22
Auslegung der Bergpredigt Christi.
und Kasten voll Geldes, die Böden voll Korns, das Land voll al-lerley Güter und Verrath haben, noch mußte er darneben geistlichein armer Bettler seyn, wie er von sich singet, Psalm 39, 13:Ich bin arm und ein Gast im Lande, gleich wie alle meine Vater.Siehe der Konig, der in solchen Gütern sitzet, ein Herr über Landund Leute darf sich nicht anders, denn ein Gast oder Pilgrim nen-nen, als der auf der Strassen gebet, da er nichts hat, da er bleibenkann. Das heißt ein Hertz, das sich nicht bindet an Gut undReichthum, sondern ob es gleich hat, noch ist ihm, gleich als hättees nichts, wie St. Paulus von den Christen rühmet, 2. Cor. 6,10: Als die Armen, aber die doch viel reich machen, als die nichtsinne haben, und doch alles haben.
Alles ist dabin geredt, daß nian aller zeitlichen Güter undleiblicher Nothdurft, weil wir hier leben, nicht anders brauche, dennals ein Gast an einem fremden Orte, da er über Nacht liegt unddes Morgens davon zeucht, braucht nicht mehr, denn Futter undLager zur Nothdurft, darf nicht sagen: Das ist mein, hier will ichbleiben! noch sich ins Gut setzen, als gebühre es ihm von Recht;sonst müßte er bald hören, daß der Wirth zu ihm sagte: Lieber,weißt du auch, daß du ein Gast hier bist? Gehe deines Weges, wodu hingehörest. Also auch hier; daß du zeitlich Gut hast, hat dirGott gegeben zu deinem Leben, und gönnet dir wohl, daß du seinbrauchest und den Madensack damit füllest, den du am Halse trä-gest, aber nicht das Hertz daran bangest und heftest, als wolltest duewig leben, sondern immer weiter fahrest, und druckest nach einemandern, höhern und bessern Schatz, der dein eigen ist und ewigbleiben soll.
Das sey grob für den gemeinen Mann geredt, daß man lerneverstehen, nach der Schrift zu reden, was geistlich arm, oder vorGott arm Heisse; nicht äusserlich nach Geld und Gut, oder nachMangel oder Ueberfluß zu rechnen, da man siehet (wie gesagt) daßdie ärmsten, elendesten Bertelbuben die ärgsten, verzweifeltsten Schälckesind und alle Büberey und Untugend begehen dürfen, welches seine,ehrliche Leute, reiche Bürger oder Herren und Fürsten nicht thun,wiederum auch viel heilige Leute, die Geld und Gut, Ehre, Landund Leute gnug gehabt haben, und dennoch mit so viel Gütern armgewesen sind: sondern nach dem Hertzen muß mans rechnen, dasihm nicht lasse harte angelegen seyn, ob es etwas oder nichts, vieloder wenig habe, und was es für Güter hat, immer so hinsetze, alshätte mans nickst und alle Stunden darum kommen und verlierenmüßte, und das Hertz immer am Himmelreich behalte.