Heinrich Heines sämtliche Werke in zwölf Bänden. Mit einer Biographie von Dr. G. RelrpLleS. Kechsker lKand. Inhalt: Reisebilder II. — Englische Fragmente. Leipzig. Verlag von Gustav Fock, Inhalt Zicisevil'der. II. Italien. I. Reise von München nach Genua z II. Die Bäder von Lucca N HI. Die Stadt Lucca 124 Spätere Nachschrift Schlupwort Der Thee (Humoreske) igg Englische Araiyiiente. Vorwort zur ersten Auflage I. Gespräch auf der Themse H. London 17^ m. Die Engländer IM IV. John Bull VI. Old Bailey Igi VII. Körperliche Strafe in England Vin. Das neue Ministerium igg IX. Die Schuld Mg X. Die Oppositionsparteien Mg XI. Die Emancipation der Katholiken XU. Wellington XIH. Die Befreiung 2gg - Italien. (1828—1829.) Hcifis auch und Ulrich Hütten Mußten ganz bestimmt sich rüsten Wider braun' und blaue Kutten, Meine gehn wie andre Christen. Goethe. I. Reise von München nach Genna. Ein edles Gemüt kommt nie in eure Rechnung: u nd daran scheitert heute eure Weisheit. (Er öffnet seineu Schreibtisch, nimmt zwei Pistolen heraus, wovon er das eine auf den Tisch legt und das andere ladet.) Roberts „Macht der Verhältnisse". Knpitcl l. Ich bin der höflichste Mensch von der Welt. Ich thue mir waS darauf zu gute, niemals grab gewesen zu sein auf dieser Erde, Iva es so viele unerträgliche Schlingel giebt, die sich zu einem hinsetzen und ihre Leiden erzählen oder gar ihre Verse deklamieren; mit wahrhaft christlicher Geduld habe ich immer solche Misere ruhig angehört, ohne nur durch eine Miene zu verraten, wie sehr sich meine Seele ennuyierte. Gleich einem büßenden Brahminen, der seinen Leib dem Ungeziefer prcisgiebt, damit auch diese Gottesgeschöpfe sich sättigen, habe ich dem fatalsten Menschengeschmciß oft tagelang stand gehalten und ruhig zugehört, und meine inneren Seufzer vernahm nur Er, der die Tugend belohnt. Aber auch die Lebensweisheit gebietet uns, höflich zu sein, und nicht verdrießlich zu schweigen, oder gar Verdrießliches zu erwidern, wenn irgend ein schwammiger Kommerzienrnt vder dürrer Käsekrämer sich zu uns setzt, und ein allgemein europäisches Gespräch anfängt mit den Worten: „Es ist heute eine schöne Witterung." Man kann nicht wissen, wie man mit einem solchen Philister wieder zusammentrifft, und er kann es uns dann bitter eintränken, daß wir nicht höflich geantwortet: „Die Witterung ist sehr schön." Es kann sich sogar fügen, lieber Leser, daß du zu Kassel an der Table d'hvte neben 6 Neisebilder II. besagten! Philister zu sitzen kommst, und zwar an seine linke Seite, nnd er ist just der Mann, der die Schüssel mit braunen Karpfen vor sich stehen hat und lustig austeilt; — hat er nun eine alte Pike auf dich, dann reicht er die Teller immer rechts herum, so daß auch nicht das kleinste Schwauzstiickcheu für dich übrig bleibt. Denn ach! du bist just der dreizehnte bei Tisch, welches immer bedenklich ist, wenn man links neben dem Trancheur sitzt, und die Teller rechts herumgereicht werden, lind keine Karpfen bekommen ist ein großes Übel; nächst dem Verlust der Nationalkokarde vielleicht das größte. Der Philister, der dir dieses Übel bereitet, verhöhnt dich noch obendrein, und offeriert dir die Lorbeeren, die in der braunen Sauce liegen geblieben; — ach, was helfen einem alle Lorbeeren, wenn keine Karpfen dabei sind! — und der Philister blinzelt dann mit den Äuglein, und kichert und lispelt: Es ist heute eine schöne Witterung. Ach, liebe Seele, es kann sich sogar fügen, daß du auf irgend einem Kirchhofe neben diesen! selben Philister zu liegen kommst, und hörst du dann am jüngsten Tage die Posaune erschallen und sagst zu deinem Nachbar: „Guter Freund, reichen Sie mir gefälligst die Hand, damit ich aufstehen kann, das linke Bein ist mir eingeschlafen von dem verdammt langen Liegen!" dann bemerkst du plötzlich daS wohlbekannte Philisterlächeln, und hörst die höhnische Stimme: Es ist heute eine schöne Witterung. Kapitel Ii. „Es ist heute eine scheeue Witterung —" Hättest du, lieber Leser, den Ton gehört, den unübertrefflichen Fistclbaß, womit diese Worte gesprochen wurden, und sähest du gar den Sprecher selbst, das erzprosaische Witwenkassengcsicht, die stockgescheiten Äuglein, die aufgestülpt Pfiffige ForschungSnase: so erkanntest du gleich, diese Blume ist keinen! gewöhnlichen Sande entsprossen, und diese Töne sind die Sprache CharlottenburgS, wo man das Berlinische noch besser spricht als in Berlin selbst. Ich bin der höflichste Mensch von der Welt, und esse gern braune Karpfen, und glaube zuweilen an Auferstehung, nnd ich antwortete: In der That, die Witterung ist sehr schcenc. Als der Sohn der Spree dermaßen geentert, ging er erst recht derb auf mich ein, und ich konnte mich nimmermehr losreißen von seinen Fragen und Selbstbeantwortungen, und absonderlich von seinen Parallelen zwischen Berlin und München, dem neuen Athen, dem er kein gutes Haar ließ. Ich aber nahm das neue Athen sehr in Schutz, wie ich denn immer den Ort zu loben Pflege, wo ich mich eben befinde. Daß solches diesmal auf Kosten Berlins geschah, das wirst du mir gern verzeihen, lieber Leser, wenn ich dir unter der Hand gestehe, der- Reise von München nach Genua. 7 gleichen geschieht zumeist aus purer Politik; denn ich weiß, sobald ich anfange, meine guten Berliner zu loben, so hat mein Ruhm bei ihnen ein Ende, und sie zucken die Achsel und flüstern einander zu: Der Mensch wird sehr leicht, uns sogar lobt er. Keine Stadt hat nämlich weniger Lokalpatriotismus als Verlin. Tausend miserable Schriftsteller haben Berlin schon in Prosa und Versen gefeiert, und es hat in Berlin kein Hahn danach gekräht, und kein Huhn ist ihnen dafür gekocht worden, und man hat sie unter den Linden immer noch für miserable Poeten gehalten, nach wie vor. Dagegen hat mau ebensowenig Notiz davon genommen, wenn irgend ein Ilster- Poet etwa in Parabasen auf Berlin losschalt. Wage es aber mal jemand gegen Pöllwitz, Innsbruck, Schilda, Posen, Krahwinkel und andere Hauptstädte etwas Anzügliches zu schreiben! Wie würde sich der respektive Patriotismus dort regen! Der Grund davon ist! Berlin ist gar keine Stadt, sondern Berlin giebt bloß den Ort dazu her, wo sich eine Menge Menschen, und zwar darunter viele Menschen von Geist, versammeln, denen der Ort ganz gleichgültig ist; diese bilden das geistige Berlin. Der durchreisende Fremde sieht nur die langgestreckten, uniformen Häuser, die langen breiten Straßen, die nach der Schnur und meistens nach dein Eigenwillen eines einzelnen gebaut sind, und keine Kunde geben von der Denkweise der Menge. Nur Sonntagskinder vermögen etwas von der Privatgesinnung der Einwohner zu erraten, wenn sie die langen Häuserreihen betrachten, die sich, wie die Menschen selbst, voneinander fern zu halten streben, erstarrend im gegenseitigen Groll. Nur einmal in einer Mondnacht, als ich etwas spät von Lutter und Wcgener heimkehrte, sah ich, wie jene harte Stimmung sich in milde Wehmut aufgelöst hatte, wie die Häuser, die einander so feindlich gegenüber gestanden, sich gerührt baufällig christlich anblickten, und sich versöhnt in die Arme stürzen wollten, so daß ich armer Mensch, der in der Mitte der Straße ging, zerquetscht zu werden fürchtete. Manche werden diese Furcht lächerlich finden, und auch ich lächelte darüber, als ich nüchternen Blicks den andern Morgen durch eben jene Straße wanderte, und sich die Häuser wieder so prosaisch entgegen gähnten. Es sind wahrlich mehrere Flaschen Poesie dazu nötig, wenn man in Berlin etwas anderes sehen will als tote Häuser und Berliner. Hier ist es schwer, Geister zu sehen. Die Stadt enthält so wenig Nltertümlichkeit, und ist so neu; und doch ist dieses Nene schon so alt, so welk und abgestorben. Denn sie ist größtenteils, wie gesagt, nicht aus der Gesinnung der Masse, sondern einzelner entstanden. Der große Fritz ist wohl unter diesen wenigen der Vorzüglichste; was er vorfand, war nur feste Unterlage, erst von ihm erhielt die Stadt ihren eigentlichen Charakter, und wäre seit seinem Tode nichts mehr daran gebaut worden, so bliebe sie ein historische? Denkmal von dem 8 Reisebilber II, Geiste jenes prosaisch wundersamen Helden, der die raffinierte Geschmacklosigkeit und blühende Verstandesfreiheit, das Seichte und daS Tüchtige seiner Zeit, recht deutsch-tapfer in sich ausgebildet hatte. Potsdam z. B, erscheint uns als ein solches Denkmal, durch seine öden Straßen wandern wir wie durch die hinterlassenen Schriftwerke des Philosophen von Sanssouci, es gehört zu dessen osnvrsL post- Irumss, und obgleich es jetzt nur steinerne Makulatur ist und des Lächerlichen genug enthält, so betrachten wir es doch mit ernstem Interesse, und unterdrücken hie und da eine aufsteigende Lachlust, als fürchteten wir, plötzlich einen Schlag auf den Rücken zu bekommen, wie von dem spanischen Röhrchen des alten Fritz. Solche Furcht aber befällt uns nimmermehr in Berlin, da fühlen nur, daß der alte Fritz und sein spanisches Röhrchcn keine Macht mehr üben; denn sonst würde aus den alten, aufgeklärten Fenstern der gesunden Vernunftstadt nicht so manch krankes Obskürantengesicht herausglotzen, und so manch dummes, abergläubisches Gebäude würde sich nicht unter die alten skeptisch philosophischen Häuser eingesicdelt haben. Ich null nicht mißverstanden sein, und bemerke ausdrücklich, ich stichele hier keineswegs auf die neue Wcrdcrsche Kirche, jenen gotischen Dom in verjüngtem Maßstäbe, der uns aus Ironie zwischen die modernen Gebäude hingestellt ist, um allegorisch zu zeigen, wie läppisch und albern es erscheinen würde, wenn man alte, längst untergegangene Institutionen des Mittelalters wieder neu aufrichten wollte unter den neuen Bildungen einer neuen Zeit. Das oben Angedeutete gilt bloß von Berlins äußerlicher Erscheinung, und wollte man in dieser Beziehung München damit vergleichen, so könnte man mit Recht behaupten, letzteres bilde ganz den Gegensatz von Berlin. München nämlich ist eine Stadt, gebaut von dem Volke selbst, und zwar von aufeinander folgenden Generationen, deren Geist noch immer in ihren Bauwerken sichtbar, so daß man dort, wie in der Hcxenscenc des Macbeth, eine chronologische Geistcr- reihe erblickt, von dem dunkelroten Geiste des Mittelalters, der geharnischt aus gotischen Kirchenpfvrten hervortritt, bis auf den gebildet lichten Geist unserer eigenen Zeit, der uns einen Spiegel entgegen hält, worin jeder sich selbst mit Vergnügen anschaut. In dieser Reihenfolge liegt eben das Versöhnende; das Barbarische empört uns nicht mehr, und das Abgeschmackte verletzt uns nicht mehr, wenn wir es als Anfänge und notwendige Übergänge betrachten. Wir sind ernst, aber nicht unmutig bei dem Anblick des barbarischen Doms, der sich noch immer in stiefelknechtlicher Gestalt über die ganze Stadt erhebt und die Schatten und Gespenster des Mittelalters in seinem Schöße verbirgt. Mit ebensowenig Unmut, ja sogar mit spaßhafter Rührung betrachten wir die haarbenteligen Schlösser der späteren Periode, die plump deutschen Nachäffungen der glatt französischen Reise von München nach Genna. Unnatur, die Prachtgebttude der Abgeschmacktheit, toll schnörkelhaft von außen, von innen noch putziger dekoriert mit schreiend bunten Allegorien, vergoldeten Arabesken, Stuccatureu, und jenen Schildc- rcien, worauf die seligen hohen Herrschaften abkonterfeit sind: die Kavaliere mit roten, betrunken nüchternen Gesichtern, worüber die Allongeperückcn wie gepuderte Löwenmähnen herabhängen, die Damen mit steifem Toupet, stählernem Korsett, daS ihr Herz zusammen schnürte, und ungeheurem Rcifrock, der ihnen desto mehr Prosaische Ausdehnung gewährte. Wie gesagt, dieser Anblick verstimmt uns nicht, er trägt vielmehr dazu bei, uns die Gegenwart und ihren lichten Wert recht lebhaft fühlen zu lassen, und wenn wir die neuen Werke betrachten, die sich neben den alten erheben, so ist's, als würde »nS eine schwere Perücke vom Haupte genommen und das Herz bc freit von stählerner Fessel. Ich spreche hier von den heiteren Kunst tcmpcln und edlen Palästen, die in kühner Fülle hcrvorblühcn aus dem Geiste Klcnzes, des großen Meisters. Kapitel m. Daß man aber die ganze Stadt ein neues Athen nennt, ist, unter uns gesagt, etwas ridikiil, und es kostet mich viele Mühe, wenn ich sie in solcher Qualität vertreten soll. Dieses empfand ich aufs tiefste in dein Zwiegespräch mit dem Berliner Philister, der, obgleich er schon eine Weile mit mir gesprochen hatte, unhöflich genug war, alles attische Salz im neuen Athen zu vermissen. Des, rief er ziemlich laut, giebt es nur in Berlin. Da nur ist Witz und Ironie. Hier giebt es gutes Weißbier, aber wahrhaftig keine Ironie. Ironie haben wir nicht — rief Nannerl, die schlanke Kellnerin, die in diesem Augenblicke vorbeisprang — aber jedeS andere Bier können Sie doch haben. Daß Nannerl die Ironie für eine Sorte Bier gehalten, vielleicht für das beste Stettiner, war mir sehr leid, und damit sie sich in der Folge wenigstens keine solche Blöße mehr gäbe, begann ich folgendermaßen zu dociercn: Schönes Naunerl, die Ironie is ka Bier, sondern eine Erfindung der Berliner, der klügsten Leute von der Welt, die sich sehr ärgerten, daß sie zu spät auf die Welt gekommen sind, um daS Pulver erfinden zu können, und die deshalb eine Erfindung zu machen suchten, die ebenso wichtig und eben denjenigen, die daS Pulver nicht erfunden haben, sehr nützlich ist. Ehemals, liebes Kind, wenn jemand eine Dummheit beging, was war da zu thun? DaS Geschehene konnte nicht ungeschehen gemacht werden, und die Leute sagten: Der Kerl war ein Rindvieh. Das war unangenehm. In Berlin, wo mau am klügste» ist und die meisten Dummheiten begeht, fühlte mau am tiefsten diese Unannehmlichkeit. Das Ministerium 10 Reisebilder H. suchte dagegen ernsthafte Maßregeln zu ergreifen; bloß die größeren Dummheiten durften noch gedruckt werden, die kleineren erlaubte man nur in Gesprächen, solche Erlaubnis erstreckte sich nur auf Professuren und hohe Staatsbeamte, geringere Leute durften ihre Dummheiten bloß im verborgenen laut werden lassen; — aber alle diese Vorkehrungen halfen nichts, die unterdrückten Dummheiten traten bei außerordentlichen Anlässen desto gewaltiger hervor, sie wurden sogar heimlich von oben herab protegiert, sie stiegen öffentlich von unten hinauf, die Not war groß, bis endlich ein rückwirkendes Mittel erfunden ward, wodurch man jede Dummheit gleichsam ungeschehen macheu und sogar in Weisheit umgestalten kann. Dieses Mittel ist ganz einfach, und besteht darin, daß man erklärt, man habe jene Dummheit bloß aus Ironie begangen oder gesprochen. So, liebes Kind, avanciert alles in dieser Welt, die Dummheit wird Ironie, verfehlte Speichelleckerei wird Satire, natürliche Plumpheit wird kunstreiche Persiflage, wirklicher Wahnsinn wird Humor, Unwissenheit wird brillanter Witz, und du wirst am Ende noch die ASPasia des neuen Athens. Ich hätte noch mehr gesagt, aber das schöne Nannerl, das ich unterdessen am Schürzenzipfel festhielt, riß sich gewaltsam los, als man von allen Seiten „A Bier! N Bier" gar zu stürmisch forderte. Der Berliner aber sah aus wie die Ironie, selbst, als er bemerkte, mit welchem Enthusiasmus die hohen schäumenden Gläser in Empfang genommen wurden; und indem er auf eine Gruppe Biertrinker hindeutete, die sich den Hopfennektar von Herzen schmecken ließen, und über dessen Vortrefflichkeit disputierten, sprach er lächelnd: Das wollen Athenienser sind? Die Bemerkungen, die der Mann bei dieser Gelegenheit nachschob, thaten mir ordentlich weh, da ich für unser neues Athen keine geringe Vorliebe hege, und ich bestrebte mich daher, dem raschen Tadler zu bedeuten, daß wir erst seit kurzem auf den Gedanken gekommen sind, uns als ein neues Athen aufzuthun, daß wir erst junge Anfänger sind, und unsere großen Geister, ja unser ganzes gebildetes Publikum noch nicht danach eingerichtet ist, sich in der Nähe sehen zu lassen. Es ist alles noch im Entstehen, und wir sind noch nicht komplett. Nur die untersten Fächer, lieber Freund, fiigte ich hinzu, sind erst besetzt, und es wird Ihnen nicht entgangen sein, daß wir z. B. an Eulen, Sykophanten und Phrynen keinen Mangel haben. Es fehlt uns nur an dem höheren Personal, und mancher muß mehrere Rollen zu gleicher Zeit spielen. Z. B. unser Dichter*), der die zarte griechische Knabenliebe besingt, hat auch die aristophanische Grobheit übernehmen müssen; aber er kann alles machen, er Platea. Reise von München nach Genua. 11 hat alles, was zu einem großen Dichter gehört, außer etwa Phantasie und Witz, und wenn er viel Geld hätte, wäre er ein reicher Mann. Äas° uns aber an Quantität fehlt, das ersetzen wir durch Qualität. Wir haben nur einen großen Bildhauer, — aber es ist ein „Löwe!" Wir haben nur einen großen Redner, aber ich bin überzeugt, daß Demosthenes über den Malzaufschlag in Attila nicht so gut donnern konnte. Wenn wir noch keinen Sokrates vergiftet haben, so war es wahrhaftig nicht das Gift, welches uns dazu fehlte, lind wenn wir noch keinen eigentlichen Demos, ein ganzes Demagogenvolk besitzen, so können wir doch mit einem Prachtexemplare dieser Gattung, mit einem Demagogen von Handwerk, aufwarten*), der ganz allein einen ganzen Haufen Großschwätzer, Maulanfsperrer, Poltrons und sonstigen Luntpengesindels aufwiegt — und hier sehen Sie ihn selbst. Ich kann der Versuchung nicht widerstehen, die Figur, die sich uns jetzt präsentierte, etwas genauer zu bezeichnen. Ob diese Figur mit Recht behauptet, daß ihr Kopf etwas Menschliches habe und sie daher juristisch befugt sei, sich für einen Menschen auszugeben, daS lasse ich dahin gestellt sein. Ich würde diesen Kopf vielmehr für den eines Affen halten; nur aus Courtoisie will ich ihn für menschlich passieren lassen. Seine Bedeckung bestand aus einer Tuchmütze, in der Form ähnlich dem Helm des Mambrin, und steifschwarze Haare hingen lang herab und waren vorn ä, 1'snk-rnt gescheitelt. Auf diese Vorderseite des Kopfes, die sich für ein Gesicht ausgab, hatte die Göttin der Gemeinheit ihren Stempel gedrückt, und zwar so stark, daß die dort befindliche Nase fast zerquetscht worden; die niedergeschlagenen Augen schienen diese Nase vergebens zu suchen und deshalb betrübt zu sein; ein übelriechendes Lächeln spielte um den Mund, der überaus liebreizend war, und durch eine gewisse frappante Ähnlichkeit unseren griechischen After-Dichter zu den zartesten Gaselen begeistern konnte. Die Bekleidung war ein altdeutscher Rock, zwar schon etwas modifiziert nach den dringendsten Anforderungen der ncueuropäischen Civilisation, aber im Schnitt noch immer erinnernd an den, welchen Arminius im Teutoburger Walde getragen, und dessen Urform sich unter einer patriotischen Schneidergesellschaft ebenso geheimnisvoll traditionell erhalten hat, wie einst die gotische Baukunst unter einer mystischen Maurergilde. Ein weißgewaschener Lappen, der mit dem bloßen, altdeutschen Halse ticfbcdeutsnm kontrastierte, bedeckte den Kragen dieses famosen Nockes, aus seilten langen Ärmeln hingen lange schmutzige Hände, zwischen diesen zeigte sich ein langweiliger Leib, woran wieder zwei kurzweilige Beine schlotterten — die ganze Gestalt war eine katzenjämmerliche Parodie des Apoll von Bclvedcre. -) Meßlimim. 12 Reiselülder 11. Und des ist der Dcmagog des neuen Athens? frng spottlächelnd der Berliner. Du juter Jvtt, des ist ja ein Landsmann von mich! Ich traue kaum meinen leiblichen Augen — des ist ja derjenige, welcher — nc, des ist die Möglichkeit! Ja, ihr verblendeten Berliner — sprach ich, nicht ohne Feuer — ihr verkennt eure heimischen Genies, und steinigt eure Propheten. Wir aber können alles gebrauchen! Und wozu braucht ihr denn diese unglückliche Fliege? Er ist zu allein zu gebrauchen, wozu Springen, Kriechen, Gemüt, Fressen, Frömmigkeit, viel Altdeutsch, wenig Latein und gar kein Griechisch nötig ist. Er springt wirklich sehr gnt übern Stock; macht auch Tabellen von allen möglichen Sprüngen und Verzeichnisse von allen möglichen Lesarten altdeutscher Gedichte. Dazu repräsentiert er die Vaterlandsliebe, ohne im mindesten gefährlich zu sein. Denn man weiß sehr gut, daß er sich von den altdeutschen Demagogen, unter welchen er sich mal zufällig befunden, zu rechter Zeit zurückgezogen, als ihre Sache etwas gefährlich wurde, und daher mit den christlichen Gefühlen seines weichen Herzens nicht mehr übereinstimmte. Seitdem aber die Gefahr verschwunden, die Märtyrer für ihre Gesinnung gelitten, fast alle sie von selbst aufgegeben, und sogar unsere feurigsten Barbiere ihre deutschen Röcke ausgezogen, haben, seitdem hat die^Blütezeit unseres vorsichtigen Vaterlandsrctters erst recht begonnen; er allein hat noch das Demagogenkostüm und die dazu gehörigen Redensarten beibehalten; er Preist noch innner Arminias den Cherusker und Frau Thusnelda, als sei er ihr blonder Enkel; er bewahrt noch immer seinen germanisch patriotischen Haß gegen welsches Bäbeltum, gegen die Erfindung der Seife, gegen Thicrschs heidnisch-griechische Grammatik, gegen Quintilins Varus, gegen Handschuh und gegen alle Menschen, die eine anständige Nase haben; — und so steht er da als wandelndes Denkmal einer untergegangenen Zeit, und wie der letzte Mohikan ist auch er allein übrig geblieben von einer ganzen thatkräftigen Horde, er, der letzte Demagoge. Sie sehen also/daß wir im neuen Athen, wo es noch ganz an Dema gogen fehlt, diesen Mann brauchen können, wir haben an ihm. einen sehr guten Demagogen, der zugleich so zahm ist, daß er jeden Speichcl- napf beleckt, und aus der Hand frißt, Haselnüsse, Kastanien, Käse, Würstchen, kurz alles frißt, was man ihm giebt; und da er jetzt einzig in seiner Art, so haben wir noch den besonderen Vorteil, daß wir späterhin, wenn er krepiert ist, ihn ausstopfen lassen und als den letzten Demagogen mit Haut und Haar für die Nachwelt aufbewahren können. Ich bitte Sie jedoch, sagen Sie das nicht dem Professor Lichtenstcin in Berlin, der ließe ihn sonst für das zoologische Museum reklamieren, welches Anlaß zu einem Kriege zwischen Preußen und Bayern geben könnte, da wir ihn auf keinen Fall Reise von München nach Genna. 13 ausliefern werden. Schon haben die Engländer ihn aufs Korn genommen und zweitausend siebenhundcrtsiebenundsiebzig Gnineen für ihn geboten, schon haben die Österreicher ihn gegen die Giraffe eintauschen wollen; aber unser Ministerium soll geäußert haben' Der letzte Dcmagvg ist uns für keinen Preis feil, er wird einst der Stolz unseres Natnralienknbinctts und die Zierde unserer Stadt. Der Berliner schien etwas zerstreut zuzuhören, schönere Gegenstände hatten seine Aufmerksamkeit in Anspruch genommen, und er siel mir endlich in die Rede mit den Worten' Erlauben Sie gehorsamst, daß ich Sie unterbreche, aber sagen Sic mir doch, was ist denn das für ein Hund, der dort läuft? Das ist ein anderer Hund. Ach, Sie verstehen mich nicht, ich meine jenen großen, weiß- zottigen Hund ohne Schwanz. Mein lieber Herr, das ist der Hund des neuen Alkibiadcs. Aber, bemerkte der Berliner, sagen Sie mir doch, wo ist denn der neue Alkibiadcs selbst? Aufrichtig gestanden, antwortete ich, diese Stelle ist noch nicht besetzt, und wir haben erst den Hund. Knpitcl iv. Der Ort, Ivo dieses Gespräch stattfand, heißt Bogenhausen, oder Nenburghansen, oder Villa Hompesch, oder Montgelasgarten, oder das Schlüssel, ja man braucht ihn nicht einmal zu nennen, wenn man von München dort hinfahren will, der Kutscher versteht uns schon an einem gewissen durstigen Augenblinzeln, an einem gewissen vorseligen Kopfnicken und ähnlichen Bezeichnungsgrimassen. Tausend Ausdrucke hat der Araber für ein Schwert, der Franzose für die Liebe, der Engländer für daS Hängen, der Deutsche für das Trinken, und der neuere Athener sogar für die Orte, wo er trinkt. Das Bier ist an besagtem Orte wirklich sehr gut, selbst im Prytancnm, vul^o Bockkeller, ist es nicht besser, es schmeckt ganz vortrefflich, besonders ans jener Trcppenterrasse, wo man die Tiroler Alpen vor Augen hat. Ich saß dort oft vorigen Winter und betrachtete die schneebedeckten Berge, die, glänzend in der Sonncnbelenchtung, aus eitel Silber gegossen zu sein schienen. Es war damals auch Winter in meiner Seele, Gedanken und Gefühle waren wie eingeschneit, es war mir so verdorrt und tot zu Mute, dazu kam die leidige Politik, die Trauer um ein liebes gestorbenes Kind, und ein alter Nachärger und der Schnupfen. Außerdem trank ich viel Bier, weil man mich versicherte, daS gäbe leichtes Blut. Doch der beste attische Breihahn wollte nicht fruchten bei mir, der ich mich in England schon an Porter gewöhnt hatte. Endlich kam der Tag, Ivo alles ganz anders wurde. Die Sonne M brach hervor aus dem Himmel und tränkte die Erde, das alte Kind, mit ihrer Strahlenmilch, die Berge schauerten vor Lust und ihre Schneethränen flössen gewaltig, es krachten und brachen die Eisdecken der Seen, die Erde schlug die blauen Augen auf, aus ihrem Busen quollen hervor die liebenden Blumen und die klingenden Wälder, die grünen Paläste der Nachtigallen, die ganze Natur lächelte, und dieses Lächeln hieß Frühling. Da begann auch in mir ein neuer Frühling, neue Blumen sproßten aus dem Herzen, Freihcitsgefühle, wie Rosen, schössen hervor, auch heimliches Sehnen, wie junge Veilchen, dazwischen freilich manch unnütze Nessel. Über die Gräber meiner Wünsche zog die Hoffnung wieder ihr heiteres Grün, auch die Melodien der Poesie kamen wieder, wie Zugvögel, die den Winter im warmen Süden verbracht und das verlassene Nest im Norden wieder aufsuchen und das verlassene nordische Herz klang und blühte wieder wie vormals — nur weih ich nicht, wie das alles kam. Ist es eine braune oder blonde Sonne gewesen, die den Frühling in meinem Herzen aufs neue geweckt, und all die schlafenden Blumen in diesem Herzen wieder aufgeküßt und die Nachtigallen wieder hineingelächelt? War es die wahlverwandte Natur selbst, die in meiner Brust ihr Echo suchte und sich gern darin bespiegelte mit ihrem neuen Frühlingsglanz? Ich weiß nicht, aber ich glaube, auf der Terrasse zu Bogenhausen, im Angesicht der Tiroler Alpen, geschah meinem Herzen solch neue Verzauberung. Wenn ich dort in Gedanken saß, war mir's oft, als sähe ich ein wunderschönes Jünglingsantlitz über jene Berge hervorlauschen, und ich wünschte mir Flügel, um hinzueilen nach seinem Nesidenzland Italien. Ich fühlte mich auch oft angeweht von Citronen- und Orangedüftcn, die von den Bergen herüberwogten, schmeichelnd und verheißend, um mich hinzulocken nach Italien. Einst sogar, in der goldenen Abenddämmerung, sah ich auf der Spitze einer Alpe ihn ganz und gar, lebensgroß, den jungen Frühlingsgott, Blumen und Lorbeeren umkränzten das freudige Haupt, und mit lachendem Auge und blühendem Munde rief er: Ich liebe dich, komm zu mir nach Italien! Kapitel V. Mein Blick mochte daher wohl etwas sehnsüchtig flimmern, als ich, in Verzweiflung über das unabsehbare Philistergesprttch, nach den schönen Tiroler Bergen hinaussah und tief seufzte. Mein Berliner Philister nahm aber eben diesen Blick und Seufzer als neue Gesprächsfäden auf, und seufzte mit: „Ach ja, ich möchte auch jetzt in Konstantinopel sein! Ach! Konstantinopel zu sehen, war immer der eenzige Wunsch meines Lebens, und jetzt sind die Russen gewiß schon eingezogen, ach, in Konstantinvpel! Haben Sie Petersburg gesehen? Ich verneinte dieses und bat, mir davon zu erzählen. Aber nicht Reise von München nach Genua. 15 er selbst, sondern sein Herr Schwager, der Kammergerichtsrat, war vorigen Sommer dagewesen, und es soll eine ganz eenzige Stadt sein. — „Haben Sie Kopenhagen gesehen?" Da ich diese Frage ebenfalls verneinte und eine Schilderung dieser Stadt von ihm begehrte, lächelte er gar Pfiffig und wiegte das Köpfchen recht vergnügt hin und her und versicherte mir auf Ehre, ich könnte mir keine Vorstellung davon machen, wenn ich nicht selbst dort gewesen sei. „Dieses," erwiderte ich, „wird vorderhand noch nicht stattfinden, ich will jetzt eine andere Reise antreten, die ich schon diesen Frühling projektiert, ich reise nämlich nach Italien." Als der Mann dieses Wort hörte, sprang er plötzlich vom Stuhle ans, drehte sich dreimal aus einem Fuße herum, und trillerte: Tirili! Tirili! Tirili! Das gab mir den letzten Sporn. Morgen reise ich, beschloß ich auf der Stelle. Ich will nicht länger zögern, ich will sobald als möglich das Land sehen, das den trockensten Philister so sehr in Ekstase bringen kann, daß er bei dessen Erwähnung plötzlich wie eine Wachtel schlägt. Während ich zu Hause meinen Koffer packte, klang mir der Ton jenes Tirilis noch immer in die Ohren, und mein Bruder, Maximilian Heine, der mich den andern Tag bis Tirol begleitete, konnte nicht begreifen, warum ich auf dem ganzen Wege kein vernünftiges Wort sprach und beständig tirilierte. Kapitel vi. Tirili! Tirili! ich lebel Ich fühle den süßen Schmerz der Existenz, ich fühle alle Freuden und Qualen der Welt, ich leide für das Heil des ganzen Menschengeschlechts, ich büße dessen Sünden, aber ich genieße sie auch. Und nicht bloß mit den Menschen, auch mit den Pflanzen fühle ich, ihre tausend grünen Zungen erzählen nur allerliebste Geschichten, sie wissen, daß ich nicht mcnschcnstolz bin, und mit den niedrigsten Wiescnbliimchcn ebenso gern spreche, wie mit den höchsten Tannen. Ach, ich weiß ja, wie es mit solchen Tannen beschaffen ist! AnS der Tiefe des Thals schießen sie himmelhoch empor, überragen fast die kühnsten Felseuberge — Aber wie lange dauert diese Herrlichkeit? Höchstens ein paar lumpige Jahrhunderte, dann krachen sie alters- miid zusammen und verfaulen auf dem Boden. Des Nachts kommen dann die hämischen Käuzlein aus ihren Felsenspalten hervorgehuscht, und verhöhnen sie noch obendrein: Seht, ihr starken Tannen, ihr glaubtet euch mit den Bergen messen zu können, jetzt liegt ihr gebrochen da unten, und die Berge stehen noch immer unerschüttcrt. Einem Adler, der auf seinem einsamen Lieblingsfelsen sitzt, und solcher Verhöhnung zuhört, muß recht mitleidig zu Mute werden. Er denkt dann an das eigene Schicksal. Auch er weiß nicht, wie tief 16 Reiscbilder II. er einst gebettet wird. Aber die Sterne funkeln so beruhigend, die Waldwasscr rauschen so trostvoll, und die eigene Seele überbraust so stolz all die kleinmütigen Gedanken, daß er sie bald wieder vergißt. Steigt gar die Sonne hervor, so fühlt er sich wieder wie sonst, und fliegt zu ihr hinauf, und wenn er hoch genug ist, singt er ihr entgegen seine Lust und Qual, «eine Mittiere, besonders die Menschen, glauben, der Adler könne nicht singen, und sie wissen nicht, daß er dann nur singt, wenn er ans ihrem Bereiche ist, und daß er aus Stolz nur von der Sonne gehört sein will, lind er hat recht; es könnte irgend einem von der gefiederten Sippschaft da unten einfallen, seinen Gesang zu recensieren. Ich habe selbst erfahren, wie solche Kritiken lauten: das Huhn stellt sich dann auf eiu Bein und gluckt, der Sänger habe kein Gemüt; der Truthahn kollert, es fehle ihm der wahre Ernst; die Taube girrt, er kenne nicht die wahre Liebe; die Gans schnattert, er sei nicht wissenschaftlich; der Kapann kikert, er sei nicht moralisch; der Dompfaff zwitschert, er habe leider keine Religion; der Sperling piepst, er sei nicht produktiv genug; Wiede- höpfchcn, Elsterchen, Schuhnchcn, alles krächzt und ächzt und schnarrt — Nur die Nachtigall stimmt nicht ein in diese Kritiken; unbekümmert um die ganze Mitwelt, ist nur die rote Rose ihr einziger Gedanke und ihr einziges Lied, sehnsüchtig umflattert sie die rote Rose, und stürzt sich begeistert in die geliebten Dornen, und blutet und singt. Kapitel vn. Es giebt einen Adler im deutschen Baterlande, dessen Sonnen lied so gewaltig erklingt, daß es auch hier unten gehört wird, und sogar die Nachtigallen aufhorchen, trotz all ihren melodischen Schmerzen. Das bist du, Karl Jmmcrmann, und deiner dacht' ich gar oft in dem Lande, wovon du so schön gesungen. Wie konnte ich durch Tirol reisen, ohne an das „Trauerspiel" zu denken? Nun freilich, ich habe die Dinge in anderer Färbung gesehen; aber ich bewundere doch den Dichter, der aus der Fülle deS Gemüts dasjenige, was er nie gesehen hat, der Wirklichkeit so ähnlich schafft. Am meisten ergötzte mich, daß das „Trauerspiel in Tirol" in Tirol verboten ist. Ich gedachte der Worte, die mir mein Freund Moser schrieb, als er mir meldete, daß der zweite Band der Reiscbilder verboten sei: „Die Regierung hätte aber das Buch gar nicht zu verbieten brauchen, es wäre dennoch gelesen worden." Zu Innsbruck im goldenen Adler, wo Andreas Hofer logiert hatte, und noch jede Ecke mit seinen Bildnissen und Erinnerungen an ihn beklebt ist, fragte ich den Wirt, Herrn Niedcrkirchner, ob er mir noch viel von dem Sandwirt erzählen könne? Da war der alte Mann überfließend von Redseligkeit, und vertraute mir mit klugem Augcnzwinkeu, daß jetzt die Geschichte auch ganz gedruckt heraus "sei, Reise von München nach Genna. 17 aber auch ganz geheim verboten: und als er mich nach einem dunkeln Stübchen geführt, wo er seine Reliquien aus dein Tiroler Krieg ans bewahrt, wickelte er ein schmutzig blaues Papier von einem schon zerlescncn grünen Büchlein, das ich zu meiner Verwunderung als Jmmermanns „Trauerspiel in Tirol" erkannte. Ich sagte ihm, nicht ohne errötenden Stolz, der Mann, der es geschrieben, sei mein Freund. Herr Niederkirchncr wollte nun so viel als möglich von dem Manne wissen, und ich sagte ihm, es sei ein gedienter Mann, von fester Statur, sehr ehrlich, und sehr geschickt in Schreibsachcn, so daß er nur wenige seinesgleichen finde. Daß er aber ein Preuße sei, wollte Herr Niederkirchner durchaus nicht glauben, und rief mit mitleidigem Lächeln: Warum nicht gar! Er ließ sich nicht ausreden, daß der Jmmermann ein Tiroler sei und den Tiroler Krieg mitgemacht habe, — „wie könnte er sonst alles wissen?" Seltsame Grille des Volkes! Es verlangt seine Geschichte aus der Hand des Dichters und nicht aus der Hand des Historikers. Es verlangt nicht den treuen Bericht nackter -vhatsachen, sondern jene Thalsachen wieder aufgelöst in die ursprüngliche Poesie, woraus sie hervorgegangen. Das wissen die Dichter, und nicht ohne geheime Schadcnlust modeln sie willkürlich die Völkcrcrinnerungcn, vielleicht zur Verhöhnung stolztrvckcncr Histvriographcn und pergamentener Staatsarchivare. Nicht wenig ergötzte es mich, als ich in den Buden des letzten Jahrmarkts die Geschichte des Bclisar in grell kolorierten Bildern ausgehängt sah, und zwar nicht nach dem Prokop, sondern ganz treu nach Schcnks Tragödie. „So wird die Geschichte verfälscht" — rief der gelahrte Freund, der mich begleitete, — „sie weiß nichts von jener Rache einer beleidigten Gattin, von jenem gefangenen Sohn, von jener liebenden Tochter, und dergleichen modernen HerzenSgeburtcn!" — Ist denn dies aber wirklich ein Fehler? soll man den Dichtern wegen dieser Fälschung gleich den Prozeß machen? Nein, denn ich leugne die Anklage. Die Geschichte wird nicht von den Dichtern verfälscht. Sie geben den Sinn derselben ganz treu, und sei es auch durch selbstcrfundene Gestalten und Umstände. Es giebt Völker, denen nur auf diese Dichtcrart ihre Geschichte überliefert worden, z. B. die Jndicr. Dennoch geben Gesänge wie der Mnhnbarata den Sinn indischer Geschichte viel richtiger als irgend ein Kompendienschreiber mit all seinen Jahrzahlcn. In gleicher Hinsicht möchte ich behaupten, Walter Scotts Romane gäben zuweilen den Geist der englischen Geschichte weit treuer als Hnme; wenigstens hat Sartorius sehr recht, wenn er in seinen Nachträgen zu Spittler jene Romane zu den Quellen der englischen Geschichte rechnet. Es geht den Dichtern wie den Träumern, die im Schlafe dasjenige innere Gefühl, welches ihre Seele durch wirklich äußere Ursachen empfindet, gleichsam maskieren, indem sie an die Stelle dieser He ine's Werke. VI. Bd. 2 18 Rcisebilder II, letzteren ganz andere äußere Ursachen erträumen, die aber insofern ganz adäquat sind, als sie dasselbe Gefühl hervorbringen. So sind auch in Jmmermanns „Trauerspiel" manche Außcndinge ganz willkürlich geschaffen, aber der Held selbst, der Gefühlsmittelpunkt, ist identisch geträumt, und wenn diese Tranmgestalt selbst träumerisch erscheint, so ist auch dieses der Wahrheit gemäß. Der Baron Hor- mayr, der hierin der kompetenteste Richter sein kann, hat mich, als ich jüngst das Vergnügen hatte, ihn zu sprechen, ans diesen Umstand aufmerksam gemacht. Das mystische Gemütsleben,, die abergläubische Religiosität, das Epische des Mannes hat Jmmermnnn ganz richtig angedeutet. Er gab ganz treu jene treue Taube, die mit dem blanken Schwert im Schnabel, wie die kriegerische Liebe, über den Bergen Tirols so heldenmütig umherschwebte, bis die Kugeln von Mantua ihr treues Herz durchbohrten. Was aber dem Dichter am meisten zur Ehre gereicht, ist die ebenso treue Schilderung des Gegners, aus welchem er keinen wütenden Geßler gemacht, um seinen Hofer desto mehr zu heben; wie dieser eine Taube mit dem Schwerte, so ist jener ein Adler mit dem Ölzweig, Kapitel ?m. In der Wirtshausstube des Herrn Niederkirchner zu Innsbruck hängen einträchtig nebeneinander die Bilder des Andreas Hofer, Napoleon Bonaparte und Ludwig von Bayern, Innsbruck selbst ist eine unwohnliche, blöde Stadt, Vielleicht mag sie im Winter etwas geistiger und behaglicher aussehen, wenn die hohen Berge, wovon sie eingeschlossen, mit Schnee bedeckt sind, und die Lawinen dröhnen und überall das Eis kracht und blitzt. Ich fand die Häupter jener Berge mit Wolken, wie mit grauen Turbanen, umwickelt. Man sieht dort die Martinswaud, den Schauplatz der lieblichsten Kaisersage; wie denn überhaupt -die Erinnerung an den ritterlichen Max in Tirol noch immer blüht und klingt. In der Hofkirche stehen die oft besprochenen Standbilder der Fürsten und Fürstinnen aus dem Hause Österreich und ihrer Ahnen, worunter mancher gerechnet worden, der gewiß bis auf den heutigen Tag nicht begreift, wie er zu dieser Ehre gekommen, Sie stehen in gewaltiger Lebensgröße, aus Eisen gegossen, um das Grabmal des Maximilian, Da aber die Kirche klein und das Dach niedrig ist, so kommt's einem vor, als sähe man schwarze Wachsfiguren in einer Marktbude, Am Fußgestell der meisten liest man auch den Namen derjenigen hohen Personen, die sie vorstellen. Als ich jene Statuen betrachtete, traten Engländer in die Kirche; ein hagerer Mann mit aufgesperrtem Gesichte, die Daumen eingehakt in die Armöffnungeu der weißen Weste, und im Maul einen ledernen Knicks clss vozm- Asurs; hinter ihm seine lange Lebensgefährtin, eine nicht mehr ganz Reise von München nach Genna. 19 junge, schon ctivas abgeliebte, aber noch immer hinlänglich schöne Dame; hinter dieser ein rotes Portergesicht mit puderweißen Aufschlägen, steif einhertretend in einem dito Rock, und die hölzernen Hände vollauf befrachtet mit Myladys Handschuhen, Nlpenblumen und Mops, Das Kleeblatt stieg schnurgerade nach dem oberen Ende der Kirche, wo der Sohn Nlbivns seiner Gemahlin die Statuen erklärte, und zwar nach seinem Knicks ckss vozmAsnrs, in welchem ausführlich zu lesen war: Die erste Statue ist der König Chlodwig von Frankreich, die andere ist der König Arthur von England, die dritte ist Rudolf von Habsburg u, f. w. Da aber der arme Engländer die Reihe von oben anfing, statt von unten, wie es der Knicks ckss vo^a,- o;snrs voraussetzte, so geriet er in die ergötzlichsten Verwechslungen, die noch komischer wurden, wenn er an eine Frauenstatne kam, die er für einen Mann hielt, und umgekehrt, so daß er nicht begriff, warum man Rudolf von Habsburg in Weibskleidern dargestellt, dagegen die Königin Maria mit eisernen Hosen und einein allzulangen Barte. Ich, der ich gerne mit meinem Wissen nachhelfe, bemerkte beiläufig, dergleichen habe wahrscheinlich das damalige Kostüm erfordert, auch könne es besonderer Wille der hohen Personen gewesen sein, so, und beileibe nicht anders, gegossen zu werden. So könne es ja dem jetzigen Kaiser einfallen, sich in einem Reifrock oder gar in Windeln gießen zu lassen; — wer würde was dagegen einwenden? Der Mops bellte kritisch, der Lakai glotzte, sein Herr putzte sich die Nase, und Mylady sagte: lins sxüibition, vsr^ lins inckssck! Kapitel ix. Brixen war die zweite größere Stadt Tirols, wo ich einkehrte. Sie liegt in einem Thal, und als ich ankam, war sie mit Dampf und Abendschattcn Übergossen. Dämmernde Stille, melancholisches Glockengebimmcl, die Schafe trippelten nach ihren Ställen, die Menschen nach den Kirchen; überall beklemmender Geruch von häßlichen Heiligenbildern und getrocknetem Hen. „Die Jesuiten sind in Brixen," hatte ich kurz vorher im Hespe- rus gelesen. Ich sah mich auf allen Straßen nach ihnen um; aber ich habe niemanden gesehen, der einem Jesuiten glich, es sei denn jener dicke Mann mit geistlich dreieckigem Hut und pfäffisch geschnittenem schwarzen Rock, der alt und abgetragen war, und mit den glänzend neuen schwarzen Hosen gar auffallend kontrastierte. Das kann auch kein Jesuit sein, sprach ich endlich zu mir selber; denn ich habe mir immer die Jesuiten etwas mager gedacht. Ob es wirklich noch Jesuiten giebt? Manchmal will es mich bedünkcn, als sei ihre Existenz nur eine Chimäre, als spuke nur die Angst vor ihnen noch in unseren Köpfen, nachdem längst die Gefahr vorüber, und alles Eifern gegen Jesuiten mahnt mich dann an Leute, die, 2» , ' i.G N iW 20 Reisebildcr II. wenn es längst aufgehört hat zu regneu, noch iniincr mit aufgespanntem Regenschirm umhergehen. Ja, mich dünkt zuweilen, der Teufel, der Adel und die Jesuiten existieren nur so lange, als man an sie glaubt. Vom Teufel köuntcn wir es wohl ganz bestimmt behaupten; denn nur die Gläubigen haben ihn bisher gesehen. Auch in betreff des Adels werden wir im Laufe einiger Zeit die Erfahrung machen, daß die Uonns socüäts aufhören wird die bonos sooists zu sein, sobald der gute Bürgersmann nicht mehr die Güte hat, sie für die bonns sooists zu halten. Aber die Jesuiten? Wenigstens haben sie doch nicht mehr die alten Hosen an! Die alten Jesuiten liegen im Grabe mit ihren alten Hosen, Begierden, Wcltplänen, Ränken, Distinktionen, Reservationen und Giften, und was wir jetzt in neuen, glänzenden Hosen durch die Welt schleichen sehen, ist nicht sowohl ihr Geist, als vielmehr ihr Gespenst, ein albernes, blödsinniges Gespenst, daS uns täglich durch Wort und That zu beweisen sucht, wie wenig es furchtbar sei, und wahrlich, es mahnt uns an die Geschichte von einem ähnlichen Gcspenste im Thüringer Walde, das einst die Leute, so sich vor ihm fürchteten, von ihrer Furcht befreite, indem es vor aller Augen seinen Schädel von den Schultern herab nahm, und jedem zeigte, daß er inwendig ganz hohl und leer sei. Ich kann nicht umhin, nachträglich zu erzählen, daß ich Gelegenheit fand, den dicken Mann mit den glänzend neuen Hosen genauer zu beobachten, um mich zu überzeugen, daß er kein Jesuit mar, sondern ein ganz gewöhnliches Vieh Gottes, Ich traf ihn nämlich in der Gaststube meines Wirtshauses, wo er zu Nacht speiste, in Gesellschaft eines langen, mageren, Excellcnz genannten Mannes, der jenem alten hagestolzlichen Landjunker, den Shakespeare geschildert, so ähnlich war, daß eS schien, als habe die Natur ei» Plagiat begangen, Beide würzten ihr Mahl, indem sie die Aufwärterin mit Karessen bedrängten, die da? liebe, bildschöne Mädchen nicht wenig anzuekeln schienen, so daß sie sich mit Gewalt losriß, wenn der eine sie hinten klätschelte, oder der andere sie gar zu cmbrnssiercn suchte. Dabei rissen sie ihre rohestcn Zoten, die das Mädchen, wie sie wußten, nicht umhin konnte anzuhören, da sie zur Aufwartung der Gäste, und auch um mir den Tisch zu decken, im Zimmer bleiben mußte. Als jedoch die Ungebühr ganz unleidlich wurde, ließ die junge Person plötzlich alles stehen und liegen, eilte zur Thür hinaus, nud kam erst nach einigen Minuten ins Zimmer zurück, mit einem kleinen Kinde auf dem Arm, das sie die ganze Zeit auf dem Arme behielt, während sie im Gastzimmer ihre Geschäfte besorgte, obgleich ihr diese dadurch um so beschwerlicher wurde». Die beiden Kumpane aber, der geistliche und der adlige Herr, wagten keine einzige Belästigung mehr gegen das Mädchen, da? jetzt ohne Unfreundlichkeit, jedoch mit seltsamem Ernst, sie bediente; daS Gespräch nahm eine andere Wendung, Reise von München nach Genna. 21 beide schwatzten jetzt das gewöhnliche Geschwätz von der großen Ber schwörnng gegen Thron und Altar, sie verständigten sich über die Notwendigkeit strenger Maßregeln, und reichten sich mehrmals die heiligen Allianzhkndc. Kapitel x. Für die Geschichte von Tirol sind die Werke des Joseph von Hor- mayr unentbehrlich; für die neueste Geschichte ist er selbst die beste, oft die einzige Quelle. Er ist für Tirol, was Johannes von Müller für die Schweiz ist; eine Parallele dieser beiden Historiker drängt sich nnS von selbst auf. Sie sind gleichsam Wandnachbarn, beide in ihrer Jugend gleich begeistert für ihre Gebnrtsalpen, beide fleißig, forschsam, von historischer Denkweise und Gefühlsrichtung; Johannes von Müller epischer gestimmt, den Geist wiegend in den Geschichten der Vergangenheit, Joseph von Hormnyr hastiger fühlend, mehr in die Gegenwart hineingelassen, uneigennützig das Leben wagend für das, was ihm lieb war. Barthvldys „Krieg der Tiroler Landlcnte im Jahr 18l)g" ist ein geistreich und schön geschriebenes Buch, und wenn Mängel darin sind, so entstanden sie notwendigerweise dadurch, weil der Verfasser, wie es edlen Gemütern eigen ist, für die unterdrückte Partei eine sichtbare Vorliebe hegte, und weil noch Pulverdampf die Begebenheiten umhüllte, als er sie beschrieb. Viele merkwürdige Ereignisse jener Zeit sind gar nicht aufgeschrieben, und leben nur im Gedächtnisse des Volkes, das jetzt nicht gern mehr davon spricht, da die Erinnerung mancher getäuschten Hoffnung dabei auftaucht. Die armen Tiroler haben nämlich auch allerlei Erfahrungen machen müssen, und wenn man sie jetzt fragt, ob sie zum Lohne ihrer Treue alles erlangt, was man ihnen in der Not versprochen, so zucken sie gutmütig die Achsel und sagen naiv: Es war vielleicht so ernst nicht gemeint, und der Kaiser hat viel zu denken, und da geht ihm manches durch den Kopf. Tröstet euch, arme Schelme! Ihr seid nicht die einzigen, denen etwas versprochen worden. Passiert es doch oft auf großen Sklavenschiffen, daß man bei großen Stürmen, und wenn das Schiff in Gefahr gerät, zu den schwarzen Menschen seine Zuflucht nimmt, die unten im dunkeln Schiffsraum zusammengestaut liegen. Man bricht dann ihre eisernen Ketten, und verspricht heilig und teuer, ihnen die Freiheit zu schenken, wenn durch ihre Thätigkeit das Schiff gerettet werde. Die blöden Schwarzen jubeln nun hinauf ans Tageslicht, Hurra! sie eilen zu den Pumpen, stampfen aus Leibeskräften, helfen, wo nur zu helfen ist, klettern, springen, kappen die Masten, winden die Taue, kurz, arbeiten so lange, bis die Gefahr vorüber ist. Alsdann werden sie, wie sich von selbst versteht, wieder nach SS Reisebilder ll, decn SchiffSranuc hinabgeführt, wieder ganz bcgneni nngefesselt, »nd in ihrem dunkeln Elend machen sie demagogische Betrachtungen über Versprechungen von Seelenverkäufern, deren ganze Sorge nach über- stcmdener Gefahr dahin geht, noch einige Seelen mehr einzutauschen, O navis, rskörsnt in nmrs bs novi lllnvtus? sw. Als mein alter Lehrer diese Ode des Hvraz, worin der Senat mit einem Schiffe verglichen wird, explizierte, hatte er allerlei politische Betrachtungen zu machen, die er bald einstellte, als die Schlacht bei Leipzig geschlagen worden, und die ganze Klasse auseinanderging. Mein alter Lehrer hat alles voraus gewußt. Als wir die erste Nachricht dieser Schlacht erhielten, schüttelte er das graue Haupt. Jetzt weiß ich, was dieses Schütteln bedeutete. Bald kamen die genaueren Berichte, und heimlich zeigte man einander die Bilder, wo gar bunt und erbaulich abkonterfeit war, wie die hohen Heerführer auf dem Schlachtfelds knieten und Gott dankten. Ja, sie konnten Gott danken — sagte mein Lehrer und lächelte, wie er zu lächeln Pflegte, wenn er den Sallust explizierte — der Kaiser Napoleon hat sie so oft geklopft, daß sie es ihm doch am Ende ablernen konnten. Nun kamen die Alliierten und die schlechten Befreiungsgedichte, Hermann und Thusnelda, Hurra! und der Franenverein, und die Vaterlandseicheln, und das ewige Prahlen mit der Schlacht bei Leipzig, und wieder die Schlacht bei Leipzig, und kein Aufhören davon. Es geht diesen Leuten, bemerkte mein Lehrer, wie den Theba- nern, als sie bei Lenktra endlich einmal jene unbesiegbaren Spartaner geschlagen, und beständig mit dieser Schlacht prahlten, so daß AntistheneS von ihnen sagte: Sie machen es wie die Knaben, die vor Freude sich nicht zu lassen wissen, wenn sie einmal ihren Schulmeister ausgcprügclt hallen. Liebe Jungens, es wäre besser gewesen, wir hätten selbst die Prügel bekommen. Bald darauf ist der alte Mann gestorben. Auf seinem Grabe wächst preußisches Gras, und es weiden dort die adeligen Rosse unserer renovierten Ritter. Kapitel XI. Die Tiroler sind schön, heiter, ehrlich, brav, und von unergründlicher Geistesbeschrttnktheit. >sie sind eine gesunde Menschenrasse, vielleicht weil sie zu dumm sind, um krank sein zu können. Auch eine edle Nasse möchte ich sie nennen, weil sie sich in ihren Nahrungsmitteln sehr wählig und in ihren Gewöhnungen sehr reinlich zeigen; nur fehlt ihnen ganz und gar das Gefühl von der Würde der Persönlichkeit, Der Tiroler hat eine Sorte von lächelndem humoristische» Reise von München nach Genua. 23 Servilismus, der fast eine ironische Färbung trägt, aber doch gründe ehrlich gemeint ist. Die Frauenzimmer in Tirol begrüßen dich so zuvorkommend freundlich, die Männer drücken dir so derb die Hand, und gebärden sich dabei so pnpig herzlich, daß du fast glauben solltest, sie behandelten dich wie einen nahen Verwandten, wenigstens wie ihresgleichen; aber weit gefehlt, sie verlieren dabei nie aus dem Gedächtnis, daß sie nur gemeine Leute sind, und daß du ein vornehmer Herr bist, der es gewiß gern sieht, wenn gemeine Leute ohne Blödigkeit sich zu ihm herauslassen. Und darin haben sie einen natur- richtigcn Instinkt; die starrsten Aristokraten sind froh, wenn sie Gelegenheit finden zur Herablassung, denn dadurch eben fühlen sie, ivie hoch sie gestellt sind. Zu Hause üben die Tiroler diesen Servilismus gratis, in der Fremde suchen sie auch noch dadurch zu lnkrieren. Sie geben ihre Persönlichkeit preis, ihre Nationalität. Diese bunten Dcckenverkäufer, diese munteren Tiroler Bna, die wir in ihrem Nationalkostüm herumwandcrn sehen, lassen gern ein Späßchen mit sich treiben, aber du mußt ihnen auch etwas abkaufen. Jene Geschwister Rainer, die in England gewesen, haben es noch besser verstanden, und sie hatten noch obendrein einen guten Ratgeber, der den Geist der englischen Nobility gut kannte. Daher ihre gute Aufnahme im Foyer der europäischen Aristokratie, in tbs vsst sink ob t,bs torvn. Als ich vorigen Sommer in den glänzenden Konzertsälen der Londoner fashionabeln Welt diese Tiroler Sänger, gekleidet in ihre heimatliche Volkstracht, das Schaugerüst betreten sah, und von da herab jene Lieder horte, die in den Tiroler Alpen so naiv und fromm gejodelt werden, und uns auch ins norddeutsche Herz so lieblich hinabklingen — da verzerrte sich alles in meiner Seele zu bitterem Unmut, das gefällige Lächeln vornehmer Lippen stach mich wie Schlangen, es war mir, als sähe ich die Keuschheit des deutschen Wortes aufs roheste beleidigt, und die süßesten Mysterien des deutschen Gemütslcbens vor fremdem Pöbel profaniert. Ich habe nicht mitklatschcn können bei dieser schamlosen Verschacherung des Verschämtesten, und ein Schweizer, der glcichfühlend mit mir den Saal verließ, bemerkte ganz richtig: Wir Schwyzer geben auch viel fürs Geld, unsere besten Käse und unser bestes Blut, aber das Alphorn können wir in der Fremde kaum blasen hören, viel weniger es selbst blasen für Geld. Kapitel xn. Tirol ist sehr schön, aber die schönsten Landschaften können uns nicht entzücken bei trüber Witterung und ähnlicher Gemütsstimmnng. Diese ist bei mir immer die Folge von jener, und da es draußen regnete, so war auch in mir schlechtes Wetter. Nur dann und wann durste ich den Kopf zum Wagen Hinansstrecken, dann schaute ich 24 Reisebilder II. himmelhohe Berge, die mich ernsthaft ansahen, nnd mir mit den ungeheuren Häuptern nnd langen Wolkenbärten eine glückliche Reise zunickten. Hie und da bemerkte ich auch ein fernblaues Berglen:, das sich auf die Fußzehen zu stellen schien, und den andern Bergen recht neugierig über die Schultern blickte, wahrscheinlich um mich zu sehen. Dabei kreischten überall die Waldbttche, die sich wie toll von den Höhen herabstürzten und in den dunkeln Thalstrudeln versammelten. Die Menschen steckten in ihren niedlichen, netten Häuschen, die über der Halde an den schroffsten Abhängen und bis aus die Bergspitzen zerstreut liegen; niedliche nette Häuschen, gewöhnlich mit einer langen, balkonartigen Galerie, und diese wieder mit Wäsche, Heiligenbildchen, Blumentöpfen und Mädchengesichtern ausgeschmückt. Auch hübsch bemalt sind diese Häuschen, meist weiß und grün, als trügen sie ebenfalls die Tiroler Landestracht, grüne Hosenträger über dein weißen Hemde. Wenn ich solch Häuschen im einsamen Regen liegen sah, wollte mein Herz oft aussteigen und zu den Menschen gehen, die gewiß trocken nnd vergnügt da drinnen saßen. Da drinnen, dacht' ich, muß sich's recht lieb und innig leben lassen, und die alte Großmutter erzählt gewiß die heimlichsten Geschichten. Während der Wagen unerbittlich vorbeifuhr, schaut' ich noch oft zurück, um die bläulichen Rauchsäulen aus den kleinen Schornsteinen steigen zu sehen, nnd es regnete dann immer stärker, außer mir nnd in mir, daß nur fast die Tropfen aus den Augen herauskamen. Oft hob sich auch mein Herz, und trotz den: schlechten Wetter klomm es zu den Leuten, die ganz oben auf den Bergen wohnen, und vielleicht kaum einmal in: Leben Herabkommen, und wenig erfahren von dem, was hier unten geschieht. Sie sind deshalb um nichts minder fromm und glücklich. Bon der Politik wissen sie nichts, als daß sie einen Kaiser haben, der einen weißen Rock und rote Hosen trägt; das hat ihnen der alte Ohm erzählt, der es selbst in Innsbruck gehört von dem schwarzen Sepperl, der in Wien gewesen. Als nun die Patrioten zu ihnen hinaufkletterten und ihnen bcredt- sam vorstellten, daß sie jetzt einen Fürsten bekommen, der einen blauen Rock und weiße Hosen trage, da griffen sie zu ihren Büchsen, und küßten Weib und Kind, und stiegen von den Bergen hinab, und ließen sich totschlagen für den weißen Rock und die lieben alten roten Hosen. Im Grunde ist es auch dasselbe, für was man stirbt, wenn nur für etwaS Liebes gestorben wird, und so ein warmer, treuer Tod ist besser, als ein kaltes, treuloses Leben. Schon allein die Lieder von einen: solchen Tode, die süßen Reime und lichten Worte erwärmen unser Herz, wenn feuchte Nebelluft und zudringliche Sorgen es betrüben wollen. Viel solcher Lieder klangen durch mein Herz, als ich über die Reise von München nach Genua. 25 Berge Tirols dahinfuhr, Die traulichen Tannenwälder rauschten mir so manch vergessenes Liebeswort inS Gedächtnis zurück. Besonders wenn mich die großen blauen Bergseen so unergründlich sehnsüchtig anschauten, dann dachte ich wieder an die beiden Kinder, die sich so lieb gehabt und zusammen gestorben sind. Es ist eine veraltete Geschichte, die auch jetzt niemand mehr glaubt, und die ich selbst nur auS einigen Liederreimen kenne, „Es waren zwei Königskinder, Die hatten einander so lieb, Sie konnten beisammen nicht kommen, Das Wasser war viel zu tief —" Diese Worte fingen von selbst wieder an in mir zu klingen, als ich bei einem von jenen blauen Seen am jenseitigen Ufer einen kleinen Knaben und am diesseitigen ein kleines Mädchen stehen sah, die beide in der bunten Volkstracht, mit bebänderten,'grünen Spitzhütchen auf dem Kopfe, gar wunderlieblich gekleidet waren, und sich hinüber und herüber grüßten — Sie konnten beisammen nicht kommen, Das Wasser war viel zu tief, Kapitel xiii. Im südlichen Tirol klärte sich das Wetter auf, die Sonne von Italien ließ schon ihre Nähe fühlen, die Berge wurden wärmer und glänzender, ich sah schon Weinreben, die sich daran binaufrankicu, und ich konnte mich schon öfter zum Wagen hinauslehnen. Wenn ich mich aber hinauslehne, so lehnt sich mein Herz mit mir hinaus, und mit deni Herzen all seine Liebe, seine Wehmut und seine Thor- heit. Es ist mir oft geschehen, daß das arme Herz dadurch von den Dornen zerrissen wurde, wenn eS sich nach den Rvsenbüschcn, die am Wege blühten, hinauslehnte, und die Rosen Tirols sind nicht häßlich/ Als ich durch Stcinach fuhr und den Markt besah, worauf Jmmcrmann den Sandwirt Hofcr mit seinen Gesellen auftreten läßt, da fand ich, daß der Markt für eine Insurgenten-Versammlung viel zu klein wäre, aber noch immer groß genug ist, nm sich darauf zn verlieben. Es sind da mir ein paar weiße Häuschen, und aus einem kleinen Fenster guckte eine kleine Sandwirtin und zielte und schoß aus ihren großen Augen; — wäre der Wagen nicht schnell vvrüber- gerollt, und hätte sie Zeit gehabt, noch einmal zu laden, so wäre ich gewiß geschossen. Ich rief/ Kutscher, fahr zu, mit einer solchen Schön-EIsy ist nicht zu spaßen; die steckt einem das Haus über dem Kopf in Brand, Als gründlicher Reisender muß ich auch anfübren, daß die Frau Wirtin in Sterzing zwar selbst eine alte Frau ist, 2g Rcisebiiber II. aber dafür zwei junge Tvchterlcin hat, die einem das Herz, wenn es ausgestiegen ist, dnrch ihren Anblick recht wohlthätig erwärmen. Aber dich darf ich nicht vergessen, du schönste von allen, du schöne Spinnerin an den Marken Italiens! O hättest du mir, wie Ariadnc dem Thescus, den Faden deines Gespinstes gegeben, um mich zu leiten durch das Labyrinth dieses Lebens, jetzt wäre der Minotanros schon besiegt, und ich würde dich lieben und küssen und niemals verlassen! Es ist ein gutes Zeichen, wenn die Weiber lächeln, sagt ein chinesischer Schriftsteller, und ein deutscher Schriftsteller war eben dieser Meinung, als er in Südiirvl, wo Italien beginnt, an einem Berge vorbeikam, an dessen Fuße auf einem nicht sehr hohen stein- dämm eines von jenen Häuschen stand, die mit ihrer traulichen Galerie und ihren naiven Malereien uns so lieblich ansehen. Ans der einen Seite stand ein großes hölzernes Kruzifix, das einem jungen Wcinstvck als Stütze diente, so daß es fast schaurig heiter aussah, wie das Leben den Tod, die saftig grünen Reben den blutigen Leib und die gekreuzigten Arme und Beine des Heilands um rankten. Auf der andern Seite des Häuschens stand ein runder Taubenkvfen, dessen gefiedertes Völkchen flog hin und her, und eine ganz besonders anmutig weiße Taube saß auf dem hübschen Spitz dächlein, daS wie die fromme Steinkrvnc einer Heiligennische über dem Haupte der schönen Spinnerin hervorragte. Diese saß ans der kleinen Galerie und spann, nicht nach der deutschen Spinnradmethode, sondern nach jener uralten Weise, wo ein flachSumzogencr Wocken unter dem Arme gehalten wird, und der abgesponnene Faden an der freihängenden Spindel hinunterläuft. So spauneu die Königs töchter in Griechenland, so spinnen noch jetzt die Parzen und alle Italienerinnen. Sie spann und lächelte, unbeweglich saß die Taube über ihrem Haupte, und über dem Hause selbst ragten hinten die hohen Berge, deren Schneegipfel die Sonne beschien, daß sie aussahen wie eine ernste Schntzwache von Riesen mit blanken Helmen auf den Häuptern. Sie spann und lächelte, und ich glaube, sie hat mein Herz fcst- gespvnnen, während der Wagen etwas langsamer vorbeifuhr wegen des breiten Stromes der Eisach, die auf der andern Seite des Wegs dahinschoß. Die lieben Züge kamen mir den ganzen Tag nicht aus dem Gedächtnis, überall sah ich jenes holde Antlitz, das ein griechischer Bildhauer aus dem Dufte einer weißen Rose geformt zu haben schien, ganz so hingehaucht zart, so übcrsclig edel, wie er es vielleicht einst als Jüngling geträumt in einer blühenden FrühlingSnacht. Die Augen freilich hätte kein Grieche erträumen und noch weniger begreifen können. Ich aber sah sie und begriff sie, diese romantischen Sterne, die so zauberhaft die antike Herrlichkeit beleuchteten. Den ganzen Tag sah ich diese Augen, und ich träumte davon in der Neisc von München nach Genna. 27 folgenden Nacht. Dn saß sie wieder und lächelte, die Tauben flatterten hin" und her wie Licbesengel, auch die weiße Taube über ihrem Haupte bewegte mystisch die Flügel, hinter ihr hoben sich immer gewaltiger die behelmten Wächter, vor ihr hin jagte der Bach, immer stürmischer und milder, die Weinreben umrankten mit ängstlicher Hast das gekreuzigte Hvlzbild, das sich schmerzlich regte und die leidenden Augen öffnete und auS den Wunden blutete — sie aber spann und lächelte, und an den Faden ihrcS Wockcns, gleich einer tanzenden Spindel, hing mein eigenes Herz. Kapitel xiv. Während die Sonne immer schöner und herrlicher aus dem Himmel' hervorblühtc, und Berg nnd Burgen mit Gvldschleiern umkleidete, wurde es auch in meinem Herzen immer heißer und leuchtender, ich hatte wieder die ganze Brust voll Blumen, und diese sproßten hervor nnd wuchsen mir gewaltig über den Kopf, und durch die eigenen Hcrzblumen hindurch lächelte wieder himmlisch die schöne Spinnerin. Befangen in solchen Träumen, selbst ein Traum, kam ich nach Italien, nnd da ich während der Reise schon ziemlich vergessen hatte, daß ich dorthin reiste, so erschrak ich fast, als mich all die großen italienischen Augen ansahen, und das buntvcrwirrte italienische Leben mir leibhaftig, heiß und summend entgegenströmte. Es geschah dieses aber in der Stadt Trient, wo ich an einem schönen. Sonntag des Nachmittags ankam, zur Zeit, wo die Hitze sich legt nnd die Italiener aufstehen und in den Straßen auf und ab spazieren. Diese Stadt liegt alt und gebrochen, in einem weiten Kreise von blühend grünen Bergen, die wie ewig junge Götter auf das morsche Menschenwerk herabsehen. Gebrochen und morsch liegt daneben auch die hohe Burg, die einst die Stadt beherrscht, ein aben tenerlicher Bau ans abenteuerlicher Zeit, mit Spitzen, Vorsprüngen, Zinnen und mit einem breitrnnden Turm, worin nur noch Eulen nnd österreichische Invaliden Hansen. Auch die Stadt selbst ist abenteuerlich gebaut, nnd wundersam, wird einem zu Sinn beim ersten Anblick dieser nraltcrtümlichcn Hänser mit ihren verblichenen FreskoS, mit ihren zerbröckelten Heiligenbildern, mit ihren Türmchen, Erkern, Gittcrfcnsterchen nnd jenen hervorstehenden Giebeln, die estradenartig auf grauen, alterschwnchcn Pfeilern ruhen, welche selbst einer Stütze bedürften. Solcher Anblick wäre allzu wehmütig, wenn nicht die Natur diese abgestorbenen Steine mit neuem Leben erfrischte, wenn nicht süße Weinreben jene gebrechlichen Pfeiler, wie die Jugend das Alter, innig nnd zärtlich umrankten, nnd wenn nicht noch süßere Mädchcngesichter auS jenen trüben Bogenfenstern hervorguckten, und über den deutschen Fremdling lächelten, der wie ein schlafwandelnder Träumer durch die blühenden Ruinen einherschwankl. 28 Reisebilder II. Ich war wirklich wie im Traum, wie in einem Traume, wo man sich auf irgend etwas besinnen will, was man ebenfalls einmal geträumt hat. Ich betrachtete abwechselnd die Häuser und die Menschen, und ich meinte fast, diese Häuser hätte ich einst in ihren besseren Tagen gesehen, als ihre hübschen Malereien noch farbig glänzten, als die goldenen Zieraten an den Fensterfriesen noch nicht so geschwärzt waren, und als die marmorne Madonna, die das Kind aus dem Anne trägt, noch ihren wunderschönen Kopf aufhatte, den jetzt die bilderstürmende Zeit so pöbelhaft abgebrochen. Auch die Gesichter der alten Frauen schienen mir so bekannt, es kam mir vor, als wären sie herausgeschnitten aus jenen altitalienischen Gemälden, die ich einst als Knabe in der Düsseldorfer Galerie gesehen habe. Ebenfalls die alten Männer schienen mir so längst-vergessen wohlbekannt, und sie schauten mich an mit ernsten Augen, wie ans der Tiefe eines Jahrtausends. Sogar die kecken jungen Mädchen hatten so etwas jahrtansendlich Verstorbenes und doch wieder blühend Aufgelebtes, daß mich fast ein Grauen anwandelte, ein süßes Granen, wie ich es einst gefühlt, als ich in der einsamen Mitternacht meine Lippen preßte ans die Lippen Marias, einer wunderschönen Frau, die damals gar keinen Fehler hatte, außer daß sie tot war. Dann aber mußt' ich wieder über mich selbst lächeln, und es wollte mich bcdünken, als sei die ganze Stadt nichts anderes als eine hübsche Novelle, die ich einst einmal gelesen, ja, die ich selbst gedichtet, und ich sei jetzt in mein eigenes Gedicht hineingezanbcrt worden, und erschräke vor den Gebilden meiner eigenen Schöpfung. Vielleicht anch, dacht' ich, ist das Ganze wirklich nur ein Traum, und ich hätte herzlich gern einen Thalcr für eine einzige Ohrfeige gegeben, bloß nin dadurch zu erfahren, ob ich wachte oder schlief. Wenig fehlte, und ich hätte diesen Artikel noch wohlfeiler eingehandelt, als ich an der Ecke des Marktes über die dicke Obstfrau hinstolpcrte. Sie begnügte sich aber damit, mir einige wirkliche Feigen an die Ohren zu werfen, und ich gewann dadurch die Überzeugung, daß ich mich in der wirklichsten Wirklichkeit befand, mitten auf dem Marktplatz von Trient, neben dem großen Brunnen, aus dessen kupfernen Tritonen und Delphinen die sitberklaren Wasser gar lieblich ermunternd emporsprangen. Links stand ein alter Palazzo, dessen Wände mit bunt allegorischen Figuren bemalt waren, und ans dessen Terrasse einige grau österreichische Soldaten zum Heldentums abgerichtet wurden. Rechts stand ein golisch-lombardisch kapriziöses Hänslein, in dessen Innerem eine süße flatterhafte Mädchenstimme so keck und lustig trillerte, daß die verwitterten Mauern vor Vergnügen oder Baufälligkeit zitterten, während oben ans dem Spitzfenster eine schwarze, labyrinthisch gekräuselte, komödiantenhafte Frisur heranS- gnckte, worunter ein scharfgezeichnetes, dünnes Gesicht hervortrat, das Reise von München nach Genna. 29 nur ans der linken Wange geschminkt war, und daher aussah wie ein Pfannkuchen, der erst ans einer Seite gebacken ist. Vor mir aber, in der Mitte, stand der uralte Dom, nicht groß, nicht düster, sondern wie ein heiterer Greis, recht bejahrt zutraulich und einladend. Kapitel xv. Als ich den grnnscidencn Vorhang, der den Eingang des Doms bedeckte, zurückschob und eintrat in das Gotteshaus, wurde mir Leib und Herz angenehm erfrischt von der lieblichen Luft, die dort wehte, und von dem besänftigend magischen Lichte, das durch die buntbemalten Fenster auf die betende Versammlung hcräbfloß. Es waren meistens Frauenzimmer, in langen Reihen hingestreckt ans den niedrigen Bethanien. Sie beteten bloß mit leiser Lippenbewcgung, und fächerten sich dabei beständig mit großen grünen Fächern, so daß man nichts hörte, als ein unaufhörlich heimliches Wispern, und nichts sah als Fächerschlag und wehende Schleier. Der knarrende Tritt meiner Stiefeln störte manche schöne Andacht, und große katholische Augen sahen mich au, halb neugierig, halb liebwillig, und mochten mir wohl raten, mich ebenfalls hinzustrecken und Secleusicsta zu halten. Wahrlich, ein solcher Dom mit seinem gedämpften Lichte und seiner lochenden Kühle ist ein angenehmer Aufenthalt, wenn draußen greller Sonnenschein und drückende Hitze. Davon hat man gar keinen Begriff in unserem protestantischen Nvrddcutschlnnd, Ivo die Kirchen nicht so komfortabel gebaut sind, und das Licht so frech durch die nubemalten Vernnuftscheibeu hineinschicßt, und selbst die kühlen Predigten vor der Hitze nicht genug schützen. Man mag sagen, was man will, der Katholizismus ist eine gute Sommerreligion. Es läßt sich gut liegen ans den Bänken dieser alten Dome, man genießt dort die kühle Andacht, ein heiliges Dvlce far nientc, man betet und träumt und sündigt in Gedanken, die Madonnen nicken so verzeihend ans ihren Nischen, weiblich gesinnt verzeihen sie sogar, wenn man ihre eigenen holden Züge in die sündigen Gedanken verflochten hat, und zum llbcrflnß steht noch in seder Ecke ein brauner Nolstnhl des Gewissens, wo man sich seiner Sünden entledigen kann. In einem solchen Stuhle saß ein junger Mönch mit ernster Miene: das Gesicht der Dame, die ihm ihre Sünden beichtete, war mir aber teils durch ihren weißen Schleier, teils durch das seiten- brett des Beichtstuhls verborgen. Doch kam außerhalb desselben eine Hand zum Vorschein, die mich gleichsam festhielt. Ich konnte nicht aufhören, diese Hand zu betrachten; das bläuliche Geäder und der vornehme Glanz der weißen Finger war mir so befremdlich wohlbekannt, und alle Tranmgewnlt meiner Seele, kam in Bewegung, um ein Gesicht zu bilden, das zu dieser Hand gehören konnte. Es war eine schöne Hand, und nicht wie man sie bei jungen Mädchen findet, 30 Rcisebilder 77. die halb Lamm, halb Rase, nur gedankenlose, Uegetabil animalische Hände haben, sie hatte vielmehr so etwas Geistiges, so etwas geschichtlich Reizendes, wie die Hände von schönen Menschen, die sehr gebildet sind oder viel gelitten haben. Diese Hand hatte dabei auch so etwas rührend Unschuldiges, daß es schien, als ob sie nicht mitzu- beichten brauche, und auch nicht hören wolle, was ihre Eigentümerin beichtete, und gleichsam draußen warte, bis diese fertig sei. DaS dauerte aber lange; die Dame mußte viele Sünden zu erzählen haben. Ich konnte nicht länger warten, meine Seele drückte einen unsichtbaren Abschicdsknß ans die schöne Hand, diese zuckte in demselben Momente, und zwar so eigentümlich, wie die Hand der toten Maria zu zucken Pflegte, wenn ich sie berührte. 