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sollte, sondern da nach unserer verderbten Natur unsereEigenliebe sich auf uns selbst zu beschranken pflegt, so ver-ordnet er, daß sie eine andere Richtung nehmen sollen, sodaß wir geneigt werden, mit nicht geringerem Eifer, Freu-de und Sorgfalt die Wohlfahrt des Nächsten zu befördern,als unsere eigene.
55. Da Christus in dem Gleichniß von dem Samariterlehrt, daß unter dem Nächsten jeder, auch der uns frem-deste Mensch zu verstehen sey: so dürfen wir das Gebotder Liebe nicht auf unsere nächsten Verbindungen beschrän-ken. Ich läugne nicht, daß jemand um so mehr Ansprücheauf unsern Beistand machen darf, je näher er uns steht:denn schon das menschliche Gefühl erfordert es, daß Ver-wandte, Freunde oder Nachbarn sich gegenseitig um so meh-rere Liebesdienste erweisen, je engere Bande sie umschlin-gen; und zwar ist das ganz dem Willen Gottes gemäß, deruns in solche Verbindungen setzte. Aber dabei behaupte ich,daß unsere Liebe sich auf alle Menschen ohne Ausnahme er-strecken müsse, und daß es keinen Unterschied mache, ob esFremdlinge oder Landsleute, Würdige oder Unwürdige,Freunde oder Feinde sind, weil wir sie als in Gott, nichtals in sich selbst betrachten müssen. Verlassen wir diesenGesichtspunkt, so gerathen wir in allerlei Irrthümer. Wol-len wir also in den Erweisungen unserer Liebe den rechtenWeg nicht verfehlen: so müssen wir nicht zunächst auf denMenschen, der uns oft mehr Haß, als Liebe gegen sich ein-flößt, sondern auf Gott blicken, nach dessen Willen die Liebe,welche wir gegen ihn beweisen, über alle Menschen sich aus-breiten soll. Es ist also eine für immer gültige Regel: werund was auch der Mensch sey, er muß dennoch geliebt wer-den, weil Gott geliebt wird.
56. Darum legten die Scholastiker ihrerseits eine höchstgefährliche Unwissenheit oder Bosheit an den Tag, daß siedas Verbot der Rache und das Gebot der Feindeslicbe,welche vordem allen Juden und nachher allen Christen ge-geben wurden, für Regeln erklärten, die zu befolgen oder