für eine Tugend halt, und solche Leute lobet, die da können nach grossem Gut und Ehren trachten. Und hier hörest du, was da sey - dem Mammon dienen, nem- lich, daß es heißt, sorgen für das Leben und unsern Leib, was wir essen und trincken, um und anhaben sollen, das ist, nur auf diß Leben dencken, wie wir hier reich werden, Geld und Gut sammlen und mehren, als sollten wir ewig hier bleiben. Denn das ist nicht Sünde, noch dem Mammon gedienet, daß man isset und trincket und sich kleidet, wie die Nothdurst des Lebens und Leibes fordert, daß er sein Futter und Decke habe, auch nicht, daß man Nahrung suchet und erwirbt; sondern, daß man darum sorget, das ist, des Hertzens Trost und Zuversicht darauf stellet. Denn Sorge steckt nicht im Kleid oder in der Speise, sondern mitten im Hertzen; das kanns nicht lassen, es will sich daran hangen, wie man spricht - Gut macht Muth! also, daß Sorgen eben soviel heißt, als, mit dem Hertzen dran hangen. Denn was das Hertz nicht meynet und lieb hat, da sorge ich nichts für, und wiederum, wofür ich sorge, da muß ich ein Hertz zu haben. Doch mußt du auch nicht den Text so enge spannen, daß damit verboten sey, allerdings für nichts zu sorgen. Denn ein jeglich Amt oder Stand bringt mit sich, daß man desselben Sorge trage, Auslegung der Bergpredigt Christi. 179 sonderlich, wer andern Leuten vorstehet, wie St. Paulus, Rom. l2, 8., von geistlichen Aemtern in der Christenheit sagt: Wer da regieret, der sey sorgfältig. Also muß ja ein Hausvater sorgen für seine Kinder und Gesinde, daß sie wohl gezogen werden, und thun, was sie sollen, und wo ers nicht thut, thut er unrecht. Desgleichen eines Pfarrherrn oder Predigers Sorge ist, daß die Predigt und Sacramente recht geden und getrieben werden, daß er die Betrübten und Krancken tröste, die Bösen strafe, für allerley Noth bete u. s. w- Denn ibm ist befohlen, die Seele zu warten und zu regieren. Also muß ein Fürst und andere Obrigkeit in welllichem Regiment sorgen, daß es recht zugehe, wie sein Amt fordert. Der- massen auch wiederum sollen die Unterthanen sorgen, daß sie ihren Gehorsam treulich leisten und ausrichten, die Knechte und Mägde, daß sie ihren Herren wohl dienen und ihren Schaden bewahren. Von dieser Sorge redet hier Christus nicht; denn es ist eine Amtssorge, die weit zu scheiden ist vom Gcitz. Denn sie sorgen nicht um ihren, sondern um des Nahesten willen, suchet nicht das Ihre, ja läßt wol dasselbe anstehen und fahren und dienet einem andern: daß es heißt eine Sorge.der Liebe, die da göttlich und Christlich ist, nickt des Eigennutzes oder Mammons, welche ist, beyde, wider den Glauben und Liebe, und eben die, die da hindert die Sorge des Amts. Denn wer das Geld liebet und nach seinem Nutzen kracktet, der wird sich des Nähesten oder seines Amts, gegen den Rähesten gerichtet, nicht groß annehmen; wie man bisher an unsern Geistlichen gesehen hak, welche gar nichts dafür gesorget haben, wie sie den Seelen recht vorstünden, sondern alle ihr Ding allein dahin gerichtet ist gewesen, daß ihnen alle Welt genug zutrüge, und was ihnen nicht Geld tragen wollte, haben sie fein lassen anstehen: daß auch ihr keiner einem andern ein ?aler uoster umsonst gesprochen batte. Aber ein frommer Prediger sorget nur dafür, daß er sein Amt recht ausrichte, damit den Seelen geholfen werde, achtet nicht, ob er nicht viel davon kriegt, ja allerley dazu leiden muß, und sich mit Schlangen beissen, die Welt und Teufel zu Feinde haben, lässets Gott befohlen seyn, wo er zu essen kriege, tröstet sich aber eines andern Schatzes (darum er solches alles tbut) in jenem Leben, welcher so groß ist, daß alle Unglück, so er hier leidet, viel zu geringe dagegen sind, Röm. 8, 18. Weil er nun solche Sorge des Geitzes und Mammonsdienst verboten hat, als abgöttisch und die Gottes Feinde machet, fähret er fort, und führet viel Sprüche, Exempel und Gleichniß dazu, daß er uns desto mehr den Geitz verleide, und will ihn so schändlich 12* 180 Auslegung der Bergpredigt Christi. mahlen, daß wir ihn mochten anspcyen, und spricht erstlich: Ist nicht das Leben mehr, denn die Speise, das ist, könnet ihr und müßt Gott euer Leben, Leib und Seele vertrauen, und stehet nicht in euerer Macht, eine Stunde lang zu erhalten, was seyd ihr denn für Narren, daß ihr ihm nicht wollet euers Leibs Nothdurft vertrauen, daß er euch Essen und Trincken schassen werde? Denn wie kann man grössere Narrheit erdencken, daß einer feindlich sorget, wo er Essen und Trincken nehme, und nicht sorget, wo er Leib und Leben nehme, oder diese Stunde erhalte? Gerade, als wenn einer sorgete, wie er sein Haus köstlich schmückte, und wüßte doch niemand, der drinnen wohnen sollte, oder, wie er viel und köstlich Essen in der Küchen zurichtete, und hatte doch niemand, der davon essen wollte. Eben so thun wir mit unserm Geitzen, daß wir für das Geringste sorgen, und an das Grosse nimmer gedenckcn. Das heißt recht unnütze und übrige, ja thörichte Sorge. Und wenn wir gleich viel wollten sorgen für Leib und Leben, so ist doch nichts damit ausgerichtet! denn es stehet keinen Augenblick in unserer Macht nicht, eben so wenig, als wenn jemand sich wollte zu Tode sorgen, wie das Korn auf dem Felde sollte wachsen, das er nicht gesaet hat, oder wo das Silber im Bergwerck sollte liegen, das er nicht hingelegt hat. Weil wir denn in unserm gantzen Leben müssen die Sorge lassen anstehen, und dasselbe ohne unsere Gedancken und Zuthun alle Stunden von Gott erhalten wird, was wollen wir denn mit der thörichten Sorge uns plagen für die geringen Partecken, als könne oder wolle er uns nicht Futter und Decke geben? Sollten wir uns doch schämen, daß ein Mensch sollte von uns sagen, daß wir solche Narrheit treiben. Noch ist unser Wesen nicht anders, sonderlich der grossen, reichen Wanste, denn solcher Narren, die ewig sorgen, daß sie nur die Küche voll haben und aufs reichlichste lassen auftragen, und doch keinen Tisch noch Gast haben; oder die viel herrliche Betten lassen bereiten, und niemand baben, drein zu legen. Eben als, so ein Schuster sein Lebtage nichts anders thäte, denn daß er seine Werckstatt voll Schuhleisten machete, und doch nimmer dran dachte, wo er Leder nebme, einen Schuh zu machen: sollte man dem nicht, als toll und thöricht, zum Lande ausleuchten. Siehe, so zeiget uns Ehristus, was wir vor thörichte Leute sind, die wir uns billig sollten selbst anspeyen, und nichts desto weniger in solcher Blindheit dahin gehen, ob wir gleich vor Augen sehen, daß wir für unsern Leib und Leben nicht können sorgen. Und wenn wir dafür sorgeten, so müßten wir eben damit Christen Auslegung der Bergpredigt Christi. 18t werden und dencken: Siehe, ich habe mein gantzes Leben nicht einen Augenblick in meiner Hand; weil ich denn Gott mein Leib und Leben vertrauen muß, was will ich denn zweifeln und sorgen, wie der Bauch einen Tag oder zween ernähret werde. Gleich als wenn ich einen reichen Vater hatte, der mir gerne tausend Gülden schenckte, und wollte ihm nicht vertrauen, daß er mir einen Groschen zur Nothdurft gebe. 26- 27. Sehet die Vogel unter dem Himmel an, sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheuren, und euer himmlischer Vater ernähret sie doch. Seyd ihr denn nicht viel besser, denn sie? Wer ist unter euch, der seiner Länge eine Elle zusetzen möge, ob er gleich darum sorget? Da setzet er ein Exempel und Gleichniß zu der Vermahnung, zu Hohn, Spott und Schanden dem leidigen Geitz und Bauchsorge, daß er uns ja davon reisse, und zeige, was wir doch selbst sind: daß wir uns in unser Hertz schämen müssen, dieweil wir ja viel höher, edler und besser sind, denn die Vögel, als die wir Herren sind, nicht allein der Vögel, sondern aller lebendigen Creaturen, und alle Dinge uns zu Dienst gegeben und um unsertwillen geschaffen sind; und doch nicht so viel Glauben haben, daß wir uns trauen mit solchem allen zu ernähren, das Gott uns eingethan und geben hat, so er doch den kleinsten Vögelein, ja den allergeringsten Würmlein, als unsern geringsten Knechten, ohne alle ihr Sorgen und Dencken täglich ihre Nahrung und Speise gibt, die doch gar nichts sammle», noch Vorrath schassen, weder säen, noch, wenns gesäet ist, einernten können. Ist es nun nicht Blutschande, daß wir dem Gott, der uns alle Ercaturen geben und eingethan hat, und alle Jahr soviel wachsen läßt, daß wir jährlich gnug zu säen und vielfältig mehr einzuernten haben, nicht können unsern Bauch vertrauen ohne Sorge und Geitz? Denn, sollte jemand sorgen und sammle», so sollten es die Vögelein thun, weil sie solches nicht können, und (sollten) dencken, wenn der Sommer kömmt: Siehe, nun säet alle Welt ihr Korn, daß sie auf den Sommer mögen wieder einsammlen: jetzt, oder auf den Herbst, erntet und sammlet jedermann, und wir alle haben nicht ein Körnlein zu säen, noch einzuführen; wo wollen wir das Jahr über, sonderlich im kalten Winter, zu essen nehmen, Wenns alles eingeführt ist und nichts auf dem Felde stehet? Was würden wir Menschen thun, wenn wir auf einen Sommer nicht zu säen hätten? Ja, wenn wir aus vierzehen Tage nicht Verrath t82 Auslegung der Bergpredigt Christi. wüßten, wie würde du alle Welt verzweifeln, als müßten wir allesamt Hungers sterben? Nun fliegen die lieben Vogelein in der Lusst Sommer und Winter, singen und sind fröhlich, kümmern und sorgen nichts überall, so sie doch nicht wissen, wo sie morgen sollen zu essen kriegen; und wir leidigen Geitzwanste können des Sorgens nickt lassen, wenn wir gleich Boden und Scheuren voll haben und das Korn so reichlich auf dem Felde sehen wachsen. Siehe, also macht er die Vogelein zu Meistern und Lehrern^ daß ein ohnmachtiger Sperling zu unserer grossen, ewigen Schande im Evangelio stehen muß als des allerweisesten Menschen Doctor und Prediger, und taglich vor unsere Augen und Obren solches vorhalten, als wollte er zu uns sagen: Siehe, du elender Mensch, du hast Haus und Hof, Geld und Gut, und jahrlich den Acker voll Korns und allerley Gewächs, mehr, denn du darfst; noch kannst du nicht Friede haben, und hast immer Sorge, du werdest Hungers sterben. Und wo du nicht Vorrath siehest und vor dir weißt, kannst du Gott nicht vertrauen, daß er dir einen Tag zu essen gebe, so doch unser so unzahiich viel ist, deren keines sein Lebtag einmal sorget, und doch Gott taglich uns ernähret. Summa, wir haben so viel Meister und Prediger, als Vogelein in der Lusst, die mit ihrem lebendigen Exempel uns zu schänden machen: daß wir uns sollten schämen und nicht dürfen die Augen aufheben, wenn wir einen Vogel singen höreten, als der Gottes Lob und unsere Schande gen Himmel schreyet; noch sind wir so steinhart, daß wir uns nicht einmal dran kehren, ob wir sie gleich taglich mit grossem Haufen solches predigen und singen hören. Ja siehe, was sie mehr thun, die lieben Vogelein, wie gar ohne Sorge sie leben, und allein aus Gottes Hand ihre Nahrung warten. Wenn man sie einsperret, daß sie singen sollen, und schüttet ihnen vollauf zu essen für, daß sie sollten dencken: Nun habe ich genug, daß ich nicht sorgen darf, wo ich zu essen nehme; denn ich habe nun einen reichen Herrn, und meine Scheuren voll! das thun sie nicht, sondern sind viel lieber frey in der Lusst, werden auch fetter, und singen feiner und lieblicher ihrem Herrn I^sucles und Metten, des Morgens frühe, ehe sie essen, und weiß doch ihr keiner ein Kornlein im Vorrath, machen ein schönes, langes Rene- elicite, und lassen unfern Herrn Gott sorgen, auch wenn sie Junge haben, die sie nähren sollen. Darum, wenn du eine Nachtigal hörest, so hörest du den feinsten Prediger, als der dich dieses Evan- gelii vermahnet, nicht mit schlechten, blossen Worten, sondern mit der lebendigen That und Exempel, weil sie die gantze Nacht singet, Auslegung der Bergpredigt Christi. 183 und gellet sich schier zu Tode, und ist fröhlicher im Walde, denn wenn sie im Vogelbauer gefangen ist, da mans mit allem Fleiß warten muß, und doch selten gedeyet oder lebendig bleibt; als sollte es damit sagen: Ich wollte viel lieber in des Herrn Küche seyn, der Himmel und Erden geschaffen hat, und selbst Koch und Hauswirth ist, und taglich unzahlig viel Vögelein speiset und ernähret aus seiner Hand, und nicht einen Sack voll, sondern Himmel und Erden voll Körnlein hat. So spricht nun Christus: Weil ihr solches taglich vor Augen sehet, wie der himmlische Vater die Vögelein auf dem Felde nähret, ohne alle ihre Sorge, könntet ihr ihm denn nicht soviel trauen, daß er euch auch ernähren werde, weil er euer Vater ist und euch seine Kinder heißt? Sollte er nicht vielmehr für euch sorgen, die er zu Kindern gemacht und sein Wort und alle Creaturen gibt, denn für die Vöqelein, die doch nicht seine Kinder sind, sondern eucre Knechte, und er sich doch ihr so hoch annimmt, daß er sie taglich speiset, als hatte er allein für sie zu sorgen? Und hat ein Gefallen dran, daß sie sogar ohne alle Sorge daher fliegen und singen, als sollten sie sagen: Ich singe und bin fröhlich, und weiß doch kein Körnlein, daß ich essen soll; mein Brod ist noch nicht gebacken, mein Korn noch nicht gesaet, aber ich habe einen reichen Herrn, der für mich sorget, dieweil ich singe oder schlafe; der kann mir mehr geben, denn alle Menschen und ich mit unserm Sorgen vermöchten. Weil nun die Vögel die Kunst können, daß sie ihm sogar vertrauen, und die Sorge von sich auf Gott werfen: so sollten ja wirs, die wir seine Kinder sind, vielmehr thun. Darum ist es ja ein trefflich Exempel, das uns alle zu schänden machet, daß wir, die vernünftige Leute sind und dazu die Schrift zuvor haben, nicht soviel Weisheit haben, daß wirs denen Vögeln nachthun könnten, und müssen taglich so viel Schande hören vor Gott und denen Leuten, so viel wir Vögelein singen hören. Aber der Mensch ist toll und thöricht worden, nachdem er von Gottes Wort und Gebot gefallen ist, daß Hinsort keine Creatur lebt, die nicht klüger sey, denn er, und ein kleines Zeisichen, das weder reden noch lesen kann, sein Doctor und Meister ist in der Schrift, ob er wol die gantze Bibel und seine Vernunft zu Hülfe hat. Das ist das erste Gleichniß; daran hanget er einen Spruch aus unserer eigenen Erfahrung, und zeiget, daß doch unser Sorgen umsonst sey und nichts schafft: Wer ist unter euch (spricht er), der seiner Lange eine Elle zusetzen möge, ob er gleich darum sorget? Wenn ein Mensch nicht ehe sollte groß werden, t84 Auslegung der Bergpredigt Christi. denn durch sein Sorgen, wie groß würden wir alle wachsen, oder, was hülfe es, daß ein klein Zwerglein sich zu Tode sorgete, wie er wollte grösser werden? Was thust du denn mit Sorgen, wo du Essen und Kleider nehmest?. Gerade, als stünde es in deiner Gewalt, deinen Leib so groß und lang zu machen, wie du wolltest. Ist doch dein Leib mit alle seinen Gliedern gemessen und hat seine Lange und Breite, daß du ihn nicht anders machen kannst, und dir Trotz geboten ist, daß du ein Haar breit langer machest. Was bist du denn für ein Narr, daß du sorgest für das, so nicht in deiner Macht stehet und schon von Gott abgemessen ist, beyde, Zeit und Maaße, wie lang dein Leib und Leben wahren soll, und kannst ihm nickt vertrauen, daß er dir auch Speise und Kleider schaffen werde, so lange du hier zu leben hast? 28 — 20. Und nun, warum sorget ihr für die Kleidung? Schauet die Lilien auf dem Felde, wie sie wachsen. Da hast du noch ein Exempel und Gleichniß, darinn die Mümlein auf dem Felde, die von den Kühen zutreten und gefressen werden, müssen auch unsere Doctores und Meister werden. Denn siehe, wie sie daher wachsen, so schön geschmückt mit Farben, und doch ihr keines sorget noch dencket, wie es wachsen, oder was es für ein Farblein kriegen soll, sondern läßt Gott dafür sorgen. Und ohne alle sein Sorgen und Zuthun kleidet es Gott mit so schöner, liedlichen Farbe, daß Christus sagt- daß der König Salomo mit aller seiner Herrlichkeit sey nicht so schöne gewesen, als derselben eines, ja keine Käyserin mit ihrem gantzen Frauenzimmer, mit alle ihrem Golde, Perlen und Edelsteinen. Denn er weiß keinen König zu nennen, der da reicher, herrlicher und schöner geschmückt gewesen sey, denn Salomo; noch ist der König mit alle seiner schönen Pracht und Schmuck nichts gegen eine Rose, oder Negelblume, oder Viole auf dem Felde. Also kann unser Herr Gott schmücken, wen er schmücken will, daß es geschmückt heißt, und kein Mensch solche Farbe machen kann noch mahlen, und keinen andern noch schönern Schmuck wünschen noch kriegen könnte; und wenn man sie gleich mit eitel Gold und Sammet behienge, noch würde sie sagen.- Ich will lieber, daß mich der Meister schmücke droben im Himmel, der auch die Vögelein schmücket, denn alle Schneider oder Seidensticker auf Erden. Weil er nun soviel Blümlcin kleidet und schmücket mit mancherley Farben, daß jegliches seinen eigenen Rock anhat und damit daher pranget über aller Welt Schmuck, warum können wir denn ihm nicht glauben, daß er uns auch kleide» werde? Denn was sind Auslegung der Bergpredigt Christi. 185 die Blumen und Gras auf dem Felde gegen uns? Oder wozu sind sie geschaffen, denn daß sie einen Tag oder zween dastehen, und lassen sich sehen, darnach verwelcken und zu Heu werden, oder, wie Chriüus sagt, in den Ofen geworfen werden, daß man damit Feuer machet und den Ofen heitzet? Noch nimmt sich unser Herr Gott solches vergänglichen und geringen Dings so hoch an, und wendet so viel Kost drauf, daß crs schöner schmücket, denn keine Könige und Menschen auf Erden, so sie doch solches Schmuckes nicht bedürfen, und gar an ihnen verloren ist, als der bald dahin gehet mit der Blume. Wir aber seine höhefte Creatur, um welcher willen er alle Dinge geschaffen hat, und uns alles gibt, und ihm so viel an uns gelegen ist, daß es nicht mit diesem Leben ein Ende mit uns soll nehmen, sondern nach diesem Leben das ewige Leben will geben: die sollen ihm nicht soviel vertrauen, daß er auch uns kleiden werde, wie er die Blumen auf dem Felde und Vögel in der Lusst mit mancherley schönen Farben und Federn kleidet. Das ist ja nehrlich geredt und unsern Glauben schandlich abgemahlet, daß ers nicht höhnischer machen könnte. Aber es ist der leidige Teufel, und der schreckliche Fall, den wir gethan haben, daß wir müssen sehen die gantze Welt voll solcher Exempel der Vögel und Blümlein wider uns, die mit ihrem Exempel und Anblick unsern Glauben strafen und werden unsere Höhesten Doctores, singen und predigen uns, und lachen uns so lieblich an, daß wir nur glauben sollen. Noch gehen wir dahin, lassen uns predigen und singen, scharren und geitzen immer für uns hin, aber uns zu ewigen Schanden und Schaden, daß ein jeglich Blümlein vor Gott und allen Creaturen bis an Jüngsten Tag wider uns zeuget und unsern Glauben verdammet. Darum beschleußt er nun diese Predigt für seine Christen. 31. 32. Darum sollet ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trincken? Womit werden wir uns kleiden? Nach solchem allen trachten die Heyden; denn euer himmlischer Vater weiß, daß ihr deß alles bedürfet. Weil ihr solch Exempel taglich sehet vor Augen, auch an allem, was da lebt und aus der Erde wachst, wie es Gott alles nähret und speiset, und aufs allerschönste kleidet und schmücket: so laßt euch doch bewegen, daß ihr die Sorge und Unglauben wegleget, und dencket, daß ihr Christen und nicht Heyden seyd. Denn solch Sorgen und Geitzen gehöret denen Heyden zu, die von Gott nichts wissen, noch nach ihm fragen, und ist ein rechter Götzendienst, wie tkö Auslegung der Bergpredigt Christi. St. Paulus sagt, Col. 3, 5. und droben, da ers heißt dem Mammon gedienet. Darum ist ein jeglicher Geitzwanst kein Christ, ob er gleich getaust ist, sondern hat gewißlich Christum verloren und ist zum Heyden worden. Denn die zwey leiden sich nicht miteinander, gei- tzen, oder sorgen, und glauben; eines muß das andere ausbeissen. Nun ist den Christen, die das Wort hören und wissen, keine grössere Schande vor Gott und allen Creaturen, denn daß sie den Heyden gleich sollen seyn, als die nicht glauben, daß sie Gott ernähre und alle Dinge gebe, und also zurückfallen von Gott, den Glauben verleugnen, und sich weder an sein Wort, noch an solch sichtig Exempel kehren. Das ist ja ein hart Urtheil, das einen jeglichen billig erschrecken sollte. Denn es ist kurtz beschlossen, daß ein Ebrist dencke und des Geitzes Sorge lasse, oder wisse, daß er kein Christ, sondern zehenmal arger ist, denn ein Hevdc Zudem (spricht er), weil ihr Christen seyd, so dürfet ihr nicht dran zweifeln, daß euer Vater wohl weiß, daß ihr solches alles bedürft, nemlich, daß ihr einen Bauch habet, der da Essen und Trincken, und einen Leib, der Kleider haben muß. Wenn ers nicht wüßte, so hattet ihr Ursache, zu sorgen und dencken, wie ihr euch selbst ernahretet; nun ers aber weiß, so wird er euch ja nicht lassen. Denn er ist ja so fromm, daß ers gerne thut, und sonderlich euch Christen, weil er (wie V. 26. gesagt ist) auch für die Vögel in der Luft sorget. Darum lasset ihr die Sorge anstehen; denn ibr richtet doch nichts damit aus. Es liegt nicht an eurem Sorgen; sondern an seinem Wissen und Sorgen. Sollte nicht ehe etwas auf dem Felde wachsen, denn wir dafür sorgen, so waren wir alle in der Wiegen gestorben, und müßte noch keine Nacht nichts wachsen, wenn wir liegen und schlafen. Ja, sollten wir uns alle zu Tode sorgen, so wachset kein Halm auf dem Felde von unserm Sorgen, müssen selbst sehen und greiffen, daß Gott alles ohne unser Sorgen gibt; noch sind wir so heillose Leute, daß wir des Sorgens und Geitzens nicht lassen wollen, noch Gott die Sorge rein lassen, dem sie allein gebührt, als einem Vater für seine Kinder. 33. Trachtet am ersten nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit. Der Herr hat wohl gesehen, als ich gesagt habe, daß kein Laster unter den ausserlichen groben Stücken so greulich wider das Evangelium strebet und Gottes Reich hindert, als der Geitz. Denn sobald als ein Prediger darnach trachtet, wie er reich werde, so treibt er sein Amt nicht mehr recht; denn sein Hertz ist gefangen Auslegung der Bergpredigt Christi. 167 in der Sorge der Nahrung, als in einem Strick, wie es St. Paulus mnnct, 1. Tim. 6, 9., daß er nicht kann lehren noch strafen, wie und wo er soll, besorget, er möchte Gunst und Freundschaft verlieren be» denen, deren er kann gemessen, laßt sich also verführen, daß er schweigt, und verführet andere Leute mit ihm, nicht durch Ketzerei), sondern durch seinen eigenen Bauch, der sein Abgott ist. Denn wer ein rechter Prediger will seyn und sein Amt treulich führen, der muß die Freyheit bey sich behalten, daß er ungescheuet die Wahrheit sage, niemand angesehen, und strafe, wo z i strafen ist, Groß und Klein, Reich, Arm, Gewaltige, Freunde und Feinde. Das thut der Gcitz nicht; denn er fürchtet, sollte er grosse Hansen, oder gute Freunde erzürnen, so würde ihm an Brod abgehen. Darum zeucht er die Pfeife ein und schweiget. Deßgleichen auch der gemeine Haufe, was nicht Prediger sind, sondern Gottes Wort hören sotten und Gottes Reich helfen fördern, ein jeglicher in seinem Stand und Leben, wollen um des Evangelii willen keine Gefahr noch Mangel warten und leiden, sondern vor allen Dingen sehen, daß sie gnug haben und ihren Bauch versorgen, Gott gebe, das Evangelium komme hernach, oder bleibe hahinten; gehen also hin, scharren und kratzen, wie sie können, geben den Predigern nichts, nehmen ihnen wohl dazu, was sie haben So gehets denn nach des Teufels Willen, baß niemand mehr predigen, noch hören will, und also beyde, die Lehre und ihre Früchte, in der Leute Hertzen untergehen und Gottes Reich gar dahin fallt. Das thut allein der schandliche, teufelische Mammon. Siehe, darum warnet der Herr Christus die Seinen so treulich dafür durch so lange Predigt. Und daß man sich desto bas dafür hüten könne, zeigt er mit diesen Worten gar eine kraftige Artzeney dawider, wie man ihm thun soll, daß man der Sorge nicht dürfe, und doch gnug, ja vielmehr und trefflichern Schatz habe, denn uns der Mammon kann geben und wir mit unserm Sorgen können kriegen, die heißt nun- Gottes Reich suchen. Es liegt aber daran, daß man wohl ins Hertz bilde, was Gottes Reich sey und gebe. Denn wenn man uns das könnte einreden, daß wir recht bedachten und im Hertzen ermessen könnten, wie ein grosser, köstlicher Schatz es sey gegen den Mammon oder Weltreich, das ist, alles, was auf Erden ist, so würden wir den Mammon anspeyen. Denn was hattest du mehr, wenn du gleich des Königs zu Franckrcich Gut und Macht hattest, und des türckischen Kayscrs dazu, denn ein Bettler vor der Thür an seiner Partecken? 188 Auslegung der Bergpredigt Christi. Denn es ist doch nur darum zu thun, daß man täglich den Bauch fülle; weiter kann mans nicht bringen mit aller Welt Güter und Herrlichkeit, und hat der ärmste Bettler eben soviel davon, als der mächtigste Kayser. Ja, es soll ihm wol seine Partecken viel besser schmecken und gedeyen, denn jenem sein herrlich, kostlich Mahl. Dar- bey bleibt es, und krigt niemand mebr davon, und währet doch eine kleine, kurtze Zeit, daß wir diß alles müssen fahren lassen und unserm Leib nicht eine Stunde damit fristen können, wenn das Stündlein kommt. Darum ist es ja ein arm, elend, ja ein faul, stinckend Reich. Was ist aber dagegen Gottes, oder des Herrn Christi Reich? Das rechne du selbst und sage, was die Creatur sey gegen ihren Schöpsser, und die Welt gegen Gott? Denn wenn Himmel und Erden gar mein allein wären, was hätte ich gegen Gott? Nicht soviel als ein Tropflein Wassers, oderein Stäublein gegen dasgantze Meer. Dazu ist es ein solcher Schatz, der nicht aufkoren, noch abnehmen und geringer werden kann, daß er, beyde, der Grosse und Währe halben durch kein menschlich Hertz noch Sinn zu ermessen und zu begreissen ist. Und ick soll Gott und sein Reich so schändlich hinwerfen und fahren lassen, daß ich diß unflätige, tödtliche Bauchreich nähme für jenes gottliche, unvergängliche, das mir gibt ewig Leben, Gerechtigkeit, Friede, Freude und Seligkeit? Und alles, was ich hier zeitlich suche und begehre, soll ich an diesem ewig haben, und alles unmäßig herrlicher und überschwenglicher, denn das ich hier auf Erden mit grosser Mühe, Sorge und Arbeit erlangen kann, und ehe ichs erlange und dahin bringe, da ichs haben will, muß davon fahren und alles liegen lassen. Ist das nicht eine grosse, schändliche Thorheit und Blindheit, daß wir solches nicht sehen? Ja, eine verstockte Bosheit der Welt, vom Teufel besessen, daß sie ihr nicht will sagen lassen, noch achten, wenn mans ihr predigt. Darum wollte uns Christus gerne mit diesen Worten erwecken und sagen- Wollet ihr recht sorgen und trachten, wie ihr immer gnug habt: so trachtet nach einem solchen Schatz, der da heißt Gottes Reich. Sorget doch nicht für den zeitlichen, vergänglichen Schatz, den die Motten und Rost wegfressen, wie er droben (V. 19. 20.) gesagt hat. Habt ihr doch viel einen andern Schatz im Himmel, den ich euch zeige; da sorget und trachtet nach, und dencket, was ihr dran habt, so werdet ihr des andern wohl vergessen. Denn es ist ein solcher Schatz, der euch ewig erhält, und nicht kann vergehen, noch genommen werden: daß, weil der Schatz bleibt und ihr dran Auslegung der Bergpredigt Christi. I89 hanget, so müßt ihr auch bleiben, wenn ihr schon keinen Heller von der Wett hattet. Es ist aber oft gesagt, was Gottes Reich sey, nemlich aufs kürtzeste, daß es nicht stehe in ausserlichen Dingen, Essen und Trin- cken, noch andern Wercken, sondern darinne, daß man glaube an Jesum Christum, welcher ist das Haupt und einige König in diesem Reich, in und durch welchen wir es alles haben: daß, wer darinnen bleibet, demselbigen keine Sünde, Tod und Unglück kann scbaden, sondern ewig Leben, Freude und Seligkeit hat, und hier ansähet in solchem Glauben, aber am Jüngsten Tage offenbar und ewig vollendet soll werden. Was heißt nun, nack solchem Reiche trachten? Oder wie kömmt man dazu? Welches ist die Strasse und der Weg, den man gehen muß? Da weiset einer hier, der andere dorthinaus. Als, der Pabst lehret also: Lausse gen Rom und hole Ablaß, beichte und büsse, halte oder höre Messe, zeuch eine Kappe an und übe dich in grossem Gottesdienst und hartem, strengem Leben. Da sind wir gelausten alle Wege, wie man uns nur hat vorgesagt, als toll und thörichte Leute, und haben alle wollen Gottes Reich suchen, aber eben des Teufels Reich gefunden. Denn da sind viel Wege, aber alzumal ohne den einigen, welcher ist: glauben an Christum und das Evangelium (daran der Glaube sich halt), wohl üben und treiben mit Predigen, Hören, Lesen, Singen, Bedencken und wie man kann, daß er immer im Hertzen zunehme und starcker werde, und heraus breche durch seine Früchte, daß mans immer weiter bringe und viel Leute herzuführe. Wie wir (Gott Lob!) jetzund thun, und dennoch noch viel sind, beyde, Prediger und andere Christen, die mit allem Fleiß treiben und drüber halten, daß sie alles, was sie haben, hinan setzen und bereit waren zu verlieren, ehe sie das Wort wollten lassen fahren. Solches thun noch wissen kein Mönch, Nonnen und Pfaffen, ob sie wol rühmen, sie sind Gottes Diener und Christi Braute. Denn sie fehlen alle des einigen, rechten Weges, und lassen das Evangelium stehen, kennen weder Gott, noch Christum und sein Reich. Denn wer es kennen und treffen will, der muß nicht nach seinem Kopf suchen, sondern sein Wort hören, als den Grund- und Eckstein, und sehen, wo er dich hinweiset und wie ers deutet. Nun ist das sein Wort von seinem Reich: Wer da glaubet und getauft wird, der wird selig, Marc. 16, 16. Das Wort ist nicht aus unserm Kops gesponnen, noch aus eines Menschen Hertz gewachsen, sondern vom Himmel gefallen und durch Gottes Mund erzeigt, daß wir ja 19V Auslegung der Bergpredigt Christi. gewiß waren und nicht fehletcn der rechten Strasse. Wo nun solches recht im Schwange gehet, beyde, bey den Predigern und Zuhörern, daß man das Wort und Sacrament fleissig treibt, demselben nachlebt und anhält, daß es bekannt werde unter den Leuten, das junge Volck dazu zeucht und lehret: das heißt Gottes Reich gesucht und gefördert und mit Ernst gemeynet. Was heißt denn, das er dazu setzet: und seine Gerechtigkeit? Diß Reich hat auch eine Gerechtigkeit; es ist aber eine andere Gerechtigkeit, denn in der Welt, wie es auch ein ander Reich ist. Das heißt nun die Gerechtigkeit» so aus dem Glauben kömmt, der da schafftig und thätig ist durch gute Wer- cke, also daß ich daS Evangelium mit Ernst meyne und fleissig höre oder treibe, und darnach mit der That darnach lebe, und nicht ein loser Wascher oder Heuchler bin, der es laßt zu einem Ohre ein, zum andern ausgehn, sondern daß mit der That beweiset und kräftig da sey, wie St. Paulus sagt, 1. Cor. 4,20: Das Reich Gottes stehet nicht in Worten, sondern in der Kraft. Das heissen wir den Glauben mit seinen Früchten, das ist, gute Wercke thun, und seines Standes oder Amts mit Fleiß und Treue warten, und allerley darüber leiden. Denn es heißt die Gerechtigkeit insgemein das gantze Leben eines Christen gegen Gott und den Menschen, als den Baum mit den Früchten. Aber nicht so, daß es darum gar vollkommen sev, sondern stets fortfahre, wie er hier heißt seine Jünger immer darnach trachten, als die es noch nicht gar ergriffen, oder schon rein ausgekernet und gelebt haben. Denn im Reiche Christi ist mit uns halb Sünde und halb Heiligkeit. Denn was des Glaubens und Christi in uns ist, das ist gantz rein und vollkommen, als nicht unser, sondern Christi, welcher durch den Glauben unser ist und in uns lebt und wirckt; aber was noch unser eigen ist, das ist eitel Sünde, doch unter und in dem Christo durch Vergebung der Sünde zugedeckt und vertilget, dazu taglich durch dieselbe Gnade des Geistes gelödtet, bis wir gar diesem Leben absterben. Siehe, das gehöret zur Gerechtigkeit dieses Reichs, daß es rechtschaffen zugehe und keine Heucheley da sey. Denn es ist wider die gesetzt, die wol vom Evangelio können reden und rühmen, aber nichts davon leben. Denn es ist auch ein schwerer Handel, Gottes Wort predigen und jedermann Gutes thun, und dazu allerley Unglück leiden, aber darum heißt es Gottes Gerechtigkeit. Denn die Welt vermag sie nicht, daß sie sollte recht thun und Böses dafür leiden, gehöret auch nicht in ihr Regiment. Denn da ist nicht recht, daß, wer recht thut, gestraft werde, oder Gewalt leide, sondern Gutes da- Auslegung der Bergpredigt Christi. 