Druckschrift 
Johannes Calvin, des großen Theologen Institutionen der christlichen Religion : erstes und zweites Buch
Entstehung
Seite
367
Einzelbild herunterladen
 

367

ftm Leben die nach dem Gesetze Gott schuldige Liebe niemalsbeweisen.Die Liebe sagt er ist eine Folge der Er-kenntniß, so daß Niemand Gott vollkömmlich lieben kann,wenn er nicht zuvor zur völligen Erkenntniß der Güte Got-tes gelangt ist. So lange wir Pilger der Erde sind, sehenwir durch einen Spiegel in einem dunkeln Wort; darausfolgt, daß die Liebe bei uns nicht völlig seyn könne. Es seyalso, mit Hinsicht auf die Ohnmacht unserer Natur, kei-nem Zweifel unterworfen, daß die Erfüllung des Gesetzesin diesem Fleische unmöglich ist, wie dies anderswo nochaus den Worten des Apostel Paulus bewiesen werden wird.

6. Um die ganze Sache aber noch deutlicher zu machen,will ich hier in einer bestimmten Ordnung den, meiner Mei-nung nach, dreifachen Zweck und Nutzendes Gesetzes, wel-ches man das sittliche nennt, angeben. Indem es die Ge-rechtigkeit darstellt, die allein vor Gott gilt, so erinnertes zuvörderst einen jeglichen an seine Ungerechtigkeit,überführt und vcrurtheilt ihn. So muß der von Eigenlie-be verblendete und bcthvrte Mensch zur Erkenntniß undzum Bekenntniß seiner Ohnmacht und Sündhaftigkeit ge-bracht werden, wenn nicht thörichtes Vertrauen auf seineKräfte ihn aufblähen und so lange, als er sich nach Will-kühr beurtheilt, in Unwissenheit über seine Armuth erhal-ten soll. Sobald er aber sein Vermögen mit der Strengedes Gesetzes vergleicht, führt ihn dieses zur Verminderungseiner Vermesscnhcit. Denn mag er auch von seiner Krafteine noch so hohe Meinung haben, so wird er doch baldbemerken, wie sie unter der großen Last des Gesetzes er-mattet wanket, strauchelt und fällt und endlich ganz aus-geht. Dergestalt durch des Gesetzes Zucht unterwiesen, legter den Stolz ab, der ihn früher verblendete. Eben so ister noch von einer andern Krankheit des Stolzes zu heilen.So lange er sein eigener Richter seyn darf, begnügt er sich,statt nach der Gerechtigkeit zu trachten, mit unächten Tu-gcndwerken, und trotzt mit solcher selbstgeschasscnen WerkeHeiligkeit der Gnade Gottes. Wird er aber gezwungen