77m Gottes willen, dacht' ich, was thut die tote Maria in Trient? — und ich eilte aus dem Dome. Kapitel xvi. NlS ich wieder über den Marktplatz ging, grüßte mich an der Ecke die bereits erwähnte Obstfrau recht freundlich und recht zutraulich, als wären wir alte Bekannte. Gleichviel, dacht ich, wie man eine Bekanntschaft macht, wenn man nur miteinander bekannt wird. Ein paar an die Ohren geworfene Feigen sind zwar nicht immer die beste Introduktion; aber ich und die Obstfrau sahen uns jetzt doch so freundlich an, als hätten wir uns wechselseitig die besten Empfehlungsschreiben überreicht. Die Frau hatte auch keineswegs ein übles Aussehen. Sie war freilich schon etwas in jenem Alter, Ivo die Zeit unsere Dienstjahre mit fatalen Chevets auf die Stirne anzeichnet, jedoch dafür war sie auch desto korpulenter, und was sie an Jugend eingebüßt, das hatte sie an Gewicht gewonnen. Dazu trug ihr Gr ficht noch immer die Spuren großer Schönheit, und wie ans alten Töpfen stand darauf geschrieben: „Lieben und geliebt zu werden, ist das größte Glück auf Erden." Was ihr aber den köstlichsten Reiz verlieh, das war die Frisur, die gekräuselten Locken, kreideweiß gepudert, mit Pomade reichlich gedüngt und idyllisch mit weißen Glockenblumen durchschlungcn. Ich betrachtete diese Frau mit derselben Aufmerksamkeit, wie irgend ein Antiquar seine ausgegrabenen Marmortorsos betrachtet, ich konnte an jener lebenden Menschenruine noch viel mehr studieren, ich konnte die Spuren aller Civilisationen Italiens an ihr nachweisen, der etruskischen, römischen, gotischen, lombardischen, bis herab ans die gepudert moderne, und recht interessant war mir das civilisierte Wesen dieser Frau im Kontrast mit Gcwerb und leidenschaftlicher Gewöhnung. Nicht minder interessant waren mir die Gegenstände ihres Gewerbes, die frischen Mandeln, die ich noch nie in ihrer ursprünglich grünen Schale gesehen, und die duftig frischen Feigen, die hoch aufgeschüttet lagen, wie bei uns die Birnen. Auch die großen Körbe mit frischen Citronen und Orangen ergötzten Reise von München nach Genna. 31 mich; und, wunderlieblicher Anblick! in einem leeren Korbe daneben lag ein bildschöner Knabe, der ein kleines Glöckchen in den Händen hielt, und während jetzt die große Domglocke läutete, zwischen jedem Schlag derselben mit seinem kleinen Glöckchen klingelte, und dabei so weltvergessen selig in den blancn Himmel Hincinlächelte, daß mir selbst wieder die drolligste Kinderlanne im Gemüte aufstieg, und ich mich wie ein Kind vor die lachenden Körbe hinstellte und naschte und mit der Obstfrau diSkurierte, Wegen meines gebrochenen Jtalienischsprechens hielt sie mich im Anfang für einen Engländer; aber ich gestand ihr, daß ich nur ein Deutscher sei. Sie machte sogleich viele geographische, ökonomische, hortologischc, klimatische Fragen über Deutschland, und wunderte sich, als ich ihr ebenfalls gestand, daß bei uns keine Citronen wachsen, daß wir die wenigen Citronen, die wir aus Italien bekommen, sehr pressen müssen, wenn wir Punsch inachen, und daß wir dann aus Verzweiflung desto mehr Rum zugießen. Ach, liebe Frau! sagte ich ihr, in unserem Lande ist es sehr frostig und feucht, unser Sommer ist nur ein grnuangestrichener Winter, sogar die Sonne muß bei uns eine Jacke von Flanell tragen, wenn sie sich nicht erkälten will; bei diesem gelben Flanellsonnenschcin können unsere Früchte nimmermehr gedeihen, sie sehen verdrießlich und grün aus und, unter uns gesagt, das einzige reife Obst, das wir haben, sind gebratene Äpfel. Was die Feigen betrifft, so müssen wir sie ebenfalls, wie die Citronen und Orangen, aus fremden Ländern beziehen, und durch das lange Reisen werden sie dumm und mehlig; nur die schlechteste Sorte können wir frisch aus der ersten Hand bekommen, und diese ist so bitter, daß, wer sie umsonst bekommt, noch obendrein eine Rcal- injurienklagc anstellt. Von den Mandeln haben wir bloß die geschwolleneu. Kurz, nies fehlt alles edle Obst, und wir haben nichts als Stachelbeeren, Birnen, Haselnüsse, Zwetschcn und dergleichen Pöbel. Kapitel xvii. Ich freute mich wirklich, schon gleich bei meiner Ankunft in Italien eine gute Bekanntschaft gemacht zu haben, und hätten mich nicht wichtige Gefühle nach Süden hingezogen, so wäre ich vorderhand in Trient geblieben, bei der guten Obstfrau, bei den guten Feigen und Mandeln, bei dein kleinen Glöckner und, soll ich die Wahrheit sagen, bei den schönen Mädchen, die rudelweise vorbeiströmtcn. Ich weiß nicht, ob andere Reisende hier das Beiwort „schön" billigen werden; mir aber gefielen die Trienterinnen ganz ausnehmend gut. Es war just die Sorte, die ich liebe — und ich liebe diese blassen, elegischen Gesichter, wo die großen, schwarzen Augen so liebeskrank herausstrahlcu; ich liebe auch den dunkeln )veint jener stolzen Hälse, die schon Phöbus geliebt und braun geküßt hat; ich liebe sogar jene Neisebildcr kl. überreifen Nacken, worin purpurne Pünktchen, als hätten lüsterne Vögel daran gepickt; vor allem aber liebe ich jenen genialen Gang, jene stumme Musik des Leibes, jene Glieder, die sich in den süßesten Rhythmen bewegen, iippig, schmiegsam, göttlich liederlich, sterbefaul, dann wieder ätherisch erhaben, und immer hochpoetisch. Ich liebe dergleichen, wie ich die Poesie selbst liebe, und diese melodisch bewegten Gestalten, dieses wunderbare Menschenkonzert, das an mir vorübcrrauschte, fand sein Echo in meinem Herzen, und weckte darin die verwandten Töne, Es war jetzt nicht mehr die Zanbcrmncht der ersten Überraschung, die Märchenhaftigkeit der wildfremden Erscheinung, es war schon der ruhige Geist, der, wie ein wahrer Kritiker ein Gedicht liest, jene Fraucnbilder mit entzückt besonnenem Auge betrachtete. Und bei solcher Betrachtung entdeckt man viel, viel Trübes, den Reichtum der Vergangenheit, die Armut der Gegenwart und den zurückgebliebenen Stolz, Gern möchten die Töchter Trients sich noch schmücken wie zu den Zeiten des Conciliums, wo die Stadt blühte in Saint und Seide; aber das Concilinm hat wenig ausgerichtet, der Samt ist abgeschabt, die Seide zerfetzt, und den armen Kindern blieb nichts als kümmerlicher Flitterstaat, den sie in der Woche ängstlich schonen, und womit sie sich nur des Sonntags putzen. Manche aber entbehren auch dieser Reste eines verschollenen Luxus, und müssen sich mit allerlei ordinären und wohlfeilen Fabrikaten unseres Zeitalters be- helfen. Da giebt es nun gar rührende Kontraste zwischen Leib und Kleid; der feingeschnittene Mund scheint sürstlich gebieten zu dürfen, und wird höhnisch überschattet von einem armseligen Basthut mit zerknitterten Papierblumen, der stolzeste Busen wogt in einer Krause von plump falschen Garnspitzcn, und die geistreichsten Hüften umschließt der dümmste Kattun, Wehmut, dein Name ist Kattun, und zwar braungestreifter Kattun! Denn ach! nie hat mich etwas wehmütiger gestimmt, als der Anblick einer Trienterin, die an Gestalt und Gesichtsfarbe einer marmornen Göttin glich, und ans diesem antik edlen Leib ein Kleid von braungestreiftem Kattun trug, so daß es aussah, als sei die steinerne Niobe plötzlich lustig geworden, und habe sich maskiert in unsere moderne Kleintracht, und schreite bettcl- stolz und grandios unbeholfen durch die Straßen Trients! Kapitel x?m. Als ich nach der Locanda dell'Grnudc Europa zurückkehrte, wo ich mir ein gutes Pranzo bestellt hatte, war mir wirklich so wehmütig zu Sinn, daß ich nicht essen konnte, und das will viel sagen. Ich setzte mich vor die Thüre der nachbarlichen Bodega, erfrischte mich mit Sorbet und sprach in mich hinein: Grillenhaftes Herz! jetzt bist du ja in Italien — warum tirilierst Reise von München nach Genna. 33 du nicht? Sind vielleicht die alten deutschen Schmerzen, die kleinen Schlangen, die sich tief in dir verkrochen, jetzt mit nach Italien gekommen, und sie freuen sich jetzt, und eben ihr gemeinschaftlicher Jubel erregt nun in der Brust jenes pittoreske Weh, das darin so seltsam sticht und hüpft und Pfeift? Und warum sollten sich die alten Schinerzen nicht auch einmal freuen? Hier in Italien ist es ja so schön, das Leiden selbst ist hier so schön, in diesen gebrochenen Marmorpalazzos klingen die Seufzer viel romantischer als in unseren netten Ziegelhäuschen, unter jenen Lorbeerbäumen läßt sich viel wollüstiger weinen als unter unseren mürrisch zackigen Tannen, und nach den idealischen Wvlkenbilderu des himmelblauen Italiens läßt sich viel süßer hinaufschmachten als nach dem aschgrau deutschen Werkeltagshimmel, wo sogar die Wolken nur ehrliche Spießbiirger- fratzen schneiden und langweilig hcrabgähnen! Bleibt nur in meiner Brust, ihr Schmerzen! ihr findet nirgends ein besseres Unterkommen. Ihr seid mir lieb und wert, und keiner weiß euch besser zu hegen und zu pflegen als ich, und ich gestehe euch, ihr macht mir Vergnügen. Und überhaupt, was ist denn Vergnügen? Vergnügen ist nichts als ein höchst angenehmer Schmerz. Ich glaube, die Musik, die, ohne daß ich darauf achtete, vor der Bodega erklang, und einen Kreis von Zuschauern schon um sich gezogen, hatte melodramatisch diesen Monolog begleitet. Es war ein wunderliches Trio, bestehend aus zwei Männern und einem jungen Mädchen, das die Harfe spielte. Der eine von jenen beiden, winterlich gekleidet in einen weißen Flausrock, war ein stämmiger Mann mit einem dickroten Banditengesicht, das aus den schwarzen Haupt- und Barthnarcn wie ein drohender Komet hervorbrannte, und zwischen den Beinen hielt er eine ungeheure Baßgeige, die er so wütend strich, als habe er in den Abrnzzen einen armen Reisenden niedergeworfen und wolle ihm geschwinde die Gurgel absiedeln; der andere war ein langer, hagerer Greis, dessen morsche Gebeine in einem abgelebt schwarzen Anzüge schlotterten, und dessen schneeweiße Haare mit seinem Buffvgesang und seinen närrischen Kapriolen gar kläglich kontrastierten. Ist es schon betrübend, wenn ein alter Mann die Ehrfurcht, die man seinen Jahren schuldig ist, aus Not verkaufen und sich zur Possenreißer» hergeben mußk wie viel trübseliger ist es noch, wenn er solches in Gegenwart oder gar in Gesellschaft seines Kindes thut! Und jenes Mädchen war die Tochter des alten Buffo, und sie accompagnierte mit der Harfe die unwürdigsten Spüße des greisen Vaters, oder stellte auch die Harfe beiseite und sang mit ihm ein komisches Duett, wo er einen verliebten alten Gecken und sie seine junge neckische Amante vorstellte. Obendrein schien das Mädchen kaum aus den Kinderjahren getreten zu sein, ja eS schien, als habe man das Kind, ehe es noch zur Jungfräulichkeit gelangt war, gleich Heiue'S Werke. VI. Bd. 3 34 Reisebilder II. zum Weibe gemacht, und zwar zu keinem züchtigen Weibe. Daher das bleichsüchtigc Welken und der zuckende Mißmut des schönen Gesichtes, dessen stolzgeschwungene Formen jedes ahnende Mitleid gleichsam verhöhnten; daher die verborgene Kümmerlichkeit der Augen, die unter ihren schwarzen Triumphbogen so herausfordernd leuchteten; daher der tiefe Schmerzenston, der so unheimlich kontrastierte mit den lachend schönen Lippen, denen er entschlüpfte, daher die Krankhaftigkeit der überzarten Glieder, die ein kurzes, ängstlich violettes Seidenkleidchen so tief als möglich umflatterte. Dabei flaggten grellbunte Atlasbänder auf dem verjährten Strohhut, und die Brust zierte gar sinnbildlich eine offene Rosenknvspe, die mehr gewaltsam aufgerissen als in eigener Entfaltung ans der grünen Hülle hervorgeblüht zu sein schien. Indessen, über dein unglücklichen Mädchen, diesem Frühling, den der Tod schon verderblich angehaucht, lag eine unbeschreibliche Anmut, eine Grazie, die sich in jeder Miene, in jeder Bewegung, in jedem Tone kundgab, und selbst dann nicht ganz verleugnete, wenn sie mit vorgeworfenem Leibchen und ironischer Lüsternheit dem alten Vater eutgcgentänzelte, der ebenso nnsittsam mit vorgestrecktem Bauchgerippe zu ihr heranwackclte. Je frecher sie sich gebürdete, desto tieferes Mitleiden flößte sie mir ein, und wenn ihr Gesang dann weich und wunderbar aus ihrer Brust hervvrstieg und gleichsam um Verzeihung bat, dann jauchzten in meiner Brust die kleinen Schlangen, und bissen sich vor Vergnügen in den Schwanz. Auch die Rose schien mich dann wie bittend anzusehen, einmal sah ich sie sogar erzittern, erbleichen — aber in demselben Augenblicke schlugen die Triller des Mädchens um so lachender in die Höhe, der Alte meckerte noch verliebter, und das rote Kometgesicht marterte seine Bratsche so grimmig, daß sie die entsetzlich drolligsten Tone von 'sich gab, und die Zuhörer noch toller jubelten. Kapitel xix. Es war ein echt italienisches Musikstück, ans irgend einer beliebten Opera Buffa, jener wundersamen Gattung, die dem Humor den frciesten Spielraum gewährt, und worin er sich all seiner springenden Lust, seiner tollen Empfindclci, seiner lachenden Wehmut und seiner lebenssüchtigen Todesbegeisternng überlassen kann. Es war ganz Rossinische Weise, wie sie sich im Barbier von Sevilla am lieblichsten offenbart. Die Verächter italienischer Musik, die auch dieser Gattung den Stab brechen, werden einst in der Hölle ihrer wohlverdienten Strafe nicht entgehen, und sind vielleicht verdammt, die lange Ewigkeit hindurch nichts anderes zu hören, als Fugen von Sebastian Bach. Leid ist es mir um so manchen meiner Kollegen, z. B. um Rcllstab, der ebenfalls dieser Verdammnis nicht entgehen wird, wenn er sich Reise von München nach Genua. 85 nicht vor seinem Tode zu Rossini bekehrt. Rossini, äivino maostro, Helios von Italien, der du deine klingenden Strahlen über die Welt verbreitest! verzeih meinen Landsleuten, die dich lästern, auf Schreibpapier und auf Löschpapier! Ich aber erfreue mich deiner goldenen Töne, deiner melodischen Lichter, deiner funkelnden Schmcttcrlings- trnnme, die mich so lieblich umgaukcln und mir das Herz küssen wie mit Lippen der Grazien! Oivino masstro, verzeih meinen armen LandSlentcn, die deine Tiefe nicht sehen, weil du sie mit Rosen be deckst, und denen du nicht gedankenschwer und gründlich genug bist, weil du so leicht flatterst, so gottbeflügelt! — Freilich, um die heutige italienische Musik zu lieben und durch die Liebe zu verstehen, muß man das Volk selbst vor Augen haben, seinen Himmel, seinen Charakter, seine Mienen, seine Leiden, seine Freuden, kurz seine ganze Geschichte, von Romnlus, der das heilige römische Reich gestiftet, bis ans die neueste Zeit, wo es zu Grunde ging unter Romnlus AugnstnlnS II. Dem armen geknechteten Italien ist ja das Sprechen verboten, und es darf nur durch Musik die Gefühle seines HerzenS kundgeben. All sein Groll gegen fremde Herrschaft, seine Begeisterung für die Freiheit, sein Wahnsinn über das Gefühl der Ohnmacht, seine Wehmut bei der Erinnerung an vergangene Herrlichkeit, dabei sein leises Hoffen, sein Lauschen, sein Lechzen nach Hilfe, alles dieses verkappt sich in jene Mclodiecn, die von grotesker Lebenstrnnkcnheit zu elegischer Weichheit herabgleitcn, und in jene Pantomimen, die von schmeichelnden Karossen zu drohendem Ingrimm überschnappen. DaS ist der esoterische Sinn der Opera Bnffa. Die exotcrische Schildwachc, in deren Gegenwart sie gesungen und dargestellt wird, ahnt nimmermehr die Bedeutung dieser heiteren LiebcSgcschichten, Licbcsnötcn und Liebesneckereicn, worunter der Italiener seine tödlichsten Befrciungsgedankcn verbirgt, wie Harmodins und Aristogiton ihren Dolch verbargen in einem Kranze von Myrten. Das ist halt närrisches Zeug, sagt die exvterischc Schildwache, und es ist gut, daß sie nichts merkt. Denn sonst würde der Impresario mitsamt der Prima Donna und dem Priino liomo bald jene Bretter betreten, die eine Festung bedeuten; eS würde eine UntersnchnngSkommission niedergesetzt werden, alle staatSgefährliche Triller und revolutionär- rischc Koloraturen kämen zu Protokoll, man würde eine Menge Ar- lekinc, die in weiteren Verzweigungen verbrecherischer Umtriebe verwickelt sind, auch den Tartaglia, den Brighella, sogar den alten bedächtigen Pnntalon arretieren, dem Dottore von Bologna würde man die Papiere versiegeln, er selbst würde sich in noch größeren Verdacht hincinschnattcrn, und Kvlnmbine müßte sich über dieses Fnmitiennnglück die Augen rot weinen. Ich denke aber, daß solches Unglück noch nicht über diese guten Leute hereinbrechen wird, indem die italienischen Demagogen pfiffiger sind als die armen Deutschen, 3» 36 Reisebilder II. die, ähnliches beabsichtigend, sich als schwarze Narren mit schwarzen Narrenkappen vermummt hatten, aber so auffallend trübselig aussahen und bei ihren gründlichen Narrensprüngen, die sie Turnen nannten, sich so gefährlich anstellten und so ernsthafte Gesichter schnitten, daß die Regierungen endlich aufmerksam werden und sie einstecken mußten. Kapitel xx. Die kleine Harfenistin mußte wohl bemerkt haben, daß ich, wahrend sie sang und spielte, oft nach ihrer Busenrose hinblickte, und als ich nachher auf den zinnernen Teller, womit sie ihr Honorar einsammelte, ein Geldstück hinwarf, das nicht allzuklcin war, da lächelte sie schlau, und frug heimlich, ob ich ihre Rose haben wolle. Nun bin ich aber der höflichste Mensch von der Welt, und um die Welt! möchte ich nicht eine Rose beleidigen, und sei es auch eine Rose, die sich schon ein bißchen verduftet hat. Und wenn sie auch nicht mehr, so dacht' ich, ganz frisch riecht, und nicht mehr im Gerüche der Tugend ist, wie etwa die Rose von Saron, was kümmert es mich, der ich ja doch den Stockschnupfen habe! Und nur die Menschen nehmen's so genau. Der Schmetterling fragt nicht erst die Blume: Hat schon ein anderer dich geküßt? Und diese fragt nicht: Hast du schon eine andere umflattert? Dazu kam noch, daß die Nacht hereinbrach, und des Nachts, dacht' ich, sind alle Blumen grau, die sündigste Rose ebensogut wie die tugendhafteste Petersilie. Kurz und gut, ohne allznlanges Zögern sagte ich zu der kleinen Harfenistin: Li, siAnora — — -— Denk nur nichts Böses, lieber Leser. Es war dunkel geworden, und die Sterne sahen so klar und fromm herab in mein Herz. Im Herzen selbst aber zitterte die Erinnerung an die tote Maria. Ich dachte wieder an jene Nacht, als ich vor dem Bette stand, worauf der schöne blasse Leib lag, mit sanften stillen Lippen — Ich dachte wieder an den sonderbaren Blick, den mir die alte Frau zuwarf, die bei der Leiche wachen sollte und mir ihr Amt auf einige Stunden überließ — Ich dachte wieder an die Nachtviole, die im Glase auf dem Tische stand und so seltsam duftete — Auch durchschauertc mich wieder der Zweifel, ob es wirklich ein Windzug war, wovon die Lampe erlosch. Ob wirklich kein dritter im Zimmer war? Kapitel xxi. Ich ging bald zu Bette, schlief bald ein und verwickelte mich in närrische Träume. Ich träumte mich nämlich wieder einige Stunden zurück, ich kam wieder an in Trient, ich staunte wieder wie vorher, und jetzt um so mehr, da lauter Blumen statt Menschen in den Straßen spazieren gingen. Da wandelten glühende Nelken, die sich Reise von München nach Genna, 37 wollüstig fächerten, kokettierende Balsaminen, Hyacinthen mit hübschen leeren Glockeuköpfchen, hinterher ein Troß von schnurrbärtigen Nar- cissen und tölpelhaften Ritterspvren, An der Ecke zankten sich zwei Maßliebchen, Aus dem Fenster eines alten Hauses von krankhaftem Aussehen guckte eine gesprenkelte Levkoje, gar närrisch buntgepntzt, und hinter ihr erklang eine niedlich duftende Veilchenstimme, Auf dem Balkon des großen Palazzos am Markte war der ganze Adel versammelt, die hohe Noblesse, nämlich jene Lilien, die nicht arbeiten und nicht spinnen und sich doch ebenso prächtig dünken wie König Solomon in all seiner Herrlichkeit, Auch die dicke Obstfrau glaubte ich dort zu sehen; doch als ich genauer hinblickte, war es nur eine verwinterte Ranunkel, die gleich auf mich loskeifte: „Was wollen Sie unreife Blüte? Sie saure Jurke? Sie ordinäre Blume mit man eenen Stoobfaden? Ich will ,Ihnen schon begießen!" Vor Angst eilte ich in den Dom, und überrannte fast ein altes hinkendes Stiefmütterchen, das sich von einem Gänseblümchen das Gebetbuch nachtragen ließ. Im Dome aber war es wieder recht angenehm; in langen Reihen saßen da Tulpen von allen Farben und bewegten andächtig die Köpfe, Im Beichtstuhl saß ein schwarzer Rettich, und vor ihm kniete eine Blume, deren Gesicht nicht zum Vorschein kam. Doch sie duftete so wohlbekannt schauerlich, daß ich seltsamerweise wieder an die Nachtviole dachte, die im Zimmer stand, wo die tote Maria lag. Als ich wieder aus dem Dome trat, begegnete mir ein Leichenzug von lauter Rosen mit schwarzen Floren und weißen Taschentüchern, und ach! auf der Bahre lag die srühzerrissene Rose, die ich am Busen der kleinen Harfenistin kennen gelernt, Sie sah jetzt noch viel anmutiger aus, aber ganz kreideblaß, eine weiße Rosenleiche, Bei einer kleinen Kapelle wurde der Sarg niedergesetzt; da gab es nichts als Weinen und Schluchzen, und endlich trat eine alte Klatschrose hervor und hielt eine lange Leichenpredigt, worin sie viel schwatzte von den Tugenden' der Hingeschiedenen, von einem irdischen Katzenjammerthal, von einem besseren Sein, von Liebe, Hoffnung und Glaube, alles in einem näselnd singenden Tone, eine breitgewässerte Rede, und so lang und langweilig, daß ich davon erwachte, Kapitel XXII. Mein Vetturin hatte früher denn Helios seine Gäule angeschirrt, und schon um Mittagszeit erreichten wir Ala, Hier Pflegen die Vetturine einige Stunden zu halten, um ihre Wagen zu wechseln. Ala ist schon ein echt italienisches Nest, Die Lage ist Pittoresk, an einem Berghang, ein Fluß rauscht vorder, heitergrüne Weinreben umranken hie und da die übereinander stolpernden, zusammengeflickten Bettlerpaläste, Au der Ecke des windschiefen Marktes, der so klein 38 Reisebildcr II, ist wie ein Hühnerhof, steht mit großmächtigen Buchstaben: ?in,?.?u cki Lau Naroo, Auf dem steinernen Bruchstück eines großen altadeligen Wappenschilds saß dort, ein kleiner Knabe und notdürftelte. Die Istanke Sonne beschien seine naive Rückseite, und in den Händen hielt er ein papiernes Heiligenbild, das er vorher inbrünstig küßte. Ein kleines bildschönes Mädchen stand betrachtungsvoll daneben, und blies zuweilen accompagnierend in eine hölzerne Kiudertroinpetc, Das Wirtshaus, wo ich einkehrte und zu Mittag speiste, war ebenfalls schon echt italienischer Art, Oben auf dem ersten Stockwerk eine freie Estrade mit der Aussicht nach dem Hofe, wo zerschlagene Wagen und sehnsüchtige Misthaufen lagen, Truthähne mit närrisch roten Schnabellappen und bettelstolze Pfauen cinherspazicrten, und ein halbes Dutzend zerlumpter, sonnverbrannter Buben sich nach der Bell- und Lancasterschen Methode lausten. Auf jener Estrade, längs dem gebrochenen Eiscngcländer, gelangt man in ein weites hallendes Zimmer, Fußboden von Marmor, in der Mitte ein breites Bett, worauf die Flöhe Hochzeit halten; überall großartiger Schmutz, Der Wirt sprang hin und her, um meine Wünsche zu vernehmen. Er trug einen hastig grünen Leibrock und ein vielfältig bewegtes Gesicht, worin eine lange höckerige Nase mit einer haarigen roten Warze, die mitten darauf saß, wie. ein rvtjäckiger Affe auf dem Rücken eines Kamels, Er sprang hin und her, und es war dann, als ob das rote Äffchen auf seiner Nase ebenfalls hin und her spränge. Es dauerte aber eine Stunde, ehe er das Mindeste brachte nnd wenn ich deshalb schalt, so beteuerte er, daß ich schon sehr gut italienisch spreche. Ich mußte mich lange mit dem lieblichen Bratendust begnügen, der mir cntgegcuwvgtc aus der thürlvseu Küche gegenüber, wo Mutter und Tochter nebeneinander saßen und sangen und Hühner rupften, Erstere war remarkabel korpulent; Brüste, die sich überreichlich hervorbänmten, die jedoch noch immer klein waren im Vergleich mit dem kolossalen Hintergcstell, so daß jene erst die Institutionen zu sein schienen, dieses aber ihre erweiterte Ausführung als Pandekten, Die Tochter, eine nicht sehr große, aber stark geformte Person, schien sich ebenfalls zur Korpulenz hinzuneigen; aber ihr blühendes Fett war keineswegs mit dem alten Talg der Mutter zu vergleichen, Ihre Gesichtszüge waren nicht sanft, nicht jugendlich liebreizend, jedoch schön gemessen, edel, antik; die Locken und Augen brennend schwarz. Die Mutter hingegen hatte flache, stumpfe Gesichtszüge, eine rosenrote Nase, blaue Augen, wie Beilchen in Milch gekocht, und lilienweiß gepuderte Haare, Dann und wann kam der Wirt, il siKnor paärs, herangesprungen, und fragte nach irgend einem Geschirr oder Geräte, und im Rccitativ bekam er die ruhige Weisung, es selbst zu suchen. Dann schnalzte er mit der Zunge, Neisc von München nach Genna. 8!) kramte in den Schränken, kostete aus den kochenden Töpfen, verbrannte sich das Maul, und sprang wieder fort, und mit ihm sein Nascn- kamcl und das rote Äffchen, Hinter ihnen drein schlugen dann die lustigsten Triller, wie liebreiche Verhöhnung und Familicnneckerei, Aber diese gemütliche, säst idyllische Wirtschaft unterbrach plötzlich ein Donerwctter; ein vierschrötiger Kerl mit einem brüllenden Mordgcsicht stürzte herein, und schrie etwas, das ich nicht verstand. Als beide Frauenzimmer verneinend die Köpfe schüttelten, geriet er in die tollste Wut und spie Feuer und Flamme, wie ein kleiner Vesuv, der sich ärgert. Die Wirtin schien in Angst zu geraten, und flüsterte begütigende Worte, die aber eine entgegengesetzte Wirkung hervorbrachten, so daß der rasende Mensch eine eiserne Schaufel ergriff, einige unglückliche Teller und Flaschen zerschlug, und auch die arme Frau geschlagen haben würde, hätte nicht die Tochter ein langes Küchenmcsscr erfaßt und ihn niederzustechen gedroht, im Fall er nicht sogleich abzöge. Es war ein schöner Anblick, das Mädchen stand da blaßgclb und vor Zorn erstarrend, wie ein Marmvrbild, die Lippen ebenfalls bleich, die Augen tief und tödlich, eine blangeschwollene Ader quer über der Stirn, die schwarzen Locken wie flatternde Schlangen, in den Händen ihr blutiges Messer — ich schauerte vor Lust, denn leibhaftig sah ich vor mir das Bild der Medea, wie ich es oft geträumt in meinen Jngendnächten, wenn ich entschlummert war an dem lieben Herzen Melpomcncs, der finster schönen Göttin. Während dieser Scene kam der si^nor xnclrs nicht im mindesten aus dem Geleise, mit geschäftiger Seelenruhe raffte er die Scherben vom Boden auf, suchte die Teller zusammen, die noch am Leben geblieben, brachte mir darauf: Zuppa mit Parmesanküse, einen Braten derb und fest wie deutsche Treue, Krebse rot wie Liebe, grünen Spinat wie Hoffnung mit Eiern, und zum Dessert gestovte Zwiebeln, die mir Thräncn der Rührung aus den Augen lockten. Das hat nichts zu bedeuten, das ist nun mal Pietrvs Methode, sprach er, als ich verwundert nach der Küche zeigte; und wirklich, nachdem der Urheber des Zanks sich entfernt hatte, schien es, als ob dort gar nichts vorgefallen sei, Mutter und Tochter saßen wieder ruhig nach wie vory und sangen und rupften Hühner. Die Rechnung überzeugte mich, daß auch der siKnor xuürs sich aufs Rupfen verstand, und als ich ihm dennoch außer der Zahlung etwas für die gute Hand gab, da nieste er so vergnügt stark, daß daS Affchen beinah von seinem Sitze herabgefallen wäre. Hierauf winkte ich freundlich hinüber nach der Küche, freundlich war der Gcgengruß, bald saß ich in dem eingetauschten Wagen, fuhr rasch hinab in die lombardische Ebene, und erreichte gegen Abend die uralte, weltberühmte Stadt Verona. 40 Rciselnldcr II. Kapitel xxm. Die bunte Gewalt der neuen Erscheinungen bewegte uüch in Trieut nur dämmernd und ahnungsvoll, wie Märchenschauer; in Verona aber erfaßte sie mich wie ein mächtiger Fiebertraum voll heißer Farben, scharf bestimmter Formen, gespenstischer Trompetcn- klänge und fernen Waffengeräuschcs, Da war manch verwitterter Palast, der mich so stier ansah, als wollte er mir ein altes Geheimnis anvertrauen, und er scheute sich nur vor dem Gewühl der zudringlichen Tagesmcnschen, und bäte mich, zur Nachtzeit wieder zu kommen. Jedoch trotz dem Gelärm des Volkes und trotz der wilden Sonne, die ihr rotes Licht hineingoß, hat doch hie und da ein alter dunkler Turm mir ein bedeutendes Wort zugeworfen, hie und da vernahm ich das Geflüster zerbrochener Bildsäulen, und als ich gar über eine kleine Treppe ging, die nach der Piazza de' Signori führte, da erzählten mir die Steine eine furchtbar blutige Geschichte, und ich las an der Ecke die Worte: Koala, ^.inrna^ulsi. Verona, die uralte, weltberühmte Stadt, gelegen auf beiden Seiten der Etsch, war immer gleichsam die erste Station für die germanischen Wundervoller, die ihre kalt-nordischen Wälder verließen und über die Alpen stiegen, um sich im goldenen Sonnenschein des lieblichen Italiens zu erlustigen. Einige zogen weiter hinab, andern gefiel es schon gut genug am Orte selbst, und sie machten es sich heimatlich bequem, und zogen seidene Hausgewändcr au, und ergingen sich friedlich unter Blumen und Cyprcssen, bis neue Ankömmlinge, die noch ihre frischen Eisenkleidcr anhatten, aus dem Norden kamen und sie verdrängten, — eine Geschichte, die sich oft wiederholte, und von den Historikern die Völkerwanderung genannt wird. Wandelt man jetzt durch das Weichbild Veronas, so findet man überall die abenteuerlichen Spuren jener Tage, sowie auch die Spuren der älteren und der späteren Zeiten. Au die Römer mahnt besonders das Amphitheater und der Triumphbogen; an die Zeit des Thevdv richs, des Dietrichs von Bern, von dem die Deutschen noch singen und sagen, erinnern die fabelhaften Reste so mancher byzantinisch vorgotischen Bauwerke; tolle Trümmer erinnern au König Alboin und seine wütenden Langobarden; sagenreiche Denkmale mahnen an Karvlum Magnum, dessen Paladine an der Pforte des Doms ebenso fränkisch roh gemeißelt sind, wie sie gewiß im Leben gewesen — es will uns bedünken, als sei die Stadt eine große Völkerherberge, und gleichwie man in Wirtshäusern seinen Namen auf Wand und Fenster zu schreiben Pflegt, so habe dort jedeS Volk die Spuren seiner Anwesenheit zurückgelassen, freilich oft nicht in der leserlichsten Schrift, da mancher deutsche Stamm noch nicht schreiben konnte, und sich damit behelfen mußte, zum Andenken etwas zu zertrümmern, welches Reise von München nach Genna. 41 auch hinreichend war, da diese Trümmer noch deutlicher sprechen als zierliche Buchstaben. Die Barbaren, welche jetzt die alte Herberge bezogen haben, werden nicht ermangeln, eben solche Denkmäler ihrer holden Gegenwart zu hinterlassen, da es ihnen an Bildhauern und Dichtern fehlt, nur sich durch mildere Mittel im Andenken der Menschen zu erhalten. Ich blieb nur einen Tag in Verona, in beständiger Verwunderung ob des nie Gesehenen, anstarrend jetzt die altertümlichen Gebäude, dann die Menschen, die in geheimnisvoller Hast dazwischen wimmelten, und endlich wieder den gottblauen Himmel, der das seltsame Ganze wie ein kostbarer Rahmen umschloß und dadurch gleichsam zu einem Gemälde erhob. Es ist aber eigen, wenn man in dem Gemälde, das man eben betrachtet hat, selbst steckt, und hie und da von den Figuren desselben angelächelt wird,, und gar von den weiblichen, wie's mir auf der Piazza belle Erbe so lieblich geschah. Das ist nämlich der Gemüsemarkt, und da gab es vollauf ergötzliche Gestalten, Frauen und Mädchen, schmachtend großäugige Gesichter, süße wohnliche Leiber, reizend gelb, naiv schmutzig, geschaffen vielmehr für die Nacht als für den Tag. Der weiße oder schwarze Schleier, den die Stadtfrauen auf dem Haupte tragen, war so listig um den Busen geschlagen, daß er die schönen Formen mehr verriet als verbarg. Die Mägde trugen Chignons, durchstochen mit einem oder mehreren goldenen Pfeilen, auch wohl mit einem eichelköpfigen Silber- stäbchen. Die Bäuerinnen hatten meist kleine tellerartige Strvh- hütchen mit kokettierenden Blumen an die eine Seite des Kopfes gebunden. Die Tracht der Männer war minder abweichend von der nnsrigen, und nur die Ungeheuern schwarzen Backenbärte, die aus der Krawatte hervorbuschtcn, waren mir hier, wo ich diese Mode zuerst bemerkte, etwas auffallend. Betrachtete man aber genauer diese Menschen, die Männer wie die Frauen, so entdeckte man in ihren Gesichtern und in ihrem ganzen Wesen die Spuren einer Civilisation, die sich von der nnsrigen insofern unterscheidet, daß sie nicht aus der Mittelalter-Barbarei hervorgegangen, sondern noch aus der Nömerzeit herrührt, nie ganz vertilgt worden ist, und sich nur nach dem jedesmaligen Charakter der Landesherrscher modifiziert hat. Die Civilisation hat bei diesen Menschen keine so auffallend neue Politur wie bei uns, wo die Eichenstämme erst gestern gehobelt worden sind, und alles noch nach Firnis riecht. Es scheint uns, als habe dieses Menschengewühl ans der Piazza delle Erbe im Laufe der Zeiten nur allmählich Röcke und Redensarten gewechselt, und der Geist der Gesittung habe sich dori wenig verändert. Die Gebäude aber, die diesen Platz umgeben, mögen nicht so leicht imstande gewesen sein mit der Zeit fortzuschreiten; doch schauen sie darum nicht minder anmutig, und ihr Anblick bewegt 42 Rcisebilder II, wunderbar unsere Seele. Da stehen hohe Paläste im vcnetianisch lombardischcn Stil, mit unzähligen Ballonen und lachenden Fresko- bildern; in der Biitte erhebt sich eine einzelne Denkfaule, ein Springbrunnen und eine steinerne Heilige; hier schaut man den launig rot- und weißgestreistcn Podesta, der hinter einem mächtigen Pscilcr- thor emporragt; dort wieder erblickt man einen altviereckigen Kirchturm, woran oben der Zeiger und daS Zifferblatt der Uhr zur Hälfte zerstört ist, so daß es aussieht, als wolle die Zeit sich selber vernichten — über dem ganzen Platz liegt derselbe romantische Zauber, der uns so lieblich anweht aus den phantastischen Dichtungen des Ludovico Ariosto oder des Lndovico Ticck, Nahe bei diesem Platze steht ein Haus, das man wegen eines Hutes, der über dem inneren Thor in Stein gemeißelt ist, für den Palast der Capulcts hält. Es ist jetzt eine schmutzige Kneipe für Fuhrleute und Kutscher, und als Herbcrgeschild hängt davor ein roter, durchlöcherter Blcchhut, Unfern in einer Kirche zeigt man auch die Kapelle, worin der Sage nach das unglückliche Liebespaar getraut worden, Ei» Dichter besucht gern solche Orte, wenn er auch selbst lächelt über die Leichtgläubigkeit seines Herzens, Ich fand in dieser Kapelle ein einsames Frauenzimmer, ein kümmerlich verblichenes Wesen, das nach langem Kniecn und Beten seufzend aufstand, aus kranken, stillen Augen mich befremdet ansah, und endlich wie mit gebrochenen Gliedern fortschwankte. Auch die Grabmäler der Scaliger*) sind unfern der Piazza belle Erbe, Sie sind so wundersam Prächtig wie dieses stolze Geschlecht selbst, und es ist schade, daß sie in einem engen Winkel stehen, wo sie sich gleichsam zusammendrängen müssen, um so wenig Raum als möglich einzunehmen, und wo auch dem Beschauer nicht viel Platz bleibt, um sie ordentlich zu betrachten. Es ist, als sähen wir hier die geschichtliche Erscheinung dieses Geschlechtes vergleichnist; diese füllt ebenfalls nur einen kleinen Winkel in der allgemeinen italienischen Geschichte, aber dieser Winkel ist gedrängt voll von Thatcnglanz, Gesinnnngspracht und Übermutsherrlichkeit, Wie in der Geschichte, so sieht man sie auch auf ihren Monumenten, stolze, eiserne Ritter auf eisernen Nossen, vor allen herrlich Can Grande, der Oheim, und Mastino, der Neffe, Knpitcl xxiv. Über das Amphitheater von Verona haben viele gesprochen; man hat dort Platz genug zu Betrachtungen, und es giebt keine Betrachtungen, die sich nicht in den Kreis dieses berühmten Bauwerks einfangen ließen. Es ist ganz in jenem ernsten thatsttchlichcn Stil *) Beherrschten Verona von 1260 bis 1337. Reise von München nach Genua. 48 gebaut, dessen Schönheit in der vollendeten Solidität besteht und, wie alle öffentlichen Gebäude der Römer, eincu Geist ausspricht, der nichts anderes ist, als der Geist von Rom selbst. Und Rom? Wer ist so gesund unwissend, daß nicht heimlich bei diesem Namen sein Herz erbebte, und nicht wenigstens eine traditionelle Furcht seine Denkkraft aufrüttelte? Was mich betrifft, so gestehe ich, daß mein Gefühl mehr Angst als Freude enthielt, wenn ich daran dachte, bald umherznwandeln auf dem Boden der alten Roma. Die alte Roma ist ja jetzt tot, beschwichtigte ich die zagende Seele, und du hast die Freude, ihre schöne Leiche ganz ohne Gefahr zu betrachten. Aber dann stieg wieder das Falstaffsche Bedenken in mir auf: Wenn sie aber noch nicht ganz tot wäre und sich nur verstellt hätte, und sie stände plötzlich wieder auf — es wäre entsetzlich! Als ich daS Amphitheater besuchte, wurde just Komödie darin gespielt; eine kleine Holzbude war nämlich in der Mitte errichtet, darauf ward eine italienische Posse aufgeführt, und die Zuschauer saßen unter freiem Himmel, teils auf kleinen Stühlchen, teils auf den hohen Steinbänken des alten Amphitheaters. Da saß ich nun und sah Brighellas und Tartaglias Spiegelfechtereien auf derselben Stelle, wo der Römer einst saß und seinen Gladiatoren und Tierhetzen zusah. Der Himmel über mir, die blaue Krystallschale, war noch derselbe wie damals. Es dunkelte allmählich, die Sterne schimmerten hervor. Truffaldino lachte, Smeraldina jammerte, endlich kam Pantalvne und legte ihre Hände ineinander. Das Volk klatschte Beifall und zog jubelnd von dannen. Das ganze Spiel hatte keinen Tropfen Blut gekostet. Es war aber nur ein Spiel. Die Spiele der Römer hingegen waren keine Spiele, diese Männer konnten sich nimmermehr am bloßen Schein ergötzen, es fehlte ihnen dazu die kindliche Seclenheiterkcit, und, ernsthaft wie sie waren, zeigte sich auch in ihren Spielen der barste, blutigste Ernst. Sie waren keine großen Menschen, aber durch ihre Stellung waren sie größer als andere Erdcnkindcr, denn sie standen auf Rom. So wie sie von den sieben Hügeln herabstiegen, waren sie klein. Daher die Kleinlichkeit, die wir da entdecken, wo ihr Privatleben sich ausspricht; und Herkulanum und Pompeji, jene Palimpscsten der Natur, wo jetzt wieder der alte Steintext hervorgegraben wird, zeigen dem Reisenden das römische Privatleben in kleinen Häuschen mit winzigen Stübchen, welche so auffallend kontrastieren gegen jene kolossalen Bauwerke, die das öffentliche Leben aussprachen, jene Theater, Wasserleitungen, Brunnen, Landstraßen, Brücken, deren Ruinen noch jetzt unser Staunen erregen. Aber das ist es ja eben; wie der Grieche groß ist durch die Idee der Kunst, der Hebräer durch die Idee eines heiligsten GottcS, so sind die Römer groß durch die Idee ihrer ewigen Roma, groß überall, wo sie in der Begeisterung dieser Idee gefochten, geschrieben 44 Rcisebilder H, und gebaut haben. Je größer Rom wurde, je mehr erweiterte sich diese Idee, der Einzelne verlor sich darin, die Großen, die noch hervorragen, sind nur getragen von dieser Idee, und sie macht die Kleinheit der Kleinen noch bemerkbarer. Die Römer sind deshalb zugleich die größten Helden und die größten Satiriker gewesen, Helden, wenn sie handelten, während sie an Rom dachten, Satiriker, wenn sie an Rom dachten, während sie die Handlungen ihrer Genossen beurteilten. Gemessen mit solchem ungeheuren Maßstab der Idee Rom, mußte selbst die größte Persönlichkeit zwerghaft erscheinen und somit der Spottsucht anheimfallen. Tacitus ist der grausamste Meister in dieser Satire, eben weil er die Größe Roms und die Kleinheit der Menschen am tiefsten fühlte. Recht in seinem Elemente ist er jedesmal, wenn er berichten kann, was die malitiöscn Zungen auf dem Forum über irgend eine imperiale Schandthat räsonniertcn; recht ingrimmig glücklich ist er, wenn er irgend eine senatorische Blamage, etwa eine verfehlte Schmeichelei, zu erzählen hat. Ich ging noch lange umher spazieren ans den höhereit Bänken des Amphitheaters, zurücksinnend in die Vergangenheit. Wie alle Gebäude im Abendlichte ihren inwohncnden Geist am anschaulichsten offenbaren, so sprachen auch diese Mauern zu mir in ihrem fragmcn tarischen Lapidarstil tiefernste Dinge; sie sprachen von den Männern des alten Roms, und mir war dabei, als sähe ich sie selber umher wandeln, weiße Schatten unter mir im dunkeln Cirkns. Mir war, als sähe ich die Gracchen, mit ihren begeisterten Mttrtyrerangcn. Tiberius Semprvnius, rief ich hinab, ich werde mit dir stimmen für das agrarische Gesetz! Auch Cäsar sah ich, Arm in Arm wandelte er mit Marcus Brutus. — Seid ihr wieder versöhnt? rief ich. Wir glaubten beide recht zu haben, — lachte Cäsar zu mir hinauf — ich wußte nicht, daß es noch einen Römer gab, und hielt mich deshalb für berechtigt, Rom in die Tasche zu stecken, und weil mein Sohn Marcus eben dieser Römer war, so glaubte er sich berechtigt, mich deshalb umzubringen. Hinter diesen beiden schlich Tiberius Nero mit Nebelbeincn und unbestimmten Mienen. Auch Weiber sah ich dort wandeln, darunter Agrippina mit ihrem schönen herrschsüchtigen Gc sichte, das wundersam rührend anzusehen war, wie ein altes Marmor bild, in dessen Zügen der Schmerz wie versteinert erscheint. Wen suchst du, Tochter des Germanicns? Schon hörte ich sie klagen — da erscholl plötzlich das dnmpfsinnige Geläute einer Betglvcke und das fatale Gc trvmmel des Zapfenstreichs. Die stolzen römischen Geister verschwanden, und ich war wieder ganz in der christlich-österreichischen Gegenwart. Kapitel xxv. Ans dem Platze La Bra spaziert, sobald es dunkel wird, die schöne Welt von Verona, oder sitzt dort ans kleinen Stühlchcn vor -ii-MsM Reise von München nach Genna. 4S den Kaffeebuden, und schlürft Sorbett und Abendkühle und Musik. Da läßt sich gut sitzen, daS träumende Herz wiegt sich auf süßen Tönen und erklingt im Wicderhall. Manchmal, wie schlaftrunken, taumelt es auf, wenn die Trompeten erschallen, und es stimmt ein mit vollem Orchester. Dann ist der Geist wieder sonnig ermuntert, großblumige Gefühle und Erinnerungen mit tiefen schwarzen Augen blühen hervor, und drüber hin ziehen die Gedanken, wie Wolkenzüge, stolz und langsam und ewig. Ich wandelte noch bis spät nach Mitternacht durch die Straßen Veronas, die allmählich menschenleer wurden und wunderbar wieder- halltcn. Im halben Mondlichte dämmerten die Gebäude und ihre Bildwerke, und bleich und schmerzhaft sah mich an manch marmornes Gesicht. Ich eilte schnell den Grabmälern der Scaliger vorüber; denn mir schien, als wolle Cnn Grande, artig wie er immer gegen Dichter war, von seinem Rosse herabsteigen und mich als Wegweiser begleiten. Bleib du nur sitzen, rief ich ihm zu, ich bedarf deiner nicht, mein Herz ist der beste Cicerone und erzählt mir überall die Geschichten, die in den Häusern passiert sind, und bis auf Namen und Jahreszahl erzählt es sie treu genug. Als ich an den römischen Triumphbogen kam, huschte eben ein schwarzer Mönch hindurch, und fernher erscholl ein deutsch brummendes: Wer da? Gut Freund! greinte ein vergnügter Diskant. Welchem Weibe aber gehörte die Stimme, die mir so süß unheimlich in die Seele drang, als ich über die Scala Ammazzati stieg? Es war Gesang wie aus der Brust einer sterbenden Nachtigall, todzärtlich, und wie hilferufcnd an den steinernen Häusern wiederhallend. Aus dieser Stelle hat Antonio della Seala seinen Bruder Bartolomen umgebracht, als dieser eben zur Geliebten gehen wollte. Mein Herz sagte mir, sie säße noch immer in ihrer Kammer, und erwarte den Geliebten, und sänge nur, nur ihre ahnende Angst zu überstimmen. Aber bald schienen mir Lied und Stimme so wohlbekannt, ich hatte diese seidenen, schaurigen, verblutenden Töne schon früher gehört, sie umstrickten mich wie weiche, flehende Erinnerungen, und — O du dummes Herz, sprach ich zu mir selber, kennst du denn nicht mehr das Lied vom kranken Mvhrenkönig, das die tote Maria so oft gesungen? Und die Stimme selbst — kennst du denn nicht mehr die Stimme der toten Maria? Die langen Töne verfolgten mich durch alle Straßen, bis zum Gasthof Due Torre, bis ins Schlafgemach, bis in den Traum — Und da sah ich wieder mein süßes gestorbenes Leben schön und regungslos liegen, die alte Waschfrau entfernte sich wieder mit rätselhaftem Seitenblick, die Nachtviole duftete, ich küßte wieder die lieblichen Lippen, und die holde Leiche erhob sich langsam, um mir den Gegcnkuh zu bieten. Wüßte ich nur, wer das Licht ausgelöscht hat! ' st 46 Reiscbilder II. Knpitcl XXVI. „Kennst du das Land, wo die Citroncn blühn?" Kennst du das Lied? Ganz Italien ist darin geschildert, aber mit den seufzenden Farben der Sehnsucht. In der italienischen Reise hat es Goethe etwas ausführlicher besungen, und wo er malt, hat er das Original immer vor Augen, und man kann sich auf die Treue der Umrisse und der Farbengebung ganz verlassen. Ich finde es daher bequem, hier ein für allemal auf Goethes italienische Reise hinzudeuten, um so mehr, da er bis Verona dieselbe Tour, durch Tirol, gemacht hat. Ich habe schon frühcrhinch über jenes Buch gesprochen, ehe ich den Stoff, den es behandelt, gekannt habe, und ich finde jetzt mein ahnendes Urteil vollauf bestätigt. Wir schauen näm lich darin überall thatsächliche Auffassung und die Ruhe der Natur. Goethe hält ihr den Spiegel vor, oder, besser gesagt, er ist selbst der Spiegel der Natur. Die Natur wollte wissen, wie sie aussieht, und sie erschuf Goethe. Sogar die Gedanken, die Intentionen der Natur vermag er uns wiedcrzuspicgeln, und es ist einem hitzigen Goetheancr, znmnl in den Hundstagen, nicht zu verargen, wenn er über die Identität der Spiegelbilder mit den Objekten selbst so sehr erstaunt, daß er dem Spiegel sogar Schöpfungskraft, die Kraft, ähnliche Objekte zu erschaffen, zutraut. Ein Herr Eckcrmann hat mal ein Buch über Goethe geschrieben, worin er ganz ernsthaft versichert: Hätte der liebe Gott bei Erschaffung der Welt zu Goethe gesagt: „Lieber Goethe, ich bin jetzt gottlob! fertig, ich habe jetzt alles erschaffen bis auf die Vögel und die Bäume, und du thätest mir eine Liebe, wenn du statt meiner diese Bagatellen noch erschaffen wolltest" — so würde Goethe, ebensogut wie der liebe Gott, diese Tiere und Gewächse ganz im Geiste der übrigen Schöpfung, nämlich die Vögel mit Federn, und die Bäume grün, erschaffen haben. Es liegt Wahrheit in diesen Worten, und ich bin sogar der Meinung, daß Goethe manchmal seine Sache noch besser gemacht hätte, als der liebe Gott selbst, und daß er z. B. den Herrn Eckermann viel richtiger, ebenfalls mit Federn und grün, erschaffen hätte. Es ist wirklich ein Schöpfungsfehler, daß auf dem Kopfe des Herrn Eckermann keine grünen Federn wachsen, und Goethe hat diesem Mangel wenigstens dadurch abzuhelfen gesucht, daß er ihm einen Doktorhut aus Jena verschrieben und eigenhändig aufgesetzt hat. Nächst Goethes italienischer Reise ist Frau von Morgans „Italien" und Frau von Stasls „Corinna" zu empfehlen. Was diesen Frauen an Talent fehlt, um neben Goethe nicht unbedeutend zu erscheinen, das ersetzen sie durch männliche Gesinnungen, die jenem *) Im ersten Band der „Reisebilder". Reift von München nach Genna. 47 mangeln. Denn Frau vvn Morgan hat wie ein Mann gesprochen, sie sprach Skorpionen in die Herzen frecher Söldner, und mutig und süß waren die Triller dieser flatternden Nachtigall der Freiheit. Ebenso, wie männiglich bekannt ist, war Frau von StaA eine liebenswürdige Marketenderin im Heer der Liberalen, und lief mutig durch die Reihen der Kämpfenden mit ihrem Enthnsiasmusfäßchen, und stärkte die Müden, und focht selber mit , besser als die Besten. Was überhaupt italienische Reisebcschreibungcn betrifft, so hat W. Müller vor geraumer Zeit im Hermes eine Übersicht derselben gegeben. Ihre Zahl ist Legion. Unter den älteren deutschen Schriftstellern in diesem Fache sind durch Geist oder Eigentümlichkeit am ausgezeichnetsten: Moritz, Archenhvlz, Bartels, der brave Scume, Arndt, Meyer, Benkvwitz und Rehfucs. Die neueren kenne ich weniger, und nur wenige davon haben mir Vergnügen und Belehrung gewährt. Unter diesen nenne ich des allzufrüh verstorbenen W. Müllers „Rom, Römer und Römerinnen" — ach, er war ein deutscher Dichter! — dann die Reise vvn Kephalidcs, die ein bißchen trocken ist, ferner Lehmanns „Cisalpinische Blätter", die etwas zu flüssig sind, und endlich die „Reisen in Italien seit 1822, vvn Friedrich Thiersch, Lud. Schorn, Eduard Gerhardt und Leo Vvn Klenze"; Vvn diesem Werke ist erst ein Teil erschienen, und er enthält meistens Mitteilungen von meinem lieben, edlen Thiersch, dessen humanes Auge aus jeder Zeile hervorblickt. Kapitel xxvii. Kennst du das Land, wo die Citronen blühn, Im dunkeln Laub die Goldorangen glühn, Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht, Die Myrte still und hoch der Lorbeer steht, Kennst du cS wohl? Dahin! dahin Möcht' ich mit dir, o mein Geliebter, ziehn. — Aber reise nur nicht im Anfang August, wo man des Tags von der Sonne gebraten und des Nachts von den Flöhen verzehrt wird. Auch rate ich dir, mein lieber Leser, von Verona nach Mailand nicht mit dem Postwagen zu fahren. Ich fuhr, in Gesellschaft von sechs Banditen, in einer schwerfälligen Carrozza, die wegen des allzugewaltigen Staubcs von allen Seiten so sorgfältig verschlossen wurde, daß ich von der Schönheit der Gegend wenig bemerken konnte. Nur zweimal, ehe wir BrcSeia erreichten, lüftete mein Nachbar das Seitcnleder, um hinaus zu spucken. Das eine Mal sah ich nichts als einige schwitzende Tannen, die in ihren grünen Winterröckcn von der schwülen Sonnenhitze sehr leiden schienen; das andere Mal sah ich ein Stück von einem wunder- 48 Reisebilder II. klaren blauen See, worin die Sonne und ein magerer Grenadier sich spiegelten. Letzterer, ein österreichischer Narciß, bewunderte mit kindischer Freude, wie sein Spiegelbild ihm alles getreu nachmachte, wenn er das Gewehr präsentierte oder schulterte, oder zum Schießen auslegte. Von Brescia selbst iveiß ich ebenfalls wenig zu erzählen, indem ich die Zeit meines dortigen Aufenthalts dazu benutzte, ein gutes Pranzo einzunehmen. Man kann es einem armen Reisenden nicht oerdenken, wenn er den Hunger des Leibes früher stillt als den des Geistes. Doch war ich gewissenhaft genug, ehe ich wieder in den Wagen stieg, einige Notizen über Brescia vom Cameriere zu erfragen, und da erfuhr ich unter anderem, die Stadt habe 4lU1W Einwohner, ein Rathaus, 21 Kaffeehäuser, 2l> katholische Kirchen, ein Tollhaus, eine Synagoge, eine Menagerie, ein Zuchthaus, ein Krankenhaus, ein ebenso gutes Theater, und einen Galgen für Diebe, die unter IWtM Thaler stehlen. lim Mitternacht arrivierte ich in Mailand und kehrte ein bei Herrn Reichmann, einem Deutschen, der sein Hotel ganz nach deutscher Weise eingerichtet. Es sei das beste Wirtshaus in ganz Italien, sagten mir einige Bekannte, die ich dort wiederfand, und die über italienische Gastwirte und Flohe sehr schlecht zu sprechen waren. Da hörte ich nichts als ärgerliche Histörchen von italienischen Prellereien, und besonders Sir William fluchte und versicherte, wenn Europa der Kopf der Welt sei, so sei Italien das Diebesorgan dieses Kopfes. Der arme Baronet hat in der Locanda Croce bianca zu Padua nicht weniger als zwölf Frank für ein mageres Frühstück bezahlen müssen, und zu Vicenza hat ihm jemand ein Trinkgeld abgefordert, als er ihm einen Handschuh aufhob, den er beim Einsteigen in den Wagen fallen lassen. Sein Vetter Tom sagte, alle Italiener seien Spitzbuben bis auf den einzigen Umstand, daß sie nicht stehlen. Hätte er liebenswürdiger ausgesehen, so würde er auch die Bemerkung gemacht haben, daß alle Italienerinnen Spitzbübinnen sind. Der dritte im Bunde war ein Mister Liver, den ich in Brighton als ein junges Kalb verlassen hatte, und jetzt in Mailand als einen dosnö ä In rnoUs wiederfand. Er war ganz als Dandy gekleidet, und ich habe nie einen Menschen gesehen, der es besser verstanden hätte, mit seiner Figur lauter Ecken hervorzubringen. Wenn er die Daumen in die Ärmelausschnitte der Weste einkrempte, machte er auch mit der Handwurzel und mit jedem Finger einige Ecken; ja sein Maul war sogar viereckig aufgesperrt. Dazu kommt ein eckiger Kopf, hinten schmal, oben spitz, mit kurzer Stirn und sehr langem Kinn. Unter den englischen Bekannten, die ich in Mailand wiedersah, war auch Livers dicke Tante; gleich einer Fettlawine war sie von den Alpen herab- gekvmmen, in Gesellschaft zweier schneeweißen, schneekalten Schneegänschen, Miß Pvlly und Miß Mvlly. Ncise von Mülichcn nach Genna. 49 Beschuldige mich nicht der Anglomauie, lieber Leser, wenn ich in diesem Buche sehr häufig von Engländern spreche; sie sind jetzt in Italien zn zahlreich, um sie übersehen zu können, sie durchziehen dieses Land in ganzen Schwärmen, lagern in allen Wirtshäusern, laufen überall umher, um alles zu sehen, und man kann sich keinen italienischen Citronenbanm mehr denken, ohne eine Engländerin, die daran riecht, und keine Galerie vhne ein Schock Engländer, die mit ihrem Guide in der Hand darin umherrennen, und nachsehen, ob noch alles vorhanden, waS in dem Buche als merkwürdig erwähnt ist. Wenn man jenes blonde, rotbäckige Volk mit seinen blanken Kutschen, bunten Lakaien, wiehernden Rennpferden, grünverschleierten Kammer- juugfern und sonstig kostbaren Geschirren neugierig und geputzt über die Alpen ziehen und Italien durchwandern sieht, glaubt mau eine elegante Völkerwanderung zu sehen. Und in der That, der Sohn Albions, obgleich er weiße Wäsche trägt und alles bar bezahlt, ist doch ein civilisierter Barbar in Vergleichnng mit dem Italiener, der vielmehr eine in Barbarei übergehende Civilisation bekundet. Jeuer zeigt in seinen Sitten eine zurückgehaltene Roheit, dieser eine ausgelassene Feinheit. Und gar die blassen italienischen Gesichter, in den Äugen das leidende Weiß, die Lippen krankhaft zärtlich, wie heimlich vornehm sind sie gegen die steif britischen Gesichter mit ihrer pöbelhaft roten Gesundheit! Das ganze italienische Volk ist innerlich krank, und kranke Menschen sind immer wahrhaft vornehmer als gesunde; denn nur der kranke Mensch ist ein Mensch, seine Glieder haben eine Leidensgeschichte, sie sind durchgeistet. Ich glaube sogar, durch Leidensknmpfe könnten die Tiere zu Menschen werden; ich habe mal einen sterbenden Hund gesehen, der in seinen Todesqualerl mich fast menschlich ansah. Der leidende Gesichtsausdruck wird bei den Italienern am sichtbarsten, wenn man mit ihnen vom Unglück ihres Vaterlandes spricht, und dazu giebt's in Mailand genug Geügenheit. Das ist die schmerzlichste Wunde in der Brust der Italiener, und sie zucken zusammen, sobald man diese nur leise berührt. Sie haben alsdann eine Bewegung der Achsel, die uns mit sonderbarem Mitleid erfüllt. Einer meiner Briten hielt die Italiener für politisch indifferent, weil sie gleichgültig zuzuhören schienen, wenn wir Fremde über die katholische Emancipation und den Türkenkrieg politisierten; und er war ungerecht genug, gegen einen blassen Italiener mit pechschwarzem Barte sich darüber spöttisch zu äußern. Wir hatten den Abend vorher eine neue Oper in der Scala aufführeil sehen und den Mvrdspektakel gehört, der, wie gebräuchlich, bei solchen Anlässen stattfindet. Ihr Italiener, sagt der Brite zu dein Blassen, scheint für alles abgestorben zu sein, außer für Musik, und nur noch diese vermag euch zu begeistern. Sie thun unS unrecht, sagt der Blasse und bewegte die Heiue's Werke. VI. Bd. 4 Ig Reisebildcr II. Achsel. Ach! seufzte er hinzu, Italien sitzt elegisch träumend auf seinen Ruinen, und wenn es dann manchmal bei der Melodie eines Liedes plötzlich erwacht und stürmisch cmporspringt, sv gilt diese Begeisterung nicht dem. Liede selbst, sondern vielmehr den alten Erinnerungen und Gefühlen, die das Lied ebenfalls geweckt hat, die Italien immer im Herzen trug und die jetzt gewaltig hervorbrausen, — und das ist die Bedeutung des tollen Lärms, den Sie in der Scaln gehört haben. Vielleicht gewährt dieses Bekenntnis auch einigen Aufschluß über den Enthusiasmus, den jenseits der Alpen Rossinis oder Meherbeers Opern überall hervorbringen. Habe ich jemals menschliche Raserei gesehen, so war es bei einer Aufführung des Lüoaiaüo in wenn die Mnsik manchmal aus dem weichen, wehmütigen Ton plötzlich in jauchzenden Schmerz übersprang. Jene Raserei heißt in Italien: kurors. Kapitel xxvm. Obgleich ich, lieber Leser, jetzt schon Gelegenheit hätte, bei Erwähnung der Brera und Ambrvsiana dir meine Knusturteile aufzutischen, so will ich doch diesen Kelch an dir vorübergehen lassen, und mich mit der Bemerkung begnügen, daß ich das spitze Kinn, das den Bildern der lvmbardischcn Schule einen Anstrich von Sentimentalität gicbt, anch ans den Straßen von Mailand bei mancher schönen Lombardin gesehen habe. Es war mir immer außerordentlich belehrend, wenn ich mit den Wer ken eitler Schule auch die Originale vergleichen konnte, die ihr als Modelle gedient haben: der Charakter der Schule kam mir dann klarer zur Anschauung. So ist mir auf dem Jahrmarkt zu Rotterdam. der Jan Steen in seiner göttlichsten Heiterkeit plötzlich verständlich geworden; so habe ich späterhin am Long-Arno die Formenwahrheit und den tüchtigen Geist der Florentiner, und auf dem San Marco die Farbenwahrheit und die träumerische Oberflächlichkeit der Vcuctinner begreifen lernen. Geh nach Rom, liebe Seele, und vielleicht schwingst dll dich dort hinauf zur Anschauung der Idealität und zum Verständnis des Raphael. Indessen, eine Merkwürdigkeit Mailands, die in jeder Hinsicht die größte ist, kann ich nicht unerwähnt lassen — das ist der Dom. In der Ferne scheint es, als sei er aus weißem Postpapier geschni tzelt, und in der Nähe erschrickt man, daß dieses Schnitzwerk aus unwiderlegbarem Marmor besteht. Die unzähligen Heiligenbilder, die das ganze Gebäude bedecken, die überall unter den gotischen Kron- dächlein hervorgucken, und oben auf allen Spitzen gepflanzt stehen, dieses steinerne Volk verwirrt einem fast die Sinne. Betrachtet mau das ganze Werk etwas länger, so findet man es doch recht hübsch, Reise von München nach Genua. öl kolossal niedlich, ein Spielzeug für Riesenkinder. Im mitternächtlichen Mondschein gewährt es noch den besten Anblick, dann kommen all die weißen Steinmcnschen ans ihrer wimmelnden Höhe herabgestiegen, und gehen mit einem über die Piazza, und flüstern einem alte Geschichten ins Ohr, Putzig heilige, ganz geheime Geschichten von Ga- lcazzo Visconti, der den Dvmbau begonnen, und von Napoleon Bonaparte, der ihn späterhin fortgesetzt. Siehst du — sagte mir ein gar seltsamer Heiliger, der in der neuesten Zeit ans dem neuesten Marmor gefertigt war, — siehst du, meine älteren Kameraden können nicht begreifen, warum der Kaiser Napoleon den Dombau so eifrig betrieben hat. Aber ich weiß es sehr gut, er hat eingesehen, daß dieses große Steinhaus auf jeden Fall ein sehr nützliches Gebäude sein würde, und auch dann noch branchbar, wenn einst das Christentum vorüber ist. Wenn einst das Christentum vorüber ist — Ich war schier erschrocken, als ich hörte, daß es Heilige in Italien giebt, die eine solche Sprache führen, und dazu ans einem Platze, wo österreichische Schildwachen, mit Bärenmützen und Tornistern, ans und ab gehen. Indessen, der steinerne Kauz hat gewissermaßen recht, das Innere des Domes ist hübsch kühl im Sommer, und heiter und angenehm, und würde auch bei veränderter Bestimmung seinen Wert behalten. Die Nollcndung des Domes war einer von Napoleons Licblings- gcdankcn, und er war nicht weit vom Ziele entfernt, als seine Herrschaft gebrochen wurde. Die Österreicher vollenden jetzt das Werk. Auch an dem berühmten Triumphbogen, der die Simplvnstraßc beschließen sollte, wird weiter gebaut. Freilich, Napoleons Standbild wird nicht, wie früher bestimmt war, ans die Spitze jenes Bogens gestellt werden. Immerhin, der große Kaiser hat ein Standbild hinterlassen, das viel besser ist und dauerhafter als Marmor, und das kein Österreicher unseren Blicken entziehen kann. Wenn wir andern längst von der Sense der Zeit niedergemäht und wie Spreu des Feldes verweht sein werden, wird jenes Standbild noch unversehrt dastehen; neue Geschlechter werden aus der Erde hervorwachsen, werden schwindelnd an jenes Bild hinaufsehen, und sich wieder in die Erde legen: — und die Zeit, unfähig solch ein Bild zu zerstören, wird cS in sagenhafte Nebel zu hüllen suchen, und seine ungeheure Geschichte wird endlich ein Mythos. Vielleicht nach Jahrlnnscnden wird ein spitzfindiger Schulmeister in einer grundgelehrten Dissertation unumstößlich beweisen, daß der Napoleon Bonnparte ganz identisch sei mit jenem andern Titanen, der den Göttern das Licht raubte und für dieses Bergeheu auf einem einsamen Felsen mitten im Meere angeschmiedet wurde, preisgegeben einem Geier, der täglich sein Herz zerfleischte. 82 Ncisebilder II. Kapitel xxix. Ich bitte dich, lieber Leser, halte mich nicht für einen unbedingten Bonapartisten; meine Huldigung gilt nicht den Handlungen, sondern nur dem Genius des Mannes, heiße dieser Mann nun Alexander, Cäsar oder Napoleon. Unbedingt liebe ich letzteren nur bis zum achtzehnten Brnmaire — da verriet er die Freiheit. Und er that es nicht ans Notwendigkeit, sondern aus geheimer Vorliebe für Aristokratismus. Napoleon Bonaparte war ein Aristokrat, ein adeliger Feind der bürgerlichen Gleichheit, und es war ein kolossales Mißverständnis, daß die europäische Aristokratie, repräsentiert von England, ihn so todfeindlich bekriegte; denn wenn er auch in dem Personal dieser Aristokratie einige Veränderungen vorzunehmen beabsichtigte, so hätte er doch den größten Teil derselben und ihr eigentliches Prinzip erhalten, er würde diese Aristokratie regeneriert haben, statt daß sie jetzt danieder liegt durch Alterschwäche, Blutverlust und Ermüdung von ihrem letzten, gewiß allerletzten Sieg. Lieber Leser! wir wollen uns hier ein für allemal verständigen. Ich Preise nie die That, sondern nur den menschlichen Geist/die That ist nur dessen Gewand, und die Geschichte ist nichts als die alte Garderobe des menschlichen Geistes. Doch die Liebe liebt zuweilen alte Röcke, und so liebe ich den Mantel von Marengo. „Wir sind ans dem Schlachtfclde von Marengo." Wie lachte mein Herz, als der Postillvn diese Worte sprach! Ich war in Gesellschaft eines sehr artigen Livländers, der vielmehr den Russen spielte, des Abends von Mailand abgereist, und sah des folgenden Morgens die Sonne aufgehen über das berühmte Schlachtfeld. Hier that der General Bouapartc einen so starken Zug aus dem Kelch des Ruhmes, daß er im Rausche Konsul, Kaiser, Welteroberer wurde, und sich erst zu St. Helena ernüchtern konnte. ES ist nnS selbst nicht viel besser ergangen; wir waren mitberanscht, wir haben allcS mitgetrknmt, sind ebenfalls erwacht und im Jammer der Nüchternheit machen wir allerlei verständige Reflexionen. Es will uns da manchmal bedünken, als sei der Kriegsrnhm ein veraltetes Vergnügen, die Kriege bekämen eine edlere Bedeutung und Napoleon sei vielleicht der letzte Eroberer. Es hat wirklich den Anschein, als ob jetzt mehr geistige Interessen verfochten würden als materielle, und als ob die Welthistorie nicht mehr eine Ränbergeschichte, sondern eine Gcistcrgeschichte sein solle. Der Hanpthebel, den ehrgeizige und habsüchtige Fairsten zu ihren Privatzwecken sonst so wirksam in Bewegung zu setzen wußten, nämlich die Nationalität mit ihrer Eitelkeit und ihrem Haß, ist jetzt morsch nnd abgenutzt; täglich verschwinden mehr und mehr die thörichtcn Nationalvorurteile, alle schroffen Besonderheiten gehen unter in der Neise von München nach Genna. 