191 für zu Lohn und Danck cmpfahe. Aber unser Lohn ist nicht auf Erden, sondern im Himmel beygelegt, da werden wir ihn finden. Wer nun solches weiß und darnach thun will, der wird gnug zu schassen haben, daß er nicht darf andere Wege suchen, wird auch wohl des Geitzes und Sorgens des Mammons vergessen. Denn die Welt wirds ihm so sauer machen, daß er des Lebens und zeitlichen Guts nicht groß achten wird, sondern so müde werden, daß er alle Stunden des Todes warten und hoffen müsse. Das ist die Vermahnung, dadurch er uns von dem zeitlichen Gut auf den ewigen Schatz weiset, daß wir des Guts nicht achten sollen gegen jenem, das wir nun im Himmel haben. Dazu thut er auch eine Verheissung und Trost, daß wir nicht dencken, er wolle uns darum auf Erden gar nichts geben und Hungers lassen sterben, weil wir von der Welt allerley leiden müssen, die uns nichts gibt noch gönnet, und alle Stunden warten, daß man uns alles nehme, was wir haben, sondern wissen, daß wir dennoch auch hier zur Nothdurft dieses Lebens haben sollen, was wir dürfen. Darum spricht er- Suchet nur zum ersten Gottes Reich, so soll euch dieses alles zufallen; das ist, ihr sollet Essen und Trincken, Kleider u. s. w. dazu haben, als zur Zugabe, ohne alle eure Sorgen, ja eben damit, daß ihr nicht dafür sorget und alles um Gottes Reichs willen in die Gefahr setzet, und soll auch kommen, daß ihr nicht wisset, woher es kömmt, wie uns auch taglich unsere Erfahrung lehret. Denn Gott hat noch so viel in der Welt, daß er die Seinen auch ernähren kann, weil er alle Bögelein und Würmlein ernähret und die Lilien auf dem Felde kleidet, wie wir gehöret haben, ja, weil er den bösen Vuben so viel gibt und wachsen laßt: daß uns die Welt dennoch auch muß niit ihr essen und trincken lassen, obs ihr gleich leid ist. Was wollen wir nun mehr begehren, wenn wir solches wissen, so wir Gottes Wort haben, handeln und lehren, und ein jeglicher thut, was er thun soll, daß wir Essen und Trincken, um und an haben» und eben soviel kriegen sollen, als ein König und Kayser, nemlich, daß wir den Bauch ernähren, ohne daß er zu seinem Stande muß mehr und herrlicher haben, aber doch nichts mehr gemußt, und mich mein Brod eben sowol speiset und mein Kleid so- wol decket und wärmet, als ihn sein königlich Mahl und güldene und silberne Stück. Denn wie wäre es möglich, daß der sollte Hungers sterben, der Gott mit Treue dienet und sein Reich fördert, weil er der gantzen Welt so überflüssig gibt? Es müßte kein Brod 192 Auslegung der Bergpredigt Christi. mehr auf Erden seyn, oder der Himmel nicht mehr regnen können, wenn ein Ehrist sollte Hungers sterben; ja Gott müßte zuvor selbst Hungers gestorben seyn- Weil er nun so überflüssig geschaffen und gegeben hat, dazu so gewiß verheisset, daß er gnug will geben und so geben, ehe wir uns versehen, oder wissen, was willst du denn dich zuplagen mit dem feindlichen Sorgen und Geitzen? Ist doch die Schrift (sonderlich der Psalter,) allenthalben voll solcher Sprüche, daß er die Frommen speisen wolle in der theuren Zeit, und noch nie habe lassen einen Frommen nach Brod gehen. Ps. 37, 19. 25. Er wird ja an dir auch nicht zum Lügner werden; wenn du nur könntest glauben. Obs nun die Welt, als jetzt Edelleute, Bauer und Bürger nicht thun, so wird er dennoch Leute finden, oder andere Mittel, durch welche er geben kann, und mehr, denn sie dir jetzt nehmen können. 34- Darum sorget nicht für den andern Morgen, denn der morgende Tag wird für das Seine sorgen. Es ist nicht genug, daß ein jeglicher Tag sein eigen Unglück habe. Bleibt bey dieser Sorge (will er sagen,) wie ihr Gottes Reich bey euch erhaltet, und entschlagct euch der andern Sorge sogar, daß ihr auch nicht für den morgenden Tag sorget. Denn wenn Morgen kömmt, wird er seine selbst Sorge mitbringen, wie man sagt: Kömmt Tag, so kömmt auch Rath. Denn unser Sorgen schasset doch nichts, ob ich auch gleich nicht mehr, denn auf einen Tag sorge, und gibt die Erfahrung, daß uns oft zween oder drey Tage ehe hinweg gehen, denn der heutige. Und wem Gott wohl will und Glück gibt, der kann oft ohne Mühe und Sorgen in einer Stunde mehr ausrichten, denn sonst ein anderer in vier gantzen Tagen mit grosser Mühe und Sorge. Und wenn er lange gemacht und ausgesorget hat, macht ihm es selbst lang, hatte es ein anderer in einer Stunde ausgerichtet: also, daß doch niemand nichts schaffen kann, denn wenn das Stündlein kömmt, das Gott gibt, ohne unsere Sorge bescheret; und ist umsonst, daß du willst zuvor kommen und durch dein Sorgen grossen Rath (wie du meynest) stissten. Denn die Kunst kann unser Herr Gott, daß er uns heimlich Zeit und Stunden kann ncrkürtzen und verlangern, daß einem eine Stunde wol zu vierzehen Tagen wird, und wiederum also, daß einer mit langer Arbeit und Mühe nichts mehr gewinnt, denn ein anderer mit kurtzer und leichter Arbeit; wie man taglich kann vor Augen sehen, daß viel sind, die bey schwerer, steter Arbeit kaum das liebe Auslegung der Bergpredigt Christi. 1?z Brod erwerben, und andere ohne sonderliche Arbeit ihr Ding fein gefastet und geordnet haben, daß es wohl von statten gehet und ihnen zufallt. Das schaffet alles Gott also, daß unser Sorgen nicht muß den Segen haben. Denn wir wollen nicht harren, daß solche Güter von Gott uns zufallen, sondern selbst finden, ehe es Gott gibt. Siehe, wie es gehet auf denen Bergwercken, da man ja fleissig grabt und suchet, doch kömmts oft also, daß, wo man am meisten Ertz hoffet, und sich beweiset, als wollte es eitel Gold werden, da findet sich nichts, oder schneidet sich bald ab und verschwindet unter den Handen. Wiederum an andern Orten, das man für verloren hält und liegen läßt, gibt sichs oft unversehens aufs reichlichste, und einer, der alle sein Gut hineingebauet, nichts krigt, ein anderer von einem Bettler ein Herr wird, und darnach, die es mit viel tausend Gülden heraus gehaben, ehe, denn in zehen Jahren, wieder zu Bettlern werden, und nicht viel geschieht, daß solch groß Gut auf den dritten Erben reichet. Summa, es soll heissen- Nicht gesucht, sondern bescheret, nicht gefunden, sondern zugefallen, wenn Glück und Segen dabey seyn soll- Aber wir wolltens gerne so machen, daß es käme, wie wir gedencken; da wird nichts aus. Denn er dencket dagegen, du sollst es nicht so krigen, oder ja nicht lange behalten und gemessen. Denn ich habe ihr selbst viel erlebt, welche in die Taschen griffen in eitel Gülden und keines Groschen nicht achteten, aber hernach froh wären worden, daß sie so viel Heller hatten gesunden. Weil du nun siehest, daß es fehlet, und dein Sorgen nicht dazu hilft, warum läßt du es nicht anstehen und denckest, wie du Gottes Reich habest? Denn er will dir geben; aber nicht um deiner Sorgen willen, ob du wol arbeiten sollst. Denn solche Sorge bringt und schaffet nichts; aber die Sorge thuts, die deines Amts ist und zu Gottes Reich geHort, daß du thust, was dir befohlen ist, Gottes Wort predigest und förderst, dem Nähesten dienest nach deinem Beruf und nimmst, was dir Gott gibt. Denn das sind die besten Güter, die nicht gedacht, sondern bescheret und zugefallen sind, und was wir durch unsere Sorge erworben, oder zu erhalten vornehmen, soll uns wol am ersten umschlagen und verderben, wie oft den reichen Wänsten geschieht, denen vor grosser Sorge ihr Korn und anderer Borrath verdirbt. Und ist eine grosse Gnade, daß Gott uns nicht läßt sorgen, wie das Korn aus dem Felde wächset, sondern gibt es uns, weil wir liegen und schlafen; sonst würden wir uns auch selbst verderben mit unsern Sorgen und nichts krigen. Darum spricht er nun- Was willst du über den heutigen Tag sorgen und zweyer Tage Unglück auf dich nehmen? Lasse es bey dem VI. 13 194 Auslegung der Bergpredigt Christi. bleiben, da« dir der heutige Tag auflegt; morgen wird dir der Tag ein anders bringen. Denn Unglück oder Plage heißt er, daß uns aufgelegt ist, im Schweiß unsers Angesichts uns zu nähren, I.Mos. z, 19., und was anderer zufälliger, taglicher Jammer, Unfall und Gefahr ist, als, wo dir etwas gestohlen, oder sonst Schaden nimmst, item, in Kranckheit fallest, oder dein Gesinde, wie es denn in diesem Leben zugehet, daß wir taglich müssen solch Unglück sehen und warten. Solch Leid, Jammer und Unglück leide und nimm es an mit Freuden, und laß es doch dabey bleiben, denn du hast damit genug zu trügen, und lasse die Sorge nach, damit du des Unglücks nur mehr und schwerer machst, denn es an ihm selbst ist, und siehe solche Exempel an, daß Gott niemand je reich gemacht hat durch sein Sorgen (wie ihr viel, wie gesagt, aufs Höheste sorgen, und doch nichts haben); aber das thut er wohl, wenn er siehet, daß einer mit Fleiß und Treue seines Amts wartet, und sorget, wie er das ausrichte, Gott zu gefallen, und ihn läßt sorgen, wie es wohl ge- rathe, dem bescheret er reichlich. Denn es stehet geschrieben, Sprüchw. 10, 4: Eine fleissige Hand machet reich. Denn er will deren auch nicht, die beyde, Sorge und Arbeit, lassen, als die müßigen, faul- frcssigen Wänste, als sollten sie sitzen und warten, wenn er ihnen eine gebratene Gans liesse ins Maul fliegen, sondern gebeut, daß man sich redlich soll angreiften mit Arbeiten, so will er mit seinem Segen dabey seyn und gnug geben. Das sey gnug von dieser Predigt. Matth. 7. i. Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet. Denn mit welcherlei) Gerichte ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden, und mit welcherley Maaß ihr messet, wird euch gemessen werden. Im vorigen Capitel haben wir gehöret, wie der Herr Christus, nach der Lehre von rechten guten Wercken, eine lange Predigt gethan hat zur Warnung wider den Geitz, als der Gottes Reich tresslich hindert, beyde, an der Lehre und Leben, und -nördlichen Schaden thut in der Christenheit. Hier sähet er nun an, weiter zu warnen vor einem andern Stück, welches ist auch ein groß, schädlich Laster, und heissct eigene Weisheit, die da jedermann richtet und Auslegung der Bergpredigt Christi. 195 tadelt. Denn wo diese zwey Laster regieren, da kann das Evangelium nicht bleiben. Denn der Geitz machet, daß entweder die Pre- diger schweigen, oder die Zuhörer des Evangelii nicht achten, welches also durch Verachtung ausgetrieben wird. Wenn aber eigene Klugheit drein gerath, da will ein jeglicher der beste Prediger und selbst Meister seyn, niemand hören, noch von andern lernen. Da werden denn Secten und Rotten aus, die das Wort falschen und verderben, daß es nicht kann rein bleiben, und also abermal das Evangelium mit seinen Früchten untergehet. Solches heißt er nun hier richten, oder urtheilen, da ein jeglicher sein Thun ihm allein laßt gefallen, und des andern alles stincken muß. Eine schöne, holdselige Tugend, und eben der feine Mann, den man heißt Meister Klügel, dem weder Gott, noch die Welt hold ist, und doch allenthalben sein voll ist. Daß man sich aber nicht stofse an dieser Predigt und unrecht verstehe, als sey hiermit gar verboten, zu richten und urtheilen, ist aus dem, so oft droben gesagt, klar, daß Christus hier allein seinen Jüngern predigt, und gar nicht redet von dem Urtheil oder Strafe, die in der Welt gehen muß, wie Vater und Mutter unter Kindern und Gesinde muß richten, strafen und auch drein schlagen, wenn sie nicht wollen recht thun. Also ein Fürst, oder Richter, will er sein Amt recht führen, so kann er nichts anders thun, denn daß er richte und strafe. Das gehöret ins weltliche Regiment, welches uns nicht angehet. Darum lassen wir daselbst bleiben, wie es gehen soll und muß. Hier aber reden wir von einem andern Reich, das doch jenes nicht schwächet, noch aufhebt, nemlich geistlich Leben und Wesen unter den Christen; da ist verboten, daß nicht einer den andern richte und verdamme. Denn da hebt sichs, daß der Teufel sich immer darunter menget und sein Werck treibt, daß ein jeglicher sich laßt gut düncken, und meynet, sein Ding allein soll gelten und das beste seyn, und alles, was sich nicht nach ihm richtet, tadelt und vernichtet. Das ist nun in welllichen Sachen eine feine Thorheit und noch wohl zu leiden, ob es gleich nicht recht ist. Denn es ist so grob, daß jedermann greisset. Als, daß eine Metze sich laßt schöner düncken, denn alle andere, und was sie an andern siehet, gefallet ihr nicht. Oder, daß ein junger Narr will so schön und geschickt seyn, daß er seines Gleichen nicht weiß. Darnach unter den Weisen und Gelehrten, da es starck im Schwange gehet, daß keiner laßt etwas seyn, was ein anderer kann oder thut, und jeglicher wills allein seyn, der es alles besser kann, und niemand kann un- 13* 196 Auslegung der Bergpredigt Christi. getadelt lassen. Das siehet und verstehet jedermann wohl, noch ist allenthalben derselbe Meister Klügel, der sich so klug weiß, daß er kann das Pferd im Schwantz zäumen, so es doch alle Welt muß forne im Maul zäumen. Aber wenn es hieher gerath in geistlichen Sachen und der Teufel seinen Saamen säet in Christi Reich, daß es einreiste, beyde, in der Lehre und Leben, da hebt sich Jammer und Noth. In der Lehre gehet es also zu, daß, obgleich Gott einem gegeben und befohlen, das Evangelium zu predigen: so finden sich doch andere, auch unter den Schülern, die es zehen mal besser können wollen, denn er, und muß das Evangelium die Plage und Unglück haben, daß sichs von jedermann muß urtheilen lassen, und jeglicher zum Doctor daran wird und selbst Meister will seyn in der Lehre, gleichwie es Mose auch ging, 4. Mos. 16, 3., da Korah mit seinem Haufen wider ihn und Aron auftraten und sprachen - Warum erhebt ihr euch über Gottes Volck? Sind sie nicht allzumal heilig? Sollte Gott allein durch Mosen und Aron reden? Eben, wie sie jetzt sagen: Sollten wir nicht sowol den Geist haben und die Schrift verstehen, als andere? Da ist denn flugs eine andere Lehre angerichtet und Secten gemacht, und hebt sich das Richten und Urtheilen, und absonderlich das schandliche Affterrcden, daß ein Theil das andere aufs gifftigste tadelt und verspricht, wie wir auch jetzt genug erfahren. Daraus folget denn der mörderliche Schaden, daß die Christenheit zutrennet wird und die reine Lehre allenthalben untergehet. Solches hat sich Christus wohl besorget, ja nicht allein besorget, sondern auch verkündiget, daß es so gehen würde. Denn die Welt laßt sich nicht anders machen, sollten wir uns zu Tode predigen. Darum, wo das Evangelium aufgehet, da müssen Rotten und Secten folgen, die es wieder verderben und dampften. Ursache ist, denn der Teufel muß seinen Saamen unter den guten Saamen säen, Matth. 13, 25., und wo Gott eine Kirche bauet, bauet er seine Capelle oder Taberne daneben. Denn der Satan will immer mit unter den Kindern Gottes seyn, wie die Schrift sagt, Hiob 1, 6. 2, 1. Darum will Christus seine Apostel und rechtschaffene Prediger hiemit warnen, daß sie sich fleisflg vor dem Laster hüten und zusehen, daß sie es nicht lassen einreisten, daß nicht Trennung und Uneinigkeit werde, fürnemlich in der Lehre; als wollte er sagen: Wollet ihr meine Jünger seyn, so lasset euren Verstand und Dün- ckcl in der Lehre gleich und einerley seyn, daß nicht jemand wolle Meister seyn und etwas neues oder bessers wissen, und die andern richten und verdammen; und sehet nicht an, wer die Person sey, Auslegung der Bergpredigt Christi. 197 sondern, was ich euch befehle zu predigen, darbey bleibet, und lasset es eintrachtig zugehen, daß nicht einer den andern verachte und ein anders aufwerfe. Doch verstehe es also, daß dennoch dem, so im öffentlichen Amte ist, zu predigen, nicht genommen sey, zu richten über die Lehre, dazu auch über das Leben. Denn es gebühret ihm Amts halben, öffentlich zu strafen, was nicht der rechten Lehre gemäß ist, eben darum, daß er nicht Secten lasse eingehen und aufkommen, deßgleichen, wo er stehet, daß man nicht recht lebet, daß er auch strafe und wehre. Denn er ist darum da, daß er drauf sehe, und muß dafür antworten. Ja auch ein jeglicher Christ ist schuldig, wo er siehet, daß sein Nächster übel thut, daß er ihn vermahne und wehre- Das kann ja nicht ohne Urtheilen und Richten zugehen. Aber das ist alles noch als aus einem Amt und Befehl gethan, davon Christus nichts redet, wie genug gesagt ist. Das ist aber verboten, daß ein jeglicher aus seinem eignen Kopffe herfahret und macht eins eigene Lehre und Geist, und laßt sich Meister und Klügel düncken, und jedermann will meistern und tadeln, deß ihm nichts befohlen ist. Dieselbigen sinds, die der Herr hier strafet. Denn er will nichts ohne Befehl aus eigenem Dünckel gethan oder vorgenommen haben, sonderlich über andere Leute zu richten. Das Heisse ich nun richten in der Lehre, der höchsten, schandlichsten und schädlichsten Laster eines auf Erden, daraus alle Rottengeister entstanden und bisher Mönche, Pfaffen und alles, was im Pabstthum gewesen ist, gesteckt haben, da jedermann sein Ding für das Beste aufgeworfen und anders geurtheilet hat; davon jetzt nicht noth zu sagen ist. Das andere Urtheilen oder Richten geschieht im Leben, da einer des andern Leben und Werck tadelt und verdammet, und läßt ihm nichts gefallen, was andere thun, das ist erst ein weitläufftig, gemein Laster. Nun ist uns verboten, daß, gleich wie wir der Lehre halben sollen eintrachtig seyn in einerley Sinn und Verstand, oder Glauben- also sollen wir auch einerley gesinnet und einerley Hertz haben im äußerlichen Leben, ob wol dasselbige nicht kann einerley seyn, wie der Gla-ube. Denn weil da sind mancherley Stände, so müssen auch die Wercke ungleich und mancherley seyn. Dazu in solchem Leben, das an ihm selbst mancherley ist, findet man auch mancherley Gebrechen, als, etliche wunderliche, jähzornige und ungeduldige Köpffe, wie es denn in der Christenheit muß zugehen, weil unser alter Adam noch nicht todt ist, und das Fleisch stets kämpffet wider den Geist. t98 Auslegung der Bergpredigt Christi. Dazu gehöret nun eine Tugend, die da heißt lolerantis und Kemissio peccstorum, daß einer den andern trage, zu gute halte und vergebe, wie St. Paulus mit schönen Worten lehret, Rom. IS, 1- Wir, die wir siarck sind, sollen der Schwachen Gebrechlichkeit tragen, und nicht Gefallen an uns selber haben! eben das hier Christus sagt: Ihr sollet nicht richten! daß die, so hohe und bessere Gaben in der Christenheit haben, (wie denn etliche haben müssen, sonderlich die Prediger,) dennoch keinen andern Muth und Sinn schöpffcn, noch sich lassen besser düncken, denn die es nicht haben, daß im geistlichen Wesen keiner über den andern fahre. Aeusserlich soll ein Unterscheid seyn, ein Fürst böber und bester, denn ein Bauer, ein Prediger gelehrter, denn ein schlechter Handwercksmann. Da kann ein Herr nicht Knecht, eine Frau nicht Magd seyn, aber gleichwol sollen die Hertzen in solchem Unterscheid gleich gesinnet seyn, und sich derselben Ungleichheit nichts annehmen. Das geschieht denn, wenn ich dem Nächsten zu gute halte, ob er wol geringers Standes ist und weniger Gaben hat, denn ich, und lasse mir sein Werck, daß er als ein Hausknecht seiner Pferde wartet, eben sowohl gefallen, als meine Wercke, da ich predige, oder Land und Leute regiere, obgleich das meine besser ist und mehr Nutzen schaffet, denn jenes. Denn ich muß nicht ansehen die aus- serlichen Larven, sondern, daß er in demselbigen Glauben und Christo lebt, und hat eben soviel von der Gnade, Taufe und Sacrament, ob ich gleich ander, höher Werck und Amt habe. Denn es ist einerley Gott, der solches alles schaffet und gibt, und laßt ihm das Geringste eben so wohl gefallen, als das Allergrösseste. Dawider regieret nun in der Welt die löbliche, schöne Tugend, davon St. Paulus redet, Röm. IS, 1., daß ihm jeglicher selbst gefallt. Als, wenn ein Mensch ins Teufels Namen herfahret, und seine Laster nicht kann ansehen, sondern allein der andern, welches uns von Natur anhanget und nicht können los werden, ob wir gleich getauft sind, daß wir uns gerne schön machen und schmücken, und sehen, was gut an uns ist, und damit kützeln, als seye es unser eigen. Und auf daß wir allein schön seyn, sehen wir nicht an dem Nächsten, was gut ist, sondern, dasselbe aus den Augen gethan, wo wir irgend ein Blatterlein gewahr werden, da füllen wir die Augen mit, und machens so groß, daß wir nichts Gutes dafür sehen, ob es gleich Augen, als ein Falck, und ein Angesicht hatte, als ein Engel. Gerade, als ob ich einen sahe in einem güldenen Stück, und wäre ohngefähr eine Nath, oder weisser Faden dadurch gezogen, und die Augen darnach aufsperrete, als wäre es damit gar Auslegung der Bergpredigt Christi. lgz zu verachten, und ich doch mich dagegen liesse köstlich duncken in meinem groben Kittel, mit einem güldenen Lappen besetzt. Also sehen wir an unsere eigene Laster nicht, der wir voll sind, können auch an andern Leuten nichts Gutes ersehen. Wo nun solche natürliche Untugend unter die Christen kömmt, so hebt sich das urtheilen, daß ich einen andern bald verachte und verdamme, wenn er ein wenig strauchelt, oder gebrechlich ist, und er mir denn wieder also thut, misset mir mit demselben Maaß (wie Christus hier sagt), suchet und rüget auch nur das ärgste, das er an mir finden kann. Dadurch wird denn die Liebe gar unterdrückt und bleibt ein lauter Beissen und Fressen unter einander, bis sie sich gar verzehren und gar Unchristen werden. Also gehets zu, wenn man auf eines andern Leben siehet und nicht will auf sich selbst sehen; da findet man bald etwas, das uns mißfallet, deßgleichen ein anderer auch an uns, (wie auch die Hey- den von ihrem Wesen klagen): daß niemand siehet, was er hinten auf dem Rücken tragt, sondern wer ihm nachgehet, der siehet es wohl; das ist, niemand siehet, wo es ihm selbst mangelt, sondern an einem andern siehet ers bald. Wenn man nun solchem Gesicht folget, so kömmt nichts anders draus, denn affterreden und richten unter einander. Das richtet der Teufel an in der Christenheit, bis ers dahin bringet, daß nichts unter ihnen bleibt, denn lauter Urtheilen und Leben, gleichwie auch in der Lehre, daß ja Christi Reich (welches ist ein einmüthig, eintrachtig und friedlich Reich, beyde, in der Lehre und Leben,) zutrennet werde und an desselben Statt eitel Rotterey, Hochmuth und Verachtung regiere. Darum ist diß gar eine nöthige Warnung, daß wir lernen und uns gewöhnen, wenn wir unser Amt ausgerichtet haben, es sey predigen und öffentlich strafen, oder brüderlich vermahnen (davon Christus Matth. 1», 1Z. lehret), daß wir des Nächsten Gebrechen tragen, decken und schmücken können. Und ob ich etwas an ihm sehe, das mir nicht zu wohl gefället, daß ich zurückschlage und mich selbst ansehe, so werde ich auch viel finden, das andern Leuten nicht gefället und gerne wollte mir zu gute gehalten und getragen haben; so wird sich der Kützel bald legen, der ihm selbst ge- fällct und lächelt über eines andern Gebrechen, und Meister Klügel sich fein trollen und das Urtheil fallen lassen. Ja, du wirst froh werden, daß du gleich mit den andern aufhebest, und zum ersten sprechen: Herr, vergib mir meine Schuld! darnach zum Nächsten: Hast du wider mich gesündiget, oder ich wider dich, so laß uns unter einander auch vergeben. 200 Auslegung der Bergpredigt Christi. Siehest du über, daß ers gar zu grob machet, und nicht ablaßt, du strafest ihn denn- so gehe hin und sage es ihm selbst, wie jetzt und oft gesagt ist aus Matth. 18, 15., daß er sich bessere und abstehe. Das hiesse nicht geurtheilet und verdammt, sondern brüderlich vermahnet zur Besserung, und gienge also das Vermahnen fein friedlich zu, nach Gottes Gebot. Sonst machest du mit deinem Kützeln, Lächeln und Spotten, daß der Nächste nur auf dich erbittert und verstockt wird, und du selbst dazu viel arger, denn er, und zwiefaltig grösserer Sünder damit, daß du ihm die Liebe entzeuchst und Lust hast an seiner Sünde, und dazu in Gottes Gericht fallest und ihn verdammest, den Gott nicht verdammet hat, und also desto schwerer Urtheil über dich ladest, wie Christus hier warnet, und verdienest, daß dich Gott wieder viel höher verdamme. Siehe, solch schandlich Uebel kömmt alles daher, wie St. Paulus sagt, Röm. 16, 1., daß wir uns selbst gefallen, spiegeln und kützeln mit unsern Gaben, als seyn sie unser eigen, aber an einem andern nichts sehen, denn wo er gebrechlich ist, und also gar blind werden, daß wir weder uns, noch den Nächsten mit rechten Augen ansehen. Da wir sollten in unsern Busen greiffen und erstlich sehen, was uns fehlet, das thun wir nicht, sondern haben ein Ge- plerr vor den Augen, daß wir uns lassen schön düncken, ob wir eine Gabe an uns sehen, die der Nächste nicht hat, und eben damit verderben und am Nächsten nicht auch sehen, was er Gutes an ihm hat (denn wir allezeit würden so viel finden, als wir jetzt seines Gebrechens sehen). Das sollten wir uns auch lassen gefallen und zu gute halten, ob etwas Gebrechliches mit unterliefe, wie wir uns selbst gefallen und fein zu gute halten können. Summa, es ist das ärgste Laster und eine lautere Teufelshoffart, daß wir uns selbst lassen gut düncken und kützeln, wenn wir eins Gabe sehen oder fühlen an uns, und Gott nicht dafür dan- cken, sondern stoltz werden und jedermann verachten, und sogar die Augen damit füllen, daß wir nichts dafür sehen, was wir sonst thun, meynen, es sey alles schön an uns, stehlen und rauben also Gott seine Ehre, machen uns selbst zum Abgott, und sehen nicht unsern Jammer, den wir eben damit anrichten, so wir doch sonst genug auf uns hatten, wenn wirs recht ansehen könnten; wie Of- fenb. 3, 17. zu einem Bischosse sagt, der sich ließ gelehrter und besser düncken, denn andere: Du sprichst, ich bin reich und gar satt und darf nichts, und weissest nicht, daß du bist elend und jämmerlich, arm, blind und blos. Denn obs gleich wahr ist, daß deine Gabe grösser ist, denn eines andern, wie es denn seyn muß, weil Auslegung der Bergpredigt Christi. 