betrage. Denn die Frage, warum Gott solches so lange ver-schoben habe, geziemt und frommet uns nicht; unser Verstand,so er versuchte bis dahin zu dringen, würde hundertmal aufdem Wege ermatten, und es würde nicht nütze seyn, zu er-kennen, was Gott selbst, um die Demuth unsres Glaubenszu prüfen/ absichtlich uns habe verbergen wollen. Klüglichgab jeuer Greis einem Frechen, der ihn spottend fragte, wasdenn Gott vor Schöpfung der Welt gemacht hatte, zur Ant-wort, er habe für die Vorwitzigen die Hölle gebant. Dieseeben so sinnreiche als ernste Mahnung mag den Leichtsinn zäh-men, der viele kitzelt und zu verkchnen und verderblichen Grü-beleien antreibt. Ferner haben wir zu bedenken, daß der un-sichtbare Gott, dessen Weisheit, Kraft und Gerechtigkeit un-begreiflich ist, uns Moses Geschichte als einen Spiegel vor-halte, aus welchem sein lebendiges Bild uns eutgcgcustrahlt.Denn so wie durch Alter verdunkelte oder durch Krankheitabgestumpfte Augen ohne Hülse der Brillen nicht deutlich se-hen; so vermögen auch wir Schwache nicht das mindestevon Gott zu erforschen, wenn uns die Schrift nicht leitet.Die aber ihrem frechen Gelüste nachgeben und jetzt die War-nung vcrchmähcn, werden in schrecklichem Untergange erfah-ren, wie viel besser es gewesen wäre, die geheimen Rath-schlüssc Gottes mit Demuth zu verehren, als Blasphemienanszustosscn, womit sie den Himmel verfinstern möchten. Mitrecht klagt Augustinus l «Gottwicdcrfahrc eine Beleidigung, woein höherer Grund, als sein Wille,. gefordert werde.» An-derswo bemerkt derselbe, daß man gleich unrecht über dieUncrmcßlichkeit der Zeiten, als der Räume forsche. Gewiß,wie weit auch der Umfang des Himmels sich ausdehne, sogiebt es doch irgend eine Ermessung. Wollte nun jemand mitGott darüber rechten, daß eine hundertfache Leere übrigsey, wäre das nicht eine allen Frommen abscheuliche Keckheit?Eben so toll sind diejenigen, die es Gott zum Vorwurf ma-chen , daß er nach ihrem Gutftnden die Welt nicht vor unzäh-ligen Zeitaltern geschaffen habe. Um ihrer Lüsternheit zu fröh-nen, streben sie über die Gränzen der Welt hinauszugehen;
Druckschrift
Johannes Calvin, des großen Theologen Institutionen der christlichen Religion : erstes und zweites Buch
Seite
135
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