53 Allgemeinheit der europäischen Civilisatiou, es giebt jetzt in Europa keine Nationen mehr, sondern nur Parteien, und es ist ein wundersamer Anblick, wie diese trotz der mannigfaltigsten Farben sich sehr gut erkennen., und trotz der vielen Sprachverschiedenheiten sich sehr gut verstehen. Wie es eine materielle Staatenpolitik giebt, so giebt es jetzt auch eine geistige Parteipolitik; und wie die Staatenpvlitik auch den kleinsten Krieg, der zwischen den zwei unbedeutendsten Mächten ausbräche, gleich zu einem allgemeinen europäischen Krieg machen wurde, worin sich alle Staaten mit mehr oder minderem Eifer, ans jeden Fall mit Interesse, mischen müßten: so kann jetzt in der Welt auch nicht der geringste Kampf vorfallen, bei dem durch jene Parteipolitik die allgemein geistigen Bedeutungen nicht sogleich erkannt, und die entferntesten und heterogensten Parteien nicht gezwungen würden, pro oder contra Anteil zu nehmen. Vermöge dieser Parteipolitik, die ich, weil ihre Interessen geistiger und ihre ulkinms rackionss nicht von Metall sind, eine Geisterpolitik nenne, bilden sich jetzt, ebenso wie vermittelst der Staatenpvlitik, zwei große Massen, die feindselig einander gegenüber stehen und mit Reden und Blicken kämpfen. Die Losungsworte und Repräsentanten dieser zwei großen Parteimassen wechseln täglich, es fehlt nicht an Verwirrung, oft entstehen die größten Mißverständnisse, diese werden durch die Diplomaten dieser Geisterpolitik, die Schriftsteller, eher vermehrt als vermindert; doch, wenn auch die Köpfe irren, so fühlen die Gemüter nichtsdestoweniger, was sie wollen, und die Zeit drängt mit ihrer großen Aufgabe. Was ist aber diese große Aufgabe der Zeit? ES ist die Emnncipation. Nicht bloß die der Jrländer, Griechen, Frankfurter Juden, westindischen Schwarzen und dergleichen gedrückten Volkes, sondern es ist die Emancipation der ganzen Welt, absonderlich Europas, das mündig geworden ist, und sich jetzt losreißt von dem eisernen Gängelbande der Bevorrechteten, der Aristokratie. Mögen immerhin einige philosophische Renegaten der Freiheit die feinsten Kettcnschlüssc schmieden, um uns zu beweisen, daß Millionen Menschen geschaffen sind als Lasttiere einiger Tausend privilegierter Ritter; sie werden uns dennoch nicht davon überzeugen können, solange sie uns, wie Voltaire sagt, nicht nachweisen, daß jene mit Sätteln auf dem Rücken und diese mit Sporen an den Füßen zur Welt gekommen sind. Jede Zeit hat ihre Aufgabe, und durch die Lösung derselben rückt die Menschheit weiter. Die frühere Ungleichheit, durch das Feudalsystem in Europa gestiftet, war vielleicht notwendig, oder notwendige Bedingung zu den Fortschritten der Civilisation; jetzt aber hemmt sie diese, empört sie die eivilisierten Herzen. Die Franzosen, das Volk der Gesellschaft, hat diese Ungleichheit, die mit dem Prinzip der Gesellschaft am unleidlichsten kollidiert, notwendigerweise am 64 Reiselnlbcr 71. tiefsten erbittert, sie haben die Gleichheit zu erzwingen gesucht, indem sie die Häupter derjenigen, die durchaus hervorragen wollten, gelinde abschnitten, und die Revolution ward ein Signal für den Bcfrewngs- krieg der Menschheit. Laßt uns die Franzosen preisen! sie sorgten für die zwei größten Bedürfnisse der menschlichen Gesellschaft, für gutes Essen und 'bürgerliche Gleichheit, in der Kochkunst und in der Freiheit haben sie'die größten Fortschritte gemacht, und wenn wir einst alle als gleiche Gäste das große Ncrsvhnungsmahl halten und guter Dinge sind — denn waS gäbe es Besseres als eine Gesellschaft von Paris an einem gut- besetzten Tische? — dann wollen wir den Franzosen den ersten Toast darbringen. ES wird freilich noch einige Zeit dauern, bis dieses Fest gefeiert werden kann, bis die Emancipntivn durchgesetzt sein wird; aber sie wird doch endlich kommen, diese Zeit, wir werden, versöhnt und allgleich, um denselben Tisch sitzen; wir sind dann vereinigt, und kämpfen vereinigt gegen andere Weltübel, vielleicht am Ende gar gegen den Tod — dessen ernstes Gleichhcitsshstcn: uns wenigstens nicht so sehr beleidigt, wie die lachende Ungleichheitslehre des AristokratiSmns. Lächle nicht, später Leser. Jede Zeit glaubt, ihr Kampf sei vor allen der wichtigste, dieses ist der eigentliche Glaube der Zeit, in diesem lebt sie und stirbt sie, und auch wir wollen leben und sterben in dieser Freiheitsreligivn, die vielleicht mehr den Namen Religion verdient, als das hohle ausgestorbene Seelengespenst, das wir noch so zu benennen Pflegen — unser heiliger Kampf dünkt uns der wichtigste, wofür jemals auf dieser Erde ist gekämpft worden, obgleich historische Ahnung uns sagt, daß einst unsere Enkel auf dicscu Kampf herabsehen werden vielleicht mit demselben Glcichgültigkcits- gefühl, womit wir herabsehen ans den Kampf der ersten Menschen, die gegen ebenso gierige Ungetüme, Lindwürmer und Raubriescn, zu kämpfen hatten. Kapitel xxx. Ans dem Schlnchtfelde von Marcngo kommen einem die Betrachtungen so scharenweis angeflogen, daß man glauben sollte, es wären dieselben, die dort so mancher plötzlich aufgeben mußte, und die nun wie herrenlose Hunde umherirren. Ich liebe Schlachtfelder, denn so furchtbar auch der Krieg ist, so bekundet er doch die geistige Größe des Menschen, der seinen: mächtigsten Erbfeind, dem Tode, zu trotzen vermag. Und gar dieses Schlachtfeld, wo die Freiheit auf Blutrosen tanzte den üppigen Branttanz! Frankreich war damals Bräutigam, hatte die ganze Welt zur Hochzeit geladen, und, wie es in: Liedc heißt, Heida! an: Polterabend Zerschlug man statt der Töpfe Aristokratenköpfe. Reise von München nach Genna. Aber ach! jeder Zell, den die Menschheit weiter rückt, kästet Ströme Blutes; und ist das nicht etwa zu teuer? Ist das Lehen des In dividuums nicht vielleicht ebensoviel wert wie daS des ganzen Geschlechtes? Denn jeder einzelne Arensch ist schan eine Welt, die mit ihm geboren wird und mit ihm stirbt, unter jedem Grabstein liegt eine Weltgeschichte — Still davon! so würden die Toten sprechen, die hier gefallen sind; nur aber leben und wollen weiter kämpfen im heiligen Befreiungskriege der Menschheit. Wer denkt jetzt noch an Marengo! — sagte mein Reisegefährte, der livländischc Russe, als wir über das Brachfeld fuhren — jetzt sind alle Augen gerichtet nach dem Balkan, wo mein Landsmann Diebitsch den" Türken die Turbane zurechtsetzt, und wir werden noch dieses Jahr Konstautinopel einnehmen. Sind Sie gut russisch? Das war eine Frage, die ich überall lieber beantwortet hätte als auf dem Schlachtfelde von Marcngo — Ich sah im Morgennebel den Mann mit dem dreieckigen Hütchen und dem grauen Schlacht- mantcl, er jagte dahin wie ein Gedanke, geistcrschncll, in der Ferne erscholl es wie ein schaurig süßes Allans, snlnnts eis In pntris — Und dennoch antwortete ich: Ja, ich bin gut russisch. Und in der That, bei dem wunderlichen Wechsel der Losungsworte und Repräsentanten in dein großen Kampfe hat es sich jetzt so gefügt, daß der glühendste Freund der Revolution nur im Siege Nußlands das Heil der Welt sieht, und den Kaiser Nikolas als den Gonfaloniere der Freiheit betrachten muß. Seltsamer Wechsel! noch vor zwei Jahren bekleideten wir mit diesem Amtc einen englischen Minister, daS Geheul des hochtoryschcn Hasses gegen George Cauning leitete damals unsere Wahl; in den adlig unedlen Kränkungen, die er erlitt, sahen wir die Garnnticeu seiner Treue, und als er des Märthrertodes starb, da legten wir Trauer an, und der 8. August wurde ein heiliger Tag im Kalender der Freiheit. Die Fahne aber nahmen wir wieder fort von Downingstrcet, und pflanzten sie auf die Petersburg, und wählten zu ihrem Träger den Kaiser Nikolas, den Ritter von Europa, der die griechischen Witwen und Waisen schützte gegen asiatische Barbaren, und in solchem guten Kampfe seine Sporen verdiente. Wieder hatten sich die Feinde der Freiheit zu sehr verraten, und wir benutzten wieder den Scharfsinn ihreS Hasses, um unser eigenes Beste zu erkennen. Wieder zeigte sich diesmal die gewöhnliche Erscheinung, daß nur unsere Repräsentanten vielmehr der Stimmenmehrheit unserer Feinde als der eigenen Wahl verdanken, und indem wir die wunderlich zusammengesetzte Gemeinde betrachteten, die für das Heil der Türkei und den Untergang Rußlands ihre frommen Wünsche gen Himmel sandte, so merkten wir bald, wer unser Freund oder vielmehr der Schrecken unserer Feinde ist. Wie mußte der liebe Gvtt im Himmel lachen, als er zu gleicher Zeit Ig Reisebilder H, Wellington, den Großmufti, den Papst, Rothschild I., Metternich, und einen ganzen Troß von Ritterlingen, Stvckjobbern, Pfaffen und Türken für dieselbe Sache, für das Heil des Halbmonds, beten hörte! WaS die Alarmisten bisher über die Gefahr gefabelt, der wir durch die Übergröße Rußlands ausgesetzt sind, ist thvricht, Wenigstens nur Deutsche haben nichts zu riskieren, etwas mehr oder weniger Knechtlichkeit, darauf darf es uns nicht ankommen, wo das Höchste, die Befreiung von den Resten des Feudalismus und Klerikalismns, zu gewinnen ist. Man droht uns mit der Herrschaft der Knute, aber ich will gern etwas Knute aushalten, wenn ich sicher weiß, daß unsere Feinde sie mitbekommen. Ich wette aber, sie werden, wie sie immer gethan, der neuen Macht entgcgenwcdeln, und graziös lächeln, und zu den schandbarsten Diensten sich darbieten, und sich dafür, da doch einmal gcknntct werden muh, das Privilegium einer Ehrcnknutc ausbedingen, so wie der Adlige in Siam, der, wenn er bestraft werden soll, in einen seidenen Sack gesteckt und mit parfümierten Stöcken geprügelt wird, statt daß der straffällige Bürgerliche nur einen leinenen Sack und keine so wohlriechende Prügel bekommt. Nun, dieses Privilegium, da es das einzige ist, wollen wir ihnen gönnen, wenn sie nur Prügel bekommen, besonders die englische Nvbility, Mag man noch so eifrig erinnern, daß es eben diese Nvbility sei, die dem Despotismus die Magna Charta abgezwungen, und daß England, bei aller Nufrechthaltnng der bürgerlichen Standesunglcichheit, doch die persönliche Freiheit gesichert, daß England der Zufluchtsort für freie Geister war, wenn der Despotismus den ganzen Kontinent unterdrückte: — Das sind tsrnpi xassacki! England mit seinen Aristokraten gehe jetzt immerhin zu Grunde, freie Geister haben jetzt im Notfall einen noch besseren Zufluchtsort; würde auch ganz Europa ein einziger Kerker, so gäbe es jetzt noch immer ein anderes Loch zum Entschlüpfen, das ist Amerika, und gottlob! das Loch ist noch größer als der Kerker selbst. Aber das sind alles lächerliche Grillen: vergleicht man in freiheitlicher Hinsicht England mit Nußland, so bleibt auch dem Besorglichsten kein Zweifel übrig, welche Partei zu erfassen sei. Die Frei hcit ist in England aus historischen Begebenheiten, in Nußland ans Prinzipien hervorgegangen. Wie jene Begebenheiten selbst, so tragen auch ihre geistigen Resultate das Gepräge des Mittelalters, ganz England ist erstarrt in unvcrjüngbaren, mittelalterlichen Institutionen, wohinter sich die Aristokratie verschanzt und den Todeskampf erwartet. Jenen Prinzipien aber, woraus die russische Freiheit entstanden ist oder vielmehr täglich sich weiter entfaltet, sind die liberalen Ideen unserer neuesten Zeit; die russische Regierung ist durchdrungen von diesen Ideen, ihr unumschränkter Absolutismus ist vielmehr Diktatur, um jene Ideen unmittelbar ins Leben treten zu lassen; diese Regierung Reise von München nach Genna. 57 hat nicht ihre Wurzel im Feudalismus und KlerikaliSiuuS, sie ist der Adel- und Kirchcngewalt direkt entgcgcnstrebcnd; schau Katharina hat die Kirche eingeschränkt, und der russische Adel entsteht durch Staatsdienste; Rußland ist ein demokratischer Staat, und ich mächte es sogar einen christlichen Staat nennen, wenn ich dieses oft mißbrauchte Wort in seinem süßesten, weltbürgcrlichsten Sinne anwenden wollte; denn die Russen werden schon durch den kimfang ihres Reichs von der Engherzigkeit eines heidnischen Nativnalsinnes befreit, sie sind Kosmopoliten oder wenigstens Sechstel-Kosmopoliten, da Nußland fast den sechsten Teil der bewohnten Welt ausmacht. — Und wahrlich, wenn irgend ein Dentschrnsse, wie mein livländi- sche r Reisegefährte, prahlerisch patriotisch thut, und von unserem Nußland und unserem Dicbitsch spricht, so ist mir, als hörte ich einen Hering, der das Weltmeer für sein Vaterland und den Walfisch für seinen Landsmann ausgicbt. Kapitel xxxi. Ich bin gut russisch — sagte ich ans dem Schlachtfclde von Marengo, und stieg für einige Minute» aus dem Wagen, um meine Morgenandacht zu halten. Wie unter einem Trinmphbogcu von kolossalen Wvlkenmassen zog di e Sonne herauf, siegreich, heiter, sicher, einen schönen Tag verheißend. Mir aber ward zu Mute wie dem armen Blonde, der verbleichend noch am Himmel stand. Er hatte seine einsame Laufbahn durchwandelt, in öder Nachtzeit, wo das Glück schlief und nur Gespenster, Eulen und Sünder ihr Wesen trieben; und jetzt, wo der junge Tag hervorstieg mit jubelnden Strahlen und flatterndem Morgenrot, jetzt mußte er von bannen — noch ein wehmütiger Blick nach dem großen Weltlicht, und er verschwand wie duftiger Nebel. ES wird ein schöner Tag werden, rief mein Reisegefährte aus dem Wagen mir zu. Ja, es wird ein schöner Tag werden, wiederholte leise mein bctcndcS Herz, und zitterte vor Wehmut und Freude. Ja, es wird ein schöner Tag werden, die Freiheitssvnuc wird die Erde glücklicher wärmen, als die Aristokratie sämtlicher Sterne; em- porblüheu wird ein neues Geschlecht, das erzeugt worden in freier Wahlumarmung, nicht im Zwangsbette und unter der Kontrolle geistlicher Zöllner; mit der freien Geburt werden auch in den Menschen freie Gedanken und Gefühle zur Welt kommen, wovon wir geborenen Knechte keine Ahnung haben — O! sie werden ebensowenig ahnen, wie entsetzlich die Nacht war, in deren Dunkel wir leben mußten, und wie grauenhaft wir zu kämpfen hatten, mit häßlichen Gespenstern, dumpfen Eriken und scheinheiligen Sündern! O wir armen Kämpfer, die wir unsere Lebenszeit in solchem Kampfe vergeuden mußten, und müde und bleich sind, wenn der Siegestag L8 Reisebilder 71. hervorstrahlt! Die Glut des Sonnenaufgangs wird nnscrc Wangen nicht mehr röten nnd unsere Herzen nicht mehr wärmen können, wir sterben dahin wie der scheidende Mond — allzukurz gemessen ist des Menschen Wnnderbahn, an deren Ende daS unerbittliche Grab. Ich weiß wirklich nicht, ob ich es verdiene, daß man mir einst mit einein Lorbeerkränze den Sarg verziere. Die Poesie, wie sehr ich sie auch liebte, war immer nur heiliges Spielzeug, oder geweihtes Mittel für himmlische Zwecke. Ich habe nie großen Wert gelegt ans Dichtcrrnhm, nnd ob man meine Lieder preist oder tadelt, es kümmert mich wenig. Aber ein Schwert sollt ihr mir auf den Sarg legen; denn ich war ein braver Soldat im Befreiungskriege der Menschheit. Kapitel XXXII. Während der Mittagshitzc suchten wir Obdach in einem Franzis- kancrkloster, das ans einer bedeutenden Anhöhe lag, nnd mit seinen düsteren Cypresscn nnd weißen Mönchen wie ein Jagdschloß des Glaubens hinab schaute in die heiter grünen Thnlcr des Apennins. Es war ein schöner Banc wie ich denn, außer der Kartbausc zu Monza, die ich nur von außen sah, noch sehr merkwürdigen Klöstern nnd Kirchen vorbeigekommen bin. Ich wußte oft nicht, sollte ich mehr die Schönheit der Gegend bewundern, oder die Größe der alten Kirchen, oder die ebenso große, stcinfeste Gesinnung ihrer Erbauer, die wohl voraussehen konnten, daß erst späte Urenkel imstande sein würden, solch ein Bauwerk zu vollenden, und die dessenungeachtet ganz ruhig den Grundstein legten und Stein auf Stein trugen, bis der Tod sie von der Arbeit abrief, nnd andere Baumeister das Werk fortsetzten nnd sich nachher ebenfalls zur Ruhe begaben — alle im festen Glauben an die Ewigkeit der katholischen Religion nnd im festen Vertrauen auf die gleiche Denkweise der folgenden Geschlechter, die weiter bauen würden, wo die Vorfahren aufgehört. Es war der Glaube der Zeit, und die alten Baumeister lebten und entschliefen in diesem Glauben. Da liegen sie nun vor den Thürcn jener alten Kirchen, und es ist zu wünschen, daß ihr Schlaf recht fest sei, nnd das Lachen der neuen Zeit sie nicht erwecke. Absonderlich für solche, die vor einem von den alten Domen liegen, die nicht fertig geworden sind, für solche wäre es sehr schlimm, wenn sie des Nachts plötzlich erwachten, und im schmerzlichsten Mondschein ihr unvollendetes Tagewerk sähen, nnd bald merkten, daß die Zeit des Weiterbauens aufgehört hat, nnd daß ihr ganzes Leben nutzlos war nnd dumm. So spricht die jetzige neue Zeit, die eine andere Aufgabe hat, einen andern Glauben. Ich hörte einst in Köln, wie ein kleiner Bube seine Mutter frng, warum man die halben Dome nicht fertig baue. Es war ein Reise von München nach Genna. schöner Bube, und ich küßte ihm die klugen Augen, und da die Mutter ihm keine rechte Antwort geben konnte, so sagte ich ihm, daß jetzt die Menschen ganz etwas anderes zn thnn hätten. Unfern von Genna, ans der Spitze der Apcnninen, sieht man das Meer, zwischen den grünen GcbirgSgipfeln kommt die blane Flut zum Vorschein, und Schiffe, die man hier und da erblickt, scheinen mit vollen Segeln über die Berge zu fahren. Hat man aber diesen Anblick zur Zeit der Dämmerung, wo die letzten Sonnenlichter mit den ersten Abcndschatten ihr wunderliches Spiel beginnen, und alle Farben und Formen sich nebelhaft verweben' dann wird einem ordentlich märchenhaft zu Mute, der Wagen rasselt bergab, die schläfrig süßesten Bilder der Seele werden aufgerüttelt und nicken wieder ein, und es träumt einem endlich, man sei in Genna. Diese Stadt ist alt ohne Nltcrtiimlichkcit, eng ohne Traulichkcit, und häßlich über alle Maßen. Sie ist ans einem Felsen gebaut, am Fuße von amphithcatralischen Bergen, die den schönsten Meerbusen gleichsam umarmen. Die Gennescr erhielten daher von der Natur den besten und sichersten Hafen. Da, wie gesagt, die ganze Stadt ans einem einzigen Felsen steht, so mußten, der Raumersparnis wegen, die Hänser sehr hoch und die Straßen sehr eng gebaut werden, so daß diese fast alle dunkel sind, und nur ans zweien derselben ein Wagen fahren kann. Aber die Häuser dienen hier den Einwohnern, die meistens Kanflcute sind, fast nur zu Warenlagern, und dcS Nachts zu Schlafstellen; den schachernden Tag über laufen sie umher in der Stadt oder sitzen vor ihrer Hansthüre, oder vielmehr in der HanSthüre, denn sonst würden sich die Gcgenüberwohncnden einander mit den Knicen berühren. Von der Seeseite, besonders gegen Abend, gewährt die Stadt eine» besseren Anblick. Da liegt sie am Meere wie das gebleichte Skelett eines ausgeworfenen Riesentiers, dunkle Nmciscn, die sich Gcnneser nennen, kriechen darin herum, die blauen MeereSweilen bespülen es plätschernd wie ei» Ammcnlicd, der Mond, das blasse Auge der Nacht, schaut mit Wehmut daraus hinab. Im Garten des Palnzzv Dorm steht der aite Sceheld als Neptun in einem großen Wasscrbassin. Aber die Statue ist verwittert und verstümmelt, das Wasser ausgetrocknet, und die Möwen nisten in den schwarzen Cyprcssen. Wie ein Knabe, der immer seine Komödien im Kopf hat, dachte ich bei dem Namen Dorla gleich an Friedrich Schiller, den edelsten, wenn auch nicht größten Dichter der Deutschen. Obgleich meistens in Verfall, sind die Paläste der ehemaligen Machthaber von Genna, der Nobili, dennoch sehr schön, und mit Pracht überladen. Sie stehen meistens ans den zwei großen Straßen, 6l) Ncisebilder 77. genannt Strada nnova und Balbi. Der Palast Durazzo ist der merkivürdigste. Hier sind gute Bilder, und darunter Paul Vervneses Christus, dem Magdalena die gewaschenen Füße abtrocknet. Diese ist sv schön, daß man fürchten sollte, sie werde gewiß noch einmal verführt werden. Ich stand lange vor ihr — ach, sie schaute nicht ans! Christus steht da wie ein Religivns-Hamlct: Llo to a, nunnsrz-! Hier fand ich auch einige Holländer und vorzügliche Bilder von Rubens; letztere ganz durchdrungen von der ganz kolossalen Heiterkeit dieses niederländischen Titanen, dessen Geistesflügel so stark waren, daß er bis zur Sonne emporflog, obgleich hundert Zentner holländischer Käse an seinen Beinen hingen. Ich kann an dem kleinsten Bilde dieses großen Malers nicht vorübergehen, ohne den Zoll meiner Bewunderung zu entrichten. Um so mehr, da es jetzt Mode wird, ihn ob seines Mangels an Idealität nur mit Achselzucken zu betrachten. Die historische Schule in München zeigt sich besonders groß in solcher Betrachtung. Man sehe nur, mit welcher vornehmen Geringschätzung der langhaarige Cornelianer durch den Rubenssaal wandelt! Vielleicht aber ist der Irrtum der Jünger erklärlich, wenn man den großen Gegensatz betrachtet, den Peter Cornelius zu Peter Paul Rubens bildet. Es läßt sich fast kein größerer Gegensatz ersinnen — und nichtsdestoweniger ist mir bisweilen zu Sinn, als hätten beide dennoch Ähnlichkeiten, die ich mehr ahnen als anschauen könne. Vielleicht sind landsmannschaftliche Eigenheiten in ihnen verborgen, die den dritten Landsmann, nämlich mich, wie leise heimische Laute ansprechen. Diese geheime Verwandtschaft besteht aber nimmermehr in der niederländischen Heiterkeit und Farbenlust, die uns aus allen Bildern des Rubens entgcgenlacht, so daß man meinen sollte, er habe sie im freudigen Rheinweinrausch gemalt, während tanzende Kirmesmusik um ihn her jubelte. Wahrlich, die Bilder des Cornelius scheinen eher am Karfreitage gemalt zu sein, während die schwermütigen Leidenslieder der Prozession durch die Straßen zogen und im Atelier und. Herzen des Malers wiederhallten. In der Produktivität, in der Schöpfungskühnheit, in der genialen Ursprünglichkeit sind sich beide ähnlicher, beide sind geborene Maler, und gehören zu dem Chklus großer Meister, die größtenteils zur Zeit des Raphael blühten, einer Zeit, die auf Rubens noch ihren unmittelbaren Einfluß üben konnte, die aber von der unsrigen sv abgeschieden ist, daß wir ob der Erscheinung des Peter Cornelius fast erschrecken, daß er uns manchmal vorkommt wie der Geist eines jener großen Maler aus raphaelischer Zeit, der ans dein Grabe hervorsteche, nm noch einige Bilder zu malen, ein toter Schöpfer, selbstbcschworen durch das mitbegrabene, inwohnende LebcnSwort. Betrachten wir seine Bilder, so sehen sie uns an wie mit Augen des fünfzehnten Jahrhunderts, gespenstisch sind die Gewänder, als rauschten sie uns vorbei Reise von München nach Genna. um Mitternacht, zauberkrästig sind die Leiber, tranmrichtig gezeichnet, gewaltsam wahr, nnr das Blnt fehlt ihnen, das pulsierende Leben, die Farbe. Ja, Cornelius ist ein Schöpfer, doch betrachten wir seine Geschöpfe, so will es nnS bcdünken, als könnten sie alle nicht lange leben, als seien sie alle eine Stunde vor ihrem Tode gemalt, als trügen sie alle die wehmütige Ahnung des Sterbens. Trotz ihrer Heiterkeit erregen die Gestalten des Rubens ein ahnliches Gefühl in unserer Seele, diese scheinen ebenfalls den Todeskeim in sich zu tragen, und es ist uns, als müßten sie eben durch ihre Lebcnsübcrfülle, durch ihre rote Vollblütigkeit, plötzlich vom Schlage gerührt werden. Das ist sie vielleicht, die geheime Verwandtschaft, die wir in der Ver- gleichnng beider Meister so wnndcrsam ahnen. Die höchste Lust in einigen Bildern des Rubens und der tiefste Trübsinn in denen des Cornelius erregen in uns vielleicht dasselbe Gefühl. Woher aber dieser Trübsinn bei einem Niederländer? Es ist vielleicht eben das schaurige Bewußtsein, daß er einer längst verklnngenen Zeit angehört und sein Leben eine mystische Nnchsendnng ist — denn ach! er ist nicht bloß der einzige große Maler, der jetzt lebt, sondern vielleicht auch der letzte, der ans dieser Erde malen wird; vor ihm, bis zur Zeit der Cnraccis, ist ein langes Dunkel, und hinter ihm schlagen wieder die Schatten zusammen, seine Hand ist eine lichte, einsame Geisterhand in der Nacht der Kunst, und die Bilder, die sie malt, tragen die unheimliche Traner solcher ernsten, schroffen. Abgeschiedenheit. Ich habe diese letzte Malerhand nie ohne geheimen Schauer betrachten können, wenn ich den Mann selbst sah, den kleinen scharfen Mann mit den heißen Angein und doch wieder erregte diese Hand in mir das Gefühl der traulichsten Pietät, da ich mich erinnerte, daß sie mir einst liebreich auf den kleinen Fingern lag, und mir einige GcsiclMkontnren ziehen half, als ich, ein kleines Bübchen, auf der Akademie zu Düsseldorf zeichnen lernte. Kapitel xxxiv. Die Sammlung von Porträts schöner Genueserinnen, die im Palast Dnrazzo gezeigt wird, darf ich nimmermehr unerwähnt lassen. Nichts auf der Welt kann nnscrc Seele trauriger stimmen, als solcher Anblick von Porträts schöner Frauen, die schon seit einigen Jahrhunderten tot sind. Melancholisch überkriccht uns der Gedanke, daß von den Originalen jener Bilder, von all jenen Schönen, die so lieblich, so kokett, sv witzig, sv schalkhaft und sv schwärmerisch waren, von all jenen Mniköpfchcn mit Aprillannen, von jenem ganzen Frauenfriihling nichts übrig geblieben ist als diese bunten Schatten, die ein Maler, der gleich ihnen längst vermodert ist, auf ein morsch Stückchen Leinwand gepinselt hat, das ebenfalls mit der Zeit in Staub zerfällt und verweht. Sv geht alles Leben, das Schöne ebenso wie Reisebildcr 11. daS Häßliche, spurlos vorüber, der Tod, der dürre Pedant, verschont die Rose ebensowenig wie die Distel, er vergißt auch nicht das einsame Httlmchen in der fernsten Wildnis, er zerstört gründlich und unaufhörlich, und überall sehen nur, wie er Pflanzen und Tiere, die Menschen und ihre Werte, zu Staub zerstampft, und selbst jene ägyptischen Pyramiden, die seiner Zerstörungswut zu trotzen scheinen, sie sind nur Trophäen seiner Macht, Denkmäler der Vergänglichkeit, uralte Königsgräbcr. Aber noch schlimmer als dieses Gefühl eines ewigen Sterbens, einer öden gähnenden Vernichtung, ergreift uns der Gedanke, daß wir nicht einmal als Originale dahinsterben, sondern als Kopien von längst verschollenen Menschen, die geistig und körperlich uns gleich waren, und daß nach uns wieder Menschen geboren werden, die wieder ganz aussehen und fühlen und denken werden wie wir, und die der Tod ebenfalls wieder vernichten wird — ein trostlos ewiges Wiederholungsspiel, wobei die zeugende Erde beständig hervorbringen und mehr hervorbringen muß, als der Tod zu zerstören vermag, so daß sie, in solcher Not, mehr für die Erhaltung der Gattungen als für die Originalität der Individuen sorgen kann. Wunderbar erfaßten mich die mystischen Schauer dieses Gedankens, als ich im Palast Dnrazzo die Porträts der schönen Genuesen»»«!- sah, und unter diesen ein Bild, das in meiner Seele einen süßen Sturm erregte, wovon mir noch jetzt, wenn ich daran denke, die Augenwimpern zittern — Es war das Bild der toten Maria. Der Aufseher der Galerie meinte zwar, das Bild stelle eine Herzogin von Genua vor, und im ciccrvneschcn Tone setzte er Hinz»! Es ist gemalt von Giorgio Barbarelli del Castelfranco de Trcvigiano, genannt Giorgione, er war einer der größten Maler der vcnetinnischcn Schule, wurde geboren im Jähre 1477 und starb im Jahre 1511. Lassen Sie das gut sein, Signor Cnstode. Das Bild ist gut getroffen, mag es immerhin ein paar Jahrhunderte im voraus gemalt sein, das ist kein Fehler. Zeichnung richtig, Farbengcbnng vorzüglich, Faltenwurf des Brnstgewandes ganz vortrefflich. Haben Sie doch die Güte, das Bild für einige Augenblicke von der Wand hcrabznnehincn, ich will nur den Staub von den Lippen abblasen und auch die Spinne, die in der Ecke des RahmcnS sitzt, fortscheuchen — Maria hatte immer einen Abscheu vor Spinnen. Excellenza scheinen ein Kenner zn sein. Daß ich nicht wüßte, Signor Cnstode. Ich habe das Talent, bei manchen Bildern sehr gerührt zu werden, und es wird mir dann etwas feucht in den Angen. Aber was sehe ich! von wem ist das Porträt des Mannes im schwarzen Mantel, das dort hängt? Es ist ebenfalls von Giorgione, ein Meisterstück. Ich bitte Sie^ Signor, haben Sie doch die Giite, eS ebenfalls Dic Bäder von Linea. 63 von der Wand hernbzunehmen und einen Augenblick hier neben dein Spiegel zn halten, damit ich vergleichen kann, ob ich dein Bilde ähnlich sehe. Exccllenza sind nicht so blaß. Das Bild ist ein Meisterstück von Giorgione; er war Rival des Tizians, wurde geboren im Jahre 1477 und starb im Jahre 1311. Lieber Leser, der Giorgione ist mir weit lieber, als der Tizians, und ich bin ihm besonders Dank schuldig, daß er mir die Maria gemalt. Du wirst gewiß ebensogut wie ich einsehen, daß Giorgione für mich das Bild gemalt hat, und nicht für irgend einen alten Gcnueser. Und eS ist sehr gut getroffen, totschweigend getroffen, es fehlt nicht einmal der schmerz im Auge, ein Schmerz, der mehr einem getrimmten als einem erlebten Leide galt, und sehr schwer zn malen war. Das ganze Bild ist wie hingeseufzt auf die Leinwand. Auch der Mann im schwarzen Mantel ist gut gemalt, und die niali- tiöS sentimentalen Lippen sind gut getroffen, sprechend getroffen, als wollten sie eben eine Geschichte erzählen — es ist die Geschichte von dem Ritter, der seine Geliebte aus dem Tode nnfküssen wollte, und als das Licht erlosch II. Die Bäder von Lncca. Ich bin wie Wcib dem Mauuc Graf August vou Ptatcu Ha llc r m ii udc. Will der Herr Gros ciu Täuzchcu wagcu, So mag cr's sagcu, Ich spiel' ihm auf. Figaro. lKarl Jmmermann, dem Dichter, widmet diese Blätter als ein Zeichen freudigster Verehrung der Verfasser.) Knpitcl I. Als ich zu Mathilden ins Zimmer trat, hatte sie den letzten Knopf des grünen Rcitkleides zugeknöpft, und wollte eben einen Hut mit weißen Federn aufsetzen. Sic warf ihn rasch von sich, sobald sie mich erblickte, mit ihren wallend goldenen Locken stürzte sie mir entgegen — Doktor des Himmels und der Erde! rief sie, und nach alter Gewohnheit ergriff sie meine beiden Ohrlappcn und küßte mich mit der drolligsten Herzlichkeit. Wie geht'S, wahnsinnigster der Sterblichen! Wie glücklich bin ich, Sie wiederzusehen! Denn ich werde nirgends auf dieser weiten Welt einen verrückteren Menschen finden. Narren und Dummköpfe 64 Reisebilder ll. gicbt eS gcmig, und uiail erzeigt ihnen oft die Ehre, sie für verrück! zu halten; aber die wahre Verrücktheit ist so selten wie die wahre Weisheit, sie ist vielleicht gar nichts anderes als Weisheit, die sich geärgert hat, daß sie alles weiß, alle Schändlichkeit dieser Welt, und die deshalb den weisen Entschluß gefaßt hat, verrückt zu werden. Die Orientalen sind ein gescheites Volk, sie verehren einen Verrückten wie einen Propheten, wir aber halten jeden Propheten für verrückt. Aber, Mylady, warum haben Sie mir nicht geschrieben? Gewiß, Doktor, ich schrieb Ihnen einen langen Brief, und bemerkte ans der Adresse: Abzugeben in Neu-Bedlam, Da Sic aber, gegen alle Vermutung, nicht dort waren, so schickte man den Brief nach St, Luze, und da Sie auch hier nicht waren, so ging er weiter nach einer ähnlichen Anstalt, und so machte er die Nonde durch alle Tvllhänscr Englands, Schottlands und Irlands, bis man ihn mir zurückschickte mit der Bemerkung, daß der Gentleman, den die Adresse bezeichne, noch nicht Angefangen sei. Und in der That, wie haben Sie es angefangen, daß Sie immer noch auf freien Füßen sind? Hab's Pfiffig angefangen, Mylady, Überall, wohin ich kam, wüßt' ich mich um die Tollhänser herumznschleichen, und ich denke, es wird mir auch in Italien gelingen, O, Freund, hier sind Sie ganz sicher; denn ersten? ist gar kein TollhnnS in der Nähe, zweitens haben wir hier die Oberhand, Wir? Mylady! Sie zählen sich also zu den Unseren? Erlauben Sie, daß ich Ihnen den Brnderkuß auf die Stirnc drücke. Ach! ich meine: wir Badegäste, worunter ich wahrlich noch die Vernünftigste bin — Und nun machen Sie sich leicht einen Begriff von der Verrücktesten, nämlich von Julie Maxfield, die beständig behauptet, grüne Augen bedeuten den Frühling der Seele; dann haben nur noch zwei junge Schönheiten — Gewiß englische Schönheiten, Mylady — Doktor, was bedeutet dieser spöttische Ton? Die gclbfcttigen Maecarvnigesichter in Italien müssen Ihnen so gut schmecken, daß Sie keinen Sinn mehr haben für britische — Plnmpuddings mit Rosinenaugcn, Roastbeefbnsen, fcstvnicrt mit weißen Meerrettich-Streifen, stolze Pasteten — Es gab eine Zeit, Doktor, wo Sie jedesmal in Verzückung gerieten, wenn Sie eine schöne Engländerin — Ja, das war damals! Ich bin noch immer nicht abgeneigt, Ihren Landsmänninnen zu huldigen; sie sind schön wie Sonnen, aber Sonnen von Eis, sie sind weiß wie Marmor, aber auch marmorkalt — auf ihren kalten Herzen erfrieren die armen — Oho! ich kenne einen, der dort nicht erfroren ist, und frisch und gesund übers Meer gesprungen, und es war ein großer deutscher, impertinenter — Die Bäder von Lncca. 65 Er hat sich wenigstens an den britisch frostigen Herzen so stark erkältet, daß er noch jetzt davon den Schnupfen hat. Mylady schien pikiert über diese Antwort, sie ergriff die Reitgerte, die zwischen den Blättern eines Romans als Lesezeichen lag, schwang sie nm die Ohren ihres weißen Jagdhundes, der leise knurrte, hob hastig ihren Hut von der Erde, setzte ihn keck nnfS Lockenhanpt, sah ein paarmal wohlgefällig in den Spiegel und sprach stolz: Ich bin noch schon! Aber plötzlich, wie von einem dunkeln Schmerzgefühl durchschauert, blieb sie sinnend stehen, streifte langsam ihren weißen Handschuh von der Hand, reichte ihn mir, und meine Gedanken pfeilschnell ertappend, sprach sie: Nicht wahr, diese Hand ist nicht mehr so schön wie in Ramsgate? Mathilde hat unterdessen viel gelitten! Lieber Leser, man kann es den Glocken selten ansehen, wo sie einen Riß haben, und nur an ihrem Tone merkt man ihn. Hättest du nun den Klang der Stimme gehört, womit obige Worte gesprochen wurden, so wüßtest du gleich, Myladhs Herz ist eine Glocke vom besten Metall, aber ein verborgener Riß dämpft wunderbar ihre heitersten Töne, und nmschlciert sie gleichsam mit heimlicher Traner. Doch ich liebe solche Glocken, sie finden immer ein gutes Echo in meiner eigenen Brust; und ich küßte Myladhs Hand fast inniger als ehemals, obgleich sie minder vvllbliihend mar, und einige Adern etwas allznblan hervortretend, mir ebenfalls zu sagen schienen: Mathilde hat unterdessen viel gelitten. Ihr Auge sah mich an wie ein wehmütig einsamer Stern am herbstlichen Himmel, und weich und innig sprach sie: Sic scheinen mich wenig mehr zu lieben, Doktor! Denn nur mitleidig siel eben Ihre Thräne ans meine Hand, fast wie ein Almosen. Wer heißt Sic die stumme Sprache meiner Thränen so dürftig ausdeuten? Ich wette, der weiße Jagdhund, der sich jetzt an Sie schmiegt, versteht mich besser; er schaut mich an und dann wieder Sic, und scheint sich zu wundern, daß die Menschen, die stolzen Herren der Schöpfung, innerlich so tief elend sind. Ach, Mylady, nur der verwandte Schmerz entlockt uns die Thräne, und jeder weint eigentlich für sich selbst. Genug, genug, Doktor. Es ist wenigstens gut, daß wir Zeitgenossen sind und in demselben Erdwinkel uns gefunden mit unseren närrischen Thränen. Ach des Unglücks, wenn Sie vielleicht zweihundert Jahre früher gelebt hätten, wie es mir mit meinem Freunde Miguel de Cervantes Saavedra begegnet, oder gar, wenn Sie hundert Jahre später ans die Welt gekommen wären als ich, wie ein anderer intimer Freund von mir, dessen Namen ich nicht einmal weiß, eben weil er ihn erst bei seiner Geburt, anno IWl), erhallen wird! Aber erzählen Sie doch, wie haben Sie gelebt, seit wir uns nicht gesehen? Hcine's Werke. VI. Vd. 5 (Z6 Rcisebilder II. Ich trieb mein gewöhnliches Geschäft, Mylady; ich rollte wieder den großen Stein. Wenn ich ihn bis zur Hälfte des Berges gebracht, dann rollte er plötzlich hinunter, und ich mußte wieder suchen, ihn hinaufzurollcn — und dieses Bergauf- und Bergabrollen wird sich so lange wiederholen, bis ich selbst unter dem großen Steine liegen bleibe, und Meister Steinmetz mit großen Buchstaben darauf schreibt: Hier ruht in Gott — Beileibe, Doktor, ich lasse Ihnen noch keine Ruhe — Seien Sie nur nicht melancholisch! Lachen Sie, oder ich — Nein, kitzeln Sie nicht! ich will lieber von selbst lachen. So recht. Sie gefallen mir noch, ebensogut wie in Rainsgate, wo wir uns zuerst nahe kamen. Und endlich noch näher als nah. Ja, ich will lustig sein. Es ist gut, daß wir uns wiedergefunden, und der große deutsche — wird sich wieder ein Vergnügen daraus machen, sein Leben bei Ihnen zu wagen. Mhladys Augen lachten wie Sonnenschein nach leisem Regenschauer, und ihre gute Laune brach wieder leuchtend hervor, als John hereintrat, und mit dem steifsten Lakaien-Pathos Seine Exccllenz den Mnrchese Cristvfvro di Gumpeliuo anmeldete. Er sei willkommen! Und Sie, Doktor, werden einen Pair unseres Narrenreiches kennen lernen. Stoßen Sie sich nicht an sein Äußeres, besonders nicht an seine Nase. Der Mann besitzt vortreffliche Eigenschaften, z. B. viel Geld, gesunden Verstand, und die Sucht, alle Narrheiten der Zeit in sich aufzunehmen; dazu ist er in meine grün- äugige Freundin Julie Maxfield verliebt und nennt sie seine Julia und sich ihren Romeo, und deklamiert und seufzt — und Lord Maxfield, der Schwager, dem die treue Julia von ihrem Manne anvertraut worden, ist ein Argus — Schon wollte ich bemerken, daß ArguS eine Kuh bewachte, als die Thüre sich weit öffnete, und zu meinem höchsten Erstaunen mein alter Freund, der Bankier Christian Gumpel mit seinem wohlhabenden Lächeln und gottgefälligen Bauche hereinwatschelte. Nachdem seine glänzenden breiten Lippen sich an Mhladys Hand genugsam gescheuert und übliche Gesuudheitsfragen hervorgebrockt hatten, erkannte er auch mich — und in die Arme sanken sich die Freunde. Kapitel II. Mnthildens Warnung, daß ich mich an die Nase des MauneS nicht stoßen solle, war hinlänglich begründet, und wenig fehlte, so hätte er mir wirklich ein Auge damit ausgestochen. Ich will nichts Schlimmes von dieser Nase sagen; im Gegenteil, sie war von der edelsten Form, und sie eben berechtigte meinen Freund, sich wenigsten? einen Marchese-Titel beizulegen. Man konnte es ihm nämlich an der Nase ansehen, daß er von gutem Adel war, daß er von einer Die Bäder von Lnccä. K7 uralten Wcltfamilic abstamiute, womit sich sogar einst der liebe Gott, ohne Furcht vor Mesalliance, verschwägert hat. Seitdem ist diese Familie freilich etwas heruntergekommen, so daß sie seit Karl dem Großen meistens durch den Handel mit alten Hosen und Hamburger Lvtteriezettcln ihre Snbsistenz erwerben mußte, ohne jedoch im mindesten von ihrem Ahnenstölze abzulassen oder jemals die Hoffnung aufzugeben, einst wieder ihre alten Güter oder wenigstens hinreichende Emigranten-Entschädigung zu erhalten, wenn ihr alter legitimer Souverän sein Restaurationsversprechen erfüllt, ein Versprechen, womit er sie schon zwei Jahrtausende an der Nase herumgeführt. Sind vielleicht ihre Nasen eben durch dieses lange au der Nase Herum- geführtwerden so lang geworden? Oder sind diese langen Nasen eine Art Uniform, woran der Gottkönig Jehovah seine alten Leibgardisten erkennt, selbst wenn sie desertiert sind? Der Marchese Gumpelino war ein solcher Deserteur, aber er trug noch immer seine Uniform, und sie war sehr brillant, besäet mit Kreuzchen und Sternchen von Rubinen, einem roten Adlerorden in Miniatur, und andern Dekorationen. Sehen Sie, sagte Myladh, das ist meine Lieblingsnase, und ich kenne keine schönere Blume auf dieser Erde. Diese Blume, schmunzlächelte Gumpelino, kann ich Ihnen nicht an den schönen Busen legen, ohne daß ich mein blühendes Antlitz hinzulege, und diese Beilage würde Sie vielleicht in der heutigen Hitze etwas genieren. Aber ich bringe Ihnen eine nicht minder köstliche Blume, die hier selten ist — Bei diesen Worten öffnete der Marchese die fließpapierne Tüte, die er nutgebracht, und mit langsamer Sorgfalt zog er daraus hervor eine wunderschöne Tulpe. Kaum erblickte Myladh diese Blume, so schrie sie aus vollem Halse: Morden! morden! wollen Sie mich morden? Fort, fort mit dein schrecklichen Anblick! Dabei gebürdete sie sich, als wolle mau sie umbringen, hielt sich die Hände vor die Augen, rannte unsinnig im Zimmer umher, verwünschte Gumpelinos Nase und Tulpe, klingelte, stampfte den Boden, schlug den Hund mit der Reitgerte, daß er laut aufbellte, und als John hereintrat, rief sie, wie Kean als König Richard: Ein Pferd! ein Pferd! Ein Königtum für ein Pferd! und stürmte, wie ein Wirbelwind, von dannen. Eine kuriose Frau! sprach Gumpelino, vor Erstaunen bewegungslos und noch immer die Tulpe in der Hand haltend, so daß er einem jener Götzenbilder glich, die, mit Lotosblumen in den Händen, auf altiudischen Denkmälern zu schauen sind. Ich aber kannte die Dame und ihre Idiosynkrasie weit besser, mich ergötzte dieses Schauspiel über alle Maße», ich öffnete das Fenster und rief: Myladh, 5» 68 Neiselnlder II, was soll ich von Ihnen denken? Ist das Vernunft, Sitte — besonders, ist das Liebe? Da lachte herauf die wilde Antwort: Wenn ich zu Pferd bin, so will ich schwören: Ich liebe dich unendlich! Kapitel III- Eine kuriose Frau! wiederholte Gumpelino, als wir uns auf den Weg machten, seine beiden Freundinnen, Signora Latizia und Signora Franceska, deren Bekanntschaft er mir verschaffen wollte, zu besuchen. Da die Wohnung dieser Damen ans einer etwas entfernten Anhöhe lag, so erkannte ich um so dankbarer die Gute meines wohlbeleibten Freundes, der daS Bergsteigen etwas beschwerlich fand, und auf jedem Hügel atemschöpfend stehen blieb, und O Jesu! seufzte. Die Wohnungen in den Bädern von Lucca nämlich sind entweder unten in einem Dorfe, das von hohen Bergen umschlossen ist, oder sie liegen auf einein dieser Berge selbst, unfern der Hanptqnelle, wo eine pittoreske Häusergruppe in das reizende Thal hinabschaut. Einige liegen aber auch einzeln zerstreut an den Bergcsabhängen, und man muß mühsam hinaufklimmen durch Weinreben, Myrtcn- gesträuch, Geißblatt, Lorbeerbüsche, Oleander, Gcranium und andere vornehme Blumen und Pflanzen, ein wildes Paradies, Ich habe nie ein reizenderes Thal gesehen, besonders wenn mau von der -vcr- rassc des oberen. Bades, wo die crnstgrünen Cypressen stehen, ins Dorf hinabschaut. Man sieht dort die Brücke, die über ein Flüßchen führt, welches Lima heißt und, das Dorf in zwei Teile durchschneidend, an beiden Enden in mäßigen Wasserfällen über Felsenstücke dahinstürzt, und ein Gernusch hervorbringt, als wolle es die angenehmsten Dinge sagen, und könne vor dem allseitig plaudernden Echo nicht zu Worte kommen. Der Hauptzauber dieses Thales liegt aber gewiß in dem Umstand, daß es nicht zu groß ist und nicht zu klein, daß die iseele des Beschauers nicht gewaltsam erweitert wird, vielmehr sich ebenmäßig mit dem herrlichen Anblick füllt, daß die Hänpter der Berge selbst, wie die Apennincn überall, nicht abenteuerlich gotisch erhaben mißgestaltet sind, gleich den Bcrgkarikaturen, die wir ebensowohl wie die Mcnschenkarikatnrcn in germanischen Länder» finden, sondern daß ihre edclgcrnndcten, heiter grünen Formen fast eine Kunstcivilisation aussprechen, und gar melodisch mit dem blaßblaucn Himmel zn sammenklingcn, O Jesu! ächzte Gumpelino, als wir, mühsamen Steigcns und von der Mvrgensonne schon etwas stark gewärmt, obcrwähnte Cypressenhöhe erreichten und, ins Dorf hinabschnucnd, unsere englische Die Biidrr Von Lncca, 63 Freundin hoch zn Roß, wie ein romantisches Märchenbild, über die Brücke jagen und ebenso tranmschnell wieder Verschwinden sahen. O Jesu! welch eine kuriose Frau! wiederholte einigemal der Marchese. In meinem gemeinen Leben ist mir noch keine solche Frau vorgekommen. Nur in Komödien findet man dergleichen, und ich glaube z. B. die Holzbecher wurde die Rolle gut spielen. Sie hat etwas von einer Nixe. WaS denken Sie? Ich denke, Sie haben recht, Gnmpelino. Als ich mit ihr von London nach Rotterdam fuhr, sagte der Schiffskapitän, sie gliche einer mit Pfeffer bestreuten Rose. Zum Dank für diese pikante Ber- gleichung schüttete sie eine ganze Pfefferbüchse auf seinen Kopf ans, als sie ihn einmal in der Kajüte eingeschlummert fand, und man konnte sich dem Manne nicht mehr nähern, ohne zu niesen. Eine kuriose Frau! sprach wieder Gnmpelino. So zart wie weiße Seide und ebenso stark, und sitzt zu Pferde ebensogut wie ich. Wenn sie nur nicht ihre Gesundheit zu Grunde reitet! Sähen Sie nicht eben den langen, mageren Engländer, der auf seinein mageren Gaul hinter ihr herjagte wie die galoppierende Schwindsucht? Das Boll reitet zu leidenschaftlich, gicbt alles Geld in der Welt für Pferde ans. Lady Maxfields Schimmel kostet dreihundert goldene, lebendige Louis- dvrs — ach! und die Lonisdors stehen so hoch und steigen noch täglich. Ja, die Louisdors werden noch so hoch steigen, daß ein armer Gelehrter, wie unsereiner, sie gar nicht mehr wird erreichen können. Sie haben keinen Begriff davon, Herr Doktor, wieviel Geld ich ausgeben muß, und dabei behelfe ich mich mit einem einzigen Bedienten, und nur wenn ich in Rom bin, halte ich mir einen Kaplan für meine Hanskapelle. Sehen Sie, da kommt mein Hyacinth. Die kleine Gestalt, die in diesem Augenblick bei der Windung eines Hügels zum Vorschein kam, hätte vielmehr den Namen einer Feuerlilie verdient. Es war ein schlotternd weiter Scharlachrock, überladen mit Goldtressen, die im Sonncnglanze strahlten, und ans dieser roten Pracht schwitzte ein Köpfchen hervor, das mir sehr wohlbekannt zunickte, lind wirklich, als ich das bläßlich besorgliche Gesichtchen und die geschäftig zwinkenden Äuglein näher betrachtete, erkannte ich jemanden, den ich eher ans dem Berg Sinai als auf den Apenninen erwartet hatte, und das war kein anderer als Herr Hirsch, Schntzbürger in Hamburg, ein Mann, der nicht bloß immer ein sehr ehrlicher Lvtteriekollektenr gewesen, sondern sich auch auf Hühneraugen und Juwelen versteht, dergestalt, daß er erstcrc von letzteren nicht bloß zn unterscheiden, sondern auch die Hühneraugen ganz geschickt auszuschneiden und die Juwelen ganz genau zu taxieren weiß. Ich bin guter Hoffnung — sprach er, als. er mir näher kam — daß Sie mich noch kennen, obgleich ich nicht mehr Hirsch heiße. Ich heiße jetzt Hyacinth, und bin der Kammerdiener des Herrn Gumpcl. 70 Ncisebilder II. Hhacinth! rief dieser, in staunender Aufwallung über die Indiskretion des Dieners. Seien Sie nur ruhig, Herr Gumpel, oder Herr Gumpelino, oder Herr Marchese, oder Eure Excellenza, wir brauchen uns gar nicht vor diesem Herrn zu genieren, der kennt mich, hat manches Los bei mir gespielt, und ich mächt' sogar darauf schwören, er ist mir von der letzten Renovierung noch sieben Mark nenn Schilling schuldig — Ich freue mich wirklich, Herr Doktor, Sie hier wieder zu sehen. Haben Sie hier ebenfalls Vergnügungsgeschäste? Was sollte man sonst hier thun, in dieser Hitze, und wo man noch dazu bergauf und bergab steigen muh. Ich bin hier des Abends so müde, als wäre ich zwanzigmnl vom Altonacr Thvre nach dem Steinthor gelaufen, ohne was dabei verdient zu haben. O Jesu! — rief der Marchese — schweig, schweig! Ich schaffe mir einen andern Bedienten an. Warum schweigen? — versetzte Hirsch Hyacinthvs — Ist es mir doch lieb, wenn ich mal wieder gutes Deutsch sprechen kann mit einem Gesichte, das ich schon einmal in Hamburg gesehen, und denke ich an Hamburg — Hier, bei der Erinnerung an sein kleines Stiefvaterlnndchen, wurden des Mannes Äuglein flimmernd feucht, und seufzend sprach er: Was ist der Mensch! Man geht vergnügt vor dem Altonaer Thore ans dem Hamburger Berg spazieren, und besieht dort die Merkwürdigkeiten, die Löwen, die Gevögel, die Papagoyim, die Affen, die ausgezeichneten Menschen, und man läßt sich Karussell fähren oder elektrisieren, und man denkt: Was würde ich erst für Vergnügen haben an einem Orte, der noch zweihundert Meilen von Hamburg weiter entfernt ist, in dem Lande, wo die Citroncn und Orangen wachsen, in Italien! Was ist der Mensch! Ist er vor dem Altonacr Thore, so mochte er gern in Italien sein, und ist er in Italien, so möchte er wieder vor dem Altonaer Thore sein! Ach, stände ich dort wieder und sähe wieder den Michaelisturm, und oben daran die Uhr mit den großen goldenen Zahlen auf dem Zifferblatt, die großen goldenen Zahlen, die ich so oft des Nachmittags betrachtete, wenn sie so freundlich in der Sonne glänzten — ich hätte sie oft küssen mögen. Ach, ich bin jetzt in Italien, wo die Citronen und Orangen wachsen; wenn ich aber die Citroncn und Orangen wachsen sehe, so denk' ich an den Steinwcg zu Hamburg, wo sie, ganze Karren voll, gemächlich aufgestapelt liegen, und wo man sie ruhig genießen kann, ohne daß man nötig hat, so viele Gcfahrberge zu besteigen und so viel Hitzwärme auszustehen. So wahr mir Gott helfe, Herr Marchese, wenn ich es nicht der Ehre wegen gethan hätte nnd wegen der Bil dnng, so wäre ich Ihnen nicht hierher gefolgt. Aber das muß man Ihnen nachsagen, man hat Ehre bei Ihnen nnd bildet sich. Die Biider von Lncca, 71 Hyacinth! — sprach jetzt Gumpelino, der durch diese Schmeichelei etwaS besänftigt worden, — Hyacinth, geh jetzt zu — Ich weis; schon — Du weißt nicht, sage ich dir, Hyacinth — Ich sag' Ihnen, Herr Gumpel, ich weiß, Ew. Excellenz schicken mich jetzt zu der Lady Maxfield — Mir braucht man gar nichts zu sagen. Ich weiß Ihre Gedanken, die Sie noch gar nicht gedacht, und vielleicht Ihr Lebtag gar nicht denken werden. Einen Bedienten wie mich bekommen Sie nicht so leicht — und ich thn' es der Ehre wegen und der Bildung wegen, und wirklich, man hat Ehre bei Ihnen und bildet sich — Bei diesem Worte putzte er sich die Nase mit einem sehr weißen Taschentuche, Hyacinth, sprach der Marchese, du gehst jetzt zu der Lady Julie Maxfield, zu meiner Julia, und bringst ihr diese Tulpe — nimm sie in acht, denn sie kostet fünf Paoli — und sagst ihr — Ich weiß schon — Du weißt nichts. Sag ihr: Die Tulpe ist unter den Blumen — Ich weiß schon, Sie wollen ihr etwas durch die Blume sagen. Ich habe für so manches Lotterielos in meiner Kollekte selbst eine Devise gemacht — Ich sage dir, Hyacinth, ich will keine Devise von dir. Bringe diese Blume an Lady Maxfield, und sage ihr: Die Tulpe ist unter den Blumen, Was unter den Käsen der Strachinv; Doch mehr als Blumen und Käse Verehrt dich Gumpclinv! So wahr mir Gott alles Guts gebe, daS ist gut! — rief Hyacinth — Winken Sie mir nicht, Herr Marchese; was Sie wissen, das weiß ich, und was ich weiß, das wissen Sie, Und Sie, Herr Doktor, leben Sie wohl! Um die Kleinigkeit mahne ich Sie nicht, — Bei diesen Worten stieg er den Hügel wieder hinab, und murmelte beständig: Gumpelino Strachinv — Strachino Gumpelino — Es ist ein treuer Mensch — sagte der Marchese — sonst hätte ich ihn längst abgeschafft, wegen seines Maugels an Etikette, Bor Ihnen hat das nichts zu bedeuten, Sie verstehen mich. Wie gefällt Ihnen seine Livree? Es sind noch für vierzig Thaler mehr Tressen dran, als an der Livree von Rothschilds Bedienten, Ich habe innerlich mein Vergnügen, wie sich der Mensch bei mir perfektioniert. Dann und wann gebe ich ihm selbst Unterricht in der Bildung, Ich sage ihm oft: Was ist Geld? Geld ist rund und rollt weg, aber Bildung bleibt. Ja, Herr Doktor, wenn ich, was Gott verhüte, mein Geld verliere, so bin ich doch noch immer ein großer Kunstkenner, ein Kenner von Malerei, Musik und Poesie, Sie sollen mir die 72 Reisebilder H. Augen zubinden und mich in der Galeric zu Florenz herumführen und bei jedem Gemälde, vor welches Sie mich hinstellen, will ich Ihnen den Maler nennen, der es gemalt hat, oder wenigstens die schule, wozu dieser Maler gehört. Musik? Verstopfen Sie mir die Ohren und ich höre doch jede falsche Note. Poesie? Ich kenne alle Schauspielerinnen Deutschlands, und die Dichter weiß ich auswendig, lind gar Natur! Ich bin zweihundert Meilen gereist, Tag und Nacht durch, um in Schottland einen einzigen Berg zu sehen. Italien aber geht über alles. Wie gefällt Ihnen hier diese Naturgcgend? Welche Schöpfung! Sehen Sie mal die Baume, die Berge, den Himmel, da unten das Wasser — ist nicht alles wie gemalt? Haben Sie es je im Theater schöner gesehen? Man wird, sozusagen, ein Dichter! Verse kommen einem in den Sinn, und man weiß nicht, woher: — Schweigend, in der Abcnddämmrung Schleier Ruht die Flur, das Lied der Haine stirbt; Nur daß hier im alternden Gemäuer Melancholisch noch ein Heimchen zirpt. Diese erhabenen Worte deklamierte der Marchcse mit nbcr- schwcllender Rührung, indem er wie verklärt in das lachende morgenhelle Thal hinabschaute. Knpitcl IV. Als ich einst an einem schönen Frühlingstage unter den Berliner Linden spazieren ging, wandelten vor nur zwei Frauenzimmer, die lange schwiegen, bis endlich die eine schmachtend aufseufzte: Ach, die jrine Becme! Worauf die andere, ein junges Ding, mit naiver Verwunderung fragte: Mutter, was gehen Ihnen die jrine Beemc an? Ich kann nicht umhin, zu bemerken, daß beide Personen zwar nicht in Seide gekleidet gingen, jedoch keineswegs zum Pöbel gehörten, wie es denn überhaupt in Berlin keinen Pöbel gicbt, außer etwa in den höchsten Standen. Was aber jene naive Frage selbst betrifft, so kommt sie mir nie aus dem Gedächtnisse. Überall, wo ich unwahre Natnrempfindung und dergleichen grüne Lügen ertappe, lacht sie mir ergötzlich durch den Sinn. Auch bei der Deklamation des Marchese wurde sie in mir laut, und, den Spott ans meinen Lippen erratend, rief er verdrießlich: Stören Sic mich nicht — Sic haben keinen Sinn für reine Natürlichkeit — Sie sind ein zerrissener Mensch, ein zerrissenes Gemüt, sozusagen: ein Byron. Lieber Leser, gehörst du vielleicht zu jenen frommen Vögeln, die da einstimmen in das Lied von byronischer Zerrissenheit, daS mir schon seit zehn Jahren in allen Weisen vorgepfiffen und vvrgezwitschert worden, und sogar im Schädel des Marchcse, wie du oben gehört hast, sein Echo gefunden? Ach, teurer Leser, wenn du über jene Die Bäder von Lucca. 73 Zerrissenheit klagen willst, so beklage lieber, daß die Welt selbst mitten entzwei gerissen ist. Denn da das Herz des Dichters der Mittelpunkt der Welt ist, so mußte es wohl in jetziger Zeit jämmerlich zerrissen ivcrden. Wer von seinem Herzen rühmt, es sei ganz geblieben, der gesteht nur, daß er ein prosaisches, weitabgelegenes Winkelherz hat. Durch das »»einige ging aber der große Weltriß und eben deswegen weiß ich, daß die »großen. Götter mich vor vielen andern hochbegnadigt und des Dichtermärtyrtnms würdig geachtet haben. Einst war die Welt ganz, im Altertum und Mittelalter; trotz der äußeren Kämpfe gab's doch noch immer eine Welteinheit, und es gab ganze Dichter. Wir »vollen diese Dichter ehren und uns an ihnen erfreuen; aber jede Nachahmung ihrer Ganzheit ist eine Lüge, eine Lüge, die jedes gesunde Auge durchschaut, und die dem Hohne dann nicht entgeht. Jüngst, mit vieler Mühe, verschaffte ich mir in Berlin die Gedichte eines jeuer Ganzheitdichter, der über meine byronische Zerrissenheit so sehr geklagt, und bei den erlogenen Grünlichkeiten, den zarten Naturgefühlen, die mir da wie frisches Heu cntgegcndnstctcn, wäre mein armcs Herz, das schon hinlänglich zerrissen ist, fast auch vor Lachen geborsten, und unwillkürlich rief ich: Mein lieber Herr Jntendanturrat Wilhelm Neumaun, waS gehen Ihnen die jrine Beeme an? Sie sind ein zerrissener Mensch, sozusagen, ein Byron — wiederholte der Marchese, sah noch immer verklärt hinab ins Thal, und schnalzte zuweilen mit der Zunge am Gaumen vor andächtiger Bewunderung: — Gott! Gott! Alles wie gemalt! Armer Byron! solches ruhige Genieße»» war dir versagt! War dein Herz sv verdorben, daß du die Natur nur sehen, ja sogar schildern, aber nicht von ihr beseligt »verde» konntest? Oder hat Bysshe Shelley recht, wenn er sagt, du habest die Natur in ihrer keuschen Nacktheit belauscht und »vnrdest deshalb, wie Aklävu, von ihren Hunden zerrisse»»! Genug davon; »vir kommen zu einem besseren Gegenstände, nämlich zu Signvra Lätizias und Franceskas Wohnung, einem kleinen weißen Gebäude, daS gleichsam noch im Rcgligä zu sein scheint, und vorn zwei große runde Fenster hat, vor welchen die hvchaufgezvgenci» Weinstockc ihre langen Ranken herabhängen lassen, daß es aussieht, als fielen grüne Haare in lockiger Fülle über die Augen des Hauses. An der Thiirc schon klingt es uns bunt entgegen, wirbelnde Triller, Guitarreiltöne und Gelächter. Kapitel Signora Lätizia, eine fünfzigjährige junge Rose, lag im Bette und lrillcrte und schwatzte mit ihren beiden Galans, wovon der eine auf einen» niedrigen Schemel vor ihr saß, und der andere, in einem 74 Reisediiber II. großen Sessel lehnend, die Gnitarre spielte. Im Nebenzimmer flatterten dann und wann ebenfalls die Fetzen eines süßen Liedes oder eines noch wundersüßeren Lachens. Mit einer gewissen wohlfeilen Ironie, die den Marchese zuweilen anwandelte, präsentierte er mich der Signora und den beiden Herren, und bemerkte dabei, ich sei derselbe Johann Heinrich Heine, Doktor Iuris, der jetzt in der deutschen juristischen Litteratnr berühmt sei. Zum Unglück war der eine Herr ein Professor ans Bologna, und zwar ein Jurist, obgleich sein wohlgeivölbter, runder Bauch ihn eher zu einer Anstellung bei der sphärischen Trigonometrie zu qualifizieren schien. Einigermaßen in Verlegenheit gesetzt, bemerkte ich, daß ich nicht unter meinem eigenen Namen schriebe, sondern unter dem Namen Jarke; und das sagte ich aus Bescheidenheit, indem nur zufällig einer der wehmütigsten Jnsektennamcn unserer juristischen Litteratnr ins Gedächtnis kam. Der Bologneser beklagte zwar, diesen berühmten Namen noch nicht gehört zu haben — welches auch bei dir, lieber Leser, der Fall sein wird — doch zweifelte er nicht, daß er bald seinen Glanz über die ganze Erde oerbreiten werde. Dabei lehnte er sich zurück in seinen Sessel, griff einige Accorde auf der Guitarre und sang aus Axnr: O mächtiger Brahma! Ach, laß dir das Lallen Der Unschuld gefallen, Das Lallen, das Lallen — Wie ein lieblich neckendes Nachtigall-Echo schmetterte im Nebenzimmer eine ähnliche Melodie. Signora Lätizia aber trillerte dazwischen im feinsten Diskant: Dir allein glüht diese Wange, Dir nur klopfen diese Pulse; Voll von süßem Liebesdrange Hebt mein Herz sich dir allein! Und mit der fettigsten Prosastimme setzte sie hinzu: Bartolv, gieb mir den Spncknapf! Von seinem niederen Bänkchen erhob sich jetzt Bartvlo, mit seinen dürren, hölzernen Beinen, und präsentierte ehrerbietig einen etwas unreinlichen Napf von blauem Porzellan. Dieser zweite Galan, wie mir Gumpelino auf deutsch zuflüsterte, war ein sehr berühmter Dichter, dessen Lieder, obgleich er sie schon vor zwanzig Jahren gedichtet, noch jetzt in ganz Italien klingen und mit der süßen Liebesglut, die in ihnen flammt, alt und jung berauschen, — derweilen er selbst jetzt nur ein armer, veralteter Mensch ist, mit blassen Augen im welken Gesichte, dünnen weißen Härchen auf dem schwankenden Kopfe, und kalter Armut im kümmerlichen Die Beider von Lnecci, 75 Herzen, So ein armer, alter Dichter mit seiner kahlen Hvlzcrnhcit gleicht den Weinstöcken, die wir im Winter auf den kalten Bergen stehen sehen, dürr und laublos, im Winde zitternd und von Schnee bedeckt, während der süße Most, der ihnen einst entquoll, in den fernsten Landen gar manches Zecherherz erwärmt und zn ihrem Lobe berauscht. Wer weiß, wenn einst die Kelter der Gedanken, die Druckcrpresse, auch mich ausgepreßt hat, und nur noch im VerlagS- keller von Hoffmann und Campe der alte, abgezapfte Geist zu finden ist, sitze ich selbst vielleicht ebenso dünn und kümmerlich, wie der arme Bartolo, ans dem Schemel neben dem Bette einer alten Jna- moratn, und reiche ihr auf Verlangen den Napf des SpnckeS, Signora Latizia entschuldigte sich bei mir, daß sie zu Bette liege und zwar bäuchlings, indem ein Geschwür an der Legitimität, das sie sich durch vieles Feigenessen zugezogen, sie jetzt hindere, wie es einer ordentlichen Frau zieme, auf dem Rücken zu liegen. Sie lag wirklich ungefähr wie eine Sphinx; ihr hochfrisicrtes Haar stemmte sie auf ihre beiden Arme, und zwischen diesen wogte ihr Busen wie ein rotes Meer, Sie sind ein Deutscher? frug sie mich. Ich bin zu ehrlich, es zu leuguen, Signora! entgegnete meine Wenigkeit. Äch, ehrlich genug sind die Deutschen! — seufzte sie — aber was Hilst es, daß die Leute ehrlich sind, die uns berauben! sie richten Italien zu Grunde, Meine besten Freunde sitzen eingekerkert in Milano; nur Sklaverei — Nein, nein, rief der Marchese, beklagen Sie sich nicht über die Deutschen, wir sind überwundene llberwindcr, besiegte Sieger, sobald wir nach Italien kommen; und Sie sehen, Signora, Sie sehen und Ihnen zu Füßen fallen, ist dasselbe — Und indem er sein gelbscidenes Taschentuch ausbreitete und darauf niederkniete, setzte er hinzu: Hier kniee ich und huldige Ihnen im Namen von ganz Deutschland. Cristvforo di Gumpelino! seufzte Signora tiefgerührt und schmachtend — Stehen Sic auf und umarmen Sie mich! Damit aber der holde Schäfer nicht die Frisur und die Schminke seiner Geliebten verdürbe, küßte sie ihn nicht auf die glühenden Lippen, sondern auf die glühende Stirne, so daß sein Gesicht tiefer hinabreichte, und das Steuer desselben, die Nase, im roten Meere hcrumruderte, Signor Bartolo! rief ich, erlauben Sie mir, daß auch ich mich des Spucknapfes bediene. Wehmütig lächelte Signor Bartolo, sprach aber kein einziges Wort, obgleich er nächst Mczzofanti, für den besten Sprachlehrer in Bologna" gilt. Wir sprechen nicht gern, wenn Sprechen unsere 76 Neisebilder II, Profession ist. Er diente der Signvra als ein stnmmcr Ritter, und nur dann und wann wußte er das Gedicht rccitieren, das er ihr vor fünfundzwanzig Jahren aufS Theater geworfen, als sie zuerst in Bologna in der Rolle der Ariadnc auftrat. Er selbst mag zu jener Zeit wohlbclaubt und glühend gewesen sein, vielleicht ähnlich dem heiligen Dionysos selbst, und seine Lntizia-Ariadue stürzte ihm gewiß bacchantisch in die blühenden Arme — Evve Bacchc! Er dichtete damals noch viele LiebeSgedichte, die, wie schon erwähnt, sich in der italienischen Litteratur erhalten haben, nachdem der Dichter und die Geliebte selbst schon längst zu Makulatur geworden. Fünfundzwanzig Jahre hat sich seine Treue bereits bewährt, und ich denke, er wird auch bis an sein seliges Ende auf dem Schemel sitzen, und ans Verlangen seine Verse rccitieren oder den Spucknapf reichen. Der Pwstsstw der Jurisprudenz schleppt sich fast ebensolange schon in den Liebesfesseln der Signora, er macht ihr noch immer so eifrig die Cour wie im Anfang dieses Jahrhunderts, er muß noch immer seine akademischen Vorlesungen unbarmherzig vertagen, wenn sie seine Begleitung nach irgend einem Orte verlangt, und er ist noch immer belastet mit allen Servituten eines echten Patito, Die treue Ausdauer dieser beiden Anbeter einer längst ruinierten Schönheit mag vielleicht Gewohnheit sein, vielleicht Pietas gegen frühere Gefühle, vielleicht nur das Gefühl selbst, das sich von der jetzigen Beschaffenheit seines ehemaligen Gegenstandes ganz unabhängig gemacht hat, und diesen nur noch mit den Augen der Erinnerung betrachtet. So sehen wir oft alte Leute an einer Straßenecke in katholischen Städten vor einem Madonnenbilde knieeu, das so verblaßt und verwittert ist, daß nur noch wenige Spuren und Gesichtsumrisse davon übrig geblieben sind, ja daß man dort vielleicht nichts mehr sieht als die Nische, worin es gemalt stand, und die Lampe, die etwa noch darüber hängt; aber die alten Leute, die mit dem Rosenkranz in den zitternden Händen dort so andächtig knicen, haben schon seit ihren Jugendjahren dort gekniet, Gewohnheit treibt sie immer um dieselbe Stunde zu demselben Fleck, sie merkten nicht das Erlöschen des geliebten Heiligenbildes, und am Ende macht das Alter ja doch so schwachsichtig und blind, daß es ganz gleichgültig sein mag, ob der Gegenstand unserer Anbetung überhaupt noch sichtbar ist oder nicht. Die da glauben, ohne zu sehen, sind auf jeden Fall glücklicher als die Scharfäugigen, die jede hervorbliihende Runzel auf dem Antlitz ihrer Madonnen gleich bemerken. Nichts ist schrecklicher als solche Bemerkungen! Einst freilich glaubte ich, die Treulosigkeit der Frauen sei das Schrecklichste, und, um dann das Schrecklichste zu sagen, nannte ich sie Schlangen, Aber ach! jetzt weiß ich, das Schrecklichste ist, daß sie nicht ganz Schlangen sind; denn die Schlangen können jedes Jahr die alte Haut von sich abstreifen und neugebäntet sich verjüngen. Die Bäder von Lucca. 77 Ob einer von den beiden antiken Seladvns darüber eifersüchtig war, daß der Marchcsc, oder vielmehr dessen Nase, oberwcihntcrmaßen in Wonne schwamm, das konnte ich nicht bemerken. Bartolo saß gemiitsrnhig auf seinem Bänkchen, die Beinstvckchcn übereinander geschlagen, und spielte mit Signvras Schoßhündchen, einem jener hübschen Tierchen, die in Bologna zu Hause sind, und die man auch bei uns unter dein Namen Bologneser kennt. Der Professor ließ sich durchaus nicht stören in seinem Gesänge, den zuweilen die kichernd süßen Töne im Nebenzimmer parvdistisch überjnbelten; dann und wann unterbrach er auch selbst seinen Singsang, um mich mit juristischen Fragen zu behelligen. Wenn wir in unserem Urteil nicht übereinstimmten, griff er hastige Accorde und klimperte Beweisstellen. Ich aber unterstützte meine Meinung immer durch die Autorität meines Lehrers, des großen Hugo, der in Bologna unter dem Namen Ugone, auch Ugvlino, sehr berühmt ist. Ein großer Mann! rief der Professor, und klimperte dabei und sang: Seiner Stimme sanfter Ruf, Tönt noch tief in deiner Brust, lind die Qual, die sie dir schuf, Ist Entzücken, süße Lust. Auch Thibaut, den die Italiener Tibaldo nennen, wird in Bologna sehr geehrt; doch kennt man dort nicht sowohl die Schriften jener Männer, als vielmehr ihre Hanptansichtcn und deren Gegensatz. Gans und Snvigny fand ich ebenfalls nur dem Namen nach bekannt. Letzteren hielt der Professor für ein gelehrtes Frauenzimmer. So, so — sprach er, als ich ihn aus diesem leicht verzeihlichen Irrtum zog — wirklich kein Frauenzimmer. Man hat mir also falsch berichtet. Man sagte mir sogar, der Signor Gans habe dieses Francnzimmer einst auf einem Balle zum Tanze aufgefordert, habe einen Refüs bekommen, und daraus sei eine litterarische Feindschaft entstanden. Man hat Ihnen in der That falsch berichtet, der Signor GanS tanzt gar nicht, schon aus dem menschenfreundlichen Grunde, damit nicht ein Erdbeben entstehe. Jene Aufforderung zum Tanz ist wahrscheinlich eine mißverstandene Allegorie. Die historische Schule und die philosophische werden als Tänzer gedacht, und in solchem Sinne denkt man sich vielleicht eine Quadrille von Ugone, Tibaldo, Gans und Savignh. Und vielleicht in solchem Sinne sagt mau, daß Signor Ugone, obgleich er der Dinble boiteux der Jurisprudenz ist, doch so zierliche Pas tanze wie die Lcmisre, und daß Signor Gaus in der neuesten Zeit einige große Sprünge versucht, die ihn zum Hoguet der philosophischen Schule gemacht haben. 78 NeiscMder 17, Der Signor Gans — verbesserte sich der Professur — tanzt also bloß allegorisch, sozusagen metaphorisch — Doch plötzlich, statt weiter zu sprechen, griff er wieder in die Saiten der Guitarre, und bei dem tollsten Geklimper sang er wie toll: Es ist wahr, sein teurer Name Ist die Wonne aller Herzen, Stürmen laut des Meeres Wogen, Droht der Himmel schwarz umzogen. Hört man stets Tarar nur rufen, Gleich als beugten Erd' und Himmel Vor des Helden Namen sich. Bon Herrn Göschen wußte der Professor nicht einmal, daß er existiere, DieS aber hatte seine natürlichen Gründe, indem der Ruhm des großen Göschen noch nicht bis Bologna gedrungen ist, sondern erst bis Poggio, welches noch vier deutsche Meilen davon entfernt ist, und wo er sich zum Vergnügen noch einige Zeit aufhalten wird, — Göttingen selbst ist in Bologna lange nicht so bekannt, wie man schon der Dankbarkeit wegen erwarten dürfte, indem es sich das deutsche Bologna zu nennen Pflegt, Ob diese Benennung treffend ist, will ich nicht untersuchen; auf jeden Fall aber unterscheiden sich beide Universitäten durch den einfachen Umstand, daß in Bologna die kleinsten Hunde und die größten Gelehrten, in Güttingen hingegen die kleinsten Gelehrten und die größten Hunde zu finden sind, Kapitel VI. Als der Marchese Cristofvro di Gumpelino seine Nase hervorzog ans dem roten Meere, wie weiland König Pharao, da glänzte sein Antlitz in schwitzender Selbstwvnne. Tief gerührt gab er Signoren das Versprechen, sie, sobald sie wieder sitzen könne, in seinem eigenen Wagen nach Bologna zu bringen. Nun wurde verabredet, daß alsdann der Professor vorausreisen, Bartolo hingegen im Wagen des Marchese mitfahren solle, Ivo er sehr gut auf dem Bock sitzen und das Hündchen im Schöße halten könne, und daß man endlich in vierzehn Tagen zu Florenz eintreffen wolle, wo Signora Frnnceska, die mit Mhladh nach Pisa reise, unterdessen ebenfalls zurückgekehrt sein würde. Während der Marchese an den Fingern die Kosten berechnete, summte er vor sich hin: Di tunti pulpiti, Signora schlug dazwischen die lautesten Triller, und der Professor stürmte in die Saiten der Guitarre und sang dabei so glühende Worte, daß ihm die Schweißtropfen von der Stirne und die Thränen ans den Augen liefen, und sich ans seinem roten Gesichte zu einem einzigen Strome vereinigten. Während dieses Singens und Klingens ward plötzlich die Thiire des Nebenzimmers aufgerissen, und herein sprang ein Wesen — Die Bäder von Lncca. Euch, ihr Musen der alten und der neuen Welt, euch sogar, ihr noch unentdcckten Musen, die erst ein späteres Geschlecht verehren wird, und die ich schon längst geahnt habe, im Walde und aus dein Meere, euch beschwör' ich, gebt mir Farben, wvmit ich das Wesen male, das nächst der Tugend das Herrlichste ist auf dieser Welt. Die Tugend, das versteht sich von selbst, ist die erste von allen Herrlichkeiten, der Weltschöpfer schmückte sie mit so vielen Reizen, daß es schien, als ob er nicht ebenso Herrliches mehr hervorbringen könne; da aber nahm er noch einmal alle seine Kräfte zusammen, und in einer guten Stunde schuf er Signora Franceska, die schöne Tänzerin, das größte Meisterstück, das er nach Erschaffung der Tugend hervorgebracht, und wobei er sich nicht im mindesten wiederholt hat wie irdische Meister, bei deren späteren Werken die Reize der früheren wieder geborgtcrweise zum Vorschein kommen — Nein, Signora Franceska ist ganz Original, sie hat nicht die mindeste Ähnlichkeit mit der Tugend, und es giebt Kenner, die sie für ebenso herrlich halten, und der Tugend, die früher erschaffen worden, nur den Vorrang der Anciennität zuerkennen. Aber ist das ein großer Mangel, wenn eine Tänzerin einige sechstausend Jahre zu jung ist? Ach, ich sehe sie wieder, wie sie aus der aufgcstvßenen Thnre bis zur Mitte des Zimmers hervorspringt, in demselben Momente sich nnzähligemal auf einem Fuße herumdreht, sich dann der Länge nach aus das Sofa hinwirft, sich die Augen mit beiden Händen verdeckt hält, und atemlos ausruft: Ach, ich bin so müde vom Schlafen! Nun naht sich der Marchese und hält eine lange Rede in seiner ironisch breit ehrerbietigen Manier, die mit seinem knrzabbrcchenden Wesen bei praktischen Geschäftserinncrungeu und mit seiner faden Zerflossenheit bei sentimentaler Anregung gar rätselhaft kontrastierte. Dennoch war diese Manier nicht unnatürlich, sie hatte sich vielleicht dadurch natürlich in ihm ausgebildet, daß es ihm an Kühnheit fehlte, jene Obmacht, wozu er sich durch Geld und Geist berechtigt glaubte, unumwunden kund zu geben, weshalb er sie fcigerweise in die Worte der übertriebensten Demut zu Verkappen suchte. Sein breite? Lächeln bei solchen Gelegenheiten hatte etwas unangenehm Ergößlichcs, und man wußte nicht, ob man ihm Prügel oder Beifall zollen sollte. In solcher Weise hielt er seine Morgenrede vor Signora Franceska, die, noch halb schläfrig, ihn kaum anhörte; und als er zum Schluß um die Erlaubnis bat, ihr die Füße, wenigstens den linken Fuß küssen zu dürfen, und zu diesem Geschäfte mit großer Sorgfalt sein gelbseidenes Taschentuch über den Fußboden ausbreitete und darauf niederkniete, streckte sie ihm gleichgültig den linken Fuß entgegen, der in einem allerliebsten roten Schuh steckte, im Gcgensaß zu dem rechten Fuße, der einen blauen Schuh trug, eine drollige Koketterie, wodurch die zarte niedliche Form der Füße noch merklicher werden « WH "N 80 Neisebildcr II. sollte. Als der Mnrchese den kleinen Fuß ehrfurchtsvoll geküßt, erhob er sich mit einem ächzenden O Jesu! und bat um die Erlaubnis, mich, seinen Freund, vorstellen zu dürfen, welches ihm ebenfalls gähnend gewährt wurde, und wobei er es nicht an Lobsprüchcn auf meine Vortrefflichkeit fehlen ließ, und auf Kavalierparole beteuerte, daß ich die unglückliche Liebe ganz vortrefflich besungen habe. Ich bat die Dame ebenfalls um die Vergünstigung, ihr den linken Fuß küssen zu dürfen, und in dem Momente, wo ich dieser Ehre teilhaftig wurde, erwachte sie wie aus einem dämmernden Traume, beugte sich lächelnd zu mir herab, betrachtete mich mit großen verwunderten Augen, sprang freudig empor bis in die Mitte des Zimmers, und drehte sich wieder unzähligem»! auf einem Fuße herum. Ich fühlte wunderbar, wie mein Herz sich beständig null drehte, bis es fast schwindlig wurde. Der Professor aber griff dabei lustig in die Saiten seiner Guitarre und sang: Eine Opcrn-Signora erwählte Zum Gemahl mich, ward meine Vermählte, lind geschlossen war bald unsre Eh' — Wehe mir Armen! weh! Bald befreiten von ihr mich Korsaren, Ich verkaufte sie an die Barbaren, Ehe sie sich es konnte versehn — Bravo, Biskroma! schön! schön! Noch einmal betrachtete mich Signora FranccSka scharf und musternd von: Kopfe bis zum Fuße, und mit zufriedener Miene dankte sie dann dein Marchcse, als sei ich ein Geschenk, das er ihr aus Artigkeit mitgebracht. Sie fand wenig daran auszusetzen: nur waren ihr meine Haare zu hellbraun, sie hätte sie dunkler gewünscht, wie die Haare des Abbatc Cecco, auch meine Augen fand sie zu klein und mehr grün als blau. Zur Vergeltung, lieber Leser, sollte ich jetzt Signora Franceska ebenso mäkelnd schildern; aber ich habe wahrhaftig an dieser lieblichen, fast leichtsinnig geformten Grazien- gestalt nichts auszusetzen. Auch das Gesicht war ganz gbttermäßig, wie man es bei griechischen Statuen findet, Stirnc und Nase gaben nur ciue einzige senkrecht gerade Linie, einen süßen rechten Winkel bildete damit die untere Nasenlinie, die wundersam kurz war, ebenso schmal war die Entfernung von der Nase zum Munde, dessen Lippen an beiden Enden kaum ausreichten und von einem träumerischen Lächeln ergänzt wurden; darunter wölbte sich ein liebes volles Kinn, und der Hals -- Ach! frommer Leser, ich komme zu weit, und außerdem habe ich bei dieser Jnauguralschilderung noch kein Recht, von den zwei schweigenden Blumen zu sprechen, die wie weiße Poesie Die Bäder von Lucca. 