20t dein Amt unterschieden höher und grösser ist; aber mit dem schandlichen Zusatz, daß du dich drein spiegelst und dir selbst wohl gefallest, verderbest du es gar, und machest, daß derselbe hohe Schmuck unflatiger wird, denn alles andere Gebrechen. Denn je höher die Gaben sind, je schandlicher werden sie verderbt, wenn du dir einen Abgott draus machest, gleich als du Gisst unter einen köstlichen Malvasier mengetest. So hast du es denn fein und wohl getroffen, daß du einen andern urtheilest um eines kleinen Gebrechen willen, und fallest selbst mit dem eigenen Gut- düncken in die schwere Sünde, daß du Gott undanckbar wirst, ja dich selbst an seine Statt setzest in deinem Hertzen und in sein Gericht greissest, da eine Sünde schwerer ist, denn sonst aller Menschen , wirst dazu stcltz gegen den Nächsten und allerdinge starblind, daß du weder Gott, noch deinen Nächsten, noch dich selbst mehr kennest, noch ansehen kannst. Was machest du nun mit solchem Urtheilen, denn daß du Gottes Gericht wider dich ladest? Daß er billig muß zu dir sagen: Ich habe dir nicht darum diese Gabe gegeben, daß du den Nächsten verachten und dir selbst damit dienen sollst, sondern deinem Nächsten, der arm und gebrechlich ist, und mir; so fahrest du zu und danckest mir nicht einmal dafür, als wäre es in deinem Hertzen gewachsen, und brauchest meines eigenen Geschencks wider mich und den Nächsten, und machest dich selbst zu einem Tyrann, Stockmeister und Richter wider den Nächsten, den du solltest durch die Liebe tragen, bessern und aufhelfen, wenn er gefallen wäre. Was willst du alsdenn ankioorten, wenn er dich so ansprechen wird, (wie er dich hiemit zuvor warnet!, denn daß solch Urtheil billig über dich gehet, daß du nicht einen Splitter, wie du vielleicht in deines Nächsten Auge siehest (wie Christus hier sagt), sondern einen grossen Balcken machest aus einem kleinen Splitter. Ich will schweigen deß, daß du mit dem schändlichen Urtheilen nicht allein verdammlich bist des Wercks halben, sondern gemeiniglich geschieht, daß, der da urtheilet, selbst in grössern Sünden und Untugend stecket, denn andere: daß, wenn er zurückginge und läse seinen eigenen Calender und Register, wie er gelebet habe von Jugend auf, da würde er eine Legende hören, daß ihm grauen möchte, und gerne von andern Leuten schweigen würde. Nun aber laßt sich ein jeglicher düncken, er sey fromm, und will des vorigen alles vergessen und einen armen Menschen tadeln und verdammen, der einmal gesündiget hat. Damit kömmt er in zweyerley Jammer, daß er sein vorig Leben verachtet und vergisset, 202 Auslegung der Bergpredigt Christi. was er gewesen ist, dencket nicht, wie wehe es ihm gethan hatte, wenn man ihn verspottet und verdammt hatte. Das ist eins Sünde, daß er undanckbar ist und der Vergebung der Sünden, Gnade und aller Wohlthat Gottes vergessen hat. Die andere, daß er verlernet die Frömmigkeit und alle vorige Sünde wider ihn selbst Herfür rücket eben damit, daß er sich spiegelt in seiner Frömmigkeit, und wird siebenmal arger mit ihm, denn zuvor je. Denn, meynest du nicht, daß dir Gott könne ein Register vor die Nase legen und anziehen, nicht allein dein Gebrechen und Sünde der Jugend, sondern auch dein gantzes Leben, das du für köstlich gehalten hast, als jetzt der Mönche Klosterleben; wie willst du da bestehen und antworten, daß du taglich ihm seinen Sohn gelästert und gecreutzigt hast mit deinen Messen und anderer Abgötterey? Also geht es, wenn wir unser vergessen, was wir gewesen sind, so können wir wol andere Leute richten. Aber es heißt so: Hans, nimm dich selbst bey der Nasen und greif in deinen eignen Busen, wenn du willt einen Schalck suchen und urtheilen, so findest du den größten Schalck auf Erden, daß du andere Leute wol vergessen wirst und gerne gleich mit ihnen aufheben. Denn du wirst nimmermehr an einem andern so viel Sünde finden, als an dir. Denn wenn du viel an einem andern siehest, so siehest du ein Jahr oder zwey, an dir aber dein gantzes Leben, sonderlich die groben Knoten, die andere Leute nicht wissen, daß du dich müssest vor dir selbst schämen. Siehe, das wäre eine Weise wider das schandliche Laster, daß du dir nicht selbst gefallest, sondern Gott bittest, daß er dir und andern vergebe. Zum andern, daß, ob du gleich etwas Böses siehest am Nächsten, daß du nicht darum ihn verachten und verdammen sollst, sondern dargegen seine Güter ansehen und mit deinen Gütern und Gaben ihm helfen, decken, schmücken und rathen, und wissest, ob du gleich der heilige und frömmste wärest, daß du eben damit der allerargste wirst, wenn du einen andern richtest. Denn deine Gaben sind dir nicht gegeben, daß du dich kützelst, sondern dem Nächsten damit helfest, wo ers darf, daß du mit deiner Starcke seine Schwachheit tragest, seine Sünde und Schande mit deiner Frömmigkeit und Ehre deckest und schmückest, wie Gott durch Christum gegen dich gethan hat und noch taglich thut. Thust du das nicht und willst dich selbst kützeln und andere verachten: so wisse das, wo ein anderer vor dir einen Splitter tragt, daß du gegen ihn vor Gott einen grossen Balcken trägst. Also siehest du, warum Christus so hart wider diß Laster redet und das strenge Urtheil fallet: Wer da richtet, der soll wieder ge- Auslegung der Bergpredigt Christi. 203 richtet werden. Und auch billig. Denn, weil du Gott in sein Urtheil fallest, und verdammest den, den Gott nicht verdammt hat, so gibest du ihm Ursache, daß er wiederum dich mit alle deinem Leben zur Holle verdamme, wenn du schon noch so fromm wärest gewesen, und den Nächsten, den du gerichtet und verdammet hast, zu Ehren mache und auch zum Richter über dich setze, und mache, daß er zehenmal mehr in dir findet zu verdammen, denn du an ihm gefunden hast. So hast du es denn wohl gemacht, daß du beyde, Gott und den Nächsten, erzürnet und wider dich hast, und also zugleich beyde, Gottes Gnade und Christlich Leben, verleurest und arger wirst, denn ein Heyde, der nichts von Gott weiß. 3. 4. 3. Was siehest du aber den Splitter in deines Bruders Auge, und wirst nicht gewahr des Balckens in deinem Auge? Oder wie darfst du sagen zu deinem Bruder: Halt, ich will dir den Splitter aus dem Auge ziehen, und siehe, ein Balcke ist in deinem Auge. Du Heuchler, zeuch am ersten den Balcken aus deinem Auge, darnach bestehe, wie du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehest. Auf daß er uns desto fleissiger warne, vor dem Laster zu hüten, setzet er ein grob Gleichniß und mahlet es vor Augen, spricht ein solch Urtheil: daß ein jeglicher, der seinen Nächsten richtet, einen grossen Balcken im Auge habe, da, der gerichtet wird, nur einen kleinen Splitter hat, daß er zehenmal mehr des Gerichts und Ver- dammens werth ist, eben damit, daß er andere verdammt. Das ist ja ein schrecklich, greulich Urtheil. Wo sind nun die Rottengeister und Meister Klüglinge, die viel wissen zu meistern und zu tadeln am Evangelio, und nichts können, denn uns und andere urtheilen, da doch nichts zu strafen ist, oder vielleicht einen Splitter an uns ersehen, den sie hoch aufmutzen! Nun ists wahr, daß wir nicht ohne Gebrechen sind, ja kein Christ wirds dahin bringen, daß er nicht einen Splitter behalte. Denn St. Paulus hats selbst nicht können dazu bringen, wie er klagt, Rom. 7, 14 ff., und die gantze Christenheit muß taglich bitten: Vergib uns unsere Schuld, Matth. 6, 12., und bekennet den Artickel des Glaubens, der da heißt Vergebung der Sünde. Aber diese Balckentrager und Splitterrichter wollen diesen Artickel nicht leiden und alles sogar rein haben, daß kein Mangel und Gebrechen da sey, und sobald sie etwas solches sehen: so fahren sie daher mit richten und verdammen, als waren sie so heilig, daß sie keiner Vergebung der Sünde, noch Betens nicht dürsten, wollen das Vater 204 Auslegung der Bergpredigt Christi. Unser rcformiren und den Hauptartickel des Glaubens auslöschen, so sie doch gar voller Blindheit und Teufel sind, und haben das Hertzeleid mit anderer Leute Splitter. Und unter uns selbst (wenn wir auch thöricht werden), die voll Laster und Bosheit sind, könnens nicht lassen, sie müssen der andern geringe Laster ansehen und verdammen, daß ja der Balcke über den Splitter Meister und Nichter sey. Wer aber ein Christ ist, muß wissen (und wirds zwar wol selbst fühlen), daß es nicht kann so rein zugehen ohne den Splitter, und der Artickel, Vergebung der Sünde, taglich in uns regieren muß. Darum kann er auch anderer Leute Gebrechen wohl zu gute halten und mit ins Vater Unser schlagen, da er spricht, Matth. 6, 42: Vergib uns, wie wir vergeben! sonderlich, wo er siehet, daß man das Wort lieb und werth hat, nicht verachtet, noch verfolgt. Denn wo dasselbige ist, da ist Christi Reich und eitel Vergebung, dadurch der Splitter verzehret wird. Darum sollen wir keinen verachten, noch verdammen, wo wir solches spüren, oder werden auch aus unserm Splitter einen Balcken machen, daß wir auch nicht Vergebung kriegen, weil wir andern nicht vergeben wollen. So sprichst du: Soll ich denn nicht strafen, wenn ich sehe, daß es unrecht zugehet, oder recht heissen und billigen? Oder soll ich mir lassen gefallen, daß man die Kiöstergüter zursißt, oder so roh hingehet, nichts betet, fastet?c. Nein, das Heisse ich auch nicht. Denn er bekennet hier, daß ein Splitter ist und soll weggenommen werden. Er lehret dich aber recht damit umgehen. Sagen soll ichs, es ist warlich nicht fein der Splitter im Äuge; aber daß ich vor allen Dingen zusehe, daß ich nicht selbst einen Balcken im Auge habe, und denselben vor herausnehme. Mache zuvor den grossen Schalck in deinem Busen fromm, darnach thue dazu, daß der kleine auch fromm werde. Denn das gilt nicht, daß die grossen Diebe die kleinen hängen (wie man sagt) und grosse Schälcke die kleinen verdammen. Solch verkehrtes Wesen soll nicht seyn in meinem Reiche (spricht Christus), sondern also, daß du von ersten den grossen Schalck fromm machest, den du in deiner Haut wirst finden, wenn du dich recht ansiehest: darnach, wenn du das ausgerichtet hast, so kömmst du mit guter Maasse dazu, daß du auch einen kleinen Schalck fromm machest. Aber da sollst du Wunder sehen, was du wirst mit dem grossen Schalck taglich zu thun kriegen, daß ich dir wohl darf Bürge seyn und meinen Kopf zu Pfande setzen, daß du nimmer dazu wirst kommen, daß du des andern Splitter aus- Auslegung der Bergpredigt Christi. ziehest, und müßtest sagen- Soll ich erst mit den andern Leuten umgehen und sie fromm machen? Kann ich mich doch selbst nicht fromm machen, noch des Balckens los werden. Und wird also deines Bruders Splitter wohl vor dir sicher bleiben. Siehe, das will Christus sagen und in Summa so viel lehren, daß einer dem andern gerne vergebe und mit Geduld trage, und unter einander Demuth erzeigen, wie es denn gehen müßte, wenn wir der Lehre solgeten- So gienge es allerdinge recht und wohl in der Christenheit, in rechter Eintracht, und wäre Gott bey uns. Aber darzu laßt der Teufel nicht kommen durch seine Glieder und Rotterey. Und sollte uns ja erschrecken vor dem Laster, daß er uns so ein greulich Urtheil vorstellet, wie ich gesagt habe, daß allezeit, der da richtet, vor Gott einen Balcken im Auge habe, und der andere, so gerichtet wird, nur einen Splitter. Nun ist der Balcke gar eine unmeßlich schwerere Sünde, denn der Splitter, das ist, eine solche Sünde, die uns gar verdammt und keine Gnade dabey ist. Denn wie groß sonst unsere Sünde und Gebrechen sind, die kann er alle vergeben, wie er damit zeigt, daß er des Nächsten Sünde einen Splitter heißt. Aber das ist der schandlichste Zusatz und Unflakh, der es gar verdirbt, daß du einen andern um seiner Gebrechen richtest und verdammest, und nicht vergibst, wie du wolltest, daß dir Gott vergeben sollte, gehest hin und willst solchen Balcken nicht sehen, meynest, du seyest ohne Sünde. Wenn du aber dich selbst crkennetest (wie gesagt ist), so würdest du den Nächsten nicht richten, und wird also auch dein Balcke klein und ein Splitter heissen, und zur Vergebung der Sünde kommen, und würdest auch du gerne vergeben, und eines andern Splitter tragen und zu gute halten, angesehen, daß dir Gott deinen Balcken vergibt und zu gute hält. Es heißt aber wohl ein Balcke im Auge, der den Menschen gar stock- und starblind machet, und welchen die Welt nicht sehen noch richten kann. Ja er ist geschmückt mit solchem Schein, daß sie meynet, es sey köstlich Ding und grosse Heiligkeit. Und gleichwie Christus droben (C. 6, 23.) hat gesagt vom Schalcksauge, daß die Geitzhälse ihnen selbst ein Licht anzünden und einen feinen Gedancken machen, daß es nicht muß gegeitzet heissen, sondern grosser Gottesdienst- also ist es hier auch, daß, die den Balcken tragen, wollen traun keinen Balcken haben, noch gestraft seyn, daß sie blind und elende Leute sind, sondern gelobet, als die aus rechter Christlicher Meynung anderer Lehre oder Leben richten. Wie die Rottengeister tresslich können rühmen und schwören, daß sie aus keiner Hossarth noch Neid anders lehren, sondern allein suchen Gottes 206 Auslegung der Bergpredigt Christi. Ehre und des Nächsten Heil, machens so schon und licht, und ist die Demuth und Gottes Ehre so groß, daß sie nichts dafür sehen. So gehets darnach auch im Leben, wenn man beginnet, einander zu urtheilen und tadeln, da gehet auch solch Deckel und Ruhm: Ich thue es nicht aus Feindschaft zu der Person, sondern aus Liebe der Gerechtigkeit. Der Person bin ich hold, aber der Sachen feind. Das kützelt denn so sanft unter dem schonen Schein, daß man nimmer keines Balckens gewahr wird. Aber es gilt nicht, daß du selbst wolltest richten und urtheilen, wie du willst, ohne Gottes Wort und Befehl, und darnach heissen Gottes Ehre und Gerechtigkeit; sondern es ist ein teuflischer Zusatz, der sich mit solchem Deckel schmücket und schöne machet. Denn hier hörest du, daß Gott nicht haben will, daß wir uns unterstehen, selbst Richter zu seyn, es sey in der Lehre oder Leben. Wo aber noth ist, richten oder strafen, daß die es thun, die Befehl und Amt dazu haben, Prediger, Pfarrherr im geistlichen, und Obrigkeit im weltlichen Regiment, oder ein Bruder gegen den andern allein aus brüderlicher Liebe, die des Nächsten Gebrechen traget und bessert. 6. Ihr sollet das Heiligthum nicht den Hunden geben und eure Perlen sollet ihr nicht vor die Saue werfen, auf daß sie dieselbigen nicht zutreten mit ihren Füssen, und sich wenden und euch zerreissen. Er hat nun fast ausgepredigt (der Herr Christus) von den Früchten und Wercken, so da folgen der Lehre, und will nun anfangen eine Warnung oder Vermahnung, sich hüten vor anderer Lehre, wie er auch die Apostel vermahnet, da er sie ausschickte, zu predigen, und spricht, Matlh. 16, 16: Siehe, ich sende euch , wie Schafe, mitten unter die Wölfe. Darum seyd klug, wie die Schlangen, und ohne Falsch, wie die Tauben, Luc. 10, Z. Denn ein Christ, der Gottes Wort führen und predigen soll, und mit dem Leben bekennen, lebt warlich in einem gefährlichen Stande der Leute halben, und gewinnt wohl Ursache zu Ungeduld, weil die Welt so aus der Maassen böse ist, und er darinnen lebt, als unter Schlangen und allerley Ungeziefer. Darum spricht er: Hütet euch, daß ihr euer Heiligthum nicht vor die Saue und Hunde werfet. Denn sie möchtens mit Füssen treten, oder sich wider euch kehren und euch zureissen. Will damit anzeigen und sie witzigen, daß, wo sie hinkommen und öffentlich in Hausen predigen, werden sie auch Hunde und Saue finden, die da nichts thun, denn das Evangelium zutreten und darnach die Prediger auch verfolgen. Auslegung der Bergpredigt Christi. 207 Wer sind sie denn, die also unser Heiligthum zutreten und sich wider uns wenden? Das geschieht nun abermal in den beyden Stücken, Lehren und Leben. Denn zum ersten thun es die falschen Lehrer, die unser Evangelium von uns nehmen und lernen, und kriegen also unser Kleinod und köstlichen Schatz, darinnen wir getauft sind, leben und uns rühmen, und gehen darnach hin an ihren Ort, und sahen an, wider uns zu predigen, und kehren ihren Rüssel und Zahne wider uns. Zum andern, mit dem Leben gehets auch also, allermeist bey uns, da das Evangelium »erachtet und überdrüssig wird, und nun bereits dazu kommen ist, daß man kaum einen Pfarrherrn mehr ernähren will, sonderlich Juncker Scharrhans auf dem Lande, der alle Güter zu sich reißt, und die Prediger so halt, daß ihnen die Lust zu predigen vergehen muß, und laßt sie seine Knechte seyn, daß sie müssen predigen und thun, was er will. Dem folget denn nach Juncker Filtz in Städten und Er Omnos; die stellen sich, als wollten sie kein Evangelium noch Gottes Wort haben, und haben doch von uns Freyheit von des Pabsts Tyranney, dazu alle Güter auch äusserlich. Nun aber wollten sie gerne uns mit dem Evangelio zum Lande austreiben, oder ja aushungern. Wohlan, wir könnens nicht anders machen, müssen leiden, daß solche Schlangen, Hunde und Saue um uns sind, die, beyde, mit der Lehre und Leben das Evangelium verderben, und wo rechte Prediger sind, denen muß es allezeit so gehen. Denn das ist des Evangelii Glück in der Welt, und wenn es wieder dahin kömmt (wie ich oft geweissaget habe, und besorge, es werde allzubald geschehen), daß solche Leute, als Pabst und Bischöffe, regieren, so wird es schon gar hinweg und vertreten und seine Prediger dahin seyn. Denn das Evangelium muß jedermanns Fußtuch seyn, daß alle Welt drüber lauste und mit Füssen trete sammt seinen Predigern und Schülern. Was sollen wir nun dazu thun? Ihr sollet es nicht (spricht Christus) vor die Saue und Hunde werfen. Ja, lieber Herr, sie Habens bereits. Denn, weil es eine öffentliche Predigt ist und in die Welt ausgeschüttet: so können wir nicht wehren, daß sie nicht drein fallen und zu sich reisten. Aber sie Habens darum noch nicht, und wollens ihnen sGott Lob!) wohl wehren, daß sie das Heiligthum nicht kriegen; die Schalen und Hülsen haben sie wol, das ist die fleischliche Freyheit; aber das sey ihnen gewehret, daß kein Hund noch Saue, er sey ein Scharrhans, Filtz, oder Bauer, einen Buchstaben vom Evangelio kriege, ob er gleich alle Bücher liefet und alle 208 Auslegung der Bergpredigt Christi. Predigt höret, und laßt sich düncken, er könne es überaus wohl. Darum ist das die Kunst dazu, wie Christus hier lehret, wenn wir eine solche Saue oder Hund sehen, daß wir uns von ihm sondern, wie wir mit den Rottengeistern thun, und keine Gemeinschaft mit ihnen haben, und ihnen keine Sacramente reichen, keinen Trost des Evangelii mittheilen, sondern anzeigen, daß sie nichts von Christo, unserm Schatz, gemessen sollen. Wenn wir das thun, so haben wir ihnen die Perlen und das Heiligthum fein genommen. Denn es soll mir kein Scharrhans, oder Bauer, Schwärmer oder Rottengeist das Evangelium und Christum haben, er soll mich zuvor darum fragen und mit mir halten, daß ich ja dazu sage, oder ein jeglicher rechter Prediger. Denn wer das Evangelium recht hat, der muß es gewißlich mit uns halten und eins seyn, so ferne, daß wir zuvor deß gewiß seyn, daß wir das rechte Evangelium und die Perlen haben. Darum muß er uns warlich nicht mit Füssen treten, wie Juncker Scharrhans, noch verdammen, wie die Rotten, noch verachten, wie die Bauern in Städten und Dörfern, sondern das liebe Wort in Ehren halten und alle, die es predigen und gerne hören. Wo nicht, so halten wir sie für Saue und Hunde, und sagen ihnen, daß sie nichts von uns kriegen sollen, lassen sie dieweil lesen und hören und sich evangelisch rühmen, wie sie wollen, wie ich mit etlichen Scharrhansen und Städten thun muß. Denn das ist gewiß, wer das Predigtamt verachtet, der wird nicht viel vom Eoangelio halten. Weil sie denn die Pfarrherren und Prediger mit Füssen treten und sie schmählich halten, daß die Bauern ihre Säue nicht so halten, so ziehen wir unsere Perlen wieder zu uns und wollten sehen, was sie ohne unsern Danck werden vom Evangelio haben? Kannst du Gottes Wort und seine Prediger mit Füssen treten, so kann er dich wiederum auch mit Füssen treten. So will nun Christus sagen: Wo ihr sehet, daß mW unsere Predigt will verachten und mit Füssen treten, so habt keine Gemeinschaft mit ihnen und thut euch von ihnen, wie er Matth- 18, 17. auch sagt: Wer dich und die Gemeinde nicht höret, den halte als einen Heyden und Zöllner. Also, daß man ihnen sage, daß sie nicht Christen, sondern verdammte Heyden sind, und ihnen nichts wollen gepredigt haben, und kein Theil unserer Güter lassen, wie St. Petrus, Apgesch. 8, 20. 21. zu Simon Mago saget. Also thue ich und alle, die mit Ernst predigen, daß wir uns nicht theilhastig machen mit ihrer Sünde. Denn Gott will nicht, daß wir so heucheln sollen mit unsern Rotten, als wäre ihre Lehre recht, sondern müssen sie für Feinde halten, als von ihnen gesondert mit Auslegung der Bergpredigt Christi. 20!) dem Evangelio, Taufe, Sacrament und allem, was sie lehren und leben. Also auch müssen wir den Unsern sagen, wenn sie wollen am Evangelio Theil haben, daß sie uns nichts überall verachten, sondern ihre Frucht beweisen, daß sie es mit Ernst meynen, und zum wenigsten das Wort und Sacrament in Ehren halten, und sich mit Demuth dazu stellen. Ja, (sagen sie,) mit der Weise wollte man wieder eine Herrschaft machen, und sich selbst wieder in Stul und Zwang setzen, wie bisher der Pabst gesessen ist; das wäre nicht zu leiden, und waren eoen so mehr unter dem Pabst blieben. Antwort: Ja warlich, ich habe es selbst sehr Sorge, daß es so wird gehen. Aber das wird nicht der Weg darzu seyn, den sie vornehmen, der Pfaffen Tyranney zu wehren, sondern eben der rechte Anfang dazu, daß man sie will verachten und mit Füssen treten. Denn wenn diese weg sind, die sie wol mit Füssen getreten und verjagt haben, so werden sie dennoch nickst können ohne Pfaffen oder Prediger seyn. Denn Christus will sein Regiment behalten in der Welt, daß dennoch sein Evangelium, Taufe und Sacrament bleiben muß. Ob es gleich kein Fürst nicht wollte schützen, so will ers thun, weil ihn der Vater zu seiner Rechten gesetzt hat, und will, daß er soll Herr seyn. Ob sie nun gleich jetzt alle Pfassen verjagen, so werden sie Christum nicht vom Stul werfen. Darum wird es ihnen also gehen, weil sie jetzt der rechtschaffenen, frommen Prediger nicht wollen» noch leiden können, wird ihnen Gott andere schaffen, die sie zwingen werden, und mit Tyrannen regieren, arger, denn zuvor. Darum sind sie auf der rechten Bahn, unsere Scharrhansen und andere, die, so die Köpffs zusammen stecken, und meynen, sie wollen uns dampssen und unter sich schwingen, wissen nicht, daß ein anderer droben sitzt, der das Regiment hat und sagt: Wollet ihr nicht rechte Prediger haben, so habt den Teufel mit seinen Predigern, die euch Lügen predigen, die ihr müsset annehmen, und müsset sie dazu lassen Herr seyn, und alle Plagen von ihnen leiden, wie es bereits über unser Deutschland gehet, da man das Evangelium nicht hat wollen annehmen und noch verfolget, daß sie alle Winckel voll Rotten, Schwärmer und Wiedertäufer haben, und könnens nicht wehren. Das wäre aber der rechte Weg, solches zu verkommen, wenn man das Evangelium mit Ernst meynete, und Gott traulich bäte, daß er rechte treue Arbeiter in seine Erndte schickte; da dürste man der Sorge nicht. Denn solche Prediger würden uns nicht drücken, noch zwingen, oder einigen Schaden thun an Leib oder Seele, sondern je- VI. 14 2l0 Auslegung der Bergpredigt Christi. dermann fördern und helfen und alles Gutes thun, wie man an uns erfahren hat: daß wir uns wohl mögen rühmen vor Gott und der Welt, daß wir ja keine Herrschaft, noch unsern Nutz gesucht, sondern aller Welt gedienet mit unserm Leib und Leben, niemand beschweret, noch Schaden gethan, sondern jedermann gerne gcholstn, auch zeitlich, und dazu drüber leiden alle Gefahr, Gewalt und Verfolgung. Weil denn man unser nicht mehr mag, so soll Gott geben, daß nach uns andere kommen, die anders mit ihnen umgehen, drücken, plagen und schinden, auf daß sie sehen, was sie an uns gehabt haben, und sollens von solchen leiden, die sie jetzt nicht ansehen und nicht gerne zu Stallbuben hatten- Denn sie sind auch nicht bessers werth, denn daß sie solche Tyrannen haben, die sie müssen fürchten, wie sie den Pabst gehabt haben; der war ein rechter Regent für sie. Unsere tolle Fürsten haben auch bereits gelernt, und Habens im Sinn, daß sie wollen Zwangs los seyn und nicht mehr den Pabst fürchten, heben an, die Pfaffen zu schützen; aber nicht um ihrent willen, sondern, daß sie sie unter sich zwingen, daß sie müssen ihrer Gnade leben, und schützen sie so, daß sie lieber sollten zu uns fallen, die sie für Feinde achten, denn sich so von ihnen unter dem Namen des Schutzes zuraufen lassen. Aber so soll und muß es gehen, und geschieht ihnen beyden recht. Aber bey den Christen soll es nicht so seyn, sondern, was rechtschaffene, fromme Hertzen sind, sollen ihre Pfarrherrcn und Prediger in allen Ehren halten, mit aller Demuth und Liebe, um des Herrn Christi und seines Worts willen, und sie so groß achten, als ein köstlich Geschenck und Kleinod, von Gott gegeben, über alle zeitliche Schatze und Güter. Deßglcichen werden auch die rechten, frommen Prediger mit allem Drauen nichts anders suchen, denn aller Leute Nutzen und Heil, ohne alle Beschwerde, beyde, des Gewissens und auch äusserlich an zeitlichen Gütern und leiblichem Wesen. Wer sie aber verachtet, der wisse, daß er kein Christ ist und den Schatz wieder verlohren hat. Wir predigen und vermahnen jedermann, wer es annehmen und mit uns halten will; wer aber nicht will, und doch mit dem Schein und Namen des Evangelii oder Christlicher Brüderschaft uns verachtet und mit Füssen will treten, wider solche brauchen wir auch der Kunst, daß wir sie den Schein lassen haben, aber im Grund alles wider zu uns nehmen, daß sie nichts überall behalten. Denn wir haben den Befehl, daß wir uns von ihnen sondern, ob wirs wol nicht gerne thun, und lieber wollten, daß sie bey uns blieben, aber weil sie nicht wollen, müssen wir sie auch lassen Auslegung der Bergpredigt Christ!. 211 fahren, und nicht um ihrentwillen unsern Schatz lassen veiderben, vdcr von ihnen lassen zutreten werden. 7.— 11. Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopffet an, so wird euch aufgelhan. Senn wer da bittet, der empfähet; und wer da suchet, der findet; und wer da anklopfst, dem wird aufgethan. Welcher ist unter euch Menschen, so ihn sein Sohn bittet ums Brod, daß er ihm einen Stein biete? Oder, so er ikm bittet um einen Fisch, der ihm eine Schlange biete? So denn ihr, die ihr arg seyd, könnet dennoch euren Kindern gute Gaben geben; wie vielmehr wird euer Vater im Himmel Gutes geben denen, die ihn bitten. Nachdem der Herr Christus die Jünger gelehret und das Pre» digtamr angerichtet hat, daß sie wissen, was sie predigen und wie sie leben sollten, thut er hier noch eine Vermahnung zu dem Gebet, will sie damit lehren, daß das Gebet, nahest des Predigtamts, das fürnehmste Wtrck sey eines Christen, als das allzeit auf die Predigt gehöret, und anzeigen, daß nichts nöthigers ist in der Christenheit, weil wir soviel Anfechtung und Hinderniß haben, denn daß man ohne Unterlaß anhalte mit Beten, daß Gott seine Gnade und Geist gebe, daß die Lehre möge zu Kräften und in Schwang kommen bey uns selbst und andern. Darum bat Gott im Propheten Zacharia 12, 10. verheissen, daß er wolle über die Christen ausgiessen einen Geist der Gnaden und des Gebets, fasset also in diese zwey Stücke das gantze Christliche Wesen. So will er nun sagen: Ich habe euch die Lehre gegeben, daß ihr wisset, wie ihr reckt leben sollet, und wofür ihr euch hüten sollet. Nun gehöret dazu, daß ihr auch bittet und getrost anhaltet mit Suchen und Klopffen, nickt faul noch laß dazu werdet. Denn es wird bittens, suchens und klopffens noth seyn. Denn ob schon beyde, die Lehre und Leben, recht angangen ist, so wird es doch nicht mangeln an allerley Gebrechen und Anstössen, die uns täglich hindern und wehren, daß wir nicht fort können, und stetig dawider kämpssen müssen mit allen Kräften, aber keine andere stäcckece Wehre haoen, denn daS Gebet: daß, wenn wir solches nicht treiben, isis nickt möglich, zu bestehen und Christen bleiben. Wie wir jetzt wohl können vor Augen sehen, was täglich vor Hindernisse wider das Evangelium gehen, aber auch sehen, daß wir uns des Gebets wenig annehmen und 14* 212 Auslegung der Bergpredigt Christi. stellen, als gicnge uns diese Warnung und Vcrmahnung nichts an, und dürften nun nichts beten, weil das unnütze Geplapper und Gemurre der Rosenkranze und anderer abgottischen Gebetlein aufgehört hat, welches ist Nichtsein gut Zeichen, und zu besorgen, daß viel Unglücks über uns gehen werde, das wir sonst wehren konnten. Darum soll ein jeglicher Christ diese Vermabnung annehmen, erstlich als ein Gebot, eben sowol, als das vorige Stück- Ihr sollet nicht richten! ein Gebot ist, und wisse, daß er schuldig ist, sich zu üben in dem Christlichen Wecck, und nicht thue, wie jener Bauer, der da saget, er gebe dem Pfarrhcrrn Korn darum, daß er sollte für ihn beten, wie etliche dencken- Was liegt an meinem Beten? Bete ich nicht, so beten andere. Daß man nicht meyne, es gehe uns nicht an, oder stehe in unserer freyen Willköhr, davon ich sonst oft weiter vermahnet habe. Zum andern hast du hier die trostliche Verheissung und reiche Zusagung, die er thut von dem Gebete, daß man sehe, es liege ihm etwas dran, und lerne unser Gebet köstlich und theuer vor Gott halten, weil er uns so ernstlich dazu vermahnet, so freundlich locket und zusagt, daß wir nicht umsonst sollen bitten. Und wenn wir gleich keine Ursache oder Reitzung hatten, denn diß freundliche, reiche Wort, so sollte es genug seyn, uns zu treiben. Ich will schweigen, daß er so theuer und hoch vermahnet und gebeut, und daß wirs so hertzlich wohl dürfen. Zudem, als wäre es daran nicht genug, so wir uns doch ohne das, unserer hohen Noth halben, billig selbst sollten treiben, setzet er aus der Maasse ein sehr schönes Gleichnis, desto mehr zu rcitzen, von einem jeglichen Vater gegen seinen Sohn- daß, ob er gleich selbst ein schandlicher Unflath ist, doch, so ihn sein Sohn bittet um einen Fisch, so gibt er ihm keine Schlange. Daraus schleußt er diese tröstlichen Worte- Weil ihr solches könnet thun, die ihr von Art nicht gut seyd und keine gute Ader in euch ist gegen Gott, wie sollte denn Gott, euer himmlischer Vater, der von Art eitel Güte ist, nicht euch auch Gutes geben, so ihr ihn darum bittet? Das ist je alles aufs höchste, damit man jemand reitzen soll oder kann zu dem Gebete, wenn wir nur solche Worte wollten ansehen und zu Hertzen führen. Nun, was die Noth sey, um welcher willen er die Vermahnung thut, und die uns treiben soll, zu bitten, ist gesagt- daß, wenn man Gottes Wort recht halt und beyde, die Lehre und Leben, wohl angefangen, so kanns nicht fehlen, es findet sich taglich nicht einerley, sondern tausenderley Anfechtung und Widerstand. Denn zum ersten ist unser eigen Fleisch, der alte faule Sack, der da bald verdrossen, un- Auslegung der Bergpredigt Christi. achtsam und unlustig wird zu Gottes Wort und gutem Leben: also, daß es immer uns mangelt an Weisheit und Gottes Wort, Glaube, Liebe, Geduld. Das ist der ärgste Feind, der uns taglich am Halse hängt, so schwer, daß er uns immer dorthin reistet. Dazu wird auch schlagen der andere Feind, die Welt, die uns das liebe Wort und Glauben nicht gönnet, noch dabey leiden will, wie schwach es auch bey uns ist, fahret zu und verdammt uns drüber, will uns nehmen, was wir haben, daß wir keinen Frieden bey ihr haben können. Das sind bereits zwo grosse Anfechtungen, so uns inwendig hindern und auswendig davon jagen wollen. Darum haben wir nicht mehr zu thun, denn daß wir immer zu Gott schreyen, daß er sein Wort in uns starcke und fordere, und den Verfolgern und Rotten wehre, daß es nicht gedampft werde. Der dritte Feind ist nun der allerstarckeste, der leidige Teufest welcher hat die zweyerley grossen Vortheile, daß wir von Natur nicht gut sind und dazu schwach im Glauben und Geist, legt sich also in mein eigen Schloß, und streitet wider mich, hat dazu die Welt auch zu Hülse, daß er alle Rotterey wider mich treibt, dadurch er seine gisstige, feurige Pfeile auf mich scheußt, daß er mich müde macht, daß das Wort wieder in mir verlösche und gedampft werde, und er wieder regiere, wie er vor regieret hat, und lasse sich nicht austrei- ben. Siehe, das sind ja drey Unglück, die uns sehr genug drücken und auf dem Halse liegen, und nicht ablassen, weil wir Leben und Odem haben. Darum haben wir ja stete Ursache, zu beten und zu russen. Darum setzt er auch eben solche Worte: Bittet, suchet und klopffet an! anzuzeigen, daß wir noch nicht alles haben, sondern so um uns stehet, daß es allenthalben fehlet und mangelt. Denn wenn wirs gar hatten, so dürften wir nicht bitten noch suchen; wenn wir schon gar im Himmel waren, so dürsten wir nicht anklopssen. Nun, das sind die höchsten Anfechtungen im Gottesdienst und Gottes Wort. Darnach haben wir die gemeine, zeitliche Noth dieses Lebens auf Erden, als, daß wir sollen bitten, daß er uns gebe gnadigen Friede, gut Regiment, und behüte uns vor allerley Plage, Kranckheit, Pestilentz, theurer Zeit, Blutvergiessen, Ungewittec :c. Denn du bist dem Tode auch noch nicht entlausten, hast auch noch dein taglich Brod nicht gar aufgessen, daß du nicht dürfest bitten, daß er dirs taglich gebe. Item, so hast du auch zu bitten für die weltliche Obrigkeit, und wider allerley Laster, daß die Leute nicht so untereinander rauben und stehlen, weil du taglich mußt sehen, daß allenthalben so schandlich zugehet. Ueber das alles hast du daheim in deinem Haus dein Weib, Kind und Gesinde zu regieren, da findest 214 Auslegung der Bergpredigt Christi, du alle Hände voll zu thun. Denn wer da soll in seinem ganhen Leben, beyde, Christliche und kayserliche Gerechtigkeit halten und führen, der hat mehr aus sich geladen, denn eines Mannes Wcrck und Vermögen. Was sollen wir nun thun? Da stecken wir in so mancherley grossen Nöthen und Hindernissen, derer wir nicht können umgehen, wenn wir uns sollten zureissen. Wie kann ick dawider, daß ich nicht sterbe, so faul und laß bin zu Gottes Wort und allem Guten, .oder daß die Welt so tobet und rumort, und der Teufel wüthet, und so viel Plage und Unglück gehet? Solches weiß nun der liebe Herr Christus wohl; darum will er uns ein? köstliche, gute Artzencv zeigen, als ein frommer, treuer Artzt, und lehren, wie wir ihm thun sollen, als sollte er sagen: Die Welt ist so toll, und unterstehet sich, solches mit Weisheit und Vernunft von sich zu bringen, suchet so viel Mittel und Wege, Hülfe und Rath, wie sie aus solchen Nöthen komme. Aber das ist der einige, kürtzcste, gewisseste Weg, daß du gehest in ein Kammerlein, oder in einen Winckcl, und da dein Hertz austhusl und ausschüttest vor Gott mit Klagen und Seufzen und tröstlicher Zuversicht, daß er, als dein treuer, himmlischer Vater, in solchen Nöthen helfen und rathen «volle, gleichwie man liefet Es. 37, von dem König Ezechia. Als der Feind mit einem grossen Volck vor der Stadt lag, und er so bedränget und übermannet war. daß keine Hülse noch Rath menschlich zu hoffen war, dazu ihn der Feind aufs schmählichste trotzet? und spottete zu seinem Unglück, und schrieb ihm einen Brief voll Lästerung, daß er hatte mögen verzweifeln - da tbat der fromme König nichts anders, denn ging hinauf in den Tempel, legte Golt den Brief vor den Altar, und fiel nieder und betete von Hcrtzen. Da ward er sobald erhöret und ihm geholfen. Aber da ist Notb und Angst und die schwereste Kunst, ehe mans dazu bringet, und der elendeste Jammer, daß wir uns imitier vorhin zumartern und zufresscn mit unsern eigenen Sorgen und Gedancken, daß wirs selbst wollen vom Halse legen und los werden. Denn es ist ein böser, schalckhaftiger Teufel, der mich so wol reitet, als andere, und oft mir solche Tücke bewiesen hat, wenn die Anfechtung oder Kümmerniß angehet, es sey in geistlichen oder weltlichen Sachen, daß er den Kopf flugs hineinstecke, und dahin bringe, daß man sich selbst damit fresse, damit er uns von dem Gebet reistet und den Kopf so irre machet, daß man nicht daran denckct, und ehe man anhebt zu beten, hat man sich schon halb zu Tode gemartert. Denn er weiß wohl, was das Gebet schasset und ver- Auslegung der Bergpredigt Christi. 