Druckschrift 
Johannes Calvin, des großen Theologen Institutionen der christlichen Religion : erstes und zweites Buch
Entstehung
Seite
173
Einzelbild herunterladen
 

171

nehmen wir nur an, daß keine Kraft in der Seele sich finde,die nicht mit Fug auf eins jener beiden Glieder bezogen wer-den könne. Und aus diese Weise begreifen wir das Sinnes-vermögen unter dem Verstand; wogegen Andere den Sinnendie Neigung zum Vergnügen, dem Erkenntnißvermögcn dasStreben zum Guten beilegen, also daß die Regung des Sin-nes zur Lust und Begierde werde, die Thätigkeit des Verstan-des aber Wille. Ebenso bediene ich mich statt des WortesBegehrungsvermögcn, welches jene vorziehen, der gebräuchli-chern Benennung des Willens.

8. Also hat Gott die Seele des Menschen mit dem Verstän-de begabt, um Gutes vom Bösen, Recht von Unrecht zu unter-scheiden , und durch das Licht der Vernunft zu sehen, was er zuwählen und zu verwerfen habe. Diesem hat er den Willenzugesellt, welchem die Wahl zusteht. Mit diesen herrrlichenVorzügen war des Menschen ursprünglicher Zustand geschmückt,so daß seine Vernunft, Einsicht, Klugheit und Urtheilskrast nichtnur zur Leituni; des irdischen Lebens hinreichten, sondern auchzu Gott und zum ewigen Heil ihn erhoben. Dazu kam die Wil-lenskraft, die Begierden zu leiten und alle organischen Triebezu beherrschen, also daß der Wille der Leitung der Verminstvöllig entspräche. In diesem nnverderbten Stande besaß derMensch freie Willkühr, wodurch er, wenn er wollte, das ewi-ge Leben erlangen konnte. Hier würde die Frage über dieverborgene Vorherbestimmung Gottes zur Unzeit angebrachtwerden, weil nicht davon die Rede ist, was geschehen konnteoder nicht, sondern welches die Natur des Menschen gewesen.Adam also konnte stehen, wenn er wollte, da er blos durcheigenen Willen fiel; weil w er sein Wille zu beiderlei Seitensich neigen konnte, und ihm die Standhastigkeit zum Behar-ren nicht gegeben war, deßhalb fiel er so leicht. Frei warjedoch die Wahl des Guten und Bösen, und nicht mir dies,sondern auch in Verstand und Willen völlige Nechtschasscnheitund alle organischen Theile zum besten Verhältnisse geordnet,als er, sich selbst verderbend, seine Vorzüge verlor. Daherdie Finsterniß, welche die Philosophen umgab, indem sie in