81 hervorleuchteten, wenn Signora die silbernen Halsknöpfe ihres schwarzseidenen Kleides enthäkelte — Lieber Leser! laß uns lieber emporsteigen zu der Schilderung des Gesichtes, wovon ich nachträglich noch zu berichten habe, daß es klar und blaßgelb wie Bernstein war, daß es von den schwarzen Haaren, die in glänzend glatten Ovalen die Schläfe bedeckten, eine kindliche Rundung empfing, und von zwei schwarzen plötzlichen Augen, wie von Zauberlicht beleuchtet wurde. Du siehst, lieber Leser, daß ich dir gern eine gründliche Lokal- beschreibuug meines Glückes liefern möchte, und, wie andere Reisende ihren Werken noch besondere Karten von historisch wichtigen oder sonst merkwürdigen Bezirken beifügen, so möchte ich Franceska in Kupfer stechen lassen. Aber ach! was hilft die tote Kopie der äußeren Umrisse bei Formen, deren göttlichster Reiz in der lebendigen Bewegung besteht. Selbst der beste Maler kann uns diesen nicht zur Anschauung bringen; denn die Malerei ist doch nur eine platte Lüge, Eher vermöchte es der Bildhauer; durch wechselnde Beleuchtung können wir bei Statuen uns einigermaßen eine Bewegung der Formen denken, und die Fackel, die ihnen nur äußeres Licht zuwirft, scheint sie auch von innen zu beleben. Ja, es giebt eine Statue, die dir, lieber Leser, einen marmornen Begriff von Franceskas Herrlichkeit zu geben vermöchte, und das ist die Venns des großen Canova, die du in einem der letzten Säle des Palazzo Pitti in Florenz finden kannst. Ich denke jetzt oft an diese Statue, zuweilen träumt mir, sie läge in meinen Armen, und belebe sich allmählich und flüstere endlich mit der Stimme Franceskas, Der Ton dieser Stimme war es aber, der jedem ihrer Worte die lieblichste, unendlichste Bedeutung erteilte, und wollte ich dir ihre Worte mitteilen, so gäbe es bloß ein trockenes Herbarium von Blumen, die nur durch ihren Duft den größten Wert besaßen. Auch sprang sie oft in die Höhe und tanzte, während sie sprach, und vielleicht war eben der Tanz ihre eigentliche Sprache. Mein Herz aber tanzte immer mit und exekutierte die schwierigsten Pas und zeigte dabei so viel Tanztalent, wie ich ihm nie zugetraut hätte. In solcher Weise erzählte Franceska auch die Geschichte von dem Abbate Cecco, einem jungen Burschen, der in sie verliebt war, als sie noch im Arno-Thal Strohhüte strickte, und sie versicherte, daß ich das Glück hätte, ihm ähnlich zu sehen. Dabei machte sie die zärtlichsten Pantomimen, drückte ein übers andere Mal die Fingerspitzen ans Herz, schien dann mit gehöhlter Hand die zärtlichsten Gefühle hervorzuschöpfen, warf sich endlich schwebend, mit voller Brust, aufs Sofa, barg das Gesicht in die Kissen, streckte hinter sich ihre Füße in die Höhe und ließ sie wie hölzerne Puppen agieren. Der blaue Fuß sollte den Abbate Cecco und der rote die arme Franceska vorstellen, und indem sie ihre eigene Geschichte parodierte, ließ sie ihre beiden verliebten Füße voneinander Abschied nehmen, und es war Heiile's Werte, VI, Bd. 6 82 Reisebilder II. ein rührend närrisches Schauspiel, wie sich beide mit den Spitzen küßten und die zärtlichsten Dinge sagten — und dabei weinte das teile Mädchen ergötzlich kichernde Thräncn, die aber dann und wann etwas unbewußt tiefer aus der Seele kamen, als die Rolle verlangte. Sie ließ auch im drolligen Schmcrzcnsübermut den Abbate Ceceo eine lange Rede halten, worin er die Schönheit der armen Franceska mit pedantischen Metaphern rühmte, und die Art, wie sie auch als arme Franceska Antwort gab und ihre eigene Stimme in der Sentimentalität einer früheren Zeit kopierte, hatte etwas Puppenspiel- wehmütiges, das mich wundersam bewegte. Adieu, Ceceo! Adieu, Franceska! war der beständige Refrain, die verliebten Füßchen wollten sich nicht verlassen — und ich war endlich froh, als ein unerbittliches Schicksal sie voneinander trennte, indem süße Ahnung mir zuflüsterte, daß es für mich ein Mißgeschick wäre, wenn die beiden Liebenden beständig vereint blieben. Der Professor applaudierte mit possenhaft schwirrenden Guitnrren- töncn, Signora trillerte, das Hündchen bellte, der Marchese und ich klatschten in die Hände wie rasend, und Signor Franceska stand auf und verneigte sich dankbar. Es ist wirklich eine schöne Komödie, sprach sie zu mir, aber es ist schon lange her, seit sie zuerst aufgeführt worden, und ich selbst bin schon so alt — raten Sie mal, wie alt? Sie erwartete jedoch keineswegs meine Antwort, sprach rasch: Achtzehn Jahr' — und drehte sich dabei wohl achtzehnmal auf einein Fuß herum, lind wie alt sind Sie, Dottvre? Ich, Signora, bin in der Neujahrsnacht Achtzchnhnndert geboren. Ich habe Ihnen ja schon gesagt, bemerkte der Marchese, es ist einer der ersten Männer unseres Jahrhunderts. Und wie alt halten Sie mich? rief plötzlich Signora Lätizia, und ohne an ihr Evakostüm, das bis jetzt die Bettdecke verborgen hatte, zu denken, erhob sie sich bei dieser Frage so leidenschaftlich in die Höhe, daß nicht nur das rote Meer, sondern auch ganz Arabien, Syrien und Mesopotamien zum Vorschein kam. Indem ich ob dieses gräßlichen Anblicks erschrocken zurückprallte, stammelte ich einige Redensarten über die Schwierigkeiten, eine solche Frage zu lösen, indem ich ja Signora erst zur Hälfte gesehen hätte; doch da sie noch eifriger in mich drang, gestand ich ihr die Wahrheit, nämlich, daß ich das Verhältnis der italienischen Jahre zu den deutschen Jahren noch nicht zu berechnen wisse. Ist der Unterschied groß? frng Signora Lätizia. Das versteht sich, antwortete ich ihr; da die Hitze alle Körper ausdehnt, so sind die Jahre in dem warmen Italien viel länger als in dein kalten Deutschland. Der Marchese zog mich besser aus der Verlegenheit, indem er galant behauptete, ihre Schönheit habe sich jetzt erst in der üppigsten Die Bnder von Lucca. 83 Reife entfaltet. Und, Signorn! setzte er hinzu, sowie die Pomeranze, je älter sie wird, auch desto gelber wird, so wird auch Ihre Schönheit mit jedem Jahre desto reifer. Die Dame schien mit dieser Vergleichung zufrieden zn sein, und gestand ebenfalls, daß sie sich wirklich reifer fühle als sonst, besonders gegen damals, wo sie noch ein dünnes Ding gewesen und zuerst in Bologna aufgetreten sei, und daß sie noch jetzt nicht begreife, wie sie in solcher Gestalt so viel Furore habe machen können. Und nun erzählte sie ihr Debüt als Ariadne, worauf sie, wie ich später entdeckte, sehr oft zurückkam, bei welcher Gelegenheit auch Signor Bartolo das Gedicht deklamieren mußte, das er ihr damals aufs Theater geworfen. Es war ein gutes Gedicht, voll rührender Trauer über Thesens' Treulosigkeit, voll blinder Begeisterung für Bacchus und blühender Verherrlichung Ariadnes. Bella cosa! rief Signora Lätizia bei jeder Strophe, und auch ich lobte die Bilder, den Versbau und die ganze Behandlung jener Mythe. Ja, sie ist sehr schön, sagte der Professor, und es liegt ihr gewiß eine historische Wahrheit zum Grunde, wie denn auch einige Autoren uns ausdrücklich erzählen, daß Öncns, ein Priester des Bacchus, sich mit der trauernden Ariadne vermählt habe, als er sie verlassen ans Naxos angetroffen; und, wie oft geschieht, ist in der Sage aus dem Priester des Gottes der Gott selbst gemacht worden. Ich konnte dieser Meinung nicht beistimmen, da ich mich in der Mythologie mehr zur historischen Ausdeutung hinneige, und ich entgegnete: In der ganzen Fabel, daß Ariadne, nachdem Thescns sie ans Naxos sitzen lassen, sich dem Bacchus in die Arme geworfen, sehe ich nichts anderes als die Allegorie, daß sie sich dem Trunk ergeben hat, eine Hypothese, die noch mancher Gelehrte meines Vaterlandes mit mir teilt. Sie, Herr Marchese, werden wahrscheinlich wissen, daß der selige Bankier Bethmann, im Sinne dieser Hypothese, seine Ariadne so zu beleuchten wußte, daß sie eine rote Nase zu haben schien. Ja, ja, Bethmann in Frankfurt war ein großer Mann! rief der Marchese; jedoch im selben Augenblicke schien ihm etwas Wichtiges durch den Kopf zu laufen, seufzend sprach er vor sich hin: Gott, Gott, ich habe vergessen, nach Frankfurt an Rothschild zu schreiben! Und mit ernstem Geschäftsgesicht, woraus aller parvdistischcr Scherz verschwunden schien, empfahl er sich kurzweg, ohne lange Cercmonien, und versprach, gegen Abend wiederzukommen. Als er fort war und ich im Begriff stand, wie es in der Welt gebräuchlich ist, meine Glossen über eben den Mann zu machen, durch dessen Güte ich die angenehmste Bekanntschaft gewonnen, da fand ich zu meiner Verwunderung, daß alle ihn nicht genug zu rühmen wußten, und daß alle besonders seinen Enthusiasmus für das Schöne, sein adelig feines Betragen und seine Uneigennützigkeit in den iibcr- 84 Neisebilder II. triebcnsten Ausdrücken priesen. Auch Signora Franceska stimmte ein in diesen Lobgesang, doch gestand sie, seine Nase sei etwas beängstigend und erinnere sie immer an den Turm von Pisa. Beim Abschied bat ich sie wieder um die Vergünstigung, ihren linken Fuß küssen zu dürfen; worauf sie mit lächelndem Ernst den roten Schuh auSzog, sowie auch den Strumpf; und indem ich niederkniete, reichte sie mir den weißen, blühenden Lilienfuß, den ich vielleicht gläubiger an die Lippen Preßte, als ich es mit dem Fuß des Papstes gethan haben möchte. Wie sich von selbst versteht, machte ich auch die Kammerjungfer, und half den Strumpf und den Schuh wieder anziehen. Ich bin mit Ihnen zufrieden, — sagte Signora Franceska nach verrichtetem Geschäfte, wobei ich mich nicht zu sehr übereilte, obgleich ich alle zehn Finger in Thätigkeit setzte, — ich bin mit Ihnen zufrieden, Sie sollen mir noch öfter die Strümpfe anziehen. Heute haben Sie den linken Fuß geküßt, morgen soll Ihnen der rechte zu Gebote stehen. Übermorgen dürfen Sie mir schon die linke Hand küssen, und einen Tag nachher auch die rechte. Fuhren Sie sich gut ans, so reiche ich Ihnen späterhin den Mund, u. s. w. Sie sehen, ich will Sie gern avancieren lassen, und da Sie jung sind, können Sie es in der Welt noch weit bringen. Und ich habe es weit gebracht in dieser Welt! Des seid mir Zeugen, toskanische Nächte, du hellblauer Himmel mit großen silbernen Sternen, ihr wilden Lorbeerbüsche und heimlichen Myrten, und ihr, o Nymphen des Apennins, die ihr mit bräutlichen Tänzen uns umschwebtet, und euch zurückträumtet in jene besseren Götterzeiten, wo es noch keine gotische Lüge gab, die nur blinde, tappende Genüsse im verborgenen erlaubt und jedem freien Gefühl ihr heuchlerisches Feigcnblättchcn vorklebt. Es bedurfte keiner besonderen Feigenblätter; denn ein ganzer Feigenbaum mit vollen ausgebreiteten Zweigen rauschte über den Häuptern der Glücklichen. Kapitel vn. Was Prügel sind, das weiß man schon; was aber die Liebe ist, das hat noch keiner herausgebracht. Einige Natnrphilosophen haben behauptet, es sei eine Art Elektricität. Das ist möglich; denn im Momente des Verliebens ist uns zu Mute, als habe ein elektrischer Strahl aus dem Auge der Geliebten plötzlich in unser Herz eingeschlagen. Ach! diese Blitze sind die verderblichsten, und wer gegen diese einen Ableiter findet, den will ich höher achten als Franklin. Gäbe es doch kleine Blitzableiter, die man auf dem Herzen tragen könnte, und woran eine Wctterstange wäre, die das schreckliche Feuer anderswo hinznleiten vermöchte! Ich fürchte aber, dem kleinen Amor Die Bader von Lucca. 85 kann man seine Pfeile nicht so leicht rauben, wie dem Jupiter seinen Blitz und den Tyrannen ihr Zepter, Außerdem wirkt nicht jede Liebe blitzartig; manchmal lauert sie wie eine Schlange unter Rosen, und erspäht die erste Herzenslücke, um hincinzuschlüpfcn; manchmal ist es nur ein Wort, ein Blick, die Erzählung einer unscheinbaren Handlung, was ivie ein lichtes Samenkorn in unser Herz fällt, eine ganze Wiuterzeit darin liegt, bis der Frühling kommt, und das kleine Samenkorn aufschießt zu einer flammenden Blume, deren Duft den Kopf betäubt. Dieselbe Sonne, die im Nilthal Ägyptens Krokodilcn- eier ausbrütet, kann zugleich zu Potsdam an der Havel die Licbes- saat in einem jungen Herzen zur Bollreife bringen — dann giebt es Thränen in Ägypten und Potsdam, Aber Thränen sind noch lange keine Erklärungen — Was ist die Liebe? Hat keiner ihr Wesen ergründet? hat keiner das Rätsel gelöst? Vielleicht bringt solche Lösung größere Qual als das Rätsel selbst, und das Herz erschrickt und erstarrt darob, wie beim Anblick der Medusa. Schlangen ringeln sich um daS schreckliche Wort, das dieses Rätsel auflöst — O, ich will dieses Auflösungswort niemals wissen, das brennende Elend in meinem Herzen ist mir immer noch lieber als kalte Erstarrung, O, sprecht es nicht aus, ihr gestorbenen Gestalten, die ihr schmerzlos ivie Stein, aber auch gefühllos ivie Stein durch die Rosengärten dieser Welt wandelt, und mit bleichen Lippen auf den thörichtcn Gesellen herablttchelt, der den Duft der Rosen preist und über Dornen klagt. Wenn ich dir aber, lieber Leser, nicht zu sagen vermag, was die Liebe eigentlich ist, so könnte ich dir doch ganz ausführlich erzählen, wie mau sich gebärdet und wie einem zn Mute ist, wenn man sich auf den Apcnninen verliebt hat. Man gebärdet sich nämlich wie ein Narr, man tanzt iiber Hügel und Felsen und glaubt, die ganze Welt tanze mit. Zu Mute ist einem dabei, als sei die Welt erst heute erschaffen worden, und man sei der erste Mensch, Ach, wie schön ist das alles! jauchzte ich, als ich FranccSkas Wohnung verlassen hatte. Wie schön und kostbar ist diese neue Welt! Es war mir, als müßte ich allen Pflanzen nnd Tieren einen Namen geben und ich benannte alles nach seiner inneren Natur und nach meinem eigenen Gefühl, das mit den Anßendingen so wunderbar verschmolz. Meine Brust war eine Quelle von Offenbarung, und ich verstand alle Formen und Gestaltungen, den Duft der Pflanzen, den Gesang der Vögel, das Pfeifen des Windes und das Rauschen der Wasserfälle, Manchmal hörte ich auch die göttliche Stimme: Adam, wo bist du? Hier bin ich, Franceska, rief ich dann, ich bete dich an, denn ich weiß ganz gewiß, du hast Sonne, Mond und Sterne erschaffen und die Erde mit allen ihren Kreaturen! Dann kicherte es aus den Myrtenbüschen, und heinilich seufzte ich in mich hinein: O süße Thorhcit, verlaß mich nicht! 86 Neisebilder II. Späterhin, als die Tämmcrnngszeit herankam, begann erst recht die verrückte Seligkeit der Liebe. Die Bäume auf den Bergen tanzten mit schweren Häuptern, die von der scheidenden Sanne sa rat bestrahlt wurden, als hätten sie sich mit ihren eigenen Weintrauben berauscht. Unten der Bach schoß hastiger von dannen und rauschte angstvoll, als furchte er, die entzückt taumelnden Berge würden zu Boden stürzen. Dabei wetterleuchtete es so lieblich, lvie lichte Küsse. Ja, rief ich, der lachende Himmel küßt die geliebte Erde — O Fran- ceska, schöner Himmel, laß mich deine Erde sein! Ich bin so ganz irdisch, und sehne mich nach dir, mein Himmel! So rief ich und streckte die Arme flehend empor und rannte mit dem Kopfe gegen manchen Baum, den ich dann umarmte, statt zu schelten, und meine Seele jauchzte vor Liebcstrnnkcnhcit, — als plötzlich ich eine glänzende Scharlachgestalt erblickte, die mich aus allen meinen Träumen gewaltsam herausriß, und der kühlsten Wirklichkeit zurückgab. Kapitel vm. Ans einem Rasenvorsprung unter einem breiten Lorbeerbäume saß Hyaeinthos, der Diener des Marchese, und neben ihm Apollo, dessen Hund. Letzterer stand vielmehr, indem er die Vorderpfoten ans die Scharlachknic des kleinen Mannes gelegt hatte und neugierig zusah, wie dieser, eine Schreibtafcl in den Händen haltend, dann und wann etwas hineinschrieb, wehmütig vor sich hiulächelte, das Köpfchen schüttelte, tief seufzte, und sich dann vergnügt die Nase Putzte. Was Henker, rief ich ihm entgegen, Hirsch Hyaeinthos! machst du Gedichte? Nun, die Zeichen sind günstig, Apollo steht dir zur Seite, und der Lorbeer hängt schon über deinem Haupte. Aber ich that dem armen Schelme unrecht. Liebreich antwortete er: Gedichte? Nein, ich bin ein Freund von Gedichten, aber ich schreibe doch keine. Was sollte ich schreiben? Ich hatte eben nichts zu thun, und zu meinem Vergnügen machte ich mir eine Liste von den Namen derjenigen Freunde, die einst in meiner Kollekte gespielt haben, einige davon sind mir sogar noch etwas schuldig — Glauben Sie nur nicht, Herr Doktor, ich wollte Sie mahnen — das hat Zeit, Sie sind mir gut. Hätten Sie nur zuletzt 1365 statt 1364 gespielt, so wären Sie jetzt ein Mann von hunderttausend Mark Banko, und brauchten nicht hier herumzulaufen, und könnten ruhig in Hamburg sitzen, ruhig und vergnügt, und könnten sich ans dem Sofa erzählen lassen, wie es in Italien aussieht. So wahr mir Gott helfe! ich wäre nicht hergereist, hätte ich es nicht Herrn Gumpel zuliebe gc- than. Ach, wieviel Hitz' und Gefahr und Müdigkeit muß ich ausstehen, und wo nur eine Überspannung ist oder eine Schwärmerei, ist auch Herr Gumpel dabei, und ich muß alles mitmachen. Ich wäre schon längst von ihm gegangen, wenn er mich missen könnte. Die Bäder von Lucca. 87 Denn wer soll nachher zu Hanse erzählen, wieviel Ehre und Bildung er in der Fremde genossen? lind, soll ich die Wahrheit sagen, ich selbst fang' an, viel ans Bildung zu geben. In Hamburg Hab' ich sie gottlob! nicht nötig; aber man kann nicht wissen, man kommt einmal nach einem andern Ort, Es ist eine ganz andere Welt jetzt, lind man hat recht: so ein bißchen Bildung ziert den ganzen Menschen, Und welche Ehre hat man davon! Lady Mnxfield zum Beispiel, wie hat sie mich diesen Mvrgen aufgenommen und honoriert! Ganz parallel wie ihresgleichen. Und sie gab mir einen Franceskoni Trinkgeld, obschon die Blume nur fünf Paoli gekostet hat. Außerdem ist es auch ein Vergnügen, wenn man den kleinen, weißen Fuß von schönen Damcnpersoncn in Händen hat. Ich war nicht wenig betreten über diese letzte Bemerkung, und dachte gleich: Ist das Stichelei? Wie konnte aber der Lump schon Kenntnis haben von dem Glücke, das mir erst denselben Tag begegnet, zu derselben Zeit, als er auf der entgegengesetzten Seite des Bergs war? Gab's dort etwa eine ähnliche Scene, und offenbarte sich daran die Ironie des großen Weltbühncndichters da droben, daß er vielleicht noch tausend solcher Scenen, die gleichzeitig eine die andere parodieren, zum Vergnügen der himmlischen Heerscharen aufführen ließ? Indessen beide Vermutungen waren ungegriindct, denn nach langen wiederholten Fragen, und nachdem ich das Versprechen geleistet, dem Marchese nichts zu verraten, gestand mir der arme Mensch, Lady Maxfield habe noch zu Bette gelegen, als er ihr die Tulpe überreicht; in dem Augenblick, wo er seine schöne Anrede halten wollte, sei einer ihrer Füße nackt zum Vorschein gekommen, und da er Hühneraugen daran bemerkt, habe er gleich um die Erlaubnis gebeten, sie ausschneiden zu dürfen, welches auch gestattet und nachher, zugleich für die Überreichung der Tulpe, mit einem FranceSkvni belohnt worden sei. Es ist mir aber immer nur um die Ehre zu thun — setzte Hyacinth hinzu — uud das habe ich auch dem Baron Rothschild gesagt, als ich die Ehre hatte, ihm die Hühneraugen zu schneiden. Es geschah in seinem Kabinett; er saß dabei auf seinem grünen Sessel wie auf einem Thron, sprach wie ein König, um ihn herum standen seine Courticrs, und er gab seine Ordres, und schickte Stafetten an alle Könige; und wie ich ihm währenddessen die Hühneraugen schnitt, dacht' ich im Herzen: Du hast jetzt in Händen den Fuß des Mannes, der selbst jetzt die ganze Welt in Händen hat, du bist jetzt ebenfalls ein wichtiger Mensch; schneidest du ihn unten ein bißchen zu scharf, so wird er verdrießlich, und schneidet oben die größten Könige noch ärger — Es war der glücklichste Moment meines Lebens! Ich kann mir dieses schöne Gefühl vorstellen, Herr Hyacinth, Welchen aber von der Rothschildschen Dynastie haben Sic solchermaßen 88 Neisebilber II. amputiert? War es etwa der hochherzige Brite, der Mann in Lvni- bardstreet, der ein Leihhaus für Kaiser und König errichtet hat? Versteht sich, Herr Doktor, ich meine den großen Rothschild, den großen Nathan Rothschild, Nathan den Weisen, bei dem der Kaiser von Brasilien seine diamantene Krone versetzt hat. Aber ich habe auch die Ehre gehabt, den Baron Salonion Rothschild in Frankfurt kennen zu lernen, und wenn ich mich auch nicht seines intimen Fußes zu erfreuen hatte, so wußte er mich doch zu schätzen. Als der Herr Marchese zu ihm sagte, ich sei einmal Lotteriekollekteur gewesen, sagte der Baron sehr witzig: Ich bin ja selbst so etwas, ich bin ja der Oberkollekteur der Rvthschildschcn Lose, und mein Kollege darf beileibe nicht mit den Bedienten essen, er soll neben nur bei Tische sitzen — Und so wahr mir Gott alles Guts geben soll, Herr Doktor, ich saß neben Solomon Rothschild, und er behandelte mich ganz wie seinesgleichen, ganz famillionär. Ich war auch bei ihm auf dem berühmten Kinderball, der in der Zeitung gestanden. So viel Pracht bekomme ich mein Lebtag nicht mehr zu sehen. Ich bin doch auch in Hamburg ans einem Ball gewesen, der ISOO Mark und 8 Schilling kostete, aber das war doch nur wie ein Hühnerdrcckchcn gegen einen Misthaufen. Wieviel Gold und Silber und Diamanten habe ich dort gesehen! Wieviel Sterne und Orden! Den Falkcn- orden, das goldene Vließ, den Löwenorden, den Adlerorden — sogar ein ganz klein Kind, ich sage Ihnen, ein ganz klein Kind trug einen Elcfantcnorden. Die Kinder waren gar schön maskiert und spielten Anleihe, und waren angezogen wie die Könige, mit Kronen auf den Köpfen, ein großer Junge aber war angezogen präcise wie der alte Nathan Rothschild. Er machte seine Sache sehr gut, hatte beide Hände in der Hosentasche, klimperte mit Geld, schüttelte sich verdrießlich, wenn einer von den kleinen Königen was geborgt haben wollte, und nur dem kleinen mit dem weißen Rock und den roten Hosen streichelte er freundlich die Backen, und lobte ihn: Du bist mein Pläsir, mein Liebling, mein' Pracht, aber dein Vetter Michel soll mir vom Leib bleiben, ich werde diesem Narren nichts borgen, der täglich mehr Menschen ausgiebt, als er jährlich zu verzehren hat, es kommt durch ihn noch ein Unglück in die Welt, und mein Geschäft wird darunter leiden. So wahr mir Gott alles Guts gebe, der Junge machte seine Sache sehr gut, besonders wenn er das dicke Kind, das in weißen Atlas mit echten silbernen Lilien gewickelt war, im Gehen unterstützte und bisweilen zn ihm sagte: Na, na, du, du, führ' dich nur gut ans, ernähr' dich redlich, sorg', daß du nicht wieder weggejagt wirst, damit ich nicht mein Geld verliere. Ich versichere Sie, Herr Doktor, es war ein Vergnügen, den Jungen zu hören; und auch die andern Kinder, lauter liebe Kinder, machten ihre Sache sehr gut — bis ihnen Kuchen gebracht wurde, und sie sich um das Die Bader von Lncca. 89 beste Stück stritten, und sich die Kronen vom Kopf rissen, und schrieen nnd weinten, und einige sich sogar — — Kapitel IX, Es giebt nichts Langweiligeres auf dieser Erde als die Lektüre einer italienischen Reiscbeschreibung — ausser etwa das Schreiben derselben, — und nur dadurch kann der Verfasser sie einigermaßen erträglich machen, daß er von Italien selbst so wenig als möglich darin redet. Trotzdem daß ich diesen Kunstgriff vollauf anwende, kann ich dir, lieber Leser, in den nächsten Kapiteln nicht viel Unterhaltung versprechen. Wenn du dich bei dem ennuyanten Zeug, das darin vorkommen wird, langweilst, so tröste dich mit mir, der all dieses Zeug sogar schreiben mußte. Ich rate dir, überschlage dann und wann einige Seiten, dann kommst du mit dem Buche schneller zu Ende —> ach, ich wollt', ich könnte es ebenso machen! Glaub' nur nicht, ich scherze; wenn ich dir ganz ernsthaft meine Herzens- meinnng über dieses Buch gestehen soll, so rate ich dir, es jetzt zuzuschlagen, nnd gar nicht weiter darin zu lesen. Ich will dir nächstens etwas Besseres schreiben, und wenn wir in einem folgenden Buche, in der Stadt Lncca, wieder mit Mathilden und Franceska zusammentreffen, so sollen dich die lieben Bilder viel anmutiger ergötzen, als gegenwärtiges Kapitel und gar die folgenden. Gottlob! vor ineinen Fenstern erklingt ein Leierkasten mit lustigen Melodien! Mein trüber Kopf bedarf solcher Aufheiterung, besonders da ich jetzt meinen Besuch bei Seiner Excellenz, dem Marchese Cristoforv di Gumpelino zu beschreiben habe. Ich will diese rührende Geschichte ganz genau, wörtlich treu, in ihrer schmutzigsten Reinheit mitteilen. Es war schon spät, als ich die Wohnung des Marchese erreichte. Als ich ins Zimmer trat, stand Hyacinth allein, und putzte die goldenen Sporen seines Herrn, welcher, wie ich durch die halbgeöffnete Thüre seines Schlaskabinetts sehen konnte, vor einer Madonna und einem großen Kruzifixe auf den Kniecn lag. Du mußt nämlich wissen, lieber Leser, daß der Marchese, dieser vornehme Mann, jetzt ein guter Katholik ist, daß er die Ceremonien der alleinseligmachenden Kirche streng anSübt, und sich, wenn er in Rom ist, sogar einen eigenen Kaplan hält, aus demselben Grunde, weshalb er in England die besten Wcttrenner und in Paris die schönste Tänzerin unterhielt. Herr Gnmpel verrichtet jetzt sein Gebet — flüsterte Hyacinth mit einem wichtigen Lächeln, nnd indem er nach dem Kabinette seines Herrn deutete, fügte er noch leiser hinzu: So liegt er alle Abend zwei Stunden auf den Knieen vor der Prima Donna mit dem Jesuskind. Es ist ein prächtiges Kunstbild, und es kostet ihm sechshundert Franceskvnis. 90 Neisedilder II. Und Sie, Herr Hyacinth, warum knieen Sie nicht hinter ihm? Oder sind Sie etwa kein Freund von der katholischen Religion? Ich bin ein Freund davon, und bin auch wieder kein Freund davon, antwortete jener mit bedenklichem Kopfwiegen. Es ist eine gute Religion für einen vornehmen Baron, der den ganzen Tag müßig gehen kann, und für einen Kunstkenner; aber es ist keine Religion für einen Hamburger, sin einen Mann, der sein Geschäft hat, und durchaus keine Religion für einen Lotteriekollektcur. Ich muß jede Nummer, die gezogen wird, ganz exakt ausschreiben, und denke ich dann zufällig an Bnm! Bum! Bnm! an eine katholische Glvck', oder schwebelt es mir vor den Augen wie katholischer Weihranch, und ich verschreib' mich, und ich schreibe eine unrechte Zahl, so kann das größte Unglück daraus entstehen. Ich habe oft zu Herrn Gnmpel gesagt: Ew. Exccllcnz sind ein reicher Mann und können katholisch sein, soviel Sie wollen, und können sich den Verstand ganz katholisch einräuchern lassen, und können so dumm werden, wie eine katholische Glock', und Sie haben doch zu essen; ich aber bin ein Geschäftsmann, und muß meine sieben Sinne zusammenhalten, um was zu verdienen. Herr Gnmpel meint freilich, es sei nötig für die Bildung, und wenn ich nicht katholisch würde, verstände ich nicht die Bilder, die zur Bildung gehören, nicht den Johann von Biehcscl, den Corretschio, den Caratschiv, den Caravatschio — aber ich habe immer gedacht, der Corretschio und Cvratschiv und Caravatschio können mir alle nichts Helsen, wenn niemand mehr bei mir spielt, und ich komme dann in die Patschio. Dabei muß ich Ihnen auch gestehen, Herr Doktor, daß mir die katholische Religion nicht einmal Bergungen macht, und als ein vernünftiger Mann müssen Sie mir recht geben. Ich sehe das Pläsir nicht ein, es ist eine Religion, als wenn der liebe Gott, Gott bewahre! eben gestorben wäre, und es riecht dabei nach Weihrauch, wie bei einem Leichenbegängnis, und dabei brummt eine so traurige Begräbnismusik, daß man die Melnncholik bekommt — ich sage Ihnen, es ist keine Religion für einen Hamburger. Aber, Herr Hyacinth, wie gefällt Ihnen denn die protestantische Religion? Das ist mir wieder zu vernünftig, Herr Doktor, und gäbe eS in der protestantischen Kirche keine Orgel, so wäre sie gar keine Religion. Unter uns gesagt, diese Religion schadet nichts und ist so rein wie ein Glas Wasser, aber sie hilft auch nichts. Ich habe sie probiert, und diese Probe kostet mich vier Mark vierzehn Schilling — Wieso, mein lieber Herr Hyacinth? Sehen Sie, Herr Doktor, ich habe gedacht: Das ist freilich eine sehr aufgeklärte Religion, und es fehlt ihr an Schwärmerei und Wunder; indessen ein bißchen Schwärmerei muß sie doch haben, ein ganz klein Wnnderchen muß sie doch thun können, wenn sie sich für Die Bäder von Lucca, 91 eine honette Religion ausgeben will. Aber wer soll da Wunder thnn? dacht' ich, als ich mal in Hamburg eine protestantische Kirche besah, die zu der ganz kahlen Sorte gehörte, wo nichts als braune Bänke und weiße Wände sind, und an der Wand nichts als ein schwarz Täfelchen hängt, worauf ein halb Dutzend weiße Zahlen stehen. Du thust dieser Religion vielleicht unrecht, dacht' ich wieder, vielleicht können diese Zahlen ebensogut ein Wunder thnn wie ein Bild von der Mutter Gottes oder wie ein Knochen von ihrem Alaune, dem heiligen Joseph, und um der Sache auf den Grund zu kommen, ging ich gleich nach Altona, und besetzte eben diese Zahlen in der Altonacr Lotterie, die Ambe besetzte ich mit acht Schilling, die Terne mit sechs, die Quaterne mit vier, und die Quinterne mit zwei Schilling — Aber ich versichere Sie auf meine Ehre, keine einzige von den protestantischen Nummern ist herausgekommen. Jetzt wußte ich, was ich zu denken hatte, jetzt dacht' ich: bleibt mir weg mit einer Religion, die gar nichts kann, bei der nicht einmal eine Ambe herauskommt — werde ich so ein Narr sein, auf diese Religion, worauf ich schon vier Mark und noch vierzehn Schilling gesetzt und verloren habe, noch meine ganze Glückseligkeit zu setzen? Die altjüdischc Religion scheint Ihnen gewiß viel zweckmäßiger, mein Lieber? Herr Doktor, bleiben Sic mir weg mit der altjiidischen Religion, die wünsche ich nicht meinem ärgsten Feind. Man hat nichts als Schimpf und Schande davon. Ich sage Ihnen, es ist gar keine Religion, sondern ein Unglück. Ich vermeide alles, was mich daran erinnern könnte, und weil Hirsch ein jüdisches Wort ist und auf deutsch Hya- cinth heißt, so habe ich sogar den alten Hirsch laufen lassen, und unterschreibe mich jetzt: Hyacinth, Kollekteur, Operateur und Taxator. Dazu habe ich noch den Vorteil, daß schon ein H. auf meinein Petschaft steht und ich mir kein neues stechen zu lassen brauche. Ich versichere Ihnen, es kommt auf dieser Welt viel darauf an, wie man heißt; der Name thnt viel. Wenn ich mich unterschreibe: „Hyacinth, Kollektcur, Operateur und Taxator", so klingt das ganz anders, als schriebe ich Hirsch schlechtweg, und man kann mich dann nicht wie einen gewöhnlichen Lump behandeln. Mein lieber Herr Hyacinth! Wer könnte Sic so behandeln! Sie scheinen schon so viel für Ihre Bildung gcthan zu haben, daß man in Ihnen den gebildeten Mann schon erkennt, che Sie den Mund anfthnn, um zu sprechen. Sie haben recht, Herr Doktor, ich habe in der Bildung Fortschritte gemacht wie eine Riesin. Ich weiß wirklich nicht, wenn ich nach Hainburg zurückkehre, mit wem ich dort umgehen soll; und was die Religion anbelangt, so weiß ich, was ich thuc. Borderhand aber kann ich mich mit dem neuen israelitischen Tempel noch behclfcn; S2 Reiselnlber II. ich meine den reinen Mvsaik-GotteSdienst mit orthographischen deutschen Gesängen und gerührten Predigten und einigen Schwärmcreichen, die eine Religion durchaus nötig hat. So wahr mir Gott alles Guts gebe, für mich verlange ich jetzt keine bessere Religion, und sie verdient, daß man sie unterstützt. Ich will das Meinige thun, und bin ich wieder in Hamburg, so will ich alle Sonnabend, wenn kein Ziehungstag ist, in den neuen Religion-Tempel gehen. Es giebt leider Menschen, die diesem neuen israelitischen Gottesdienst einen schlechten Namen machen und behaupten, er gebe, mit Respekt zu sagen, Gelegenheit zu einem Schisma aber ich kann Ihnen versichern, es ist eine gute reinliche Religion, noch etwas zu gut für den gemeinen Mann, für den die altjüdische Religion vielleicht noch immer sehr nützlich ist. Der gemeine Mann muß eine Dummheit haben, worin er sich glücklich fühlt, und er fühlt sich glücklich in seiner Dummheit. So ein alter Jude mit einem langen Bart und zerrissenem Rock, und der kein orthographisch Wort sprechen kann und sogar ein bißchen grindig ist, fühlt sich vielleicht innerlich glücklicher als ich mich mit all meiner Bildung. Da wohnt in Hamburg im Bäckerbreitengang auf einem Saal ein Mann, der heißt Moses Lump, man nennt ihn auch Moses Lümpchen, oder kurzweg Lümpchen; der läuft die ganze Woche herum in Wind und Wetter, mit seinem Packen ans dem Rücken, um seine paar Mark zu verdienen; wenn er nun Freitag abendS nach Hause kommt, findet er die Lampe mit sieben Lichtern angezündet, den Tisch weiß gedeckt, und er legt seinen Packen und seine Sorgen von sich, und setzt sich zu Tisch mit seiner schiefen Frau und noch schieferen Tochter, ißt mit ihnen Fische, die gekocht sind in angenehm weißer Knoblauchsauce, singt dabei die prächtigsten Lieder vom König David, freut sich von ganzem Herzen über den Auszug der Kinder Israel ans Ägypten, freut sich auch, daß alle Vösewichter, die ihnen Böses gethan, am Ende gestorben sind, daß König Pharao, Nebnkadnczar, Haman, Antiochus, Titus und all solche Leute tot sind, daß Lümpchen aber noch lebt und mit Frau und Kind Fisch ißt — Und ich sage Ihnen, Herr Doktor, die Fische sind delikat, und der Mann ist glücklich, er braucht sich mit keiner Bildung abzuquälen, er sitzt vergnügt in seiner Religion und seinem grünen Schlafrock wie Diogenes in seiner Tonne, er betrachtet vergnügt seine Lichter, die er nicht einmal selbst putzt — Und ich sage Ihnen, wenn die Lichter etwas matt brennen, und die Schabbcs- frau, die sie zu putzen hat, nicht bei der Hand ist, und Rothschild der Große käme jetzt herein mit all seinen Maklern, Diskonteuren, Spediteuren und Chefs de Comptoir, womit er die Welt erobert, und er spräche: Moses Lump, bitte dir eine Gnade aus; was du haben willst, es soll geschehen — Herr Doktor, ich bin überzeugt, Moses Lump würde ruhig antworten: „Putz' mir die Lichter!" und Die Bäder von Lucca. 33 Rothschild der Große würde mit Verwunderung sagen: War' ich nicht Rothschild, so möchte ich so ein Lümpchen sein! Während Hyacinth solchermaßen, episch breit nach seiner Gewohnheit, seine Ansichten entwickelte, erhob sich der Marchese von seinem Beflissen, und trat zu uns, noch immer einige Paternoster durch die Nase schnurrend. Hyacinth zog jetzt den grünen Flor über das Madonnenbild, das oberhalb des Bestücktes hing, löschte die beiden Wachskerzen aus, die davor brannten, nahm das kupferne Kruzifix herab, kam damit zu uns zurück, und putzte es mit demselben Lappen und derselben spuckenden Gewissenhaftigkeit, womit er eben auch die Sporen seines Herrn geputzt hatte. Dieser aber war wie aufgelöst in Hitze und weicher Stimmung; statt eines Oberkleides trug er einen weiten, blauseidenen Domino mit silbernen Fransen, und seine Nase schimmerte wehmütig, wie ein verliebter Louisdor. O Jesus! — seufzte er, als er sich in die Kissen des Sofas sinken ließ — finden Sie nicht, Herr Doktor, daß ich heute abend sehr schwärmerisch aussehe? Ich bin sehr bewegt, mein Gemüt ist aufgelöst, ich ahne eine höhere Welt, Das Auge sieht den Himmel offen, Es schwelgt das Herz in Seligkeit! Herr Gnmpel, Sie müssen einnehmen — unterbrach Hyacinth die pathetische Deklamation — das Blut in Ihren Eingeweiden ist wieder schwindelig, ich weiß, was Ihnen fehlt — Du weißt nicht — seufzte der Herr. Ich sage Ihnen, ich weiß — erwiderte der Diener, und nickte mit seinein gutmütig bestätigenden Gesichtchen — ich kenne Sie ganz durch und durch, ich weiß, Sie sind ganz das Gegenteil von mir; wenn Sie Durst haben, habe ich Hunger, wenn Sie Hunger haben, habe ich Durst; Sie sind zu korpulent und ich bin zu mager, Sie haben viel Einbildung und ich habe desto mehr Geschäftssinn, ich bin ein Praktikus und Sie sind ein Diarrhetikus, kurz und gut, Sie sind ganz mein Antipvdcx. Ach Julia! — seufzte Gnmpelino — war' ich der gelblederne Handschuh doch auf deiner Hand und küßte deine Wange! Haben Sic, Herr Doktor, jemals die Crelinger in Romeo und Julia gesehen? Freilich, und meine ganze Seele ist noch davon entzückt — Nun dann — rief der Marchese begeistert, und Feuer schoß aus seinen Augen und beleuchtete die Nase — dann verstehen Sie mich, dann wissen Sie, was es heißt, wenn ich Ihnen sage: Ich liebe! Ich will mich Ihnen ganz decouvrieren. Hyacinth, geh mal hinaus — Ich brauche gar nicht hinauszugehen — .sprach dieser verdrießlich — Sie brauchen sich vor mir nicht zu genieren, ich kenne auch die Liebe, und ich weiß schon — D4 Ncisebilder II. Du weißt nicht! rief Gumpelino. Zuin Beiveise, Herr Marchcsc, daß ich weiß, brauche ich nur den Namen Julia Maxficld zu nennen. Beruhigen Sie sich, Sie werden wieder geliebt — aber es kann Ihnen alles nichts helfen. Der Schwager Ihrer Geliebten läßt sie nicht aus den Augen, und bewacht sie Tag und Nacht wie ein Diamant. O, ich Unglücklicher! jammerte Gumpelino — ich liebe und bin wieder geliebt, wir drücken uns heimlich die Hände, wir treten uns unterm Tisch ans die Füße, winken uns mit den Augen, und wir haben keine Gelegenheit! Wie oft stehe ich im Mondschein ans dein Balkon, und bilde mir ein, ich selbst wäre die Julia, und mein Romeo oder mein Gumpelino habe mir ein Rendezvous gegeben, und ich deklamiere, ganz wie die Crelinger: Komm, Nacht! Komm, Gumpelino, Tag in Nacht! Denn du wirst ruhn ans Fittichen der Nacht, Wie frischer Schnee ans eines Raben Rücken. Komm, milde, liebevolle Nacht! Komm, gieb Mir meinen Romeo oder Gumpelino — Aber ach! Lord Maxfield bewacht uns beständig, und wir sterben beide vor Sehnsnchtsgefühl! Ich werde den Tag nicht erleben, daß eine solche Nacht kommt, wo jedes reiner Jugend Blüte zum Pfände setzt, gewinnend zu verlieren! Ach! so eine Nacht wäre mir lieber, als wenn ich das große Los in der Hamburger Lotterie gewönne. Welche Schwärmerei! — rief Hyacinth — daS große Lo« Ivoooo Mark! Ja, lieber als das große LoS — fuhr Gumpelino fort — wär' mir so eine Nacht, und ach! sie hat mir schon oft eine solche Nacht versprochen, bei der ersten Gelegenheit, und ich Hab' mir schon gedacht, daß sie dann des Morgens deklamieren wird, ganz wie die Crelinger: Willst du schon gehn? Der Tag ist ja noch fern. Es war die Nachtigall und nicht die Lerche, Die eben jetzt dein banges Ohr durchdrang. Sie singt des Nachts auf dem Granatbaum dort. Glaub, Lieber, mir, es war die Nachtigall. Das große Los für eine einzige Nacht! — wiederholte unterdessen mehrmals Hyacinth, und konnte sich nicht zufrieden geben — Ich habe eine große Meinung, Herr Marchcsc, von Ihrer Bildung, aber daß sie es in der Schwärmerei so weit gebracht, hätte ich nicht geglaubt. Die Liebe sollte einem lieber sein als das große Los! Wirklich, Herr Marchcsc, seit ich mit Ihnen Umgang habe als Bedienter, habe ich mir schon viel Bildung angewöhnt; aber so viel weiß ich, nicht einmal ein Achtclchen vom großen Los gäbe ich für die Liebe! Gott soll mich davor bewahren! Wenn ich auch rechne Die Bader von Lucca. 3ö fünfhundert Mark Abzugsdckort, so bleiben doch noch immer zwölf- tausend Mark. Die Liebe! Wenn ich alles zusammenrechne, was mich die Liebe gekostet hat, kommen nur zwölf Mark und dreizehn Schilling heraus. Die Liebe! Ich habe auch viel limsvnstglück in der Liebe gehabt, was mich gar nichts gekostet hat; nur dann und wann habe ich mal meiner Geliebten pur oompluisanes die Hühneraugen geschnitten. Ein wahres, gefühlvoll leidenschaftliches Attachc- ment hatte ich nur ein einziges Mal, und das war die dicke Gudel vom Dreckwall. Die Frau spielte bei mir, und wenn ich kam, ihr das Los zu renovieren, drückte sie mir immer ein Stück Kuchen in die Hand, ein Stück sehr guten Kuchen; — auch hat sie mir manchmal etwas Eingemachtes gegeben, und ein Ligucnrchcn dabei, und las ich ihr einmal klagte, daß ich mit Gcmütsbcschwerdcn behaftet sei, gab sie mir das Rezept zu den Pulvern, die ihr eigener Mann braucht. Ich brauche die Pulver noch bis zur heutigen Stunde, sie thun immer ihre Wirkung — weitere Folgen hat unsere Liebe nicht gehabt. Ich dächte, Herr Marchese, Sie brauchten mal eins von diesen Pulvern. Es war mein erstes, als ich nach Italien kam, daß ich in Mailand in die Apotheke ging, und mir die Pulver machen ließ, und ich trage sie beständig bei mir. Warten Sie nur, ich will sie suchen, und wenn ich suche, so finde ich sie, und wenn ich sie finde, so müssen sie Ew. Exccllenz einnehmen. Es wäre zu weitläufig, wenn ich den Kommentar wiederholen wollte; womit der geschäftige Sucher jedes Stück begleitete, das er aus seiner Tasche kramte. Da kam zum Vorschein: 1) ein halbes Wachslicht, 2) ein silbernes Etui, worin die Instrumente zum Schneiden der Hühneraugen, 3) eine Citrvnc, 4) eine Pistole, die, obgleich nicht geladen, dennoch mit Papier umwickelt war, vielleicht damit ihr Anblick keine gefährliche Träume verursache, 5) eine gedruckte Liste von der lchtcn Ziehung der großen Hamburger Lotterie, 6) ein schwarz- ledernes Büchlein, worin die Psalmen Davids und die ausstehenden Schulden, 7) ein dürres Wcidenstränßchen, wie zu einem Knoten verschlungen, 8) ein Päckchen, das mit verblichenem Rosataffct überzogen war und die Quittung eines Lotterieloses enthielt, das einst fünfzigtansend Mark gewonnen, 9) ein plattes Stück Brot, wie weiß- gebackencr SchiffSzwicback, mit einem kleinen Loch in der Mitte, und endlich 19) die oben erwähnten Pulver, die der kleine Mann mit einer gewissen Rührung und mit seinein verwundert wehmütigen Kopfschüttcln betrachtete. Wenn ich bedenke — seufzte er — daß mir vor zehn Jahren die dicke Gudel dies Rezept gegeben, und daß ich jetzt in Italien bin und dasselbe Rezept in Händen habe, und wieder die Worte lese: sal nriradils Olaubsri, das heißt auf deutsch: extrafeines Glaubersalz von der besten Sorte, — ach, da ist mir zu Mut, als hätte ich gg Reisebilder II. Glaubersalz selbst schon eingenommen, und als fühlte ich die Wirkung, Was ist der Mensch! Ich bin in Italien und denke an die dicke Gudel vom Drcckwall! Wer hätte das gedacht! Ich kann mir vorstellen, sie ist jetzt auf dem Lande in ihrem Garten, wo der Mond scheint, und gewiß auch eine Nachtigall singt oder eine Lerche, Es ist die Nachtigall und nicht die Lerche! seufzte Gumpelinv dazwischen, und deklamierte vor sich hin: Sie singt des Nachts auf dem Granatbanm dort. Glaub, Lieber, mir, es war die Nachtigall, Das ist ganz einerlei — fuhr Hyacinth fort — meinethalben ein Kanarienvogel; die Vögel, die man im Garten hält, kosten am wenigsten. Die Hauptsache ist das Treibhaus, und die Tapeten im Pavillon und die Staatsfignren, die davor stehen, und da stehen zum Beispiel ein nackter General von den Göttern und die Venus Urinia, die beide dreihundert Mark kosten. Mitten im Garten hat sich die Gudel auch eine Fontenclle anlegen lassen — lind da steht sie vielleicht jetzt und puhlt sich die Nase, und macht sich ein Schwärmerei- Vergnügen, und denkt an mich — Ach! Nach diesem Seufzer erfolgte eine sehnsüchtige Stille, die der Mar- chese endlich unterbrach mit der schmachtenden Frage: Sage mir ans deine Ehre, Hyacinth, glaubst du wirklich, daß dein Pulver wirken wird? Es wird auf meine Ehre wirken, erwiderte jener. Warum soll es nicht wirken? Wirkt es doch bei mir! Und bin ich denn nicht ein lebendiger Mensch so gut wie Sie? Glaubersalz macht alle Menschen gleich; und wenn Rothschild Glaubersalz einnimmt, fühlt er dieselbe Wirkung wie das kleinste Maklerchen. Ich will Ihnen alles voraussagen: Ich schütte das Pulver in ein Glas, gieße Wasser dazu, rühre es, und sowie Sie das hinuntergeschluckt haben, ziehen Sie ein saueres Gesicht und sagen Prr! Prr! Hernach hören Sie selbst, wie es in Ihnen hcrnmkollert, und es ist Ihnen ctivas kurios zu Mut, und Sie legen sich zu Bett, und ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, Sie stehen wieder auf, und Sie legen sich wieder, und stehen wieder auf, und so fort, und den andern Morgen fühlen Sie sich leicht wie ein Engel mit weißen Flügeln, und Sie tanzen vor Gesundeswohlheit, nur ein bißchen blaß sehen Sie dann ans; aber ich weiß, Sie sehen gern schmachtend blaß aus, und wenn Sie schmachtend blaß aussehen, sieht man Sie gern — Obgleich Hyacinth solchermaßen zuredete, und schon das Pulver bereitete, hätte das doch wenig gefruchtet, wenn nicht dem Marchese plötzlich die Stelle, wo Julia den verhängnisvollen Trank einnimmt, in den Sinn gekommen wäre. Was halten Sie, Doktor — rief er — von der Müller in Wien? Ich habe sie als Julia gesehen, und Gott! Gott! wie spielt sie! Ich bin doch der größte Enthusiast für Die Bäder von Lucca. 9? die Crelinger, aber die Muller, als sie den Becher austrank, hat mich hingerissen. Sehen Sie — sprach er, indem er mit tragischer Gebärde das Glas, worin Hyacinth das Pnlver geschüttet, znr Hand nahm — sehen Sie, so hielt sie den Becher und schauderte, daß man alles mitfühlte, wenn sie sagte: Kalt rieselt matter Schau'r durch meine Adern, Der fast die Lebenswärm' erstarren macht! lind so stand sie, wie ich jetzt stehe, und hielt den Becher an die Lippen, und bei den Worten: Weile, Tybnlt! Ich komme, Romeo! Dies trink' ich dir! da leerte sie den Becher — Wohl bekomme es Ihnen, Herr Gumpcl! sprach Hyacinth mit feierlichem Tone; denn der Marchese hatte in nachahmender Begeisterung das Glas ausgetrunken, und sich, erschöpft von der Deklamation, auf das Sofa hingeworfen. Er verharrte jedoch nicht lange in dieser Lage; denn es klopfte plötzlich jemand an die Thüre, und herein trat Lady Maxfields kleiner Jockey, der dem Marchese mit lächelnder Verbeugung ein Billet überreichte und sich gleich wieder empfahl. Hastig erbrach jener das Billet; während er es las, leuchteten Nase und Augen vor Entzücken, jedoch plötzlich überflog eine Geistcrblässe sein ganzes Gesicht, Bestürzung zuckte in jeder Muskel, mit Verzweiflungsgcbnrdcn sprang er auf, lachte grimmig, rannte im Zimmer umher, und schrie: Weh mir, ich Narr des Glücks! Was ist? Was ist? frng Hyacinth mit zitternder Stimme, und indem er krampfhaft daS Kruzifix, woran er wieder Putzte, in zitternden Händen hielt — Werden nur diese Nacht überfallen? Was ist Ihnen, Herr Marchese? frug ich ebenfalls nicht wenig erstaunt. Lest! lest! rief Gumpelinv, indem er uns das empfangene Billet hinwarf, und immer noch verzweiflungsvoll im Zimmer umhcrrannte, wobei sein blauer Domino ihn wie eine Stnrmwolke umflatterte — Weh mir, ich Narr des Glücks! In dem Billet aber lasen wir folgende Worte: Süßer Gumpelinv! Sobald es tagt, muß ich nach England abreisen. Mein Schwager ist indessen schon vorangeeilt und erwartet mich in Florenz. Ich bin jetzt unbeobachtet, aber leider nur diese einzige Nacht — Laß uns diese benutzen, laß uns den Nektarkclch, den uns die Liebe kredenzt, bis auf den letzten Tropfen leeren. Ich harre, ich zittere — Julia Maxficld. Weh mir, ich Narr des Glücks! jammerte Gumpelinv — die Hcnie'S Werke. VI. Vd. 7 93 Reisebilder II. Liebe will mir ihren Nektarkelch kredenzen, und ich, ach! ich Hansnarr des Glücks, ich habe schon den Becher des Glaubersalzes geleert! Wer bringt mir den schrecklichen Trank wieder aus dem Magen? Hilfe! Hilfe! Hier kann kein irdischer Lebensmensch mehr helfen, seufzte Hyacinth. Ich bedaure Sie von ganzem Herzen, kondolierte ich ebenfalls. Statt eines Kelchs mit Nektar ein GlaS mit Glaubersalz zu genießen, das ist bitter! Statt des Thrones der Liebe harrt Ihrer jetzt der Stuhl der Nacht! O Jesus! O Jesus — schrie der Marchese noch immer — Ich fühle, wie es durch alle meine Adern rinnt — O wackerer Apotheker! dein Trank wirkt schnell — aber ich lasse mich doch nicht dadurch abhalten, ich will zu ihr eilen, zu ihren Füßen will ich niedersinken und da verbluten! Von Blut ist gar nicht die Rede — begütigte Hyacinth — Sie haben ja keine Homeriden. Seien Sie nur nicht leidenschaftlich - - Nein, nein! ich will zu ihr hin, in ihren Armen — o Nacht! o Nacht — Ich sage Ihnen — fuhr Hyacinth fort mit philosophischer Gelassenheit — csie werden in ihren Armen keine Ruhe haben, Sie werden zwanzigmal aufstehen müssen. Seien Sie nur nicht leidenschaftlich. Je mehr Sie im Zimmer ans und ab springen und je mehr Sie sich altericrcn, desto schneller wirkt das Glaubersalz. Ihr Gemüt spielt der Natur in die Hände. Sie müssen wie ein Mann tragen, waS das Schicksal über Sie beschlossen hat. Daß es so gekommen ist, ist vielleicht gut, und es ist vielleicht gut, daß es so gekommen ist. Der Mensch ist ein irdisches Wesen und begreift nicht die Fügung der Göttlichkeit. Der Mensch meint oft, er ginge seinem Glück entgegen, und auf seinem Wege steht vielleicht das Unglück mit einem Stock, und wenn ein bürgerlicher Stock auf einen adeligen Rücken kommt, so fühlt's der Mensch, Herr Marchese. Weh mir, ich Narr des Glücks! tobte noch immer Gumpelino, sein Diener aber sprach ruhig weiter: Der Mensch erwartet oft einen Kelch mit Nektar, und er kriegt eine Prügelsuppe, und ist auch Nektar süß, so sind doch Prügel um so bitterer; und es ist noch ein wahres Glück, daß der Mensch, der den andern prügelt, am Ende müde wird, sonst könnte es der andere wahrhaftig nicht aushalten. Gefährlicher ist aber noch, wenn das Unglück mit Dolch und Gift auf dem Wege der Liebe dem Menschen nustauert, so daß er seines Lebens nicht sicher ist. Vielleicht, Herr Marchese, ist es wirklich gut, daß es so gekommen ist, denn vielleicht wären Sie in der Hitze der Liebe zu der Geliebten hingelaufen, und auf dem Wege wäre ein kleiner Italiener mit einein Dolch, der sechs Brabanter Ellen laug ist, auf Sie loSgerannt, und hätte Sie — ich Die Bäder von Lucca. 99 will meinen Mund nicht zum Bösen aufthun — bloß in die Wade gestochen. Denn hier kann man nicht, wie in Hamburg, gleich die Wache rufen, und in den Apenninen giebt es keine Nachtwächter. Oder vielleicht gar — fuhr der unerbittliche Tröster fort, ohne durch die Verzweiflung dcS Marchese sich im mindesten stören zu lassen — vielleicht gar, wenn Sie bei Lady Maxfield ganz wohl und warm säßen, käme plötzlich der Schwager von der Reise zurück und setzte Ihnen die geladene Pistole auf die Brust, und ließe Sie einen Wechsel unterschreiben von hunderttausend Mark. Ich will meinen Mund nicht zum Bösen aufthun, aber ich setze den Fall, Sie wären ein schöner Mensch, und Lady Maxfield wäre in Verzweiflung, daß sie den schönen Menschen verlieren soll, und eifersüchtig, wie die Weiber sind, wollte sie nicht, daß eine andere sich nachher an Ihnen beglücke — Was thut sie? Sie nimmt eine Citrone oder eine Orange und schüttet ein klein weiß Pülverchen hinein und sagt: Kühle dich, Geliebter, du hast dich heiß gelaufen — und den andern Morgen sind Sie wirklich ein kühler Mensch, Da war ein Mann, der hieß Pieper, und der hatte eine Leidenschaftslicbe mit einer Mädchenpcrson, die das Pvsaunencugclhannchen hieß, und die wohnte auf der Kaffec- macherci und der Mann wohnte in der Fuhleutwiete — Ich wollte, Hirsch — schrie wütend der Marchese, dessen Unruhe den höchsten Grad erreicht hatte — ich wollt' dein Pieper von der Fuhleutwiete, und sein Posaunenengel von der Kaffeemacherei, und du und die Gudel, ihr hättet mein Glaubersalz im Leibe! Was wollen Sie von mir, Herr Gumpel? — versetzte Hyacinth, nicht ohne Auflug von Hitze — Was kann ich dafür, daß Lady Maxfield just heute nacht abreisen will und Sie just heute iuvitiert? Könnt' ich das voraus wissen? Bin ich Aristoteles? Bin ich bei der Vorsehung angestellt? Ich habe bloß versprochen, daß das Pulver wirken soll, und es wirkt so sicher, wie ich einst selig werde, und wenn Sie so diSparat und leidenschaftlich mit solcher Raserei hin und her laufen, so wird es noch schneller wirken — So will ich mich ruhig hinsetzen! ächzte Gumpeliuo, stampfte den Boden, warf sich ingrimmig aufs Sofa, unterdrückte gewaltsam seine Wut, und Herr und Diener sahen sich lange schweigend au, bis jener endlich nach einem tiefen Seufzer und fast kleinlaut ihn anredete: Aber, Hirsch, waS soll die Frau von mir denken, wenn ich nicht komme, sie wartet jetzt auf mich, sie harrt sogar, sie zittert, sie glüht vor Liebe — Sic hat einen schönen Fuß — sprach Hyacinth in sich hinein und schüttelte wehmütig sein Köpfleiu, In seiner Brust aber schien es sich gewaltig zu bewegen, unter seinem roten Rocke arbeitete sichtbar ein kühner Gedanke — 7» 100 Neisebilder II. Herr Gumpel — sprach es endlich aus ihm hervor — schicken Sie mich! Bei diesen Worten zog eine hohe Röte über das bläßliche Gc- schäftsgesicht. Kapitel X. Als Candide nach Eldorado kam, sah er ans der Straße mehrere Buben, die mit großen Goldklumpen statt mit Steinen spielten. Dieser Luxus machte ihn glauben, es seien das Kinder des Königs, und er war nicht wenig verwundert, als er vernahm, daß in Eldorado die Goldklumpen ebenso wertlos sind, wie bei uns die Kieselsteine, und daß die Schulknaben damit spielen. Einem meiner Freunde, einem Ausländer, ist etwas Ähnliches begegnet, als er nach Deutschland kam und zuerst deutsche Bücher las und über den Gedankenreichtum, welchen er darin fand, sehr erstaunte: bald aber merkte er, daß Gedanken in Deutschland so häufig sind, wie Goldklumpen in Eldorado, und daß jene Schriftsteller, "die er für Gcistesprinzcn gehalten, nur gewöhnliche Schulknaben waren. Diese Geschichte kommt mir immer in den Sinn, wenn ich im Begriff stehe, die schönsten Reflexionen über Kunst und Leben niederzuschreiben, und dann lache ich, und behalte lieber meine Gedanken in der Feder, oder kritzele statt dieser irgend ein Bild oder Figiirchen auf das Papier, und überrede mich, solche Tapeten seien in Deutschland, dem geistigen Eldorado, weit brauchbarer als die goldigsten Gedanken. Auf der Tapete, die ich dir jetzt zeige, lieber Leser, siehst du wieder die wohlbekannten Gesichter Gumpelinvs und seines Hirsch- Hyaeinthos, und wenn auch jener mit minder bestimmten Zügen dargestellt ist, so hoffe ich doch, du wirst scharfsinnig genug sein, einen Ncgationscharakter ohne allzu positive Bezeichnungen zu begreifen. Letztere konnten mir einen Jnjurienprozcß zuwege bringen, oder gar noch bedenklichere Dinge. Denn der Marchese ist mächtig durch Geld und Verbindungen. Dabei ist er der natürliche Alliierte meiner Feinde, er unterstützt sie mit Subsidien, er ist Aristokrat, Ultra- Papist, nur etwas fehlte ihm noch — je nun, auch das wird er sich schon anlehren lassen — er hat das Lehrbuch dazu in den Händen, wie du auf der Tapete sehen wirst. Es ist wieder Abend, auf dem Tische stehen zwei Armleuchter mit brennenden Wachskerzen, ihr Schimmer spielt über die goldenen Rahmen der Heiligenbilder, die, an der Wand hängend, durch das flackernde Licht und die beweglichen Schatten zu leben scheinen. Draußen vor dein Fenster stehen im silbernen Mondschein, unheimlich bewegungslos, die düsteren Cypressen, und in der Ferne ertönt ein trübes Marienliedchcn in abgebrochenen Lauten und wie von einer kranken Kinderstimme. ES herrscht eine eigene Schwüle im Zimmer, Die Beider von Lucca. 1l)1 der Marchese Cristvforo di Gumpclino sitzt, oder vielmehr liegt wieder nachlässig vornehm auf den Kissen des Sofas, der edel schwitzende Leib ist wieder mit dem dünnen blauseidencn Domino bekleidet, in den Händen hält er ein Buch, das in rotes Saffianpapier mit Goldschnitt gebunden ist, und deklamiert daraus laut und schmachtend. Sein Auge hat dabei einen gewissen klebrichten Lustre, wie er verliebten Katern eigen zu sein Pflegt, und seine Wangen, sogar die beiden Seitenflügel der Nase, sind etwas leidend blaß. Jedoch, lieber Leser, diese Blässe ließe sich wohl philosophisch anthropologisch erklären, wenn man bedenkt, daß der Marchese den Abend vorher ein ganzes Glas Glaubersalz verschluckt hat. Hirsch-Hyacinthos aber kauert am Boden des Zimmers, und mit einem großen Stück weißer Kreide zeichnet er auf das braune Estrich in großem Maßstabe ungefähr folgende Charaktere: Dieses Geschäft scheint dem kleinen Manne ziemlich sauer zu werden; keuchend bei dem jedesmaligen Bücken murmelte er verdrießlich: Spondeus, Trochäus, Jambus, Antispaß, Anapäst und die Pest l Dazu hat er, um der bequemeren Bewegung willen, den roten Oberrvck abgelegt, und zum. Borschein kommen zwei kurze, demütige Bcinchcn in engen Scharlachhosen, und zwei etwas längere abgemagerte Arme in weißen, schlotternden Hemdärmeln, Was sind das für sonderbare Figuren? frug ich ihn, als ich diesem Treiben eine Weile zugesehen. Das sind Füße in Lebensgröße — ächzte er zur Antwort — und ich geplagter Mann muß diese Füße im Kopfe behalten, und meine Hände thun mir schon weh von all den Füßen, die ich jetzt aufschreiben muß. Es sind die währen, echten Füße von der Poesie, Wenn ich es nicht meiner Bildung wegen thäte, so ließe ich die Poesie laufen mit all ihren Füßen, Ich habe jetzt bei dein Herrn Marchese Privatunterricht in der Poesiekunst, Der Herr Marchese liest mir die Gedichte vor, und expliziert mir, ans wieviel Füßen sie bestehen, und ich muß sie notieren und dann nachrechnen, ob das Gedicht richtig ist, Sie treffen uns — sprach der Marchese, didaktisch pathetischen Tones - wirklich in einer poetischen Beschäftigung, Ich weiß wohl, Doktor, Sie gehören zu den Dichtern, die einen eigensinnigen Kopf haben, und nicht einsehen, daß die Füße in der Dichtkunst die Hauptsache sind. Ein gebildetes Gemüt wird aber nur durch die gebildete Form angesprochen, diese können wir nur von den Griechen lernen und von neueren Dichtern, die griechisch streben, griechisch denken, 102 Reisebildcr II, griechisch fühlen, und in solcher Weise ihre Gefühle an den Mann dringen. Versteht sich an den Mann, nicht an die Frau, wie ein nnklassischer romantischer Dichter zu thun Pflegt — bemerkte meine Wenigkeit, Herr Gumpcl spricht zuweilen wie ein Buch, flüsterte mir Hya- cinth von der Seite zu, preßte die schmalen Lippen zusammen, blinzelte mit stolz vergnügten Auglein, und schüttelte das wunderstaunende Häuptlein, Ich sage Ihnen — setzte er etwas lauter hinzu — wie ein Buch spricht er zuweilen, er ist dann, sozusagen, kein Mensch mehr, sondern ein höheres Wesen, und ich werde dann wie dumm, je mehr ich ihn anhöre. Und was haben Sie denn jetzt in den Händen ? frng ich den Marchcse, Brillanten! antwortete er und überreichte mir das Buch, Bei dem Wort „Brillanten" sprang Hyacinth in die Höhe; doch als er nur ein Buch sah, lächelte er mitleidigen Blicks, Das brillante Buch aber hatte auf dem Vorderblatte folgenden Titel: „Gedichte von August Grafen von Platcn; Stuttgart und Tübingen, Verlag der I. G. Cottaschen Buchhandlung. 1823." Ans dem Hinterblatte stand zierlich geschrieben: „Geschenk mariner brüderlicher Freundschaft," Dabei roch daS Buch nach jenem seltsamen Parfüm, der mit Eau de Cologne nicht die mindeste Verwandtschaft hat, und vielleicht auch dem Umstände beizumessen war, daß der Marchese die ganze Nacht darin gelesen hatte. Ich habe die ganze Nacht kein Auge zuthun können — klagte er mir — ich war so sehr bewegt, ich mußte elfmal aus dem Bette steigen, und zum Glück hatte ich dabei diese vortreffliche Lektüre, woraus ich nicht bloß Belehrung für die Poesie, sondern auch Trost für das Leben geschöpft habe. Sic sehen, wie sehr ich das Buch geehrt, es fehlt kein einziges Blatt, und doch, wenn ich so saß, wie ich saß, kam ich manchmal in Versuchung — Das wird mehreren passiert sein, Herr Marchese, Ich schwöre Ihnen bei unserer lieben Frau von Lorettv und so wahr ich ein ehrlicher Mann bin — fuhr jener fort — diese Gedichte haben nicht ihresgleichen. Ich war, wie Sie wissen, gestern abend in Verzweiflung, sozusagen, au Dsscspvir, als das Fatum mir nicht vergönnte, meine Julia zu besitzen — da las ich diese Gedichte, jedesmal ein Gedicht, wenn ich aufstehen mußte, und eine solche Gleichgültigkeit gegen die Weiber war die Folge, daß mir mein eigener Licbesschmerz zuwider wurde. Das ist eben das Schöne au diesem Dichter, daß er nur für Männer glüht, in warmer Freundschaft; er gicbt uns den Vorzug vor dem weiblichen Geschlechte, und schon für diese Ehre sollten wir ihm dankbar sein. Er ist darin größer als alle andern Dichter, er schmeichelt nicht dem gewöhnlichen Geschmack Die Bäder von Lucca. 103 des großen HaufcnS, er heilt uns von unserer Passion für die Weiber, die uns so viel Unglück zuzieht — O Weiber! Weiber! wer von euren Fesseln befreit, der ist ein Wvhlthäter der Menschen. Es ist ewig schade, daß Shakespeare sein eminentes theatralisches Talent nicht dazu benutzt hat, denn er soll, wie ich hier zuerst lese, nicht minder großartig gefühlt haben als der große Graf Platen, der in seinen Sonetten von Shakespeare sagt: Nicht Mttdchenlannen störten deinen Schlummer, Doch stets um Freundschaft sehn wir warm dich ringen: Dein Freund errettet dich ans Weiberschlingen, Und seine Schönheit ist dein Ruhm und Kummer. Wahrend der Marchese diese Worte mit warmem Gefühl deklamierte, und der glatte Mist ihm gleichsam auf der Zunge schmolz, schnitt Hyacinth die widersprechendsten Gesichter, zugleich verdrießlich und beifällig, und endlich sprach er: Herr Marchese, Sie sprechen wie ein Buch, auch die Verse gehen Ihnen wieder so leicht ab wie diese Nacht, aber ihr Inhalt will mir nicht gefallen. Als Mann fühle ich mich geschmeichelt, daß der Graf von Platen uns den Vorzug giebt vor den Weibern, und als Freund von den Weibern bin ich wieder ein Gegner von solch einem Manne. So ist der Mensch! Der eine ißt gern Zwiebeln, der andere hat mehr Gefühl für warme Freundschaft, und ich als ehrlicher Mann, muß aufrichtig gestehen, ich esse gern Zwiebeln, und eine schiefe Köchin ist mir lieber, als der schönste Schönheitsfreund. Ja, ich muß gestehen, ich sehe nicht so viel Schönes am männlichen Geschlecht, daß man sich darin verlieben sollte. Diese letzteren Worte sprach Hyacinth, während er sich musternd im Spiegel betrachtete, der Marchese aber ließ sich nicht stören und deklamierte weiter: Der Hoffnung Schaumgebäude bricht zusammen, Wir mühn uns, ach! und kommen nicht zusammen; Mein Name klingt auS deinem Mund melodisch, Doch reihst du selten dies Gedicht zusammen; Wie Sonn' und Mond uns stets getrennt zu halten, Verschworen Sitte sich und Pflicht zusammen, Laß Haupt an Haupt uns lehnen, denn es taugen Dein dunkles Haar, mein hell Gesicht zusammen! Doch ach! ich träume, denn du ziehst von hinnen, Eh' noch das Glück uns brachte dicht zusammen! Die Seelen bluten, da getrennt die Leiber. O wären's Blumen, die man flicht zusammen! Eine komische Poesie! — rief Hyacinth, der die Reime nach- mnrmclte: — Sitte sich und Pflicht zusammen, Gesicht zusammen, 104 Neiscbilder II. dicht zusammen, flicht zusammen! kamische Poesie! Mein Schwager, wenn er Gedichte liest, macht oft den Spaß, daß er am Ende jeder Zeile die Worte „von vorn" und „von hinten" abwechselnd hinzusetzt; und ich habe nie gewußt, daß die Poesiegedichtc, die dadurch entstehen, Ghasclen heißen. Ich muß einmal die Probe machen, ob das Gedicht, das der Herr Marchcse deklamiert hat, nicht noch schöner wird, wenn man nach dem Wort „zusammen" jedesmal mit Abwechslung „von vorn" und „von hinten" setzt; die Poesie davon wird gewiß zwanzig Prozent starker. Ohne auf dieses Geschwätz zu achten, fuhr der Marchcse fort im Deklamieren von Ghaselen und Sonetten, worin der Liebende seinen Schönhcitsfreund besingt, ihn preist, sich über ihn beklagt, ihn des Kaltsinus beschuldigt, Pläne schmiedet, um zu ihm zn gelangen, mit Ihm angelt, eifersüchtelt, schmächtelt, eine ganze Skala von Zärtlichkeiten durchliebelt, und zwar so warmsclig, betastnngssüchtig und anleckend, daß man glauben sollte, der Verfasser sei ein manntollcs Mägdlein — Nur müßte es dann einigermaßen befremden, daß dieses Mägdlein beständig jammert, ihre Liebe sei gegen die „Sitte", daß sie gegen „diese trennende Sitte" so bitter gestimmt ist wie ein Taschendieb gegen die Polizei, daß sie liebend „die Lende" des Freundes umschlingen möchte, daß sie sich über „Neider" beklagt, „die sich schlau vereinen, um uns zn hindern und getrennt zn halten", daß sie über verletzende Kränkungen klagt von feiten des Freundes, daß sie ihm versichert, sie wolle ihn nur flüchtig erblicke», ihm beteuert: „Nicht eine Silbe soll dein Ohr erschrecken!" und endlich gesteht: „Mein Wunsch bei andern zeugte Widerstreben, Du hast ihn nicht erhört, doch abgeschlagen Hast du ihn auch nicht, o mein süßes Leben!" Ich muß dem Marchese das Zeugnis erteilen, daß er diese Gedichte gut vortrug, hinlänglich dabei seufzte, ächzte und auf dem Sofa hin und her rutschend gleichsam mit dem Gesäße kokettierte. Hyacinth versäumte keineswegs, immer die Reime nachzuplappern, wenn er auch ungehörige Bemerkungen dazwischen schwätzte. Den Oden schenkte er die meiste Aufmerksamkeit. Man kann bei dieser Sorte, sagte er, weit mehr lernen, als bei Sauuetten und Ghaselen; da bei den Oden die Füße oben ganz besonders abgedruckt sind, kann man jedes Gedicht mit Bequemlichkeit nachrechnen. Jeder Dichter sollte, wie der Gras Plate», bei seinen schwierigsten Pocsicgcdichten die Füße oben drucken und zu den Leuten sagen: Seht, ich bin ein ehrlicher Mann, ich will euch nicht betrügen, diese krummen und geraden Striche, die ich vor jedes Gedicht setze, sind, sozusagen, ein Conto fiuto von jedem Gedicht, und ihr könnt nachrechnen, wieviel Mühe es mich gekostet, sie sind, sozusagen, das Ellenmaß von jedem Die Bäder von Lucca. 