2l5 mag, darum wehret und störet er, wie er immer kann, daß man ja nicht dazu komme. Darum sollten wir lernen diese Worte wohl ins Hertz treiben und daran gewöhnen, sobald uns eine Angst oder Noth unter Augen flösset, nur flugs auf die Knie zu fallen und Gott die Noth vorlegen nach dieser Nermahnung und Zusage: so wäre uns geholfen, daß wir uns nicht dürften zumartern mit unsern eigenen Gedanckcn, Hülse zu suchen. Denn es ist eine sehr köstliche Artzeney, die da gewißlich hilft und nimmer fehlet, wenn man ihr nur brauchet. Wie man aber recht beten soll, ist droben und sonst genug gesagt. Denn hier reden wir nur von der Kraft des Gebets, und was uns dazu treiben soll. Das fürnehmste aber ist, daß du nur vor ersten Gottes Wort ansehest, das dich unterrichte im Hertzen, was du glauben sollst, daß du deß gewiß seyst, daß dein Glaube, Evangelium und Christus recht ist, und dein Stand gefallet: so wirst du bald den Teufel wider dich sehen, und fühlen, wie es allenthalben fehlet, innwendig im Glauben, und auswendig in deinem Stande, daß es alles hinter sich will gehen und um und um schwärmet mit Anfechtungen. Wenn du solches fühlest, daß du klug seyst, und dein Hertz erschwingest, daß du flugs ansahest zu bitten, und sagest: Lieber Herr, ich habe ja dein Wort, und bin in dem Stande, der dir gefället, das weiß ich. Nun siehest du, wie es allenthalben mangelt, daß ich keine Hülfe weiß, ohne bey dir; darum hilf du, weil du gesagt und befohlen hast, daß wir sollen bitten, suchen und klopffen, so sollen wirs gewißlich empsahen, finden und haben, was wir begehren, Wirst du dichs so annehmen und gewöhnen, getrost zu beten, und nicht empsahen, so komme denn und strafe mich Lügen. Gibt er dir nicht sobald des Augenblicks, so wird er dir doch soviel geben, daß indeß dein Hertz Trost und Starcke empfinden wird bis zu der Zeit, da er viel reichlicher gibt, denn du hättest gehofft. Denn das ist auch eine Tugend des Gebets, wenn mans übet und treibt, und also an das Wort dencket, das er verheissen hat, daß dein Hertz immer je stärcker wird und vester anhält, und endlich vielmehr, denn sonst, erlanget. Solches könnte ich fein an meinem und anderer frommer Leute Exempel beweisen. Denn ich Habs auch versuchet und viel Leute mit mir, sonderlich zu der Zeit, da uns der Teufel fressen wollte auf dem Reichstage zu Augsburg, und stund alles übel satt und so rege, daß alle Welt meynete, es würde über und über gehen, wie etliche trotziglich gedräuet hatten, und waren schon die Messer ge- 216 Auslegung der Bergpredigt Christi. zuckt und die Büchsen geladen. Aber Gott hat durch unser Gebet so geholfen und aufgethan, daß jene Schreyer mit ihrem Scharren und Dräuen redlich sind zu schänden worden, und uns einen guten Friede und gnädig Jahr gegeben, als lang und nie gewesen ist und wir nicht hätten können hoffen. Gehet jetzt eine andere Gefahr und Noth an, so wollen wir abermal bitten, und er soll wieder helfen und erlösen, ob er uns gleich indeß mitzu ein wenig leiden und drücken laßt, auf daß er uns desto mehr stärcke, und wir getrieben werden, desto stärcker zu beten. Denn was wäre es vor ein Gebet, wenn nicht die Noth da wäre, und uns drückete, daß wirs fühle- ten? Es dienet wohl darzu, daß mans wohl fühle, daß desto stärcker Gebet draus werde. Darum lerne nur ein jeglicher sein Gebet mit nichte» verachten, ungezweifelt, daß es gewißlich erhöret werde, und zu seiner Zeit empsahen werde, was er begehret. Warum aber Christus soviel Worte braucht, daß er dreyerlcy Stücke setzet- Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopffet an, so wird euch aufgethan! so es doch wäre an einem genug gewesen, ist leicht zu sehen, (wie auch gesagt ist,) daß er uns damit will desto stärcker vermahnen zum Beten. Denn er weiß, daß wir blöde sind, und scheuen uns, unsere Noth Gott vorzutragen, als unwürdig und ungeschickt, fühlen den Mangel wohl, könnens aber nicht herausbringen, dcncken, Gott sey zu groß, und wir so geringe und unwürdig, daß wir nicht dürfen beten, welches ist auch eine grosse Hinderniß vom Teufel, das dem Gebet grossen Schaden thut. Darum rcitzet er uns von solcher Blödigkeit und Gedancken, daß wir ja keinen Zweifel haben, sondern nur getrost und kecklich hinangehen. Denn ob ich gleich unwürdig bin, so bin ich doch seine Creatur, und weil er mich würdig gemacht hat, daß ich seine Creatur bin, so bin ich auch würdig, zu nehmen, was er mir zugesagt hat und so hoch anbeut. Summa, bin ich unwürdig, so ist doch er und seine Verheissung nicht unwürdig. Darauf wage es nur frisch und getrost, und legs ihm mit allen Freuden und Zuversicht vor in seinen Schooß. Aber vor allen Dingen siehe zn, daß du recht glaubest an Christum, und in einem rechten Stande seyst, der Gott gefalle, nicht, wie die Welt, die ihres Standes nicht achtet, und nur Tag und Nacht trachtet, ihre Untugend und Bü- bercy auszurichten. Man möchte aber diese drey Stücke dahin deuten, daß er einerley mit andern Worten wiederhohlet, anzuzeigen das Anhalten des Gebets, davon auch St. Paulus Rom. 12, 12. vermahnet: Haltet an am Gebete! als sollte er sagen: Es ist nicht genug, an- Auslegung der Bergpredigt Christi. 217 heben und einmal seufzen, und das Gebet hersagen, und darnach davon gehen; sondern, gleichwie die Noth ist, so soll das Geber auch thun. Denn sie greiftet dich nicht einmal an, und laßt darnach von dir, sondern hanget immer an, und fallet dir wieder an den Hals und will nicht ablassen. Also thue du auch, daß du immer bittest, und dazu suchest und anklopffest, und lassest nicht abe; gleichwie das Exempel, Luc. Ich 3. ff., lehret von der Wittwe, die nicht wollte ihrem Richter vom Halse lassen mit geilen und anhalten, und macbct es so unverschämt, daß er übertäubet ward und mußte ihr ohne seinen Danck'helfen. Wie vielmehr (schleußt Christus daselbst, N. 7.), wird uns Gott geben, wenn er siehet, daß man nicht abläßt mit bitten, sondern immer und immer klopft, daß er muß hören, sonderlich, weil ers gcheissen hat, und zeiget, daß er Gefallen habe an solchem Anhalten. Darum, wie die Noth immer anklopft, so klopfte du auch immer an, und lasse auch nicht ab, weil du sein Wort hast, so wird er auch müssen sagen: Wohlan, so fahre hin, und habe, was du begehrest. Davon sagt auch St. Jacob in seiner Epistel 1,6., daß das Gebet des Gerechten viel vermag, wenn es ernstlich anhält, und zeucht dazu das Exempel Elia, des Propheten, aus der Schrift. So thuts auch Gott darum, daß er dich treibet, nicht allein schlecht zu bitten, sondern anzuklopssen, daß er dich will versuchen, ob du könnest vest halten, und dich lehre, daß darum dein Gebet nicht unangenehme, noch unerhoret ist, ob er gleich verzeucht und dich oft läßt suchen und klopften. 12. Alles nun, das ihr wollet, das euch die Leute thun sollen, das thut ihr ihnen auch, das ist das Gesetz und die Propheten. Mit diesen Worten beschleußt er nun seine Lehren, in diesen dreyen Capiteln gethan, und fasset sie alle in ein klein Bündlein, darinnen mans gar finden möge, und ein jeglicher in Busen stecken und wohl behalten könne, als sollte er sagen- Wollet ihr wissen, was ich gepredigt habe, und was Moses und alle Propheten euch lehren, so will ichs cuch wol kurtz sagen und so fassen, daß ihr nicht dürst klagen, es sey zu lang < oder zu schwer zu behalten. Denn es ist eine solche Predigt, die man kann lang und weit ausstreichen, und auch kurtz machen, und alle Lehre und Predigt hieraus fliesten und sich ausbreiten, und wiederum hier zusammen kommen. Wie könnte es nun kürtzer und klärer gefasset werden, denn in diesen Worten, ohne daß die Welt und unser alter Adam nicht läßt dazu kommen, daß wir ihm nachdencken und gegeneinander halten unser Leben und diese Lehre, lasscns zu eiuem Ohr eingehen, zum andern ^il8 Auslegung der Bergpredigt Christi. wieder aus. Sollten wirs aber allezeit gegen unser Leben und Werck halten, so würden wir nicht so rohe hingehen und in Wind schlagen, sondern immer genug zu thun kriegen, und wohl selbst unser Meister werden und lehren, was wir thun sollten, daß wir nicht dürsten nach heiligem Leben und Wercken lausten, auch nicht viel Juristen und Rechtsbüchcr dazu dürsten. Denn es ist ja kurtz gefaßt und bald gelernet, wenn nur der Fleiß und Ernst da wäre, darnach zu thun und zu leben. Als, daß mans bey groben Exempeln sehe.- Es ist ja keiner, der ihm gerne lasse stehlen, und wenn er sein eigen Hertz darum fraget, so muß ers sagen, daß ers warlich nicht gern hat. Warum schleußt er denn nicht, daß er einem andern auch also thue? Als, wenn du auf dem Marckt siehest, daß jedermann das Seine so theuer machet, wie er selbst will, daß er gerne um dreyßig Pfenning gäbe, was nicht zehen werth ist, und du fragest ihn: Lieber, wolltest du auch gerne, daß man dirs thue? so kann er so grob und unverstandig nicht seyn, er muß sagen: Ich wollte es kaufen, wie es der Marckt gäbe, und was billig und recht wäre, daß man mich nicht Übernahme. Siehe, da ist dein Hertz, das dir fein saget, was du gerne haltest, und dein Gewissen, daß du schleußt, daß du andern auch also thun so-llst, und dich fein lehren kann, wie du dich halten sollst gegen den Nächsten mit Kaufen und Verkaufen und allerley Handeln, welches alles gehöret zum siebenten Gebot: Du sollst nicht stehlen. Deßgleichen in andern Geboten: Wenn du ein Weib, Tochter oder Magde hast, die liessest du nicht gerne zu Schanden werden, oder Böses von ihnen reden, sondern wolltest, daß sie jedermann zu Ehren hielte und förderte, und ihnen das beste nachsagete. Warum bist du denn so verkehrt, daß du nach eines andern Weib trachtest, und selbst zu Schanden machst, oder lassest es anstehen, wo du ihr zu Ehren helfen solltest, und hast deine Lust mit asster- reden und verlaumden? Item, du wolltest nicht gerne, daß dir jemand Schaden noch Leid thäte, oder dir übel redete, und was deß mehr ist. Warum haltest du denn hier nicht selbst die Regel und Maaß, die du von andern forderst und haben willst, und kannst einen andern bald richten, tadeln und verdammen, wenn er dirs nicht thut, und willst doch selbst dein eigen Recht nicht halten? Also gehe durch alle Gebote der andern Tafel, so befindest du, daß diß sey die rechte Summa aller Predigt, die man thun kann, wie der Herr selbst sagt. Darum heissst es wol eins kurtze Predigt: aber wiederum, Auslegung der Bergpredigt Christi. 219 wenn man sie durch alle Stücke soll ausbreiten, so ist es so eine weite Predigt, die kein Ende hat. Denn es ist nicht zu zahlen, alles, was man auf Erden thut, bis an Jüngsten Tag. Und ist ja ein feiner Meister, der eine solche lange, weitlauftige Predigt kann so kurtz fassen und in eine Summa schliessen, daß sie ein jeglicher kann mit sich heim tragen und sich taglich derselben erinnern, als in seinem eignen Hertzen, ja in alle seinem Leben und Wercken geschrieben, (wie wir weiter hören werden,) und ein jeder sehen kann, wo es ihm fehlet in seinem gantzen Leben. Und ich halte auch dafür, es sollte dennoch Kraft haben und Frucht schaffen, wenn man nur sich gewöhnet, daran zu gedcncken, und nicht sogar faul und unachtsam seyn wollte. Denn ich halte niemand so grob, noch so böse, wenn er daran gedachte, er würde sich dennoch daran scheuen und stossen. Und ist sicherlich fein gemacht, daß Christus also stellet, daß er kein ander Exempel setzet, denn uns selbst, und also nahe legt, daß ers nicht naher legen könnte, das ist in unser Hertz, Leib und Leben und alle unsere Glied- maafsen- daß niemand weit darnach lausten darf, noch viel Mühe und Kost darauf wenden und lassen; sondern hat dir das Buch in deinen eignen Busen gelegt, und dazu so klar, daß du keiner Glossen darfst, Mosen und das Gesetz zu verstehen, also, daß du selbst deine Bibel, Meister, Doctor und Prediger bist. Da weiset er dich hin, daß du es nur ansehest, so wirst du finden, wie das Buch gehet durch alle deine Wercke, Worte, Gedancken, Hertz, Leib und Seele. Richte dich nur darnach, so wirst du weise und gelehrt gnug seyn, über alle Juristen, Kunst und Bücher. Als, zum groben Exempel: Bist du ein Handwercksmann, so findest du die Bibel gelegt in deine Werckstatt, in deine Hand, in dein Hertz, die dich lehret und dir vorprsdigt, wie du dem Nächsten thun sollst. Siehe nur an deinen Handzcuq, deine Nadel, Fingerhut, dein Bierfaß, deinen Kram, deine Wage, Ellen und Maaß: so liesest du deinen Spruch darauf geschrieben, daß du nirgend hin sehen kannst, daß dirs nicht unter Augen stosse, und kein Ding so geringe ist, damit du taglich umgehest, das dir solches nicht ohne Unterlaß sage, wenn du es hören willst, und mangelt ja an predigen nicht. Denn du hast so manchen Prediger, so manchen Handel, Waare, Handzeug und andere Bereitschaft in deinem Haus und Hofe. Das schreyet allzumal über deinen Hals: Lieber, handele mit mir also gegen deinen Nächsten, wie du wolltest, daß dein Nächster gegen dir handeln sollte mit seinem Gut. Siehe, also wäre diese Lehre geschrieben an allen Orten, wo 22l) Auslegung der Bergpredigt Christi. wir hinsehen, und in alle unser Leben gesteckt, wenn wir nur Ohren hatten, die da hören, und Augen, die da sehen wollten, und ist ja so reichlich uns vorgetragen, daß niemand kann sich entschuldigen, er habe es nicht gewußt, oder sey ihm nicht gnug gesagt oder gepredigt. Aber wir sind, wie die Ottern, die die Öhren zustopffen, und taub werden, wenn man sie beschwören will, wollens nicht sehen noch hören, was in unser eigen Hertz und Gedancken geschrieben ist, und gehen so ruchlos dahin: Ha was gehet mich ein anderer an! Ich mag mit dem Meinem handeln, wie ich will, und das Meine so theuer verkaufen, als ich kann, wer will mirs wehren? wie Juncker Filtz und Knebel auf dem Marckte thut. Und wenn man sie durch Gottes Wort strafet und dräuet, so geben sie ein Lachen und Spotten dran, und starcken sich nur in ihrer Bosheit. Aber wir predigen auch solchen nicht, Christus auch nicht, will auch nichts mit ihnen zu schassen haben, und sie so sehr verachten, als sie thun, und sie zum Teufel lassen fahren, damit sie beyderseits geschieden seyn. Aber die da gerne wollten fromm seyn und dennoch Gott fürchten, und dencken, wie sie leben und fahren wollen, die sollens wissen, daß sie nicht sollen noch müssen mit ihrem Gut handeln und umgehen, wie sie wollen, als waren sie allerdings selbst Herren, sondern schuldig sind, zu handeln, wie es recht und geordnet ist, darum Landrecht und Stadtrecht da ist. Denn so wollte ein jeglicher von seinem Nächsten ihm gethan haben; darum sollte er ihm auch so thun, gute Waare um recht Geld, beyde, nehmen und geben. Das ist sein ernstlich Gebot, und will keine Freyheit oder Willkühr daraus gemacht haben, als möchte mans ohne Sünde thun, oder lassen, und wird auch drüber halten, wie sehr es die Welt für Schimpf halt und verachtet. Thust du es nicht, so wird er mit dir handeln nach deinem eigenen Recht und Urtheil, und soll dir auch zu Haus und Hofe kommen, daß du keinen Segen habest zu dem, das du wider diese Lehre gewonnen hast, sondern alle Plage und Hertzeleid mit deinen Kindern. , Denn er will sein Gebot dennoch gehalten haben, oder sollst kein Gut noch Glück haben. Zum andern ist es nicht allein so nahe gelegt, (wie jetzt gesagt,) daß wir sehen müssen in allem, das vor Augen ist, sondern auch dazu so vorgebildet, daß einer vor ihm selbst muß schamrotb werden. Denn es ist ja keiner, der gerne wollte eine böse That thun, daß andere Leute zusehen sollten, und darf niemand so frey sündigen vor den Leuten, als wenns heimlich geschieht, daß niemand Auslegung der Bergpredigt Christi. 221 siehet. So will nun uns hier Christus selbst zu Zeugen setzen, und machen, daß wir uns selbst scheuen sollen, daß, wenn wir unrecht handeln, bald das Gewissen mit diesem Gebot wider uns stehet als ein ewiger Zeuge, und saget: Siehe, was thust du? Das sollst du so theuer geben, nach meinem gleichen Kaus; so setzest du so viel drüber. Item, die Waare wolltest du nicht gerne von einem andern nehmen, wie du sie verderbest, oder fälschest. Wie würde dichs verdriessen, wenn dir einer für einen Gülden gäbe, das kaum zehn Groschen werth wäre? — daß, wenn du einen guten Bluts- tropffen im Leibe hattest, solltest du dich vor dir selbst schämen. Denn wenns ein anderer thäte, so hiessest du ihn einen Dieb und Schalck. Warum schämest du denn dich nickt vor dir selbst, da nicht ein anderer, sondern du selbst dich mußt also schelten, verdammt von deinem eigenen Gewissen? Aber da ist gut vor eine harte, unverschämte Stirn, die sich weder vor den Leuten, noch vor sich selbst schämet, viel weniger vor Gott. Aber wenns ein anderer dir thut, da kannst du bald schreyen: Ist das nicht Sünde und Schande und schalcklich gestohlen aus dem Beutel? Da kannst du bald einen Dieb und Schalck ersehen an einem andern; aber der in deinem Busen steckt und wohl greissen und fühlen kannst, den willst du nicht sehen. O wie viel sind jetzt solcher Gesellen aus allen Handeln und Handwercken, die da sicher hingehen, die Leute betrügen und keuschen, wo sie können, und doch nicht Diebe und Schalcke wollen seyn, wenn sie es nur heimlich und bchendiglich machen. Aber, wenn jedermann sollte wiedergeben, was er gestohlen und gcraubet hatte in seinem Handel oder Handwerck, so würden wenig Leute etwas behalten. Noch gehen sie hin als fromme Leute, weil man sie nicht öffentlich schellen und strafen darf, meynen dazu, sie Habens nicht Sünde, und wenn sie sich umsehen, so sind alle Wmckel im Haus und Hof voll Diebstahls, und Gott gebe, daß sie nicht einen Gülden oder zween im Hause haben ungestohlen. Noch soll das alles nicht Diebstahl heissen. Ja, wenn es Diebstahl allein wäre und nicht auch Mörderey dazu, da man mit böser, schädlicher Waare, Speis oder Tranck, viel Leute schwach oder kranck machet, und nicht allein ums Geld bringet, sondern auch um Gesundheit, daß mancher isset und trincket, daß er darnach aussiechen und oft daran sterben muß. Lieber, ist das nicht eben soviel, als brächest du ihm in sein Haus oder Kasten, oder schlügest ihn tödtlich wund, ohne daß es den Namen nicht hat? Wenn du Nun nicht sogar verrucht und unverschämt wärest, 222 Auslegung der Bergpredigt Christi. solltest du dich ja schämen, wenn dir solches dein Gewissen sagt und diesen Spruch vorhielte, daß du müssest in dich schlagen; ja es würde dir so bange mache», daß du nirgend würdest dafür bleiben können. Denn es ist eine Last, die immer drückt und treibt, ja stets verdammt als ein ewiger Zeuge wider uns selbst, daß nicht möglich ist zu ertragen. Das würde dich denn bald lehren, daß du müßtest ablassen von solchem Rauben und Stehlen und was deßgleichen ist, das du nicht gerne von einem andern wolltest dir gethan haben. Also gewöhne dich doch, diesen Spruch ein wenig anzusehen und mit dir selbst zu üben, so hast du eins tagliche Predigt im Hertzen, an allen Wesen und Wercken, was du mit deinem Nächsten zu handeln und zu thun hast, dadurch du fein kannst lernen, alle Gebote und das gantze Gesetz verstehen, und dich regieren und führen durch dein und aller Menschen Leben, daß du fein darnach urtheilen mögest, was in der Welt recht und unrecht ist. Sprichst du aber- Wie sagt er, daß das Gesetz und die Propheten hierinne bestehen? Hat doch die Schrift des Gesetzes und der Propheten viel mehr in sich? Denn sie hat ja die Lehre vom Glauben und Verheissung, davon hier nichts gesaget wird. Antwort: Christus nennet hier das Gesetz und Propheten stracks gegen das Evangelium oder Verheissung. Denn er predigt hier nichts von dem hohen Artickel, nemlich vom Glauben an Christum, sondern allein von guten Wercken. Denn das sind zwo unterschiedene Predigten; beyde muß man sie predigen, aber eine jegliche zu seinerZeit und Stunde. Das siehest du auch klar im Text in den Worten, da er sagt: Was ihr wollet, das euch die Leute thun sollen, das thut ihr ihnen auch. Damit zeiget er ja, daß seine Predigt jetzt nicht weiter gehet, denn auf die Wercke, so die Leute gegen uns und wir gegen ihnen thun, und nichts sagt von der Gnade Cbcisti, die wir von Gott cmpfahen. Darum will er nun sagen: Wenn man soll predigen vom guten Leben und Wercken, so wir gegen den Nahesien thun sollen: so findest du im gantzen Gesetz und allen Propheten nichts anders, denn das dich dieser Spruch lehret. Darum setzet er auch deutlich die Worte: den Leuten, und das thut ihr ihnen auch, zu deuten, daß er allein von den Geboten der andern Tafel redet. Und das das beste in dem Spruche ist, spricht er nicht: Andere Leute sollens euch thun, sondern: Ihr sollet es andern Leuten thun. Denn das hat ein jeglicher gerne, daß ein anderer ihm thut, und sind viel Schalcke und Buden, die da wohl leiden können, daß je- derman fromm sey und ihnen Gutes thue; aber sie wollcns niemand Auslegung der Wergpredigt Christi. 223 thun. Aber das sind eitel böse Würmer. Etliche aber sind noch ein wenig besser, die da sagen: Ich wollte zwar auch gerne thun, was ich sollte, wenns andere Leute zuvor gegen mir thaten. Aber dieser Spruch heißt also: Thue das, was du willst von einem andern haben. Du sollst ansahen und der erste seyn, willst du, daß dirs andere Leute thun, oder, wollen sie nicht, so thue es gleichwol. Denn wo du nicht ehe wolltest sromin sinn und Gutes thun, du sehest es denn von einem andern, so wurde nimmermehr nichts draus. Wollen andere nicht, so bist du es nichts desto weniger schuldig nach dem Gesetz und Ordnung des Rechts, weil du es gerne so wolltest dir gethan haben. Wer fromm will seyn, der muß sich nicht an anderer Leute Exempel kehren, und gilt nicht, daß du sagest: Der hat mich getauscht, so muß ich ihn wieder beschmeissen! sondern weil du es nicht gerne hast, so thue es jenem auch nicht, und hebe an an dem, das du gegen dir gethan wolltest haben. So magst du denn andere Leute durch dein Exempel bewegen, daß sie dir wieder Gutes thun, auch die, so dir zuvor Böses gethan haben. Wo du es aber selbst nicht thust, so hast du zu Lohn, daß auch niemand gegen dir thue, und geschieht dir auch recht vor Gott und den Leuten. 13. 14. Gehet ein durch die enge Pforte, denn die Pforte ist weit, und der Weg ist breit, der zur Verdammniß abführet, und ihrer sind viel, die drauf wandeln. Und die Pforte ist enge, und der Weg ist schmal, der zum Leben führet, und wenig ist ihr, die ihn finden. Er hat nun ausgepredigt, unser lieber Herr, und beschleußt endlich dieselbige Predigt mit etlichen Warnungen, uns zu rüsten wider allerley Hinderniß und Aergerniß, beyde, der Lehre und Lebens , so uns unter Augen flössen in der Welt- Denn wahr ists, die Lehre ist schön und köstlich gewesen, beyde, lang ausgebreitet und auch kurtz genug gefassel in ein einig Wort, daß es bald zu sagen und zu verstehen ist; aber da ist Mühe und Arbeit, daß es hernach gehe im Leben. Und ist warlich ein schwer und hartes Leben, ein Ehrist oder fromm seyn, das uns nicht wird süsse ankommen, wie jene gute Dirne sagt: Es gehöret viel zu der Ehre! Ja freylich viel, und noch vielmehr zu einem Christenleben. Das bc- dencket der liebe Herr hier auch, daß ihnen so unter Augen flössen und einfallen wird: Ich wollte wol gerne so leben, es gehöret aber zumal viel dazu. Ja, das sage ich auch (spricht er), darum warne ich dich, siehe dich vor, und kehre dich nicht dran, ob es ein wenig 224 Auslegung der Bergpredigt Christi. sauer wird und schwer zugehet; denn es will und kann nicht anders seyn in der Welt. Solches muß ein Christ wissen und dazu gerüstet seyn, dhß er sich nicht lasse ärgern noch hindern, ob die gantze Welt anders lebt, und richte sich beyleibe nicht nach dem grossen Haufen, wie auch Moses zuvor verboten hat, 2. Mos. 23, 2: Du sollst nicht nachfolgen der Menge zum Bösen. Als sollte er sagen- Das Aergerniß wirst du allzeit sehen müssen in der Welt bleiben und gehen, wie auch hier Christus spricht: Der Weg zur Verdammniß ist breit, und ihr sind viel, die darauf wandeln, und die Pforte ist sehr weit, daß man mit Haufen dadurch gehet. Das ist das grosse Aergerniß, welches gar viel Leute stutzig und abfällig machet, ja auch die Propheten und heiligen Leute hat vor den Kopf geflossen, wie David im Psalter oft klaget, sonderlich Psalm 73, 3. ss- mit vielen Worten - Es verdroß mich, da ich sahe, daß es dem Gottlosen wohl gieng. Denn sie sind in keiner Gefahr des Todes, und stehen geschmückt, wie ein Palast. Sie sind nicht in Unglück, wie andere Leute, und werden nicht, wie andere Menschen, geplagt. Summa, sie sind glückselig auf Erden (sagt er) und werden reich, haben Haus und Hof voll, leben im Sause, und thun, was sie nur wollen und gedencken. Was thue ich aber dar- gegen? Ich muß fromm seyn und leiden, und bin geplagt taglich, und meine Strafe ist alle Morgen da, das ist, wenn ich ein wenig übertrete, so ist er flugs hinter mir mit der Ruthen. Das habe ich davon. Dort gehets alles in Ehren und Freuden, darum fallet ihnen alle Welt zu, lobt und preiscts jedermann. Wie wir gesehen haben unter dem Pabstthum, wenn nur jemand ein Pfassenkleid anlegte, den mußte alle Welt feyren und in Ehren halten, da half und gab jedermann zu, und war eine selige Mutter, die den Sohn getragen hatte. Und jetzt auch also; wer nur uns seind ist, der ist bey ihnen in grossen Ehren und werth gehalten, er lebe, wie er wolle. Das hat den lieben Vätern wehe gethan, daß sie mußten solch Glück und Bosheit in der Welt sehen, daß jedermann viel davon hielt und hinnach lauft, und sie sollten fromm seyn, und nichts denn Unglück dazu haben und von jedermann Verachtung und Verfolgung leiden. Solches will Christus auch zeigen und die Seinen warnen, daß ein jeglicher so lebe in der Welt, als sey er allein, und lasse ihm sein Wort und Predigt das allergrösseste seyn auf Erden, daß er also dencke- Ob ich gleich sehe, daß mein Nachbar und die gantze Stadt, ja alle Welt anders lebt, und alles, was Groß, Edel, Auslegung der Bergpredigt Christi. 