Druckschrift 
Johannes Calvin, des großen Theologen Institutionen der christlichen Religion : erstes und zweites Buch
Entstehung
Seite
276
Einzelbild herunterladen
 

276

Ungereimtheit gehalten werden konnte, daß die Heiden ohneeinen vorhergehenden Urtheilsspruch verloren gehen: so setzter sogleich hinzu, daß bei ihnen das Gewissen die Stelledes Gesetzes vertrete, und daher ihre Verdammung genug-sam rechtfertige. Das Naturgesetz wurde also dem Men-schen gegeben, damit er keine Entschuldigung habe. Rechtgut kann das Naturgesetz auf folgende Weise erklärt wer-den: es sey die Erkenntniß des Gewissens, welches dasRechte vom Unrechten gehörig unterscheidet, um den Men-schen jede Gelegenheit zu entziehen, sich mit Unwissenheitzu entschuldigen, indem ihr eigenes Zeugniß gegen sie spricht.Denn so weit geht die Nachsicht des Menschen gegen sichselbst, daß er bei bösen Handlungen gern, so lange es geht,seine Seele von dem Gefühle und Bewußtseyn der Sündeabwendet. Das scheint den PlatoH zu der Behauptunggebracht zu haben, daß alle Sünde aus Unwissenheit ent-springe. Er möchte Recht haben, wenn die menschliche Heu-chelei in Verdcckung der Sünde es nur so weit bringenkönnte, daß die Seele sich nichts Böses bewußt wäre vorGott. Aber da der Sünder, indem er dem ihm eingepflanz-ten Gericht des Guten und Bösen zu entfliehen sucht, im-mer wieder dahin zurückgezogen und endlich, mag er wollenoder nicht, die Augen zu öffnen gezwungen wird: so ist esganz falsch, zu sagen, der Mensch sündige blos aus Un-wissenheit.

23. Der Wahrheit etwas näher kommt Thcmistins, wenner sagt, daß der menschliche Verstand, sobald er im Allge-meinen über eine Handlung zu urtheilen hat, sich sehr sel-ten irre; daß er aber vom Irrthum nicht frei bleibe, wenner sich weiter wagt, und auf specielle Fälle einläßt. Sowird z. B. ein jeder im Allgemeinen den Mord fürSünde halten; aber wer den Tod eines Feindes beschließt,überlegt solches wie eine gute That. Den Ehebruch über-haupt wird selbst der Ehebrecher verdammen; aber den Ehe-

1) Dialog. tzrotüAorilS.