494
die Lehre dcö Buchstabens, dieses die Lehre des Geistesnennt, von jenem sagt, es sey in steinerne Tafeln geschrieben,und von diesem, es sey in die Herzen cingegraben, jenesfür die Predigt des Todes, dieses für die Predigt des Le-bens erklärt, jenes als das Wort von der Verwerfung,dieses'als die von der Rechtfertigung darstellt, und vonjenem behauptet, daß es aufhöre, von diesem, daß es bleibe.Da der Apostel die Gedanken des Propheten wiederholenwollte, so ist die Erklärung der Worte des Einen schon zu-reichend, um beide zu verstehen. Indessen unterscheiden siesich auch in etwas von einander: denn der Apostel redet,in härteren Ausdrücken als der Prophet, von dem Gesetze,und zwar in besonderer Beziehung. Es hatten sich nämlicheinige übelgesinnte Vertheidiger des Gesetzes erhoben, die,durch ihren verkehrten Eifer für Beibehaltung der äußerli-chen Satzungen desselben, das Licht des Evangeliums ver-dunkelten. Er erklärt sich also über das Wesen des Gese-tzes, wie ihr Irrthum und thörichtes Bemühen es erfor-derte. Diese Eigenthümlichkeit in der Darstellung desApostels darf nicht übersehen werden. Weil beide aber dasA. und N. T. verglcichungsweisc zusammenstellen, so legensie dem Gesetze nur dasjenige bei, was demselben eigen-thümlich ist. So enthält es zuweilen auch Verheißungender Barmherzigkeit; weil aber diese aus einer andernQuelle fließen, so werden sie nicht berücksichtigt, da vondes Gesetzes eiugenthümliche Natur die Rede ist. Bloß dasschreiben sie ihm zu, daß es das Gute gebietet und dasBöse untersagt,, den Frommen Lohn verheißt und den Ue-bcrtretern Strafe droht; jedoch ohne die allen Menschennatürliche Verkehrtheit des Herzens zu ändern oder zu bes-sern.
8. Nun wollen wir theilweise die Vcrgleichnng desApostels erläutern. Er nennt das alte Testament dieLehre des Buchstabens, weil es ohne die Wirksam-keit des Geistes bekannt gemacht ist, und das neue dieLehre des Geistes, welche der Herr durch die Kraft sei-