2Z,i Reich, Fürsten und Herren sind, mit ihr halt, noch habe ich einen Gesellen, der ist grösser, denn sie alle, nemlich Christum und sein Wort. Darum, wenn ich schon allein gehe, so bin ich doch nicht allein. Denn, weil ich Gottes Wort habe, so habe ich Christum bey mir samt allen lieben Engeln und allen Heiligen von Anfang der Welt: daß freylich viel eine grössere Menge und herrlicher Proceß um mich her ist, denn jetzt in der gantzen Welt seyn möchte, allein, daß ichs nicht vor Augen sehe, und das Aergerniß sehen und tragen muß, daß so viel Leute von mir fallen, oder wider mich leben und wandeln. Daran mußt du dich halten, willst'du anders bestehen; sonst wird dich solch Aergerniß hinreissen, wo du den Augen nach siehest, wie andere Leute leben und glauben. Denn daher schliessen die Türcken, als aus ihrem starckestcn Grunde: Meynest du, daß Gott so greulich sey und eine so grosse Welt verdamme? Also auch die Papisten: Ja, meynest Im, daß das sollte allein recht seyn, was ihr aus eurem Winckel herfürbringet, und die gantze Welt verdammt scvn? Sollten so viel Pabste, Bischöffe, heilige Vater, Könige und Fürsten allzumal geirret haben? Daraus stehen sie so hart, daß sie keilt Mensch kann davon reissen, und schliessen aufs allersicherste, daß unsere Lehre nicht recht sey. Und ist doch nichts anders, denn der Grund: Unser ist viel, jener sind wenig; wir sind fromm, gelehrt, weise, Gottes Volck, sitzen an der Apostel Statt; darum können wir nicht irren. Christus hat ja seine Kirche, noch Gott sein Volck nicht verlassen. Es ist nicht möglich, daß Gott so viel trefflicher Leute verdamme um der wenigen willen; denn er hat ja den Himmel nicht vergebens geschaffen. Aber wider solches alles lehret Christus also: Nur die Augen ausgestochert, oder ja abgekehret, daß man beyleibe nicht sehe nach dem grossen Haufen, sondern allein auf Gottes Wort, und solches wisse, daß es so seyn soll und muß, daß die Strasse zur Verdamm- niß sey breit und eine weite Pforte, und viel, die darauf gehen, und wiederum, die Psprte zum Leben enge und der Weg schmal, und sehr wenig, die drauf gehen. Darum gilt nichts, daß der Türcke und Pabst von ihren Glauben rühmen: Unser sind viel und haben lange Zeit so gehalten, darum muß es recht seyn. Denn Christus setzet dürr das Widerspiel, und Heissets die Strasse zur Verdammniß, die da breit und wohl gebahnet ist, und warnet, daß man sich solches nicht argern lasse, daß unser so wenig, und der andere Haufe so groß ist. Es ist aber trefflich schwer, das Bißlein zu verdauen, wenn mans recht fühlet, daß ich selbst oft mich drüber Vl t5 226 Auslegung der Bergpredigt Christi. gewürget und gedacht habe: Wir sind so ein geringes, armes Häuflein, verachtet und verdammet von allem, was auf Erden hoch und groß ist: sollen wir denn wider alle Welt rühmen und trotzen, daß unser Ding allein recht sey, und das Urtheil über sie alle fallen, daß Gabst, Bischösse und was an ihnen hanget, zum Teufel gehöre? Noch muß es überwunden seyn und beschlossen: Ich weiß, daß meine Sache recht ist, sollte auch die gantze Welt anders sagen. Wie mußte die liebe Jungfrau Maria thun, da der Engel kam, und brachte ihr die Bothschaft, daß sie sollte die Mutter seyn des Allerhöchsten? Wer stund da bey ihr, der solches glaubete, oder niit ihr hielte? Sollte sie angesehen haben, daß so viel Reicher, Edler, großer Herren und Fürsten Töchter da waren, und Gott sollte keine andere gewußt haben zu finden zu solchem hohen Werck, dazu keine Jungfrau je kommen war, denn sie, eine arme, unbekannte, verachtete Magd? Item, wie that der Patriarch Abraham, da er aus Chaldaa ziehen mußte, und allein so fahren, als Ware er allein ein Ehrist, und alle Welt verdammt? 1. Mos. 12, 4. Aber er mußte sich daran nicht kehren, noch nach andern umsehen, sondern so sagen: Wie Gott mit der gantzen Welt umgehet, das lasse ich ihm befohlen seyn, ich aber will mich an sein Wort halten und demselben folgen, ungeachtet ob ich sehe alle Welt anders fahren. Wie auch Maria hat müssen denckcn: Was Gott mit andern machet, dafür lasse ich ihn sorgen, ich aber will bey dem Worte bleiben, das ich höre und mir sagt, was er mit mir thun will. So will nun Christus sagen: Ich habe euch eine solche Lehre gegeben, daß ihr werdet sehen, wie gar trefflich wenig Leute mit euch halten, und wieviel dawider lehren und leben werden, daß es euch gar sehr vor den Kopf wird stossen; aber haltet vest und lasset euch nicht argern, und wisset, daß es so soll und muß gehen, und gedenckt daran, daß ichs zuvor gesagt habe, daß die Pforte enge und der Weg schmal ist zum Leben, jener aber weit und breit. Darum kehret euch nicht dran, sondern höret, was ich euch sage, und folget mir. Denn ich mit allen Heiligen sind den schmalen Weg gegangen; so müsset ihr ihn auch gehen, wollet ihr zu mir kommen; lasset jene ihre weite Strasse gehen. Denn ihr sollet noch sehen, wie eng das Loch wird seyn, da sie hinein kommen müssen. Dagegen ihr, die jetzt durch die enge Pforte und schmalen Steig gehen müsset, in einen schönen Raum werdet kommen, so groß und weit, als Himmel und Erden ist. Nun, was macht denn den Weg so enge und schmal? Niemand thuts, denn der leidige Teufel, die Welt und eben unser eigen Fleisch, welches ist faul, sperret und wehret Auslegung der Bergpredigt Christi. 227 sich, und will nicht hinan, daß es Gott vertraue und an seinem Worte halte, kann nicht leiden der Welt Verachtung, Armuth, Gefährlichkeit. Summa, es wollte gerne auch die weite Strasse gehen, darum macht es uns diesen Steig sauer und schwer. Darnach kömmt die Welt, die uns drüber verfolgt, hanget, mordet, verbrennet und erträncket, daß wir nicht mit ihr den weiten Weg gehen. Und, wo sie nicht mehr kann, lästert und schändet sie uns aufs allergisstigste, jaget uns davon mit Schwerdt, Feuer, Wasser: daß es ja ein schwerer Kampf ist, da zu stehen und zu fechten wider unser eigen Fleisch, daß der Mensch Gott vertraue, den Nahesten liebe, züchtig lebe und in seinem Beruf bleibe. Und wenn wir das alles thun mit schwerer Arbeit, soll die Welt dazu uns verfolgen und lästern, als die ärgesten Bösewichter auf Erden, eben um desselben schweren Lebens willen. Zu dem kömmt auch der leidige Teufel und zuplagt das Hertz mit bösen Gedancken, Mißglauben, Furcht, Angst, Verzweifelung, machet alles zu Sünden und Schanden, was wir Gutes gethan, und sollen dennoch unter solchen Feinden da stehen bleiben, und ihnen allen zum Ziel stehen. Da möchte sich noch einer argern, zurückfallen und sagen: Ich sehe wohl, daß jene Ruhe und gute Tage haben, gehen hin in gutem Friede, und haben den Namen, Ruhm und Ehre, daß sie die rechten Gottes Diener sind; was soll ich mich denn allein so jämmerlich lassen zumartern, vexiren und schänden? Wo sie alle bleiben, da bleibe ich auch. Solches haben die Alten fein vorgebildet mit dem Gedichte von dem Ritter Tondalo, (ohne daß sie es nicht recht angerichtet und gedeutet haben auf das Fegfeuer, oder Pein der Seelen nach diesem Leben,) wie er über eine schmale Brücke gehen mußte, die kaum einer Hand breit war, und mit einer Last auf dem Rücken, und unter ihm ein schwefeliger Pfuhl voll Drachen, und dazu ihm einer entgegen kam, dem er weichen mußte. Das reimet sich fein zu diesem Spruch. Denn ein Ehrist führet so ein schwer Leben, als ginge er auf einem schmalen Steige, ja auf eitel Schermesser. So ist der Teufel unter uns in der Welt, der schnappet ohne Unterlaß nach uns mit seinem Rachen, daß er uns bringe in Ungeduld, Verzweifelung und Murren wider Gott. Dazu gehet uns die Welt entgegen und will uns nicht weichen, noch überlassen. So liegt uns unser eigen Fleisch auf dem Halse, daß wir doch allenthalben bedränget sind, und der Weg an ihm selbst so schmal ist, daß ohne das Mühe genug wäre, wenn sonst gleich keine Gefabr t5* 228 Auslegung der Bergpredigt Christi. und Hinderniß wäre; noch müssen wir da hindurch, oder der Welt und dem Teufel zu Theil werden. Darum dencke und richte dich darnach, willst du ein Christ seyn, so sey es. Denn es wird doch nichts anders draus, du wirst den Weg nicht breiter machen, und mußt zusehen, daß hier wenig und dort der grosse Haufe gehen. Aber das lasse deinen Trost seyn: erstlich, daß Gott bey dir stehet; darnach, wenn du hindurch gangen bist, daß du in einen schonen, weiten Raum kömmst. Denn wo du nur am Wort haltest und darnach richtest, nicht nach den Augen: so ist er gewiß bey dir, und so starck, daß dein Geist das Fleisch, Welt und Teufel überwindet, daß er nichts schaffen kann durch dein Fleisch, noch durch die Welt, noch durch sich selbst. Denn das Wort, daran du hangest durch den Glauben, ist ihm zu starck, vbs gleich geringe scheinet und wirs nicht sehen. Er weiß es aber wohl, was es vermag, als der es oft versucht und gefühlct hat, was es für eine Gewalt und Heerskraft ist, wo man daran glaubt. Daher trotzet der Prophet so hoch, Psalm 118, 6. 12. 13: Der Herr ist mit mir, darum fürchte ich mich nicht. Was sollte mir der Mensch thun? Sie umgeben mich wol, wie die Bienen, und brennen, wie Feuer in Dornen; aber im Namen des Herrn will ich sie zuhauen. Man stößt mich wol, daß ich fallen soll, aber der Herr hülst mir. Siehe, der hat auch nichts, denn das Wort und Glauben, daß der Herr bey ihm ist, den er doch nicht stehet, fühlet aber wohl die Welt und Fleisch, die ihm den Weg enge und das Leben sauer machen. Doch stehet er vest, laßt ihm gnügen an dem, daß der Herr bey ihm ist und mit ihm halt, und ist sicher, daß er vor ihnen bleiben und siegen wird, obgleich alle Welt wider ihn ist. Des Trostes müssen wir auch gewöhnen, daß wir uns aus der engen Pforte und schmalen Wege einen weiten Raum machen lernen, und ans dem kleinen Haufen eine grosse Menge, so, daß wir nicht den Augen nach gaffen, sondern durch den Glauben und Wort nach dem Unsichtbaren richten, nemlich, daß Christus selbst und alles himmlische Heer bey mir sind, und eben den Weg gegangen sind, und mit einer schönen, langen Procession mir vorgegangen gen Himmel, und noch die gantze Christenheit bis am Jüngsten Tag dieselbe Strasse wandelt. Denn wo er gehet und bleibt, da müssen sie alle gehen und bleiben. Also wird uns der Weg leicht und sanft, daß wir getrost hindurch gehen, wie Christus auch dazu locket und spricht, Matth. 11,28.29: Kommt alle zu mir, die ihr beladen und mühselig seyd, ich will euch er- Auslegung der Bergpredigt Christi. 229 quicken; denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht. Als wollte er sagen: Lasset euch nicht verdrössen, was ich euch auflege in der Welt. Denn es ist ja ein Joch und Last dem Fleisch, und heißt ein schmaler Steg und enge Pforte; aber haltet euch nur zu mir, so will ichs euch fein linde und sanft machen, und so viel Stärcke geben, daß ihr den Weg sanft gehen sollet, und nicht allein das, sondern auch erfahren sollet, daß er euch lieblich und süsse werden wird. Denn das ist gewißlich wahr, wenn mans recht gegen einander rechnet, so haben die Glaubigen den Bortheil, daß sie nicht gerne sollten wechseln mit den Gottlosen. Obgleich diese im Sause leben, und sie viel leiden müssen; doch zuplagsn und martern sie sich selbst zehenmahl mehr, denn uns, mit ihrem gifftigen, unruhigen Haß, und mit so viel vergeblichen Anschlagen, wie sie uns Schaden thun, und allerley bösen Stücken und Tücken, damit sie sich versündigen, daß sie doch kein gut Gewissen, noch rechte sröliche Stunde haben, und ihre eigene Teufel sind hier auf Erden, und doch nicht mehr damit ausrichten wider uns, ohne daß sie uns ein wenig beschmitzen und drängen, so weit ihnen Gott erlaubet. Welche aber an Christum glauben, dürfen solcher Sorge und Plage nicht, und können doch ein frölich Hertz und Gewissen haben. Ob wir ein wenig gedränget werden, und der Teufel uns klemmet; aber dennoch muß er wieder ablassen und wir indeß durch das Wort erquicket werden, daß uns die Last und Drägniß süsse wird, und allein halbe Marter haben, auswendig am äusserlichen Menscben, sie aber zwiefaltig des Teufels Märtyrer sind, beyde, hier und dort ihre Hölle haben, mit ewiger Plage und Unruhe des Gewissens von Mord und Blut, daß sie keine sröliche, gute Gedancken zu Gott schöpssen können, ob sie gleich auswendig eine kleine Freude und Lust haben. So geschieht ihnen recht, wie die Schrift.sagt, Jer. 17, 1.9: Herr, gib ihnen zwiesältige Plage und Hertzeleid. Siehe, so will uns der Herr mit allen Treuen, beyde, gewarnet und dagegen getröstet haben, daß wir uns nicht dran kehren, ob uns unser Leben sauer wird und so viel Aergerniß in der Welt sehen und fühlen müssen, weil es uns, wenn wir recht ansehen, nur halbtheil sauer wird, und durch Christum, an welchen wir glauben, alles im Hertzen süsse wird und zum Leben und ewigen Freuden bringet. Was schadet es es denn, ob der alte Adam ein wenig drüber gedränget wird? 1Z. Sehet euch vor, vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen; inwendig aber sind sie reissende Wölfe. 230 Auslegung der Bergpredigt Christi. Bisher hat der Herr beyde, die Lehre und das Leben, recht angerichtet und gewarnet vor dem, so demselbigen zuwider ist und Schaden thut oder hindert. Zu dem thut er hier noch eine Warnung, daß man zusehe, ob schon die Lehre und Leben recht angestellet ist und gehet, daß nicht heimlich unter uns Lehrer aufstehen, die unter demselben Namen und Schein der rechten Prediger und Evangelii ein anders einführen, und beyde, die Lehre und Leben, verkehren und verderben. Denn es wird nichts anders draus, die rechte, reine Lehre des Evangelii muß allenthalben angefochten werden vom Teufel auf allerley Weise, beyde, auswendig und innwendig, wie Christus vom Anfange dieser Predigt gesagt hat: daß, wer ein Christ will seyn, muß sich deß erwegen, daß er herhalte und zu Feinden habe, erstlich, die ausser der Christenheit sind, so sich wider ihn setzen, und ihn hassen und Leid thun, schlagen und erwürgen, oder zum wenigsten lästern, fluchen und verdammen. Und ist beschlossen, wer nicht Hasser, Lasterer und Verfolger hat, der ist noch nicht ein Christ, oder hat ja noch nicht sein Christenthum bewiesen mit ausserlicher That und Bekenntniß. Denn so bald er will bekennen, so wird ihm die Welt feind, und wo sie kann, wird sie ihn auch gewißlich drüber todten. Das sind nun öffentliche Feinde und ausser der Christenheit, die jedermann sehen kann und wohl fühlet. Aber über diese (will Christus hier sagen), werdet ihr noch einerley Feinde haben, nicht die draussen sind und die Lehre verleugnen, sondern die unter euch aufwachsen, euren Namen führen und rühmen, die werden erst den grossen Schaden thun. Denn jene, ob sie hoch pochen, können doch nicht mehr, denn Leib und Gut nehmen ; aber mein Hertz und Glauben können sie mit Gewalt nicht nehmen. Aber diese stehen nicht nach Leib und Gut, sondern lassen mir, was ich habe, greissen aber listiglich nach der Lehre, daß sie mir den Schatz selbst aus dem Hertzen nehmen, nemlich das liebe Wort, darüber wir von seinen Feinden Verfolgung leiden. Das ist erst ein jammerlicher Handel, daß, die unsere Brüder heissen und rühmen auch die Christliche Lehre, wider uns sich selbst erheben und eben unter demselben Namen die rechte Lehre wegnehmen und andere einführen, wie St- Paulus auch seine Epheser warnet und weissaget, Apgesch. 20, 30 : Es werden unter euch selbst aufstehen, die da verkehrte Dinge lehren und predigen werden. Das ist, sage ich, zumal ein klaglich Ding, daß es die thun sollen, so unter uns und aus uns sind, die wir für Rechtschaffene halten, und uns nicht vor ihnen hüten können, bis sie schon haben angefangen, Schaden zu thun. Auslegung der Bergpredigt Christi, 23 t Das ist die Verfolgung in der Christenheit, die uns zuvor verkündiget ist in der Schrift und zwar vom Anfang der Welt gewahret hat. Denn so ist es Most gangen in seinem Volck, 4,Mos. 16, 1. ss-, ja Jacob, Jsaac und Abraham in seinem Hause; und Adam, der nur zween Söhne hatte, noch mußte einer eine Rotterei) anrichten. 1-Mos. 4. 5. ff. Und ich mepne, wir Habens nun auch selbst wohl erfahren. Wie viel sind ihr gewesen, die es erstlich mit uns gehalten und das Evangelium angefangen haben wider den Pabst, daß stchs liesse ansehen, daß wir würden die gantze Welt an uns bringen! Aber indem, da es am besten im Schwange sollte gehen, fahren unsere Leute selbst zu und richten einen Jammer an, arger und schädlicher, denn uns alle Fürsten, Könige und Kayser hatten thun mögen. Wohlan, was sollen wir dazu thun? Sie thun uns den grössesten Schaden und stärcken dazu unsere Feinde wider uns, die da schreyen: Da sehe man, was unsere Lehre sey, weil wir selbst nicht unter einander eins sind, und könne der Heilige Geist nicht dabey seyn, weil wir einander selbst verfolgen, schelten und lästern. Das müssen wir leiden, daß die Feinde durch solch Aergerniß ge- starcket und wir geschwächt und gelästert werden, und so beyde, unsere Feinde und Brüder, wider uns haben, daß freylich keine grössere Anfechtung in der Christenheit ist in dem ausserlichcn Wesen, so unsere Lehre betrifft. Weil wir nun solches allezeit gewarten müssen und nicht umgehen können, so gibt uns Christus mit dieser Predigt dagegen, beyde, einen Trost und Warnung. Der Trost ist, daß wir nicht sollen erschrecken, noch uns zu Tode kümmern über solchem greulichen Aergerniß, wie sichs ansiehet und fühlet, daß wir, die Gottes Wort rühmen, selbst unter einander nicht eins sind, sondern, aus seinem Worte unterrichtet, dagegen also sagen: Das wußte ich vorhin wohl, da ich ein Christ seyn wollte, daß es also gehen würde, wie mir mein Herr Christus zuvor gesagt hat, daß ich müsse die zweyerley Feinde haben, beyde, von aussen und auch innwendig von meinen eigenen liebsten Freunden und Brüdern. Darum soll mich das nicht abschrecken, noch abfällig machen von der Lehre, als sollte sie darum unrecht seyn, daß sich die wider mich setzen, die meine Brüder gewesen sind. Hatte doch Christus selbst Judam, seinen Verräthcr, bey sich, und muß darum nicht falsch noch unrecht seyn, was er gelehrct und gethan hatte, daß sein liebster Jünger von ihm siel und das Aergerniß anrichtete. Darum müssen wir unsern Judas auch nicht achten. 232 Auslegung der Bergpredigt Christi. Die Warnung aber ist, daß wir uns gewißlich solches versehen, und mit Fleiß zusehen und hüten sollen, daß uns solche Rotten nicht betrügen, sondern uns dawider rüsten und sie eben lernen kennen. Denn damit, daß er sagt, sehet euch vor, will er lehren, daß wir hier nicht sollen weichen, noch ungeduldig seyn, sondern die Augen aufthun, wacker, fürsichtig und klug seyn. Denn gegen jene äusserlichen Feinde dürfen wir nicht mehr, denn Geduld, daß wir leiden, was sie uns anlegen, und vest stehen; aber hier gilt es nicht leiden, noch weichen, sondern Hütens, Aufsehens, daß ich auch meinem Bruder bey mir und dir kein Wort vertraue, sondern mit scharfen, wackern Augen allein auf das Wort sehe, und traue nur keinem Menschen, der jetzt mit dir ist, als der heute mit mir, aber morgen wol wider mich predigen kann. Und darf sich hier niemand sicher lassen düncken, als der dieser Vermahnung nicht bedürfe. Denn es ist so eine gefahrliche, listige Anfechtung, daß auch die Allergeistlichsten genug damit zu schassen haben, daß sie nicht betrogen werden. Der andere Haufe aber, die sicher und ohne Sorge sind, können sich gar nicht erwehren, daß sie nicht verführet werden. Darum setzet er nicht umsonst das Wort: sehet euch vor. Denn der Schein und Name ist zu schone, daß niemand erkennen kann, (wie wir hören werden,) wer nicht den rechten Verstand hat von Gottes Wort, und dazu mit allem Fleiß darauf stehet, und läßt das seine höchste Sorge seyn, wie er es rein und lauter behalte. Denn siehe, wie er sie mahlet, die falschen Lehrer, nach ihrem Schein und Ansehen. Zum ersten gibt er ihnen den Namen, daß sie Propheten heissen und sind, das ist Lehrer und Prediger, und sich auch deß rühmen, daß man sie nicht anders nennet, noch hält, haben eben das Predigtamt, dieselbige Schrift und denselbigen Gott, deß sie sich rühmen, als die andern, und sind doch falsche Propheten. Denn er redet hier von denen, die das Amt haben zu predigen. Denn die andern, so ohne Amt und Befehl Hersähren, sind nicht so gut, daß sie falsche Propheten heissen, sondern Landstreicher und Buben, die man sollte Meister Hansen befehlen, und nicht zu leiden sind (ob sie auch gleich recht lehreten), wo sie andern ins Amt und Befehl greiffen wollen, oder der Obrigkeit Ordnung, oder heimlich und diebisch in Winckeln schleichen, da niemand soll angefordert ein eigen Predigen anrichten, noch sich eindringen, ob er gleich höret und weiß, daß man öffentlich falsch predigt, als dem nicht befohlen ist, dafür zu antworten. Denn Gott hat das Amt geordnet, wie andere, daß man nicht dawider handele; wer es aber Auslegung der Bergpredigt Christi. 233 unrecht führet, der wird für sich selbst müssen antworten und seinen Richter gewißlich finden. Zum andern sagt er, daß sie kommen in Schafskleidern, daß man sie nicht kann tadeln, noch äusserlich unterscheiden von andern, rechten Predigern. Die zwey Stücke finds, die den Schaden thun, daß sie das rechte Amt haben, und dazu mit so schönem Schmuck und Schein kommen, daß man nicht kann anders sagen, denn es seyn rechte fromme Prediger, die jedermanns Heil suchen, wie sie köstlich rühmen und dazu schwören können, führen eitel Gottes Namen und Wort. Das gehet so starck ein, und reistet die Leute mit Gewalt hin, wie eine Fluth, daß man nicht wehren kann. Denn wer ist unter dem Pöbel, der da kann oder darf sich wider solche setzen und sie strafen? Ja, wer weiß sich vor ihnen zu hüten, weil sie mit Gottes Namen und Wort (wie sie rühmen) kommen? Christus aber warnet uns hiermit vor beyden, daß wir uns nicht sollen daran kehren, daß sie das Amt haben, wiewol dasselbige von nöthen ist und zu einem Prediger gehöret, ist aber damit niemand gesichert, daß man ihm darum müsse glauben, als könne er nicht in dem Amte ein Schalck seyn, wie es denn in der Welt nicht seltsam ist, daß in allen Aemtern und Standen viel Schälcke und Buben sind, die es mißbrauchen. Es mögen wol Propheten heissen, das lasse ich zu (spricht Christus); aber dafür hüte dich, und siehe darauf, daß es nicht falsche Propheten seyn. Desselben gleichen siehe nicht, ob sie in Schafskleidern kommen, mit dem köstlichen Namen und Schein, denn hier hörest du, daß wol kann ein reissen- der Wolf darunter verborgen gehen. Darum hüte dich abermal, daß dich die Schafskleider nicht betrügen. Denn sie müssen alle solchen schönen Deckel und Schein führen, wenn sie die Leute betrügen sollen. Und das ist eben der Unterscheid unter diesen heimlichen und andern öffentlichen Feinden. Denn jene reisten öffentlich zu uns ein, daß sie jedermann wohl kennet; aber diese gehen unter uns in demselben Amte, das wir haben, führen auch dieselbige Schrift und Wort zum Schein, sie kommen aber (spricht Christus) von ihnen selbst; das ist, ob sie wol das Amt haben, doch bringen sie solche Worte und Lehre, die ihnen Gott nicht befohlen, noch sie dazu gesandt hat, sondern ihre eigene Traume und Teufelslehre, mit Gottes Namen geschmückt. Darum sey gewarnet eben vor den Schafskleidern, daß du keinem trauest, wie großen Schein er führet, sondern allein auf das Wort sehest, ob er dasselbige recht führe, oder seinen eigenen Tand darunter verkaufe. 234 Auslegung der Bergpredigt Christi. Siehe, wenn wir nun solche Warnung annahmen, und uns nach Christi Wort richteten, so könnten wir uns leichtlich hüten vor allen falschen Propheten und Predigern. Aber daß sie so allenthalben einreisten, kommt daher, daß wir, die das rechte Evangelium hören, nehmens uns nicht mit Ernst an, sorgen nicht dafür, daß wir es gewißlich haben und fassen, gehen so schläferig und un- fleisstg hin, als könnte es uns nicht fehlen. Dasselbe machet denn, daß wir betrogen werden durch solchen trefflichen Schein und Ansehen, ehe wir uns umsehen. Denn sobald ein anderer neuer Lehrer kömmt und austrit, so ist das Wort- stlenRlo, sehet euch für, vergessen, damit wir sollten gerüstet seyn, und einen jeglichen also, hören, als höreten wir ihn nicht, sondern allein auf die Lehre sehen und acht geben. Das sind leichtfertige, unbeständige Geister, die nur den Predigern ins Maul sehen und flugs zuplatzen aus einem Fürwitz, der sie lüstern machet, daß sie dencken- O ich habe jenen vor gehöret, ich muß diesen auch hören, es ist ein seiner, gelehrter, heiliger Mann. Da hat der Teufel schon Raum gewonnen, und berücket sie, ehe sie es gewahr werden, treibt und führet sie nach allem seinem Willen von einer Rotterey in die andere, wie St. Paulus von solchen sagt, Ephes. 4, 14., daß sie sind, wie ein Rohr, das hin und her weht, lassen sich treiben, wo ein jeglicher Wind herwehet mit neuer Lehre. Wenn heut oder morgen ein andrer aufstehet, so platzen sie auch darauf und hören immer zu. Das machet, sie haben keinen gewissen Verstand im Hertzen von Gottes Wort, achten dazu das Evangelium geringe, meynen, wenn sie es einmal oder zwey gehöret haben, so können sie es, und Habens nun gar, Werdens bald überdrüß, sperren Ohren und Maul auf, wo ein anderer kömmt, der was neues bringet, und gehet ihnen eben, wie Adam und Eva, von der Schlangen verfähret, 2. Cor. 11» 3., die ihnen auch die Augen aufsperrete nach dem verbotenen Baume und solche schöne Gedancken einbildete wider Gottes Wort- Warum sollen wir eben von diesem Baume nicht essen? — wurden also lüstern und fürwitzig, daß sie alle Baume im gantzen Paradies überdrüßig wurden und allein nach diesem gasseten, I.Mos. 3, 4. Wenns uns aber Ernst wäre um das Evangelium, und mit Sorgen lebeten, den Schatz lauter und rein zu behalten, so würden wir nicht so leichtlich betrogen werden. Denn ich hoffe ja, daß mich kein Rottengeist so leichtlich soll umstossen, weil ich weiß, daß unser Evangelium recht ist und nicht gerne wollte dasselbige verlieren. Kömmt aber einer mit schönen Schasskleidern, so sehe ich Auslegung der Bergpredigt Christi. 235 nicht nach seiner Larven, als wollte ich etwas anders oder neues hören, sondern ob er mit meinem Evangelio stimme. Wo nicht, so bin ich, Gott Lob, so gefasset und versichert, daß ich weiß, daß er ein falscher Prophet und reissender Wolf ist unter seinen Schafskleidern. Also haben die Teufelsgeister zweyerley Vortheil, daß wir so unachtsam, sicher und leichtfertige Leute sind, und sie sich können schmücken in die schöne Schasswolle. Denn Schafskleider heißt er nicht böse Stück und grobe Sünde, als der Heyden und Unchristen, sondern die trefflichen Namen und Ruhm der rechten Christen, die da haben die heilige Taufe, Sacrament, Christum und alles, was Christi ist. Solches müssen sie alles mitbringen. Denn es muß keiner also daher kommen- Das sage ich! sondern also- Lieben Freunde, das sagt Christus; da habt ihr Gottes Wort und die Schrift, das müsset ihr glauben, wollet ihr selig werden; wer anders lehret, der verführet euch! führet den hochgelobten Namen Christi und Gottes, und die schrecklichen, prachtigen Worte, Gottes Ehre, Wahrheit, ewige Seligkeit, und was mehr solche Worte dazu gehören. Wenn nur der Mensch solche treffliche Worte höret, und so hoch vermahnet wird bey seiner Seelen Seligkeit und Verdammniß, so erschrickt er, und gibt sich sobald gefangen, wo er nicht dawider gerüstet und wohl gefasset ist. Denn es schneidet, wie ein scharf Scheermesser, und gehet durch Leib und Seele. Das ist ein Stück der Schafskleider. Zudem schmücken sie sich mit sonderlichen Wercken und Weise, gehen in grauen Röcken, sehen sauer, und machens hart und strenge mit Fasten, Casteyen, hartem Lager, und leben gar nicht, wie andere gemeine Leute. Das thut abermal einen grossen Stoß und bezaubert die Leute trefflich, daß es mit Haufen hinnach fallt, und kann ein solcher Böswicht eine ganze Stadt, die lange Zeit Gottes Wort gehabt hat, mit einer Predigt verführen, und machen, daß man in einer Stunde vergisset, was man in zehen Jahren gehöret hat, daß auch ich, wenn ich wollte, gar leichtlich trauete, mein Volck in zwo oder drey Predigten wiederum zu predigen ins Pabstthum, und neue Wallfahrt und Messen anrichten mit solchem Schein und sonderlicher Heiligkeit. Denn der Pöbel ist (wie gesagt) leichtlich damit zu bereden, und ohne das fürwitzig und lüstern, neues zu hören. Siehe, so müssen sie sich schmücken, beyde, mit der Lehre und Leben, daß sie eben dieselben Worte führen, die wir hören, und dazu ein schön, gleissend Leben. 236 Auslegung der Bergpredigt Chrifti. Wer kann nun hier den Wolf durunter erkennen, und sich da- für hüten? Antwort: Ich weiß keinen andern Rath, denn wie ich gesagt habe, daß ein jeglicher vorhin zusehe, daß er seiner Sache und der Lehre gewiß sey, und habe sie so gefasset im Hertzen, daß er bey der Lehre konnte bleiben, wenn er gleich alles anders sehe lehren und leben, was auf Erden ist. Denn wer da will sicher fahren, der muß schlecht keine ausserliche Larve in der Christenheit ansehen, noch darnach richten, sondern allein nach dem Worte, das uns zeigt das rechte Wesen, das vor Gott gilt. Als zum Exempel: Das Hauptstück und Summa der Christlichen Lehre ist das, daß Gott seinen Sohn, Christum, gesandt hat und gegeben, und uns allein durch ihn alle Sünde vergibt, gerecht und selig machet. Das sollst du halten, und kein anders. Darnach, wenn du die Augen austhust, so siehest du gar mancherley ungleich Leben und Wesen, daß dieser ein Mann, Weib, Herr, Knecht, Fürst, Unterthan, reich, arm, und was vor Stande und Amt in der Welt sind, und alles so unter einander her, daß ichs nicht sehen kann, daß einen sonderlichen Schein habe. Aber weil ich so gefaßt bin, und weiß solch Hauptstück, darinne ich alles habe, so beschleußt mein Hertz also: Gott gebe, ich sehe einen Ehemann oder Jungfrau, Herrn oder Knecht, Gelehrten oder Layen, grau oder roth gekleidet, fasten oder essen, sauer sehen oder lachen, was gehet mich das an? Summa, was solcher Unterscheid ist, und ich mit Augen sehe, das ist mir eines, wie das andere. Denn ich habe solchen Verstand, daß eine Magd in einem rothen Rocke, oder ein Fürst in seinem güldnen Stücke, eben sowol ein Christ seyn kann, als ein Bettler im grauen Rocke, oder ein Mönch in wällen oder harnem Hembde, und bin durch solchen Verstand wohl sicher vor allerley ausserlichen Larven. Wer aber solch Hauptstück nicht hat, noch alles darnach zu richten weiß, der kann sich nicht hüten, daß er nicht durch solche Larven betrogen werde, wenn er siehet diesen mit Weib und Kind umgehen, oder herrlich und köstlich geschmückt '.c., und einen andern sauer sehen, viel fasten, baarfuß und im grauen Rock, und schleußt sobald: O das ist ein heiliger Mann; die andern sind nichts! und gehet also dahin, den Larven nach, ungehalten, ist nicht so klug, daß er könnte sagen: Kann auch unter dem grauen Rock ein Schalck verborgen liegen? Aber, wie ich gesagt habe, der grosse, gemeine Haufe hanget an solchen Larven, so ihm die Augen füllen, und was sonderlich anzusehen ist: daß nichts hilft, wenn man gleich lange dawider predigt. So sind wir ohne das von Natur geneigt zu solcher Lehre Auslegung der Bergpredigt Christi. 