103 Gedichte, und ihr könnt nachmessen, und fehlt daran eine einzige Silbe, so sollt ihr mich einen Spitzbuben nennen, so wahr ich ein ehrlicher Mann bin. Aber eben durch diese ehrliche Miene kann das Publikum betrogen werden. Eben wenn die Füße vor dem Gedichte angegeben sind, denkt man: Ich will kein mißtrauischer Mensch sein, wozu soll ich dem Manne nachzahlen? er ist gewiß ein ehrlicher Mann, und man zählt nicht nach und wird betrogen. Und kann mau immer nachrechnen? Wir sind jetzt in Italien, und da habe ich Zeit, die Füße mit Kreide auf die Erde zu schreiben und jede Ode zu kollationieren. Aber in Hamburg, wo ich mein Geschäft habe, fehlt mir die Zeit dazu, und ich müßte dem Grafen Platen ungezählt trauen, wie man traut bei den Geldbeuteln von der Conrantkasse, worauf geschrieben steht, wieviel Hundert Thaler darin enthalten — sie gehen versiegelt von Hand zu Hand, jeder traut dem andern, daß so viel darin enthalten ist, wie darauf steht, und es giebt doch Beispiele, daß ein Müßiggänger, der nicht viel zu thun hatte, so einen Beutel geöffnet und nachgezahlt und ein paar Thaler zu wenig darin gefunden hat. So kann auch in der Poesie viel Spitzbüberei vorfallen. Besonders wenn ich an Geldbeutel denke, werde ich mißtrauisch. Denn mein Schivager hat mir erzählt, im Zuchthaus zu Odensce sitzt — ein gewisser jemand, der bei der Post angestellt war, und die Geldbeutel, die durch seine Hände gingen, unehrlich geöffnet und unehrlich Geld herausgenommen, und sie wieder künstlich zugenäht und weiter geschickt hat. Hört man von solcher Geschicklichkeit, so verliert man das menschliche Zutrauen und wird ein mißtrauischer Mensch. Es giebt jetzt viel Spitzbüberei in der Welt, und es ist gewiß in der Poesie wie in jedem andern Geschäfte. Die Ehrlichkeit — fuhr Hyacinth fort, während der Marchese weiter deklamierte, ohne unserer zu achten, ganz versunken in Gefühl — die Ehrlichkeit, Herr Doktor, ist die Hauptsache, und wer kein ehrlicher Mann ist, den betrachte ich wie einen Spitzbuben, und wen ich wie einen Spitzbuben betrachte, von dem kaufe ich nichts, von dem lese ich nichts, kurz ich mache kein Geschäft mit ihm. Ich bin ein Mann, Herr Doktor, der sich auf nichts etwas einbildet; wenn ich mir aber etwas einbilden wollte auf etwas, so würde ich mir etwas darauf einbilden, daß ich ein ehrlicher Mann bin. Ich will Ihnen einen edlen Zug von mir erzählen, und Sie werden staunen — ich sag' Ihnen, Sic werden staunen, so wahr ich ein ehrlicher Mann bin. Da wohnt ein Mann in Hamburg auf dem Speersort, uud der ist ein Krantkrämer und heißt Klötzchen, das heißt, ich heiße den Mann Klötzchen, weil wir gute Freunde sind, sonst heißt der Mann Herr Klotz. Auch seine Frau muß man Madam Klotz nennen, und sie hat nie leiden können, daß ihr Mann bei mir spielte, und wenn ihr Mann bei mir spielen wollte, so durfte ich mit dem Lotterielos nicht 106 Reisebilder II, zu ihm ins Haus kommen, und er sagte mir immer auf der Straße: Die und die Nummer will ich bei dir spielen, und hier hast du das Geld, Hirsch! Und ich sagte dann: Gut, Klötzchen! Und kam ich nach Hause, so legte ich die Nummer konvertiert für ihn apart, und schrieb ans das Cvuvert mit deutschen Buchstaben! Für Rechnung des Herrn Christian Hinrich Klotz, Und nun hören Sie und staunen Sie! Es war ein schöner Frühlingstag, und die Bäume an der Börse waren grün, und die Zephyriufte waren angenehm, und die Sonne glänzte am Himmel, und ich stand , an der Hamburger Bank, Da kommt Klötzchen, mein Klötzchen, und hat am Arme seine dicke Madam Klotz, und grüßt mich zuerst, und spricht von der Frnhlings- pracht Gottes, macht auch einige patriotische Bemerkungen über das Bürgermilitär, und er fragt mich, wie die Geschäfte gehen, und ich erzähle ihm, daß vor einigen Stunden wieder einer am Pranger gestanden, und so im Gespräche sagt er mir: Gestern nacht habe ich geträumt: Numero 1538 wird als das große Los herauskommen — und in demselben Moment, während Madam Klotz die Kaiserstatistcn vor dem Rathaus betrachtet, drückt er mir dreizehn vollwichtige Lvuisdors in die Hand — ich meine, ich fühle sie noch jetzt — und ehe Madam Klotz sich wieder herumdreht, sag' ich: Gut Klötzchen! und ich gehe weg. Und gehe direktement, ohne mich umzusehen" nach der Hanptkollekte und hole mir Numero 1538, und convertiere sie, sobald ich nach Hause komme, und schreibe auf das Couvert: Für Rechnung des Herrn Christian Hinrich Klotz. Und was thut Gott? Vierzehn Tage nachher, um meine Ehrlichkeit auf die Probe zu stellen, läßt er Numero 1538 herauskommen mit einem Gewinn von öl) 000 Mark. Was thut aber Hirsch, derselbe Hirsch, der jetzt vor Ihnen steht? Dieser Hirsch zieht ein reines weißes Oberhcmdchcn und ein reines weißes Halstuch an, und nimmt eine Droschke, und holt sich bei der Hauptkvllekte seine S0V00 Mark und führt damit nach dem Speersort — Und wie mich Klötzchen sieht, fragt er: Hirsch, warum bist du heut so geputzt? Ich aber antwortete kein Wort, und setze einen großen Überraschnngsbeutcl mit Gold auf den Tisch, und rede ganz feierlich: Herr Christian Hinrich Klotz! die Numero 1538, die Sie so gütig waren bei mir zu bestellen, hat das Glück gehabt, 50000 Mark zu gewinnen, in diesem Beutel habe ich die Ehre, Ihnen das Geld zu präsentieren, und ich bin so frei, mir eine Quittung auszukitten! Wie Klötzchen das hört, fängt er an zu weinen, wie Madam Klotz die Geschichte hört, fängt sie an zu weinen; die rote Magd weint, der krumme Ladendiener weint, die Kinder weinen und ich? ein Riihrungsmcnsch, wie ich bin, konnte ich doch nicht weinen, und fiel erst in Ohnmacht, und erst nachher kamen mir die Thränen aus den Augen wie ein Wasserbach, und ich weinte drei Stunden. Die Bäder von Lucca. 107 Die Stimme des kleinen Menschen bebte, als er dieses erzählte, und feierlich zog er ein schon erwähntes Päckchen aus der Tasche, wickelte davon den schon verblichenen Rvsataffet, und zeigte mir den Schein, worin Christian Hinrich Klotz den richtigen Empfang der SO 000 Mark quittierte. Wenn ich sterbe — sprach Hyacinth, eine Thräne im Auge — soll man mir diese Quittung mit ins Grab legen, und wenn ich einst dort am Tage des Gerichts Rechenschaft geben mnß von meinen Thaten, dann werde ich mit dieser Quittung in der Hand vor den Stuhl der Allmacht treten, und wenn mein böser Engel die bösen Handlungen, die ich auf dieser Welt begangen habe, vorgelesen, und mein guter Engel auch die Liste von meinen guten Handlungen ablesen will, dann sag' ich ruhig: Schweig! — ich will nur wissen, ist diese Quittung richtig? ist das die Handschrift von Christian Hinrich Klotz? Dann kommt ein ganz kleiner Engel herangeflogen, und sagt, er kenne ganz genau Klötzchens Handschrift, und er erzählt zugleich die merkwürdige Geschichte von der Ehrlichkeit, die ich mal begangen habe. Der Schöpfer der Ewigkeit aber, der Allwissende, der alles weiß, erinnert sich an diese Geschichte, und er lobt mich in Gegenwart von Sonne, Mond und Sternen, und berechnet gleich im Kopf, daß, wenn meine bösen Handlungen von 50000 Mark Ehrlichkeit abgezogen werden, mir noch ein Saldo zu gut kommt, und er sagt dann: Hirsch! ich ernenne dich zum Engel erster Klasse, und du darfst Flügel tragen mit rot und weißen Federn. Kapitel xi. Wer ist denn der Graf Platen, den wir im vorigen Kapitel als Dichter und warmen Freund kennen lernten? Ach, lieber Leser, diese Frage las ich schon lange auf deinem Gesichte, und nur zaudernd gehe ich an die Beantwortung. Das ist ja eben das Mißgeschick deutscher Schriftsteller, daß sie jeden guten oder bösen Narren, den sie aufs Tapet bringen, erst durch trockene Charakterschilderung und Personalbeschreibung bekannt machen müssen, damit man erstens wisse, daß er existiert, und zweitens den Ort kenne, wo die Geißel ihn trifft, ob unten oder oben, vorn oder hinten. Anders war es bei den Alten, anders ist es noch jetzt bei neueren Völkern, z. B. den Engländern und Franzosen, die ein Volksleben und daher xudlio olmruotsrü haben. Wir Deutschen aber, wir haben zwar ein ganz närrisches Volk, aber wenig ausgezeichnete Narren, die bekannt genug wären, um sie als allgemein verständliche Charaktere in Prosa oder Versen gebrauchen zu können. Die wenigen Männer dieser Art, die wir besitzen, haben wirklich recht, wenn sie sich wichtig inachen. Sie sind von unschätzbarem Werte und zu den höchsteil Ansprüchen berechtigt. So z. B. der Herr Geheimrath Schmalz, Professor der Berliner Universität, ist ein Maiin, der nicht mit Geld zu bezahlen 108 Reisebilder II. ' ist; ein humoristischer Schriftsteller kann ihn nicht enthehren, und er selbst fühlt diese persönliche Wichtigkeit und Unentbehrlichkcit in so hohem Grade, daß er jede Gelegenheit ergreift, um humoristischen Schriftstellern Stoff zu Satire zu geben, daß er Tag und Nacht grübelt, wie er sich als Staatsmann, Servilist, Dekan, Äntihegelianer und Patriot lächerlich machen kann, um somit die Litteratur, für die er sich gleichsam aufopfert, thatkräftig zu befördern. Den deutschen Universitäten muß man überhaupt nachrühmen, daß sie die deutschen Schriftsteller mehr als jede andere Zunft mit allerlei Narren versorgen, nnd besonders Göttingen habe ich immer in dieser Hinsicht zu "schätzen gewußt. Dies ist auch der geheime Grund, weshalb ich mich für die Erhaltung der Universitäten erkläre, obgleich ich stets Gewerbefreiheit und Vernichtung des Zunftwesens gepredigt habe. Bei solchem fühlbaren Mangel an ausgezeichneten Narren kann mau mir nicht genug danken, wenn ich neue aufs Tapet bringe nnd allgemein bräuchbar mache. Zum besten der Litteratur will ich daher jetzt vom Grafen August von Platen-Hallermünde etwas ausführlicher reden. Ich will dazu beitragen, daß er zweckmäßig bekannt und gewissermaßen berühmt werde, ich will ihn litterarisch gleichsam herausfüttern, wie die Irokesen thnn mit den Gefangenen, die sie bei späteren Festmahlen verspeisen wollen. Ich werde ganz treu ehrlich verfahren nnd überaus höflich, wie es einem Bürgerlichen ziemt, ich werde das Materielle, das sogenannt Persönliche, nur insoweit berühren, als sich geistige Erscheinungen dadurch erklären lassen, und ich werde immer ganz genau den Standpunkt, von wo aus ich ihn sah, nnd sogar manchmal die Brille, wodurch ich ihn sah, angeben. Der Standpunkt, von Ivo ich den Grafen Platen zuerst gewahrte, war München, der Schauplatz seiner Bestrebungen, wo er bei allen, die ihn kennen, sehr berühmt ist, und wo er gewiß, solange er lebt, unsterblich sein wird. Die Brille, wodurch ich ihn sah, gehörte einigen Insassen Münchens, die über seine äußere Erscheinung dann nnd wann in heiteren Stunden ein heiteres Wort hinwarfen. Ich habe ihn selbst nie gesehen, und wenn ich mir seine Person denken Null, erinnere ich mich immer an die drollige Wut, womit einmal mein Freund, der Doktor Lantenbacher, über Pvetennarrheit im allgemeinen loszog, und insbesondere eines Grafen Platen erwähnte, der mit einem Lorbeerkranze auf dem Kopfe sich auf der öffentlichen Promenade zu Erlangen den Spaziergängern in den Weg stellte und, mit der bebrillten Nase gen Himmel starrend, in poetischer Begeisterung zu sein vorgab. Andere haben besser von dem armen Grafen gesprochen, und beklagten nur seine beschränkten Mittel, die ihn bei seinem Ehrgeiz, sich wenigstens als ein Dichter auszuzeichnen, über I die Gebühr zum Fleihe nötigten, und sie lobten besonders seine Zu vorkommenheit gegen jüngere, bei denen er die Bescheidenheit selbst Die Bäder von Lucca. 109 gewesen sei, indem er mit der liebreichsten Demut ihre Erlaubnis erbeten, dann und wann zu ihnen aufS Zimmer kommen zu dürfen, und sogar die Gutmütigkeit so weit getrieben habe, immer wieder zu kommen, selbst wenn man ihn die Lästigkeit seiner Visiten aufs deutlichste merken lassen. Dergleichen Erzählungen haben mich gewissermaßen gerührt, obgleich ich diesen Mangel an Personalbeifall sehr natürlich fand. Vergebens klagte oft der Graf: — Deine blonde Jugend, süßer Knabe, Verschmäht den melancholischen Genossen. So will in Scherz ich mich ergchn, in Possen, Anstatt ich jetzt mich bloß an Thronen labe, Und um der Fröhlichkeit mir fremde Gabe Hab' ich den Himmel anzuflehn beschlossen. Vergebens versicherte der arme Graf, daß er einst der berühmteste Dichter werde, daß schon der Schatten eines Lorbeerblattes auf seiner Stirne sichtbar sei, daß er seine süßen Knaben ebenfalls unsterblich machen könne durch unvergängliche Gedichte. Ach! eben diese Ccle- britttt war keinem lieb, und in der That, sie war keine beneidenswerte. Ich erinnere mich noch, mit welchem unterdrückten Lächeln eilt Kandidat solcher Celebrität von einigen lustigen Freunden unter den Arkaden zu München betrachtet wurde. Ein scharfsichtiger Bösewicht meinte sogar, er sähe zwischen den Rockschößen desselben den Schatten eines Lorbeerblattes. Was mich betrifft, lieber Leser, so bin ich nicht so boshaft, wie du denkst, ich bemitleide den armen Grafen, wenn ihn andere verhöhnen, ich zweifle, daß er sich an der verhaßten „Sitte" thätlich gerächt habe, obgleich er in seinen Liedern schmachtet, sich solcher Rache hinzugeben; ich glaube vielmehr an die verletzenden Kränkungen, beleidigenden Zurücksetzungen und Abweisungen, wovon er selbst so rührend singt. Ich bin überzeugt, er betrug sich gegen die Sitten überhaupt weit löblicher, als ihm selber lieb war, und er kann vielleicht, wie General Tilly, von sich rühmen: Ich war nie berauscht, ich habe nie ein Weib berührt, und habe nie eine Schlacht verloren. Deshalb gewiß sagt von ihm der Dichter: Du bist ein nüchterner, modester Junge. Der arme Junge, oder vielmehr der arme alte Junge — denn er hatte schon einige Lustren hinter sich — hockte damals, wenn ich nicht irre, auf der Universität in Erlangen, Ivo man ihm einige Beschäftigung angewiesen hatte; doch da diese seinem hochstrebenden Geiste nicht genügte, da mit den Lustren auch die Lüsternheit nach illüstrer Lust ihn mehr und mehr stachelte, und der Graf von seiner künftigen Herrlichkeit täglich mehr und mehr begeistert wurde, gab er jenes Geschäft auf und beschloß, von der Schriftstellerei, von gelegentlichen Gaben von oben und einigen sonstigen Verdiensten zu 11» Reisebilder II, leben. Die Grafschaft des Grafen liegt nämlich im Monde, von wo er, wegen der schlechten Konnnnnikation mit Bayern, nach Gruithui- scns Berechnung erst in 20000 Jahren, wenn der Mond dieser Erde näher kommt, seine ungeheuren Revenuen beziehen kann. Schon früher hatte Don Platen de Colibrados Hallermünde bei Brockhaus in Leipzig eine Gedichtesammlnng mit einer Vorrede, betitelt: „Lyrische Blätter, Nummer I" herausgegeben, die freilich nicht bekannt wurde, obgleich, wie er uns versicherte, die sieben Weisen dem Verfasser ihr Lob gespendet. Später gab er, nach Tieckschcm Muster, einige dramatisierte Märchen und Erzählungen heraus, die ebenfalls das Glück hatten, daß sie der unweisen großen Menge unbekannt blieben, und nur von den sieben Weisen gelesen wurden. Indessen, um außer den sieben Weisen noch einige Leser zu gewinnen, legte sich der Graf auf Polemik und schrieb eine Satire gegen berühmte Schriftsteller, vornehmlich gegen Müllncr, der damals schon allgemein gehaßt und moralisch vernichtet war, so daß der Graf eben zur rechten Zeit kam, um dem toten Hofrat Örindnr noch einen Hauptstich, nicht inS Haupt, sondern, nach Fallstaffscher Weise, in die Wade zu versetzen. Der Widerwille gegen Müllncr hatte jedes edle Herz erfüllt; die Polemik des Grafen mißfiel daher nicht, und „die verhängnisvolle Gabel" fand hier und da eine bereitwillige Aufnahme, nicht beim großen Publikum, sondern bei Litteratoren und bei den eigentlichen Schulleuten, bei letzteren hauptsächlich, weil jene Satire nicht mehr dein romantischen Tieck, sondern dem klassischen Aristv- phanes nachgeahmt war. Ich glaube, es war um diese Zeit, daß der Herr Graf nach Italien reiste; er zweifelte nicht mehr, von seiner Poesie leben zu können, Cotta hatte die gewöhnliche prosaische Ehre, für Rechnung der Poesie das Geld herzugeben; denn die Poesie, die Himmelstochter, die Hochgeborene, hat selbst nie Geld und wendet sich bei solchem Bedürfnis immer an Cotta, Der Graf versifizierle jetzt Tag und Nacht, er blieb nicht bei dem Vorbilde Tiecks und des Äristophanes, sondern ahmte auch den Goethe nach im Liede, dann den Horaz in der Ode, dann den Petrarca in Sonetten, dann den Dichter Hafis in persischen Ghasclen — kurz, er gab uns solchermaßen eine Blumcn- lcse der besten Dichter und zugleich seine eigenen „lyrischen Blätter" unter dem Titel: „Gedichte des Grafen Platen:c," Niemand in Deutschland ist gegen poetische Erzeugnisse billiger als ich, und ich gönne einem armen Menschen wie Platen sein Stückchen Ruhm, das er im Schweiße seines Angesichts so sauer erwirbt, gewiß herzlich gern. Keiner ist mehr geneigt als ich, seine Bestrebungen zu rühmen, seinen Fleiß und seine Belesenheit in der Poesie zu loben, und seine silbenmttßigen Verdienste anzuerkennen. Meine eigenen Versuche befähigen mich" mehr als jeden andern, die Die Bäder von Lucca, III metrischen Verdienste des Grafen zu würdigen. Die bittere Mühe, die unsägliche Beharrlichkeit, das winternächtliche Zähneklappern, die ingrimmigen Anstrengungen, womit er die Verse ausgearbeitet, entdeckt unsereiner weit eher als der gewohnliche Leser, der die Glätte, Zierlichkeit und Politur jener Verse des Grafen für etwas Leichtes hält, und sich an der glatten Wortspielerei gedankenlos ergötzt, wie man sich bei Kunstspringern, die auf dem Seile balancieren, über Eier tanzen und sich auf den Kopf stellen, ebenfalls einige Stunden amüsiert, ohne zu bedenken, daß jene armen Wesen nur durch jahrelangen Zwang und gransames Hungerleiden solche Gelenkigkeitskünste, solche Metrik des Leibes erlernt haben. Ich, der ich mich in der Dichtkunst nicht so sehr geplagt und sie immer in Verbindung mit gutem Essen ausgeübt habe, ich will den Grafen Platen, dem es saurer und nüchterner ergangen, um so mehr preisen, ich will von ihm rühmen, daß kein Seiltänzer in Europa so gut wie er auf schlaffen Ghasclen balanciert, daß keiner den Eiertanz über so gut exekutiert wie er, daß keiner sich so gut wie er ans den Kopf stellt. Wenn ihm auch die Musen nicht hold sind, so hat er doch den GeniuS der Sprache , in seiner Gewalt, oder vielmehr er weiß ihm Gewalt anznthnn; denn die freie Liebe dieses Genius fehlt ihm, er muß auch diesem Jungen beharrlich nachlaufen, und er weiß nur die äußeren Formen zu erfassen, die trotz ihrer schonen Nundung sich nie edel aussprechen. Nie sind tiefe Naturlante, wie wir sie im Bvlks- liede, bei Kindern und andern Dichtern finden, ans der Seele eines Platen hervorgebrochen oder offenbarungsmäßig hervorgeblüht; den beängstigenden Zwang, den er sich anthun muß, um etwas zu sagen, nennt er eine „große That in Worten" — so gänzlich unbekannt mit dem Wesen der Poesie, weiß er nicht einmal, daß das Wort nur bei dem Rhctor eine That ist, bei dem wahren Dichter aber ein Ereignis, Ungleich dem wahren Dichter, ist die Sprache nie Meister geworden in ihm, er ist dagegen Meister geworden in der Sprache, oder vielmehr auf der Sprache, wie ein Virtuose auf einem Instrumente, Je weiter er es solcherart im Technischen brachte, desto größere Meinung .bekam er von seiner Virtuosität; er wußte ja in allen Weisen zu spielen, er versifizicrte ja die schwierigsten Passagen, er dichtete, sozusagen, manchmal nur ans der K-Saite, und ärgerte sich, wenn das Publikum nicht klatschte. Wie alle Virtuosen, die solch einseitiges Talent ausgebildet, strebte er nur nach Applnudisscment, sah er mit Ingrimm auf den Ruhm anderer, beneidete er seine Kollegen tun ihren Gewinst, wie z, B, den Clauren, schrieb er gleich fünfaktige Pasquille, wenn er nur eine einzige lt'enie des Tadels ans sich beziehen konnte, kontrollierte er alleRecensionen, worin andere gelobt wurden, und schrie er beständig: 112 Neisebilder II. Ich werde nicht genug gelobt, nicht genug belohnt, denn ich bin der Poet, der Poet der Poeten u. s. w. So hungrig und lechzend noch Lob und Spenden zeigte sich nie ein wohrer Dichter, nicmols Klop- stock, niemals Goethe, zu deren drittem der Graf Platcn sich selbst ernennt, obgleich jeder einsieht, daß er nur mit Ramler und etwa A. W. von Schlegel ein Triumvirat bildet. Der große Ramler, wie man ihn zu seiner Zeit hieß, als er, zwar ohne Lorbeerkranz auf dem Haupte, aber mit desto größerein Zopf und Haarbeutcl, das Auge gen Himmel gehoben, und den steifleinenen Regenschirm unterm Arm, im Berliner Tiergarten skandierend wandelte, hielt sich damals für den Repräsentanten der Poesie auf Erden. Seine Verse waren die vollendetsten in deutscher Sprache, und seine Verehrer, worunter sogar ein Lessing sich verirrte, meinten, weiter könne man es in der Poesie nicht bringen. Fast dasselbe war späterhin der Fall bei A. W. von Schlegel, dessen poetische Unzulänglichkeit aber sichtbar wird, seitdem die Sprache weiter ausgebildet worden, so daß sogar diejenigen, die einst den Sänger des Arion für einen gleichfallsigcn Arion gehalten, jetzt nur noch den verdienstlichen Schullehrer in ihm sehen. Ob aber der Graf Platcn schon befugt ist, über den sonst rühmenswerten Schlegel zu lachen, ivie dieser einst über Ramler lachte, das weiß ich nicht. Aber das weiß ich, in der Poesie sind alle drei sich gleich, und wenn der Graf Platen noch so hübsch in den Ghaselen seine schaukelnden Bnlancierkünste treibt, wenn er in seinen Oden noch so vortrefflich den Eiertanz exekutiert, ja, wenn er in seinen Lustspielen sich ans den Kopf stellt — so ist er doch kein Dichter. Er ist kein Dichter, sagt sogar die undankbare männliche Jugend, die er so zärtlich besingt. Er ist kein Dichter, sagen die Frauen, die vielleicht — ich muß es zu seinem Besten andeuten — hier nicht ganz unparteiisch sind, und vielleicht, wegen der Hingebung, die sie bei ihm entdecken, etwas Eifersucht empfinden, oder gar durch die Tendenz seiner Gedichte ihre bisherige vorteilhafte Stellung in der Gesellschaft gefährdet glauben. Strenge Kritiker, die mit scharfen Brillen versehen sind, stimmen ein in dieses Urteil, oder äußern sich noch lakonisch bedenklicher. Was finden Sie in den Gedichten des Grafen von Platcn-Hallermünde? frug ich jüngst einen solchen Mann. Sitzfleisch, war die Antwort. Sie meinen in Hinsicht der mühsamen, ausgearbeiteten Form? entgegnete ich. Nein, erwiderte jener, Sitzfleisch auch in betreff deS Inhalts. Was nun den Inhalt der Platenschen Gedichte betrifft, so möchte ich den armen Grafen dafür zwar nicht loben, aber ihn auch nicht unbedingt der censorischen Wut preisgeben, womit unsere Catonen davon sprechen oder gar schweigen. Lllmonn a, son Aoüt, dem einen gefällt der Ochs, dem andern Wasischtas Kuh. Ich tadele sogar den furchtbaren rhadnmantischen Ernst, womit über jenen Inhalt der Die Bäder von Lucca. 113 Platcnschcn Gedichte in den Berliner Jahrbüchern für wissenschaftliche Kritik gerichtet worden. Aber so sind die Menschen, es wird ihnen sehr leicht, in Eifer zu geraten, wenn sie über Sünden sprechen, die ihnen kein Vergnügen inachen würden. Im Morgenblatte las ich kürzlich einen Aufsatz, überschrieben: „Aus dem Journale eines Lesers", worin der Graf Plntcn gegen solche strenge Tadler seiner Freundschaftsliebe mit jener Bescheidenheit sich ausspricht, die er nie zu verleugnen weiß, und woran man ihn auch hier erkennt. Wenn er sagt, daß „das Hcgelsche Wochenblatt" ihn eines geheimen Lasters mit „lächerlichem Pathos" beschuldige, so will er, wie leicht zu erraten ist, nur der Rüge anderer Leute zuvorkommen, deren Gesinnung er durch dritte Hand erforschen lassen. Indessen, man hat ihm schlecht berichtet, ich werde mir nie in dieser Hinsicht einen Pathos zu schulden kommen lassen, der edle Graf ist mir vielmehr eine ergötzliche Erscheinung, und in seiner erlauchten Liebhaberei sehe ich nur etwas Unzeitgemäßes, nur die zaghaft verschämte Parodie eines antiken Übermuts. Das ist es ja eben, jene Liebhaberei war im Altertum nicht in Widerspruch mit den Sitten, und gab sich kund mit heroischer Öffentlichkeit. Als z. B. der Kaiser Nero auf Schiffen, die mit Gold und Elfenbein ausgelegt waren, ein Gastmahl hielt, das einige Millionen kostete, ließ er sich mit einem ans dem Jünglingsserail, Namens Pythagoras, feierlich einsegnen hounata, ckonicina sxsotnts, gnns siünrn in ksrnirm nox oxsrit), und steckte nachher mit der Hvchzeitsfackcl die Stadt Rom in Brand, um bei den prasselnden Flamme» desto besser den Untergang Trojns besingen zu können. Das war noch ein Ghaselendichtcr, über den ich mit Pathos sprechen konnte; doch nur lächeln kann ich über den neuen Pythagorcer, der im heutigen Rom die Pfade der Freundschaft dürftig und nüchtern und ängstlich dahinschleicht, mit seinem hellen Gesichte von liebloser Jugend abgewiesen wird, und nachher bei kümmerlichem Öllämpchen sein Ghaselchen nusseufzt. Interessant in solcher Hinsicht ist die Vcr- gleichung der Platcnschcn Gedichtchen mit dem Petron. Bei diesem ist schroffe, antike, Plastisch heidnische Offenheit; Graf Platen hingegen, trotz seinem Pochen ans Klassizität, behandelt seinen Gegenstand vielmehr romantisch, verschleiernd, sehnsüchtig, pfäffisch, ich muß hinzusetzen: heuchlerisch. Denn der Graf vermummt sich manchmal in fromme Gefühle, er vermeidet die genaueren Geschlechtsbezeichnungen; nur die Eingeweihten sollen klar sehen; gegen den großen Hansen glaubt er sich genugsam versteckt zu haben, wenn er das Wort Freund manchmal ausläßt, und es geht ihm dann wie dem Vogel Strauß, der sich hinlänglich verborgen glaubt, wenn er den Kopf in den Sand gesteckt, so daß nur der Steiß sichtbar bleibt. Unser erlauchter Vogel hätte besser gethan, wenn er den Steiß versteckt und uns den Kopf gezeigt hätte. In der That, er ist mehr ein Mann von Steiß Hcine 's Werke. VI. Bd. 3 114 NeisMlber II, als ein Mann von Kopf, der Name Mann überhaupt paßt nicht für ihn, s eine Liebe hat einen passiv pythagoreischen Charakter, er ist in seinen Gedichten ein Pathikos, er ist ein Weib, und zwar ein Weib, das sich an gleich Weibischem ergötzt, er ist gleichsam eine männliche Tribade, Diese ängstlich schmiegsame Natur duckt durch alle seine Liebesgedichte, er findet immer einen neuen Schönheitsfreund, überall in diesen Gedichten sehen wir Polyandrie, und wenn er auch sentimentalisicrt: „Du liebst und schweigst — O hätt' ich auch geschwiegen Und meine Blicke nur an dich verschwendet! O hätt' ich nie ein Wort dir zugewendet, So müßt' ich keinen Kränkungen erliegen. Doch diese Liebe möcht' ich gern besiegen, Und weh dem Tag, an dem sie frostig endet! Sie ward aus jenen Räumen uns gesendet, Wo selig Engel sich an Engel schmiegen —" so denken wir doch gleich an die Engel, die zu Loth, dem Sohne Harans, kamen und nur mit Not und Mühe den zärtlichsten An- schmiegungen entgingen, wie wir lesen im Pentateuch, wo leider die Ghaselen und Sonette nicht mitgeteilt sind, die damals vor Loths Thüre gedichtet wurden. Überall in den Platenschen Gedichten sehen wir den Vogel Strauß, der nur den Kopf verbirgt, den eiteln ohnmächtigen Vogel, der das schönste Gefieder hat und doch nicht fliegen kann, und zänkisch humpelt über die polemische Sandwüste der Litte- ratnr. Mit seinen schönen Federn ohne Schwungkraft, mit seinen schönen Versen ohne poetischen Flug, bildet er den Gegensatz zu jenem Udler des Gesanges, der minder glänzende Flügel hat, aber sich damit zur Sonne erhebt — ich muß wieder auf den Refrain zurückkommen: der Graf Platen ist kein Dichter. Von einem Dichter verlangt man zwei Dinge: in'seinen lyrischen Gedichten müssen Naturlaute, in seinen epischen oder dramatischen Gedichten müssen Gestalten sein. Kann er sich in dieser Hinsicht nicht legitimieren, so wird ihm der Dichtertitel abgesprochen, selbst wenn seine übrigen Familienpapiere und Adelsdiplvme in der größten Ordnung sind. Daß letzteres bei dem Grafen Platen der Fall sein mag, daran zweifle ich nicht, und ich bin überzeugt, er würde mitleidig heiter lächeln, wenn man seinen Grafentitel verdächtig machen wollte; aber wagt es nur, über seinen Dichtertitel mit einer einzigen Tente den geringsten Zweifel zu verraten — gleich wird er sich ingrimmig niedersetzen und fünfaktige Satiren gegen euch drucken. Denn die Menschen halten um so eifriger auf einen Titel, je zweideutiger und ungewisser der Titulus ist, der sie dazu berechtigt. Vielleicht aber würde der Graf Platen ein Dichter sein, wenn er in einer andern Zeit lebte, und wenn er außerdem auch ein anderer Die Bäder von Lucca. 11-? wäre, als er jetzt ist. Der Mangel an Natnrlautcn in den Gedichten des Grafen rührt vielleicht daher, daß er in einer Zeit lebt, wo er seine wahren Gefühle nicht nennen darf, wo dieselbe Sitte, die seiner Liebe immer feindlich entgegensteht, ihm sogar verbietet, seine Klage darüber unverhüllt auszusprechen, wo er jede Empfindung ängstlich Verkappen muß, um so wenig das Ohr des Publikums als das eines „spröden Schönen" durch eine einzige Silbe zu erschrecken. Diese Angst läßt bei ihm keine eigenen Naturlaute aufkommen, sie verdammt ihn, die Gefühle anderer Dichter, gleichsam als untadelhaften, vorgefundenen Stoff, metrisch zu bearbeiten, und nötigenfalls zur Vcrmummung seiner eigenen Gefühle zu gebrauchen. Unrecht geschieht ihm vielleicht, wenn man, solche unglückliche Lage verkennend, behauptet hat, daß der Graf Platen auch in der Poesie sich als Graf zeigen und auf Adel halten wolle, und uns daher nur Gefühle von bekannter Familie, Gefühle, die schon ihre 64 Ahnen haben, vorführe. Lebte er in der Zeit des römischen Pythagoras, so würde er vielleicht seine eigenen Gefühle freier hervortreten lassen, und er würde vielleicht für einen Dichter gelten. Es würden dann wenigstens die Natnrlaute in seinen lyrischen Gedichten nicht vermißt werden — doch der Mangel an Gestalten in seinen Dramen würde noch immer bleiben, solange sich nicht auch seine sinnliche Natur veränderte, und er gleichsam ein anderer würde. Die Gestalten, die ich meine, sind nämlich jene selbständigen Geschöpfe, die aus dem schaffenden Dichtergeiste, wie Pallas Athene aus dem Haupte Krvnions, vollendet und gerüstet hervortreten, lebendige Traumwesen, deren mystische Geburt, mehr als man glaubt, in wundersam bedingender Beziehung steht mit der sinnlichen Natur des Dichters, so daß solches geistige Gebären demjenigen versagt ist, der selbst nur als ein unfruchtbares Geschöpf sich ghaselig hiugiebt in windiger Weichheit. Indessen, das sind Privatmeinungen eines Dichters, und ihr Gewicht hängt davon ab, wie weit man an die Kompetenz desselben glauben will. Ich kann nicht umhin zu erwähnen, daß der Graf Platen gar oft dem Publikum versichert, daß er erst späterhin das Bedeutendste dichten werde, wovon man jetzt noch keine Ahnung habe, ja, daß er Jliadcn und Odysseen, Klassizitätstragödicn und sonstige llnsterblichkeitskolossalgedichte erst dann schreiben werde, wenn er sich nach so und so viel Lustren gehörig vorbereitet habe. Du hast, lieber Leser, diese Ergießnngcn des Selbstbewußtseins in mühsam gefeilten Versen vielleicht selbst gelesen, und das Versprechen solcher schönen Zukunft war dir vielleicht um so erfreulicher, als der Gras zu gleicher Zeit alle Dichter Deutschlands, außer dem ganz alten Goethe, wie einen Schwärm schlechter Sudler geschildert, die ihm nur im Wege stehen auf der Bahn des Ruhines, und die so unverschämt seien, jene Lorbeeren und Belohnungen zu Pflücken, die nur ihm gebührten. 11g Reisebilder II, Was ich in München darüber sprechen hörte, will ich übergehen; aber der Chronologie wegen muß ich anführen, daß zu jener Zeit der König von Bayern die Absicht aussprach, irgend einem deutschen Dichter ein Jahrgehalt zu erteilen, ohne damit ein Amt zu verbinden, welches ungewöhnliche Beispiel für die ganze deutsche Litteratnr von schöner Folge sein konnte. Man sagte mir — Doch ich will mein Thema nicht verlassen, ich sprach von den Prahlereien des Grafen Plntcn, der beständig rief: Ich bin der Poet, der Poet der Poeten! ich werde Jliadcn und Odysseen dichten u, s, w. Ich Iveiß nicht, was das Publikum von solchen Prahlereien hält, aber ganz genau weiß ich, was ein Dichter davon denkt, nämlich ein wahrer Dichter, der die verschämte Süßigkeit und die geheimen Schauer der Poesie schon empfunden hat, und von der Seligkeit dieser Empfindungen, wie ein glücklicher Page, der die verborgene Gunst einer Prinzessin genießt, gewiß nicht ans öffentlichem Markte prahlen wird. Man hat schon öfter den Grafen Platen wegen solcher Prahlhansereien weidlich gehänselt, und er wußte immer, wie Falstnff, sich zu entschuldigen. Bei solchen Entschuldigungen kommt ihm ein Talent zu statten, das außerordentlich in seiner Art ist, und das eine besondere Anerkennung verdient. Der Graf Platen iveiß nämlich von jedem Flecken, der in seiner eigenen Brust ist, auch bei irgend einem großen Manne eine Spur, und sei sie noch so klein, zu entdecken, und sich wegen seiner Wahlfleckenverwandtschaft mit ihm zu vergleichen, Z, B, von Shakespeares Sonetten weiß er, daß sie an einen jungen Mann und nicht an ein Weib gerichtet sind, und ob solcher verständigen Wahl preist er Shakespeare, vergleicht sich mit ihm — und das ist das einzige, lvas er von ihm zu sagen hat. Man könnte negativ eine Apologie des Grafen Platen schreiben, und behaupten, daß er sich die und die Verirrnng noch nicht zu schulden kommen lassen, weil er sich mit dem oder dem großen Manne, dem sie nachgeredet worden, noch nicht verglichen habe. Am genialsten aber und bewunderungswürdigsten zeigte er sich in der Wahl des Mannes, in dessen Leben er unbescheidene Reden entdeckt, und durch dessen Beispiel er seine Prahlerei beschönigen will. Wahrlich, zu einem solchen Zwecke sind die Worte dieses Mannes noch nie eitiert worden — denn es ist kein Geringerer als Jesus Christus selbst, der uns bisher immer für ein Muster der Demut und Bescheidenheit gegolten, Christus hätte jemals geprahlt? der bescheidenste der Mensche», um so bescheidener als er der göttlichste war? Ja, was bisher allen Theologen entgangen ist, das entdeckte der Graf Platen, denn er insinniert uns, Christus, als er vor Pilatus gestanden, sei ebenfalls nicht bescheiden gewesen, und habe nicht bescheiden geantwortet, sondern als jener ihn frug: Bist du der König der Juden? habe er gesprochen: Du sagst eS, Und so sage auch er, der Graf Platen: Die Bäder von Lucca. 117 Ich bin es, ich bin der Poet! — Was nie dem Hasse eines Verächters Christi gelangen ist, das gelang der Exegese selbstllerliebter Eitelkeit. Wie wir wissen, was wir davon zu halten haben, wenn einer solchermaßen beständig schreit: Ich bin der Poet! so wissen wir auch, was es für eine Bewandtnis hat mit den ganz außerordentlichen Gedichten, die der Graf, wenn er die gehörige Reife erlangt, noch dichten will, und die seine bisherigen Meisterstücke an Bedeutung so unerhört übertreffen sollen. Wir wissen ganz genau, daß die späteren Werke des wahren Dichters keineswegs bedeutender sind als die früheren, ebensowenig wie ein Weib, je öfter sie gebärt, desto vollkommenere Kinder zur Welt bringt; nein, das erste Kind ist schon ebensogut wie das zweite — nur das Gebären wird leichter. Die Löwin wirft nicht erst ein Kaninchen, dann ein Häschen, dann ein Hündchen und endlich einen Löwen. Madame Goethe warf gleich ihren jungen Leu, und dieser gab uns beim ersten Wurf seinen Löwen von Berlichingcu. Ebenso warf auch Schiller gleich seine Räuber, an deren Tatze man schon die Löwenart erkannte. Spater kam erst die Politur, die Glätte, die Feile, die natürliche Tochter und die Braut von Messina. Nicht so begab es sich mit dem Grafen Platen, der mit der ängstlichen Künstelei anfing, und von dein der Dichter singt: Du, der du sprangst so fertig aus dem Nichts, Geleckten und lackierten Angesichts, Gleichst einer Spielerei, geschnitzt aus Korke. Indessen, wenn ich meine geheimsten Gedanken aussprechen soll, so gestehe ich, daß ich den Grafen Platen fiir keinen so großen Narren halte, wie man wegen jener Prahlsucht und beständigen Selbst- beräncherung glauben sollte. Ein bißchen Narrheit, das versteht sich, gehört immer zur Poesie; aber es wäre entsetzlich, wenn die Natur eine so beträchtliche Portion Narrheit, die für hundert große Dichter hinreichen würde, einem einzigen Menschen aufgebürdet, und von der Poesie selbst ihm nur eine so unbedeutend geringe Dosis gegeben hätte. Ich habe Gründe zu vermuten, daß der Herr Graf an seine eigene Prahlerei nicht geglaubt, und daß er, dürftig im Leben wie in der Litteratur, vielmehr für das Bedürfnis des Augenblicks sein eigener anpreisender Ruffiano*) sein mußte in der Litteratur wie im Leben. Daher in beiden die Erscheinungen, von denen man sagen konnte, daß sie mehr ein psychologisches als ästhetisches Interesse gewährten, daher zu gleicher Zeit die weinerlichste Scelenerschlasfung und der erlogene Übermut, daher das klägliche Dünnethun mit baldigem Sterben und das drohende Dickthun mit künftiger Unsterblichkeit, daher der auflodernde Bettelstolz und die schmachtende Unter- thänigkeit, daher das bestündige Klagen, „daß ihn Cotta verhungern ") In Italien die Vermittler zweifelhaften Umgangs. 118 Reisebilder II. lasse", und wiederum Klagen, „daß ihn Cotta verhungern lasse", daher die Anfälle von Katholizismus u. s. w. Ob's dem Grafen mit dem Katholizismus ernst ist, daran zweifle ich. Ob er überhaupt katholisch geworden ist, wie einige seiner hochgeborenen Freunde, das weiß ich nicht. Daß er es werden wolle, ersnhr ich zuerst aus öffentlichen Blättern, die sogar hinzufügten, der Graf Platen werde Mönch und ginge ins Kloster. Böse Zungen meinten, daß ihm das Gelübde der Armut und die Enthaltung von Weibern nicht schwer fallen würde. Wie sich von selbst versteht, in München klangen bei solchen Nachrichten die frommen Glöcklein in den Herzen seiner Freunde. Mit Kyrie eleison und Halleluja wurden seine Gedichte gepriesen in den Pfaffenblättern; und in der That, die heiligen Männer des Cölibats mußten erfreut sein über jene Gedichte, wodurch die Enthaltung vom weiblichen Geschlecht befördert wird. Leider haben meine Gedichte eine andere Tendenz, und daß Pfaffen und Knabensänger nicht davon angesprochen werden, konnte mich zwar betrüben, aber nicht befremden. Ebensowenig befremdete es mich, als ich den Tag vor meiner Abreise nach Italien von meinem Freunde, dem Doktor Kolb, vernahm, daß der Graf Platen sehr feindselig gegen mich gestimmt sei, und mir mein Verderben schon bereitet habe in einem Lustspiele, Namens „König Ödipus", das bereits zu Augsburg bei einigen Fürsten und Grafen, deren Namen ich vergessen habe oder vergessen will, angelangt sei. Auch andere erzählten mir, daß mich der Graf Platen hasse und sich mir als Feind entgegenstelle; — und das war mir auf jeden Fall angenehmer, als hätte man mir nachgesagt, daß mich der Graf Platen als Freund hinter meinem Rücken liebe. Was die heiligen Männer betrifft, deren fromme Wut sich zu gleicher Zeit gegen mich kundgab, und nicht bloß meiner anticölibatischen Gedichte wegen, sondern auch wegen der politischen Annalen, die ich damals herausgab, so konnte ich ebenfalls nur gewinnen, wenn man deutlich sah, daß ich keiner der Ihrigen sei. Wenn ich hiermit andeute, daß man nichts Gutes von ihnen sagt, so sage ich darum noch nichts Böses von ihnen. Ich bin sogar der Meinung, daß sie nur aus Liebe zum Guten durch frommen Betrug und gottgefällige Verleumdung das Wort der Bösen entkräftigen möchten, und daß sie diesen nur für einen solchen edlen Zweck, der jedes Mittel heiligt, nicht bloß die geistigen Lebensquellen, sondern auch die materiellen zu verschütten suchen. Man hat jene guten Leute, die sich in München sogar öffentlich als Kongregation präsentierten, thörichterweise mit dem Namen Jesuiten beehrt. Sie sind wahrlich keine Jesuiten, sonst hätten sie eingesehen, daß z. B. ich, einer von den Bösen, schlimmsten Falls die litterarisch alchimistische Kunst verstehe, aus meinen Feinden selbst Dukaten zu schlagen, dergestalt, daß ich dabei die Dukaten bekomme und meine Feinde die Die Bäder von Lucca. 119 Schläge; — sie hätten eingesehen, daß solche Schläge nichts voll ihrem Gehalte verlieren, wenn man auch den Namen des Schlagenden aviliert, wie der arme Sünder den Staupbesen nicht minder stark suhlt, obgleich der Scharfrichter, der ihn erteilt, für unehrlich erklärt wird; — und was die Hauptsache ist, sie hätten eingesehen, daß etwaS Vorliebe für den antiaristokratischen Voß und einige arglose Muttergottcswitze, weshalb sie mich zuerst mit Kot und Dummheit angegriffen, nicht aus antikatholischcm Eifer hervorgegangen. Wahrlich, sie sind keine Jesuiten, sondern nur Mischlinge von Kot und Dummheit, die ebensowenig ivie eine Mistkarre und den Ochsen, der sie zieht, zu hassen vermag, und die mit allen ihren Anstrengungen nur das Gegenteil ihrer Absicht erreichen, und mich nur dahin bringen konnten, daß ich ihnen zeige, wie sehr ich Protestant bin, daß ich mein gutes protestantisches Recht in seiner weitesten Ermächtigung ausübe, und die gute protestantische Streitaxt mit Herzenslust handhabe. Sic könnten dann immerhin, um den Plebs zu gewinnen, die alten Weiberlegenden von meiner Ungläubigkeit durch ihren Leibpoeten in Verse bringen lassen — an den wohlbekannten Schlägen sollten sie schon den Glaubensgenossen eines Luther, Lessing und Voß erkennen. Freilich, ich würde nicht mit dem Ernste dieser Heroen die alte Axt schwingen — denn der Anblick der Gegner bringt mich leicht zum Lachen, und ich bin ein bißchen enlenspiegcligcr Natur, und ich liebe eine Beimischung von Spaß — aber ich würde jenen Mistvchscn nicht minder stark vor den .Kopf schlagen, wenn ich auch vorher mit lachenden Blumen meine Axt umkränzte. Doch ich will mein Thema nicht zu weit verlassen. Ich glaube, es war um jene Zeit, daß der König von Bayern in schon erwähnter Absicht dem Grafen Plnten ein Jahrgehalt von sechshundert Gulden gab, und zwar nicht aus der Staatskasse, sondern auS der königlichen Privatkasse, wie es sich der Graf als besondere Gnade gewünscht hatte. Letzteren Umstand, der die Kaste charakterisiert, so geringfügig er auch erscheint, erwähne ich nur als Notiz für den Naturforscher, der vielleicht Beobachtungen über den Adel macht. In der Wissenschaft ist alles wichtig. Wer mir vorwerfen möchte, daß ich den Grafen Platen zu wichtig nehme, der gehe nach Paris und sehe, wie sorgfältig der feine, zierliche Cuvier in seinen Vorlesungen das unreinste Insekt mit. dein genauesten Detail schildert. Es ist mir deshalb auch sogar leid, daß ich das Datum jener 699 Gulden nicht genauer konstatieren kann; so viel weiß ich aber, daß der Graf Platen den König Ödipns früher verfertigt hatte, und daß dieser nicht so bissig geworden wäre, wenn der Verfasser mehr zu beißen gehabt hätte. In Norddeutschland, wohin mich plötzlich der Tod meines Vaters zurückrief, erhielt ich endlich das ungeheure Geschöpf, das dem großen Ei, worüber unser schön gefiederter Vogel Strauß solange gebrütet, 12g Reisebilder II. endlich entkrochen war, nnd das die Nachtcnlen der Kongregation mit frommem Gekrächze nnd die adeligen Pfanen mit freudigem Radschlagen schon lange im voraus begrüßt hatten. Es sollte nichts Minderes als ein verderblicher Basilisk sein. Kennst du, lieber Leser, die Sage von dem Basilisk? Das Volk erzählt, wenn ein männlicher Vogel, wie ein Weib, ein Ei gelegt, so entstände daraus ein giftiges Geschöpf, dessen Hauch die Lust verpeste, und das man nur dadurch töten könne, daß man ihm einen Spiegel vorhalte, indem es alsdann über den Anblick seiner eigenen Scheußlichkeit vor Schrecken sterbe. Heilige Schmerzen, die ich nicht entweihen wollte, erlaubten es mir zwei Monate später, als ich auf der Insel Helgoland badete, den König Odipns zu lesen, und dort, großgestimmt von dem beständigen Anblick des großen, kühnen Meeres, mußte mir die kleinliche Gesinnung nnd die Altflickerei des hochgeborenen Verfassers recht anschaulich werden. Jenes Meisterwerk zeigte mir ihn endlich ganz wie er ist, mit all seiner blühenden Welkheit, seinem Überfluß an Geistcs- mangel, seiner Einbildung oder Einbildungskraft, ganz wie er ist, forciert ohne Force, pikiert ohne pikant zu sein, eine trockene Wasserseele, ein trister Freudenjnnge. Dieser Troubadour des Jammers, geschwächt an Leib nnd Seele, versuchte es, den gewaltigsten, phan- tasiereichstcn nnd wichtigsten Dichter der jugendlichen Griechenwclt nachzuahmen! Nichts ist wahrlich widerwärtiger als diese krampfhafte Ohnmacht, die sich wie Kühnheit aufblasen möchte, diese mühsam zusammengetragenen Jnvektivcn, denen der Schimmel des verjährten Grolls anklebt, nnd dieser silbenstecherisch ängstlich nachgeahmte Geistestaumcl. Wie sich von selbst versteht, zeigt sich in dcS Grafen Werk keine Spur von einer tiefen Weltvcrnichtnugsidee, die jedem aristophanischen Lustspiele zum Grunde liegt, und die darin wie ein phantastisch ironischer Zauberbanm emporschießt mit blühendem Gc- dankenschmnck, singenden Nachtigallnestern und kletternden Affen. Eine solche Idee mit dem Todesjnbel und dem Zerstörungsfeuerwerk, das dazu gehört, durften wir freilich von dem armen Grafen nicht erwarten. Der Mittelpunkt, die erste und letzte Idee, Grund und Zweck seines sogenannten Lustspiels besteht, wie bei der „verhängnisvollen Gabel", wieder in geringfügig litterarischcn Händeln, der arme Graf konnte nur einige Äußerlichkeiten des Aristvphanes nachahmen, nämlich die feinen Verse und die groben Worte. Ich sage grobe Worte, weil ich keinen gröberen Ausdruck brauchen will. Wie ein keifendes Weib gießt er ganze Blumentöpfe von Schimpfreden auf die Häupter der deutschen Dichter. Ich will dem Grafen herzlich gern seinen Groll verzeihen, aber er hätte doch einige Rücksichten beobachten müssen. Er hätte wenigstens das Geschlecht in uns ehren sollen, da wir keine Weiber sind, sondern Männer und folglich zu einem Geschlechte gehören, das nach seiner Meinung das schöne Geschlecht ist, W Die Biider von Lucca. 121 und das er so sehr liebt. ES bleibt dieses immer ein Mangel an Delikatesse, mancher Jüngling wird deshalb an seiner Huldigung zweifeln, da jeder fühlt, daß der Wahrhaftliebende auch das ganze Geschlecht verehrt. Der Sänger Fraucnlob war gewiß nie grob gegen irgend ein Weib, »nd ein Platen sollte daher mehr Achtung zeigen gegen Männer. Aber der Undclikate! ohne Scheu erzählt er dem Publikum, wir Dichter in Norddentschland hatten alle die „Krätze, wofür wir leider eine Salbe brauchten, die als mephitisch er vor vielen schätze". Der Renn ist gut. Am unzartesten ist er gegen Jmmer- mann. Schon im Anfang seines Gedichts läßt er diesen hinter einer spanischen Wand Dinge thnn, die ich nicht nennen darf, und dennoch nicht zu widerlegen sind. Ich halte es sogar für wahrscheinlich, daß Jmmcrmann schon solche Dinge gethan hat. Es ist aber charakteristisch, daß die Phantasie des Grafen Platen sogar seine Feinde n posterior! zu belauschen weiß. Er schonte nicht einmal Hvnwald, diese gute Seele, sanft wie ein Mädchen — ach, vielleicht eben dieser holden Weiblichkeit wegen haßt ihn ein Platen. Miltner, den er, wie er sagt, schon längst „durch wirklichen Witz urkräftig erlegt", dieser Tote wird wieder aus dem Grabe gescharrt. Kind und Kindcs- kind bleiben nicht unangetastet. Ranpach ist ein Jude, „Das Jüdchen Raupet — Das jetzt als Raupach trägt so hoch die Nase," „schmiert Tragödien im Katzenjammer". Noch weit schlimmer ergeht es dem „getauften Heine". Ja, ja, du irrst, dich nicht, lieber Leser, das bin ich, den er nieint, und im König Ödipns kannst du lesen, wie ich ein wahrer Jude bin, wie ich, wenn ich einige Stunden Liebeslieder geschrieben, gleich darauf mich niedersetze und Dukaten beschneide, wie ich am Sabbath mit langbärtigen Mauscheln zusammenhocke und den Talmud singe, wie ich in der Osternacht einen unmündigen Christen schlachte und ans Malice immer einen unglücklichen Schriftsteller dazu wähle — Nein, lieber Leser, ich will dich nicht belügen, solche gute ausgemalte Bilder stehen nicht im König ÖdipnS, und daß sie nicht darin stehen, das nur ist der Fehler, den ich tadele. Der Graf Platen hat zuweilen die besten Motive, und weiß sie nicht zu benutzen. Hätte er nur ein bißchen mehr Phantasie, so würde er mich wenigstens als geheimen Pfänderverlciher geschildert haben; welche kölnische Sccncn hätten sich dargeboten! Es thnt mir in der Seele weh, wenn ich sehe, wie sich der arme Graf jede Gelegenheit zu guten Witzen Vorbeigehen lassen! Wie kostbar hätte er Raupach benutzen können als Tragödien-Rothschild, bei dem die königlichen Bühnen ihre Anleihen machen! Den Ödipns selbst, die Hauptperson seines Lustspiels, hätte er durch einige Modifikationen in der Fabel des Stückes ebenfalls besser benutzen können. Statt daß er ihn den 122 Reisebilder II. Vater Lajos töten, und die Mutter Jokaste heiraten ließ, hätte er es im Gegenteil so einrichten sollen, daß Ödipus seine Mutter tötet und seinen Vater heiratet. Das dramatische Drastische in einem solchen Gedichte hatte einem Platen meisterhaft gelingen müssen, seine eigene Gefühlsrichtung wäre ihm dabei zu statten gekommen, er hätte manchmal wie eine Nachtigall nur die Regungen der eigenen Brust zu besingen gebraucht, er hätte ein Stück geliefert, das, wenn der ghaselige Jffland noch lebte, gewiß in Berlin gleich einstudiert worden märe, und das man auch jetzt auf Privatbühnen geben würde. Ich kann nur nichts Vollendeteres denken, als den Schauspieler Wurm in der Rolle eines solchen Ödipus. Er würde sich selbst übertreffen. Dann finde ich es auch nicht politisch vom Grafen, daß er in seinem Lustspiele versichert, er habe „wirklichen Witz". Oder arbeitet er vielleicht auf den liberraschungseffekt, auf den Theatercoup, daß dadurch das Publikum beständig Witz erwarten, und dieser am Ende doch nicht erscheinen soll? Oder will er vielmehr das Publikum aufmuntern, den Wirkt. Geh. Witz im Stücke zu suchen, und das Ganze wäre nur ein Blindekuhspiel, wo der Platensche Witz so schlau ist, sich nie ertappen zu lassen? Deshalb vielleicht ist auch das Publikum, das sonst bei Lustspielen zu lachen Pflegt, bei der Lektüre des Platenschcn Stücks so verdrießlich, es kann den versteckten Witz nicht finden, vergebens piept der versteckte Witz, und piept immer lauter: Hier bin ich! hier bin ich wirklich! — vergebens, das Publikum ist dumm und macht ein ernsthaftes Gesicht. Ich aber, der ich weiß, wo der Witz steckt, habe.herzlich gelacht, als ich von dem „gräflichen, herrschsüchtigen Dichter" las, der sich in einen aristokratischen Nimbus hüllt, der von sich rühmt, „daß jeder Hauch, der zwischen seine Zähne komme, eine Zermalmung sei", und der zu allen deutschen Dichtern sagt: „Ja, gleichwie Nero, wünscht' ich euch nur ein Gehirn, Durch einen einzigen Witzeshisb zu spalten es —" Der Vers ist schlecht. Der versteckte Witz aber besteht darin, daß der Graf eigentlich wünscht, wir wären alle lauter Reronen und er im Gegenteil unser einziger lieber Freund Pythagoras. Vielleicht würde ich zum Besten des Grafen noch manchen andern versteckten Witz hervorloben, doch da er mir in seinem König ÖdipuS das Liebste angegriffen — denn was könnte mir lieber sein als mein Christentum? — so ist es mir nicht zu verdenken, wenn ich, menschlich gesinnt, den Ödipus, diese „große That iu Worten" minder ernstlich als die früheren Thätigkeiten würdige. Indessen, das wahre Verdienst hat immer seinen Lohn gefunden, und dem Verfasser des Ödipus wird der seinige nicht entgehen, obgleich er sich auch hier, wie immer, nur dem Eiuflnß seiner adeligen Die Bäder von Lucca. 123 und geistlichen Hintersassen hingab. Ja, es geht eine uralte Sage unter den Völkern des Orients und Occidents, daß jede gute oder böse That ihre nächsten Folgen habe für den Thäter. Und kommen wird der Tag, wo sie kommen — mach dich darauf gefaßt, lieber Leser, daß ich jetzt etwas in Pathos gerate und schauerlich werde — kommen wird° der Tag, wo sie dem Tartaros entsteigen, die furchtbaren Töchter der Nacht, „die Enmenideu", Beim Styx! — bei diesem Flusse schwören wir Götter niemals falsch — kommen wird der Tag, wo sie erscheinen, die dunkeln, urgerechten Schwestern, sie werden erscheinen mit schlangengelockten, rvterziirnten Gesichtern, mit denselben Schlangengeißeln, womit sie einst den Orestes gegeißelt, den unnatürlichen Sünder, der die Mutter gemordet, die tyndaridische Klytämnestra, Vielleicht hört der Graf schon jetzt die Schlangen zischen — ich bitte dich, lieber Leser, denk' dir jetzt die Wolfsschlucht und Samielmusik — vielleicht erfaßt den Grafen schon.jetzt das geheime Sündergrauen — der Himmel verdüstert sich, Nachtgevögel kreischt, ferne Donner rollen, es blitzt, es riecht nach Kolophonium — Wehe! Wehe! die erlauchten Ahnen steigen aus den Gräbern, sie rufen noch drei- bis viermal Wehe! Wehe! über den kläglichen Enkel, sie beschwören ihn, ihre alten Eisenhofen anzuziehen, nur sich zu schützen vor den entsetzlichen Ruten — denn die Enmeniden werden ihn damit zerfetzen, die Geißelschlangen werden sich ironisch an ihm vergnügen, und wie der buhlerische König Rodrigo, als man ihn in den Schlangentnrm gesperrt, wird auch der arme Graf am Ende wimmern und winseln: Ach! sie fressen, ach! sie fressen, Womit meistens ich gesündigt. Entsetze dich nicht, lieber Leser, es ist ja alles nur Scherz. Diese furchtbaren Enmeniden sind nichts als ein heiteres Lustspiel, das ich nach einigen Lustren unter diesem Titel schreiben werde, und die tragischen Verse, die dich eben erschreckt, stehen im allerlustigsten Buche von der Welt, im Don Qnixote von la Mancha, wo eine alte, anständige Hofdame sie in Gegenwart des ganzen Hofes reeitiert. Ich sehe," du lächelst wieder. Laß uns heiter und lachend voneinander Abschied nehmen. Wenn dieses letzte Kapitel etwas langweilig war, so lag's nur an dein Gegenstände; auch schrieb ich es mehr zum Nutzen als zur Lust, und wenn es mir gelungen ist, einen neuen Narren auch für die Litteratur brauchbar gemacht zu haben, wird mir das Vaterland Dank schuldig sein. Ich habe das Feld urbar gemacht, worauf geistreichere Schriftsteller säen und ernten werden. Das bescheidene Bewußtsein dieses Verdienstes ist mein schönster Lohn. Für etwaige Könige, die mir dafür noch extra eine Tabatiere schicken wollen, bemerke ich, daß die Buchhandlung „Hoffmann und 124 Neisebilder II. Campe iir Hamburg" Order hat, dergleichen für mich in Empfang zu nehmen. Geschrieben im Spätherbst deS Jahres 1L2g. III. Die ^>tadt Lucca. Lachen muß ich immer über die Engländer, die diesen ihren zweiten Dichter (denn nach Shakespeare gebührt Byron die. Palme) so jämmerlich spießbürgerlich beurteilen, weil er ihre Pedanterie verspottete, sich ihren Krähwinkelsittcn nicht fügen, ihren kalten Glauben nicht teilen wollte, ihre Nüchternheit ihm ekelhaft war, und er sich über ihren Hochmut und ihre Heuchelei beklagte. Viele machen schon ein Kreuz, wenn sie nur von ihm sprechen, und selbst die Frauen, obgleich ihre Wangen von Enthusiasmus glühen, wenn sie ihn lesen, nehmen öffentlich heftig Partei gegen den heimlichen Liebling — Briefe eines Verstorbenen; ein fragmentarisches Tagebuch aus England. München, 1830. Kapitel l. Die umgebende Natur wirkt auf den Menschen — warum nicht auch der Mensch auf die Natur, die ihn nmgiebt? In Italien ist sie leidenschaftlich wie das Volk, das dort lebt; bei uns in Deutschland ist sie ernster, sinniger und geduldiger. Hatte einst, wie die Menschen, auch die Natur mehr inneres Leben? Die Gemütskrnft eines Orpheus, sagt man, kannte Bäume und Steine nach begeisterten Rhythmen bewegen. Könnte nach jetzt dergleichen geschehen? Menschen und Natur sind phlegmatisch gcwvrden und gähnen sich einander an. Ein königl. preuh. Pvet wird nimmermehr mit den Klangen seiner Leier den Tcmplvwer Berg oder die Berliner Linden zum Tanzen bringen können. Auch die Natur hat ihre Geschichte, und das ist eine andere Naturgeschichte als wie die, welche in Schulen gelehrt wird. Irgend eine von jenen grauen Eidechsen, die schon seit Jahrtausenden in den Felsenspalten des Apennins leben, sollte man als ganz außerordentliche Professorin bei einer unserer Universitäten anstellen, und man würde ganz außerordentliche Dinge zu hören bekommen. Aber der Stolz einiger Herren von der juristischen Fakultät würde sich gegen eine solche Anstellung auflehnen, Hegt doch einer von ihnen schon eine geheime Eifersucht gegen den armen Fido Snvant, fürchtend, daß dieser ihn einst im gelehrten Npportiercn ersetzen könnte. Die Eidechsen niit ihren klugen Schwänzchen und ihren spitzfindigen Auglein, haben mir wunderbare Dinge erzahlt, wenn ich Die Stadt Lncca, 128 einsam zwischen den Felsen der Apenninen umhcrklettcrte. Wahrlich, es gicbt Dinge zwischen Himmel und Erde, die nicht bloß unsere Philosophen, sondern sogar die gewöhnlichsten Dummkopfe nicht begreifen. Die Eidechsen haben mir erzählt, es gehe eine Sage unter den Steinen, daß Gott einst Stein werden wolle, um sie aus ihrer Starrheit zu erlösen. Eine alte Eidechse meinte aber, die Steinwerdung würde nur dam: stattfindet:, wenn Gott bereits in alle Tier- und Pflanzenarten sich verwandelt und sie erlöst habe. Nur wenige Steine haben Gefühl, und nur in: Mondschein atmen sie. Aber diese wenigen Steine, die ihren Zustand fühlen, sind schrecklich elend. Die Bäume sind viel besser daran, sie können weinen. Die Tiere aber sind am meisten begünstigt, denn sie können sprechen, jedes nach seiner Art und die Menschen an: besten. Einst, wenn die ganze Welt erlöst ist, werden alle andern Erschasfnisse ebenfalls sprechen können, wie in jenen uralten Zeiten, wovon die Dichter singen. Die Eidechsen sind ein ironisches Geschlecht, und bethören gern die andern Tiere. Aber sie ivaren gegei: mich so demütig, sie seufzten so ehrlich, sie erzählten mir Geschichten von Atlantis, die ich nächstens aufschreiben will zu Nutz der Frommen der Welt. Es ward mir so innig zu Mute bei den kleinen Wesen, die gleichsam die geheimen Annalen der Natur aufbewahren. Sind es etwa verzauberte Priesterfamilien, gleich denen des alten Ägyptens, die ebenfalls naturbelauschend in labyrinthischen Felsengrotten wohnten? Auf ihren Köpfchen, Leibchen und Schwänzchen "blühen so wunderbare Zcicheu- bilder wie auf ägyptischen Hiervglyphenmützen und Hierophautenröcken. Meine kleinen Freunde haben mich auch eine Zeichensprache gelehrt, vermittelst welcher ich mit der stummen Natur zu sprechen vermag. Dieses erleichtert nur oft die Seele, besonders gegen Abend, wenn die Berge in schaurig süßen Schatten gehüllt stehen, und die Wasserfälle rauschen, und alle Pflanzen duften, und hastige Blitze hin und her zucken — O Natur, du stumme Jungfrau! wohl verstehe ich dein Wetterleuchten, den vergeblichen Redcversuch, der über dein schönes Antlitz dahin zuckt, und du dauerst mich so tief, daß ich weine. Aber alsdann verstehst du auch mich, und du heiterst dich auf, und lachst mich an aus goldenen Augen. Schöne Jungfrau, ich verstehe deine Sterne und du verstehst meine Thränen! Kapitel n. Nichts in der Welt will rückwärts gehen, sagte mir ein alter Eidechs, alles strebt vorwärts, und am Ende wird ein großes Natur- avaucement stattfinden. Die Steine werden Pflanzen, die Pflanzen werden Tiere, die Tiere werden Menschen, und die Menschen werden Götter werden. 126 Reisebilder II. Aber, rief ich, was soll denn aus diesen guten Leuten, aus den armen alten Göttern werden? Das wird sich finden, lieber Freund, antwortete jeuer; wahrscheinlich danken sie ab, oder werden auf irgend eine ehrende Art in den Ruhestand versetzt. Ich habe von meinem hieroglyphenhäutigen Naturphilosophen noch manches andere Geheimnis erfahren; aber ich gab mein Ehrenwort, nichts zu enthüllen. Ich weiß jetzt mehr als Schölling und Hegel. Was halten Sie von diesen beiden? frug mich der alte Eidechs mit einem höhnischen Lächeln, als ich mal diese Namen gegen ihn erwähnte. Wenn man bedenkt, antwortete ich, daß sie bloß Menschen und keine Eidechsen sind, so muß man über das Wissen dieser Leute sehr erstaunen. Im Grunde lehren sie eine und dieselbe Lehre, die Ihnen wohlbekannte JdentitätSphilosophie, nur in der Darstellungsart unterscheiden sie sich. Wenn Hegel die Grundsätze seiner Philosophie aufstellt, so glaubt man jene hübschen Figuren zu sehen, die ein geschickter Schulmeister durch eine künstliche Zusammenstellung von allerlei Zahlen zu bilden weiß, dergestalt, daß ein gewöhnlicher Beschauer nur das Oberflächliche, nur das Häuschen oder Schiffchen oder absolute Soldätcheu sieht, das aus jenen Zahlen formiert ist, während ein denkender Schulknabe in der Figur selbst vielmehr die Auflösung eines Rechencxempels erkennen kann. Die Darstellungen Schöllings gleichen mehr jenen indischen Tierbildcrn, die aus allerlei andern Tieren, Schlangen, Vögeln, Elefanten und dergleichen lebendigen Ingredienzen durch abenteuerliche Verschlingungcn zusammengesetzt sind. Diese Darstellungsart ist viel anmutiger, heiterer, pulsierend wärmer, alles darin lebt, statt daß die abstrakt Hegelschen Chiffern unS so grau, so kalt und so tot anstarren. Gut, gut, erwiderte der alte Eidechserich, ich merke schon, was Sie meinen; aber sagen Sie mir, haben diese Philosophen viele Zuhörer? Ich schilderte ihm nun, wie in der gelehrten Karawanserei zu Berlin die Kamele sich sammeln um den Brunnen Hegclscher Weisheit, davor niederknien, sich die kostbaren Schläuche aufladen lassen, und damit weiter ziehen durch die märkische Sandwüste. Ich schilderte ihm ferner, wie die neuen Athener um den Springquell des Schel- lingschen Geistestranks sich drängen, als wär' es das beste Bier, Breihahn des Lebens, Gesöffe der Unsterblichkeit — Den kleinen Naturphilosophen überfiel der gelbe Neid, als er hörte, daß seine Kollegen sich so großen Zuspruchs erfreuen, und ärgerlich frug er: Welchen von beiden halten Sie für den größten? Das kann ich nicht entscheiden, gab ich zur Antwort, ebensowenig wie ich entscheiden könnte, ob die Schechner größer sei als die Sonntag, und ich denke — Die Stadt Lucca. 127 Denke! rief der Eidechs mit einem scharfen, vornehmen Tone der tiefsten Geringschätzung, denken! wer von euch denkt? Mein weiser Herr, schon an die dreitausend Jahre mache ich Untersuchungen über die geistigen Funktionen der Tiere, ich habe besonders Menschen, Affen und Schlangen zum Gegenstand meines Studiums gemacht, ich habe so viel Fleiß auf diese seltsamen Geschöpfe verwendet wie Lyonnet auf seine Weidenraupen, und als Resultat aller meiner Beobachtungen, Experimente und anatomischen Vergleichungen kann ich Ihnen bestimmt versichern: Kein Mensch denkt, es fällt nur dann und wann den Menschen etwas ein, solche ganz unverschuldete Einfälle nennen sie Gedanken, und das Aneinanderreihen derselben nennen sie Denken. Aber in meinem Namen können sie es wiedersagen: Kein Mensch denkt, kein Philosoph denkt, weder Schölling, noch Hegel denkt, und was gar ihre Philosophie betrifft, so ist sie eitel Luft und Wasser, wie die Wolken des Himmels; ich habe schon unzählige solcher Wolken stolz und sicher über mich hinziehen sehen, und die nächste Morgensonne hat sie aufgelöst in ihr ursprüngliches Nichts; — es giebt nur eine einzige wahre Philosophie, und diese steht in ewigen Hieroglyphen auf meinem eigenen Schwänze, Bei diesen Worten, die mit einem dedaignanten Pathos gesprochen wurden, drehte mir der alte Eidechs den Rücken, und indem er langsam fortschwänzelte, sah ich darauf die wunderlichsten Charaktere, die sich in bunter Bedeutsamkeit bis über den ganzen Schwanz hinabzogen, Knpitcl Iii. Ans dem Wege zwischen den Bädern von Lncca und der Stadt dieses Namens, unweit von dem großen Kastanienbaume, dessen wildgrüne Zweige den Bach überschatten, und in Gegenwart eines alten, weißbärtigen Ziegenbocks, der dort einsiedlerisch weidete, wurde das Gespräch geführt, das ich im vorigen Kapitel mitgeteilt habe. Ich ging nach der Stadt Lncea, nni Franceska und Mathilde zu suchen, die ich, unserer Verabredung gemäß, schon vor acht Tagen dort treffen sollte. Ich war aber zur bestimmten Zeit vergebens hingereist, und ich hatte mich jetzt zum zweiten Male ans den Weg gemacht. Ich ging zu Fuße, längs den schönen,Bergen und Baumgrnppen, wo die goldenen Orangen, wie Sterne des Tages, aus dem dunklen Grün hervorleuchteten, und Guirlandcn von Weinreben in festlichen Windungen sich meilenweit hinzogen. Das ganze Land ist dort so garten- haft und geschmückt wie bei uns die ländlichen Scenen, die ans dem Theater dargestellt werden; auch die Landleute selbst gleichen jenen bunten Gestalten, die uns dann als singende, lächelnde und tanzende Staffage ergötzen. Nirgends Philistergesichter. Und giebt es hier auch Philister, so sind es doch italienische Orangenphilister und keine plump deutschen Kartoffelphilister, Pittoresk und idealisch wie das 128 Reisebilder II, Land sind anch die Leute, und dabei trägt jeder Mann einen so individuellen Ausdruck im Gesicht, und weiß in Stellung, Faltenwurf des Mantels, und nötigen Falls in Handhabung des Messers, seine Persönlichkeit geltend zu machen. Dagegen bei uns zu Lande lauter Menschen mit allgemeinen, gleichförmigen Physiognomien; wenn ihrer zwölf beisammen sind, bilden sie ein Dutzend, und wenn einer sie dann angreift, rufen sie die Polizei, Auffallend war mir, im Lnccesischen, wie im größten Teile Toskanas, tragen die Frauenzimmer große schwarze Filzhüte mit herab- wallcnd schwarzen Straußfcdern; sogar die Strohflechterinnen tragen dergleichen schwere Hauptbedeckung, Die Männer hingegen tragen meistens einen leichten Strohhut, und junge Burschen erhalten solchen zum Geschenk von einem Mädchen, das ihn selbst verfertigt, ihre Licbesgedankcn und vielleicht auch manchen Seufzer hineingcflvchten. So saß einst Franceska unter den Mädchen und Blumen des Arnothals, und flocht einen Hut für ihren cmro Oscvo, und küßte jeden Strohhalm, den sie dazu nahm, und trillerte ihr hübsches Ocobis, stslls inortalsz — das lockige Haupt, das den hübschen Hut nachher so hübsch trug, hat jetzt eine Tonsur, und der Hut selbst hängt, alt und abgenutzt, im Winkel eines trüben Abbatestübchens zu Bologna, Ich gehöre zu den Leuten, die immer gern einen kürzeren Weg nehmen, als die Landstraße bietet, und denen es alsdann wohl begegnet, daß sie sich auf engen Holz- und Felsenpfaden verirren. Das geschah auch hier, und ich habe zu meiner Reise nach Lncca gewiß doppelt so viel Zeit gebraucht als gewöhnliche Landstraßmenschen, Ein Sperling, den ich um den Weg frug, zwitscherte und zwitscherte, und konnte mir doch keinen rechten Bescheid geben. Vielleicht auch wußte er ihn selbst nicht. Den Schmetterlingen und Libellen, die auf großen Glockenblumen saßen, konnte ich kein Wort abgewinnen; sie waren schon davongeflattert, ehe sie noch meine Fragen vernommen, und die Blumen schüttelten ihre tonlosen Glockenhäuptcr, Manchmal weckten mich die wilden Myrten, die init feinen Stimmchen aus der Ferne kicherten. Hastig erklomm ich dann die höchsten Felsenspitzen, und rief: Ihr Wolken des Himmels! Segler der Lüfte! sagt nur, wo geht der Weg nach Franceska? Ist sie in Lucca? Sagt mir, was thut sie? Sagt mir alles, und wenn ihr mir alles gesagt habt, so sagt es mir nochmals! Bei solcher überfülle von Thorhcit konnte es wohl geschehen, daß ein ernster Adler, den mein Ruf ans seinen einsamen Traumen aufgestört, mich mit geringschätzendem Uninute ansah. Aber ich verzieh's ihm gerne; denn er hatte niemals Franceska gesehen, und daher konnte er noch immer so erhabenmütig auf seinem festen Felsen sitzen, und so seelcnfrei zum Himmel empvrstarren, oder so impertinent ruhig auf mich herabglvtzen. So ein Adler hat einen unerträglich Die Stadt Lucca. 