Predigt am ersten Sonntage nach Epiphama. 27
andere, keinen mehr hat, noch haben kann; der allein ihr Sohn,und sie allein Mutter ist, ohn einigen natürlichen Vater, ja derwahrhaftige eingeborne Sohn Gottes ist, und ihr von Gott son-derlich befohlen und vertrauet, daß sie, als die Mutter, mit allemFleiß sein warten, pflegen und auf ihn sehen sollte. Denselbenhat sie bisher, nicht ohne große Mühe und Sorge, erzogen undschwerlich unter Fremden und Feinden vertheidiget, daß er einwenig erwachsen ist, und nun ihre höchste Freude und Trost anihm haben soll, und soll ihn nun plötzlich verlieren, da sie mey-net, sie habe ihn am gewissesten, und dürfe nun der Sorge nicht,wie zuvor; und also verloren, nicht eine oder zwo Stunden,nicht einen Tag und Nacht, sondern gantzer drey Tage, daß sienicht anders kann dencken, denn sie habe ihn endlich und ewigverloren. Wer kann hier sagen oder dencken, wie ihr mütterlichHertz darüber geangstet und betrübet sey die drey gantze Tagelang, daß es Wunder gewest, daß sie hat in solchem Hertzeleidleben können. Nun ist solche Betrübniß und Leiden nicht also,daß sie es müsse tragen, als das ihr ohngefehr und ohne ihreSchuld widerfahren, sondern schlagt auch dazu ihr eigen Gewissen,daß sie muß dencken, wie Gott ihr das Kind befohlen hat, undniemand, denn sie, dafür antworten muß, und solche Stürmedaher platzen und donnern in ihr Hertz: Siehe, das Kind hast duverloren, das ist niemand denn deine eigene Schuld; denn dusolltest auf ihn warten und sehen, und keinen Augenblick von dirkommen lassen. Was willst du nun vor Gott sagen, daß dusein nicht besser gewartet hast? Das hast du mit deinen Sündenverdienet, und bist nun nicht Werth, daß du solltest seine Mutterseyn; ja du hast verdienet, daß er dich vor allen Menschen ver-damme, weil er dir so grosse Ehre und Gnade gethan, daß erdich ihm zur Mutter hat erwählet. Sollte ihr hier das Hertzenicht entfallen, und vor Aengsten verschmachten von beiden Thei-len? Eines, daß sie den Sohn verloren hat, und kann ihn nichtwieder finden; das andere, welches erst das Harteste ist, so andernMüttern nicht widerfahren und diß Leiden am schwersten machet,daß sie sich muß entsetzen vor Gott, welcher dieses Kindes einigerrechter Vater ist, und muß dencken, er wolle sie nicht langer zurMutter haben und wissen, und also in ihrem eigenen Hertzenelender und betrübter ist, denn kein Weib auf Erden. Und istjetzt in gleicher Sünde, wie sie es in ibrem Hertzen fühlet, wieunsere erste Mutter Heva, welche das gantze menschliche Geschlechtin das Verderben gebracht hat. Denn was sind alle Sünden