492
natürlicher Weise auch so die Wahrheit weder in ihrem vollenGlänze hervortreten, noch deutlicher erkannt werden. Ihnentheilte der Herr also das Licht seines Wortes auf die Weisemit, daß ihnen die Wahrheit nur in dunkler Ferne schim-merte. Diese dürftige Erkenntniß nennt der Apostel Kind-heit, welche der Herr durch einen dem Knabenalter ange-messenen Unterricht bilden und durch vorgeschriebene äußereHandlungen erziehen wollte, bis die Klarheit Christi er-schien, durch welchen die Erkenntniß des gläubigen Volkszum männlichen Alter erwachsen sollte. Diesen Unterschiedmachte auch Christus, wenn er sprach ch: „Gesetz und Pro-pheten seyen bis auf Johannes gewesen; seitdem wird dasEvangelium von dem Reich Gottes gepredigt." Was ver-kündeten aber Gesetz und Propheten den damaligen Men-schen? Sie gaben ihnen einen Vorschmack von der Weis-heit, die'einst in voller Klarheit offenbar werden sollte,und weissagten von dem in der Ferne schimmernden Lichte.Wo aber Christus wirklich in seiner Herrlichkeit geschautwird, da ist das Reich Gottes aufgeschlossen: denn in ihmliegen alle Schätze der Weisheit und Kenntniß, durch welcheman bis zu den Thoren des Himmels gelangt.
k. Nichts beweiset dagegen die Erfahrung, daß sich inder christlichen Kirche fast Niemand findet, der hinsichtlichseines hohen Glaubens mit Abraham verglichen werdenkönnte, und daß die Propheten mit solchen Gaben des Gei-stes erfüllt waren, womit sie auch jetzt noch den ganzenErdkreis erleuchten. Denn nicht die Fülle der Gnade, dieder Herr Wenigen zutheilte, kann hier in Betrachtung ge-zogen werden, sondern nur was sein Rathschluß zum Un-terricht des Volkes bestimmt hatte. Das findet auch bei denPropheten seine Anwendung, welche durch Weisheit vorAndern sich auszeichneten. Denn ihre Predigt, die zukünf-tige Dinge verkündet, ist noch dunkel und in Bildern ver-hüllt. Wie ausgezeichnet ferner auch ihre Erkenntniß war,
t) Mattl). tt, 1Z. 5) Jol. 2, 2. z.