129 stolzen. Blick, und sieht einen an, als wollte er sagen: Was bist du für ein Vogel? Weißt du wohl, daß ich noch immer ein König bin, ebensogut wie in jenen Heldenzeiten, als ich Jupiters Blitze trug und Napoleons Fahnen schmückte? Bist du etwa ein gelehrter Papagei, der die alten Lieder auswendig gelernt hat und pedantisch nachplappert? Oder eine vermüffte Turteltaube, die schon fühlt und miserabel gurrt? Oder eine Almanachsnachtigall? Oder ein abgestandener Gänserich, dessen Vorfahren das Kapital gerettet? Oder gar ein serviler Haushahn, dem man aus Ironie das Emblem des kühnen Fliegens, nämlich mein Miniaturbild, um den Hals gehängt hat, und der sich deshalb so mächtig spreizt, als wäre er nun selbst ein Adler? Du weißt, lieber Leser, wie wenig Ursache ich habe, mich beleidigt zu fühlen, wenn ein Adler dergleichen von mir dachte. Ich glaube, der Blick, den ich ihm zurückwarf, war noch stolzer als der seinige, und wenn er sich bei dem ersten besten Lorbeerbaume erkundigt hat, so weiß er jetzt, wer ich bin. Ich war wirklich im Gebirge verirrt, als schon die Dämmerung hereinbrach, und die bunten Waldlieder allmählich verstummten und die Bäume immer ernsthafter rauschten. Eine erhabene Heimlichkeit und innige Feier zog, wie der Odem Gottes, durch die verklärte Stille. Hier und da aus dem Boden blickte ein schönes dunkles Auge zu mir herauf, und verschwand im selben Augenblick. Zärtliches Flüstern tändelte mir ums Herz, und unsichtbare Küsse berührten lustig meine Wangen. Das Abendrot umhüllte die Berge wie mit Pnrpurmänteln, und die letzten Sonnenstrahlen beleuchteten ihre Gipfel, daß es aussah, als wären sie Könige mit goldenen Kronen auf den Häuptern. Ich aber stand, wie ein Kaiser der Welt, in der Mitte dieser gekrönten Vasallen, die schweigend mir huldigten. Kapitel i?. Ich weiß nicht, ob der Mönch, der mir unfern Lncea begegnete, ein frommer Mann ist. Aber ich weiß, sein alter Leib steckt arm und nackt in einer groben Kutte, jahraus jahrein; die zerrissenen Sandalen können seine bloßen Füße nicht genug schützen, wenn er durch Dorn und Gestrüppe die Felsen hinaufklimmt, um droben in den Bergdörfern Kranke zu trösten oder Kinder beten zu lehren — und er ist zufrieden, wenn man ihm dafür ein Stückchen Brot in den Sack steckt, und ihm ein bißchen Stroh gicbt, um darauf zu schlafen. „Gegen den Mann will ich nicht schreiben," sprach ich zu mir selbst. „Wenn ich wieder zu Hause in Deutschland ans meinem Lehnsessel am knisternden Öfchen bei einer behaglichen Tasse Thee wohlgenährt und warm sitze, und gegen die katholischen Pfaffen schreibe — gegen den Mann will ich nicht schreiben." — Um gegen die katholischen Pfaffen zu schreiben, muß man auch Heine's Werke. VI. Bd. 9 Reisebilder II. ihre Gesichter kennen. Die Originalgesichter sieht man aber nnr in Italien. Die deutschen katholischen Priester und Mönche sind bloß schlechte Nachahmungen, oft sogar Parodien der italienischen; eine Vergleichung derselben würde ebenso ausfallen, als wenn man römische oder florentinische Heiligenbilder vergleichen wollte mit jenen heuschrecklichen, frommen Fratzen, die etwa dem spießbürgerlichen Pinsel eines Nürenberger Stadtmalers, oder gar der lieben Einfalt eines GemütSbeflisseucn aus der langhaarig christlich nendeutschen Schule ihr trauriges Dasein verdanken. Die Pfaffen in Italien haben sich schon längst mit der öffentlichen Meinung abgefunden, das Volk dort ist langst daran gewöhnt, die geistliche Würde von der unwürdigen Person zu unterscheiden, jene zu ehren, wenn auch diese verächtlich ist. Eben der Kontrast, den die idealen Pflichten und Ansprüche des geistlichen Standes und die unabweislichen Bedürfnisse der sinnlichen Natur bilden müssen, jener uralte, ewige Konflikt zwischen dem Geiste und der Materie, macht die italienischen Pfaffen zu stehenden Charakteren des Volks- humvrs in Satiren, Liedern und Novellen. Ahnliche Erscheinungen zeigen sich uns überall, Ivo ein ähnlicher Priesterstand vorhanden ist, z. B. in Hindostan. In den Komödien dieses urfrommen Landes, wie wir schon in der Sakuntala bemerkt und in der neulich übersetzten Vasantascna bestätigt finden, spielt immer ein Brahminc die komische Nolle, sozusagen den Priestergracioso, ohne daß dadurch die Ehrfurcht, die man seinen Opferverrichtungen und seiner privilegierten Heiligkeit schuldig ist, im mindesten beeinträchtigt wird, — ebensowenig wie ein Italiener mit minderer Andacht bei einem Priester Messe hört oder beichtet, den er noch tags zuvor betrunken im Straßenkot gefunden hat. In Deutschland ist das anders, der katholische Priester will da nicht bloß seine Würde durch sein Amt, sondern auch sein Amt durch seine Person repräsentieren; und weil er es vielleicht anfangs mit seinem Berufe wirklich ganz ernsthaft gemeint hat, und er nachher, wenn seine Keuschheits- und DemutS- gelübde etwas mit dem alten Adam kollidieren, sie dennoch nicht öffentlich verletzen will, besonders auch, weil er unserem Freunde Krug*) in Leipzig keine Blöße geben will, so sucht er wenigstens den Schein eines heiligen Wandels zu bewahren. Daher Scheinheiligkeit, Heuchelei und gleißendes Frömmeln bei deutschen Pfaffen; bei den italienischen hingegen viel mehr Durchsichtigkeit der Maske, und eine gewisse feiste Ironie und behagliche Weltverdauung. Doch was helfen solche allgemeine Reflexionen! Sie können dir wenig nutzen, lieber Leser, wenn du etwa Lust hättest, gegen das katholische Pfaffentum zu schreiben. Zu diesem Zwecke muß man, ") Professor der Philosophie in Leipzig und fruchtbarer Schriftsteller, f ISIS. Die Stadt Linea. 131 wie gesagt, mit eigenen Augen die Gesichter sehen, die dazu gehörein Wahrlich, es ist nicht einmal hinreichend, wenn man sie im königlichen Opernhanse zu Berlin gesehen hat. Der twrige Generalintendant that zwar immer das Seinige, um den Krönnngszug in der Jungfrau van Orleans sv täuschend treu als möglich darzustellen, seinen LandSlcuten die Idee einer Prozession zu veranschaulichen und ihnen Pfaffen von allen Couleuren vor Augen zu bringen. Doch das getreneste Kostüm kann nicht die Originalgesichter ersetzen, und vertrödelte man sogar noch extra 10000V Thaler für goldene Bischofsmützen, festonierte Chorhemden, buntgestickte Meßgewänder und ähnlichen Kram — so würden doch die protestantisch vernünftigen Nasen, die unter jenen Bischofsmützen hcrvorprotestieren, die dünnen denkgläubigen Beine, die ans den weißen Spitzen dieser Chorhemden hcrausgncken, die aufgeklärten Bäuche, denen jene Meßgewänder viel zu weit, alles würde unsereinen daran erinnern, daß keine katholische Geistliche, sondern Berliner Weltliche über die Bühne wandeln. Ich habe oft darüber nachgedacht, ob der Generalintendant jenen Zug nicht viel besser darstellen und uns das Bild einer Prozession viel treuer vor Augen bringen könnte, wenn er die Rollen der katholischen Pfaffen nicht mehr von den gewöhnlichen Statisten, sondern von jenen protestantischen Geistlichen spielen ließe, die in der theologischen Fakultät, in der Kirchenzcitnng und auf den Kanzeln am orthodoxesten gegen Vernunft, Wcltlust, Gesenins^) und Tenfeltum zu predigen wissen. Es würden dann Gesichter zum Vorschein kommen, deren pfäffischeS Gepräge gewiß jenen Rollen viel täuschender entspräche. Ist es doch eine bekannte Bemerkung, daß die Pfaffen in der ganzen Welt, Rabbiner, Muftis, Dominikaner, Konsistorial- rttte, Popen, Bonzen, kurz das ganze diplomatische Korps Gottes, im Gesichte eine gewisse Familienähnlichkeit haben, wie man sie immer findet bei Leuten, die ein und dasselbe Gewerbe treiben. Schneider, in der ganzen Welt, zeichnen sich ans durch Zartheit der Glieder, Metzger und Soldaten tragen wieder überall denselben faronschen Anstrich, Juden haben ihre eigentümlich ehrliche Miene, nicht weil sie von Abraham, Isaak und Jakob abstammen, sondern weil sie Kanf- lcnte sind, und der Frankfurter christliche Kaufmann sieht dem Frankfurter jüdischen Kaufmanns ebenso ähnlich wie ein faules Ei dem andern. Die geistlichen Kanflente, solche, die von Religionsgeschäften ihren Unterhalt gewinnen, erlangen daher auch im Gesichte eine Ähnlichkeit. Freilich, einige Nuancen entstehen durch die Art und Weise, wie sie ihr Geschäft treiben. Der katholische Pfaffe treibt es mehr wie ein Coinmis, der in einer großen Handlung angestellt ist; die Kirche, das große Hans, dessen Chef der Papst ist, giebt ihm *) Professor in Güttingen, dessen kritische Sprachforschungen in Bezug auf die Bibel nicht den Beifall der strenggläubigen Kirche hatten. 9* 132 Reisebilder II. bestimmte Beschäftigung und dafür ein bestimmtes Salär; er arbeitet lässig, wie jeder, der nicht für eigene Rechnung arbeitet, und viele Kvllcgen hat, und im großen Geschäftstreiben leicht unbemerkbar bleibt — nur der Kredit des Hauses liegt ihm am Herzen, und noch mehr dessen Erhaltung, da er bei einem etwaigen Bankrotte seinen Lebensunterhalt verlöre. Der protestantische Pfaffe hingegen ist überall selbst Prinzipal, und treibt die Religivnsgeschäste für eigene Rechnung. Er treibt keinen Großhandel wie sein katholischer Gewerbsgenosse, sondern nur einen Kleinhandel; und da er demselben allein vorstchen muß, darf er nicht lässig sein, er muß seine Glaubensartikel den Leuten anriihmen, die Artikel seiner Konkurrenten herabsetzen, und als echter Kleinhändler steht er in seiner Ausschnittbude, voll von Gcwcrbsneid gegen alle großen Häuser, absonderlich gegen das große Haus in Rom, das viele tausend Buchhalter und Packknechte besoldet und seine Faktoreien hat in allen vier Weltteilen. Solches hat nun freilich auch seine physiognomische Wirkungen, aber diese sind doch nicht vom Parterre aus bemerkbar, die Familienähnlichkeit in den Gesichtern katholischer und protestantischer Pfaffen bleibt doch in ihren Hauptzügen unverändert, und wenn der Generalintendant die obenerwähnten Herren gut bezahlt, so werden sie ihre Rolle, wie immer, recht täuschend spielen. Auch ihr Gang wird zur Illusion beitragen; obgleich ein feines, geübtes Auge wohl merkt, daß er sich von dem Gang katholischer Priester und Mönche ebenfalls durch feine Nuancen unterscheidet. Ein katholischer Pfaffe wandelt einher, als wenn ihm der Himmel gehöre; ein protestantischer Pfaffe hingegen geht herum, als wenn er den Himmel gepachtet habe. Knpitrl v. Es war schon Nacht, als ich die Stadt Lucca erreichte. Wie ganz ander? erschien sie mir die Woche vorher, als ich am Tage durch die wiederhallend öden Straßen wandelte, und mich in eine jener verwunschenen Städte versetzt glaubte, wovon mir einst die Amme so viel erzählt. Da war die ganze Stadt still wie das Grab, alles war so verblichen und verstorben, auf den Dächern spielte der Sonnenglauz wie Goldflitter auf dem Haupte einer Leiche, hier und da aus den Fenstern eines altverfallenen Hauses hingen Epheu- rauken wie vertrocknet grüne Thränen, überall glimmender Moder und ängstlich stockender Tod, die Stadt schien nur das Gespenst einer Stadt, ein steinerner Spuk am hellen Tage. Da suchte ich lange vergebens die Spur eines lebendigen Wesens. Ich erinnere mich nur, vor einem alten Palazzo lag ein schlafender Bettler mit ausgestreckt offener Hand. Auch erinnere ich mich, oben am Fenster eines schwärzlich morschen Häusleins sah ich einen Mönch, der den Die Stadt Lucca. 133 roten Hals mit dem feisten Glatzenhaupt recht lang aus der braunen Kutte hervorreckte, und neben ihm kam ein vollbusig nacktes Weibsbild zum Vorschein; unten in die halb offene Hausthüre sah ich einen kleinen Jungen hineingehen, der als ein schwarzer Abbate gekleidet war, und mit beiden Händen eine mächtig großbäuchige Weinflasche trug. — In demselben Augenblick läutete unfern ein feines ironisches Glöcklein, und in meinem Gedächtnisse kicherten die Novellen des Boccaccio. Diese Klänge konnten aber keineswegs das seltsame Grauen, das meine Seele durchschauerte, ganz verscheuchen. Es hielt mich vielleicht um so gewaltiger befangen, da die Sonne so warm und hell die unheimlichen Gebäude beleuchtete; und ich merkte wohl, Gespenster sind noch furchtbarer, wenn sie den schwarzen Mantel der Nacht abwerfen und sich im hellen Mittngslichte sehen lassen. Als ich jetzt, acht Tage später, wieder nach Lucca kam, wie erstaunte ich über den veränderten Anblick dieser Stadt! Was ist das! rief ich, als die Lichter mein Auge blendeten, und die Menschenströme durch die Gassen sich wälzten. Ist ein ganzes Volk als nächtliches Gespenst auS dem Grabe gestiegen, um im tollsten Mummenschanz das Leben nachzuäffen? Die hohen, trüben Häuser sind mit Lampen verziert, überall aus den Fenstern hängen bunte Teppiche, die morsch- grauen Wände fast bedeckend, und darüber lehnen sich holde Mädcheu- gesichter, so frisch, so blühend, daß ich wohl merke, es ist das Leben selbst, das sein Vermtthluugsfest mit dem Tode feiert und Schönheit der Jugend dazu eingeladen hat. Ja, es war so ein lebendes Totenfest — ich weiß nicht, wie es im Kalender genannt wird — auf jeden Fall so ein Schindungstag eines geduldigen Märtyrers, denn ich sah nachher einen heiligen Totenschädel und noch einige Extra- kuochcn, mit Blnmen und Edelsteinen geziert, und unter hochzeitlicher Musik herumtragen. Es war eine schöne Prozession. Voran gingen die Kapuziner, die sich von den andern Mönchen durch lange Bärte auszeichneten und gleichsam die Sappeurs dieser Glaubensnrmce bildeten. Darauf folgten Kapuziner ohne Bärte, worunter viele männlich edle Gesichter, sogar manch jugendlich schönes Gesicht, das die breite Tonsur sehr gut kleidete, weil der Kopf dadurch wie mit einem zierlichen Haarkranz umflochten schien, und samt dem bloßen Nacken recht anmutig ans der braunen Kutte hervortrat. Hierauf folgten Kutten von andern Farben, schwarz, weiß, gelb, panachs, auch herabgeschlagene dreieckige Hüte, kurz all jene Klvster- kostüme, womit wir durch die Bemühungen unseres Generalintendanten längst bekannt sind. Nach den Mönchsorden kamen die eigentlichen Priester, weiße Hemden über schwarze Hosen, und farbige Käppchen; hinter ihnen kamen noch vornehmere Geistliche, in buntseidene Decken gewickelt, und auf dem Haupte eine Art hoher Mützen, die wahrscheinlich aus Ägypten stammen, und die man auch aus D -s5. W Reisebildcr II. dem Denonschcn Werke, auS der Zanberflötc und aus dem Belzoni*) kennen lernt; es innren altgediente Gesichter, und sie schienen eine Art von alter Garde zu bedeuten. Zuletzt kam der eigentliche Stab, ein Thronhimmel und darunter ein alter Manu mit einer noch höheren Mütze und in einer noch reicheren Decke, deren Zipfel von zwei ebenso gekleideten alten Männern nach Pagenart getragen wnrden. Die vorderen Mönche gingen mit gekreuzten Armen, ernsthaft schweigend; aber die mit den hohen Mützen sangen einen gar unglücklichen Gesang, so näselnd, so schlürfend, so kollernd, daß ich überzeugt bin, wären die Juden die größere Volksmenge und ihre Religion wäre die Staatsreligion, so würde man obiges Gesinge mit dem Namen „Mauscheln" bezeichnen. Glücklicherweise konnte mau es nur zur Hälfte vernehmen, indem hinter der Prozession mit lautem Trommeln und Pfeifen mehrere Kompanien Militär einhcr- zogen, sowie überhaupt an beiden Seiten neben den wallenden Geistlichen auch immer je zwei und zwei Grenadiere marschierten. Es waren fast mehr Soldaten als Geistliche; aber zur Unterstützung der Religion gehören heutzutage viel Bajonette, und wenn gar der Segen gegeben wird, dann müssen in der Ferne auch die Kanonen bedeutungsvoll donnern. Wenn ich eine solche Prozession sehe, wo unter stolzer Militär- Eskorte die Geistlichen so gar trübselig und jammervoll einhcrwan- deln, so ergreift es mich immer schmerzhaft, und es ist mir, als sähe ich unseren Heiland selbst, umringt von Lanzenträgern, zur Richtstätte abführen. Die Sterne von Lucca dachten gewiß wie ich, und als ich seufzend nach ihnen hinausblickte, sahen sie mich so übereinstimmend an mit ihren frommen Augen, so hell, so klar. Aber man bedurfte nicht ihres Lichtes, tausend und abertausend Lampen und Kerzen und Mädchengesichtcr flimmerten aus allen Fenstern, an den Straßenecken standen lodernde Pechkränzc aufgepflanzt, und dann hatte auch jeder Geistliche noch seinen besonderen Kerzentrnger zur Seite. Die Kapuziner hatten meistens kleine Buben, die ihnen die Kerzen trugen, und die jugendlich frischen Gesichtchen schauten bisweilen recht neugierig vergnügt hinauf nach den alten ernsten Bärtcn; so ein armer Kapuziner kann keinen großen Kerzenträger besolden, und der Knabe, den er das Ave Maria lehrt, oder dessen Muhme ihm beichtet, muß bei Prozessionen wohl gratis dieses Amt übernehmen, und es wird darum gewiß nicht mit geringerer Liebe verrichtet. Die folgenden Mönche hatten nicht viel größere Buben, einige vornehmere Orden hatten schon erwachsene Rangen, und die hochmützigen Priester hatten wirkliche Bürgersleute zu Kerzenträgern. Aber endlich gar der Herr Erzbischof — denn das war wohl der *) Leiter und Veschreiber ägyptischer Ausgrabungen im Anfang dieses Jahrhunderts. Die Stadt Lucca. 135 Mann, der in vornehmer Demnt nntcr dem Thronhimmel ging und sich die Gewandzipfel von greisen Pagen nachtragen lieh — dieser hatte alt jeder Seite einen Lakaien, die beide in blauen Livreen mit gelben Tressen prangten und ceremoniös, als servierten sie bei Hof, die weißen Wachskerzen trugen. Ans jeden Fall schien mir solche Kerzentrngerei eine gute Einrichtung, denn ich konnte dadurch um so Heller die Gesichter besehen, die zum Katholizismus gehören. Und ich habe sie jetzt gesehen, und zwar in der besten Beleuchtung. Und was sah ich denn? Nun ja, der klerikale Stempel fehlte nirgends. Aber dieses abgerechnet, waren die Gesichter untereinander ebenso verschieden wie andere Gesichter. Das eine war blaß, das andere rot, diese Nase erhob sich stolz, jene war niedergeschlagen, hier ein funkelnd schwarzes, dort ein schimmernd graues Auge — aber in allen diesen Gesichtern lagen die Spuren derselben Krankheit, einer schrecklichen, unheilbaren Krankheit, die wahrscheinlich Ursache sein wird, daß mein Enkel, wenn er hundert Jahr später die Prozession in Lucca zu sehen bekommt, kein einziges von jenen Gesichtern wieder findet. Ich fürchte, ich bin selbst angesteckt von dieser Krankheit, und eine Folge derselben ist jene Weichheit, die mich wunderbar beschlcicht, wenn ich so ein sieches Mönchs- gesicht betrachte, und darauf die Symptome jener Leiden sehe, die sich unter der groben Kutte verstecken: — gekränkte Liebe, Podagra, getäuschter Ehrgeiz, Niickendarre, Nene, Hämorrhoiden, die Herzwunden, die uns vom Undank der Freunde, von der Verleumdung der Feinde und von der eigenen Sünde geschlagen worden, alles dieses und noch viel mehr, was ebenso leicht unter einer groben Kutte wie unter einem feinen Mvdcfrack seinen Platz zu finden weiß. O! eS ist keine Übertreibung, wenn der Poet in seinem Schmerze ausruft: Das Leben ist eine Krankheit, die ganze Welt ist ein Lazarett! „lind der Tod ist unser Arzt —" Ach! ich will nichts Böses von ihm reden, und nicht andere in ihrem Vertrauen stören; denn da er der einzige Arzt ist, so mögen sie immerhin glauben, er sei auch der beste, und das einzige Mittel, das er anwendet, seine ewige Erdkur, sei auch das beste. Wenigstens kann man von ihm rühmen, daß er immer gleich bei der Hand ist und trotz seiner großen Praxis nie lange ans sich warten laßt, wenn man ihn verlangt. Manchmal folgt er seinen Patienten sogar zur Prozession, und trügt ihnen die Kerze. Es war gewiß der Tod selbst, den ich an der Seite eines blassen, bekümmerten Priesters gehen sah; in dünnen zitternden Knochcnhänden trug er diesem die flimmernde Kerze, nickte dabei gutmütig besänftigend mit dem ängstlich kahlen Köpfchen, und so schwach er selbst ans den Beinen war, so unterstützte er doch noch zuweilen den armen Priester, der bei jedem Schritte noch bleicher wurde und umsinken wollte. Er schien ihm Mut einzusprechen: Warte nur noch 136 Reiscbilber II. einige Stündchen, dann sind wir zu Hause, und ich lösche die Kerze aus, und ich lege dich aufs Bett, und die kalten, müden Beine können ausruhen, und du sollst so fest schlafen, daß du das wimmernde Sankt Michaelisglöckchen nicht hören wirst. „Gegen den Mann will ich auch nicht schreiben," dacht' ich, als ich den armen, bleichen Priester sah, dem der leibhastige Tod zu Bette leuchtete. Ach! man sollte eigentlich gegen niemanden in dieser Welt schreiben. Jeder ist selbst krank genug in diesem großen Lazarett, und manche polemische Lektüre erinnert mich unwillkürlich an ein widerwärtiges Gezänk in einem kleineren Lazarett zu Krakau, wobei ich mich als zufälliger Zuschauer befand, und wo entsetzlich anzuhören war, wie die Kranken sich einander ihre Gebrechen spottend vorrechneten, wie ausgedörrte Schwindsüchtige den aufgeschwollenen Wasjer- süchtling verhöhnten, wie der eine lachte über den Nasenkrebs des andern, und dieser wieder über Maulsperre und Angenvcrdrchung seiner Nachbarn, bis am Ende die Fiebertollen nackt aus den Betten sprangen, und den andern Kranken die Decken und Laken von den wunden Leibern rissen, und nichts als scheußliches Elend und Verstümmelung zu sehen war. Kapitel vi. Jener schenkte nunmehr auch der übrigen Göttcrversammlung Rcchtshin lieblichen Nektar, dein Mischkrug emsig cntschöpfend. Doch unermeßliches Lachen erscholl den seligen Göttern, Als sie sahn, wie Hephästvs im Saal so gewandt umherging. Also den ganzen Tag bis spät zur sinkenden Sonne Schmausten sie; und nicht mangelt' ihr Herz des gemeinsamen MahleS, Nicht des Saitcngetöns von der lieblichen Leier Apollons, Noch des Gesangs der Musen mit holdantwortendcr Stimme. (Vulgata.) Da plötzlich keuchte heran ein bleicher, bluttriefender Jude, mit einer Dornenkrone auf dem Haupte und mit einem großen Holzkrenz ans der Schulter; und er warf das Kreuz auf den hohen Göttertisch, daß die goldenen Pokale zitterten, und die Götter verstummten und erblichen und immer bleicher wurden, bis sie endlich ganz in Nebel zerrannen. Nun gab's eine traurige Zeit, und die Welt wurde grau und dunkel. Es gab keine glücklichen Götter mehr, der Olhmp wurde ein Lazarett, wo geschundene, gebratene und gespießte Götter langweilig nmhcrschlichcn, und ihre Wunden verbanden und triste Lieder sangen. Die Religion gewährte keine Freude mehr, sondern Trost; es war eine trübselige, blutrünstige Delinquentcnreligion. Die Stadt Lucca, 137 War sie victlcicht nötig für die erkrankte und zertretene Menschheit? Wer seinen Gott leiden sieht, trägt leichter die eigenen Schmerzen. Die Varizen heiteren Götter, die selbst keine Schmerzen fühlten, wußten auch nicht, wie armen gequälten Menschen zu Mute ist, und ein armer gequälter Mensch kannte auch in seiner Not kein rechtes Herz zu ihnen fassen. Es waren Festtagsgötter, um die man lustig herumtanzte, und denen man nur danken konnte. Sie wurden deshalb auch nie so ganz von ganzem Herzen geliebt. Ilm so ganz von ganzem Herzen geliebt zu werden — muß man leidend sein. Das Mitleid ist die letzte Weihe der Liebe, vielleicht die Liebe selbst. Von allen Gattern, die jemals geliebt haben, ist daher Christus derjenige Gott, der am meisten geliebt worden, besonders van den Frauen Dem Menschengewühl entfliehend, habe ich mich in eine einsame Kirche verloren, und was du, lieber Leser, eben gelesen hast, sind nicht so sehr meine eigenen Gedanken, als vielmehr einige unwillkürliche Warte, die in mir laut geworden, während ich, dahingestreckt auf einer der alten Betbänke, die Töne einer Orgel durch meine Brust ziehen ließ. Da liege ich, mit phantasierender Seele, der seltsamen Musik noch seltsamere Texte unterdichtcnd; dann und wann schweifen meine Blicke durch die dämmernden Bogengänge und suchen die dunkeln Klnngfignren, die zu jenen Orgclmelodicn gehören. Wer ist die Verschleierte, die dort kniet vor dem Bilde einer Madonna? Die Ampel, die davor hängt, beleuchtet grauenhaft süß die schöne Schmerzensmutter einer gekreuzigten Liebe, die Venns dolorosa; doch kupplerisch geheimnisvolle Lichter fallen zuweilen wie verstohlen auf die schönen Formen der verschleierten Beterin. Diese liegt zwar regungslos auf den steinernen Altarstufen, doch in der wechselnden Beleuchtung bewegt sich ihr Schatten, läuft manchmal zu mir heran, zieht sich wieder hastig zurück, wie ein stummer Mohr, der ängstliche Licbesbotc in einem Harem — und ich verstehe ihn. Er verkündet mir die Gegenwart seiner Herrin, der Sultanin meines Herzens. Es wird aber allmählich immer dunkler im leeren Hause, hier u nd da huscht eine unbestimmte Gestalt den Pfeilern entlang, dann und wann steigt leiseS Murmeln aus einer Seitcnknpelle, und ihre langen, langgezogenen Töne stöhnt die Orgel, wie ein seufzendes Riejenherz — Es war aber, als ob jene Orgeltöne niemals aufhörten, als ob jene Sterbelantc, jener lebende Tod ewig dauern wollte, ich fühlte so unsägliche Beklommenheit, so namenlose Angst, als wäre ich scheintot begraben worden, ja als wäre ich, ein Längstverstorbener, aus dem Grabe gestiegen, und sei mit unheimlichen Nachtgcsellen in die Gc- spcnsterkirchc gegangen, um die Totengebete zu hören und Lcichen- siinden zu beichten. Manchmal war nur, als sähe ich sie wirklich neben mir sitzen in geisterhaftem Dämmerlichte, die abgeschiedene 138 Reisebilder II. Gemeinde, in verschollen altflorentinischen Trachten, mit langen blassen Gesichtern, goldbeschlagene Gebetbücher in dünnen Händen, heimlich wispernd, und melancholisch einander zunickend. Der wimmernde Ton eines fernen Sterbeglöckchens mahnte mich wieder an den kranken Priester, den ich bei der Prozession gesehen, und ich sprach zu mir selber: Der ist jetzt auch gestorben, und kommt hierher, um die erste Nachtmcsse zu lesen, und da beginnt erst recht der traurige Spuk. Plötzlich aber erhob sich von den Stufen des Altars die holde Gestalt der verschleierten Beterin — Ja, sie war es, schon ihr lebendiger Schatten verscheuchte die weißen Gespenster, ich sah jetzt nur sie, ich folgte ihr rasch zur Kirche hinaus, und als sie vor der Thüre den Schleier zurückschlug, sah ich in Franceskas bethräntes Antlitz. Es glich einer sehnsüchtig weißen Rose, angeperlt vom Tau der Nacht und beglänzt vom Strahl des Mondes. Franceska, liebst du mich? Ich srug viel, und sie antwortete wenig. Ich begleitete sie nach dem Hotel Croce di Malta, wo sie und Mathilde logierten. Die Straßen waren leer geworden, die Häuser schliefen mit geschlossenen Fensteraugen, nur hier und da durch die hölzernen Wimpern blinzelte ein Lichtchen. Oben am Himmel aber trat ein breiter hellgrüner Raum aus den Wolken hervor, und darin schwamm der Halbmond, wie eine silberne Gondel in einein Meer von Smaragden. Vergebens bat ich Franceska, nur ein einziges Mal hinauf zu sehen zu unserem alten, lieben Vertranken, sie hielt aber das Köpfchen träumend gesenkt. Ihr Gang, der sonst so heiter dahinschwebend, war jetzt wie kirchlich gemessen, ihr Schritt war düster katholisch, sie bewegte sich nach dem Takte einer feierlichen Orgel, und wie in früheren Nächten die Sünde, so war ihr jetzt die Religion in die Beine gefahren. Unterwegs vor jedem Heiligenbilds bekreuzte sie sich Haupt und Busen; vergebens versuchte ich ihr dabei zu helfen. Als wir aber auf dem Markte der Kirche Sankt Michele vorbeikamen, Ivo die marmorne Schmerzensmutter mit den vergoldeten Schwertern im Herzen und mit der Lämpchen- kroue ans dem Haupte aus der dunkeln Nische hervorleuchtete, da schlang Franceska ihren Arm um meinen Hals, küßte mich und flüsterte: Lsaoo, Lsoeo, aarc>, Lsveo! Ich nahm diese Küsse ruhig in Empfang, obgleich ich wohl wußte, daß sie im Grunde einem bologuesischen Abbecke, einein Diener der römisch-katholischen Kirche zugedacht waren. Als Protestant machte ich mir kein Gewissen daraus, mir die Güter der katholischen Geistlichkeit zuzueignen, und ans der Stelle säkularisierte ich die frommen Küsse Franceskas. Ich weiß, die Pfaffen werden hierüber wütend sein, sie schreien gewiß über Kirchenranb, und würden gern das französische Sakrilegiengesetz auf mich anwenden. Leider muß ich gestehen, daß besagte Küsse das einzige waren, was ich in jener Nacht Die Stadt Lncca. 139 erbeuten konnte. Franceska hatte beschlossen, diese Nacht nur zum Heile ihrer Seele, knieend und betend, zu benutzen. Vergebens erbot ich mich, ihre Andachtsübungen zu teilen; als sie ihr Zimmer erreichte, schloß sie mir die Thüre vor der Rase zu. Vergebens stand ich draußen noch eine ganze Stunde, und bat um Einlaß, und seufzte alle möglichen Seufzer, und heuchelte fromme Thränen, und schwor die heiligsten Eide — versteht sich, mit geistlichem Vorbehalte, ich fühlte, wie ich allmählich ein Jesuit wurde, ich wurde ganz schlecht und erbot mich endlich sogar, katholisch zu werden für diese einzige Nacht — Franceska! rief ich, Stern meiner Gedanken! Gedanken meiner Seele! vita, clslia, mia vika! meine schöne, oftgeküßtc, schlanke, katholische Franceska! für diese einzige Nacht, die du mir noch gewährst, will ich selbst katholisch werden — aber auch nur für diese einzige Nacht! O die schölle, selige, katholische Nacht! ich liege in deinen Arme», strengkatholisch glaube ich an den Himmel deiner Liebe, von den Lippen küssen wir uns das holde Bekenntnis, das Wort wird Fleisch, der Glaube wird versinnlicht in Form und Gestalt! welche Religion! Ihr Pfaffen, jubelt unterdessen euer Kyrie eleison, klingelt, räuchert, läutet die Glocken, laßt die Orgel brausen, laßt die Blesse von Palästrina erklingen — das ist der Leib! — ich glaube, ich bin selig, ich schlafe ein — aber sobald ich des andern Morgens erwache, reibe ich mir den Schlaf und den Katholizismus ans den Augen, und sehe wieder klar in die Sonne und in die Bibel, und bin wieder protestantisch vernünftig und nüchtern, nach wie vor. Kapitel vii. Als am andern Tage die Sonne wieder herzlich vom Himmel hcrablnchte, erloschen gänzlich die trübseligen Gedankeil und Gefühle, die von der Prozession des vorhergehenden Abends in mir erregt worden, und mich das Leben wie eine Krankheit und die Welt wie ein Lazarett ansehen ließen. Die ganze Stadt wimmelte von heiterem Volk. Geputzte bunte Menschen, dazwischen hüpfte hier und da ein schwarz Pfäfslcin. Das brauste und lachte und schwatzte, man hörte fast nicht das Glockeu- gebiinmel, das zu einer großen Messe einlud in die Kathedrale. Diese ist eine schöne, einfache Kirche, deren bnntmarmorne Fassade mit jenen kurzen, übereinander gebauten Sänlchen geziert ist, die uns so witzig trübe ansehen. Inwendig waren Pfeiler und Wände mit rotem Tuche überkleidet, und heitere Musik ergoß sich über die wogende Menschenmenge. Ich führte Siguora Franceska am Arm, und als ich ihr beim Eintritt das Weihwasser reichte, und durch die süßfcuchte Fingerberührung unsere Seelen elektrisiert wurden, bekam ich auch zu gleicher Zeit einen elektrischen Schlag ans Bein, daß ich vor Schreck fast hinpurzelte über die knieenden Bäuerinnen, die ganz 140 Reisebilber H, weiß gekleidet, und mit langen Ohrringen und Halsketten von gelbem Golde belastet, in dichten Haufen den Boden bedeckten. Als ich mich umsah, erblickte ich ein ebenfalls knicendes Frauenzimmer, das sich fächerte, und hinter dem Fächer erspähte ich Myladys kichernde Augen. Ich beugte mich zu ihr hinab, und sie hauchte mir schmachtend ins Ohr: üskig-kitcknl! Um Gottes willen! flüsterte ich ihr zu, bleiben Sie ernsthaft, lachen Sie nicht; sonst werden wir wahrhaftig hinausgeschmissen. Aber da half kein Bitten und Flehen. Zum Glück verstand man unsere Sprache nicht. Denn als Mylady aufstand, und uns durch das Gedränge zum Hanptaltar folgte, überließ sie sich ihren tollen Launen ohne die mindeste Rücksicht, als stünden wir allein auf den Apennincn. Sic mokierte sich über alles, sogar die armen gemalten Bilder an den Wänden waren vor ihren Pfeilen nicht sicher. Siehe da! rief sie, auch Lady Eva, geborene von Rippe, wie sie mit der Schlange diskuriert! Es ist ein guter Einfall des Malers, daß er der Schlange einen menschlichen Kopf mit einem menschlichen Gesichte gab; es wäre jedoch noch weit sinnreicher gewiesen, wenn er dieses Verführungsgesicht mit einem militärischen Schnurrbart verziert hätte. Sehen Sie, Doktor, dort den Engel, welcher der hochgebencdcitcn Jungfrau ihren gesegneten Zustand verkündigt und dabei so ironisch lächelt? Ich weiß, waS dieser Rnffiano denkt! Und diese Maria, zu deren Füßen die heilige Alliance des Mvrgenlandes mit Gold- und Weihrauchgaben niederkniet, sieht sie nicht ans wie die Catalani? Signora Franceska, welche von diesem Geschwätz wegen ihrer Unkenntnis des Englischen nichts verstand als das Wort Catalani, bemerkte hastig, daß die Dame, wovon unsere Freundin spreche, jetzt wirklich den größten Teil ihrer Renommee verloren habe. Unsere Freundin aber ließ sich nicht stören und kommentierte auch die Passivnsbilder, bis zur Kreuzigung, einem überaus schönen Gemälde, worauf unter andern drei dumme, nnthätige Gesichter abgebildet waren, die dem Gvttesmartyrtnm gemächlich zusahen, und von denen Mylady durchaus behauptete, es seien die bevollmächtigten Kommissarien von Österreich, Rußland und Frankreich. Der heilige Joseph hatte am meisten zu leiden. Sie machte die tollsten Bemerkungen über eine Flucht nach Ägypten, Ivo Maria mit dem Kinde auf dem Esel sitzt, während der heilige Joseph als Treiber hinterher geht. Mylady behauptete, der Maler habe eine gewisse Ähnlichkeit zwischen dem Treiber und dem Vierfüßler darstellen wollen. Beide ließen in der That die langen Ohren ihrer melancholisch gesenkten Häupter herabhängen. — In welcher unerhörten Verlegenheit befindet sich der arme Mensch! rief Mathilde ans. Wenn er glaubt, daß der liebe Gott sich herabgelassen, sein Mitarbeiter zu sein, hat er guten Grund, sich dem Teufel zu ergeben; wenn er eS nicht glaubt, ist er ein Ketzer Die Stadt Lucca. 141 und fährt gleichfalls zum Teufel. Welch ein schreckliches Dilemma! Deshalb senkt er so traurig das Haupt. Und sie haben das Haupt noch dazu mit einer Glorie geziert, die nicht übel einer Strahlen- krvue von Hörnern gleicht. Wie das Geschick des armen Eseltreibers mir zu Herzen geht! Niemals bis auf den heutigen Tag habe ich mich in einer Kirche so tief ergriffen gefühlt. Indessen, die alten Freskos, die zwischen den roten Decken der Wände zum Vorschein kamen, vermochten einigermaßen mit ihrem inwohneuden Ernste die britische Spottlust abzuwehren. Es waren darauf Gesichter aus jener heldenmütigen Zeit Luccas, wovon in den Geschichtsbüchern Macchiavells, des romantischen Sallusts, so viel die Rede ist, und deren Geist uns ans den Gesängen Dantes, des katholischen HomerS, so feurig entgegenwcht. Wohl sprechen aus jenen Mienen die strengen Gefühle und barbarischen Gedanken des Mittelalters; wenn auch auf manchem stummen Jünglingsmunde das lächelnde Bekenntnis schwebt, daß damals nicht alle Rosen so ganz steinern und umflort gewesen sind, und wenn auch durch die frommgesenkten Augenwimpern mancher Madonna aus jener Zeit ein so schalkhafter Liebeswink blinzelt, als ob sie uns gern noch ein zweites Christkindlein schenken möchte. Jedenfalls ist es aber ein hoher Geist, der uns aus jenen altflorentinischen Gemälden anspricht, es ist das eigentlich Heroische, das wir auch in den marmornen Götterbildern der Alten erkennen, und das nicht, wie unsere Ästhetiker meinen, in einer ewigen Ruhe ohne Leidenschaft, sondern in einer ewigen Leidenschaft ohne Unruhe besteht. Auch durch einige spätere Ölbilder, die in dem Dome von Lucca hängen, zieht sich, vielleicht als traditioneller Nachhall, jener altflvrentinischc Sinn. Besonders siel mir auf eine Hochzeit zu Kana von einem Schüler des Andrea del Sarto, etwas hart gemalt und schroff gestaltet. Der Heiland sitzt zwischen der weichen schönen Braut und einem Pharisäer, dessen steinernes Gesetztafelgesicht sich wundert über den genialen Propheten, der sich heiter mischt in die Reihen der Heiteren, und die Gesellschaft mit Wundern reguliert, die noch größer sind als die Wunder des Moses; denn dieser konnte, und wenn er auch noch so stark gegen den Felsen schlug, nur Wasser hervorbringen, jener aber brauchte nur ein Wort zu sprechen, und die Krüge füllten sich alle mit dem besten Wein. Biel weicher, fast venctiauisch koloriert, ist das Gemälde von einein Unbekannten, das daneben hängt, und worin der freundliche Farben- schmclz von einem durchbebeudcn Schmerze gar seltsam gedämpft wird. Es stellt dar, wie Maria ein Pfund Salbe nahm von nnge- fälschter köstlicher Narde, und damit die Füße Jesu salbte, und sie mit ihren Haaren trocknete. Christus sitzt da im Kreise seiner Jünger, ein schöner, geistreicher Gott, menschlich wehmütig fühlt er eine schaurige Pietät gegen seinen eigenen Leib, der bald so viel dulden 142 Neisebildcr II, wird, und dein die salbende Ehre, die man den Gestorbenen erweist, schon jetzt gebührt und schon jetzt widerfährt; er lächelt gerührt hinab auf da? knieendc Weib, daS, getrieben von ahnender Liebesangst, jene barmherzige Thnt verrichtet, eine That, die nie vergessen wird, solange es leidende Menschen giebt, und die zur Erquickung aller leidenden Menschen durch die Jahrtausende duftet. Außer dem Jünger, der am Herzen Christi lag, und der auch diese That verzeichnet hat, scheint keiner von den Aposteln ihre Bedeutung zu fühlen, und der mit dem roten Barte scheint sogar, wie in der Schrift steht, die verdrießliche Bemerkung zu machen: Warum ist diese Salbe nicht verkauft um dreihundert Groschen, und den Armen gegeben? Dieser ökonomische Apostel ist eben derjenige, der den Bcuwl führt, die Gewohnheit der Geldgeschäfte hat ihn abgestumpft gegen alle uneigennützigen Nardcndüfte der Liebe, er möchte Groschen dafür einwechseln zu einem nützlichen Zweck, und eben er, der Groschenwechsler, er war es, der den Heiland verriet — um dreißig Silberlinge. So hat das Evangelium auch symbolisch, in der Geschichte des Baukiers unter den Aposteln, die unheimliche Vcrführungsmacht, die im Gcld- sacke lauert, offenbart, und vor der Treulosigkeit der Geschäftsleute gewarnt. Jeder Reiche ist ein Judas Jschariot. Sie schneiden ja ein verbissen gläubiges Gesicht, teurer Doktor, flüsterte Mhlady, ich habe Sie eben beobachtet, und, verzeihen Sie mir, wenn ich Sie etwa beleidige, Sie sahen aus wie ein guter Christ. Unter uns gesagt, das bin ich; ja, Christus — Glauben Sie vielleicht ebenfalls, daß er ein Gott sei? Das versteht sich, meine gute Mathilde, Es ist der Gott, den ich am meisten liebe — nicht weil er so ein legitimer Gott ist, dessen Vater schon Gott war und seit undenklicher Zeit die Welt beherrschte, sondern weil er, obgleich ein geborener Dauphin deS Himmels, dennoch, demokratisch gesinnt, keinen höfischen Ceremvuialprunk liebt, weil er kein Gott einer Aristokratie von geschorenen Schriftgclehrten und galonniertcn Lanzenknechtcn, und weil er ein bescheidener Gott des Volks ist, ein Bürgergott, nn von clisn oitoz'sn. Wahrlich, wenn Christus noch kein Gott wäre, so würde ich ihn dazu wählen, und viel lieber als einem aufgezwungenen absoluten Gottc würde ich ihm gehorchen, ihm, dem Wahlgotte, dem Gotte meiner Wahl. Kapitel vm. Der Erzbischvf, ein ernster Greis, las selber Messe, und, ehrlich gestanden, nicht bloß ich, sondern einigermaßen auch Mhlady, wir wurden heimlich berührt von dem Geiste, der in dieser heiligen Handlung wohnt, und von der Weihe des alten Mannes, der sie vollzog; — ist ja doch jeder alte Manu an und für sich ein Priester, und die Ceremouien der katholischeil Messe, sind sie doch so uralt, daß sie Die Stadt Lucca, 143 vielleicht das einzige sind, was sich ans dem Kindesalter der Welt erhalten hat, und als Erinnerung an die ersten Vorfahren aller Menschen unsere Pietät in Anspruch nimmt. Sehen Sie, Mhlady, sagte ich, jede Bewegung, die Sie hier erblicken, die Art des Zusammenlegens der Hände und des AuSbreitens der Arme, dieses Knixen, dieses Händewaschen, dieses Beräuchertwerden, dieser Kelch, ja die ganze Kleidung des Mannes, von der Mitra bis zum Saume der Stola, alles dieses ist altägyptisch und lkberbleibsel eines Priester- tnms, von dessen wundersamem Wesen nur die ältesten Urkunden etwas Weniges berichten, eines frühesten Priestertnms, das die Weisheit erforschte, die ersten Götter erfand, die ersten Symbole bestimmte, und die junge Menschheit — Zuerst betrog, setzte Mylady bitteren Tones hinzu, und ich glaube, Doktor, aus dem frühesten Wcltalter ist uns nichts übrig geblieben als einige triste Formeln des Betrugs, Und sie sind noch immer wirksam. Denn sehen Sie dort die stockfinsteren Gesichter? und gar jenen Kerl, der dort auf seinen dummen Knieen liegt und mit seinem aufgesperrten Mnnle so ultradumm aussieht? Um deS lieben Himmels willen! begütigte ich leise, was ist daran gelegen, daß dieser Kopf so wenig von der Vernunft erleuchtet ist? Was geht das uns an? Was irritiert Sie dabei? Sehen Sie doch täglich Ochsen, Kühe, Hunde, Esel, die ebenso dumm sind, ohne daß Sie durch solchen Anblick aus Ihrem Gleichmut aufgestört und zu unmutigen Äußerungen angeregt werden! Ach, das ist, was anderes, fiel mir Mylady in die Rede, diese Bestien tragen Schwänze, und ich ärgere mich eben, daß ein Kerl, der ebenso bestialisch dumm ist, dennoch hinten keinen Schwanz hat. Ja, das ist was anderes, Mylady, Kapitel IX. Nach der Messe gab's noch allerlei zu schauen und zu hören, besonders die Predigt eines großen vierstämmigen Mönchs, dessen befehlend kühnes altrömisches Gesicht gegen die grobe Bettclkntte gar wundersam abstach, so daß der Mann aussah wie ein Imperator der Armut, Er predigte von Himmel und Hölle, und geriet zuweilen in die wütendste Begeisterung, Seine Schilderung des Himmels war ein bißchen barbarisch überladen, und es gab da viel Gold, Silber, Edelsteine, köstliche Speisen, »nd Weine von den besten Jahrgängen? dabei machte er ein so verklärt schlürfendes Gesicht, und er schob sich vor Wonne in der Kutte hin und her, wenn er unter den Englein mit weißen Flügeln sich selber dachte als ein Englcin mit weißen Flügeln, Minder ergötzlich, ja sogar sehr, praktisch ernsthaft war seine Schilderung der Hölle, Hier war der Mann weit mehr in seinem Elemente, Er eiferte besonders über die Sünder, die nicht 144 Neisebilder II, mehr so recht christlich ans alte Feuer der Hölle glauben, und sogar wähnen, sie habe sich in neuerer Zeit etwas abgekühlt und werde nächstens ganz und gar erlöschen, „Und wäre auch," rief er, „die Hölle am Erlöschen, so würde ich, ich mit meinem Atem die letzten glimmenden Kohlen wieder anfachen, daß sie wieder auflodern sollten zu ihrer alten Flammenglut," Hörte man nun die Stimme, die gleich dem Nordwind diese Worte hervorhculte, sah man das brennende Gesicht, den roten, büffelstarken Hals und die gewaltigen Fäuste des Mannes, so hielt man jene höllische Drohung für keine Hyperbel, 1 liks tüis man, sagte Mylady. Da haben Sie recht, antwortete ich, auch mir gefällt er besser als mancher unserer sanften, homöopathischen Seelenärzte, die Vernunft in einen Eimer Moralwasser schütten, und uns damit des Sonntags zur Ruhe predigen. Ja, Doktor, für seine Hölle habe ich Respekt; aber zu seinem Himmel Hab' ich kein rechtes Vertrauen; wie ich mich denn überhaupt in Ansehung des Himmels schon sehr früh in geheimen Zweifel verfing. Als ich noch klein war, in Dublin, lag ich oft auf dem Rücken im Gras, und sah in den Himmel, und dachte nach, obwohl der Himmel wirklich so viele Herrlichkeiten enthalten mag, wie man davon rühmt. Aber, dacht' ich, ivie kommt's, daß von diesen Herrlichkeiten niemals etwas herunterfällt, etwa ein brillantener Ohrring oder eine Schnur Perlen oder wenigstens ein Stückchen Ananaskuchen, und daß immer nur Hagel oder Schnee oder gewöhnlicher Regen, uns von oben herab beschert wird? Das ist nicht ganz richtig, dacht' ich — Warum sagen Sie das, Mylady? Warum diese Zweifel nicht lieber verschweigen? Ungläubige, die keinen Himmel glauben, sollten nicht Prvselytcn machen; minder tadelnswert ist die Prosclytenmachcrei derjenigen Leute, die einen süperben Himmel haben, und dessen Herrlichkeiten nicht selbstsüchtig allein genießen wollen, und deshalb ihre Nebenmenschcn einladen, dran teil zu nehmen, und sich nicht eher zufrieden geben, bis diese ihre gütige Einladung angenommen. Ich habe mich aber immer gewundert, Doktor, daß manche reiche Leute dieser Gattung, die wir als Präsidenten, Vizepräsidenten oder Sekretäre von Bekehrungsgesellschaften eifrigst bemüht sehen, etwa einen alten verschimmelten Betteljuden himmelfähig zu machen und seine einstige Genossenschaft im Himmelreich zu erwerben, dennoch nie dran denken, ihn schon jetzt auf Erden an ihren Genüssen teilnehmen zu lassen, und ihn z, B, nie des Sommers auf ihre Landhäuser einladen, wo es gewiß Leckerbissen giebt, die dem armen Schelm ebensogut schmecken würden, als genösse er sie im Himmel selbst, DaS ist erklärlich, Mylady, die himmlischen Genüsse kosten sie nichts, und es ist ein doppeltes Vergnügen, wenn wir so wohlfeiler- Die Stadt Lucca. 145 weise unsere Nebemnenschen beglücken können, Zu welchen Genüssen aber kann der Ungläubige jemanden einladen? Zu nichts, Doktor, als zu einem langen ruhigen Schlafe, der aber zuweilen für einen Unglücklichen sehr wünschenswert sein kann, besonders wenn er vorher mit zudringlichen Himmelseinladungcn gar zu sehr geplagt worden. Dieses sprach das schöne Weib mit stechend bitteren Accentcn, und nicht ganz ohne Ernst antwortete ich ihr: Liebe Mathilde, bei meinen Handlungen auf dieser Welt kümmert mich nicht einmal die Existenz von Himmel und Hölle, ich bin zu groß und zu stolz, als daß der Geiz nach himmlischen Belohnungen, oder die Furcht vor höllischeit Strafen mich leiten sollten. Ich strebe nach dem Guten, weil es schön ist und mich unwiderstehlich anzieht, und ich verabscheue das Schlechte, weil es häßlich und mir gar zuwider ist. Schon als Knabe, wenn ich den Plutarch las — und ich lese ihn noch jetzt alle Abende im Bette und möchte dabei manchmal aufspringen und gleich Extrapost nehmen und ein großer Mann werden — schon damals gefiel mir die Erzählung von dem Weibe, das durch die Straßen Alexandriens schritt, in der einen Hand einen Wasserschlauch, in der andern eine brennende Fackel tragend, und den Menschen zurief, daß sie mit dem Wasser die Hölle auslöschen und mit der Fackel den Himmel in Brand stecken wolle, damit das Schlechte nicht mehr ans Furcht vor Strafe unterlassen und das Gute nicht mehr aus Begierde nach Belohnung ausgeübt werde. Alle unsere Handlungen sollen aus dem Quell einer uneigennützigen Liebe hervorsprudeln, gleichviel ob es eine Fortdauer nach dem Tode giebt oder nicht, Sie glauben also auch nicht an Unsterblichkeit? O Sie sind schlau, Mylady! Ich daran zweifeln? Ich, dessen Herz in die entferntesten Jahrtausende der Vergangenheit und der Zukunft immer lieser und tiefer Wurzel schlägt, ich, der ich selbst einer der ewigsten Menschen bin, jeder Atemzug ein ewiges Leben, jeder Gedanke ein ewiger Stern — ich sollte nicht an Unsterblichkeit glauben? Ich denke, Doktor, es gehört eine beträchtliche Portion Eitelkeit und Anmaßung dazu, nachdem wir schon so viel Gutes und.Schönes auf dieser Erde genossen, noch obendrein vom lieben Gott die Unsterblichkeit zu verlangen! Der Mensch, der Aristokrat unter den Tieren, der sich besser dünkt, als alle seine Mitgeschöpfe, möchte sich auch dieses Ewigkeitsvvrrecht am Throne des Weltkönigs durch höfische Lob- und Prcisgesänge und knieendes Bitten auswirken, — O, ich weiß, was dieses Zucken mit den Lippen bedeutet, unsterblicher Herr! Kapitel x. Signora bat unS, mit ihr nach dem Kloster zu gehen, worin daS wnnderthätige Kreuz, das Merkwürdigste in ganz Toskana, bewahrt Heine's Werte, VI, Bd. 10 146 Neisebilder II. wird. Und es war gut, daß wir den Dam verließen, denn Myladhs Tollheiten würden uns doch zuletzt in Verlegenheiten gestürzt haben. Sie sprudelte van witziger Laune; lauter lieblich närrische Gedanken, so übermütig wie junge Kätzchen, die in der Maisonne hernmspringen. Am Ausgang des Doms tunkte sie den Zeigefinger dreimal ins Weihwasser, besprengte sich jedesmal und murmelte' Dem Zcfardeyim Kinnim, welches nach ihrer Behauptung die arabische Formel ist, womit die Zauberinnen einen Menschen in einen Esel verwandeln. Ans der Piazza vor dem Dome manövrierte eine Menge Militär, beinah ganz österreichisch uniformiert und nach deutschem Kommando. Wenigstens hörte ich die deutschen Worte: Präsentiert's Gewehr! Fuß Gewehr! Schultert's Gewehr! Rechtsum! Halt! Ich glaube, bei allen Italienern, wie noch bei einigen andern europäischen Völkern, wird auf deutsch kommandiert. Sollen wir Deutschen uns etwas darauf zu gute thun? Haben wir in der Welt so viel zu befehlen, daß das Deutsche sogar die Sprache des BefehlenS geworden? Oder wird uns so viel befohlen, daß der Gehorsam am besten die deutsche Sprache versteht? Mylady scheint von Paraden und Revuen keine Freundin zu sei n. Sie zog unS mit ironischer Furchtsamkeit von danncn. Ich liebe nicht, sprach sie, die Nähe von solchen Menschen mit Säbeln und Flinten, besonders wenn sie in großer Anzahl, wie bei außerordentlichen Manövern, in Reih und Glied aufmarschieren. Wenn nun einer von diesen Tausenden plötzlich verrückt wird, und mit der Waffe, die er schon in der Hand hat, mich ans der Stelle niedersticht? Oder wenn er gar plötzlich vernünftig wird und nachdenkt: „Was hast dn zu riskieren? zu verlieren? selbst wenn sie dir das Leben nehmen? Mag auch jene andere Welt, die uns nach dem Tode versprochen wird, nicht so ganz brillant sein, wie man sie rühmt, mag sie noch so schlecht sein, weniger als man dir jetzt giebt, weniger als sechs Kreuzer per Tag, kann man dir auch dort nicht geben — drum mach' dir den Spaß und erstich jene kleine Engländerin mit der impertinenten Nase!" Bin ich da nicht in der größten Lebensgefahr? Wenn ich König wäre, so würde ich meine Soldaten in zwei Klassen teilen. Die einen ließe ich an Unsterblichkeit glauben, um in der Schlacht Mut zu haben und den Tod nicht fürchten, und ich würde sie bloß im Kriege gebrauchen. Die andern aber würde ich zu Paraden und Revuen bestimmen, und damit es ihnen nie in den Sinn komme, daß sie nichts riskieren, wenn sie des Spaßes wegen jemanden umbrächten, so würde ich ihnen bei Todesstrafe verbieten, an Unsterblichkeit zu glauben, ja ich würde ihnen sogar noch etwas Butter zu ihrem Kommißbrot geben, damit sie das Leben recht lieb gewinnen. Ersteren hingegen, jenen unsterblichen Helden, würde ich das Leben sehr sauer machen, damit sie es recht verachten lernen Die Stadt Lucca. 147 und die Mündung der Kanonen für einen Eingang in eine bessere Welt ansehen, Mylady, sprach ich, Sie wären ein schlechter Regent, Sie wissen wenig vom Regieren, und von der Politik verstehen Sie gar nichts. Hätten Sie die politischen Annalen gelesen — Ich verstehe dergleichen vielleicht besser als Sie, teurer Doktor, Schon früh suchte ich mich darüber zu unterrichten. Als ich noch klein war, in Dublin — Und auf dem Rücken lag im Gras — und nachdachte, oder auch nicht, wie in Namsgate — Ein Blick, wie leiser Vorwurf der Undankbarkeit, fiel auS My- ladhs Augen, dann aber lachte sie wieder, und fuhr fort: Als ich noch klein war, in Dublin, und auf einem Eckcheu von dem Schemel sitzen konnte, worauf Muttcrs Füße ruhten, da hatte ich immer allerlei zu fragen, was die Schneider, die Schuster, die Bäcker, kurz was die Leute in der Welt zu thun haben? Und die Mutter erklärte dann: Die Schneider machen Kleider, die Schuster machen Schuhe, die Bäcker backen Brot — Und als ich nun frug: Was thun denn die Könige? da gab die Mutter zur Antwort: Die regieren. Weißt du wohl, liebe Mutter, sagte ich, wenn ich König wäre, so würde ich mal einen ganzen Tag gar nicht regieren, bloß um zu sehen, wie es dann in der Welt aussieht, LiebeS Kind, antwortete die Mutter, das thun auch manche Könige, und es sieht auch dann danach aus. Wahrhaftig, Mylady, Ihre Mutter hatte recht. Besonders hier in Italien giebt es solche Könige, und man merkt es wohl in Pie- mout und Neapel — Aber, lieber Doktor, es ist so einem italienischen König nicht zu verargen, wenn er manchen Tag gar nicht regiert, wegen der allzu großen Hitze, Es ist nur zu befürchten, daß die Carbouari so einen Tag benutzen möchten; denn in der neuesten Zeit ist es mir besonders aufgefallen, daß die Revolutionen immer au solchen Tagen ausgebrochen sind, Ivo nicht regiert wurde. Irrten sich einmal die Carbvnari, und glaubten sie, es wäre so ein unregiertcr Tag, und gegen alle Erwartung wurde dennoch regiert, so verloren sie die Köpfe, Die Carbvnari können daher nie vorsichtig genug sein, und müssen sich genau die rechte Zeit merken. Dagegen aber ist es die höchste Politik der Könige, daß sie es ganz geheim halten, an welchen Tagen sie nicht regieren, daß sie sich an solchen Tagen wenigstens einigemal auf den Regierstuhl setzen und etwa Federn schneiden oder Briefconverts versiegeln oder weiße Blätter liniicren, alles zum Schein, damit das Volk draußen, das neugierig in die Fenster des Palais hineingnckt, ganz sicher glaube, es werde regiert. Während solche Bemerkungen ans Myladys feinem Mündchcn 10* 143 Neifebilder ll. -TA"- - hervorgaukeltcu, schwamm eine lächelnde Zufriedenheit um die vollen Rosenlippen Frauceskas. Sie sprach wenig. Ihr Gang war jedoch nicht mehr so seufzend entsagungsselig wie am verflossenen Abend, sie trat vielmehr siegreich einher, jeder Schritt ein Trompetenton; es war indessen mehr ein geistlicher Sieg als ein weltlicher, der sich in ihren Bewegungen kund gab, sie war fast daS Bild einer triumphierenden Kirche, und um ihr Haupt schwebte eine unsichtbare Glorie. Die Augen aber, wie aus Thronen hervorlachend, waren wieder ganz wcltkindlich, und in dem bunten Menschenstrom, der uns vorbeiflutete, ist auch kein einziges Kleidungsstück ihrem Forscherblick entgangen. Ecco! war dann ihr Ausruf, welcher Shawl! der Mar- chese soll mir ebensolchen Kaschmir zu einem Turban kaufen, wenn ich die Roxelane tanze. Ach! er hat mir auch ein Kreuz mit Diamanten versprochen! Armer Gumpelino! zu dem Turbane wirst du dich leicht verstehen, jedoch das Kreuz wird dir noch manche saure Stunde machen; aber Signora wird dich so lange quälen und auf die Folter spannen, bis du dich endlich dazu bequemst. Kapitel XI. Die Kirche, worin das wunderthätige Kreuz von Lucca zu sehen ist, gehört zu einem Kloster, dessen Namen mir diesen Augenblick nicht im Gedächtnisse. Bei unserem Eintritt in die Kirche lagen vor dem Hauptaltare ein Dutzend Mönche auf den Knieen, in schweigendem Gebet. Nur dann und wann, wie im Chor, sprachen sie einige abgebrochene Worte, die in den einsamen Säuleugängen etwas schauerluh wiederhallten. Die Kirche war dunkel, nur durch kleine gemalte Fenster fiel ein buntes Licht auf die kahlen Häupter und braunen Kutten. Glanzlose Kupferlampen beleuchteten spärlich die geschwärzten FreSkos und Altarbilder, aus den Wänden traten hölzerne Heiligenköpfc, grell bemalt und bei dem zweifelhaften Lichte wie lebendig grinsend. — Mylady schrie laut auf, und zeigte zu unseren Füßen einen Grabstein, worauf in Relief das starre Bild eines Bischofs mit Mitra und Hirtcnstab, gefallenen Händen und abgetretener Nase. Ach! flüsterte sie, ich selbst trat ihm unsanft auf die steinerne Nase, und nun wird er mir diese Nacht im Traume erscheinen und da giebt's eine Nase. Der Sakristnn, ein bleicher, junger Mönch, zeigte uns das wunderthätige Kreuz, und erzählte dabei die Mirakel, die es verrichtet. Launisch, wie ich bin, habe ich vielleicht kein ungläubiges Gesicht dazu gemacht; ich habe dann und wann Anfälle von Wunderglauben, besonders Ivo, wie hier, Ort und Stunde denselben begünstigt. Ich glaube dann, daß alles in der Welt ein Wunder sei, und die ganze Die Stadt Linea. 149 Weltgeschichte eine Legende. War ich angesteckt von dem Wunderglauben FranceSkas, die das Kreuz mit wilder Begeisterung küßte? Verdrießlich wurde mir die ebenso wilde Spottlust der witzigen Britin. Bielleicht verletzte mich solche um so mehr, da ich mich selbst nicht davon frei fühlte, und sie keineswegs als etwas Lobenswertes erachtete. Es ist nun mal nicht zu leugnen, daß die Spottlust, die Freude am Widerspruch der Dinge, etwas Bösartiges in sich trägt, statt daß der Ernst mehr mit den besseren Gefühlen verwandt ist l— die Tugend, der Freiheitssinn und die Liebe selbst sind sehr ernsthaft. Indessen, es giebt Herzen, worin Scherz und Ernst, Böses und Heiliges, Glut und Kälte sich so abenteuerlich verbinden, daß es schwer wird, darüber zu urteilen. Ein solches Herz schwamm in der Brust Mathildcns; manchmal war es eine frierende Eisinsel, aus deren glattem Spiegelboden die sehnsüchtig glühendsten Palmenwälder hervorblühten, manchmal war es wieder ein enthusiastisch flammender Vulkan, der plötzlich von einer lachenden Schneclawine überschüttet wird. Sie war durchaus nicht schlecht bei all ihrer Ausgelassenheit, nicht einmal sinnlich; sa, ich glaube, von der Sinnlichkeit hatte sie nur die witzige Seite aufgefaßt, und ergötzte sich daran wie an einem närrischen Puppenspiele. Es war ein humoristisches Gelüste, eine süße Neugier, wie sich der oder jener bunte Kauz in verliebten Zuständen gebärden würde. Wie ganz anders war Franceska! In ihren Gedanken und Gefühlen war eine katholische Einheit. Am Tage war sie ein schmachtend blasser Mond, des Nachts war sie eine glühende Sonne — Mond meiner Tage! Sonne meiner Nächte! Ich werde dich niemals wiedersehen. Sie haben recht, sagte Myladh, ich glaube auch an die Wnndcr- thätigkeit eines KreuzeS. Ich bin überzeugt, wenn der Marchese an den Brillanten des versprochenen Kreuzes nicht zu sehr knickert, so bewirkt er gewiß bei Signora ein brillantes Wunder; sie wird am Ende noch so sehr davon geblendet werden, daß sie sich in seine Nase verliebt. Auch habe ich oft gehört von der Wunderthätigkeit einiger Ordenskrenze, die einen ehrlichen Mann zum Schufte machen konnten. So spöttelte die hübsche Frau über alles, sie kokettierte mit dem armen Sakristan, machte dem Bischof mit der abgetretenen Nase noch drollige Excusen, wobei sie sich seinen etwaigen Gegenbesuch höflichst verbat, und als wir an den Weihkcssel gelangten, wollte sie mich durchaus wieder in einen Esel verwandeln. War es nun wirkliche Stimmung, die der Ort einflößte, oder wollte ich diesen Spaß, der mich im Grunde verdroß, so scharf als möglich ablehnen, genug, ich warf mich in das gehörige Pathos und sprach: Mylady, ich liebe keine Religionsverächterinnen. Schöne Frauen, die keine Religion haben, sind ivie Blumen ohne Duft; sie gleichen jenen kalten, nüchternen Tulpen, die uns aus ihren chinesischen 150 Reisebildcr II, Porzcllantöpfen so porzellanhaft ansehen, und wenn sie sprechen könnten, uns gewiß auseinandersetzen würden, wie sie ganz natürlich aus einer Zwiebel entstanden sind, wie es hinreichend sei, wenn man hienieden nur nicht übel riecht, und wie übrigens, was den Duft betrifft, eine vernünftige Blume gar keines Duftes bedarf. Schon bei dein Worte Tulpe geriet Mylady in die heftigsten Bewegungen, und während ich sprach, wirkte ihre Idiosynkrasie gegen diese Blume so stark, daß sie sich verzweiflungsvoll die Ohren zuhielt. Zur Hälfte war es wohl Komödie, zur Hälfte aber auch wohl pikierter Ernst, daß sie mich mit bitterem Blicke ansah und auS Herzensgrund spvttscharf mich frug: Und Sie, teure Blume, welche von den vorhandenen Religionen haben Sie? Ich, Mylady, ich habe sie alle, der Duft meiner Seele steigt in den Himmel und betäubt selbst die ewigen Götter. Kapitel xii. Indem Signora unser Gespräch, das wir größtenteils auf englisch führten, nicht verstehen konnte, geriet sie, Gott weiß wie! auf den Gedanken, wir stritten über die Nvrzüglichkeit unserer rcspektivcn Landsleute, Sie lobte nun die Engländer ebenso wie die Deutschen, obgleich sie im Herzen die erstereu für nicht klug und die letzteren für dumm hielt. Sehr schlecht dachte sie von den Preußen, deren Land nach ihrer Geographie noch weit über England und Deutschland hinausliegt, besonders schlecht dachte sie vom Könige von Preußen, dem großen Federigo, den ihre Feindin, Signora Scrafina, in ihrem Bencfizballctt voriges Jahr getanzt hatte; wie denn, sonderbar genug, dieser König, nämlich Friedrich der Große, auf den italienischen Theatern und im Gedächtnisse des italienischen Volks noch immer lebt. Nein, sagte Mylady, ohne auf Signoras süßes Gekvse hinzuhör en, nein, diesen Menschen braucht man nicht erst in einen Esel zu verwandeln; nicht nur, daß er jede zehn Schritte seine Gesinnung wechselt, und sich beständig widerspricht, wird er jetzt sogar ein Bekehrer, und ich glaube gar, er ist ein verkappter Jesuit, Ich muß, meiner Sicherheit wegen, jetzt devote Gesichter schneiden, sonst giebt er mich an bei seinen Mithenchlern in Christo, bei den heiligen Jnqnisi- tionsdilettanten, die mich in stü^is verbrennen, da ihnen die Polizei noch nicht erlaubt, die Personen selbst ins Feuer zu werfen. Ach, ehrwürdiger Herr! glauben Sie nur nicht, daß ich so klug sei, wie ich aussehe, es fehlt mir durchaus nicht an Religion, ich bin keine Tulpe, beileibe keine Tulpe, nur um des Himmels willen keine Tulpe, ich will lieber alles glauben! Ich glaube jetzt schon das Hauptsächlichste, was in der Bibel steht, ich glaube, daß Abraham den Isaak, und Isaak den Jakob, und Jakob wieder den Inda gezeugt hat, sowie auch, daß dieser wieder seine Schnur Thamar auf der Landstraße Die Stadt Lucca. 151 erkannt hat. Ich glaube auch, daß Loth mit seinen Töchtern zu viel getrunken. Ich glanbe, daß die Frau des Potiphar den Rock des frommen Joseph in Händen behalten. Ich glaube, daß die beiden Alten, die Susannen im Bade überraschten, sehr alt gewesen sind. Außerdem glaub' ich noch, daß der Erzvater Jakob erst seinen Bruder und dann seinen Schwiegervater betrogen, daß König David dein llria eine gute Anstellung bei der Armee gegeben, daß Salomo sich tausend Weiber angeschafft und nachher gejammert, es sei alles eitel. Auch an die zehn Gebote glaube ich, und halte sogar die meisten; ich laß mich nicht gelüsten meines Nächsten Ochsen, noch seiner Magd, noch seiner Kuh, noch seines Esels. Ich arbeite nicht am Sabbath, dem siebenten Tage, wo Gott geruht; ja, aus Vorsicht, da mau nicht mehr genau weiß, welcher dieser siebente Ruhetag war, thue ich oft die ganze Woche nichts. Was aber gar die Gebote Christi betrifft, so übte ich immer das wichtigste, nämlich, daß man sogar seine Feinde lieben soll — denn ach! diejenigen Menschen, die ich am meisten geliebt habe, waren immer, ohne daß ich es wußte, meine schlimmsten Feinde. Um Gottes willen, Mathilde, weinen Sie nicht! rief ich, als wieder ein Ton der schmerzhaftesten Bitterkeit aus der heitersten Neckerei, wie eine Schlange aus einem Blumenbeete, hervorschoß. Ich kannte ja diesen Ton, wobei das witzige Krystallherz der wunderbaren Frau zwar immer gewaltig, aber nicht lange erzitterte, und ich wußte, daß er ebenso leicht, wie er entsteht, auch wieder verscheucht wird durch die erste, beste lachende Bemerkung, die mau ihr mitteilte, oder die ihr selbst durch den Sinn flog. Während sie, gelehnt an das Portal des Klosterhofes, die glühende Wange an die kalten Steine preßte, und sich mit ihren laugen Haaren die Thränenspur aus den Augen wischte, suchte ich ihre gute Laune wieder zu erwecken, indem ich in ihrer eigenen Spvttweisc die arme Franceska zu mystifizieren suchte, und ihr die wichtigsten Nachrichten mitteilte über den siebenjährigen Krieg, der sie so sehr zu interessieren schien, und den sie noch immer unbcendigt glaubte. Ich erzählte ihr viel Interessantes von dem großen Federigo, dem witzigen Kamaschengott von Sanssouci, der die preußische Monarchie erfunden, und in seiner Jugend recht hübsch die Flöte blies, und auch französische Verse gemacht hat. Franceska frug mich, ob die Preußen oder die Deutschen siegen werden? Denn, wie schon oben bemerkt, sie hielt erstere für ein ganz anderes Volk, und es ist auch gewöhnlich, daß in Italien, unter dem Namen Deutsche nur die Österreicher verstanden werden, Siguora wunderte sich nicht wenig, daß ich selbst lange Zeit in der Lapitalo clsklu 1?russia gelebt habe, nämlich in lZsrlino, einer Stadt, die ganz oben in der Geographie liegt, unfern vom EiSpol. Sie schauderte, als ich ihr die Gefahren schilderte, denen man dort zuweilen aus- 152 Neisebilder H, gesetzt ist, wenn einem die Eisbären auf der Straße begegnen. Denn, liebe Franceska, erklärte ich ihr, in Spitzbergen liegen gar zn viele Bären in Garnison, und diese konimen zuweilen auf einen Tag nach Berlin, um etwa aus Patriotismus den Bär und den Bassa zu sehen, oder einmal bei Beyermann im Cafe Royal gut zu essen und Champagner zu trinken, was ihnen oft mehr Geld kostet, als sie mitgebracht; in welchem Falle einer von den Bären solange dort angebunden wird, bis seine Kameraden zurückkehren und bezahlen, woher auch der Ausdruck „einen Büren anbinden" entstanden ist. Viele Bären wohnen in der Stadt selbst, ja man sagt, Berlin verdanke seine Entstehung den Bären, und hieße eigentlich Bärlin. Die Stadtbären sind aber übrigens sehr zahm und einige darunter so gebildet, daß sie die schönsten Tragödien schreiben und die herrlichste Musik komponieren. Die Wölfe sind dort ebenfalls häufig, und da sie der Kälte wegen Warschauer Schafpelze tragen, sind sie nicht so leicht zn erkennen. Schnecgänse flattern dort umher und singen Bravourarien, und Remitiere rennen da herum als Kunstkenner. Übrigens leben die Berliner sehr mäßig und steißig, und die meisten sitzen bis am Nabel im Schnee und schreiben Dvgmatikcn, Erbauungsbücher, Religionsgeschichten für Töchter gebildeter Stände, Katechismen, Predigten für alle Tage im Jahr, Elvhagedichtc, und sind dabei sehr moralisch, denn sie sitzen bis am Nabel im Schnee. Sind die Berliner denn Christen? rief Signora voller Verwunderung. Es hat eine eigene Bewandtnis mit ihrem Christentum. Dieses fehlt ihnen im Grunde ganz und gar, und sie sind auch viel zu vernünftig, tun es ernstlich auszuüben. Aber da sie wissen, daß daS Christentum im Staate nötig ist, damit die Untcrthancn hübsch demütig gehorchen, und auch außerdem nicht viel gestohlen und gemordet wird, so suchen sie mit großer Beredsamkeit wenigstens ihre Nebenmcnschcu zum Christentume zn bekehren, sie suchen gleichsam Remplayants in einer Religion, deren Aufrechthaltnng sie wünschen, und deren strenge Ausübung ihnen selbst zu mühsam wird. In dieser Verlegenheit benutzen sie den Diensteifer der armen Juden, diese müssen jetzt für sie Christen werden, und da dieses Volk für Geld und gute Worte alles aus sich machen läßt, so haben sich die Inden schon so ins Christentum hineinexerziert, daß sie ordentlich schon über Unglauben schreien, auf Tod und Leben die Dreieinigkeit verfechten, in den Hundstagen sogar daran glauben, gegen die Rationalisten wüten, als Missionäre und Glaubensspione im Lande herumschlcichen und erbauliche Traktätchen verbreiten, in den Kirchen am besten die Augen verdrehen, die scheinheiligsten Gesichter schneiden, und mit so viel hohem Beifalle frömmeln, daß sich schon hier und da der Gewerbsneid regt, und die älteren Meister des Hand- Die Stadt Lucca. 