Druckschrift 
Johannes Calvin, des großen Theologen Institutionen der christlichen Religion : erstes und zweites Buch
Entstehung
Seite
229
Einzelbild herunterladen
 

2W

haftigkcit. Dezin gar leicht läßt sich der Mensch durchSchmeicheleien einnehmen, und wer seinen Werth erhebt,dem giebt er allzu leichtgläubig Gehör. Um so wenigerdarf man sich also wundern, daß auch hierbei die meistenMenschen zu ihrem großen Nachtheil sich verirrt haben. Dieangeborene Selbstliebe verblendet den Sterblichen so sehr,daß er sich nicht selten dem Wahne ergiebt, als fände sichan ihm gar nichts Mißfälliges, und als könne er ohne frem-de Hülfe, durch sich allein fromm leben und selig werden.Sollten auch Einige, demüthigern Sinnes, sich nicht Allesanmaßen, sondern Einiges einräumen : so theilen sie dochso, daß ihnen der größere Theil des Ruhms und Selbst-vertrauens bleibt. Kommen nun noch dazu solche Reden,die ihren lüsternen, mit ihrem innersten Mark verwachse-nen Stolz kitzeln, so finden diese sogleich ihren ganzen Bei-fall. Wie nun ein jeglicher gern die Vortrcfflichkeit dermenschlichen Natur erhebt, so ist ihr fast in allen Zeitendas Wort geredet worden. Aber was man auch zu ihremLobe sagen, und wie sehr man den Menschen auf sich selbstverweisen mages werden Alle, die solche, das Ohr ergötzendeRede, beifällig aufnehmen, Hintergangene und gerathen inVerderben und Unheil. Denn wohin kann es führen, wennwir in citelem Selbstvertrauen, was wir für das Zweck-mäßigste halten, berathen, beginnen, versuchen und unter-nehmen, dabei aber gesunder Erkenntniß und wahrer Tu-gend beim ersten Beginnen crmangeln, und so in Sicherheitfortfahren, bis wir ins Verderben stürzen? Aber dahin mußes mit denen kommen, welche meinen, durch ihre eigene Kraftalles zu vermögen. Wer also solchen Lehrern Gehör giebt,die uns nur mit Betrachtung unserer Vorzüge beschäfti-gen, kommt in der Selbstkenntniß nicht weiter, sonderngcräth in die gefährlichste Unwissenheit.

3. Die göttliche Wahrheit stimmt zwar darin mit derMeinung aller Menschen übercin, daß das zweite Stück derWeisheit in der Erkenntniß unsrer selbst bestehe; aber überdi? Art, wie man zur wahren, Sclbstcrkcnntniß gelange.