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Johannes Calvin, des großen Theologen Institutionen der christlichen Religion : erstes und zweites Buch
Entstehung
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denkt man sehr verschieden. Wer dem Urtheile des Fleischesfolgt, glaubt sich alsdann recht erforscht zu haben, wenner, im kühnen Vertrauen auf seine Einsicht und Kraft, demDienste der Tugend sich widmet, und, in einen Kampf wi-der das Laster tretend, ernstlich zu dem anstrebt, was rechtund gut ist. Wer sich aber nach dem Richtmaaß des gött-lichen Urtheils durchschauet und prüft, findet hei sich nichts,was ihm Selbstvertrauen einflößt, und je tiefer er in sichblickt, desto demüthiger wird er, bis er endlich, allemSelbstvertrauen entsagend, sich jede Fähigkeit zu einem got-tcswürdigen Wandel abspricht. Jedoch ist es nicht GottesWille, daß wir der ursprünglichen Würde, die er unseremStammvater Adam verliehen hatte, gar nicht gedenken sol-len; vielmehr soll der Gedanke daran uns ein Antrieb wer-den, nach der Gerechtigkeit und Heiligkeit zu trachten. Dennunmöglich können wir auf unsere ursprüngliche Reinheitund auf den Endzweck Hinblicken, wozu wir geschaffen sind,ohne von einem Verlangen nach dem ewigen Leben und nachdem Reiche Gottes durchdrungen zu werden. Diese Rück-erinnerung führt uns aber nicht zum Stolze, sondern zurwahren Demuth. Denn die anerschaffenc Unschuld und Rein-heit haben wir verloren, von dem Zweck unserer Schöpfunguns abgewendet, so daß wir über unser Elend seufzen, undnach der Verlornen göttlichen Würde uns zurücksehnen müs-sen. Wenn ich aber sage, daß der Mensch durchaus nichtauf das schauen solle, was ihn stolz machen könne; so mei-ne ich, es sey nichts an ihm, worauf er stolz seyn dürfe.Die dem Menschen so nöthige Selbstkenntniß besteht also ausfolgenden zwei Theilen. Zuvörderst hat er den Zweck zu erwä-gen, wozu, und die ausgezeichneten Vorzüge, mit denen er er-schaffen ist. Das erweckt ihn zur Verehrung Gottes und zumTrachten nach dem zukünftigen Leben. Alsdann gedenke er sei-nes Vermögens oder vielmehr seines Unvermögens und seinerArmuth. Ist er damit bekannt, so steht er wie vernichtet da, vollUnruhe und Bestürzung. Die erste Untersuchung betrifft alsodes Menschen Bestimmung, die zweite beschäftigt sich mit