153 Werks schon heimlich klagen, das Christentum sei jetzt ganz in den Händen der Juden. Kapitel xm. Wenn mich Signora nicht verstand, so wirst du, lieber Leser, mich gewiß besser verstehen. Auch Mylady verstand mich, und dies Verständnis weckte wieder ihre gute Laune. Doch als ich — ich weiß nicht mehr, ob mit ernsthaftem Gesichte — der Meinung beipflichten wollte, daß das Volk einer bestimmten Religion bedürfe, konnte sie wieder nicht umhin, mir in ihrer Weise entgegen zu streiten. Das Volk muß eine Religion haben! rief sie. Eifrig höre ich diesen Satz predigen von tausend dummen und abertausend scheinheiligen Lippen — Und dennoch ist es wahr, Mylady. Wie die Mutter nicht alle Fragen des Kindes mit der Wahrheit beantworten kann, weil seine Fassungskraft es nicht erlaubt, so muß auch eine positive Religion, eine Kirche vorhanden sein, die alle übersinnlichen Fragen des Volks, seiner Fassungskraft gemäß, recht sinnlich bestimmt beantworten kann. O weh! Doktor, eben Ihr Gleichnis bringt mir eine Geschichte ins Gedächtnis, die am Ende nicht günstig für Ihre Meinung sprechen würde. Als ich noch klein war, in Dublin — Und auf dem Rinken lag — Aber, Doktor, man kann doch mit Ihnen kein vernünftig Wort sprechen. Lächeln Sie nicht so unverschämt, und hören Sie! Als ich noch klein war, in Dublin, und zu Mutters Füßen saß, frng ich sie einst, was man mit den alten Vollmonden anfange? Liebes Kind, sagte die Mutter, die alten Vollmonde schlägt der liebe Gott mit dem Zuckerhammer in Stücke, und macht daraus die kleinen Sterne. B-an kann der Mutter diese offenbar falsche Erklärung nicht verdenken, denn mit den besten astronomischen Kenntnissen hätte sie doch nicht vermocht, mir das ganze Sonne-, Mond- und Sternesystem auseinander zu setzen, und die übersinnlichen Fragen beantwortete sie sinnlich bestimmt. Es wäre aber doch besser gewesen, sie hätte die Erklärung für ein reiferes Alter verschoben, oder wenigstens keine Lüge ausgedacht. Denn als ich mit der kleinen Lucie zusammen kam und der Vollmond am Himmel stand, und ich ihr erklärte, wie man bald kleine Sterne draus machen werde, lachte sie mich aus, und sagte, daß ihre Großmutter, die alte O'Meara ihr erzählt habe, die Vollmonde würden in der Hölle als Fenermclonen verzehrt, und da man dort keinen Zucker habe, müsse man Pfeffer und Salz drauf streuen. Hatte Lucie vorher über meine Meinung, die etwas naiv evangelisch war, mich ausgelacht, so lachte ich noch mehr über ihre düster katholische Ansicht, vom Auslachen kam es zum ernsten Streit, 154 Reisebilder Il> wir pufften nnS, wir kratzten uns blutig, wir bespuckten uns polemisch, bis der kleine O'Donnell ans der Schule kam und uns auseinander riß. Dieser Knabe hatte dort besseren Unterricht in der Himmels- kunde genossen, verstand sich auf Mathematik, und belehrte uns ruhig über unsere beiderseitigen Irrtümer und die Thorheit unseres Streits. Und was geschah? Wir beiden Mädchen unterdrückten vorderhand unseren Meinungsstreit, und vereinigten uns gleich, um den kleinen ruhigen Mathcmatikus durchzuprügeln. Mylady, ich bin verdrießlich, denn Sic haben recht. Aber es i st nicht zu ändern, die Menschen werden immer streiten über die Vorzüglichkeit derjenigen Religionsbegriffe, die man ihnen früh beigebracht, und der Vernünftige wird immer doppelt zu leiden haben. Einst war es freilich anders, da ließ sich keiner einfallen, die Lehre und die Feier seiner Religion besonders anzupreisen, oder gar sie jemandem aufzudringen. Die Religion war eine liebe Tradition, heilige Geschichten, Erinncrnngsfeier und Mysterien, überliefert von den Vorfahren, gleichsam Familiensakra des Volks, und einem Griechen wäre es ein Greuel gewesen, wenn ein Fremder, der nicht von seinem Gcschlechte, eine Religionsgenossenschaft mit ihm verlangt hätte; noch mehr würde er es für eine Unmenschlichkeit gehalten haben, irgend jemand durch Zwang oder List dahin zu bringen, seine angeborene Religion aufzugeben und eine fremde dafür anzunehmen. Da kam aber ein Volk ans Ägypten, dem Vaterland der Krokodile und des Priestertums, und außer den Hautkrankheiten und den gestohlenen Gold- und Silbergeschirren brachte es auch eine sogenannte positive Religion mit, eine sogenannte Kirche, ein Gerüste von Dogmen, an die man glauben, und heiligen Ceremonien, die man feiern mußte, ein Vorbild der späteren Staatsreligionen. Nun entstand die „Menschenmäkelei", das Prosclytenmachen, der Glanbcnszwang, und all jene heiligen Greuel, die dem Menschengeschlcchte so viel Blut und Thränen gekostet. bloclclain! dieses Urübelvvlk! O, Mathilde, es ist langst verdammt, und schleppt seine Ver- dnmmnisqualen durch die Jahrtausende. O, dieses Ägypten! seine Fabrikate trotzen der Zeit, seine Pyramiden stehen noch immer unerschütterlich, seine Mumien sind noch so unzerstörbar wie sonst, und ebenso unverwüstlich ist jene Volksmumie, die über die Erde wandelt, eingewickelt in ihren uralten Buchstabenwindeln, ein verhärtet Stück Weltgeschichte, ein Gespenst, das zu seinem Unterhalte mit Wechseln und alten Hosen handelt — Sehen Sie, Mylady, dort jenen alten Mann mit dem weißen Barte, dessen Spitze sich wieder zu schwärzen scheint, und mit den geisterhaften Augen — Sind dort nicht die Ruinen der alten Nömergräber? Ja, eben da sitzt der alle Mann, und vielleicht, Mathilde, ver- Die Stadt Lucca, 155 richtet er eben sein Gebet, ein schauriges Gebet, warin er seine Leiden bejammert, und Välkcr anklagt, die längst von der Erde verschwunden sind und nur noch in Ammenmärchen leben — er aber, in seinem Schmerze, bemerkt kann«, daß er ans den Gräbern derjenigen Feinde sitzt, deren Untergang er vom Himmel erfleht. Knpitcl XIV. Ich sprach im vorigen Kapitel von den positiven Religionen nur, insofern sie als Kirchen, unter dem Namen Staatsreligionen, noch besonders vom Staate privilegiert werden. Es gicbt aber eine fromme Dialektik, lieber Leser, die dir aufs bündigste beweisen wird, daß ein Gegner des Kirchtums einer solchen Staatsreligion auch ein Feind der Religion und des Staats sei, ein Feind Gottes und des Königs oder, wie die gewöhnliche Formel lautet, ein Feind des Throns und des Altars. Ich aber sage dir, das ist eine Lüge, ich ehre die innere Heiligkeit jeder Religion nnd unterwerfe mich den Interessen des Staates. Wenn ich auch dem Anthropomvrphismus nicht sonderlich huldige, so glaube ich doch an die Herrlichkeit GotteS, nnd wenn auch die Könige so thöricht sind, dem Geiste des Volks zu widerstreben, oder gar so unedel sind, die Organe desselben durch Zurücksetzungen nnd Verfolgungen zu kränken: so bleibe ich doch meiner tiefsten Überzeugung nach ein Anhänger des Königtums, des monarchischen Prinzips. Ich hasse nicht den Thron, sondern nur das windige Adclgezicfcr, das sich in die Ritzen der alten Throne eingenistet, nnd dessen Charakter uns Montesquieu so genau schildert mit den Worten: „Ehrgeiz im Bunde mit dem Müßiggange, die Gemeinheit im Bunde mit dem Hochmnte, die Begierde, sich zu bereichern ohne Arbeit, die Abneigung gegen die Wahrheit, die Schmeichelei, der Verrat, die Treulosigkeit, der Wortbruch, die Verachtung der Bürgerpflichten, die Furcht vor Fürstentngend nnd das Interesse an Fürstenlaster!" Ich hasse nicht den Altar, sondern ich hasse die Schlangen, die unter dem Gerülle der alten Altäre lauern; die arg- klugen Schlangen, die unschuldig wie Blumen zu lächeln wissen, während sie heimlich ihr Gift spritzen in den Kelch des Lebens, und Verleumdung zischen in das Ohr des frommen Beters, die gleißenden Würmer mit weichen Worten — Nsl in ora, vsrba, laatüs. lkol in oorcls, kraus in küotüs. Eben weil ich ein Freund des Staats und der Religion bin, hasse ich jene Mißgeburt, die man Staatsreligion nennt, jenes Spottgeschöpf, das aus der Buhlschaft der weltlichen und der geistlichen Macht entstanden, jenes Maultier, das der Schimmel des Antichrists mit der Eselin Christi gezeugt hat. Gäbe es keine solche Staats- 156 Reisebilder II. religivn, keine Bevorrechtung eines Dogmas und eines Kultus, so wäre Deutschland einig und stark und seine Söhne wären herrlich und frei. So aber ist unser armes Baterland zerrissen durch Glaubenszwiespalt, das Volk ist getrennt in feindliche Neligionspar- teien, protestantische Unterthanen hadern mit ihren katholischen Fürsten oder umgekehrt, überall Mißtrauen ob Kryptokatholizismus oder Kryptoprotestantismus, überall Verketzerung, GesinnungSspionage, Pietismus, Mystizismus, Kirchenzeitungsschnüffeleien, Sektenhaß, Bekehrungssucht, und während wir über den Himmel streiten, gehen wir auf Erden zu Grunde. Ein Jndifferentismus in religiösen Dingen wäre vielleicht allein imstande, uns zu retten, und durch Schwächerwerden im Glauben könnte Deutschland politisch erstarken. Für die Religion selber, für ihr heiliges Wesen, ist es ebenso verderblich, wenn sie mit Privilegien bekleidet ist, wenn ihre Diener vom Staate vorzugsweise dotiert werden und zur Erhaltung dieser Dotationen ihrerseits verpflichtet sind, den Staat zu vertreten, und solchermaßen eine Hand die andere wäscht, die geistliche die weltliche, und umgekehrt, und ein Wischwasch entsteht, der dem lieben Gott eine Thorheit und den Menschen ein Greuel ist. Hat nun der Staat Gegner, so werden diese auch Feinde der Religion, die der Staat bevorrechtet und die deshalb seine Alliierte ist; und selbst der harmlose Gläubige wird mißtrauisch, wenn er in der Religion auch politische Absicht wittert. Am widerwärtigsten aber ist der Hochmut der Priester, wenn sie für die Dienste, die sie dem Staate zu leisten glauben, auch auf dessen Unterstützung rechnen dürfen, wenn sie für die geistige Fessel, die sie ihm, um die Völker zu binden, geliehen haben, auch über seine Bajonette verfügen können. Die Religivn kann nie schlimmer sinken, als wenn sie solchermaßen zur Staatsreligion erhoben wird, eS geht dann gleichsam ihre innere Unschuld verloren, und sie wird so öffentlich stolz, wie eine deklarierte Maitresse. Freilich werden ihr dann mehr Huldigungen und Ehrfurchtsversiche- ruugen dargebracht, sie feiert täglich neue Siege in glänzenden Prozessionen, bei solchen Triumphen tragen sogar bonapartistische Generale ihr die Kerzen vor, die stolzesten Geister schwören zu ihrer Fahne, täglich werden Ungläubige bekehrt und getauft — aber dies viele Wasscraufgießcn macht die Suppe nicht fetter, und die neuen Rekruten der Stantsrcligion gleichen den Soldaten, die Falstaff geworben — sie füllen die Kirche. Von Aufopferung ist gar nicht mehr die Rede, wie Kaufmaunsdiener mit ihren Musterkarten, so reisen die Missionäre mit ihren Traktätchen und Bekehrungsbüchlein, es ist keine Gefahr mehr bei diesem Geschäfte, und es bewegt sich ganz in merkantilisch ökonomischen Formen. Nur solange die Religionen mit andern zu rivalisieren haben, und weit mehr verfolgt werden als selbst verfolgen, sind sie herrlich Die Stadt Lucca, 157 und ehrenwert, nur da giebt's Begeisterung, Aufopferung, Märtyrer und Patinen. Wie schön, wie heilig lieblich, wie heimlich süß war das Christentum der ersten Jahrhunderte, als es selbst noch seinem göttlichen Stifter glich im Heldentum des Leidens. Da war's noch die schöne Legende twn einem heimlichen Gotte, der in sanfter Jünglingsgestalt unter den Palmen Palästinas wandelte und Menschenliebe predigte, und jene Freiheits- und Gleichheitslehre offenbarte, die auch später die Vernunft der größten Denker als wahr erkannt hat, und die, als französisches Evangelium, unsere Zeit begeistert. Mit jener Religion Christi vergleiche man die verschiedenen Christentümer, die in den verschiedenen Ländern als Staatsrcligionen konstituiert worden, z. B. die römisch-apostvlisch-katholische Kirche, oder gar jenen Katholizismus ohne Poesie, den wir als kÜAlr Lburob ok LnAlünci herrschen sehen, jenes kläglich morsche Glaubensskelett, wvrin alles blühende Leben erloschen ist! Wie den Gewerben, ist auch den Religionen das Monopolsystem schädlich, durch freie Konkurrenz bleiben sie kräftig, und sie werden erst dann zu ihrer ursprünglichen Herrlichkeit wieder erblühen, sobald die politische Gleichheit der Gottesdienste, sozusagen die Gewcrbefreiheit der Götter eingeführt wird. Die edelsten Menschen in Europa haben es längst ausgesprochen, daß dieses das einzige Mittel ist, die Religion vor gänzlichem Untergang zu bewahren; doch die Diener derselben werden eher den Altar selbst aufopfern, als daß sie von dem, was darauf geopfert wird, das Mindeste verlieren möchten; ebenso wie der Adel eher den Thron selbst und Hochdenjenigen, der Hochdarauf sitzt, dem sichersten Verderben überlassen würde, als daß er mit ernstlichem Willen die ungerechteste seiner Gerechtsame aufgäbe. Ist doch das affektierte Interesse für Thron und Altar nur ein Pvssenspiel, das dem Volke vorgegaukelt wird! Wer das Zunftgeheimnis belauert hat, weiß, daß die Pfaffen viel weniger als die Laien den Gott respektieren, den sie zu ihrem eigenen Nutzen nach Willkür aus Brot und Wort zu kneten wissen, und daß die Adligen viel weniger, als eS ein Roturier vermöchte, den König respektieren, und sogar eben das Königtum, dem sie öffentlich so viele Ehrfurcht zeigen und dem sie so viel Ehrfurcht bei andern zu erwerben suchen, in ihrem Herzen verhöhnen und verachten: — wahrlich, sie gleichen jenen Leuten, die dem gaffenden Publikum iu den Marktbuden irgend einen Herkules oder Riesen oder Zwerg oder Wilden oder Feuerfresser oder sonstig merkwürdigen Mann für Geld zeigen, und dessen Stärke, Erhabenheit, Kühnheit, Unvcrlctzlichkcit, oder wenn er ein Zwerg ist, dessen Weisheit mit der übertriebensten Ruhmredigkeit auspreisen, und dabei in die Trompete stoßen, und eine bunte Jacke tragen, während sie darunter, im Herzen, die Leichtgläubigkeit des staunenden Volkes verlachen und den armen Hochgepriesenen verspotten, der ihnen auS Gewohn- 158 ReiMlber II. heit dcS täglichen Anblicks sehr uninteressant gelvvrden, nnd dessen Schwächen nnd nur andrcssiertc Künste sie allzu genau kennen. Ob der liebe Gott es noch lange dulden wird, daß die Pfaffen einen leidigen Popanz für ihn ausgeben und damit Geld verdienen, das weiß ich nicht; — wenigstens würde ich mich nicht wundern, wenn ich mal im „Hamb. UnPart. Korrespondenten" läse, daß der alte Jehovah jedermann warne, keinem Menschen, es sei wer es wolle, nicht einmal seinem Sohne, auf seinen Namen Glauben zu schenken. Überzeugt bin ich aber, wir werden's mit der Zeit erleben, daß die Könige sich nicht mehr hergeben wollen zu einer Schaupnppe ihrer adligen Verächter, daß sie die Etiketten brechen, ihren marmornen Buden entspringen, und unwillig von sich werfen den glänzenden Plunder, der dem Volke imponieren sollte, den roten Mantel, der scharfrichterlich abschreckte, den diamantenen Reif, den man ihnen über die Ohren gezogen, um sie den Volksstimmen zu versperren, den goldenen Stock, den man ihnen als Scheinzeichen der Herrschaft in die Hand gegeben — nnd die befreiten Könige werden frei sein wie andere Menschen, und frei unter ihnen Wandelp, nnd frei fühlen nnd frei heiraten, und frei ihre Meinung bekennen, nnd das ist die Emancipation der Könige. Kapitel xv. Was bleibt aber den Aristokraten übrig, wenn sie der gekrönten Mittel ihrer Snbsistenz beraubt werden, wenn die Könige ein Eigentum des Volks sind, nnd ein ehrliches nnd sicheres Regiment führen durch den Willen des Volks, der alleinigen Quelle aller Macht? Was werden die Pfaffen beginnen, wenn die Könige einsehen, daß ein bißchen Salböl keinen menschlichen Kopf gnillotinenfcst machen kann, ebenso wie das Volk täglich mehr nnd mehr einsieht, daß man von Oblaten nicht satt wird? Nun freilich, da bleibt der Aristokratie und der Klerisei nichts übrig als sich zu verbünden, und gegen die neue Weltvrdnung zu kabalieren und zu intrignicren. Vergebliches Bemühen! Eine flammende Riesin, schreitet die Zeit ruhig weiter, unbekümmert um das Gekläffe bissiger Pfäffchcn nnd Junkerlein da unten. Wie heulen sie jedesmal, wenn sie sich die Schnauze verbrannt an einem Fuße jener Riesin, oder wenn diese ihnen mal unversehens aus die Köpfe trat, daß das obskure Gift heransspritste! Ihr Grimm wendet sich dann um so tückischer gegen einzelne Kinder der Zeit, und, ohnmächtig gegen die Masse, suchen sie an Individuen ihr feiges Mütchen zu kühlen. Ach! wir müssen es gestehen, manch armes Kind der Zeit fühlt darum nicht minder die Stiche, die ihm lauernde Pfaffen und Junker im Dunkeln beizubringen wissen, und ach! wenn auch eine Glorie sich zieht um die Wunden des Siegers, so bluten sie dennoch, nnd Die Stadt Lucca. 159 schmerzen dennoch! Es ist ein seltsames Martyrium, das solche Sieger in unseren Tagen erdulden, es ist nicht abgethan mit einem kühnen Bekenntnisse, wie in früheren Zeiten, wo die Blutzeugen ein rasches Schafott fanden oder den jubelnden Holzstvsz, DaS Wesen des Martyriums, alles Irdische aufzuopfern für den himmlischen Spaß, ist noch immer dasselbe; aber es hat viel verloren von seiner inneren GlaubenSfrendigkeit, es wurde mehr ein resignierendes Ausdauern, ein beharrliches Überdulden, ein lebenslängliches Sterben, und da geschieht es sogar, daß in grauen, kalten Stunden anch die heiligsten Märtyrer vom Zweifel beschlichen werdein Es giebt nichts Entsetzlicheres als jene Stunden, wo ein Marcus Brutus zu zweifeln begann an der Wirklichkeit der Tugend, für die er alles geopfert! Und ach! Jener war ein Römer und lebte in der Blütenzeit der Stoa; wir aber sind modern weicheren Stoffes, und dazu sehen wir noch das Gedeihen einer Philosophie, die aller Begeisterung nur eine relative Bedeutung zuspricht, und sie somit in sich selbst vernichtet, oder sie allenfalls zu einer selbstbewußten Donquixvtcrie neutralisiert! Die kühlen und klugen Philosophen! Wie mitleidig lächeln sie herab auf die Selbstquälereien und Wahnsinnigkeitcn eines armen Don Quixote, und in all ihrer Schulweisheit merken sie nicht, daß jene Donquixoterie dennoch das Preisenswerteste des Lebens, ja das Leben selbst ist, und daß diese Donquixoterie die ganze Welt mit allem, was darauf philosophiert, musiziert, ackert nnv gähnt, zu kühnerem Schwünge befliigelt! Denn die große Volksmasse mitsamt den Philosophen, ist, ohne es zu wissen, nichts anderes als ein kolossaler Sancho Pausa, der trotz all seiner nüchternen Prügelschen und hausbackenen Verständigkeit dem wahnsinnigen Ritter in allen seinen gefährlichen Abenteuern folgt, gelockt von der versprochenen Belohnung, an die er glaubt, weil er sie wünscht, mehr aber noch getrieben von der mystischen Gewalt, die der Enthusiasmus immer ausübt auf den großen Haufen — wie wir es in allen politischen und religiösen Revolutionen und vielleicht täglich im kleinsten Ereignisse sehen können. So z, B, du, lieber Leser, bist unwillkürlich der Sancho Pausa des verrückten Poeten, dem du durch die Irrfahrten dieses Buches zwar mit Kopfschütteln folgst, aber dennoch folgst. Knpitel xvi. Seltsam! „Leben und Thaten des scharfsinnigen Junkers Don Quixote von La Mancha, beschrieben von Miguel de Cervantes Saa- vedra" war das erste Buch, das ich gelesen habe, nachdem ich schon in ein verständiges Knabenalter getreten unb des Buchstabenwesens einigermaßen kundig war. Ich erinnere mich noch ganz genau jener kleinen Zeit, wo ich mich eines frühen Morgens vom Hanse wegstahl 160 Reisebilder II. und nach dem Hofgarten eilte, um dort ungestört den Don Quixote zu lesen, ES war ein schöner Maitag, lauschend im stillen Morgenlichte lag der blühende Frühling und ließ sich loben von der Nachtigall, seiner süßen Schmeichlerin, und diese sang ihr Loblied so karessierend weich, so schmelzend enthusiastisch, daß die verschämtesten Knospen aufsprangen, und die lüsternen Gräser und die duftigen Sonnenstrahlen sich hastiger küßten, und Bäume und Blumen schauerten vor eitlem Entzücken. Ich aber setzte mich auf eine alte mosige Steinbank in der sogenannten Seuszerallee unfern des Wasserfalls, und ergötzte mein kleines Herz an den großen Abenteuern des kühnen Ritters, In meiner kindischen Ehrlichkeit nahm ich alles für baren Ernst; so lächerlich auch dem armen Helden von dem Geschicke mitgespielt wurde, so Meinte ich doch, das müsse so sein, das gehöre nun mal zum Heldentum, das Ausgelachtwerden ebensogut wie die Wunden des Leibes, und jenes verdroß mich ebensosehr, wie ich diese in meiner Seele mitfühlte. Ich war ein Kind und kannte nicht die Ironie, die Gott in die Welt hineingeschaffen, und die der große Dichter in seiner gedruckten Klcinwelt nachgeahmt hatte — und ich konnte die bittersten Thrünen vergießen, wenn der edle Ritter für all seinen Edelmut nur Undank und Prügel genoß; und da ich, noch ungeübt im Lesen, jedes Wort laut aussprach, so konnten Vögel und Bäume, Bach und Blumen alles mit anhören, und da solche unschuldige Naturwesen ebenso wie die Kinder von der Weltironie nichts wissen, so hielten sie gleichfalls alles für baren Ernst, und weinten mit mir über die Leiden des armen Ritters, sogar eine alte ausgediente Eiche schluchzte, und der Wasserfall schüttelte heftiger seinen weißen Bart, und schien zu schelten auf die Schlechtigkeit der Welt, Wir fühlten, daß, der Heldensinn des Ritters darum nicht mindere Bewunderung verdient, wenn ihm der Löwe ohne Kampflust den Rücken kehrte, und daß seine Thaten um so preiscnswerter, je schwächer und ausgedorrter sein Leib, je morscher die Rüstung, die ihn schützte, und je armseliger der Klepper, der ihn trug. Wir verachteten den niedrigen Pöbel, der den armen Helden so prügelroh behandelte, noch mehr aber den hohen Pöbel, der, geschmückt mit buntseidenen Mänteln, vornehmen Redensarten und Herzogstiteln, einen Mann verhöhnte, der ihm an Geisteskraft und Edelsinn so weit überlegen war, Dulcineas Ritter stieg immer höher in meiner Achtung und gewann immer mehr meine Liebe, je länger ich in dem wundersamen Buche las, was in demselben Garten täglich geschah, so daß ich schon im Herbste das Ende der Geschichte erreichte, — und nie werde ich den Tag vergessen, wo ich von dem kummervollen Zweikampfe las, worin der Ritter so schmählich unterliegen mußte! Es war ein trüber Tag, häßliche Nebelwolken zogen dem grauen Himmel entlang, die gelben Blätter fielen schmerzlich von den Die Stadt Lncca. 161 Bäumen, schwere Thräncntrvpfen hingen an den letzten Blumen, die gar traurig welk die sterbenden Köpfchen senkten, die Nachtigallen waren längst verschollen, von allen Seiten starrte mich an das Bild der Vergänglichkeit, — und mein Herz wollte schier brechen, als ich las, wie der edle Ritter betäubt und zermalmt am Boden lag und, ohne das Visier zu erheben, als wenn er aus dein Grabe gesprochen hätte, mit schwacher, kranker Stimme zu dem Sieger hinanfsprnch: „Dnlcinea ist das schönste Weib der Welt und ich der unglücklichste Ritter ans Erden, aber es ziemt sich nicht, daß meine Schwäche diese Wahrheit verleugne — stoßt zu mit der Lanze, Ritter!" Ach! dieser leuchtende Ritter vom silbernen Monde, der den mut igsten und edelsten Mann der Welt besiegte, war ein verkappter Barbier! Kapitel XVII. DaS ist nun lange Herr Viele neue Lenze sind unterdessen her- vorgeblüht, doch mangelte ihnen immer ihr mächtigster Reiz, denn ach! ich glaube nicht mehr den süßen Lügen der Nachtigall, der Schmeichlerin des Frühlings, ich weih, wie seine Herrlichkeit verwelkt, und wenn ich die jüngste Rvsenknospe erblicke, sehe ich sie im Geiste schmerzrot aufblühen, erbleichen und Vvn den Winden verweht. Überall sehe ich einen verkappten Winter. In meiner Brust aber blüht noch jene flammende Liebe, die sich sehnsüchtig über die Erde emporhebt, abenteuerlich herumschwärmt in den weiten, gähnenden Räumen des Himmels, dort zurückgestoßen wird von den kalten Sternen, und wieder heimsinkt zur kleinen Erde, und mit Seufzen und Jauchzen gestehen muß, daß es doch in der ganzen Schöpfung nichts Schöneres und Besseres giebt als daS Herz der Menschen. Diese Liebe ist die Begeisterung, die immer göttlicher Art, gleichviel ob sie thörichte oder weise Handlungen verübt. — lind so hat der kleine Knabe keineswegs unnütz seine Thräncn verschwendet, die er über die Leiden des närrischen Ritters vergoß, ebensowenig wie späterhin der Jüngling, als er manche Nacht im Stndierstübchcn weinte über den Tod der heiligsten FreiheitSheldcn, über König Agis Vvn Sparta, über Casus und Tiberius Gracchus Vvn Rom, über JcsuS von Jerusalem, und über RobeSPierre und Saint Inst von Paris. Jetzt, wo ich die Toga viriliS angezogen und selbst ein Mann sein will, hat das Weinen ein Ende, und es gilt zu handeln wie ein Mann, nachahmend die großen Vorgänger und, will's Gott! künftig ebenfalls beweint von Knaben und Jünglingen. Ja, diese sind es, auf die mau noch rechnen kann in unserer kalten Zeit; denn diese werden noch entzündet von dem glühenden Hauche, der ihnen aus den alten Büchern entgegcnweht/nnd deshalb begreifen sie auch die Flammcnherzen der Gegenwart. Die Jugend ist uneigennützig im Denken und Fühlen, und denkt und Hctne'S Werk e. VI. Bd. 11 162 Reisebilder II. fühlt deshalb die Wahrheit am tiefsten, und geizt nicht, wo es gilt eine kühne Teilnahme an Bekenntnis und That, Die alteren Leute sind selbstsüchtig und kleinsinnig; sie denken mehr an die Interessen ihrer Kapitalien als an die Interessen der Menschheit; sie lassen ihr Schifflein rnhig fortschwimmen im Rinnstein des Lebens, und kümmern sich wenig nur den Seemann, der auf hohem Meere gegen die Wellen kämpft; oder sie erkricchen mit klebrichter Beharrlichkeit die Höhe des Bürgermeistertums oder der Präsidentschaft^ihres Klubs, und zucken die Achsel über die Heroenbilder, die der Sturm hinabwarf von der Säule des Ruhms, und dabei erzählen sie vielleicht, daß sie selbst in ihrer Jugend ebenfalls mit dem Kopf gegen die Wand gerannt seien, daß sie sich aber nachher mit der Wand wieder versöhnt hätten, denn die Wand sei das Absolute, Pas Gesetzte, das an und für sich Seiende, das, weil es ist, auch vernünftig ist, weshalb auch derjenige unvernünftig ist, welcher einen allerhöchst vernünftigen, uuwidersprcchbar seienden, festgesetzten Absolutismus nicht ertragen will. Ach! diese Verwerflichen, die uns in eine gelinde Knechtschaft hineinphilosophieren wollen, sind immer noch achtenswerter als jene Verworfenen, die bei der Verteidigung des Despotismus sich nicht einmal ans vernünftige Vcrnnnftgründe einlassen, sondern ihn gcschichtsknndig als ein Gewohnheitsrecht verfechten, woran sich die Menschen im Laufe der Zeit allmählich gewöhnt hätten, und das also rechtsgültig und gesetzkrttftig unumstößlich sei. Ach! ich will nicht wie Ham die Decke aufheben von der Scham des Vaterlandes, aber es ist entsetzlich, wie man es bei uns verstanden hat, die Sklaverei sogar geschwätzig zu machen, nnd wie deutsche Philosophen und Historiker ihr Gehirn abmartern, um jeden Despotismus, und sei er noch so albern und tölpelhaft, als vernünftig oder als rechtsgültig zu verteidigen. Schweigen ist die Ehre der Sklaven, sagt Tacitus; jene Philosophen und Historiker behaupten das Gegenteil, nnd zeigen auf die Ehrenbändchen in ihrem Knopfloch. Vielleicht habt ihr doch recht, und ich bin nur ein Don Quixote, und das Lesen von allerlei wunderbaren Büchern hat mir den Kopf verwirrt, ebenso wie dem Junker von La Mancha, und Jean Jacques Rousseau war mein Amadis von Gallien, Mirabeau war mein Roldan oder Agramanth, und ich habe mich zu sehr hincinstudiert in die Hcldcnthatcn der französischen Paladine und der Tafelrunde des Nationalkonvents. Freilich, mein Wahnsinn und die fixen Ideen, die ich aus jenen Büchern geschöpft, sind Vvn entgegengesetzter Art als der Wahnsinn und die fixen Ideen des Manchaners; dieser wollte die untergehende Ritterzeit wieder herstellen, ich hingegen will alles, was aus jener Zeit noch übrig geblieben ist, jetzt vollends vernichten, und da handeln wir also mit ganz verschiedenen Ansichten. Mein Kollege sah Windmühlen für Riesen an, ich hingegen kann in Die Stadt Lucca, 163 unseren heutigen Riesen nur prahlende Windmühlen sehen; jener sah lederne Weinschlkuche für mächtige Zauberer an, ich aber sehe in unseren jetzigen Zauberern nur den ledernen Weinschlauch; jener hielt Bcttlerherbergcn für Kastelle, Eseltreiber für Kavaliere, Stalldirnen für Hofdamen, ich hingegen halte unsere Kastelle nur für Lumpenherbergen, unsere Kavaliere nur für Eseltreiber, unsere Hafdamen nur für gemeine Stalldirncn; wie jener eine Puppcnkomödie für eine Staatsaktion hielt, sa halte ich unsere Staatsaktionen für leidige Puppenkomödien — doch ebenso tapfer wie der tapfere Man- chaner schlage ich drein in die hölzerne Wirtschaft, Ach! solche Heldenthat bekommt mir oft ebenso schlecht wie ihm, und ich muß, ebenso wie er, viel erdulden für die Ehre meiner Dame, Wollte ich sie verleugnen, aus eitel Furcht oder schnöder Gewinnsucht, so könnte ich behaglich leben in dieser seienden vernünftigen Welt, und ich würde eine schöne Maritorne zum Altare sichren, und mich einsegnen lassen von feisten Zauberern, und mit edlen Eseltreibern bankettieren, und gefahrlose Novellen und sonstige kleine Sklävchen zeugen! Statt dessen, geschmückt mit den drei Farben meiner Dame, muß ich beständig auf der Mensur liegen und mich durch unsägliches Drangsal durchschlagen, und ich erfechte keinen Sieg, der mich nicht auch etwas Herzblut kostet, Tag und Nacht bin ich in den Nöten; denn jene Feinde sind so tückisch, daß manche, die ich zu Tode getroffen, sich noch immer ein Air gaben als ob sie lebten und, in alle Gestalten sich verwandelnd, mir Tag und Nacht verleiden konnten. Wie viel Schmerzen habe ich durch solchen fatalen Spuk schon erdulden müssen! Wo mir etwas Liebes blühte, da schlichen sie hin, die heimtückischen Gespenster, und knickten sogar die unschuldigsten Knospen, Überall, und Ivo ich es am wenigsten vermuten sollte, entdecke ich am Boden ihre silbrichte Schleimspur, und nehme ich mich nicht in acht, so kann ich verderblich ausgleiten, sogar im Hause der nächsten Lieben, Ihr mögt lächeln, und solche Besorgnis für eitel Einbildungen gleich denen des Don Quixote halten. Aber eingebildete Schmerzen thun darum nicht minder weh, und bildet man sich ein, etwas Schierling genossen zu haben, so kann man die Auszehrung bekommen, auf keinen Fall wird man davon fett. Und daß ich fett geworden sei, ist eine Verleumdung, wenigstens habe ich noch keine fette Sinekure erhalten, und ich hätte doch die dazu gehörigen Talente, Auch ist von dem Fett der Vetterschaft nichts an mir zu verspüren. Ich bilde mir ein, man habe alles Mögliche angewendet, um mich mager zu halten; als mich hungerte, da fütterte man mich mit Schlaugen, als mich dürstete, da tränkte man mich mit Wermut, man goß mir die Hölle ins Herz, daß ich Gift weinte und Feuer seufzte, mau kroch'mir nach bis in die Tränme meiner Nächte — nnd da sehe ich sie, die grauenhaften Larven, die noblen Lakaicngesichter mit 11* 164 Reisebilder II. fletschenden Zähnen, die drohenden Bankiernasen, die tödlichen Augen, die ans den Kapuzen hervorstechen, die bleichen Manschettcnhände mit blanken Messern — Auch die alte Frau, die neben mir wohnt, meine Wandnachbarin, hält mich für verrückt, nnd behauptet, ich spräche im Schlafe das wahnsinnigste Zeug, und die vorige Nacht habe sie deutlich gehört, daß ich rief: „Dnlcinea ist das schönste Weib der Welt nnd ich der unglücklichste Ritter auf Erden, aber es ziemt sich nicht, daß meine Schwäche diese Wahrheit verleugne — stoßt zu mit der Lanze, Ritter!" spätere Nachschrift. (November 18S0.Z Ich weiß nicht, welche sonderbare Pietät mich davon abhielt, einige Ausdrücke, die mir bei späterer Durchsicht der vorstehenden Blätter etwas allzuherbe erschienen, im mindesten zu ändern. Das Manuskript war schon so gelb verblichen wie ein Toter, nnd ich hatte Scheu, es zu verstümmeln. Alles verjährt Geschriebene hat solch inwohncndcs Recht der Unvcrletzlichkeit, nnd gar diese Blätter, die gewissermaßen einer dunkeln Vergangenheit angehören. Denn sie sind fast ein Jahr vor der dritten bourbonischen Hedschira geschrieben, zu einer Zeit, die weit herber war als der herbste Ausdruck, zu einer Zeit, wo es den Anschein gewann, als könnte der Sieg der Freiheit noch um ein Jahrhundert verzögert werden. Es war wenigstens bedenklich, wenn man sah, wie unsere Ritter so sichere Gesichter bekamen, wie sie die verblaßten Wappen wieder frischbunt anstreichen ließen, wie sie mit Schild nnd Speer zu München und Potsdam turnierten, wie sie so stolz auf ihren Rossen saßen, als wollten sie nach Quedlinburg reiten, um sich neu auflegen zu lassen bei Gottfried Basse. Noch unerträglicher waren die triumphierend tückischen Äugelein unserer Pfäffelein, die ihre langen Ohren so schlau unter der Kapuze zu verbergen wußten, daß wir die verderblichsten Kniffe erwarteten. Man konnte gar nicht vorher wissen, daß die edlen Ritter ihre Pfeile so kläglich verschießen würden, nnd meistens anonym oder wenigstens im Davonjagen, mit abgewcndetcm Gesichte, wie fliehende Baschkiren. Ebensowenig konnte man vorher wissen, daß die Schlangenlist unserer Pfäffelein so zu Schanden werde — ach! es ist fast Mitleiden erregend, wenn man sieht, wie schlecht sie ihr bestes Gift zu brauchen wissen, da sie uns aus Wut in großen Stücken den Arsenik an den Kopf werfen, statt ihn lotweis und liebevoll in unsere Suppen zu schütten, wenn man sieht, wie sie aus der alten Kinderwllsche die verjährten Windeln ihrer Feinde hervorkramen, um Unrat zu erschnüffeln, wie sie sogar die Spätere Nachschrift. 165 Väter ihrer Feinde aus dein Grabe hervorwühlcn, nin nachzusehen, ab sie etwa beschnitten waren — O der Thvren! die da meinen entdeckt zu haben, der Löwe gehöre eigentlich zum Katzengeschlecht, und die mit dieser naturgeschichtlichcn Entdeckung nach so lange hernm- zischen werden, bis die große Katze das ox nnAno Isonsur an ihrem eigenen Fleische bewahrt! O der obskuren Wichte, die nicht eher erleuchtet werden, bis sie selbst an der Laterne hängen! Mit den Gedärmen eines Esels möchte ich meine Leier besaiten, um sie nach Würden zu besingen, die geschorenen Dummköpfe! Eine gewaltige Lust ergreift mich! Während ich sitze und schreibe, erklingt Musik unter meinem Fenster, und an dem elegischen Grimm der langgezogenen Melodie erkenne ich jene Marseillcr Hymne, womit der schöne Barbaroux und seine Gefährten die Stadt Paris begrüßten, jener Kuhreigen der Freiheit, bei dessen Tönen die Schweizer in den Tuilcricn das Heimweh bekamen, jener triumphierende Todesgesang der Gironde, das alte, süße Wiegenlied — Welch ein Lied! Es durchschauert mich mit Feuer und Freude, und entzündet in mir die glühenden Sterne der Begeisterung und die Raketen des Spottes. Ja, diese sollen nicht fehlen bei dem großen Feuerwerk der Zeit. Klingende Flammcnströme des Gesanges sollen sich ergießen von der Höhe der Freihcitslust, in kühnen Kaskaden, wie sich der Ganges herabstürzt vom Himalaja! lind du, holde Satira, Tochter der gerechten Thenns und des bockfüßigen Pan, leih mir deine Hilfe, du bist ja mütterlicherseits dem Titnncn- geschlechtc entsprossen, und hassest gleich mir die Feinde deiner Sippschaft, die schwächlichen Usurpatoren des Olymp. Leih mir das Schwert deiner Mutter, damit ich sie richte, die verhaßte Braut, und gieb mir die Pickelflöte deines Vaters, damit ich sie zu Tode pfeife — Schon hören sie das tödliche Pfeifen, und es ergreift sie der panische Schrecken, und sie entfliehen wieder in Tiergestalten wie damals, als wir den Pelion stülpten auf den Ossa — al.nx nrorss, cüto^sns! Man that uns armen Titanen sehr unrecht, als man die düstere Wildheit tadelte, womit wir bei jenem HimmelSstnrm herauftobten — ach! da unten im Tartaros, da war es grauenhaft und dunkel, und da hörten wir nur Cerbcrusgehcul und Kettengeklirr, und es ist verzeihlich, wenn wir etwas ungeschlacht erschienen in Vergleichnng mit jenen Göttern eoinino U baut, die fein und gesittet in den heiteren Salons des Olymp so viel lieblichen Nektar und süße Mnscn- konzerte genossen. Ich kann nicht weiter schreiben,denndieMnsjk nntermeincmFenster berauscht mir den Kopf, und immer gewaltiger greift herauf der Refrain', ^.ux nrnnzs, iüto^sus! 166 Neisebilder II. Schlußwort. (Geschrieben den 29. November 1830.) Es war eine niedergedrückte, arretierte Zeit in Deutschland, als ich den zweiten Band der Reiscbilder schrieb und während des Schreibens drucken ließt Ehe er aber erschien, verlautete schau etwas davon im Publikum, es hieß, mein Buch wolle den eingeschüchterten Freiheitsmut wieder aufmuntern, und man treffe schon Maßregeln, es ebenfalls zu unterdrücken. Bei solchem Gerüchte war es ratsam, das Werk um so schneller zu fördern und aus der Presse zu jagen. Da es eine gewisse Bogenzahl enthalten mußte, um den Ansprüchelt einer hochlöblichen Censur zu entgehen, so glich ich in jener Not dem Benvenuto Cellini, als er beim Guß des Pcrseus nicht Erz genug hatte, und zur Füllung der Form alle zinnerne Teller, die ihm zur Hand lagen, in den Schmelzofen warf. Es war gewiß leicht, das Zinn, besonders das zinnerne Ende des Buches, von dem bessereu Erze zu unterscheiden; doch wer das Handwerk verstand, verriet den Meister nicht. Wie aber alles in der Welt wiederkehren kann, so geschieht es auch, daß sich zufälligerweise bei diesem Bande eine ähnliche Bedrängnis ereignet, und ich habe wieder eine Menge Zinn in den Guß werfen müssen, und ich wünsche, daß man meine Zinngießereien nur der Zeitnot zuschreibe. Ach! ist ja das ganze Buch aus der Zeitnot hervorgegangen, ebenso wie die früheren Schriften ähnlicher Richtung; die näheren Freunde des Verfassers, die seiner Privatverhältnisse kundig sind, wissen sehr gut, wie wenig ihn die eigene Selbstsucht zur Tribüne drängt, und wie groß die Opfer sind, die er bringen muß für jedes freie Wort, das er seitdem gesprochen — und, will's Gott! noch sprechen wird. Jetzt ist das Wort eine That, deren Folgen sich nicht abmessen lassen; kann doch keiner genau wissen, ob er nicht gar am Ende als Blutzeuge auftreten muß für das Wort. Seit mehreren Jahren warte ich vergebens auf das Wort jener kühnen Redner, die einst in den Versammlungen der deutschen Burschenschaft so oft ums Wort baten, und mich so oft durch ihre rhetorischen Talente überwunden, und eine so vielversprechende Sprache gesprochen; sie waren sonst so vorlaut, und sind jetzt so uachstill. Wie schmähten sie damals die Franzen und das welsche Babel und den uudeutschen, frivolen Vaterlandsverräter, der das Franzentum lobte. Jenes Lob hat sich bewährt in der großen Woche. Ach, die große Woche von Paris! Der Freiheitsmut, der von dort herüberwehte nach Deutschland, hat freilich hier und da die Nachtlichter umgeworfen, so daß die roten Gardinen an einigen Thronen in Brand gerieten und die goldenen Kronen heiß wurden Schlußwort. 167 murr den ludernden Schlafmützen; >— aber die alten Häscher, denen die Reichspvlizei anvertraut, schleppen schon die Lüscheiiner herbei, und schnüffeln jetzt um so wachsamer und schmieden um so fester die heimlichen Ketten, und ich merke schon, unsichtbar wölbt sich eine noch dichtere Kerkermauer um das deutsche Volk. Armes, gefangenes Volk! verzage nicht in deiner Not! — O daß ich Katapulta sprechen könnte! O daß ich Falarika hervorschießen könnte aus meinem Herzen! Von meinem Herzen schmilzt die vornehme Eisrinde, eine seltsame Wehmut beschleicht mich — ist es Liebe und gar Liebe für das deutsche Volk? Oder ist es Krankheit? — Meine Seele bebt, und es brennt mir im Auge, und das ist ein ungünstiger Zustand für einen Schriftsteller, der den Stoff beherrschen und hübsch objektiv bleiben soll, wie es die Kunstschule verlangt, und wie es auch Goethe gethan — er ist achtzig Jahr' dabei alt geworden und Minister und wohlhabend — armes deutsches Volk! Das ist dein größter Mann! Es fehlen mir noch einige Oktavsciten, und ich will deshalb noch eine Geschichte erzählen — sie schwebt mir schon seit gestern im Sinne — es ist eine Geschichte ans dein Leben Karls V*). Doch ist es schon lange her, seit ich sie vernahm, und ich weiß die besonderen Umstände nicht mehr ganz genau. So was vergißt sich leicht, wenn man kein bestimmtes Gehalt dafür bezieht, daß man die alten Geschichten alle halbe Jahre vom Hefte abliest. Was ist aber auch daran gelegen, wenn man die Ortsnamen und Jahrzahlcn der Geschichten vergessen hat; wenn man nur ihre innere Bedeutung, ihre Moral, im Gedächtnisse behalten. Diese ist es eigentlich, die mir im Sinne klingt und mich wehmütig bis zu Thränen stimmt. Ich fürchte, ich werde krank. Der arme Kaiser war von seinen Feinden gefangen genommen, und saß in schwerer Haft. Ich glaube, cS war in Tirol. Da saß er in einsamer Betrübnis, verlassen von allen seinen Rittern und Höflingen, und keiner kam ihm zu Hilfe. Ich weiß nicht, ob er schon damals jeneS käsebleiche Gesicht hatte, wie es auf den Bildern von Holbein abkonterfeit ist. Aber die menschcnverachtende Unterlippe trat gewiß noch gewaltsamer hervor als auf jenen Bildern. Mußte er doch die Leute verachten, die im Sonnenschein des Glückes ihn so ergeben nmwedelt, und ihn jetzt allein ließen in dunkler Not. Da öffnete sich plötzlich die Kerkerthüre und herein trat ein verhüllter Mann, und wie dieser den Mantel zurückschlug, erkannte der Kaiser seinen treuen Kunz von der Rosen, den Hofnarren. Dieser brachte ihm Trost und Rat, und es war der Hofnarr. O deutsches Vaterland! teures deutsches Volk! ich bin dein ") „aus dem Lebeu des Kaisers Maximilian" heißt es richtig in der französischen Ausgabe. Anmerkung des Herausgebers. 168 Reisebilder II. Kunz von der Rosen. Der Mann, dessen eigentliches Amt die Kurzweil, und der dich nur belustigen sollte in guten Tagen, er dringt in deinen Kerker znr Zeit der Not; hier unter dem Mantel bringe ich dir dein starkes Zepter und die schöne Krone — erkennst du mich nicht, mein Kaiser? Wenn ich dich nicht befreien kann, so will ich dich wenigstens trösten, und du sollst jemanden um dich haben, der mit dir schwatzt über die bedränglichste Drangsal, und dir Mut einspricht, und dich lieb hat, und dessen bester Spaß und bestes Blut zu deinen Diensten steht. Denn du, mein Volk, bist der wahre Kaiser, der wahre Herr der Lande — dein Wille ist souverän und viel legitimer, als jenes purpurne Rsl sst nobrs xlaisir, daS sich auf ein göttliches Recht beruft, ohne alle andere Gewähr als die Salbadereien geschorener Gaukler — dein Wille, mein Volk, ist die alleinig rechtmässige Quelle aller Macht. Wenn du auch in Fesseln darniederliegst, so siegt doch am Ende dein gutes Recht, es uaht der Tag der Befreiung, eine neue Zeit beginnt — mein Kaiser, die Nacht ist vorüber, und draußen glicht das Mvrgenrot. Kunz von der Rosen, mein Narr, du irrst dich, ein blankes Beil hältst du vielleicht für eine Sonne, und das Morgenrot ist nichts als Blut. Nein, mein Kaiser, es ist die Sonne, obgleich sie im Westen hervorsteigt — seit sechstausend Jahren sah man sie immer aufgehen im Osten, da wird es wohl Zeit, daß sie mal eine Veränderung vornehme in ihrem Lauf. Kunz von der Rosen, mein Narr, du hast ja die Schellen verloren von deiner roten Mütze, und sie hat jetzt so ein seltsames Ansehen, die rote Mütze. Ach, mein Kaiser, ich habe ob Eurer Not so wütend ernsthaft den Kopf geschüttelt, daß die närrischen Schellen abfielen von der Mütze; sie ist aber darum nicht schlechter geworden. Kunz von der Rosen, mein Narr, was bricht und kracht da draußen? Seid still! Das ist die Säge und Zimmermannsaxt, und bald brechen zusammen die Pforten Eures Kerkers, und Ihr seid frei, mein Kaiser! Bin ich denn wirklich Kaiser? Ach, es ist ja der Narr, der es mir sagt! O, seufzt nicht, mein lieber Herr, die Kerkerluft macht Euch so verzagt; ivenu Ihr erst wieder Eure Macht errungen, fühlt Ihr auch wieder das kühne Kaiserblut in Euren Adern, und Ihr seid stolz wie ein Kaiser, und übermütig, und gnädig, und ungerecht, und lächelnd, und undankbar, wie Fürsten sind. Kunz von der Rosen, mein Narr, wenn ich wieder frei werde, Was willst du daun ansangen? Der Thee. 163 Ich will mir dann neue Schellen an meine Mütze nähen, lind wie soll ich deine Treue belohnen? Ach! lieber Herr, laßt mich nicht umbringen! Der Thee. Humoreske. (1830.) Der Schauplatz der Geschichte, die ich jetzt erzählen will, sind wieder die Bäder von Lucca. Fürchte dich nicht, deutscher Leser; es ist gar keine Politik darin, sondern bloß Philosophie, oder vielmehr eine philosophische Moral, wie du es gern hast. Es ist wirklich sehr Politisch von dir, wenn du von Politik nichts wissen willst, du erführest doch nur Unangenehmes oder Demütigendes. Meine Freunde waren mit Recht über mich ungehalten, daß ich mich die letzten Jahre fast nur mit Politik beschäftigt und sogar politische Bücher herausgab. „Wir lesen sie zwar nicht," sagten sie, „aber es macht uns schon ängstlich, daß so etwas in Deutschland gedruckt wird, in dem Lande der Philosophie und der Poesie. Willst du nicht mit uns träumen, so wecke uns wenigstens nicht ans dem süßen Schlafe. Laß du die Politik, verschwende nicht daran deine schone Zeit, vernachlässige nicht dein schönes Talent für Licbeslieder, Tragödien, Novellen, und gebe uns darin deine Kunstansichtcn oder irgend eine gute philosophische Moral." Wohlan, ich will mich ruhig wie die andern anfs träumerische Polster hinstrecken und meine Geschichte erzählen. Die philosophische Moral, die darin enthalten sein soll, besteht in dein Satze: daß wir zuweilen lächerlich werden können, ohne im geringsten selbst daran schuld zu sein. Eigentlich sollte ich bei diesem Satze in der ersten Person des Singnlaris sprechen — nun ja, ich will es, lieber Leser, aber ich bitte dich, stimme nicht ein in ein Gelächter, das ich nicht verschuldet. Denn ist es meine Schuld, daß ich einen guten Geschmack habe, und daß guter Thee mir gut schmeckt? Und ich bin ein dankbarer Mensch, und als ich in den Bädern von Lncca war, lobte ich meinen Hauswirt, der mir dort so guten Thee gab, wie ich ihn noch nie getrunken. Dieses Loblied hatte ich auch bei Lady Wvolen, die mit mir in demselben Hanse wohnte, sehr oft angestimmt, und diese Dame wunderte sich darüber um so mehr, da sie, wie sie klagte, trotz allen Bitten von unserem Hauswirt keinen guten Thee erhalten konnte und deshalb genötigt war, ihren Thee per-Stafette aus Livorno kommen zu lassen. „Der ist aber himmlisch!" setzte sie hinzu und lächelte göttlich. 17» Reisebilder II. Mylady, erwiderte ich, ich wette, der mcinige ist noch viel besser. Die Damen, die zufällig gegenwärtig, wurden jetzt von mir znm Thee eingeladen, nnd sie versprachen, des andern Tages nm sechs Uhr auf jenem heiteren Hiigel zu erscheinen, wo man so traulich beisammen sitzen und ins Thal hinabschauen kann. Die Stunde kam, Tischchen gedeckt, Butterbrötchen geschnitten, Dämchen vergnügt schwatzend — aber es kam kein Thee. Es war sechs, es wurde halb sieben, die Abendschatten ringelten sich wie schwarze Schlangen um die Füße der Berge, die Wälder dufteten immer sehnsüchtiger, die Vögel zwitscherten immer dringender — aber es kam kein Thee. Die Sonnenstrahlen beleuchteten nur noch die Häupter der Berge, nnd ich machte die Damen darauf aufmerksam, daß die Sonne verzögernd scheide, und sichtbar ungern die Gesellschaft ihrer Mitsonncn verlasse. Das war gut gesagt — aber der Thee kam nicht. Endlich, endlich, mit seufzendem Gesicht, kam mein Hauswirt uud frug: ob wir nicht Sorbett statt des Thees genießen wollten? „Thee! Thee!" riefen wir alle einstimmig. Und zwar denselben — setzte ich hinzu — den ich täglich trinke. „Von demselben, Exccllcnzcn? Es ist nicht möglich!" Weshalb nicht möglich? rief ich verdrießlich. Immer verlegener wurde mein Hauswirt, er stammelte, er stockte; nur nach langem Sträuben kam er zu einem Geständnis — und es löste sich das schreckliche Rätsel. Mein Herr Hauswirt verstand nämlich die bekannte Kunst, den Theetopf, woraus schon getrunken worden, wieder mit ganz vorzüglich heißem Wasser zu füllen, und der Thee, der mir so gut geschmeckt, und wovon ich so viel geprahlt, war nichts anderes, als der jedesmalige Ausguß von demselben Thee, den meine Hausgenvssin, Lady Woolen, aus Livorno kommen ließ. Die Berge rings um die Wälder von Lucca haben ein ganz außerordentliches Echo, und wissen ein lautes Damengelächter gar vielfach zu wiederholen. nglische Fragmente. (1828.) Gliiikselipes Alvioii, lustigcS Alt-England! warum verlieb ich dich? — Um die Gesellschaft von Gentlcmen zu fliehen und unter Lumpengesindel der einzige zu sein, der mit Bewußtsein lebt und handelt? „Die ehrlichen Leute" von W, Alexis, Vorwort zur ersten Auflage. Die „Englischen Fragmente" sind zum Teil Nor zwei Jahren für die „Allgemeinen politischen Annalen", die ich damals mit Lindner herausgab, nach Zeitbcdnrfnissen geschrieben worden, und, ihre Nützlichkeit beachtend, habe ich sie den „Reisebildern" als Ergänzung einverleibt. Ich wünsche, daß der geneigte Leser den Zweck der Mitteilung bei diesen Fragmeuten nicht verkennen möge. Vielleicht liefere ich in zeitgemäßer Folge noch einige Kunden dieser Art, Unsere Littera- tur ist nicht allzu reichlich damit versehen. Obgleich England voll deutschen Novelleildichtern oft geschildert wird, so ist doch Willibald Alexis der einzige, der die dortigen Lokalitäten und Kostüme mit treuen Farben und Umrissen zu geben wußte. Ich glaube, er ist nicht einmal im Lande selbst gewesen, und er kennt dessen Physiognomie nur durch jene wundersame Intuition, die einem Poeten die Anschauung der Wirklichkeit entbehrlich macht. So schrieb ich selbst vor elf Jahren den „William Ratcliff", worauf ich hier um so mehr zurückweisen möchte, da nicht bloß eine treue Schilderung Englands, sondern auch die Keime meiner späteren Betrachtungen über dieses Land, das ich damals noch nie gesehen, darin enthalten sind. Was Reisebeschreibung betrifft, so giebt es, außer Archenhvlz und Göde, gewiß kein Buch über England, das uns die dortigen Zustände besser veranschaulichen könnte, als die, dieses Jahr bei Franckh in München erschienenen „Briefe eines Verstorbenen; ein fragmentarisches Tagebuch ans England, Wales, Irland und Frankreich, geschrieben in den Jahren 1828 und 182g," Es ist dieses noch in mancher andern Hinsicht ein vortreffliches Buch und verdient in vollem Maße das Lob, das ihm Goethe und Varnhagen von Ense in den Berliner Jahrbüchern für wissenschaftliche Kritik gespendet haben. Hamburg, den IS, November 1830, Heinrich Heine, I. Gespräch auf der Themse. Der gelbe Mann stand neben mir auf dein Verdeck, als ich die grünen Ufer der Themse erblickte, und in allen Winkeln meiner iseele die Nachtigallen erwachten. „Land der Freiheit," rief ich, „ich grüße dich! — Sei mir gegrüßt, Freiheit, junge Sonne der verjüngten Welt! Jene altere Sonnen, die Liebe und der Glaube, sind welk und kalt geworden, und können nicht mehr leuchten und wärmen. Verlassen sind die alten Myrtenwälder, die einst so übervölkert waren, und nur noch blöde Turteltauben nisten in den zärtlichen Büschen. Es sinken die alten Dome, die einst von einein übermütig frommen Geschlechts, das seinen Glauben in den Himmel hineinbauen wollte, so riesenhoch aufgetürmt wurden; sie sind morsch und verfallen, und ihre Götter glauben an sich selbst nicht mehr. Diese Götter sind abgelebt, und unsere Zeit hat nicht Phantasie genug, neue zu schaffen. Alle Kraft der Menschenbrust wird jetzt zu Frciheitsliebe, und die Freiheit ist vielleicht die Religion der neuen Zeit, und es ist wieder eine Religion, die nicht den Reichen gepredigt wurde, sondern den Armen, und sie hat ebenfalls ihre Evangelisten, ihre Märtyrer und ihre Jschariots!" „Junger Enthusiast," sprach der gelbe Mann, „ Sie werden nicht finden, was Sie suchen. Sie mögen recht haben, daß die Freiheit eine neue Religion ist, die sich über die ganze Erde verbreitet. Aber ivic einst jedes Volk, indem es das Christentum annahm, solches nach seinen Bedürfnissen und seinem eigenen Charakter modelte, so wird jedes Volk von der neuen Religion, von der Freiheit, nur dasjenige annehmen, was seinen Lokalbedürfnissen und seinem Nationalcharakter gemäß ist. „Die Engländer sind ein häusliches Volk, sie leben ein begrenztes, umfriedetes Familienleben; im Kreise seiner Angehörigen sucht der Engländer jenes Seelcnbchagcn, das ihm schon durch seine angeborene gesellschaftliche Unbcholfcnheit außer dem Hanse versagt ist. Der Engländer ist daher mit jener Freiheit zufrieden, die seine persönlichsten Rechte verbürgt, und seinen Leib, sein Eigentum, seine Ehe, seinen Glanben und sogar seine Grillen unbedingt schützt. In seinem Hanse ist niemand freier als ein Engländer; um mich eines berühmten Ausdrucks zu bedienen, er ist König und Bischof in seinen vier Pfählen, und nicht unrichtig ist sein gewöhnlicher Wahlspruch: Uz' lrousa is rn^ enstlö. Gespräch auf der Themse. 173 „Ist nun bei den Engländern das meiste Bedürfnis nach persönlicher Freiheit, sv möchte wohl der Franzose im Notfall diese entbehren können, wenn man ihn nnr jenen Teil der allgemeinen Freiheit, den wir Gleichheit nennen, vollauf genießen läßt. Die Franzosen sind kein häusliches Volk, sondern ein geselliges, sie lieben kein schweigendes Bcisammcnsitzeu, welches sie uns oonvsrsalnoir auglcusg nennen, sie laufen plaudernd vom Kaffeehaus nach dem Kasino, vom Kasino nach den Salons, ihr leichtes Champagnerblut und angeborenes Umgangstalent treibt sie zum Gesellschastslebcn, und dessen erste und letzte Bedingung, ja dessen Seele ist: die Gleichheit. Mit der Ausbildung der Gesellschnftlichkeit in Frankreich mußte daher auch das Bedürfnis der Gleichheit entstehen, und wenn auch der Grund der Revolution im Budget zu suchen ist, so wurde ihr doch zuerst Wort und Stimme verliehen von jenen geistreichen Ro- turiers, die in den Salons von Paris mit der hohen Noblesse scheinbar auf einem Fuße der Gleichheit lebten, und doch dann und wann, sei es auch nur durch ein kaum bemerkbares, aber desto tiefer verletzendes Feudallächeln, an die große, schmachvolle Ungleichheit erinnert Vierden; — und wenn die vanaiUs roturisrs sich die Freiheit nahm, jene hohe Noblesse zu köpfen, so geschah dieses vielleicht weniger, um ihre Güter als um ihre Ahnen zu erben, und statt der bürgerlichen Ungleichheit eine adlige Gleichheit einzuführen. Daß dieses Streben nach Gleichheit das Hanptprinzip der Revolution war, dürfen wir um so mehr glauben, da die Franzosen sich bald glücklich und zufrieden fühlten unter der Herrschaft ihres großen Kaisers, der, ihre Unmündigkeit beachtend, all ihre Freiheit unter seiner strengen Kuratel hielt, und ihnen nur die Freude einer völligen, ruhmvollen Gleichheit überließ. „Weit geduldiger als der Franzose erträgt daher der Engländer den Anblick einer bevorrechteten Aristokratie; er tröstet sich, daß er selbst Rechte besitzt, die es jeuer unmöglich macheu, ihn in seinen häuslichen Komforts und in seinen LebcnSansprüchcn zu stören. Auch trägt jene Aristokratie nicht jene Rechte zur Schau, wie auf dem Kontinente. In den Straßen und öffentlichen Vergnügungs- sälcn Londons sieht man bunte Bänder nur auf den Hauben der Weiber und goldene und silberne Abzeichen nur auf den Röcken der Lakaien. Auch jene schöne bunte Livree, die bei uns einen bevorrechteten Wehrstand ankündigt, ist in England nichts weniger als eine Ehrenauszeichnnng; wie ein Schauspieler sich nach der Vorstellung die Schminke abwischt, so eilt auch der englische Offizier, sich seines roten Nocks zu entledigen, sobald die Dienststunde vorüber ist, und im schlichten Rock eines Gentleman ist er wieder ein Gentleman. Nur auf dem Theater zu St. JameS gelten jene Dekorationen und Kostüme, die aus dem Kehricht des Mittelalters ausbewahrt worden: I 174 Neisebildcr II. da flattern die Ordensbänder, da blinken die Sterne, da rauschen die seidenen Hosen nnd AtlaSschleppeu, da knarren die goldenen Sporen und altsranzösischen Redensarten, da bläht sich der Ritter, da spreizt sich daS Fräulein. Aber was kümmert einen freien Engländer die Hofkomödie zu St. James! wird er doch nie davon belästigt, und verwehrt es ihm ja niemand, wenn er in seinem Hanse ebenfalls Komödie spielt, nnd seine HanSoffizianten vor sich kniecn läßt, und mit dem Strumpfband der Köchin tändelt — bounr soit gui mal psims! „Was die Deutschen betrifft, so bedürfen sie weder der Freiheit noch der Gleichheit. Sie sind ein spekulatives Volk, Ideologen, Bor- und Nachdenkcr, Träumer, die nur in der Vergangenheit und in der Zukunft leben, und keine Gegenwart haben. Engländer und Franzosen haben eine Gegenwart, bei ihnen hat jeder Tag seinen Kampf nnd Gegenkampf und seine Geschichte. Der Deutsche hat nichts, wofür er kämpfen sollte, und da er zu mutmaßen begann, daß es doch Dinge geben könne, deren Besitz wünschenswert wäre, so haben wohlweise seine Philosophen ihn gelehrt, an der Existenz solcher Dinge zu zweifeln. Es läßt sich nicht leugnen, daß auch die Deutschen die Freiheit lieben, aber anders wie andere Völker. Der Engländer liebt die Freiheit wie sein rechtmäßiges Weib, er besitzt sie, und wenn er sie auch nicht mit absonderlicher Zärtlichkeit behandelt, so weiß er sie doch im Notfall wie ein Mann zu verteidigen, und wehe dem rotgeröckten Burschen, der sich in ihr heiliges Schlafgcmach drängt — sei es als Galant oder als Scherge. Der Franzose liebt die Freiheit wie seine Braut. Er glüht für sie, er flammt, er wirft sich zu ihren Füßen mit den überspanntesten Beteuerungen, er schlägt sich für sie ans Tod und Leben, er begeht für sie tausenderlei Thorheiten. Der Deutsche liebt die Freiheit wie seine alte Großmutter." Gar wunderlich sind doch die Menschen! Im Vaterlande brummen wir, jede Dummheit, jede Verkehrtheit dort verdrießt uns, wie Knaben möchten wir täglich davonlaufen in die weite Welt; sind wir endlich wirklich in die weite Welt gekommen, so ist uns diese wieder zu weit, und heimlich sehnen wir uns oft wieder nach den engen Dummheiten und Verkehrtheiten der Heimat, und wir möchten wieder dort in der alten wohlbekannten Stube sitzen, und uns, wenn es anginge, ein Haus hinter dem. Ofen bauen, und warm darin hocken, und den allgemeinen Anzeiger der Deutschen lesen. So ging es auch mir auf der Reise nach England. Kaum verlor ich den Anblick der deutschen Küste, so erwachte in mir eine kuriose Nachliebe für jene teutonischen Schlafmützen- nnd Perückenwälder, die ich eben noch mit Unmut verlassen, und als ich das Vaterland aus den Augen verloren hatte, fand ich eS im Herzen wieder. Daher mochte wohl meine Stimme etwas weich klingen, als ich dem gelben Mann antwortete; „Lieber Herr, scheltet mir nicht die Gespräch auf der Tchemse. 175 Deutschen! Wenn sie auch Träumer sind, so haben doch manche unter ihnen so schöne Träume geträumt, daß ich sie kaum vertauschen möchte gegen die wachende Wirklichkeit unserer Nachbarn, Da wir alle schlafen und träumen, so können wir vielleicht die Freiheit entbehren; denn unsere Tyrannen schlafen ebenfalls und träumen bloß ihre Tyrannei. Nur damals sind wir erwacht, als die katholischen Römer unsere Traumfreiheit geraubt hatten; da handelten wir und siegten, und legten uns wieder hin und träumten, O Herr, spottet nicht unserer Träumer, dann und wann, wie Somnambulen, sprechen sie Wunderbares im Schlafe, und ihr Wort wird Saat der Freiheit, Keiner kann absehen die Wendung der Dinge, Der spleenige Brite, seines Weibes überdrüssig, legt ihr vielleicht einen Strick um den Hals und bringt sie zum Verkauf nach Smithfield, Der flatternde Franzose wird seiner geliebten Braut vielleicht treulos und verläßt sie, und tänzelt singend nach den Hofdamen fconrbisunss) seines königlichen PalasteS (palais roval), Der Deutsche wird aber seine alte Großmutter nie ganz von der Thiire stoßen, er wird ihr immer ein Plätzchen am Herde gönnen, wo sie den horchenden Kindern ihre Märchen erzählen kann, — Wenn einst, was Gott verhüte, in der ganzen Welt die Freiheit verschwunden ist, so wird ein deutscher Träumer sie in seinen Träumen wieder entdecken," Während nun das Dampfboot, und auf demselben unser Gespräch, den Strom hinaufschwamm, war die Sonne untergegangen, und ihre letzten Strahlen beleuchteten das Hospital zu Greenwich, ein imposantes palastglciches Gebäude, das eigentlich aus zwei Flügeln besteht, deren Zwischenraum leer ist, und einen, mit einem artigen Schlößlciu gekrönten, waldgrünen Berg den Borbeifahrenden sehen läßt. Ans dem Wasser nahm jetzt das Gewühl der Schiffe immer zu, und ich wunderte mich, wie geschickt diese großen Fahrzeuge sich einander ausweichen. Da grüßt im Begegnen manch ernsthaft freundliches Gesicht, das mau nie gesehen hat, und vielleicht auch nie wieder sehen wird. Man fährt sich so nahe vorbei, daß man sich die Hände reichen könnte zum Willkommen und Abschied zu gleicher Zeit. Das Herz schwillt beim Anblick so vieler schwellenden Segel und wird wunderbar aufgeregt, wenn vom Ufer her das verworrene Summen und die ferne Tanzmusik und der dumpfe Matrosenlärm herandröhnt. Aber im weißen Schleier des Abendncbels verschwimmen allmählich die Konturen der Gegenstände, und sichtbar bleibt nur ein Wald von Mastbäumen, die lang und kahl hervorragen. Der gelbe Mann stand noch immer neben mir und schaute sinnend in die Höhe, als suche er im Nebelhimmel die bleichen Sterne, Noch immer in die Höhe schauend, legte er die Hand auf meine Schulter, und in einem Tone, als wenn geheime Gedanken unwillkürlich zu Worten werden, sprach er: „Freiheit und Gleichheit! man 176 Neisebilder II, findet sie nicht hier nntcn und nicht einmal dort oben. Dort jene Sterne sind nicht gleich, einer ist größer und leuchtender als der andere, keiner von ihnen wandelt frei, alle gehorchen sie vorgeschriebenen, eisernen Gesetzen — Sklaverei ist im Himmel wie auf Erden," „Das ist der Tower!" rief plötzlich einer unserer Reisegefährten, indem er ans ein hohes Gebäude zeigte, das aus dem nebelbedecktcn London wie ein gespenstisch dunkler Traum hcrvorsticg. II. t o n d o n. Ich habe das Merkwürdigste gesehen, was die Welt dem staunenden Geiste zeigen kann, ich habe es gesehen, und staune noch immer — noch immer starrt in meinem Gedächtnisse dieser steinerne Wald von Hänsern und dazwischen der drängende Strom lebendiger Menschengesichter mit all ihren bunten Leidenschaften, mit all ihrer grauenhaften Hast der Liebe, des Hungers und des Hasses — ich spreche von London, Schickt einen Philosophen nach London; beileibe keinen Poeten! Schickt einen Philosophen hin und stellt ihn an eine Ecke von Cheapside, er wird hier mehr lernen als aus allen Büchern der letzten Leipziger Messe; und wie die Menschcnwogen ihn nmrauschcn, so wird auch ein Meer von neuen Gedanken vor ihm aufsteigen, der ewige Geist, der darüber schwebt, wird ihn anwehen, die verborgensten Geheimnisse der gesellschaftlichen Ordnung werden sich ihm plötzlich offenbaren, er wird den Pnlsschlag der Welt hörbar vernehmen und sichtbar sehen — denn wenn London die rechte Hand der Welt ist, die thätige, mächtige rechte Hand, so ist jene Straße, die von der Börse nach Downingstrect führt, als die Pulsader der Welt zu betrachten. Aber , schickt keinen Poeten nach London! Dieser bare Ernst aller Dinge, diese kolossale Einförmigkeit, diese maschinenhaftc Bewegung, diese Verdrießlichkeit der Freude selbst, dieses übertriebene London erdrückt die Phantasie und zerreißt das Herz. lind wolltet ihr gar einen deutschen Poeten hinschicken, einen Träumer, der vor jeder einzelnen Erscheinung stehen bleibt, etwa vor einem zerlumpten Bcttelweib oder einem blanken Gvldschmiedladcn — v! dann geht es ihm erst recht schlimm, und er wird von allen Seiten fortgcschoben oder gar mit einem milden Kock ckamn! niedergestoßen, Kock ckamn! das verdammte Stoßen! Ich merkte bald, dieses Volk hat viel zu thnn. Es lebt ans einem großen Fuße, es will, obgleich Futter und Kleider in seinem Lande teurer sind als bei uns, dennoch besser gefüttert und besser gekleidet sein als nur; wie zur Vornehmheit gehört, hat es auch große Schulden, dennoch aus Grvßprahlerei wirft London. 177 es zuweilen seine Guineen zum Fenster hinaus, bezahlt andere Völker, daß sie sich zu seinem Vergnügen herumboxen, giebt dabei ihren rcspektiven Königen noch außerdem ein gutes Dvuceur — und deshalb hat John Bull Tag und Nacht zu arbeiten, um Geld zu solchen Ausgaben anzuschaffen, Tag und Nacht muß er sein Gehirn anstrengen zur Erfindung neuer Maschinen, und er sitzt und rechnet im Schweiße seines Angesichts, und rennt und läuft, ohne sich viel umzusehen, vom Hafen nach der Börse, von der Börse nach dem Strand, und da ist es sehr verzeihlich, wenn er an der Ecke von Chcapsidc einen armen deutschen Poeten, der, einen Bildcrladen angaffend, ihm in dem Wege steht, etwas unsanft auf die Seite stößt. »tZwcl clanin!" Das Bild aber, welches ich an der Ecke von Cheapside angaffte, war der Übergang der Franzosen über die Beresina. Als ich, aus dieser Betrachtung aufgerüttelt, wieder auf die tosende Straße blickte, wo ein buntscheckiger Knäuel von Männern, Weibern, Kindern, Pferde», Postkutschen, darunter auch ein Leichenzug, sich brausend, schreiend, ächzend und knarrend dahinwälzte: da schien es mir, als sei ganz London so eine Bercsinabrücke, wo jeder in wahnsinniger Angst, um sein bißchen Leben zu fristen, sich durchdrängen will, wo der kecke Reiter den armen Fußgänger niederstampft, Ivo derjenige, der zu Boden fällt, ans immer verloren ist, wo die besten Kameraden fühllos, einer über die Leiche des andern, dahineilen, und Taufende, die, sterbenSmatt und blutend, sich vergebens an den Planken der Brücke festklammern wollten, in die kalte Eisgrube des Todes hinabstürzen. Wieviel heiterer und wohnlicher ist es dagegen in unserem lieben Deutschland! Wie traumhaft gemach, wie sabbathlich ruhig bewegen sich hier die Dinge! Ruhig zieht die Wache auf, im ruhigen Sonnenschein glänzen die Uniformen und Häuser, au den Fliesen flattern die Schwalben, anS den Fenstern lächeln dicke Jnstizrätinnen, auf den hallenden Straßen ist Platz genug! die Hunde können sich gehörig anriechen, die Menschen können bequem stehen bleiben und über das Theater diskutieren und tief, tief grüßen, wenn irgend ein vornehme? Lümpchcn oder Vieelümpcheu mit bunten Bändchen auf dem abgeschabten Röckchcn, oder ein gepudertes, vergoldetes Hofmar- schttlkchcu gnädig wiedergrüßeud vorbeitänzelt! Ich hatte mir vorgenommen, über die Großartigkeit Londons, wovon ich so viel gehört, nicht zu erstaunen. Aber es ging mir wie dem armen Schnlkuaben, der sich vornahm, die Prügel, die er empfangen sollte, nicht zu fühlen. Die Sache bestand eigentlich in dem Umstände, daß er die gewöhnlichen Hiebe mit dem gewöhnlichen Stocke, wie gewöhnlich, ans dem Rücken erwartete, und statt dessen eine ungewöhnliche Tracht Schläge, auf einem ungewöhnlichen Platze, Heiile'S Werke. VI. Vd. 12 178 Neiscbilder N, mit einem dünnen Nöhrchen empfing. Ich erwartete große Paläste, nnd sah nichts als lauter kleine Hänser. Aber eben die Gleichförmigkeit derselben und ihre unabsehbare Menge imponiert so gewaltig. Diese Häuser von Ziegelsteinen bekommen durch feuchte Luft und Kohlendampf gleiche Farbe, nämlich bräunliches Olivengriin; sie sind alle von derselben Bauart, gewöhnlich zwei oder drei Fenster breit, drei hoch, nnd oben mit kleinen roten Schornsteinen geziert, die wie blutig ausgerissene Zähne aussehen, dergestalt, daß die breiten, regelrechten Straßen, die sie bilden, nur zwei unendlich lange kasernenartige Häuser zu sein scheinen. Dieses hat wohl seinen Grund in dem Umstände, daß jede englische Familie, und bestände sie auch nur aus zwei Personen, dennoch ein ganzes Haus, ihr eigenes Kastell, bewohnen will, und reiche Spekulanten, solchem Bedürfnis entgegenkommend, ganze Straßen bauen, worin sie die Hänser einzeln wieder verhökern. In den Hauptstraßen der City, demjenigen Teile Londons, wo der Sitz des Handels und der Gewerke, wo noch altertümliche Gebäude zwischen den neuen zerstreut sind, nnd wo auch die Vorderseiten der Häuser mit ellenlangen Namen und Zahlen, gewöhnlich goldig und in Relief, bis ans Dach bedeckt sind: da ist jene charakteristische Einförmigkeit der Häuser nicht so auffallend, um so weniger, da das Auge des Fremden unaufhörlich beschäftigt wird durch den wunderbaren Anblick neuer und schöner Gegenstände, die an den Fenstern der Kaufläden ausgestellt sind. Nicht bloß diese Gegenstände selbst machen den größten Effekt, weil der Engländer alles, was er verfertigt, auch vollendet liefert, und jeder Luxusartikel, jede Astrallampe und jeder Stiefel, jede Theckanne nnd jeder Wciber- rock uns so ünisknzck und einladend entgegenglänzt, sondern auch die Kunst der Aufstellung, Farbenkontrast nnd Mannigfaltigkeit giebt den englischen Kaufläden einen eigenen Reiz; selbst die alltäglichsten Lebensbedürfnisse erscheinen in einem überraschenden Zanberglnnze, gewöhnliche Eßwaren locken uns durch ihre neue Beleuchtung, sogar rohe Fische liegen so wohlgefällig appretiert, daß uns der regenbogenfarbige Glanz ihrer Schuppen ergötzt, rohes Fleisch liegt wie gemalt auf sauberen, bunten Porzellantellerchcn, mit lachender Petersilie umkränzt, ja alles erscheint uns wie gemalt und mahnt uns an die glänzenden und doch so bescheidenen Bilder des Franz Mieris. Nur die Menschen sind nicht so heiter wie auf diesen holländischen Gemälden, mit den ernsthaftesten Gesichtern verkaufen sie die lustigsten Spielsachen, und Zuschnitt und Farbe ihrer Kleidung ist gleichförmig wie ihre Häuser. Auf der entgegengesetzten Seite Londons, die man das Westende nennt, tirs rvsst snci ob tbs torvn, und wo die vornehmere und minder beschäftigte Welt lebt, ist jene Einförmigkeit noch vorherrschender; doch giebt es hier ganz lange, gar breite Straßen, wo London. 