257 und Wcrcken. Denn es gefallet der Vernunft wohl, welche allezeit gerne mit eigenen Wercken mit Gott handeln wollte. So schlaget denn zu, daß der Teufel durch diese Lehrer zublaset und schüret, bis er uns gar hinein getrieben hat. Wir aber, so gerne sicher wollen fahren, sollen vor allen Dingen zusehen, wie ach allezeit vermahnet habe daß wir unsern Haupt- artickel, von Christo, recht haben, so können wir von allen ausser- lichen Larven und Wesen recht urtheilen, und wird uns der Geist fein lehren und fübrcn. So wird auch ein jeglicher in seinem Stande rechte gute Wercke genug zu thun finden, wo er will fromm seyn, daß er nichts sonderliches darf suchen. Denn bist du ein Fürst, Richter, Ehemann, Knecht, Magd ?c., und wirst deinen Glauben üben und beweisen, dein Amt und Stand treulich führen und recht thun - so sollst du wohl so viel zu schassen und zu thun gewinnen, daß kein Carthauser einen schwerern Orden führet, denn du. Denn was ist das vor grosse Mühe und schwere Arbeit, daß jener einen grauen Rock oder Kappe tragt, oder auf Holtzschuhen gehet, oder dem Leibe ein wenig wehe thut, wenn erS strenge machet, und doch daneben ohne Sorge und Angst lebet, und zu fressen und Saufen genug hat? Dieser aber muß im Schweiß des Angesichts und mit saurer Arbeit sein taglich Brod essen, und nicht allein den Leib, sondern vielmehr sein Hertz zumartern lassen von der bösen Welt und seinen Nachbarn, und alles Unglück, Un- fried und Hertzelcid warten und leiden, also, daß ein rechter Bürgerstand Christlich geführet, mehr, denn ein zehnfaltiger Carthauscr- orden ist, ohne daß es nicht scheinet, wie der Mönch, der eine Kappe kragt, von Leuten gesondert w., und doch, wenn man die Augen aufthate und recht gegen einander hielte, müßte auch die Vernunft solches sckliessen. Also auch ein Fürst, ob er eine güldene Kette und marderne Schaubc antragt, ist er aber fromm, so ist er unter der mardernen Schaube ein solch gemarterter und elender Mensch, daß seines Gleichen in keinem Kloster ist. Also gehe durch alle Aemter und Stande. Findest du einen frommen Mann oder Weib, so darfst du keinen Mönch oder Nonne suchen; denn er ist vorhin Mönchs genug und führet einen schwerern Drden, denn alle Kappen - und Plattentrager; ja, es ist eitel Narrenwerck vor Gott mit allen Mönchen und Waldbrüdern gegen einem frommen Kinde, Knecht oder Magd, so gehorsam und treulich thut, was ihm befohlen ist. Thue nur, was ein fromm Mann oder Weib thun soll, so bast du eine Regel, die schwerer ist, denn Francisci oder aller 238 Auslegung der Bergpredigt Christi. Mönche Regel, Kappen und Platten, welche viel ehe einen Schalck, denn einen frommen Christen decket. Aber das will die tolle Vernunft nicht ansehen, sondern schlagt es in Wind und dencket: O, das ist gemein Ding, das hatte jeglicher in seinem Hause wohl! gaffet nach einem andern, was seltsam und sonderlich ist, da sperret sie die Augen auf, laßt sich führen mit solchem Eeplerre, welches doch ein lauter falscher Schein ist, damit sie herkommen und ihr nichtig Leben so ausmutzen, daß alles andere, was Gottes Ordnung und Stande sind, verachtet werden und nichts gelten sollen. Aber es mangelt allein daran, daß wir uns nicht lassen Ernst seyn, Gottes Wort zu fassen! sonst würden wir bald sagen: Es komme Carthäuser, Wiedertäufer, der Teufel selbst, oder seine Mutter her, so werden sie nicht bessere Stände noch Leben machen, denn Gott gemacht hat. Darum muß mans einen trefflichen, hohen, göttlichen Stand lassen seyn um einen frommen Ehemann, Knecht, Magd, oder treuen Arbeiter, und könnten also nach dem Worte von allen Wer- cken und Standen recht urtheilen/ und jedermann recht lehren und leben, und würde alles aufs allerseineste gehen. Das waren die rechten Stände, die Gott geschaffen und geordnet und Gefallen dran hat. Und wollte Gott» daß mans dazu könnte bringen, daß eine Stadt viel solcher frommer Bürger, Weiber, Kinder, Herren, Knechte und Mägde hatte: so hätten wir das Himmelreich auf Erden, und dürften keines Klosters nicht, dürften auch weder fasten, noch in der Kirche über Tag beten und singen, sondern nicht mehr thun, denn was eines jeglichen Amt und Werck fordert. Also siehest du, was die Schafskleider sind, damit sie den Leuten das Maul aufsperren. Aber was sind sie innwendig und im Grund? Nichts anders, sagt Christus, denn reissende Wölfe. Das ist, das sie suchen, die verzweifelten Buben, daß sie mit schönem Schein der Lehre und Leben die Seelen verderben und zu- reissen. Nicht auswendig, wie die Tyrannen und Verfolger, so Leib und Gut zureissen, auch nicht wie die Prediger, so öffentlich wider uns predigen und unsere Lehre verdammen, sondern innwendig, daß sie uns heimlich den Schatz unsers Hertzens wegreisten, welches nun ist Gottes Stul oder Königreich und Wohnung worden. Das ist, alle ihre Büberey, die sie so schmücken mit der Lehre und Leben, gehet dahin, daß sie den Glauben und Haupt- artickel von Christo wegreisten; als jetzt die Wiedertäufer auswendig auch unsern Namen führen, und wohl bekennen, daß wir das Evangelium haben, mit dem Wort und Predigt; es folget aber (sagen sie) Auslegung der Bergpredigt Christi. 239 keine Frucht. Eben mit dem Worte- keine Frucht, führen sie die Leute vom Glauben auf die Wercke und nehmen das Hauptstück hinweg, welches ist der Glaube an Christum, und führen uns dahin, daß man allein die Früchte soll ansehen; wenn die da sind, so sey es das Evangelium recht, und wiederum. Und ist alle ihre Lehre nichts anders, denn daß man sich müsse angreiffen und beweisen mit den Früchten, nichts eigenes haben, alle Dinge verlassen lc., halten also gar wiederum auf die Wercke, und setzen ihr Vertrauen darauf, als dadurch selig zu werden. Und das das ärgste ist, lehren sie nicht die rechten Früchte, die das Evangelium lehret und fordert nach dem Glauben, sondern was sie erträumen und erdencken, sagen nichts davon, wie ein jeglicher seinen Stand recht und treulich führen und darinne bleiben soll, sondern eben das Widcrspiel, führen die Leute von solchen Standen, lehren sie verlassen alles Weltliche und davon laussen, und was sonderliches ansahen, sauer sehen und harte leben, nicht essen, trincken, kleiden, wie andere Leute, sich willig und ungefordert lassen martern und todten. Sonst (sagen sie) hat das Evangelium keine Frucht in dir, und bist noch kein Christ, ob du gleich lange glaubest ?c. Und solche ihre Traume schmücken sie mit der Schrift und Sprüchen aus dem Evangelio, so doch Christus solches nie gelehret oder geheisscn hat, weder mit Worten, noch Exempel, daß man von den Leuten lausten, alles verlassen, nichts Eigenes haben soll, ohne wenn es zu der Noth kommt, daß man entweder diß, oder sein Wort lassen muß. Darum sollst du es nicht ehe verlassen, er Heisse dichs denn und werdest dazu gezwungen. Wenns dazu kömmt, so sprich denn- Ehe ich das Evangelium und Christum wollte lassen, so fahre lieber hin Weib, Kind, Leib und Gut, Sonn und Mond und alle Creaturen. Aber ausser der Noth hast du Gottes Gebot, daß du sollst deinen Nächsten lieben und ihm dienen und helfen mit Leib und Gut, deßgleichen dein Weib, Kind, Gesinde lieben und regieren, nicht von ihnen laussen und sie sitzen lassen, wie sie thun wider Gottes Wort und Ordnung, ohne alle Noth, und wollen dennoch von grossen Früchten des Evangelii rühmen, als sonderliche Heiligen. Also lerne nun solche Geister kennen, wie sie unter den Schafskleidern innwendig zerreissen und den Glauben wegnehmen, führen dich von Christo auf dich selbst, und heissen das Früchte des Evangelii, die sie selbst erträumen, damit sie die rechten Früchte vertilgen. Das sind sie, die reissenden Wölfe mit Schafskleidern, die allezeit die Christenheit verderben- Bisher haben sie Mönche geheisscn; nun 24« Auslegung der Bergpredigt Christi. sinds Wiedertäufer, als neue Mönche; vorzeiten waren Cainiter, Zsmaeliten, Esauiten, Pclaqianer. Denn dieser falsche Glaube hat gewahret vom Anfang der Welt. Und obgleich jetzt die Wiedertäufer wegkommen, so werden doch andere kommen. Summa, die Möncherey muß bleiben, so lange die Welt stehet, obwol mit andern neuen Namen und Wercken. Denn alle, die damit umgehen, daß sie was sonderliches ansahen, über den Glauben und gemeine Stande, das sind und bleiben Mönche, ob sie wol nicht einerley Weise, Kleidung oder Geberde führen. Zwar vor diesen kann man sich nun wohl hüten, die mit Kappen und Platten daher gehen; denn sie sind nun wohl genug abgemahlet, daß sie jedermann kennet. Aber hüte dich vor den neuen Mönchen, die nicht Kappen tragen, aber doch ander sonderlich Wesen aufwerfen, grosse Andacht und Heiligkeit vorgeben, mit sauerschen, grauen Röcken und hartem Leben, sagen, man müsse nicht Sammt noch Seiden, rothe oder bunte Kleider tragen, gleichwie jene Mönche auch gelehret haben: also, daß doch immer einerley Möncherey ist, ohne mit andern Larven. Darum Habens die Mahler eben recht troffen, wenn sie den Teufel mahlen in einer Mönchskappe, und seine Teufelskiauen unten Herfür gehen. Denn er vom Anfange der Welt nichts anders thut, denn die Welt mit Möncherey verführet. 16 — 20. An ihren Früchten sollet ihr sie erkennen. Kann man auch Trauben lesen von den Dornen, oder Feigen von den Disteln? Also ein jeglicher guter Baum bringet gute Früchte; aber ein fauler Baum bringet arge Früchte. Ein guter Baum kann nicht arge Früchte bringen, und ein fauler Baum kann nicht gute Früchte bringen. Ein jeglicher Baum, der nicht gute Früchte bringet, wird abgehauen und ins Feuer geworfen. Darum an ihren Früchten sollet ihr sie erkennen. Weil der Herr Christus die Seinen gewarnet hat, daß sie veste an seiner Lehre halten sollen, und zusehen, daß sie nicht durch andere verführet werden, welche unter Schafskleidern reissende Wölfe sind: lehret er nun auch zu mehrerer Warnung, wie man sie kennen soll an ihren Früchten, und 'setzet, ein Gleichniß mit schlechten, einfaltigen Worten, das auch ein Kind verstehen kann. Denn es ist niemand so alber, der nicht wisse, daß ein Dornbusch keine Feigen noch Trauben trage. Aber wie einfaltig die Worte sind, so siehet doch niemand, daß sie so viel gelten, wer nicht mit Fleiß Gottes Wort ansiehet. Es liegt aber alles darinnen, daß man verstehe, was er gute oder böse Baume und Früchte heiffet. Denn es Auslegung der Bergpredigt Christi- 241 ist bald gesagt- das ist eine Feige, oder eine Distel, eilt guter Aepfel, oder saure Schlehen, und mit den Augen und Vernunft leicht zu sehen und zu verstehen; aber da es Christus hinzeucht, ist es unmöglich, ohne allein durch geistlichen Verstand nach Gottes Wort zu örtern. Denn wir haben droben gehöret, wie dieselbigen falschen Lehrer bringen solchen Schein und glatte Worte, daß die Vernunft nicht vermag zu richten, noch sich kann dafür hüten. Ja, es ist eben solche Lehre und Leben, die aus der Vernunft gewachsen und ihr gemäß ist, und uns natürlich wohlgesallet, weil sie von unserm eigenen Thun und Wercken lehret, so wir verstehen und vermögen. Das heißt aber kürtzlich ein guter Baum, so gute Früchte bringet, der da lebt und sein Wesen und Wandel führet nach Gottes Wort, rein und lauter. Denn er wird hernach beschliefsen auch von vielen, die Gottes Wort gehöret, in seinem Namen geprediget und auch sagen: Herr, Herr! dazu viel Zeichen gethan haben, Teufel ausgetricben, und doch falsch und Heuchler sind. Darum muß man hier die Vernunft schlechts zuthun, und allein Gottes Wort folgen und darnach schliessen, wenn man vom Leben und Wercken will urtheilen, daß man wisse, was Gottes Wort einen Baum oder Früchte nennet. Denn das ist der Vernunft zu hoch (wie ich gesagt habe), wenn sie einen siehet, der da nichts, denn einen grauen Rock tragt, alle Wochen fastet, wie der Pharisäer im Evangelio, ja, der auch Wunder und Zeichen thut, daß der nicht sollte ein guter Baum seyn mit guten Früchten. Denn sie kann nichts höhers kennen, noch bessers erdencken und verstehen, ist schlecht damit gefangen, daß sie schleußt: Wer ein ander Leben führet, denn andere Leute, der müsse ein sonderlicher, heiliger Mensch seyn. Siehet nicht, die blinde Narrin, daß solche Wcrcke noch alle weit, weit von Gottes Wort sind. Und wenn du sie fragest: Woher weißt du, daß dieselben Wercke so köstlich sind, als du sie machest? so kann sie nicht anders sagen, denn: Es beucht mich also. Ja, ins Rauchloch mit deinem Dün- ckel, daß ich mein Heil und Seligkeit sollte darauf setzen. Es heißt also: Du mußt wissen» und nicht wähnen noch düncken, und einen gewissen Grund und Zeugniß haben aus Gottes Wort, daß es ihm gefalle, daß du könnest sagen: Das Werck ist wohl gethan, oder, der Stand ist Gott gefällig, das weiß ich, nicht nach meinem eigenen Licht oder Stern, daß es mich gut oder böse dünckt, sondern, daß es in Gottes Wort und Gebot gehet. Es dünckt mich wol nicht fein, daß ein Ehemann, oder Frau, Fürst, Richter, soll so VI. 16 242 Auslegung der Bergpredigt Christi, heilig seyn, als einer, der in Winckel oder in die Wüsten kreucht; aber es gilt nicht nach meinem Dünckel richten. Und ob gleich jemand Teufel austriebe und alle Wunder thäte, so die Apostel gethan haben, so will ich lieber seyn ein Schusterknecht, oder eine Schüsselwäscherin nach Gottes Wort und solchen Stand setzen über deinen Dünckel, wenn du gleich könntest Todten aufwecken. Darum bleibe dabey, daß: gute Früchte bringen, heißt solch Leben und gute Wercke, die in Gottes Wort und Gebot gehen. Also sind diese Worte: an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen, zum Wahrzeichen gesetzet und zum Ziel gesteckt, darnach man sie richten und kennen kann. Werden wir aber betrogen, so ists nie- mands, denn unsere Schuld. Denn er hat uns nicht in Zweifel gelassen, sondern dürr und klar abgemahlet. Könnet ihr sie nicht urtheilen (spricht er) vor den schönen Schafskleidern, so mercket nur auf ihre Früchte und Wercke, ob die rechtschassen und gut sind. Ja (sprichst du), wie kenne ich dieselbigen? Mögen doch die- selbigen auch wohl trügen. Antwort: Du weissest ja, was Gottes Gebote sind; da siehe, ob sie nach denselbigen gehen. Denn ich will dir gewiß Bürge dafür seyn, daß kein Rottengeist kommen wird, er solls so versiegeln und einen Stanck hinter sich lassen, daß man sehe, daß der Teufel da gewesen sey. Und ist auch noch nie keine falsche Lehre oder Ketzerey aufkommen, sie hat das Wahrzeichen mit sich gehabt, so er hier zeiget, daß sie andere Wercke aufgeworfen haben, denn Gott geboten und geordnet hat. Daß nun die Welt verführet wird, kömmt nirgend her, denn daß sie der tollen Vernunft folget, und laßt Gottes Wort unter der Banck liegen, achtet nicht, was er gebeut, sperret dieweil die Augen auf nach den Larven, wo sie nur etwas seltsames siehet. Wer nun will hier recht urkbeilen, der thue, wie ihn Christus lehret, und nehme vor sich ihre Wercke und Früchte, und halte sie gegen Gottes Wort oder Gebot: so wird er bald sehen, wie sichs zusammen reimet. Siehe an den allerheiligsten Carthäusermönch mit seinem strengen Orden, und St. Paulum dagegen mit den Zehen Geboren, so wirst du sehen, daß St. Paulus so einher predigt: Wenn ihr Christum habt durch den Glauben, so sey ein jeglicher gehorsam und Unterthan der Obrigkeit, und übet die Liebe unter einander in allen Standen. Siehe, da hast du einen rechten Spiegel eines Christlichen Lebens nach Gottes Gebot und Ordnung. Dagegen kömmt jener Rottengcist und sagt: O, das ist gemein Ding! sind doch viel böse Leute in den Ständen und ist alles weltlich Ding; cy, wir müssen etwas bessers suchen. So gehet er denn Auslegung der Bergpredigt Christi. 243 hin und macht was sonderlichs und seltsames, kömmt getrollt mit einer Kappe oder grauen Rocke; das soll köstlich Leben und ein vollkommener Stand seyn. Bist du aber gefastet mit Gottes Wort, so kannst du bald urtheilen und sagen: Mo hat dir Gott besohlen, solche sonderliche Stande und Wercke aufzuwerfen wider die gemeinen Stande, die er geordnet hat? Ich weiß gar wohl, daß viel böse Buben und fromme Leute sind in allen Standen; aber was gehet mich das an, wie man derselben mißbraucht? Ich bleibe gleichwol bey dem Wort, das mich lehret, daß solche Stande gut sind, obgleich böse Leute drinnen sind. Da sehe und richte ich nach. Und weil der Stand gut ist, so müssen die Wercke und Früchte, nach Gottes Wort geschehen, wie derselbe Stand fordert, auch recht und gut seyn. Weil er aber, dein Stand, kein Gottes Wort hat, so können auch die Wercke, in dem Stande geschehen, nicht gut seyn, und beyde, Baum und Frucht, faul und kein nütze. Also hast du ein gewiß Urtheil, das dir nicht fehlen kann, wie dich Christus lehret, an ihren Früchten sie zu erkennen. Denn ich habe auch noch gelesen von allen Ketzern und Rotten und funden, daß sie allzumal allezeit etwas anders gemacht und hervorgebracht haben, denn Gott geboten und befohlen hat, einer in diesem, der andere in jenem Artickel. Dieser hat verboten, nicht allerley zu essen, der andere die Ehe, der dritte die Obrigkeit verdammt, und jeglicher ein eigenes vorgenommen, daß sie gewißlich alle auf dieser Bahn schreiten müssen. Darum liegt es gar, wie ich gesagt habe, an dem, daß man die Definition eigentlich wisse und halte, was Christus heißt gute Wercke oder Früchte; nemlich ein gut Werck sey das, das durch Gottes Wort befohlen oder geboten ist, und in demselben Gebot gehet. Als, eine Ehefrau, die fromm ist und ihren Ehestand recht halt, kann so sagen und rühmen, daß ihr Stand von Gott geboten ist, und das rechte, reine, lautere Wort Gottes hat, und Gott von Hertzen gefallet. Darum sind ihre Wercke eitel gute Früchte, also, daß man richte und urtheile, nicht nach unserm Dünckel gut, sondern was Gott spricht und gut beißt. Dabey bleibe, so kannst du nicht fehlen, wie sie fehlen müssen. Denn da stehet das Urlheil, daß sie keine rechte Früchte können lehren. So halt Gott auch drüber, daß sie nichts anders müssen predigen, denn von lauter erdichteten Gauckelwercken. Und weil sie die rechten Früchte und Wercke verachten, als die keinen sonderlichen Schein haben, so verachtet er auch ihre faule Wercke, die sie mit grossem Schein auf- 244 Auslegung der Bergpredigt Christi. werfen und sich vermessen, besser zu machen, denn er gemacht hat. Darum will nun Christus sagen: Wollet ihr sie kennen und urtheilen, so haltet euch zum reinen Wort Gottes, daß ihr gewiß seyd, was die rechten Früchte sind, und sehet, wie sie mit denselben übereinstimmen: so werdet ihr gewißlich finden, daß sie andere Dinge lehren und treiben, denn das Gott geboten hat; daher könnet ihr gewißlich auch den Baum prüfen, daß er nicht gut sey, und gibt deß ein grob, kindisch Gleichniß. Kann man auch Trauben lesen von den Dornen, oder Feigen von den Disteln? Ja, sehr wohl (meynen sie). Sollte man das nicht thun können? Ja, man liefet wol eitel Zucker davon. Denn solche Wercke sind gar viel köstlicher, ihres Achtens, denn die Gott geboten hat. Aber siehe du die zweyerley Baume an, den Weinstock, oder Feigenbaum, und dagegen den Dornstrauch, oder Distel. Disteln oder Dornen mögen auch schön daher blühen vor andern Bäumen; aber wer tröstet sich ihrer Früchte? Der Feigenbaum aber ist so ein einfaltiger Baum, rühmet und brüstet sich nicht von seinen Früchten noch Blattern, schlaget nicht ehe aus mit Blattern, denn die Früchte vorhanden sind, sondern ehe mans siehet, bringet er die Früchte. So auch der Weinstock, der ist sogar ohne Schein und Herrlichkeit, als kein anderer Baum, ein lauter, dürr, schwach Holtz; noch tragt er die allersüssesten Trauben, über alle andere Gewächse, daß sich andere Baume sperren und brüsten mit Blattern und Blüthen, daß man sollte meynen, sie würden eitel Zucker tragen, und doch nichts überall geben, denn solche saure Früchte, die kein nütze sind. Also auch hier haben diese den Schein und machen ein Geplerr mit ihrem Rühmen von sonderlichen Werckcn, als wollten sie es allein thun. Und wenn es verblühet, so werden eitel Hagenbritten draus, die gar voll Steine sind, niemand nähren noch speisen, oder Distelköpffc, die nur stechen und kratzen, wenn man sie angreiffet. Denn wenn man Gottes Gebot dagegen halt, ob Gott solche Wercke befohlen und geboten hat und dem Nächsten zu Dienst und Nutzen geschehen: so findet sich, daß es nirgend zu taugt, und nur die rechten guten Früchte hindert. Wiederum, was die andern Stande sind, das hat keinen Schein, und bringet doch die allerseinsten, besten Früchte, und schaffet den größten Nutzen auf Erden, aber vor Gott und vor denen, die mit geistlichen Augen erleuchtet sind, daß sie es recht ansehen und urtheilen können. Darum so spricht er nun: Kann man auch Trauben lesen von den Dörnern, oder Feigen von den Disteln? als wollte er sagen- Auslegung der Bergpredigt Christi. 245 Es mag wol daher blühen, als kostlich Ding, aber harre eine Weile und siehe, wenns Zeit ist, daß man soll lesen und die Früchte abnehmen, was du denn findest. Denn es wird nichts mehr draus, denn daß man die Leute damit betreugt, so auf grosse, köstliche Früchte gewartet, und doch nichts finden, deß sie oder andere sich trösten und gemessen möchten, dazu den Schaden thut, daß auch die allerhöchste Vernunft durch solch Gespenst, vom Teufel angerichtet, betrogen und verführet wird, so nicht Gottes Wort und rechten Verstand hat, sondern seinem eigenen Dünckel und Andacht folget, und meynct, wenn es ihr gefallet, so muss es Gott auch gefallen - so es doch sollte umgekehret seyn, daß ich mir gefallen lasse, was ich höre, das ihm gefallet, obs gleich verdrüßlich Ding ist in allen Standen Gottes, und dazu viel böse Leute drinnen sind, die solche Früchte verderben, gleichwie die bösen Würmer. Und solch Gleichniß beschleußt er nun mit einem gemeinen Spruch, den er sonst gerne pflegt zu brauchen: Ein jeglicher guter Baum bringet gute Früchte, und ein fauler Baum bringet arge Früchte. Was ist aber doch noth, solches zu lehren mit so viel Worten? Wer weiß das zuvor nicht? Sollte es doch ein Blinder wol greiften am Strauche, und er halt uns für solche Narren, die solches nicht wissen? Wohlan, wer es weiß, der wisse es; wir aber wollens lernen und Christi Schüler bleiben. Denn es ist, wie gesagt, nicht so leichte Kunst, zu urtheilen in diesem Thun, davon Christus redet. Es dienet aber dieser Spruch, zu trösten und starcken, die da in solchen Standen sind, wider der Vernunft Fühlen und Ansehen, daß es ein verdrüßlich Wesen sey und viel Böses darinnen geschieht, welches viel Leute stutzig macht, daß man sie vor gefahrlich halt, als könne man nicht wohl Gott darinne dienen :c., damit sich auch St. Augnstinus selbst sehr gebrochen und zumartert hat, auch da er schon ein grosser Doc- tor war, daß ers gerne alles recht gesehen hatte und das Böse von den Standen scheiden möchte, und ihm die Pelagianerketzer viel damit zu schassen macheten, wie fast alle Ketzer solches haben wollen gar rein machen, und (mit Urlaub) gar beschnüffln. Aber, was darf mans weit suchen? Es ist hier fein und mit kurtzen Worten gesetzt- Der Stand, den Gott geschaffen und geordnet hat, und der Mensch, der in solchem Stande nach Gottes Wort gehet und lebt, der kann nichts bringen, denn gute Früchte. Damit kannst du nun dein Hertz trösten wider solche Gedancken- Ach, hat mich dieser oder jener in diesen Stand bracht? Ist doch nichts, denn lauter Unlust und Jammer drinnen! welches mich selbst oft ange- 246 Auslegung der Bergpredigt Christi. fochten hat über meinem Amte und noch thut, daß, wo Gottes Wort nicht wäre, wollte ich langst verschworen haben, eine Predigt zu thun, und der Welt auch Urlaub haben gegeben, wie vorzeiten die Mönche gethan haben. Aber das thut der leidige Teufel, daß er einem jeglichen seinen Stand so schwer machet und die tolle Vernunft so blendet, daß sie nicht kann erkennen das Amt und Werck, so uns Gott aufleget und ihm hertzlich woblgefallet, als eine gute Frucht eines guten Baums, und also selbst ihren Stand und Früchte verderbet. Denn es wäre wol ein guter Baum und ein guter Stand; aber sie siehet es nicht und liegt ihr selbst im Wege, daß er nicht gute Früchte kann bringen. Darum lerne deinen Stand also nach diesem Spruche ansehen, daß du könnest daraus schliefsen: Nun weiß ich, Gott sey Leb! daß ich in einem guten, seligen Stande bin, der Gott gefallet; obs wol dem Fleische verdrüßlich ist, viel Mühe und Unlust hat, das will ich alles gerne tragen. Denn hier habe ich den Trost, daß Christus sagt: Ein guter Baum bringet gute Früchte, von allen Standen, in Gottes Wort gefasset, ob sie gleich von der Welt und den sonderlichen Heiligen verachtet und geringe angesehen sind. Wiederum höre ich das Urtheil, daß ein jeglicher fauler Baum arge Früchte bringet: daß, wenn ich den heiligsten Carthauser sehe, so sehe ich einen schandlichen, faulen Baum, ob er wol köstlich scheinet und nicht so viel Unlust und Widerstands hak. Denn der Teufel machet es ihm nicht so sauer und schwer, wie er den rechten, göttlichen Standen thut. Darum gefallen ihnen solche Stande und Wercke so wohl. Aber so wenig, als ich sehen kann in meinem Stande, daß meine Frucht gut ist, so wenig kann auch jener sehen, daß sein Stand und Frucht faul und kein nütze ist, und muß sich also dieser Spruch bey ihnen umkehren lassen und also heissen: Ein fauler Baum bringet gute Früchte, und ein guter Baum bringet böse Früchte, also, daß kurtzum hier die Vernunft nicht urtheilen kann, noch sehen die Güte ihres Standes und seiner Wercke, noch Freude und Lust davon haben, sondern lobet und preiset das Widerspiel. Denn wenn mans könnte sehen, so giengen wir in eitel Freuden, und würden alles mit frölichem Hertzen leiden und tragen, was uns Gott aufleget, gewiß, daß, weil solcher Baum gut ist, so müssen auch die Früchte gut seyn: also, daß ein frommer Fuhrknecht, wenn er ein Fuder Mist auf den Acker fahret, so fahret er ein Fuder köstlicher Feigen und Trauben, aber vor Gott, nicht vor unsern Augen, die wir nicht glauben, daher ein jeglicher seines Standes müde wird und gaffet nach einem andern. Auslegung der Bergpredigt Christi. 247 Das meynet nun Christus damit, daß er so dürre und stracks schleußt: Ein guter Baum bringet gute Früchte, und wiederum. Und daß ers noch starcker mache, setzet er dazu, als zum Ueberfluß, und spricht: Ein guter Baum kann nicht böse Früchte bringen, und ein fauler Baum kann nicht gute Früchte bringen. Wie, kann nicht ein Knecht oder Magd ein Schalck seyn, ein Mann oder Frau die Ehe brechen, ein Fürst ein Tyrann, ein Prediger ein Verführer seyn, wie du droben selbst gesagt hast? Wo sollte man sonst Buben und Schalcke finden, denn in allerley Standen und Handeln? Antwort: Ja, das ist leider wahr; aber so ist der keiner kein guter Baum mehr, denn er tritt aus seinem Stande und lebet wider Gottes Gebot. Wenn er aber in seinem Stande oder Amte bleibet und thut, was dasselbe fordert, so kann er nicht ein böser Baum seyn. Darum spricht er: Siehe nur zu und bleibe ein guter Baum, so will ich dir zusagen, was du thust, daß es nicht kann böse seyn. Denn die Wercke, die Gott besohlen hat, müssen den Preis haben, daß sie nicht können böse heissen. Was könnten wir nun seligers wünschen, denn daß wir solchen Ruhm und Zeugniß von Christo selbst haben wider alle Rot- tengeister und Sonderlinge, daß wir wissen, daß wir in solchem Stande sind, darinnen wir nicht können Böses thun, so wir nach Gottes Wort leben und thun, was uns befohlen ist. Ja, obgleich etwas Böses mit unterlaust, ss wir nicht aus Vorsatz und Muthwillen, sondern unwissend, oder aus Schwachheit, zu viel thun, das muß auch gut und geschenckt seyn. Summa, du kannsts nicht verderben, weil du in dem göttlichen Amte und Worte gehest, bleib nur darinne, so soll es nicht können böse seyn; oder obs gleich sonst Sünde wäre, so soll es nicht böse heissen, sondern zugedeckt und vergeben seyn, so reichlich sollst du durch Gottes Wort gesegnet seyn. Gleich als ein Feigenbaum, oder ein anderer Baum, ob er zuweilen eine wurmstichige Frucht tragt, noch ist es eine gute Frucht, ihrer Art nach, ohne Stachel oder Dorn, ja, ehe er sollte ohne Frucht seyn, muß er ehe wurmstichige Früchte haben, doch ohne ihre Schuld; also sind auch alle Wercke eines Christen von Art gut, weil der Baum gut ist, und so lebt, daß er gerne wollte eitel gute Früchte bringen, obgleich zuweilen aus Schwachheit des Fleisches, oder anderer Hindernisse, etwas Böses mit unterlauft. Dagegen jene Dornstrauche und Disteln, sollten sie sich zu- reissen, so können sie keine gute Frucht bringen, das ein guter Apfsel oder Feige Heisse. Und kurtz, ein böser Baum kann keine gute Frucht bringen. Das heißt ja hart und strenge gebrauet und 248 Auslegung der Bergpredigt Christi. abgeschreckt von allen eigen erwählten Orden und Ständen, daß sie nicht können ein einig gut Werck thun, und wiederum trefflich getröstet, daß wir, so nach Gottes Wort leben, nicht können Böses thun. Darauf beschleußt er nun: Ein jeglicher Baum, der nicht gute Früchte tragt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen. Da hast du das Urtheil gestellet, so endlich gehen soll über alle, die ihr eigen Werck ohne Gottes Wort lehren und halten, welche meynen wol, sie wollens ausführen und dahin bringen, daß ihr Ding soll ewig bestehen, und dencken, Gott müsse ihr schonen, als der köstlichen Baume und Pflantzcn, und sie zäunen und hegen und aufs beste warten, sehen aber nicht, was vor ein Urtheil über sie gangen ist, daß er schon die Axt gefasset und an den Baum gesetzet hat, wie Christus anderswo, Matth. 