32 Predigt am ersten Sonntage nach Epiphania.
halten müssen, daß ihm Gott gesagt.- Er sollte ihm gnügen las-sen an seiner Gnade, und durch dieselbe in. Schwachheit über-winden. Darum ist solche Versuchung den Heiligen ja so nochund nöthiger, denn Essen und Trincken, daß sie in Furcht undDemuth bleiben, und lernen allein sich zu Gottes Gnaden halten.Zum andern laßt ihnen Gott solches widerfahren andern zumExempel, beyde, die Sichern zu schrecken, und die Blöden, Er-schrockenen zu trösten. Die Ruchlosen und Unbußsertigen mögensich hierinn spiegeln, daß sie lernen sich bessern und vor Sündenhüten, weil sie sehen, wie Gott auch mit den Heiligen also han-delt, daß sie in solche Angst kommen, daß sie nichts denn Zornund Ungnade fühlen, und in solch Schrecken fallen, als hattensie die schwereste Sunde begangen, die je ein Mensch möchte ge-than haben. Wie allhier die Mutter Ehristi mit solchem schwe-ren Gewissen bis in den dritten Tag muß kämpften, welches siebeschuldigt, als habe sie Gott seinen lieben Sohn verloren, der-gleichen Sünden niemand auf Erden gethan, und also nun nichts,denn den Höchsten zu fürchten habe-, und ist doch wahrhaftig nichtsolche Sünde, und kein Zorn noch Ungnade da. So nun diefrommen Hertzen solch schwer und schier unerträglich Schreckenund Angst überfället, was will denn werden mit den andern, diein rechten Sünden ruchlos und sicher liegen und beharren, undGottes Zorn nur wol verdienen und sammlen? Wie wollen diebestehen, wenn sie einmal plötzlich eine Angst treffen wird, wieihnen alle Stunden wol widerfahren kann? Wiederum sollen solcheExempel dienen, die erschrockenen und geangsteten Gewissen zutrösten, wenn sie sehen, daß Gott nicht allein sie, sondern auchdie höchsten Heiligen also hat angegriffen, und eben solche An-fechtung und Schrecken leiden lassen. Denn so wir in der Schriftkein Exempel hatten, daß es den Heiligen auch also gegangenwäre, so könnten wir es nicht ertragen, und würde das blödcGewissen immer also klagen: Ja, ich bin es allein, der in solchemLeiden steckt. Wenn hat Gott die Frommen und Heiligen alsrversuchen lassen? Darum muß es ein Zeichen sepn, daß mich Gottnicht haben will. Nun wir aber sehen und hören, daß Gott mitallen hohen Heiligen also gehandelt und seiner eigenen Mutternicht verschonet: so haben wir daran diese Lehre und Tröstung,daß wir in solchem Leiden nicht verzagen, sondern stille haltenund warten, bis er uns heraus hilft, wie er denn allen liebenHeiligen geholfen hat. Zum dritten kommt nun die rechte Ur-sach, warum Gott fürnemlich solches thut, nemlich, daß er seine