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6 (1898) Englische Fragmente Reisebilder : 2
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136 Reiscbildcr II.

andern umbringen zu lassen, nur allerwenigsten sollten Christen einTodesurteil fällen, da sie doch daran denken sollten, daß der Stifterihrer Religion, unser Herr und Heiland, unschuldig verurteilt und hin-gerichtet worden!"Ei was," rief wieder die dünne Dame, und lächeltemit ihren dünnen Lippen,wenn so ein Fälscher nicht gehenkt würde,wäre ja kein reicher Mann seines Vermögens sicher, z. B. der dickeJude in Lombard Street, Saint Swinthins Lane, oder unser FreundHerr Scott, dessen Handschrift so täuschend nachgemacht worden. UndHerr Scott hat doch sein Vermögen so sauer erworben, und mansagt sogar, er sei dadurch reich geworden, daß er für Geld die Krank-heiten anderer auf sich nahm, ja die Kinder laufen ihm jetzt nochauf der Straße nach, und rufen: Ich gebe dir einen Sixpence, wenndu mir mein Zahnweh abnimmst, wir geben dir einen Shilling,wenn du Gottfriedchens Buckel nehmen willst"Kurios!" fiel ihrdie dicke Dame in die Rede,es ist doch kurios, daß der schwarzeWilliam und der Thomson frnherhin die besten Spießgesellen gewesensind, und zusammen gewohnt und gegessen und getrunken haben, undjetzt Edward Thomson seinen alten Freund der Fälschung anklagt!Warum ist aber die Schwester von Thomson nicht hier, da sie dochsonst ihrem süßen William überall nachgelaufen?" Ein junges schönesFrauenzimmer, über dessen holdem Gesicht eine dunkle Betrübnisverbreitet lag, wie ein schwarzer Flor über einem blühenden Rosen-strauch, flüsterte jetzt eine ganz lange, verweinte Geschichte, wovon ichnur so viel verstand, daß ihre Freundin, die schöne Mary, von ihremBruder gar bitterlich geschlagen worden und todkrank zu Bette liege.Nennt sie doch nicht die schöne Mary!" brummte verdrießlich diedicke Dame;viel zu mager, sie ist viel zu mager, als daß man sieschön nennen könnte, und wenn gar ihr William gehenkt wird"

In diesem Augenblick erschienen die'Männer der Jury underklärten, daß der Angeklagte der Fälschung schuldig sei. Als manhierauf den schwarzen William aus dem Saale fortführte, warf ereinen langen, langen Blick ans Edward Thomson.

Nach einer Sage des Morgenlandes war Satan einst ein Engelund lebte im Himmel mit den andern Engeln, bis er diese zumAbfall verleiten wollte, und deshalb von der Gottheit hinunter-gestoßen wurde in die ewige Nacht der Hölle. Während er aber vomHimmel hinabsank, schaute er immer noch in die Höhe, immer nachdem Engel, der ihn angeklagt hatte; je tiefer er sank, desto entsetz-licher und immer entsetzlicher wurde sein Blick. Und es muß einschlimmer Blick gewesen sein; denn jener Engel, den er traf, wurdebleich, niemals trat wieder Röte in seine Wangen, und er heißt seitdemder Engel deS Todes.

Bleich wie der Engel des Todes wurde Edward Thomson.