3, 10. sagt, und nirgend zu dienen, denn zum höllischen Feuer. Denn es stehet geschrieben, Matth. IS, 13: Alle Pflantzcn, die mein himmlischer Vater nicht gepflantzet hat, sollen ausgereutet werden. Das hat er nun durch Gleichniß und als in xarsbolis, oder dunckeln Worten geredt. Nun fähret er weiter, und will sich erklären, was er damit gemeynet habe, und setzet die rechte Glosse dazu mit hellen, dürren Worten, und spricht: 21. Es werden nicht alle, die zu mir sagen: Herr, Herr! in das Himmelreich kommen, sondern, die den Willen thun meines Vaters im Himmel. Das ist, eben die, so mir dienen und ihr Ding rühmen für den höchsten Gottesdienst, und sich mit tresslichem Ernst darum annehmen, ins Himmelreich zu kommen, und meynen, sie Habens vor allen andern, vor denen will ich den Himmel zuschliessen. Das ist ein schrecklich Urtheil, daß niemand tiefer in der Hölle ist, denn die grossen Gottesdiencr, das ist die allerheiligsten Mönche, wie der Teufel auch ein Sprüchwort gemacht und seiner Heiligen selbst spottet, als ein Schalck, der seine Büberey selbst nicht bergen kann, daß man sagt: Die Hölle sey gepflastert mit eitel Pfaffen - und Mönchsplatten. Das ist eben, das er hier sagt, daß, die die größten Heiligen wollen seyn, sollen nicht ins Himmelreich kommen. Warum das? Denn sie sagen wol, Herr, Herr! (spricht er,) aber sie thun nicht den Willen meines Vaters im Himmel. Wie das? Sollten sie nicht Gottes Willen thun, so sie doch Tag und Nacht Gott dienen, ja dazu auch Wunder thun, wie folget? Wo wollte der andere gemeine Hause bleiben, wenn sie nicht sollten selig werden? Antwort: Das hörest du wohl, daß er Nein dazu sagt, und machet Auslegung der Bergpredigt Christi. 249 einen Unterscheid, daß zweyerley ist: Herr, Herr! sagen, und seines Vaters Willen thun, und spricht: Ich mag ihr nicht, die feindlich schreyen, Herr, Herr! und kommen mit ihrer grossen Andacht, als müsse ich sie gen Himmel heben; sondern die will ich, die meines Vaters Willen thun. Sie hoffen und vermessen sich wol, daß sie nicht allein in Himmel kommen, sondern andere Leute auch mit ihrem Verdienste hineinbringen, und oben sitzen werden und sonderliche Kronen empfahen. Darum will er uns abermal hiermit gewarnet haben, daß wir uns vorsehen und nicht durch solche lassen verführen, die so grossen, tresslichen Gottesdienst vorgeben (ob sie gleich auch Wunder thaten), sondern dabey bleiben, was er gut spricht: daß alles in seinem Gebote gehe und gethan werde, obs wol nicht scheinst, noch der Vernunft gefallet, weil wir das Wahrzeichen haben, daß kein Rottengeist dabey bleibe, noch eine gute Frucht lehren oder thun kann, sondern mit eitel eigenen Gedancken, aus seinem Kopffe gesponnen, umgehet. Die sind nun die ersten, die Christus verwirft, die da kommen und machen die Welt voll GottesdienstS, wie er von ihnen verkündigt hat, Matth. 24, 23.24: Es werden viel falsche Christen und falsche Propheten kommen und sagen: Siehe hier, siehe da ist Christus, und werden viel verführen. Darnach kommen andere, die nicht allein sagen: Herr, Herr, sondern auch grosse Wunder und Zeichen thun. Davon spricht er nun weiter: 22. 23. Es werden viel zu mir sagen an jenem Tage: Herr, Herr, haben wir nicht in deinem Namen geweissaget? Haben wir nicht in deinem Namen Teufel ausgetrieben? Haben wir nicht in deinem Namen viel Thaten gethan? Dann werde ich ihnen bekennen: Ich habe euch noch nie erkannt; weichet alle von mir, ihr Ue- belthater. Das sind erst hohe, treffliche Leute, und werden doch schandlich betrogen und gar unversehens in die Hölle fahren. Denn die andern, davon er jetzt gesagt hat, fahren hinein, als gute Gesellen, wo sie nicht am letzten Ende bekehret werden, wie ich hoffe, daß dennoch ihr viel selig worden sind am Todbette, aus solchem Irrthum errettet. Aber diese wollen des Himmels gewiß seyn, heben an, mit Gott zu rechten, und sprechen: Sollen wir nicht selig werden? Haben wir doch in deinem Namen gepredigt und so viel Wunder gethan. Wie soll nun das zugehen, daß sie sollen Zeichen und Wunder thun, und dazu in Christi Namen, und gleichwol gerechnet werden 250 Auslegung der Bergpredigt Christi. unter falsche Christen und verdammte, böse Leute? Meynete ich doch, wie es auch wahr ist, daß Gott kein Zeichen noch Zeugniß gibt, die Lügen zu bestätigen, wie auch Mose S, 1«. 20. 22. saget- Wenn ein Prophet vermessen ist, in meinem Namen zu reden, das ich ihm nicht geboten habe, und du in deinem Hertzen sagen würdest- Wie kann ichs mercken, welches Wort der Herr nicht geredt hat? Wenn der Prophet redet im Namen des Herrn, und wird nichts draus, und kömmt nicht, das ist das Wort, das der Herr nicht geredt hat. Und stehet doch hier das Widerspiel, daß sie Zeichen in seinem Namen thun, und dennoch falsche, böse Leute sind. Zum ersten, mag diß eine Antwort seyn, daß sie zuvor rechte Christen gewesen sind und wahrhaftige Predigt und Zeichen gethan haben, aber darnach davon gefallen sind. Denn das ist der leidige Teufel, (dafür St. Paulus auch seine Corinther warne!,) wenn sich ein Christ beginnet zu fühlen, daß er etwas vor andern ist und sonderlichen Verstand, Weisheit und andere Gaben hat, daß er ihm selbst gefallet und stoltz wird, und wird ein solcher Mensch draus, der sich selbst ausschelet aus dem Korn, und bleibt eine lautere, leere Hülse, meynet gleichwol, er sey fromm und wohl dran, wie solcher Leute viel gewesen und jetzt auch sind. Denn es ist ein trefflich gefahrlich Ding, wenn Gott einen Menschen mit hohen, trefflichen Gaben zieret, daß er nicht stoltz werde und demüthig bleibe. Daher liefet man von einem alten Vater in der Wüste, der eine sonderliche Gabe hatte, Teufel auszutreiben, und viel Leuten half, daß alle Welt ihm nachlies und schier für einen Gott hielt. Da begunte ihn auch die Eitelehre anzufechten, und als er das fühlet«, bat er Gott, daß er ihn behütete und nicht ließe in Hossart fallen. Da ließ ihn Gott vier Wochen vom Teufel besessen werden und plagen, daß er alle sein gut Geschrey verlor, und jedermann sagte- Siehe, der hat andern Leuten geholfen, nun liegt er da, und kann ihm selbst nicht helfen! Also ward er der Anfechtung los, und blieb in der Demuth. Das sage ich zum Exempel, anzuzeigen, wie ein gefährlich Ding es ist um grosse, hohe Gaben, und der Hochmuth allzeit sich dran hängen will, wie man auch siehet in groben, äusserlichen Dingen, ja in dem Bettelstab zeitliches Guts und Herrschaft. Summa, Gottes Gaben sind so tresslich edel, wir aber so beschmeißt, daß wirs nicht können lassen, wir müssen stoltz werden und darauf trotzen, wenn wir sie fühlen, und wiederum verzweifeln, wenn wir sie nicht haben. Das (sage ich) wäre wol eine Antwort, wollens aber hier nicht treiben, wiewol es recht ist. Denn das ist der fürnehmste Verstand, daß er hier redet vom falschen Weissagen und Wunderlhaten, wie Auslegung der Bergpredigt Christi. 251 er auch Matth. 24, 24. sagt: Es werden falsche Christen und falsche Propheten aufstehen, und grosse Zeichen und Wunder thun, daß verführet werden in den Irrthum (wo es möglich wäre) auch die Auserwählten; und St. Paulus, 2. Thcss. 2, 9. 10. von dem Widerchrist: welcher kommet mit allerley lügenhaftigen Kräften und Zeichen und Wundern, und mit allerley Verführung zur Ungerechtigkeit, dafür, daß sie die Liebe zur Wahrheit nicht haben angenommen, daß sie selig würden; — also, daß gewißlich in der Christenheit müssen falsche Zeichen geschehen, und die falschen Christen die- selbigen müssen für rechte, wahrhastige Zeichen halten. Wer könnte aber die Büberey erzählen, was man für Teufels- gespenste getrieben hat unter den heiligen Namen Christi, Mariä, des heiligen Creutzes, St. Cyriax w. das alles die Mönche mit Gewalt getrieben haben, und alle Welt darauf gefallen ist, und niemand hat dürfen dagegen mucken. Da war kein Pabst, noch Bischof, der dawider geprediget hätte, sondern haben alle dazu geholfen; und obgleich jemand sich dawider setzet?, so ward er übertäubt und mit Gewalt eingetrieben. Wie kurtz vor diesen Zeiten Bischof Ernst von Sachsen brach einmal eine solche Teufels Feldkirche ein; aber es bekam ihm übel, daß er drüber in Kranckhcit fiel, und froh ward, daß er sie wieder bauete. Mit solchem Gespenst ist nun aufkommen und bestätigt das Fegfeuer, Seelmessen, aller Heiligen Dienst, Wallfahrten, Klöster, Kirchen und Capellen. Ja es haben auch viel gewcissagt von zukünftigen Zeiten, als der Liechrenberger und andere; ist aber alles geschehen durch den Teufel, daß er seine Greuel und Lügen bestätigte, und die Leute bezauberte und im Irrthum gefangen hielte, daß ihm niemand entlausten möchte. Denn das ist dem Teufel ein geringes, daß er sich läßt ausweiden, wenn er will, auch durch einen bösen Buben, und doch wohl unausgetrieben bleibt, sondern eben damit die Leute desto stär- ckec besitzet und bestricket mit der schändlichen Trügerey. So kann er auch wol zukünftige Dinge errathen, als ein kluger, erfahrner Geist; wiewol er gemeiniglich mit seinem Weissagen der Leute spottet, und so gäuckelt, daß mans mancherley deuten mag, und wie es geräth, so hat ers troffen, wie er auch vorzeiten durch seine heyd- nische Pfaffen gethan hat. So sind denn die Leute toll, und plumpen hinein: O, hier wohnet Gott! da siehet und greiffet man die Wunder und Zeichen! Können nicht rechnen, daß der Teufel eben darum thut, die Leute zu betrügen und verführen, dencken auch nicht, die Narren, daß Christus solches alles klärlich zuvor gesagt und uns treulich dafür gewarnet hat durch sich selbst und seine 252 Auslegung der Bergpredigt Christi. Apostel. Aber es hat so müssen gehen, und ist uns recht geschehe», weil wir Gottes Wort verachtet, und nicht angesehen, daß wir Christum verlieren und des Teufels Zeichen annehmen müssen, und ist dem Teufel eben ein recht Spiel gewesen, dadurch er mit voller Gewalt in der Christenheit regierete, wie er gesucht hatte. Weil wir nun solches gesehen und leider allzuviel erfahren haben, wie grossen Schaden der Teufel gethan hat durch solche Lügengeister und falsche Zeichen, sollen wir ja gewitzigt seyn, und nicht (wie sie vor uns gethan haben) Christi Worte lassen liegen und umsonst geredt seyn, daß es uns nicht auch so gehe, wie es ihnen gangen ist. Denn es ist eine Predigt, ja eine Prophezeyung, zur Warnung geschrieben, aber leider zu langsam denen, die vor uns gewesen sind, aber uns noch frühe genug, wenn wirs annehmen wollen, daß wir uns nicht daran kehren, was man rühmet von Zeichen und Wundern, die Maria und andere Heiligen gethan haben, und dieselbigen tresslich aufmutzet, damit uns von dem Worte zu führen, sondern so klug seyn, weil wir diese Warnung haben, daß solche falsche Zeichen geschehen müssen, daß wir keinem blossen Zeichen glauben- Denn er hat ja treulich und ernstlich gewarnet, als er von solchen Wunderzeichen redet, Matth.24, 25: Siehe, ich habe es euch zuvor gesagt. Als sollte er sagen: Sehet aber zu, und haltet euch an meine Warnung, wo nicht, so werdet ihr gewißlich verführet. Denn ihr habt mein Wort, daß ihr wisset, was der Wille meines Vaters ist. Die zwey haltet gegeneinander. Hier habt ihr meine Lehre, die euch weiset, wie ihr leben und thun sollet; dort sehet ihr die Zeichen, so wider diese Lehre gehen, daß ihr also könnet schliefsen: Weil ich dort so tressliche Zeichen sehe, und dagegen hier die Lehre und Warnung dazu habe, so will ich vor zusehen, wo die Zeichen hinaus wollen, und fassen an dem Ort, da sie zu fassen sind, ob sie auch dazu dienen, daß sie meinen Glauben starcken auf das Wort, ncmlich, daß Christus für mich gestorben, daß ich durch ihn vor Gott fromm und selig werde, darnach, daß ich meinen Stand führen und desselben treulich warten solle. So finde ich das Widerspiel, daß sie ihren Tand damit starcken und bestätigen wollen, und so lehren: Lauf zu diesem oder jenem Heiligen, kreuch in eine Kappe, oder Wüsten, da geschehen täglich so viel Wunder und Zeichen, da ist so ein heiliger Orden tc. Das heißt geführt von Christo, aus meiner Kirche, Predigtstul, Taufe und Sacrament, dabey ich bleiben soll, dazu von meinem Stande und gebotenen Werckcn. Darum will ichs nicht hören, noch wissen, wenn auch ein Auslegung der Bergpredigt Christi. 253 Engel vom Himmel käme, und vor meinen Augen Todte aufwecke- te. Denn Christus hat mich so gelehret und gewarnet: Halte dich zu meinem Worte, Prcdigtstul und Sacrament; wo das ist, da wirst du mich finden. Da bleib bey, darssst nicht weiter lausten, noch suchen; ich werde dir naher kommen, denn wo mein Evangelium, Taufe, Predigtamt ist, dadurch ich in dein Hertz komme und mit dir rede. Item, daß er sagt- Sey du Vater, oder Mutter, Fürst, Herr, Unterthan, und gehorsam und bleib in deinem Stande! da hörest du ihn reden, und selbst gegenwartig. Was laustest du denn noch, als ein unsinniger Mensch, zum Stock und Stein, da kein Gottes Wort gepredigt wird, und doch durch des Teufels Zeichen die Augen aufsperren, als wäre Christus da, da sein Wort nicht ist? Siehe, so sollte man die Papisten zurückeschlagen, die mit ihrer Gewohnheit, Vätern, Concilien, und so viel Zeichen und Mi- rackeln herscharren, dadurch sie ihr Ding wollen bestätiget haben, und nur kurtz geantwortet: Wohlan, laß uns beyderley gegeneinander halten. Da habe ich Christi Wort, deß ich gewiß bin, und schon aufs allergewaltigste bestätigt ist durch alle Welt; so zeigest du mir dagegen cuere Lehre und Zeichen, die mich auf Rosenkrantze, Wallfahrt, Heiligen-Dienst, Messen, Möncherey und andere sonderliche, erwählte Wercke führen. Da ist nichts von Christo, noch vom Glauben, Taufe, Sacrament, noch Gehorsam und guten Wercken, so ich in meinem Stande gegen den Nächsten üben soll, wie mich Christus lehret, sondern eben das Widerspiel. Darum könnens nicht rechte Zeichen seyn, sondern ist, beyde, Lehre und Zeichen des Teufels Betrug. Also können wir fein alle falsche Zeichen kennen und urtheilen, und sagen: Zeichen hin, Zeichen her, so kehre ich mich nicht dran, ob du gleich vor meinen Augen Todte aufweckest. Denn das kann alles trügen; aber Gottes Wort treugt mir nicht. Denn der Teufel kann wohl die Leute ästen und bezaubern, daß er einen Menschen eine Zeitlang für todt hält, und darnach läßt wieder zu sich selbst kommen, als wäre er von Todten auferwecket, oder kann einem ein Auge oder ander Glied verderben, und darnach wieder gesund machen, daß man meynet, es sey durch Wunderzeichen geschehen. So verhänget auch Gott, daß auch wohl rechte Wunder geschehen, zur Strafe derer, so die Wahrheit nicht achten, wie St. Paulus 2. Thess- 2, tt). saget, und denen andern zur Warnung. Denn man überwachet es auch sogar mit seines Worts Verachtung und Un- danck, daß kein Zorn gnug ist, solches zu strafen, wie es uns auch 254 Auslegung der Bergpredigt Christi. wieder gehen wird, wenn die Welt lange stehen soll, die sich so hoch versündiget, daß es viel arger muß werden mit allerley Irrthum und Zeichen. Denn weil die Welt schlecht will das Wort verachten und nicht hören, und nach anderm gaffet: so will er ihr auch genug schicken, daß sie verführet werde in Abgrund alles Irrthums. Wie bisher gangen ist, da man in allen Kirchen, Klöstern, Schulen nichts anders gepredigt und gelehret, alle Bücher voll gekleckt hat solcher lügenhaftigen Zeichen, und keine andere Ursache gehabt, denn daß solche Zeichen geschehen sind; als wäre es nicht genug verkündigt, daß so sollte geschehen und die Leute dadurch verführet werden, daß auch die Auserwählten kaum vom Irrthum erlöset werden sollten. Und geschieht ihnen ja recht, die sich so liederlich verführen lassen und nicht wollen solche Warnung annehmen. Denn er hat das Wort gegeben, wie man glauben und leben soll, und dazu mit Zeichen genug bestätiget. Darbey will ers bleiben lassen und drüber halten, und kein anders machen; so wollen sie andere, neue Lehre und bessere Stande auswerfen, wider Gottes Wort und die rechten Zeichen. Darum spricht nun Christus: Ich werde mich nicht dran kehren, ob sie gleich werden rühmen: Herr, haben wir doch in deinem Namen viel Wunder und Thaten gethan! sondern ein Urtheil über sie sprechen, das heißt: Ich habe euch noch nie erkannt; hebt euch von mir, ihr Uebelthäler. Wie so, lieber Herr? Sind doch die Zeichen und Wunder da, daß mans nicht leugnen kann? Ja, wird er sagen, warum habt ihr denn mein Wort fahren lassen, durch meine Zeichen bestätiget, und anders aufbracht, davon ich nichts weiß, und die Welt nach euerm Kopf regiert und dem nachgefolget? Weil ihr denn mein Wort verachtet, noch meines Vaters Willen gethan habt, so will ich euer auch nicht wissen und keine Gnade haben. Deß versehen sie sich jetzt nicht auf Erden, meynen, sie werden die nä- hesten bey Gott seyn; aber sie Werdens allzu plötzlich erfahren. Das ist nun der rechte Verstand dieses Texts, daß er redet von solchen Zeichen, so die falschen Lehrer thun, ihre Lehre zu bestätigen, die er nicht will kennen, weder mit ihren Zeichen, noch Weissagung. Ueber das aber ist nun eine schärfere Disputation, weiß nicht, ob sie hieher gehöret, daß Gott zuweilen wahrhaftige Zeichen geschehen läßt durch böse Leute, die Gott durch sie thut; wie Eaiphas, der Hohepriester weissagete, Joh. 11, 50., und Bileam, 4-Mos. 24, 15., welcher hat die allerschönste Predigt gethan von Christo, wie Moses selbst sagt, daß der Heilige Geist in ihn gefahren sey, Auslegung der Bergpredigt Christi- 255 und wider seinen Willen weissagen mußte, wie auch Caiphas. Und ist nicht zu leugnen, daß auch Judas, als Christi Apostel, viel Zeichen gethan habe, sowol, als die andern Apostel und Jünger. Was wollen wir hierzu sagen? Darauf hat St. Johannes selbst geantwortet, als er von Caipha sagt, Joh. 11, 51: Weil er Hoher- priester war desselbigen Jahrs, weissagete er. Denn das kann wohl geschehen, daß eine solche Person, die in öffentlichem Amte, oder eine regierende Person ist, weissaget, oder Wunder thut, und viel Gutes und grossen Nutzen schaffet, viel Leute zu Gott bringet, und doch die Person für sich selbst nicht fromm ist und zum Teufel füh- ret. Als, ein Prediger ist in einem öffentlichen Stande und eine Amtsperson, und wenn mans recht ansehen will, so thut eine solche Person die allergrößten Wercke, Zeichen und Wunder, so auf Erden geschehen. Denn durch sein Amt, Wort und Sacrament, das er dir reichet, bringet er dich zum Glauben, errettet dich aus des Teufels Gewalt und vom ewigen Tode, und führet dich gen Himmel ins ewige Leben, welches ist weit über alle äusserliche Zeichen und Wunderthaten, und kann doch wol selbst ein glaubloser, böser Mensch seyn. Darum muß man hierinncn immerdar auf Gottes Wort sehen und nach demselbigen richten, nicht nach der Person. Nun hast du droben gehöret von solchen Zeichen, die da geschehen, andere Dinge zu bestätigen, denn Gottes Wort, davon nichts in der Schrift ist. Hier aber sind solche Zeichen, die sich dahin ziehen, das Gott geredt und bestätigt hat. Als des Hohenpriesters Caipha Prophezeyung gieng dahin, daß Christus mit seinem Tode sollte die Welt erlösen. Das war eine rechte köstliche Weissagung, ob ers wol gifflig und böse meynete. Also auch der Prophet Bileam, ob er wol ein Schalck war, doch weissagete er recht, als ein Prophet, von Gottes Volck und Christo, und redete Gott durch ihn. Wo nun ein Prediger sein Amt recht führet, und in Kraft desselben Zeichen thut, da soll man ihn hören. Wenn er aber wollte aus der Bahn treten, und einen andern Weg gehen, andere Dinge zu stissten, ausser seinem Amte: so wäre es nicht mehr ein rechter, sondern ein falscher Prophet. Also auch, wenn der Apostel Judas gepredigt und Wunder gethan hat, der doch des Teufels war, wie Christus sagt, ist es doch aus Kraft des Apostelamts geschehen, Christum zu bestätigen, daß dadurch die Leute an ihn gläuben. Demnach richte von allen, so ein Amt haben in der Christenheit. Denn sie sind nicht alle Christen, noch fromme Leute, die im Amt sind und predigen. Da fragt auch Gott nicht nach; sondern die Person sey, wie sie wolle, ' 256 Auslegung der Bergpredigt Christi. so ist doch das Amt recht und gut, und nicht des Menschen, sondern Gottes selbst. Als, Caiphas weissagt nicht als Caiphas, ein Mörder und böser Bube, sondern als ein Hoherpriestcr. Also, der Pfarrherr oder Prediger taufet und bringet zum ewigen Leben, nicht als Er Johann Pommer, sondern als ein Pfarrherr. Denn das Amt zu ehren und zu bestätigen, laßt Gott solches geschehen. Weil nun Judas im rechten, öffentlichen Amte ist, das Christus geordnet hat, darum ist das Amt in ihm geehret, nicht die Person. Denn also gehets auch in welllichen Sachen, wie Salomon spricht, Sprüchw- 16, 10- Des Königs Mund weissaget; das ist, alles was die Obrigkeit ordnet, das ist recht, und Gott bestätigt es. Darum, wenn sie Uebelthäter urtheilet und strafet nach ihrem Amte, das ist Gottes Urtheil, das er droben im Himmel spricht und will gehalten haben, ob es wol sonst, ausser dem Amt, verboten ist. Also machet die Schrift alle, so im göttlichen Amte sind, zu Propheten oder Weissagern, ob sie wol oft vor ihre Person Schalcke und Tyrannen sind, wie Salomo abermal sagt, Sprüchw. 6, 15: Durch mich regieren die Könige, das ist, ihr Gesetz und Urtheil ist mein Gesetz und Urtheil, und alles, was sie thun von Amtswegen, wenn sie recht regieren; und sind doch nichts desto weniger das mehrere Theil in der Welt grosse Schalcke darunter, die des Rechten und ihrer Gewalt getrost mißbrauchen; noch wenn sie in ihrem Amte bleiben, und thun, wie das Recht fordert, so ist es alles Gottes Geschäfte. Ist es doch auch also, wenn man herunter kömmt, da ein Fürst oder Herr einem Diener Befehl gibt, oder seine Gesandten ausschicket, daß man dieselbigen höret und ehret, ob sie gleich böse Buben sind, nicht um ihretwillen, sondern um ihres Herrn willen, welches Amt und Befehl sie mitbringen. Weil nun Gott solches thut im weltlichen Wesen, vielmehr will er drüber halten im geistlichen Wesen, daß sein Amt und Dienst schäftig und kräftig sey. Darum sind es, wie gesaget, eitel Wunderzeichen, wenn ein Pfarrherr prediget oder taufet, so ferne er das Evangelium und die Taufe recht lasset bleiben, er sey sonst fromm, oder böse. Und ob er wol, als ein Unchrist, den Schatz selbst nicht hat, doch empsahet ders, der das Wort annimmt und gläubct. So nun solche Zeichen und Wunder geschehen durch das Predigtamt, daß dadurch die Seelen von Sünde, Tod und Teufel erlöset werden: wie vielmehr kann es geschehen mit andern geringen, aufser- lichen Wunderzeichen im leiblichen Wesen, die der Seelen nicht helfen? , Darum muß man hier auch wohl unterscheiden die zwey Stucke, Auslegung der Bergpredigt Christi. 257 Amt und Person, daß man nicht um der Person willen das Amt verwerfe, (wie gemeiniglich geschieht, wo ein frommer ist, da sind ihr zwantzig böse,) sondern darnach sehe, ob das Amt und Zeichen dahin gehen und dienen, die Lehre zu preisen und zu bestätigen, daß man an Christum glaube, und sich reime mit dem, das er geredt, geboten und gestisstet hat. Wenn du solches siehest, so sprich: Diese Predigt ist recht, ob gleich die Person nichts taugt. Das Zeichen will ich annehmen, aber nach der Person will ich nicht fragen. Wo das nicht ist, sollst du es nicht annehmen, noch glauben, die Zeichen seyn so groß, und die Person so heilig und kostlich, als sie wolle. Aber hier sind auch viel Bischöffe, Prediger und in andern Aemtern, die da meynen, daß Gott ihre Person ansehen müsse, und damit verführet werden, wie ich droben gesagt habe. Darum wird sie es auch nicht helfen, ob sie gleich am Jüngsten Tage wollen rühmen, und sagen: Herr, haben wir doch in deinem Namen viel Zeichen gethan. Denn Gott hat ihnen solches nicht gegeben um ihrer Person, sondern um ihres Amts willen, und nicht für ihre Person, sondern um ihres Amts willen, und nicht für ihre Person, sondern von Amts wegen gethan, dasselbige zu bestätigen. Das ist nun gesagt von öffentlichen Amtspersonen, durch welche Zeichen und Wunder geschehen, deren etliche fromm, etliche böse sind, welches dem Amte nichts nimmt, noch gibt. Was sagest du aber von denen, die da Wunder thun und weissagen, und doch nicht im Amte sind? Wie man liefet Luc. 9, 49. S0. von etlichen, die da Aeichen thaten, und doch nicht Christi Jünger waren, daß die Apostel solches Christo anzeigten Und sprachen: Meister, wir sahen einen, der trieb die Teufel aus in deinem Namen, und wir wehreten ihm, denn er folgete dir nicht nach. Er aber antwortete: Wehret ihm nicht; denn wer nicht wider uns ist, der ist für uns. Das war ja eine einzelne Person, dem nicht das Amt von Christo befohlen war, und sagt doch, man sollte ihm nicht wehren, und setzet Ursache dazu, Marc. 9, 39: Es ist niemand, der eine That thut in meinem Namen, und möge bald übel von mir predigen. Antwort: Das ist wahr, wie ich gesagt habe, daß Gott kein Zeichen von bösen Menschen geschehen laßt, sie seyn denn in öffentlichem Amts, weil Gott nicht Zeichen gibt ihrer Person, sondern des Amts halben. Wo aber rechte Zeichen geschehen von einer einzelnen Person, so muß gewißlich dieselbige Person fromm seyn, als etliche sind, die sonderliche Offenbarung haben durch Traume und Gesichte; aber dieselbigen Zeichen müssen auch dahin gerichtet seyn, daß sie Christum und das Evangelium preisen und fördern. VI, 17 258 Auslegung der Bergpredigt Christi. Also hast du zweyerley Zeichen/ die da gut und rechtschassen sind. Erstlich, so geschehen von frommen Personen, die da Christen sind; darnach auch wol von bösen, doch, die da im Amt sind und recht lehren. Aber daß man sich ja allezeit richte nach diesem gewissen Prüfestein, welcher gehen soll durch allerley Personen, Gott gebe» sie seyn fromm, oder unfromm, im Amte, oder ausser dem Amte: ob sich die Zeichen dahin lencken, daß Christus damit gepreiset und dein Glaube dadurch gefördert werde. Spürest du aber, daß sie dich anders wohin weisen, als, Wallfahrten lausten, Heiligen anruffen, Seelen im Fegfeuer lösen, und Summa, auf deine Wercke verlassen und eigene Gerechtigkeit gründen, so sprich: Wenn du mir alle Wunder thatest, daß ichs sehen und greissen müßte, so glaubeich dir doch nicht; denn Christus hat mich genug dafür gewarnet. Diese Regel hat auch Gott selbst in Mose gestellct, 5. Mos. 1. flg. Wenn ein Prophet oder Träumer unter euch wird aufstehen, und gibt dir ein Zeichen oder Wunder, und das Zeichen oder Wunder kömmt, davon er dir gesagt hat, und spricht: Kommt, lasset uns andern Göttern nachwandeln (die ihr nicht kennet,) und ihnen dienen, so sollt du nicht gehorchen den Worten solches Propheten, oder Traumers w. Da hat er auch die Laussin tinslom gesetzt, da- ben man sie erkennen und recht fahren soll. Wenn sie dahin wollen, daß du andern Gottesdienst aufrichten sollst, das ist, nicht bey der einigen, reinen Lehre bleiben, sondern was anders daneben ansahen: da soll man nicht glauben, wenn es gleich schneyet mit Wunderlichen, und deutet es selbst weiter, und spricht: Denn der Herr, euer Gott, versuchet euch also, daß er erfahre, ob ihr ihn von gan- tzem Hertzen und von gantzer Seele lieb habt. Als sollte er sagen: Er will euch bewahren, wie vest ihr hallet an der Lehre, die bereits gestisstet ist und im Schwange gehet. Summa, es heißt, wider die bestätigte Lehre soll man keine Wunder noch Zeichen annehmen, wie groß und viel sie immer geschehen mögen. Denn wir haben Gottes Gebot, der da vom Himmel geboten hat: Den Christum sollt ihr allein hören, Matlh. 17,5. Dazu haben wir auch diese Warnung, daß falsche Propheten kommen werden und grosse Zeichen thun, aber alle des Holtzwegcs abführen, von Christo auf ander Ding, Matlh. 24, 24. Darum ist kein anderer Rath dafür, denn daß man die Lehre wohlgefaßt und allezeit vor Augen habe, so kann man sein alles darnach urtheilen, obs das Evangelium, oder dein Glaube dich lehret, so du alle Tage betest, welcher heißt: Ich glaube allein an Christum, für mich gestorben !c., oder was anders ist. Auslegung der Bergpredigt Christi. 2S!) Nun. wir sind genug gewarnet, wer sich wiil dran kehren. Aber es hilft dock) wenig bey dem grossen Haufen, wie es auch vorhin nichts geholfen hat. Und ich halte gewißlich dafür, wenn heute einer hier aufträte und thäte nur ein Zeichen, so würde es alles mit Haufen zufallen. Denn also pflegt der tolle Pöbel, wenn man ihm was neues herfürbringet, und die Augen aufsperret, daß er alles laßt stehen, Wort und Lehre, und gastet nach jenem, ob man sich zu Tode dawider schrye, wie sichs bisher mit groben, greiflichen Lü- gen und unverschämter Trügerey hat lassen äffen und bey der Nasen führen, wo nur ein Bube ist aufgetreten und gelogen hat von neuem Heiligthum, neuen Wallfahrten, und hienach gelausten, wie die Unsinnigen. Das macht der schändliche Fürwitz und Ueberdruß unsers Fleisches und Blutes, und der leidige Teufel dazu, daß allezeit die Zeichen und Wunder, sonderlich die falschen, mehr nach sich ziehen, denn auch die rechtschaffenen. Denn, daß Christus samt seinen Aposteln und andern haben Wunder gethan, das siehet und achtet man nicht; aber daß irgend einer einen Teufel ausireibet, das gehet über alle. Wohlan, wer sich nicht will warnen lassen, und willig verführet werden, darf uns die Schuld nicht geben- 24 — 27. Darum, wer diese meine Rede höret und thut sie, den vergleiche ich einem klugen Manne, der sein Haus auf einen Felsen bauet. Da nun ein Platzregen siel, und ein Gewässer kam, und weheten die Winde, und stiessen an das Haus, siel es doch nicht; denn es war auf einen Fels gegründet. Und wer diese meine Rede höret, und thut sie nicht, der ist einem thörichten Manne gleich, der sein Haus auf den Sand bauete. Da nun ein Platzregen siel, und kam ein Gewässer, und weheten die Winde, und stiessen an das Haus, da siel es, und that einen grossen Fall. Das ist der Beschluß und das Ende davon, daran es gar liegt. Wer diese Predigt nicht allein mit den Ohren höret, sondern thut, der ist ein weiser, kluger Mann. Denn die Lehre ist wol gut und köstlich; aber es nicht um Hörens willen gepredigt, sondern daß mans thue und ins Leben bringe. Und sonderlich, weil wir immerdar in der Gefahr stehen, von falschen Propheten und Wunderthätern, daß man dencke, und solche Lehre und Warnung annehme, weil wirs hören und haben, beyde, Lehrer und Schüler. Denn, wenn mans dahin will sparen, bis das Stündlein hergehet, und der Tod und Teufel zu uns daher einstürmen mit seinem Platzregen 26 Auslegung der Bergpredigt Christi. 