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Johannes Calvin, des großen Theologen Institutionen der christlichen Religion : erstes und zweites Buch
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NUN einige die Erbsünde für eine Ermangelung der ursprüng-lich anerschaffcncn Gerechtigkeit: so fassen sie zwar in die-ser Erklärung alles ihr Zugehörige zusammen, aber bezeich-nen nicht genau das Wesen und die Wirkung derselben.Denn unserer Natur mangelt nicht blos alles Gute, son-dern sie ist auch an allem Bösen so fruchtbar und reich, daßsie nicht unthatig seyn kann. Nennet man die Erbsündeböse Lust: so bedient man sich zwar keines ganz fremdenWortes; aber man sollte nur hinzusetzen was die We-nigsten freilich zugeben wollen daß Alles in und an demMenschen, Vernunft und Wille, Seele und Leib, von die-ser Lust voll und befleckt, oder, um es in wenig Wortenzu sagen, daß der ganze Mensch an sich nichts weiter, alseitel böse Lust sey.

9. Deßhalb sagte ich, daß die Sünde alle Theile derSeele in Besitz genommen Habs, seit Adam sich von demQuell der Gerechtigkeit entfernte. Denn nicht etwa nurvon der sinnlichen Begierde ließ er sich hinreißen, sondernschändliche Gottlosigkeit bemächtigte sich seiner Seele, undder Stolz drang bis in sein innerstes Herz; so daß es ab-geschmackt und thöricht ist, das daher entstandene Verder-ben blos auf die sinnlichen Triebe zu beschränken, oder eseinen Zunder zn nennen, der blos einen Theil, welcher ih-nen Sinnlichkeit heißt, reize und fortziehe. Das Ungereimt^in dieser Vorstellung hat schon Petrus Lombardus9aufgedeckt, der den Sitz der Erbsünde, mit dem ApostelPaulus °), im Fleische findet, nicht als wenn sie bloshier anzutreffen wäre, sondern weil sie im Fleische beson-ders sichtbar wird. Als ob Paulus nur eilten Theil derSeele meine, und nicht vielmehr die ganze menschliche Na-tur, welche der göttlichen Gnade entgegengesetzt wird. Auchhebt Paulus jeden Zweifel, wenn er sagt, daß die Sündesich nicht in einem Theile nur befinde, sondern daß nichtsim Menschen rein und frei von der tödtlichen Seuche sey.

1) Nämlich: lid, 2 Sönwntinl'Um, iliLtinct. Zl. 2) Rom. 7, 14.