Predigt am sechs und zwanzigsten Sonntage nach Trinitatis. 205
weder Teufel noch Tod sie werden nimmermehr rühren noch an-fechten können.
Da wird er denn das Urtheil sprechen, welches er allbereithiermit gefasset und gestellet, wie es lauten soll, und gewißlichnicht wird geändert werden. Und lautet ja wunderbarlich, daßer es eben darauf stellet, und zum Grund und Urfach desselbensetzet, daß sie diese Wercke (so er hier erzahlet,) gethan, oder nichtgethan haben, zc. Und machet eine lange Entschuldigung, beydederen, so sie gethan, und nicht gethan haben, ?c. welches doch al-les in einem Augenblick wird geschehen; denn da werden allerMenschen Hertzen vor allen Creaturen offen stehen, und wie eshier geprediget wird, so wird es dort so bald alles ausgerich-tet seyn.
Nun möchte man fragen, warum Christus eben dieselbenWercke allein werde anziehen, so man Heisset die Wercke derBarmhertzigkeit, oder dagegen der Unbarmhertzigkeit? (derer manaus diesem Text hat sechserlei) gezahlet, wiewol ihr dergleichenviel mehr mögen genennet werden;) welche doch, wenn man sollsubtil davon urtheilen, nicht mehr denn des einigen fünften Ge-bots Wercke sind: Du sollt nicht tödten; in welchem insgemeingeboten wird, wie es Christus selbst ausleget, daß man nicht zür-nen soll mit dem Nächsten, sondern ihm freundlich, dienstlich,hülflich seyn, und Gutes thun, wo ers bedarf, in Hunger, Durst,Blösse, Elend, Gefangniß, Kranckheit oder andern Nöthen, auchdenen, die da haben Ursach gegeben zu Zorn oder Unbarmhertzig-keit, und scheinen der Liebe und Wohlthat nicht Werth zu seyn.Denn das ist eine schlechte Tugend, daß man denen Gutes thut,die man sonst lieb hat, oder wiederum von ihnen Wohlthat undDanckbarkeit hoffet. Man möchte aber, wie gesagt, zu solchenWercken der Barmhertzigkeit auch wol vielmehr aus den andernGeboten rechnen; als aus dem sechssten, daß einer dem andernhelfe sein Weib, Kind, Gesinde bey Zucht und Ehren behalten;item, aus dem siebenten, achten und letzten, des Nächsten Gutund Habe, Haus, Hof, gut Gerüchte helfen retten und erhalten,item, die Armen, Verdrückten, Bewältigten schützen und Bey-stand thun :c.
Nun spricht ja Christus Matth. 12, 36: daß die Menschennicht allein davon, daß sie diese Gebote übertreten, sondern auchvon einem jeden unnützen Worte, so sie geredet haben, werdenmüssen Rechenschaft geben. Item, wo bleiben die Wercke derersten Tafel und höchsten Gebote, als, recht lehren, gläuben, be-