261 Wahre haben möge. Wenn denn kömmt Wetter und Platzregen, aussen und oben zu, und wassern unten, und Wind mitten ein, wollen den Grund weich machen und umreissen- so stehet er dagegen unbeweglich, als wollte er ihnen allen Trotz bieten. Wer aber den Bau auf einen Sand setzet, das stehet so lange, bis der Regen und Wasser wegwascht und der Wind wegreistet, daß es über einen Haufen liegt, oder wol von sich selbst einfallt. Mit solchem Gleichniß will er uns treulich gewarnet haben, daß wir ja zusehen und seine Lehre vest halten, und den Christum nicht aus dem Hertzen lassen, als unsern einigen, gewissen Grund und Eckstein unsers Heils und Seligkeit, wie ihn St. Paulus, Rom. g, 33., und St. Petrus, 1. Epist. 2, 6., aus Esa 28, 16. nennet. Wenn wir darauf gegründet und erbauet stehen, so wollen wir wohl unumgestossen bleiben, und die Welt und Teufel, mit allen falschen Lehrern und Rottenqeistern lassen herregnen Schlossen und Schlacken, und allerley Gefahr und Noth herbrausen und stürmen. Den Trotz und Sicherheit können jene elende, thörichte Leute nicht haben. Denn sie stehen nicht auf dem Felsen, das ist, auf der Lehre von Christo, sondern auf dem Triebsand ihres eigenen Dünckels und Traume. Darum, wenn die Noth daher gehet, daß sie mit dem Teufel und Tod kampffen sollen, da fühlen sie denn, wie sie ihr Vertrauen auf einen losen Sand gesetzt haben, und ihre Stande und Wercke nicht bestehen können; wie ich selbst viel erfahren und gesehen solcher armen Leute, fürnemlich in Klöstern, die solches wohl gefühlet haben, daß sie zuletzt wahnsinnig sind worden vor Schrecken und Blödigkeit des Gewissens, und etliche in ewigem Verzweifeln blieben. Das machet, daß sie auf ihr eigen Wesen, Andacht und gute Meynung gebauet hatten, und von Christo nichts wußten. Das war ein recht Zimmer und Gerüst für den Teufel, das er mit Freuden konnte einreisten, und alles in einen Haufen werfen. Solches hat auch St. Bernhard selbst müssen fühlen und bekennen, der doch ein überaus strenges Leben gcführet bat mit Beten, Fasten und Casteyen, daß ihm nichts mangelt, und allen andern zum Exempel vorgesetzt, daß ich keinen unter den Mönchen weiß, der besser geschrieben und gelebt habe. Noch, da es mir ihm in TodeSnoth kam, mußte er selbst solch Urtheil über sein gantz beilig Leben sprechen- O, ich habe verdammlich gelebet, und mein Leben schandlich zubracht! Ja, wie so, lieber St. Bernhard? Bist du doch dein Lebtag ein frommer Mönch gewesen? Ist deine Keuschheit, 262 Auslegung der Bergpredigt Christi. Gehorsam, dein Predigen, Fasten und Beten nicht kostlich Ding? Nein (sagt er), es ist alles verloren, und gehöret zum Teufel. Da kömmt der Regen und Wind, und reißt Grund, Boden und Bau, alles über einen Haufen, daß er hatte müssen ewiglich verdammt seyn durch sein eigen Urtheil, wenn er sich nicht hatte herum ge- lencket und, an seinem Schaden gewitziget, aus der Möncherey getreten und einen andern Grund ergrissen hatte, und sich an den Christum gehanget, und in dem Glauben, den die Kinder beten, erhalten wäre, da er sagt: Ob ich wol des ewigen Lebens nicht werth bin, noch durch eigen Verdienst vermag zu erlangen; aber mein Herr Christus hat zweyerley Recht dazu, einmal, als ein Herr und Erbe desselbigen von Ewigkeit, zum andern durch sein Leiden und Sterben erworben. Das erste behält er für sich; das andere schen- cket er mir. Also haben alle Mönche und Pfaffen, und was da hat wollen beilig seyn, die selig sind worden, aus ihrer Kappe und allen Wer- cken kriechen und an den Christum müssen hangen, wiewol es ihnen gar sauer ist worden. Denn es ist gar schwer, daß ein Mensch, so fein gantzes Leben in solcher eigenen Heiligkeit zubracht, und sich darauf verlassen, soll sich in einer Stunde heraus schwingen und sich allein auf Christum werfen. Darum warnet er und vermahnet, daß wir solche seine Lehre angreiffen und thun, weil wir Zeit haben, ehe die Noth und letzte Züge uns übereilen. So hat nun unser lieber Herr diese schöne Predigt vollendet. Nun beschleußt der Evangelist, wie alle Welt hat müssen Zeugniß geben, daß es viel anders gelehret war, denn sie vor gehöret hatten und gewohnet waren. 28. 29. Und da Jesus diese Rede vollendet hatte, entsatzte sich das Volck über seiner Lehre. Denn er predigte gewal- tiglich, und nicht, wie die Schriftgelehrten. Damit zeigt er, was die Schriftgelehrten vor Prediger und Lehrer gewesen, nemlich, daß es eitel kalt, lose, faul Geschwätz gewesen ist, mit keinem Ernst noch Gewalt Gottes Gebot gelrieben und ausgestrichen haben. Aber er hat anders drein gegriffen, das sie vor nicht gehöret hatten, die rechte Lehre und Leben gezeigt, und die Laster gestrafft - also, daß sie alle fühleten, daß der Mann die Lehre mit Gewalt hatte, und alles lebte und lautete, als hätte es Hände und Füsse, und mußten sagen, daß es mit Gewalt gepredigt hiesse, da der andern eitel los, ledig, ja ein lauter todt Gewäsche war. Am Ende ist noch überblieben zu handeln eine Frage, weil wir Auslegung der Bergpredigt Christi. 26Z i» dieser Predigt gehöret haben, daß Christus so hart dringet auf die Wercke, da er sagt, Cap. 5, Z. 7- Die Armen sollen das Himmelreich baben. Die Barmhcrtzigcn sollen Barmherzigkeit erlangen; item V. 12: Es soll ihnen im Himmel belohnet werden, die um seinetwillen Verfolgung leiden, und was deß mehr hernach ist im Ende des S> Cap. V. 46: So ihr liebet, die euch lieben, was werdet ihr vor einen Lohn haben, und im 6. Cap. N. 4. vom Almosen, Fasten und Beten: Dein Vater, der in das Verborgene siehet, wird dirs vergelten öffentlich; — aus welchen Sprüchen schließen die unverstandigen, falschen Prediger, daß man durch unser Wcrck und Thun ins Himmelreich komme und selig werde, und bauen darnach darauf ihre Stiffter, Klöster, Wallfahrten, Messen. Wiewol aber die Frage ein wenig scharf ist, und mehr gehöret in die Schule unter die »Gelehrten, denn auf den Predigtstul für den einfaltigen, gemeinen Mann: doch, weil es so oft im Text vorfällt, müssen wirs nicht gar übergehen, und ja etwas davon sagen. Denn es ist ja noth, daß ein jeglicher ein wenig ein Unterschied wisse unter der Gnade und Verdienst. Denn die zwe» leiden sich nicht mit einander. Wo man Gnade predigt, kann man warlich nicht Verdienst predigen, und was Gnade ist, das kann nicht Verdienst seyn, sonst wäre Gnade nicht Gnade, spricht St. Paulus. Röm, 11, 6. Das hat ja keinen Zweifel. Darum, wer die zwey unter einander menget, der machet die Leute irre, und verführet beyde, sich und die ihm zuhören. Wohlan, wir wollen jetzt die scharfe Antwort lassen anstehen, und aufs gröbste, so wir mögen, davon reden. Und erstlich soll man ja das vest halten, daß ein grosser Unterscheid ist unter dem Glauben, oder Christlichen Wesen, und unter seinen Früchten, wie ich oft gesagt habe. Denn nach dem Christlichen Namen und Wesen ist keiner anders, denn der andere, haben allzumal gleichen Schatz und einerley Güter. Denn St. Petrus hat keine andere, bessere Taufe, denn St. Paulus, und ein Kind, das gestern geboren ist, keine geringere Taufe, denn St. Johannes, der Täufer, oder St. Peter und alle Apostel; so haben sie auch keinen andern, bessern Christum, denn der geringste Christ. Wenn man nun hieher siehet, so gilt kein Verdienst, noch Unterschied. Denn der geringste Christ empfähet eben sowol denselben Leib und Blut Christi im Sacrament, und wenn er das Evangelium höret, so höret er eben dasselbige Gottes Wort, das St. Peter und Paulus gehöret und geprediget hat. Item, so kann auch kein Heiliger kein ander noch besser ?ater noster beten, noch an- ZK4 Auslegung der Bergpredigt Christi. dem Glauben und zehen Gebot sprechen und bekennen, denn ich und ein jeglich Kind raglich beten. Das ist ja so klar, daß es jedermann verstehen und wohl greifsen kann: also, daß in dem Stück, daher wir Christen heissen, gar keine Ungleichheit, noch Vorzug der Person ist, sondern einer, wie der andere, Mann, Weib, Jung, Alt, Gelehrt, Ungelehrt, Edel, Unedel, Fürst und Bauer, Herr und Knecht, grosser und kleiner Heiliger, wie nur einerley Christus und Glaube ist. Gleichwie die Sonne am Himmel einerley ist gegen jedermann, leuchtet einem Bauer sowol, als einem Könige; einem Blinden sowol, als einem Scharfsehenden; der Saue auf der Gasse sowol, als der allerschönsten Frauen auf Erden: und scheinet sobald auf einen Dorn, als auf eine Rose-, auf einen Koth, als auf einen Purpur; und ist eben dieselbe Sonne, die dem ärmsten Bettler, und die dem grössestcn Könige oder Kayser scheinet. Aber darnach , wenn man beginnt zu kommen in das ausser- liche Wesen und unser Thun, daß ich, so ein Christ und getauft bin, über das auch ein Prediger bin, so ich wol ohne das ein Christ seyn könnte: da wird es nun ungleich und gehet an der mancherleye Unterscheid unter den Christen, nicht als Christen, noch nach dem Christlichen Wesen, sondern nach den Früchten desselben. Demnach bin ich ein Prediger, das ist ein solcher Christ, der das Work den Leuren vortragen, die Betrübten trösten, die Irrigen und Unwissenden unterrichten soll; so ist dieser ein Hausvater oder Handwercks- mann, der sein Haus regieren und seines Handwercks warten, Weib und Kind nähren soll. Da ist bereits ein anderer Mann, denn ich und du, noch muß ich sagen: Dieser ist sowol ein Christ, und hat eben soviel von der Taufe, Gottes Gnade und ewigem Leben, als ich und alle andere, und ist nichts geringer in Christo, denn ich. Und ist hier kein Unterscheid unter Frauen noch Mann :c. Noch thut die Fraue andere Wercke, die der Mann nicht thut, und wiederum ein Knecht andere, denn der Herr, ein Prediger andere, denn ein Bürger, Also, ein Kind gegen den Vater, ein Schüler oder Jünger gegen den Meister, deren jeglicher sein eigen Werck oder Früchte hat, und also allenthalben Unterscheid wird in dem ausser- lichen Wesen, die doch alle zugleich Christen und nach dem innerlichen Wesen eines sind, denn es nicht mehr, denn ein Christenstand, wie nur einerley natürlich Wesen ist aller Menschen. Das siehet man auch am Himmel (sagt St. Paulus, 1. Cor- 15, 40 ), daß so mancherley Sterne und einander ungleich sind, einer groß, der andere klein, einer klar, der andere dunckel leuchtet, und doch nur eine Sonne und ein Himmel ist. In dem sind sie gleich, daß Auslegung der Bergpredigt Christi. 26.Z sie alle an einem Himmel stehen und einerley Sonne haben, und doch ungleich nach der Grosse und Klarheit. Also ist auch auf Erden (sagt St. Paulus weiter V. 38.) nicht alles Fleisch einerley Fleisch, sondern ein ander Fleisch ist der Menschen, ein anders des Viehs, ein anders der Vögel. In dem, daß sie Fleisch sind, sind sie alle gleich, und hat eins sowol seine Glieder, Haupt, Hertz, Magen ic., als die andern, noch ists gar eine unterschiedene Natur unter Menschen, Thieren, Vögeln und Fischen. Wenn du nun von einem Christen willst reden, oder ihn abmahlen- so mußt du ihn also mahlen, daß er keinen Unterscheid hat unter andern, und einer allerdings ist, wie der andere. Denn darnach mußt du ihn nicht mahlen, daß er ein Mann oder Weib, Prediger oder Laye, Fürst oder Bettler, Handwercksmann oder Carthausermönch ist. Denn er gehet in der Unterscheid keiner, sondern bleibt in der Vergleichung und einigem Wesen, daß er gleich so gut und heilig ist, als St. Petrus und Paulus, und keiner mehr und besser ist, denn er. Denn wo St. Petrus besser wäre, denn ich, nach dem Christlichen Wesen: so müßte er einen bessern Christum, Evangelium und Taufe haben. Weil aber das Gut, so wir haben, allerdinge einerley ist- so müssen wir in dem alle gleich, und keiner über den andern zu heben seyn. Das mag wol seyn, daß einer mehr und grösser Ding thut, denn ein anderer, als, daß St. Petrus Todten auferwecket hat. Aber damit, daß er Wunder thut, so ich nicht thue, wird er wol ein grösser, Heller Stern, denn ich, am Himmel, aber nicht ein andrer Stern, hat auch keinen andern Himmel. St. Paulus hat mehr gethan und gearbeitet, denn alle Apostel, aber darum nicht ein besser Apostelamt gehabt, noch einen andern und bessern Christum gepredigt. So sagen wir nun von dem Verdienst: Wenn man davon redet, das das Christliche Wesen betrifft, nachdem wir alle gleich sind, wie man vor Gott fromm wird. Vergebung der Sünden und ewiges Leben erlanget, da ist all unser Verdienst rein abgeschnitten, und sollen nichts davon hören noch wissen. Denn du hast ja das Evangelium, noch Christum und Taufe nicht verdienet, sondern ist ein lauter Geschenck, umsonst gegeben, daß uns die Sünde umsonst vergeben, Gottes Kinder werden und in Himmel gesetzet ohne alle unser Zuthun. Und hier fechten wir wider der Sophisten Greuel, die unser Werck so hoch heben, daß man dadurch einen gnadigen Gott erlange und den Himmel verdiene. Ja, sie dürfen unverschämt sagen, daß ein Mensch auch in Todsünden vermöge, so viel zu thun von sich 2W Auslegung der Bergpredigt Christi. selbst, und eine Andacht zu schöpften, oder gut Werck zu wegs bringen, damit er Gottes Zorn lege und versöhne. Das heißt das Dach aus den Boden gestürtzet und das Fundament gar umgekehret, die Seligkeit gebauet auf lauter Wasser, Christum gar aus seinem Stul geflossen, und unser Werck an die Statt gesctzet. Denn daraus muß folgen, daß wir der Taufe, noch Christi, noch Evangelii, noch Glaubens, nichts überall dürfen, weil ich auch in Todsünden so viel Gutes und Kraft bey mir finde, daß ich mich durch meine Wercke herauswircken, Vergebung derselben und ewiges Leben verdienen kann. Aus dem siehest du, daß es Gott geschändet und gelästert ist, alles, was sie vom Verdienst geifern in dem Stück, darüber wir jetzt disputiren, wie und wodurch man zu Gottes Gnade und ewigem Leben komme. Noch haben sie nicht gnug, solche schandliche Gotteslästerung zu lehren, sondern dieselbe noch dazu versechten, und uns darüber zu Ketzern verdammt haben. Solches kann nun jedermann wohl rechnen und verstehen, daß der beyden eins muß falsch seyn, entweder, daß wir nicht durch unser Thun Gnade verdienen, oder Christus mit seiner Taufe muß vergebens und nichts seyn, und Christus muß gethan haben, als ein Narr, daß er sich lasset martern, und sein Blut so theuer vergeußt, und so viel darauf wendet» uns zu erwerben und geben, das doch sogar nicht nöthig ist und wir zuvor bey uns selbst haben. Darum, ob sie uns darüber Ketzer schelten, daß wirs von solchem Verdienst der Wercke nicht mit ihnen halten, so wollen wir zwar gerne ihre Ketzer heissen, und Gott, unserm Richter, hsimgeben, aber nur desto vester wider sie stehen und ihnen wiederum sagen- daß sie nicht Ketzer, sondern die argesten Gotteslästerer sind, so die Sonne beschienen hat, die Christum aufs schändlichste verleugnen und verfluchen, wie St. Petrus, 2. Epist. 2, 1. 2., von ihnen geweissaget hat, und wie die Epistel an die Ebräer 6, 6. Cap. 10, 29. sagt, Christum frisch ins Maul schlagen und mit Füssen treten mit seiner Taufe, Sacrament und gantzem Evangelio, und was uns Gott durch ihn gegeben hat. Und ich wollte doch gerne hören, was sie dazu könnten sagen, die elende Leute, wenn sie setzen, daß wir durch unser Werck so viel können ansahen, daß wir Gnade erlangen, und wenn dasselbige gethan und so viel verdienet ist, daß wir über die erste Gnade (wie sie es nennens das Himmelreich und ewige Seligkeit dazu verdienen, was man doch verdiene mit den andern, folgenden Wercken? Denn ich will setzen, daß ein Papist seine Messe, oder ander Werck, habe in der Gnade gethan und damit das Himmelreich verdienet, als so Auslegung der Bergpredigt Christi. tld7 ein köstlich Werck, das des ewigen Lebens werth ist, welches sie Heisien inerituM sie conckiAno, was will er denn verdienen mit den Wercken und Messen, die er morgen und hernach thut in dcrselbi- gen Gnade? Da sahen sie an, (weil sie nichts zu sagen wissen,) und machen esseiitislo und secläontslo prsemium, und sprechen, solche folgende Wercke die helfen, daß man noch etwas dazu als ein Ge- schencklein zur Zugabe verdiene, das uns Gott gibt über das ewige Leben. Ist das wahr, so höre ich wol, daß die ersten Wercke die besten sind, die andern aber nicht so gut; sonst müßten sie eben das verdienen, so doch gemeiniglich die folgenden Wercke pflegen besser zu seyn, weil sie nun wohl getrieben und geübt sind. Weil denn die letzten Wercke nicht das Himmelreich verdienen, so müssens die ersten auch nicht verdienen; oder sollen sie gleich seyn und ein jeglich Werck solches kann verdienen, so mußte Gott so manchen Himmel bauen, so manch gut Werck gethan wird. Und wo wollte zuletzt unser Herr Gott so viel Himmel nehmen, ein jeglich gut Werck zu bezahlen. Das sind doch scharfe Leute, die alles so eben und genau können abmessen. Aber, was soll man sagen? Es ist eitel Lügen und Trägen, was sie vorgeben, denn es ist der keines wahr: zum ersten, daß man mit eigenem Wercke Gnade erlange, viel weniger, so ein Mensch in Todsünden liegt; darnach, obgleich der Mensch in Gnaden wäre durch.die Wercke (wie sie lügen), daß solch Werck, in der Gnade geschehen, sollte so köstlich seyn, daß es des Himmelreichs werth sey. Denn da stehet Christus und sagt das Widerspiel mit dürren, hellen Worten, Luc. l7,10- Wenn ihr alles gethan habt, was euch befohlen ist, so sprecht: Wir sind unnütze Knechte. Darum sollten wir unsere Lehre vestiglich halten, daß wir kein Werck überall lassen zu dem Stück kommen, Gottes Huld und Gnade zu erlangen, von Sünden los zu werden und ins Himmelreich zu kommen. Da soll kurtzum mein Verdienst nichts seyn, und wo mans dazu will brauchen, soll ichs nur mit Füssen treten und zum leidigen Teufel in die Hölle verdammen, als das meinen Glauben hindern will und Christum verleugnet. Denn da soll es allein so heissen, daß Gott solches alles umsonst geschencket bat aus lauter Gnade, damit, daß er Christum, seinen Sohn, sendet und laßt ihn für mich sterben und mir solches verkündigen und schencken, heißt mich nur daran glauben und daraus taufen lassen. Da kömmt ja meiner Wercke keines zu, sondern es ist ein lauter Gesehene?, vom Himmel gegeben und durch Christum mir zugebracht. Darum sey nur hisrinnc alles Verdienst rein weggeworfen, und beschlossen, 268 Auslegung der Bergpredigt Christi. daß man Gnade, Vergebung der Sünde, durch keinen andern Weg, Weise, noch Maaß erlangen kann, denn daß man Gottes Wo« höret von Christo und durch den Glauben empfähet. Und, daß uns Gott ehre, was wollen wir von unserm Verdienst rühmen, so doch sie selbst und alle Heiligen müssen taglich im Vater Unser beten, so lange wir leben- Vergib uns unser Schuld lc.? Und die verzweifelten Heiligen dürfen unverschämt sagen, daß sich ein Mensch, ob er wol in Todsünden ist, könne bereiten zu der Gnade und darnach auch das ewige Leben verdienen. Was sagst du aber dazu, daß so viel Sprüche sind von dem Lohn und Verdienst? Dazu sagen wir jetzt also für die Einfaltigen, daß es eitel Tröstungen sind für die Christen. Denn, wenn du nun ein Christ bist worden, und hast einen gnädigen Gott und Vergebung der Sünde, beyde, der vergangenen und die noch taglich in dir stecken: so wird sichs gewißlich so schicken, daß du viel thun und leiden mußt um des Glaubens und der Taufe willen. Denn der leidige Teufel, samt der Welt und dem Fleisch, wird sich an dich hangen und dich allenthalben zuplagen, wie er durch diese drey Capitel genug gezeigt hat, daß dir möchte die Welt zu enge werden. Wenn er uns nun liesse darinnen stecken, ohne Wort und Trost, so sollten wir darüber verzweifeln und sagen: Wer will ein Christ seyn, predigen und gute Wercke thun? Siehet man doch, wie es ihnen gehet und die Welt sie mit Füssen tcit, lästert und schändet, alle Schalckheik und Tücke beweiset, und nimmt ihnen endlich Ehre, Leib und Gut; und er heißt mich nicht anders, denn arm, betrübt, hungrig, sanftmüthig, friedlich, leidend und verfolgend seyn; soll es denn ewig so währen und nicht einmal anders werden? Da muß er nun herausfahren, trösten und stärcken, und sagen: Ihr seyd nun in der Gnade und Gottes Kinder; ob ihr nun drüber in der Welt leiden müsset, deß erschrecket nicht, sondern haltet vest, und lasset euch nicht müde noch weich machen, was euch unter Augen flösset, sondern thue ein jeglicher, was er thun soll; obs ihm drüber übel gehet, das soll ihm nicht schaden, und wisse, daß das Himmelreich sein ist, und soll ihm reichlich bezahlt werden. Je, wie bezahlt? Habens wir doch zuvor durch Christum, ohne und vor alle unserm Thun. Also, wie St. Paulus sagt, daß Gott will einen grossen, hellen Stern aus dir machen, und eine sonderliche Gabe geben, auch in diesem Leben. Denn ein Christ kann auch hier auf Erden so viel bey Gott durch sein Gebet und gute Wercke erlangen, daß er eines gantzen Landes schone, Kriege, theure Zeit, Pestilentz wegnehme?c. Nicht, daß das Werck seiner Würde halben Auslegung der Bergpredigt Christi. 2üg so kostlich sey, sondern darum, daß ers verheissen hat, uns zu Starcke und Trost, daß wir nicht dencken, daß unsere Arbeit, Plage und Elend verloren und vergessen sey. Da ist nun kein Verdienst, dadurch wir sollen Gnade, oder unsere Tause, Christum und den Himmel verdienen, (davon sie reden, wenn sie von Verdienst sagen,) sondern gehet alles auf die Früchte des Christenthums. Denn Christus redet auch (wie wir gesehen haben) in dieser Predigt nichts davon, wie wir Christen werden, sondern allein von den Wercken und Früchten, die niemand thun kann, denn der zuvor ein Christ und in der Gnade ist, wie die Worte zeigen, daß sie müssen Armuth, Elend, Verfolgung drüber leiden, daß sie Christen seyn und das Himmelreich haben. Wenn man nun von solchen Früchten redet, so da folgen nach der Gnade und Vergebung der Sünde: so lassen wirs wohl geschehen, daß mans einen Verdienst und Lohn Heisse; aber da fechten wir, daß solche unsere Wercke nicht das Hauptgut seyn, welches zuvor muß da seyn, und ohne welches sie nicht geschehen, noch Gott gefallen. Wenn wir nun das Stück rein erhalten, daß es nicht Verdienst, fondern eitel Gnade sey: so wollen wir nicht fechten, ob man den folgenden Früchten den Namen gebe; allein, daß man solche Sprüche nicht falschlich verkehre und wider die Schrift auf unser Verdienst der Gnade ziehe, sondern recht deute, dahin sie gehören, zu trösten die Christen, sonderlich in Leiden und Widerstand, da sichs fühlet und scheinet, als sollte unser Leben, Leiden und Thun vergebens seyn und nichts schassen. Wie die Schrift allenthalben tcostet, wo sie vermahnet, anzuhalten an guten Wercken, als Jer. 31, 16: Deine Arbeit ist nicht umsonst. Item, St. Paulus 1. Cor. 15, 58- Cure Arbeit ist nicht vergeblich in dem Herrn. Denn so wir den Trost nicht hatten, so könnten wir nicht ertragen solchen Jammer, Verfolgung und Elend, daß wir so viel Gutes thun sollten, und unser Lehren und Predigen mit eitel Undanck und Schmach bezahlen lassen, und müßten aufs letzte von solchen Wercken und Leiden, so uns unter Augen stossen, ablassen. Aber Gott will uns dagegen erwecken und veste machen durch solche schöne Verheissung, daß wir nicht Undanck, Haß, Neid und Verachtung der Welt ansehen, sondern ihn ansehen, der da spricht: Ich bin dein Gott. Will dir die Welt nicht dancken und nimmt dir Ehre, Gut, Leib und Leben darüber: so halte dich an mich und tröste dich deß, daß ich noch einen Himmel habe und so viel drinnen, daß ich dirs wohl vergelten kann, und zehnmal mehr, denn man dir jetzt nehmen kann! daß wir könnon den Trotz wider 27V Auslegung der Bergpredigt Christi. die Welt haben- Wohlan, will sie unsere Gnade nicht haben, so lasse sie es und fahre hin mit ihrer Gnade, und alles, was sie hat; habe ich doch um ihrentwillen nichts angefangen, will auch forthin um ihrentwillen nichts thun, noch lassen. Aber um deßwillen will ich alles thun und leiden, der mirs so reichlich verheißt und spricht: Ob du wol zuvor, ohne das durch Christum allen Schatz im Himmel, und mehr denn genug hast; doch will ich dir noch mehr geben zur Zugabe, daß du das Himmelreich ofsenbarlich habest, und Christum, den du jetzt im Glauben hast, sichtiglich anschauest in ewiger Herrlichkeit und Freude, so vielmehr du jetzt leidest und arbeitest. Da gehören die feinen Sprüche und Vermahnungen, als Ebr. 1c>, 35: Lasset euch euer Vertrauen nicht entfallen, welches eine grosse Belohnung hat. Und Christus, Match. 19, 29: Es ist niemand, der da verlaßt Haus, oder Bruder, oder Schwester, oder Vater, oder Mutter, oder Weib, oder Kind, der nicht hundertfaltig wieder empfahe, jetzt in dieser Zeit und in der zukünftigen Well das ewige Leben. Also spricht er auch hier: Es wird euch im Himmel wohl belohnet werden! damit er zeigt, daß sie das Himmelreich schon bereits haben, und doch dasselbe desto herrlicher haben sollen» wenn es nun offenbar wird. Siehe, wenn man diese Sprüche dahin richtet, so sind sie recht geführet, daß sie nicht aufs Vertrauen unserer Wercke wider den Glauben, sondern aus den Trost des Christen und Gläubigen gehen. Und wo die Sophisten ihr Ding vom Verdienst dahiw gezogen hatten, so wäre es sein gewesen. Aber sie haben ihre eigene Werckbei- ligkeit und Moncherey drauf gebauet, daß sie Gott dadurch sollte ansehen für sonderliche Heiligen und den Himmel dafür verkaufen, als ein Trödeler, und sollte sie obenan setzen, als dmen, die andern gemeinen Christen weit nicht zu gleichen waren. Und haben zwar nicht unweislich daran gethan; denn das hat nicht Armuth, Elend, Trauren, Verfolgung, sondern Geld, Gut und Ehre getragen, und ist kein Orden dazu gestifftet, daß man Christi Wort, Sacramenl, Glauben, Liebe und Geduld darinnen übete, sondern nur mit ihren Kappen und strengem, sonderlichen Leben wollen vor Gott angesehen und hoch gehoben seyn, als die keines Christi, noch Glaubens dürften. Auf diese Weise lassen wir nun zu, daß die Christen Verdienst und Lohn bey Gott haben, nicht dazu, daß sie Gottes Kinder und Erben des ewigen Lebens werden, sondern den Glaubigen, die be^ reits solches haben, zu Trost: daß sie wissen, daß er nicht wolle un- vergolten lassen, was sie hier um Christi willen leiden, sondern, wenn sie viel leiden und arbeiten, so wolle er sie am Jüngsten Tags Auslegung der Bergpredigt Christi. sonderlich schmücken, mehr und herrlicher, denn andere, als sonderliche grosse Sterne vor andern. Also wird St. Paulus vor andern helle und klar daher leuchten aM. allerschönste. Das heißt nicht Vergebung der Sünde, noch den Himmel verdienet, sondern Vergeltung des Leidens mit desto grösserer Herrlichkeit. Aber da wollen wirs nicht leiden, da sie es hinsetzen; (denn das ist Christum, Gott und den Heiligen Geist geschändet und gelästert, und alles, was uns Gott durch ihn gegeben hat, und wollen lieber Ketzer und Buben gescholten und mit Feuer verbrannt werden, denn solchen Schatz verlassen oder verleugnen), sondern wollen uns auch dieses Trostes halten, ob wir wol drüber leiden müssen alle Plage, Schmach und Verfolgung. Denn es wird doch nichts anders draus. Denn der Teufel wird uns solches nicht einräumen, noch mit uns eins werden, sondern will des Pabsts Lehre erhalten und uns darzu bringen, daß wir glauben, wie er glaubt. Und weil er siehet, daß wir nicht wollen, legt er sich wider uns mit aller Macht. Denn er weiß wohl, wenn der Artickel stehet, daß die Vergebung der Sünde und Christus ein lauter Geschenck ist, daß ein jeglicher darnach wol an Fingern rechnen und schliessen kann, daß das Pabstthum mit seinen Messen, Möncherey, Fegfeuer, Heiligendienst :c. nichts seyn muß, und alles dahin fallet von sich selbst. So lerne nun aus solche Spruchs antworten, wo vom Verdienst und Lohn stehet: Ich höre wol, daß Christus spricht: Selig sind die Armen, denn sie sollen das Himmelreich haben! und: Sslig seyd ihr, wenn ihr um meinetwillen Verfolgung leidet; denn euer Lohn ist groß im Himmel w., aber damit lehret er mich nicht den Grund meiner Seligkeit bauen, sondern gibt mir eine Ver- heissung, was ich vor Trost davon haben soll in meinem Leiden und Christlichen Leben. Da mußt du mir nicht ein Gemenge machen und die zwey unter einander brauen, noch mein Verdienst machen aus dem, das mir Gott gibt in Christo, durch die Taufe und Evangelium. Denn es stehet nicht hier, daß ich solches verdienen könne und keines Christi, noch Taufe darzu dürfe, sondern, daß die, so Christi Schüler sind, welchen er hier geprediget hat, und um seinetwillen allerley leiden müssen, wissen, wessen sie sich zu trösten haben, weil man sie hier auf Erden nicht leiden will, daß sie dafür im Himmel desto reichlicher sollen alles haben. Und wer am meisten arbeitet und leidet, soll auch desto herrlichere Vergeltung haben. Denn obwol, wie ich gesagt habe, in Christo alles gleich ist, und die Gnade gar mit einander gibt, und einem jeglichen die gantzs Seligkeit bringet, als das höchste, gemeineste Gut, daß der freylich ? 272 Auslegung der Bergpredigt Christi. alles hat, wer den Christum hat: doch wird ein Unterschied seyn der Klarheit und der Herrlichkeit, damit wir geschmücket und leuchten werden, gleichwie jetzt in diesem Leben ein Unterschied ist der Gaben, daß einer mehr arbeitet und leidet, denn der andere; aber in jenem Leben wird es alles offenbar werden, daß alle Welt sehen wird, was ein jeglicher gethan hat, und desto grössere Herrlichkeit haben, daß sich das gantze himmlische Heer freuen wird. Das sey davon jetzt genug. (Gott erhalte uns in seiner Gnade, in Christo erzeigt, Amen.)