179 alle Hauser groß wie Paläste, aber äußerlich nichts weniger als ausgezeichnet sind, außer daß man hier, wie an allen nicht ganz ordinären Wohnhäusern Londons, die Fenster der ersten Etage, mit eisengittrigen Ballonen oerziert sieht und auch au rs? 6s vbnnssss ein schwarzes Gitterwerk findet, wodurch eine in die Erde gegrabene Kellerwohnung geschützt wird. Auch findet man in diesem Teile der Stadt große Squares: Reihen von Häusern gleich den obenbeschriebenen, die ein Viereck bilden, in dessen Mitte ein ovn schwarzem Eisengitter umschlossener Garten mit irgend einer Statue befindlich ist. Auf allen diesen Plätzen und Straßen wird das Auge des Fremden nirgends beleidigt von baufälligen Hütten deS Elends. Überall starrt Reichtum und Vornehmheit, und hineingedrängt in abgelegene Güßchen und dunkle feuchte Gänge wohnt die Armut mit ihren Lumpen und ihren Thränen. Der Fremde, der die großen Straßen Londons durchwandert und nicht just in die eigentlichen Pöbelquartiere gerät, sieht daher nichts oder sehr wenig von dem vielen Elend, das in London vorhanden ist. Nur hie und da am Eingange eines dunklen Gttßchens steht schweigend ein zerfetztes Weib, mit einem Säugling an der abgehärmten Brust, und bettelt mit den Augen. Vielleicht wenn diese Augen noch schon sind, schaut man einmal hinein — und erschrickt ob der Welt von Jammer, die man darin geschaut hat. Die gewöhnlichen Bettler sind alte Leute, meistens Mohren, die an den Straßenecken stehen und, was im kotigen London sehr nützlich ist, einen Pfad für Fußgänger kehren und dafür eine Kupfermünze verlangen. Die Armut in Gesellschaft des Lasters und des Verbrechens schleicht erst des Abends ans ihren Schlupfwinkeln. Sie scheut das Tageslicht um so ängstlicher, je grauenhafter ihr Elend kontrastiert mit dem Übermutc des Reichtums,' der überall hervorprnnkt; nur der Hunger treibt sie manchmal um Mittagszeit ans dem 'dunkeln Gäßchen, und da steht sie mit stummen, sprechenden Augen und starrt flehend empor zu dem reichen Kaufmann, der geschttstig-geld- klimpcrnd vorübereilt, oder zu dem müßigen Lord, der wie ein satter Gott auf hohem Roß einherreitct und ans das Menschengewühl unter ihm dann und wann einen gleichgültig vornehmen Blick wirft, als wären es winzige Ameisen, oder doch nur ein Hansen niedriger Geschöpfe, deren Lust und Schmerz mit seinen Gefühlen nichts gemein hat -- denn über dein Menschengesindel, das am Erdboden festklebt, schwebt Englands Nobility, wie Wesen höherer Art, die das kleine England nur als ihr Absteigequartier, Italien als ihren Svmmer- garten, Paris als ihren Gesellschaftssaal, ja die ganze Welt als ihr Eigentum betrachten. Ohne Sorgen und ohne Schranken schweben sie dahin, und ihr Gold ist ein TaliSman, der ihre tollsten Wunsche in Erfüllung zaubert. 12» 130 Neisebilder II. Arme Armut! wie peinigend muß dein Hunger sein, dort wo andere im höhnenden Überflüsse schwelgen! Und hat man dir auch mit gleichgültiger Hand eine Brotkruste in den Schoß geworfen, wie bitter müssen die Thränen sein, womit dn sie erweichst! Du vergiftest dich mit deinen eigenen Thränen. Wohl hast du recht, wenn du dich zu dem Laster und Verbrechen gesellst. Ansgestoßcne Verbrecher tragen oft mehr Menschlichkeit im Herzen, als jene kühlen, nntadelhaften Staatsbürger der Tugend, in deren bleichen Herzen die Kraft des Bösen erloschen ist, aber auch die Kraft des Guten. Und gar das Laster ist nicht immer Laster. Ich habe Weiber gesehen, auf deren Wangen das rote Laster gemalt war, und in ihrem Herzen wohnte himmlische Reinheit. Ich habe Weiber gesehen — ich wollt', ich sähe sie wieder! — III. Die Engländer. Unter den Bogengängen der Londoner Börse hat jede Nation ihren angewiesenen Platz, nnd auf hochgesteckten Täfclchen liest man die Namen: Russen, Spanier, Schweden, Deutsche, Malteser, Juden, Hanseaten, Türken u. s. w. Vormals stand jeder Kaufmann unter dem Täfelchen, worauf der Name seiner Nation geschrieben. Jetzt aber würde man ihn vergebens dort suchen; die Menschen sind fortgerückt; wo einst Spanier standen, stehen jetzt Holländer, die Hanseaten traten an die Stelle der Juden, wo man Türken sucht, findet man jetzt Russen, die Italiener stehen, wo einst die Franzosen gestanden/sogar die Deutschen sind weiter gekommen. Wie auf der Londoner Börse, so anch in der übrigen Welt sind die alten Täfelchen stehen geblieben, während die Menschen darunter weggeschoben worden und andere an ihre Stelle gekommen sind, deren neue Köpfe sehr schlecht passen zu der alten Aufschrift. Die alten stereotypen Charakteristiken der Völker, wie wir solche in gelehrten Kompendien und Bicrschenken finden, können uns nichts mehr nutzen nnd nur zu trostlosen Irrtümern verleiten. Wie wir unter unseren Augen in den letzten Jahrzehnten den Charakter unserer westlichen Nachbaren sich allmählich umgestalten sahen, so können wir seit Aufhebung der Kontinentalsperre eine ähnliche Umwandlung jenseits des Kannles wahrnehmen. Steife, schweigsame Engländer wallfahren scharenwcis nach Frankreich, um dort sprechen und sich bewegen zu lernen, nnd bei ihrer Rückkehr sieht man mit Erstannen, daß ihnen die Zunge gelöst ist, daß sie nicht mehr wie sonst zwei linke Hände haben, nnd nicht mehr mit Beefsteak und Plnmpndding zufrieden sind. Ich selbst habe einen solchen Engländer Die Engländer. 181 gesehen, der in Tavistock-Tavern etwas Zncker zu seinem Blumentohl verlangt hat. eine Ketzerei gegen die strenge anglikanische Küche, worüber der Kellner fast rücklings fiel, indem gewiß seit der römischen Invasiv» der Blumenkohl in England nie anders als in Wasser abgekocht und ohne süße Zuthat verzehrt worden. Es war derselbe Engländer, der, obgleich ich ihn vorher nie gesehen, sich zn mir setzte und einen so zuvorkommend französischen Diskurs anfing, daß ich nicht umhin konnte, ihn: zu gestehen, wie sehr es mich freue, einmal einen Engländer zu finden, der nicht gegen den Fremden zurückhaltend sei, worauf er ohne Lächeln ebenso freimütig entgegnete, daß er mit mir spräche, um sich in der französischen Sprache zu üben. Es ist auffallend, wie die Franzosen täglich nachdenklicher, tiefer und ernster werden, in eben dem Maße, wie die Engländer dahin streben, sich ein legeres, oberflächliches und heiteres Wesen anzueignen: wie im Leben selbst, so auch in der Litteratur. Die Londoner Pressen sind vollauf beschäftigt mit fashionablen Schriften, mit Romanen, die sich in der glänzenden Sphäre des lüZch Irls bewegen oder dasselbe abspiegeln, wie z. B. ^.lnmoüs, Viviam tZr-sz^, Nrs- nmins, tbs Lirmrüs, ülirtmtäon, welcher letztere Roman die beste Bezeichnung wäre für die ganze Gattung, für jene Koketterie mit ausländischen Manieren und Redensarten, jene plumpe Feinheit, schwerfällige Leichtigkeit, saure Süßelei, gezierte Roheit, kurz für das ganze unerguiciliche Treiben jener hölzernen Schmetterlinge, die in den Sälen West-Londons herumflattern. Dagegen welche Litteratur bietet uns jetzt die französische Presse, jene echte Repräsentantin des Geistes und Willens der Franzosen! Wie ihr großer Kaiser die Muße seiner Gefangenschaft dazu anwandte, sein Leben zu diktieren, uns die geheimsten Ratschlüsse seiner göttlichen Seele zu offenbaren, und den Felsen von St. Helena in einen Lehrstuhl der Geschichte zu verwandeln, von dessen Höhe die Zeitgenossen gerichtet und die spätesten Enkel belehrt werden: so haben auch die Franzosen selbst angefangen, die Tage ihres Mißgeschicks, die Zeit ihrer politischen llnthätigkeit so rühmlich als möglich zu benutzen; auch sie schreiben die Geschichte ihrer Thatcn; jene Hände, die so lange das Schwert geführt, werden wieder ein Schrecken ihrer Feinde, indem sie zur Feder greifen, die ganze Nation ist gleichsam beschäftigt mit der Herausgabe ihrer Memoiren, und folgt sie meinem Rate, so veranstaltet sie noch eine ganz besondere Ausgabe all nsum Oslpüini, mit hübsch kolorierten Abbildungen von der Einnahme der Bastille, dem Tuilerieusturm u. dgl. in. " Habe ich aber oben angedeutet, wie heutzutage" die Engländer leicht und frivol zu werden suchen, und in jene Affenhaut hineinkriechen, die jetzt die Franzosen von sich abstreifen, so muß ich nachträglich bemerken, daß ein solches Streben mehr aus der Nobilitt) 182 Neisebilder N. und Gentry, der vornehmen Welt, als auS dem Bürgerstande hervorgeht. Im Gegenteil, der gewerbtreibende Theil der Nation, besonders die Kanflcute in den Fabrikstädten und fast alle Schotten, tragen das äußere Gepräge des Pietismus, ja ich mochte sagen, Puritanismns, so daß dieser gottselige Teil des Volkes mit den weltlich gesinnten Vornehmen auf dieselbe Weise kontrastiert wie die Kavaliere und Stutzköpfe, die Walter Scott in seinen Romanen so wahrhaft schildert. Man erzeigt den: schottischen Barden zu viel Ehre, wenn man glaubt, sein Genius habe die äußere Erscheinung und innere Denkweise dieser beiden Parteien der Geschichte nachgeschaffen, und es sei ein Zeichen seiner Dichtergröße, daß er, vorurteilsfrei wie ein richtender Gott, beiden ihr Recht anthut und beide mit gleicher Liebe behandelt. Wirft man nur einen Blick in die Betstuben von Liverpool und Manchester, und dann in die fashionablen Salons von West-London, so sieht man deutlich, daß Walter Scott bloß seine eigene Zeit abgeschrieben und ganz heutige Gestalten in alte Trachten gekleidet hat. Bedenkt man gär, daß er von der einen Seite selbst als Schotte durch Erziehung und Nativnalgeist eine puritanische Denkweise eingesogen hat, auf der andern Seite als Tory, der sich gar ein Sprößling der Stuarts dünkt, von ganzer Seele recht königlich und adeltümlich gesinnt sein muß, und daher seine Gefühle und Gedanken beide Richtungen mit gleicher Liebe umfassen und zugleich durch deren Gegensatz neutralisiert werden: so erklärt sich sehr leicht seine Unparteilichkeit bei der Schilderung der Aristokraten und Demokraten aus Cromwells Zeit, eine Unparteilichkeit, die uns zu dem Irrtums verleitete, als dürften wir in seiner Geschichte Napoleons eine ebenso treue taär-xln^-Schilderung der französischen Revolutions- heldcn von ihm erwarten.*) Wer England aufmerksam betrachtet, findet jetzt täglich Gelegenheit, jene beiden Tendenzen, die frivole und puritanische, in ihrer widerwärtigsten Blüte und, wie sich von selbst versteht, ihren Zweikampf zu beobachten. Eine solche Gelegenheit gab ganz besonders der famose Prozeß des Herrn Wakeficld, eines lustigen Kavaliers, der gleichsam ans dein Stegreif die Tochter des reichen Herrn Turner, eines Liverpvoler Kaufmanns, entführt und zu Gretna Green, wo ein Schmied wohnt, der die stärksten Fesseln schmiedet, geheiratet hatte. Die ganze kopfhängerische Sippschaft, das ganze Volk der Auserlesenen Gottes, schrie Zeter über solche Verruchtheit, in den Betstuben Liverpools erflehte man die Strafe des Himmels über Wakefield und seinen brüderlichen Helfer, die der Abgrund der Erde *) Heines prophetische Vorkritik über das angekündigte „Leben Napoleon Vonapartes von Walter Scott" findet sich in den „Neisebildern": Norderney V. Anm. des Herausgebers. Die Engländer. 183 verschlingen sollte, wie die Rotte des Korah, Dathan und Abirain, und um der heiligen Rache noch sicherer zu sein, wurde zu gleicher Zeit in den Gerichtssälen Londons der Zorn des Kings-Bench, des Großkanzlers und selbst des Oberhauses auf die Entweiher des heiligsten Sakramentes herabplädiert — während man in den fashio- nablen Salons über den kühnen Mädchenräuber gar tolerant zu scherzen und zu lachen wußte. Am ergötzlichsten zeigte sich mir dieser Kontrast beider Denkweisen, als ich einst in der großen Oper neben zwei dicken manchesternen Damen saß. die diesen Versammlungsort der vornehmen Welt zum ersten Male in ihrem Leben besuchten, und den Abscheu ihres Herzens nicht stark genug kundgeben konnten., als das Ballett begann, und die hochgeschürzten schönen Tänzerinnen ihre üppig graziösen Bewegungen zeigten, ihre lieben langen, lasterhaften Beine ausstreckten, und plötzlich bacchantisch den entgegenhüpfenden Tänzerinnen in die Arme stürzten; die warme Musik, die llrkleider von fleischfarbigem Trikot, die Naturalsprünge, alles vereinigte sich, den armen Damen Angstschweiß auszupressen, ihre Busen erröteten vor Unwillen, sboeüinA! kor sbams, kor sbarns! ächzten sie beständig, und sie waren so sehr von Schrecken gelähmt, daß sie nicht einmal das Perspektiv vom Auge fortnehmen konnten und bis zum letzten Augenblicke, bis der Vorhang fiel, in dieser Situation sitzen blieben. Trotz diesen entgegengesetzten Geistes- und Lebensrichtungen findet man doch wieder im englischen Volke eine Einheit der Gesinnung, die eben darin besteht, daß es sich als ein Volk fühlt; die neueren Stutzköpfe und Kavaliere mögen sich immerhin wechselseitig hassen und verachten, dennoch hören sie nicht auf, Engländer zu sein; als solche sind sie einig und zusammengehörig, wie Pflanzen, die aus demselben Boden hervorgeblüht und mit diesem Boden wunderbar verwebt sind. Daher die geheime Übereinstimmung des ganzen Lebens und Wcbens in England, das uns beim ersten Anblick nur ein Schauplatz der Verwirrung und Widersprüche dünken will. Überreichtnm und Misere, Orthodoxie und Unglauben, Freiheit und Knechtschaft, Grausamkeit und Milde, Ehrlichkeit und Gaunerei, diese Gegensätze in ihren tollsten Extremen, darüber der graue Nebel- Himmel,°von allen Seiten summende Maschinen, Zahlen, Gaslichter, Schornsteine, Zeitungen, Porterkriige, geschlossene Mäuler, alles dieses hängt so zusammen, daß wir uns keines ohne das andere denken können, und was vereinzelt unser Erstaunen oder Lachen erregen würde, erscheint uns als ganz gewöhnlich und ernsthaft in seiner Vereinigung. Ich glaube aber, so wird es uns überalt gehen, sogar in solchen Landen, wovon wir noch seltsamere Begriffe hegen, und wo wir noch reichere Ausbeute des Lachens und Staunens erwarten. Unsere 184 Reisebilder II. Reiselust, unsere Begierde, fremde Länder zu sehen, besonders wie wir solche im Knabenalter empfinden, entsteht überhaupt durch jene irrige Erwartung außerordentlicher Kontraste, durch jene geistige Maskeradclust, wo wir Menschen und Denkweise unserer Heimat in jene fremde Länder hineindenken, gmd solchermaßen unsere besten Bekannten in die fremden Kostüme und Sitten oermummen. Denken wir z. B. an die Hottentotten, so sind es die Damen unserer Vaterstadt, die schwarz angestrichen und mit gehöriger Hinterfülle in unserer Vorstellung umhertanzen, während unsere jungen Schöngeister als Buschklepper auf die Palmbäume hinaufklettern; denken wir an die Bewohner der Nordpol-Länder, so sehen wir dort ebenfalls die wohlbekannten Gesichter, unsere Muhme fährt in ihrem Hundeschlitten über die Eisbahn, der dürre Herr Konrektor liegt auf der Bärenhaut und säuft ruhig seinen Morgcnthran, die Frau Accise-Eiunehmerin, die Frau Jnspektorin und die Frau Jnsibu- lationsrätin hocken beisammen und kauen Talglichtcr u. s. w. Sind wir aber in jene Länder wirklich gekommen, so sehen wir bald, daß dort die Menschen mit Sitten und Kostüm gleichsam verwachsen sind, daß die Gesichter zu den Gedanken und die Kleider zu den Bedürfnissen Passen, ja daß Pflanzen, Tiere, Menschen und Land ein zusammenstimmendes Ganze bilden. IV. John Bull. (Übersetzt aus einer englischen Beschreibung Londons.) Es scheint, als ob die Jrländer durch ein unveränderliches Gesetz ihrer Natur den Müßiggang als das echte, charakteristische Kennzeichen eines Gentlemans betrachten; und da ein jeder dieses Volkes, kann er auch aus Armut nicht einmal sein gentiles Hinterteil bedecken, dennoch ein geborener Gentleman ist, so geschieht es, daß verhältnismäßig wenige Sprößlinge des grünen Erin sich mit den Kauflcuten der" City vermischen. Diejenigen Jrländer, welche wenig oder gar keine Erziehung genossen, und solcher zählt man wohl die meisten, sind Taglohn-Gentlcmen sg;sntüsinsn ctaz'Ia.Ponrsrs), und die übrigen sind Gentlemen an und für sich selbst. Könnten sie durch einen raschen eoup cls inuin zum Genüsse eines merkantilischen Reichtums gelangen, so würden sie sich wohl gerne dazu entschließen; aber sie können sich nicht auf drcifüßige Comptoirstühlchen niederlassen und über Pulte und lange Handelsbücher gebeugt liegen, um sich langsame Schätze zu erkuickcrn. John Bull. 185 Dergleichen aber ist ganz die Sache eines Schotten. Sein Verlangen, den Gipfel des Baums zu erreichen, ist ebenfalls ziemlich heftig; aber seine Hoffnungen sind weniger sanguinisch als beharrlich, und mühsame Ausdauer ersetzt das momentane Feuer. Der Jr- länder springt und hüpft wie ein Eichhörnchen; und wenn er, was oft geschieht, sich an Stamm und Zweigen nicht fest genug hielt, schützt er dort hinab in den Kot, steht dort besudelt, wenn auch nicht verletzt, und eine Menge von Hin- und Hersprüngen werden Vorbereitungen zu einem neuen Versuche, der wahrscheinlich ebenso fruchtlos ablaufen wird. Hingegen der zögernde Schotte wählt sich seinen Baum mit großer Sorgfalt, er untersucht, ob er gut gewachsen ist, und stark genug, ihn zu tragen, und kräftig wurzelnd, um nicht von den Stürmen des Zufalls niedergeblasen zu werden. Er sorgt auch, daß die niedrigsten Aste ganz in seinem Bereiche sind und durch eine bequeme Folge von Knoten an der Rinde sein Aufschwingen sicher vollbracht werden kann. Er beginnt von unten an, betrachtet genau jeden Zweig, bevor er sich ihm anvertraut, und bewegt nie den einen Fuß, ehe er sicher ist, daß der andere recht fest steht. Andere Leute, welche hitziger und minder bedächtig sind, klimmen über ihn fort, und bespötteln die ängstliche Langsamkeit seiner Fortschritte; aber das kümmert ihn wenig, er klettert weiter; geduldig und beharrlich, und wenn jene niederpurzcln, und er obenauf ist, so kommt das Lachen an ihn, und er lacht recht herzlich. Diese bewunderungswerte Fähigkeit des Schotten, sich in Handelsgeschästen hervorzuthun, seine außerordentliche Nachgiebigkeit gegen seinen Vorgesetzten, die beständige Hast, womit er sein Segel nach jedem Winde aufspannt, hat nicht allein bewirkt, daß man in den Handelshäusern Londons eine Unzahl schottischer Schreiber, sondern auch Schotten als Kompagnons finden kann. Dennoch vermochten die Schotten keineswegs, trotz ihrer Anzahl und ihres Einflusses, dieser Sphäre der Londoner Gesellschaft ihren Nationalcharakter einzuprägen. Eben jene Eigenschaften, wodurch sie beim Anfang ihrer Laufbahn die beste» Diener ihrer Oberen und späterhin die besten Assoeiss sind, bewirken auch, daß sie die Sitten und den Geschmack ihrer Umgebung nachäffen. Außerdem finden sie, daß jene Gegenstände, worauf sie zu Hanse den höchsten Wert legten, in ihrer neuen Heimat wenig geachtet werden. Ihre kleinlichen Fcndalverbindungcn, ihre prahlende Betterschnft mit irgend einem nnbarbierten Eigentümer von zwei oder drei kahlen Bergen, ihre Legenden von zwei oder drei außerordentlichen Männern, deren Namen man niemals außerhalb Schottlands gehört hat, ihre puritanische Mäßigkeit, worin sie erzogen worden, und die Sparsamkeit, die sie sich zu eigen gemacht — all dergleichen stimmt nicht übercin mit den positiven und verschwenderischen Gewöhnungen John Bults. Rcisebilder H. Das Gepräge John Bults ist sv tief und scharf, wie das einer griechische» Denkmünze; und wo und wie man ihn findet, sei es in London oder Kalkutta, sei es als Herr oder Diener, kann man ihn nie verkennen. Überall ist er ein Wesen wie eine plumpe Thatsache, sehr ehrlich, aber kalt und durchaus abstoßend. Er hat ganz die Solidität einer materiellen Substanz, und man kann nie umhin zu bemerken, daß, wo er auch sei und mit wem er auch sei, John Bull sich doch immer als die Hauptperson betrachtet — so wie auch, daß er niemals Rat oder Lehre von demjenigen annehmen wird, der sich vorher die Miene gegeben, als ob er dessen bedürfe. Und wo er auch sei, bemerkt man: sein eigener Komfort, sein eigener unmittelbarer, persönlicher Komfort, ist der große Gegenstand all seiner Wunsche und Bestrebungen. Denkt John Bull, daß Aussicht zu irgend einem Gelvinn, vorhanden sei, so wird er schon beim ersten Zusammentreffen sich mit jeniand einlassen. Will man aber einen intimen Freund an ihm haben, so muß man ihm wie einem Frauenzimmer die Cour machen; hat man endlich seine Freundschaft erlangt, so findet man bald, daß sie nicht der Mühe wert war. Vorher, ehe man sich um ihn bewarb, gab er kälte, genaue Höflichkeit, und was er nachher zu geben hat, ist nicht viel mehr. Man findet bei ihm eine mechanische Förmlichkeit und ein offenes Bekenntnis jener Selbstsucht, welche andere Leute vielleicht ebenso stark besitzen, aber gar sorgsam verbergen, so daß uns das kostbarste Gastmahl eines Engländers kaum halb so gut schmeckt wie die Hand voll Datteln des Beduinen in der Wüste. Aber während John Bull der kälteste Freund ist, ist er der sicherste Nachbar, und der geradsinnigstc und generöseste Feind; Währeltd er sein eigenes Schloß wie ein Pascha hütet, sncht er nie in ein fremdes einzudringen. Komfort und Unabhängigkeit — unter dem einen versteht er die Befugnis, sich alles zu kaufen, was zn seiner bequemsten Behaglichkeit beitragen kann, unter dem andern Ausdruck versteht er das Gefühl, daß er alles thnn kann, was er will, und alles sagen kann, was er denkt — diese beiden sind ihm die Ursache, und da kümmert er sich wenig um die zufälligen und vielleicht chimärischen Auszeichnungen, die in der übrigen Welt so viel Plag' und Not hervorbringen. Sein Stolz — und er hat Stolz in hinlänglicher Fülle — ist nicht der Stolz des Haman; wenig kümmert es ihn, ob Mardnchai, der Jude, lang und breit vor der Thüre seines Hauses sitzt, nur dafür sorgt er, daß besagter Mardachai nicht ins Haus hineinkomme, ohne seine specielle Erlaubnis, die er ihm gewiß nur dann gewährt, wenn es zusammenstimmt mit seinem eigenen Vorteil und Komfort. Sein Stolz ist ein englisches GewttchS; obschon er ziemlich viel prahlt, so ist seine Prahlerei doch nicht von der Art anderer John Bull. 187 Völker. Nie sieht man, daß er sich auf Rechnung seiner Vorfahren irgend ein Air von Würde beimesse! Wenn John Bull seine Taschen voll Guincen hat und ein Mann geworden ist, der warm sitzt, so kümmert es ihn keinen Pfifferling, ob sein Großvater ein Herzog war oder ein Karrenschicber, „Jedermann ist er selbst und er ist nicht sein Vater" ist Johns Theorie, und nach dieser richtet er seine Handlungen. Er prahlt nur damit, daß er ein Engländer ist, daß er irgendwo zwischen Lowestoft und St. Davids und zwischen Penzance und Berwick das Licht des Tages erblickte, und thut sich auf diesen Umstand mehr zu gut, als wenn er auf irgend einem andern Fleck dieses Planeten geboren worden wäre; denn Alt-England gehört ihm, und er gehört Alt-England. Diesem aber ist nichts gleich ans der ganzen Welt, es kann die ganze Welt ernähren, die ganze Welt unterrichten, und wenn es darauf ankäme, auch die ganze Welt erobern. Aber das ist nur im allgemeinen gesagt; denn ersucht man John auf das Besondere einzugehen, und rückt ihm etwas näher zu Leibe, so findet man, daß in diesem gepriesenen England eigentlich doch nichts vorhanden ist, womit er ganz zufrieden wäre, außer ihm selbst. Man erwähne gegen ihn den König, denselben König, dessen Thron er mit so großem Stolz auf seinen Schultern trägt — und gleich klagt er über Verschwendung im königlichen Hausstand, Bestechlichkeit und königliche Gunst, wachsenden bedrohlichen Einfluß der Krone, und beteuert, daß, wenn nicht bedeutende, schnelle Eingriffe und Beschränkungen stattfinden, so wird England bald nicht mehr England sein. Erwähnt man gegen ihn die Parlamente — so brummt er und verdammt beide, klagt, daß das Oberhaus durch Hofgnnst und das Unterhaus durch Parteiwesen und Bestechungen gefüllt werden, und vielleicht versichert er obendrein, England würde besser daran sein, wenn es gar kein Parlament gäbe. Erwähnt man gegen ihn die Kirche — so bricht er aus in ein Zetergeschrei über Zehnten und über gemästete Pfaffen, die das Wort Gottes zu ihrer Domäne gemacht haben und alle mühsamen Früchte fremder Arbeit in geistlichem Müßiggange verzehren. Erwähnt man die öffentliche Meinung und den großen Vorteil der schnellen Verbreitung aller Art von Mitteilung — so beklagt er ganz sicher, daß der Irrtum auf diesen verbesserten Wegen ebenso schnell reist wie die Wahrheit, und daß das Volk alte Dummheiten aufgiebt, um sich neue dafür anzuschaffen. Kurz, in England giebt es keine einzige Institution, womit John vollkommen zufrieden wäre. Sogar die Elemente trifft sein Tadel, und von Anfang bis Ende deS Jahres murrt er über das Klima ebenso stark, wie über Dinge, die von Menschen herrühren. Selbst mit den Gütern, die er selbst erworben, ist er unzufrieden, 188 Neisebilder II, wenn man ihn näher ausforscht. Obschon er große Reichtümer zusammengescharrt hat, so ist doch sein beständiger Refrain, daß er zu Grunde geh'; er ist bettelarm, während er zwischen aufgehäuften Schätzen in einem Palaste wohnt; und er stirbt vor Hunger — während er so rund gefüttert ist, daß er mit seinem Schinerbauche Mühe hat, sich von einem Ende des Zimmers nach dem andern hinzuschieben. Nur eines gicbt es, was sein vollständiges Lob erhält, selbst wenn man es ganz besonders erwähnt — und das ist die Flotte, die Kriegsschiffe, Alt-Englands hölzerne Wälle; und diese lobt er vielleicht, weil er sie nie sieht. Indessen, wir wollen diese Tadelsucht nicht tadeln, Sie hat dazu beigetragen, England zu dem zu machen und zu erhalten, was es jetzt ist. Dieser Murrsinn des rauhen, halsstarrigen, aber ehrlichen John Bull ist vielleicht das Bollwerk britischer Größe im Ausland und britischer Freiheit daheim, und obgleich manche Provinzen Großbritanniens es nicht genug zu schätzen wissen, so verdanken sie doch das reelle Gute, das sie besitzen, weit eher John Bults beharrlichem Knurren als der nachgiebigen Philosophie des Schotten oder dem stürmischen Feuer des Jrländers, Diese beiden Volker, in der jetzigen Klemme, scheinen nicht Kraft und Ausdauer genug zu besitzen, ihre eigenen Rechte zu erhalten und ihr eigenes Heil zu befördern; und wenn irgend ein Widerstand gegen Eingriffe in die allgemeine Freiheit zu leisten ist oder eine Maßregel für das allgemeine Beste ergriffen werden soll, so zeigen uns die Tagebücher deS Parlaments und die Petitionen, die darin vorgebracht werden, daß in den meisten Fällen mit einem solchen Widerstand und einer solchen Maßregel niemand anders hervortritt als John Bull, der mürrische, selbstsüchtige, brummende, aber doch kühne, männliche, unabhängige, nncrweichbare, vordringende und durchdringende John Bull. V, like ok dzi "iValtsr Lvobb. Armer Walter Scott! Wärest du reich gewesen, du hättest jenes Buch nicht geschrieben, und wärest kein armer Walter Scott geworden! Aber die Curatores der Constableschen Masse kamen zusammen, und rechneten und rechneten, und nach langem Subtrahieren und Dividieren schüttelten sie die Köpfe — und dem armen Walter Scott blieb nichts übrig als Lorbeeren und Schulden. Da geschah dnS Außerordentliche' der Sänger großer Thaten wollte sich auch einmal Iiis liks ol ldlaxoleoa Laonaxarts. 183 im Heroismus? versuchen, er entschloß sich zu einer osssio bonorum, der Lorbeer des großen Unbekannten wurde taxiert, um große bekannte Schulden zu decken — und so entstand in hungriger Geschwindigkeit, in bankrotter Begeisterung das Leben Napoleons, ein Buch, das von den Bedürfnissen des neugierigen Publikums im allgemeinen und des englischen Ministeriums insbesondere gut bezahlt werden sollte. Lobt ihn, den braven Bürger! lobt ihn, ihr sämtlichen Philister des ganzen Erdballs! lob ihn, du liebe Krämertugend, die alles aufopfert, um die Wechsel am Verfalltage einzulösen — nur mir mutet nicht zu, daß auch ich ihn lobe. Seltsam! der tote Kaiser ist im Grabe noch das Verderben der Briten, und durch ihn hat jetzt Britanniens größter Dichter seinen Lorbeer verloren. Es war Britanniens größter Dichter, man mag sagen und einwenden, was man will. Zwar die Kritiker seiner Romane mäkelten an seiner Größe und warfen ihm vor, er dehne sich zu sehr ins Breite, er gehe zu sehr ins Detail, er schaffe seine großen Gestalten nur durch Zusammensetzung einer Menge von kleinen Zügen, er bedürfe unzählig vieler Umständlichkeiten, um die starken Effekte hervorzubringen. — Aber, die Wahrheit zu sagen, er glich hierin einem Millionär, der sein ganzes Vermögen in lauter Scheidemünze liegen hat, und immer drei bis vier Wagen mit Säcken voll Groschen und Pfennigen herbeifahren muß, wenn er eine große Summe zu bezählen hat, und der dennoch, sobald man sich über solche Unart und das mühsame Schleppen und Zählen beklagen will, ganz richtig entgegnen kann: gleichviel wie, so gäbe er doch immer die verlangte Summe, er gäbe sie doch, und er sei im Grunde ebenso zahlsähig und auch wohl ebenso reich wie etwa ein anderer, der nur blanke Goldbarren liegen hat, ja er habe sogar den Vorteil des erleichterten Verkehrs, indem jener sich auf dem großen Gemüsemarkte mit seinen großen Goldbarren, die dort keilten Kurs haben, nicht zu helfen weiß, während jedes Kramweib mit beiden Händen zugreift, wenn ihr gute Groschen und Pfennige geboten werden. Mit diesem populären Rcichtumc des britischen Dichters hat es jetzt ein Ende, und er, dessen Münze so kurant war, daß die Herzogin und die Schneidersfrau sie mit gleichem Interesse annahmen, er ist jetzt ein armer Waller Scott geworden. Sein Schicksal mahnt an die Sage von den Bergeisen, die neckisch wohlthätig den armen Leuten Geld schenken, das hübsch blank und gedeihlich bleibt, solange sie es gut anwenden, das sich aber unter ihren Händen in eitel Staub verwandelt, sobald sie eS zu nichtswürdigen Zwecken mißbrauchen. Sack nach Sack öffnen wir Walter Scotts neue Zufuhr, und siehe da! statt der blitzenden, lachenden Grösclstein finden wir nichts als Staub und wieder Staub. Ihn bestraften die Bergeisen des PnrnassuS, die Musen, die wie alle edel- 1S0 Reisebilder H. sinnigen Weider, leidenschaftliche Napoleonistinnen sind, und daher doppelt empört innren über den Mißbrauch der verliehenen Geistesschätze. Wert und Tendenz des Scottschen Werkes sind in allen Zeitschriften Eurvpas beleuchtet worden. Nicht bloß die erbitterten Franzosen, sondern auch die bestürzten Landsleute des Verfassers haben das Verdainmungsurteil ausgesprochen. In diesen allgemeinen Weltunwillen mußten auch die Deutschen einstimmen; mit schwerverhal- tenein Feuereifer sprach das Stuttgarter Litteraturblatt, mit kalter Ruhe äußerten sich die Berliner Jahrbücher für wissenschaftliche Kritik, und der Recenseut, der jene kalte Ruhe um so wohlfeiler erschwang, je weniger teuer ihm der Held des Buches sein muß, charakterisiert dasselbe mit den trefflichen Worten: „In dieser Erzählung ist weder Gehalt noch Farbe, weder Anordnung noch Lebendigkeit zu finden. Verworren in oberflächlicher, nicht in tiefer Verwirrung, ohne Hervortreten des Eigentümlichen, unsicher und wandelbar zieht der gewaltige Stoff träge vorüber; kein Vorgang erscheint in seiner bestimmten Eigenheit, nirgends werden die springenden Punkte sichtbar, kein Ereignis wird deutlich, keines tritt in seiner Notwendigkeit hervor, die Verbindung ist nur äußerlich, Gehalt und Bedeutung kaum geahnet. In solcher Darstellung muß alles Licht der Geschichte erlöschen, und sie selbst wird zum nicht wunderbaren, sondern gemeinen Märchen. Die Überlegungen und Betrachtungen, welche sich öfters dem Vortrag einschieben, sind von einer entsprechenden Art. Solch dünnlicher philosophischer Bereitung ist unsere Lesewelt längst entwachsen. Der dürftige Zuschnitt einer am einzelnen haftenden Moral reicht nirgends aus. " Dergleichen und noch schlimmere Dinge, die der scharfsinnige Berliner Recenjent, Varnhagen von Ense, ausspricht, würde ich dem Walter Scott gern verzeihen. Wir sind alle Menschen, und der Beste von uns kann einmal ein schlechtes Buch schreiben. Man sagt alsdann, es sei unter aller Kritik, und die Sache ist abgemacht. Verwunderlich bleibt eS zwar, daß wir in diesem neuen Werke nicht einmal Scotts schönen Stil wiederfinden. In die farblose, wochentägliche Rede werden vergebens hier und da etliche rote, blaue und grüne Worte eingestreut, vergebens sollen glänzende Läppchen aus den Poeten die prosaische Blöße bedecken, vergebens wird die ganze Arche Noah geplündert, um bestialische Vergleichungen zu liefern, vergebens wird sogar das Wort GotteS citiert, um die dummen Gedanken zu Überschilden. Noch verwunderlicher ist es, daß es dem Walter Scott nicht einmal gelaug, sein angeborenes Talent der Gestaltenzeichnung auszuüben und den äußeren Napoleon aufzufassen. Walter Scott lernte nichts aus jenen schönen Bildern, die den Kaiser in der Umgebung seiner Generäle und Staatsleute darstellen, während Ills Iiis ol Haxolsou Lnonaxarte. 191 doch jeder, der sie unbefangen betrachtet, tief betroffen wird von der tragischen Ruhe und antiken Gemessenheit jener Gesichtszuge, die gegen die modern aufgeregten, pittoresken Tagsgesichter so schauerlich erhaben kontrastieren, und etwas Herabgcstiegen-Göttliches beurkundein Konnte aber der schottische Dichter nicht die Gestalt, so konnte er noch viel weniger den Charakter des Kaisers begreifen, und gern verzeih' ich ihm auch die Lästerung eines Gottes, den er nicht kennt. Ich muß ihm ebenfalls verzeihen, daß er seinen Wellington für einen Gott hält, und bei der Apotheose desselben so sehr in Andacht gerät, daß er, der doch so stark in Viehbildern ist, nicht weiß, womit er ihn vergleichen soll. Immerhin, wie die.Menschen sind, so sind auch ihre Götter. Stumpfsinnige Neger verehren giftige Schlangen, guer- äugige Baschkiren verehren häßliche Klötze, platte Lappländer verehren Seehunde — Sir Walter Scott giebt diesen Leuten nichts nach, und verehrt seinen Wellington. Bin ich aber tolerant gegen Walter Scott, und verzeihe ich ihm die Gehaltlosigkeit, Irrtümer, Lästerungen und Dummheiten seines Buches, verzeihe ich ihm sogar die Langeweile, die es mir verursacht — so darf ich ihm doch nimmermehr die Tendenz desselben verzeihen. Diese ist nichts geringeres als die Exkulpation des englischen Ministeriums iu betreff des Verbrechens von St. Helena. „In diesem Gerichtshandel zwischen dem englischen Ministerium uud der öffentlichen Meinung," wie der Berliner Recensent sich ausdrückt, „macht Walter Scott den Sachwalter," er verbindet Advvkntcnkniffe mit seinem poetischen Talente, um den Thatbestand und die Geschichte zu verdrehen, und seine Klienten, die zugleich seine Patrone sind, dürften ihm wohl außer seinen Sporteln noch extra ein Douceur in die Hand drücken. Die Engländer haben den Kaiser bloß ermordet, aber Walter Scot t hat ihn verkauft. Es ist ein rechtes Schottenstück, ein echt schottisches Nationalstiickchen, und man sieht, daß schottischer Geiz noch immer der alte, schmutzige Geiz ist, und sich nicht sonderlich verändert hat seit den Tagen von Naseby, wo die Schotten ihren eigenen König, der sich ihrem Schutze anvertraut, für die Summe von 499 999 Pfund Sterling an seine englischen Henker verkauft haben. Jener König ist derselbe Karl Stuart, den jetzt Caledonias Barden so herrlich besingen, — der Engländer mordet, aber der Schotte verkauft und besingt. Das englische Ministerium hat seinem Advokaten zu obigem Ve hufe das Archiv des torsiAn cckkios geöffnet, und dieser hat im neunten Bande seines Werks die Aktenstücke, die ein günstiges Licht auf seine Partei und einen nachteiligen Schatten auf deren Gegner werfen konnten, gewissenhaft benutzt. Deshalb gewinnt dieser neunte Band bei all seiner ästhetischen Wertlosigkeit, worin er den vor- 132 Reisebilder II. gehenden Bänden nichts nachgiebt, dennoch ein gewisses Interesse; man erwartet bedeutende Aktenstücke, und da man deren keine findet, so ist das ein Beweis, daß deren keine vorhanden waren, die zu Gunsten der englischen Minister sprechen — und dieser negative Inhalt des Buches ist ein wichtiges Resultat. Alle Ausbeute, die das englische Archiv liefert, beschränkt sich auf einige glaubwürdige Kommunikationen des edlen Sir Hudson Lowe und dessen Myrmidonen und einige Aussagen des General Gvurgaud, der, wenn solche wirklich von ihm gemacht worden, als ein schamloser Verrater seines kaiserlichen Herrn und Wohlthäters ebenfalls Glauben verdient. Ich will das Faktum dieser Aussagen nicht untersuchen, es scheint sogar wahr zu sein, da es der Baron Stürmer, einer von den drei Statisten der großen Tragödie, konstatiert hat; aber ich sehe nicht ein, was im günstigsten Falle dadurch bewiesen wird, außer daß Sir Hudson Lowe nicht der einzige Lump auf St. Helena war. Mit Hilfsmitteln solcher Art und erbärmlichen Suggestionen behandelt Walter Scott die Gefangenschaftsgeschichte Napoleons, und bemüht sich, uns zu überzeugen, daß der Exkaiser — so nennt ihn der Exdichter — nichts klügeres thnu konnte, als sich den Engländern zu übergeben, obgleich er seine Abführung nach St. Helena vorauswissen mußte, daß er dort ganz charmant behandelt worden, indem er vollauf zu essen und zu Irinken hatte, und daß er endlich frisch und gesund und als ein guter Christ an einem Magenkrebse gestorben. Walter Scott, indem er solchermaßen den Kaiser voraussehen läßt, wie weit sich die Generosität der Engländer erstrecken würde, nämlich bis St. Helena, befreit ihn von dem gewöhnlichen Vorwurf, die tragische Erhabenheit seines Unglücks habe ihn selbst so gewaltig begeistert, daß er civilisierte Engländer für persische Barbaren und die Beefsieakkllche von St. James für den Herd eines großen Königs ansah — und eine heroische Dummheit beging. Auch macht Walter Scott den Kaiser zu dem größten Dichter, der jemals auf dieser Welt gelebt hat, indem er uns ganz ernsthaft insinuiert, daß alle jene denkwürdigen Schriften, die seine Leiden ans St. Helena berichten, sämtlich von ihm selbst diktiert worden. Ich kann nicht umhin, hier die Bemerkung zu machen, daß dieser Teil des Walter Scottschcn Buches, sowie überhaupt die Schriften selbst, wovon er hier spricht, absonderlich die Memoiren von O'Meara, auch die Erzählung des Kapitän Maitland, mich zuweilen an die possenhafteste Geschichte von der Welt erinnert, so daß der schmerzlichste Unmut meiner Seele plötzlich in muntere Lachlust übergehen will. Diese Geschichte ist aber keine andere als „Die Schicksale deS Lemuel Gulliver", ein Buch, worüber ich einst als Knabe, so viel gelacht, und worin gar ergötzlich zu lesen ist, wie die kleinen / '..ii .i Sv-^^LB lllbs Iiis oi dkapoleon Lnonaparts. 193 Liliputaner nicht wissen, was sie mit dem großen Gefangenen anfangen sollen, wie sie tansendweise an ihm hernmklettern und ihn mit unzähligen dünnen Härchen festbinden, wie sie mit großen Anstalten ihm ein eigenes großes Haus errichten, wie sie über die Menge Lebensmittel klagen, die sie ihm täglich verabreichen müssen, wie sie ihn im Staatsrat anschwärzen und beständig jammern, daß er dem Lande zu viel koste, wie sie ihn gern umbringen möchten, ihn aber noch im Tode fürchten, da sein Leichnam eine Pest hervorbringen könne, wie sie sich endlich zur glorreichsten Großmut entschließen, und ihm seineu Titel lassen und nur seine Augen ausstechen wollen rn s. Nu Wahrlich, überall ist Lilipnt, wo ein großer Mensch unter kleine Menschen gerät, die unermüdlich und auf die kleinlichste Weise ihn abquälen, und die Widder durch ihn genug Qual und Not ausstehen; aber hätte der Dechant Swift in unserer Zeit sein Buch geschrieben, so würde man in dessen scharfgeschliffcnem Spiegel nur die Gefangenschaftsgeschichte des Kaisers erblicken, und bis auf die Farbe des Rocks und des Gesichts die Zwerge erkennen, die ihn gequält haben. Nur der Schluß des Märchens von St. Helena ist anders, der Kaiser stirbt an einem Magenkrebs, und Walter Scott versichert uns, das sei die alleinige Ursache seines Todes. Darin will ich ihm auch nicht widersprechen. Die Sache ist nicht uinuöglich. Es ist möglich, daß ein Mann, der auf der Folterbank gespannt liegt, plötzlich ganz natürlich an einem Schlagfluß stirbt. Aber die böse Welt wird sagen, die Folterknechte haben ihn hingerichtet. Die böse Welt hat sich nun einmal vorgenommen, die Sache ganz anders zu betrachten, wie der gute Walter Scott. Wenn dieser gute Mann, der sonst so bibelfest ist und gern das Evangelium citiert, in jenem Aufruhr der Elemente, in jenem Orkane, der beim Tode Napoleons ausbrach, nichts anderes sieht, als ein Ereignis, das auch beim Tode Crvm- wclls stattfand, so hat doch die Welt darüber ihre eigenen Gedanken. Sie betrachtet den Tod Napoleons als die entsetzlichste Unthat, losbrechendes Schmerzgefühl wird Anbetung, vergebens macht Walter Scott den aävovntum cliuboli, die Heiligsprechung des toten Kaisers strömt aus allen edeln Herzen, alle edeln Herzen des europäischen Vaterlandes verachten seine kleinen Henker und den großen Barden, der sich zu ihrem Complicen gesungen, die Musen werden bessere Sänger zur Feier ihres Lieblings begeistern, und wenn einst Menschen verstummen, so sprechen die Steine, und der Marthrfelsen St. Helena ragt schauerlich aus den MeereSwellen, und erzählt den Jahrtausenden seine ungeheure Geschichte. H-ine's Werke. VI. Bd. 13 194 Neisebilder II. VI. Gld Bailef. Schon der Nanie Old Bailey erfüllt die Seele mit Grauen. Man denkt sich gleich ein großes schwarzes, mißmutiges Gebäude, einen Palast des Elends und des Verbrechens. Der linke Flügel, der das eigentliche Newgate bildet, dient als Kriminalgefüngnis, und da sieht man nur eine hohe Wand von wetterschwarzen Quadern, worin zwei Nischen mit ebenso schwarzen allegorischen Figuren, und, wenn ich nicht irre, stellt eine von ihnen die Gerechtigkeit vor, indem, wie gewöhnlich, die Hand mit der Wage abgebrochen ist, und nichts als ein blindes Weibsbild mit einem Schwerte übrig blieb. Ungefähr gegen die Mitte des Gebäudes ist der Altar dieser Göttin, nämlich das Fenster, wo das Galgengeriist zu stehen kommt, und endlich rechts befindet sich der Kriminalgerichtshof, worin die vierteljährlichen Sessionen gehalten werden. Hier ist ein Thor, das gleich den Pforten der Danteschen Hölle die Inschrift tragen sollte: l?sr ras sl va, nsllu siltä, ckolsnts, ?sr ins si va, nsIU stsrno ckolors, ?sr ms sl vs, tru In xsrcluta, Asnts. Durch dieses Thor gelangt man auf einen kleinen Hof, wo der Abschaum des Pöbels versammelt ist, um die Verbrecher durchpassieren zu sehen; auch stehen hier Freunde und Feinde derselben, Verwandte, Bettclkinder, Blödsinnige, besonders alte Weiber, die den Rechtsfall des Tages abhandeln, und vielleicht mit mehr Einsicht als Richter und Jury, trotz all ihrer kurzweiligen Feierlichkeit und langweiligen Jurisprudenz. Hab' ich doch draußen vor der Gerichtsthüre eine alte Frau gesehen, die im Kreise ihrer Gevatterinnen den armen schwarzen William besser verteidigte, als drinnen im Saale dessen grundgelehrter Advokat — wie sie die letzte Thräne mit der zerlumpten Schürze aus den roten Augen wegwischte, schien auch Williams ganze Schuld vertilgt zu sein. Im Gerichtssaale selbst, der nicht besonders groß, ist unten vor der sogenannten Bar (Schranken) wenig Platz für das Publikum; dafür giebt es aber oben an beiden Seiten sehr geräumige Galerien mit erhöhten Bänken, wo die Zuschauer Kopf über Kopf gestapelt stehen. Als ich Old Bailey besuchte, fand auch ich Platz auf einer solchen Galerie, die nur von einer alten Pförtnerin gegen Gratifikation eines Shillings erschlossen wurde. Ich kam in dem Augenblick, Ivo die Jury sich erhob, um zu urteilen, ob der schwarze William des angeklagten Verbrechens schuldig oder nicht schuldig sei. Old Valley. 195 Auch hier, wie in den andern Gerichtshöfen Londons, sitzen die Ric hter in blanschwarzer Toga, die hellviolett gefüttert ist, nnd ihr Haupt bedeckt die weißgepuderte Perücke, womit oft die schwarzen Augenbrauen und schwarzen Backenbärte gar drollig kontrastieren. Sie sitzen an einem langen grünen Tische, ans erhabenen Stühlen, am obersten Ende des Saales, wo an der Wand mit goldenen Buchstaben eine Bibelstelle, die vor ungerechtem Richterspruch warnt, eingegraben steht. An beiden Seiten sind Bänke für die Männer der Jury, und Plätze zum Stehen für Kläger und Zeugen. Den Richtern gerade gegenüber ist der Platz der Angeklagten; diese sitzen nicht ans einem Armcsünderbänkchen, wie bei den öffentlichen Gerichten in Frankreich und Rheinland, sondern aufrecht stehen sie hinter einem wunderlichen Brette, das oben wie ein schmalgcbvgenes Thor ausgeschnitten ist. Es soll dabei ein künstlicher Spiegel angebracht sein, wodurch der Richter imstande ist, jede Miene der Angeklagten deutlich zu beobachten. Auch liegen einige grüne Kräuter vor letzteren, nin ihre Nerven zu stärken, und das mag zuweilen nötig sein, wo man angeklagt steht auf Leib und Leben. Auch auf dem Tische der Richter sah ich dergleichen grüne Kräuter und sogar eine Rose liegen. Ich weiß nicht wie es kommt, der Anblick dieser Rose hat mich tief bewegt. Die rote blühende Rose, die Blume der Liebe nnd des Frühlings, lag ans dem schrecklichen Richtertische von Old Bailey. Es war im Saale so schwül nnd dumpfig. Es schaute alles so unheimlich mürrisch, so wahnsinnig ernst. Die Menschen sahen ans, als kröchen ihnen graue Spinnen über die blöden Gesichter. Hörbar klirrten die eisernen Wagschalen über dem Haupte des schwarzen William. Auch ans der Galerie bildete sich eine Jury. Eine dicke Dame, ans deren rot aufgedunsenem Gesicht die kleinen Äuglein wie Glühwürmchen hervorglimmtcn, machte die Bemerkung, daß der schwarze William ein sehr hübscher Bursche sei. Indessen ihre Nachbarin, eine zarte, piepsende Seele in einem Körper von schlechtem Postpapier, behauptete, er trüge das schwarze Haar zu lang nnd zottig, und blitze mit den Augen wie Herr Kean im Othello -- „Dagegen," fuhr sie fort, „ist doch der Thomson ein ganz anderer Mensch, mit Hellem Haar nnd glatt gekämmt nach der Mode, und er ist ein sehr geschickter Mensch, er bläst ein bißchen die Flöte, er malt ein bißchen, "er spricht ein bißchen französisch" — „Und stiehlt ein bißchen," fügte die dicke Dame hinzu. „Ei was, stehlen!" versetzte die dünne Nachbarin, „das ist doch nicht so barbarisch wie Fälschung; denn ein Dieb, es sei denn, er habe ein Schaf gestohlen, wird nach Botany-Bay transportiert, während der Bösewicht, der eine Handschrift verfälscht hat, ohne Gnad' nnd Barmherzigkeit gehenkt wird." „Ohne Gnad' und Barmherzigkeit!" seufzte neben mir ein magerer Mann in einem verwitterten schwarzen Rock; „Hängen! kein Mensch hat das Recht, einen 13* 136 Reiscbildcr II. andern umbringen zu lassen, nur allerwenigsten sollten Christen ein Todesurteil fällen, da sie doch daran denken sollten, daß der Stifter ihrer Religion, unser Herr und Heiland, unschuldig verurteilt und hingerichtet worden!" „Ei was," rief wieder die dünne Dame, und lächelte mit ihren dünnen Lippen, „wenn so ein Fälscher nicht gehenkt würde, wäre ja kein reicher Mann seines Vermögens sicher, z. B. der dicke Jude in Lombard Street, Saint Swinthins Lane, oder unser Freund Herr Scott, dessen Handschrift so täuschend nachgemacht worden. Und Herr Scott hat doch sein Vermögen so sauer erworben, und man sagt sogar, er sei dadurch reich geworden, daß er für Geld die Krankheiten anderer auf sich nahm, ja die Kinder laufen ihm jetzt noch auf der Straße nach, und rufen: Ich gebe dir einen Sixpence, wenn du mir mein Zahnweh abnimmst, wir geben dir einen Shilling, wenn du Gottfriedchens Buckel nehmen willst" — „Kurios!" fiel ihr die dicke Dame in die Rede, „es ist doch kurios, daß der schwarze William und der Thomson frnherhin die besten Spießgesellen gewesen sind, und zusammen gewohnt und gegessen und getrunken haben, und jetzt Edward Thomson seinen alten Freund der Fälschung anklagt! Warum ist aber die Schwester von Thomson nicht hier, da sie doch sonst ihrem süßen William überall nachgelaufen?" Ein junges schönes Frauenzimmer, über dessen holdem Gesicht eine dunkle Betrübnis verbreitet lag, wie ein schwarzer Flor über einem blühenden Rosenstrauch, flüsterte jetzt eine ganz lange, verweinte Geschichte, wovon ich nur so viel verstand, daß ihre Freundin, die schöne Mary, von ihrem Bruder gar bitterlich geschlagen worden und todkrank zu Bette liege. „Nennt sie doch nicht die schöne Mary!" brummte verdrießlich die dicke Dame; „viel zu mager, sie ist viel zu mager, als daß man sie schön nennen könnte, und wenn gar ihr William gehenkt wird —" In diesem Augenblick erschienen die'Männer der Jury und erklärten, daß der Angeklagte der Fälschung schuldig sei. Als man hierauf den schwarzen William aus dem Saale fortführte, warf er einen langen, langen Blick ans Edward Thomson. Nach einer Sage des Morgenlandes war Satan einst ein Engel und lebte im Himmel mit den andern Engeln, bis er diese zum Abfall verleiten wollte, und deshalb von der Gottheit hinuntergestoßen wurde in die ewige Nacht der Hölle. Während er aber vom Himmel hinabsank, schaute er immer noch in die Höhe, immer nach dem Engel, der ihn angeklagt hatte; je tiefer er sank, desto entsetzlicher und immer entsetzlicher wurde sein Blick. — Und es muß ein schlimmer Blick gewesen sein; denn jener Engel, den er traf, wurde bleich, niemals trat wieder Röte in seine Wangen, und er heißt seitdem der Engel deS Todes. Bleich wie der Engel des Todes wurde Edward Thomson. Körperliche Strafe in England. 137 VII. Körperliche Strafe in England. Ich kann nicht bestimmt genug persichern, wie sehr ich gegen Prügel im allgemeinen eingenommen bin, und wie sehr sich mein Gefühl empört, wenn ich geprügelte Nebenmenschen insbesondere sehe. Der stolze Herr der Erde, der hohe Geist, der das Meer beherrscht und die Gesetze der Sterne erforschst wird gewiß durch nichts so sehr gcdemütigt als durch körperliche Strafe. Die Götter, um den lodernden Hochmut der Menschen herabzudämpfcn, erschufen sie die Prügel. Die Menschen aber, deren Erfindungsgcist durch den brütenden Unwillen geschärft wurde, erschufen dagegen das Uoint cl'bonnsur. Franzosen, Japaner, indische Brahminen und das Offizierkorps des Kontinents haben diese Erfindung am schönsten ausgebildet, sie haben die Blutrache der Ehre in Paragraphen gebracht, und die Duelle, obgleich sie von den StaatSgesetzen, von der Religion und selbst von der Vernunft mißbilligt werden, sind dennoch eine Blüte schöner Menschlichkeit. Bei den Engländern aber, wo sonst alle Erfindungen zur höchsten Vollkommenheit verfeinert werden, hat das Uoint cl'bonnsur noch nicht seine rechte Politur empfangen. Der Engländer hält Prügel noch immer für kein so großes Übel wie den Tod, und während meines Ausenthalts in England habe ich mancher Scene beigewohnt, wo ich auf den Gedanken kommen durfte, als haben Prügel in dem freien England keine so schlimmen Wirkungen auf die persönliche Ehre wie im despotischen Deutschland. Ich habe Lords abPrügeln gesehen, und sie schienen nur das Materielle dieser Beleidigung zu fühlen. Bei den Pferderennen zu Epsom und Brightou sah ich Jokeys, die, um den Wettreitern Bahn zu macheu, mit einer langen Peitsche hin und her liefen, und Lords und Gentlemcn aus dem Weg peitschten. Und was thaten die solchermaßen berührten Herren? Sie lachten mit einem saueren Gesichte. Ist also körperliche Strafe in England nicht so entehrend wie bei uns, so ist doch der Vorwurf ihrer Grausamkeit dadurch noch nicht gemildert. Aber dieser trifft nicht das englische Volk, sondern die Aristokratie, die nuter dem Wohl Englands nichts anderes versteht als die Sicherheit ihrer eigenen Herrschaft. Freien Menschen mit freiem Ehrgefühl dürfte diese despotische Rotte nicht trauen; sie bedarf des blinden Gehorsams geprügelter Sklaven. Der englische Soldat muß ganz Maschine sein, ganz Automat, das aufs Kom- mandowort marschiert und losschießt. Daher bedarf er auch keines Befehlshabers von bedeutender Persönlichkeit. Eines solchen bedurften 198 Reisebilder II. freie Franzosen, die der Enthusiasmus leitet, und die einst, trunken von der Feuersccle ihres großen Fcldherrn, >vie im Rausche die Welt eroberten. Englische Soldaten bedürfen keines Feldherrn, nicht einmal eines Feldherrnstabs, sondern nur eines Korporalstocks, der die ausgerechneten Ministerialinstrnktioncn, wie es von einem Stück Holz zu erwarten steht, recht ruhig und genau ausführt. Und, o je! da ich ihn doch einmal rühmen muß, so gestehe ich, ein ganz vorzüglicher Stock solcher Art ist der Wellington, dieser eckig geschnitzelte Hampelmann, der sich ganz nach dem Schnürchen bewegt, woran die Aristokratie zieht, dieser hölzerne Völkervampir mit hölzernem Blick svooäsn looü, ivie Byron sagt), und ich möchte hinzusetzen: mit hölzernem Herzen. Wahrlich, Alt-England kann ihn zu jenen hölzernen Schutzmauern rechnen, womit es beständig prahlt. General Foy hat in seiner Geschichte des Krieges auf der pyre- näischen Halbinsel den Kontrast des französischen und englischen Militärs und ihrer Manneszucht sehr treffend geschildert, und diese Schilderung zeigt uns, was Ehrgefühl und waS Prügel aus dein Soldaten machen. Es ist zu hoffen, daß das grausame System, welches die englische Aristokratie befolgt, sich nicht lange mehr erhält, und John Bull seinen regierenden Korporalstock entzweibricht. Denn John ist ein guter Christ, er ist milde und wohlwollend, er seufzt über die Härte seiner Landesgesetze, und in seinem Herzen wohnt die Menschlichkeit. Ich könnte eine hübsche Geschichte davon erzählen. Ein andermal! VIII. Das neue ^Ninisterimn. In Bedlam habe ich vorigen Sommer einen Philosophen kennen gelernt, der mir mit heimlichen Augen und flüsternder Stimme viele nächtige Aufschlüsse über den Ursprung des Übels gegeben hat. Wie mancher andere seiner Kollegen meinte auch er, daß man hierbei etwas Historisches annehmen müsse. Was mich betrifft, ich neigte mich ebenfalls zu einer solchen Annahme, und erklärte das Grundübel der Welt nuS dem Umstand, daß der liebe Gott zu wenig Geld erschaffen habe. „Du hast gut reden," antwortete der Philosoph, „der liebe Gott war sehr knapp bei Kassa, als er die Welt erschuf. Er mußte daS Geld dazu beim Teufel borgen, und ihm die ganze Schöpfung als Hypothek verschreiben. Da ihm nun der liebe Gott von Gott- und Rechtswegen die Welt noch schuldig ist, so darf er ihm auch anS Delikatesse nicht verwehren, sich darin herum zu treibe» und Ver- Das neue Ministerium. 199 wirrung und Unheil zu stiften. Der Teufel aber ist seinerseits wieder sehr stark dabei interessiert, daß die Welt nicht ganz zu Grunde und folglich seine Hypothek verloren gehe; er hütet sich daher, es allzutoll zu machen, und der liebe Gott, der auch nicht dumm ist und wohl weiß, daß er im Eigennutz des Teufels seine geheime Garantie hat, geht oft so weit, daß er ihm die ganze Herrschaft der Welt anvertraut, d. h. dem Teufel den Auftrag giebt, ein Ministerium zu bilden. Dann geschieht, was sich von selbst versteht, Samiel erhält das Kommando der höllischen Heerscharen, Beelzebub wird Kanzler, Bizliputzli wird Staatssekretär, die alte Großmutter bekommt die Kolonien u. s. w. Diese Verbündeten wirtschaften dann in ihrer Weise, und indem sie, trotz des bösen Willens ihrer Herzen, aus Eigennutz gezwungen sind, das Heil der Welt zu befördern, entschädigen sie sich für diesen Zwang dadurch, daß sie zu den guten Zwecken immer die niederträchtigsten Mittel anwenden. Sie trieben es jüngsthin so arg, daß Gott im Himmel solche Greuel nicht länger ansehen konnte, und einem Engel den Auftrag gab, ein neues Ministerium zu bilden. Dieser sammelte nun um sich her alle Geister. Freudige Wärme durchdrang wieder die Welt, es wurde Licht und die bösen Geister entwichen. Aber sie legten doch nicht ruhig die Klauen in den Schoß, heimlich wirken sie gegen alles Gute, sie vergiften die neuen Heilquellen, sie zerknicken hämisch jede Roscnknospe des neuen Frühlings, mit ihren Amendements zerstören sie den Baum des Lebens, chaotisches Verderben droht alles zu verschlingen, und der liebe Gott wird am Ende wieder dem Teufel die Herrschaft übergeben müssen, damit sie, sei es auch durch die schlechtesten Mittel, wenigstens erhalten werde. Siehst du, das ist die schlimme Nachwirkung einer Schuld." Diese Mitteilung meines Freundes in Bedlam erklärte vielleicht den jetzigen englischen Ministerwechsel. Erliegen müssen die Freunde CanningS, die ich die guten Geister Englands nenne, weil ihre Gegner dessen Teufel sind; diese, den dummen Teufel Wellington an ihrer Spitze, erheben jetzt ihr Siegesgeschrei. Schelte mir keiner den armen George, er mußte den Umständen nachgeben. Man kann nicht leugnen, daß nach Cannings Tode die Whigs nicht imstande waren, die Ruhe in England zu erhalten, da die Maßregeln, die sie deshalb zu ergreifen hatten, beständig von den Tories vereitelt wurden. Der König, dem die Erhaltung der öffentlichen Ruhe, d. h. die Sicherheit seiner Krone, als das Wichtigste erscheint, mußte daher den Tories selbst wieder die Verwaltung des Staates überlassen. — Und, o! sie werden jetzt wieder nach wie vor alle Früchte des VolkSflcißes in ihren eigenen Säckel hineinverwaltcn, sie werden als regierende Kornjuden die Preise ihres Getreides in die Höhe treiben, John Bull wird vor Hunger mager werden, er wird endlich für einen Bissen 200 Neisebilder II. Brot sich leibeigen selbst den hohen Herren verkaufen, sie werden ihn vor den Pflng spannen nnd peitschen, er wird nicht einmal brnmmcn dürfen, denn auf der einen Seite droht ihm der Herzog von Wellington mit dem Schwerte, und ans der andern Seite schlagt ihn der Erzbischof von Canterburh mit der Bibel auf den Kopf — und es wird Ruhe im Lande sein. Die Quelle jener Übel ist die Schuld, Iiis nninonnl llsdt, oder, lvie Cobbett sagt, Urs Irinas clslrt. Cobbctt bemerkt nämlich mit Recht: Während man allen Instituten den Namen des Königs voransetzt, z. B. blas leine's arm^, Urs IrinA'o rrnvz-, Urs leine's vonrts, Urs üin^'s prrsoirs sto., wird doch die Schuld, die eigentlich aus jenen Instituten hervorging, niemals Urs lrin^'s cisdt genannt, und sie ist das Einzige, wobei man der Nation die Ehre erzeigt, etwas nach ihr zu benennen. Der Übel größtes ist die Schuld. Sic bewirkt zwar, daß der englische Staat sich erhält, und daß sogar dessen ärgste Teufel ihn nicht zu Grunde richten, aber sie bewirkt auch, daß ganz England eine große Tretmühle geworden, wo das Volk Tag und Nacht arbeiten muß, um seine Glaubiger zu füttern, daß England vor lauter Zah- lungssorgcn alt und grau und aller heiteren Jugcndgcfühle entwöhnt wird, daß England, wie bei starkverschuldeten Menschen zu geschehen Pflegt, zur stumpfsten Resignation niedergedrückt ist und sich nicht zu helfen weiß — obgleich 900,000 Flinten nnd ebensoviel Säbel und Bajonette im Tower zu London aufbewahrt liegen, und die Wächter desselben, die feisten rotröckigen VeefeaterS, leicht überwältigt wären. IX. Die Schuld. Als ich noch sehr jung war, gab es drei Dinge, die mich ganz vorzüglich interessierten, wenn ich Zeitungen las. Zuvörderst, unter dem Artikel „Großbritannien," suchte ich gleich, ob Richard Martin keine neue Bittschrift für die mildere Behandlung der armen Pferde, Hunde nnd Esel dem Parlamente übergeben. Dann, unter dem Artikel „Frankfurt", suchte ich nach, ob der Herr Doktor Schreiber nicht wieder beim Bundestag für die grvßherzoglich hessischen Domttnen- kttnfer eingenommen. Hierauf aber fiel ich gleich über die Türkei her und durchlas das lange Konstantinvpcl, um nur zu sehen, ob nicht wieder ein Großvezier mit der seidenen Schnur beehrt worden. Dieses letztere gab mir immer den meisten Stoff zum Nachdenken. Daß ein Despot seinen Diener ohne Umstände erdrosseln läßt, fand ich ganz natürlich. Sah ich doch in der Menagerie, wie Die Schuld. 201 der König der Tiere so sehr in majestätischen Zorn geriet, daß er gewiß manchen unschuldigen Zuschauer zerrissen hätte, wäre er nicht in einer sicheren Konstitution, die ans eisernen Stangen verfertigt war, eingesperrt gewesen. Aber was mich Wunder nahm, war immer der Umstand, daß nach der Erdrosselung des alten Herrn Großvezicrs sich immer wieder jemand fand, der Lust hatte, Grvßvezier zu werden. Jetzt, >00 ich etwas älter geworden bin, und mich mehr mit den Engländern, als mit ihren Freunden, den Türken, beschäftige, ergreift mich ein analoges Erstaunen, wenn ich sehe, wie nach dem Abgang eines Premier-Ministers gleich ein anderer sich an dessen Stelle drängt, und dieser andere immer ein Mann ist, der auch ohne dieses Amt zu leben hätte, und auch (Wellington ausgenommen) nichts weniger als ein Dummkopf ist. Schrecklicher als durch die seidene Schnur endigen ja alle englischen Minister, die länger als ein Semester dieses schwere Amt verwaltet. Besonders ist dieses der Fall seit der französischen Revolution; Sorge und Not haben sich vermehrt in Downingstreet, und die Last der Geschäfte ist kaum zu ertragen. Einst waren die Verhältnisse in der Welt weit einfacher, und die sinnigen Dichter verglichen den Staat mit einem Schiffe und den Minister mit dessen Steuermann. Jetzt aber ist alleS komplizierter und verwickelter, das gewöhnliche Staatsschiff ist ein Dampfboot geworden, und der Minister hat nicht mehr ein einfaches Ruder zu regieren, sondern als verantwortlicher Ingenieur steht er unten zwischen dem ungeheuren Maschinenwerk, untersucht ängstlich jedes Eisen- stiftchen, jedes Rädchen, wodurch etwa eine Stockung entstehen könnte, schaut Tag und Nacht in die lodernde Feueresse, und schwitzt vor Hitze und Sorge — sintemalen durch das geringste Versehen von seiner Seite der große Kessel zerspringen, und bei dieser Gelegenheit Schiff und Mannschaft zu Grnnde gehen könnte. Der Kapitän und die Passagiere ergehen sich unterdessen ruhig auf dem Verdecke, ruhig flattert die Flagge auf dem Seitcnmast, und wer das Boot so ruhig dahinschwimmen sieht, ahnet nicht, welche gefährliche Maschinerie und welche Sorge und Not in seinem Bauche verborgen ist. Frühzeitigen Todes sinken sie dahin, die armen verantwortlichen Ingenieur? des englischen StaatSschiffes. Rührend ist der frühe Tod des großen Pitt, rührender der Tod des größeren Fox. Percivnl wäre an der gewöhnlichen Ministerkrankheit gestorben, wenn nicht ein Dolchstoß ihn schneller abgefertigt hätte. Diese Ministerkrankheit war es ebenfalls, was den Lord Castlercngh so zur Verzweiflung brachte, daß er sich die Kehle abschnitt zu Nord-Cray in der Grafschaft Kent. Lord Liverpool sank ans gleiche Weise in den Tod des BlödsinnS. Canning, den götterglcichcn Canning, sahen wir, vergiftet von hoch- torhschen Verleumdungen, gleich einem kranken Atlas unter seiner Wcltbürde niedersinken. Einer nach dem andern werden sie ein- 202 Neisebilder H. gescharrt in Wcstminster, die armen Minister, die für Englands Könige Tag und Nacht denken müssen, wahrend diese gedankenlos und wohlbeleibt dahinleben bis ins höchste Mcnschenalter, Wie heißt aber die große Sorge, die Englands Ministern Tag und Nacht im Gehirne wühlt und sie tötet? Sie heißt: tbs cksdk, die Schuld. Schulden, ebenso wie Vaterlandsliebe, Religion, Ehre u. s. w., gehören zwar zu den Vorzügen des Menschen — denn die Tiere haben keine Schulden — aber sie sind auch eine ganz vorzügliche Qual der Menschheit, und wie sie den Einzelnen zu Grunde richten, so bringen sie auch ganze Geschlechter ins Verderben, und sie scheinen das alte Fatnm zu ersetzen in den Nationaltragödien unserer Zeit. England kann diesem Fatnm nicht entgehen, seine Minister sehen die Schrecknisse herannahen, und slerbenmit der Verzweiflung der Ohnmacht. Wäre ich königlich preußischer Oberlandeskalknlator, oder Mitglied des Geniekvrps, so würde ich in gewohnter Weise die ganze Summe der englischen Schuld in Silbergrvschen berechnen, und genau angeben, wie viclmal man damit die große Fricdrichstraße oder gar den ganzen Erdball bedecken könnte. Aber das Rechnen war nie meine Force, und ich möchte lieber einem Engländer daS fatale Geschäft überlassen, seine Schulden aufzuzählen und die daraus entstehende Ministcrnot herauszurcchnen. Dazu taugt niemand besser als der alte Cobbett, und aus der letzten Nummer seines Registers liefere ich folgende Erörterungen. Der Zustand der Dinge ist folgender: 1) Diese Regierung, oder vielmehr diese Aristokratie und Kirche, oder auch, wie ihr wollt, diese Regierung borgte eine große Summe Geldes, wofür sie viele Siege, sowohl Land- als Scesiege, gekauft hat — eine Menge Siege von jeder Sorte und Größe. 2) Indessen muß ich zuvor bemerken, aus welcher Veranlassung und zu welchem Zwecke man die Siege gekauft hat, die Veranlassung soeeusion) war die französische Revolution, die alle aristokratischen Vorrechte und geistlichen Zehnten niedergerissen hatte; und der Zweck war die Verhütung einer Parlamentsrefvrm in England, die wahrscheinlich ein ähnliches Niederreißen aller aristokratischen Vorrechte und geistlichen Zehnten zur Folge gehabt hätte. 3) Um nun zu verhüten, daß das Beispiel der Franzosen nicht von den Engländern nachgeahmt würde, war eS nötig, die Franzosen anzugreifen , sie in ihren Fortschritten zu hemmen, ihre neuerlangte Freiheit zu gefährden, sie zu verzweifelten Handlungen zu treiben, und endlich die Revolution zu einem solchen Schreckbilde, zu einer solchen Völkerscheuche zu machen, daß man sich unter dem Namen der Freiheit nichts kils ein Aggregat von Schlechtigkeit, Greuel und Blut vorstellen, und das englische Volk in der Begeisterung seines Schreckens dahin gebracht würde, sich sogar ordentlich zu vcr- Die Schuld. 203 lieben in jene greuelhaft despotische Regierung, die einst in Frankreich blühte, und die jeder Engländer von jeher verabscheute, seit den Tagen Alfreds des Großen bis herab auf Georg den Dritten. 4) Um jene Vorsätze auszuführen, bedurfte man der Mithilfe verschiedener fremder Nationen: diese Nationen wurden daher mit englischem Gelde unterstützt ssndsiclmsck); französische Emigranten wurden mit englischem Gelde unterhalten; kurz, man führte einen zwei- undzwanzigjahrigenKrieg, um jenes Volk niederzudrücken, das sich gegen aristokratische Vorrechte und geistliche Zehnten erhoben hatte. 5) Unsere Regierung also erhielt „unzählige Siege" über die Franzosen, die, wie es scheint, immer geschlagen worden; aber diese unsere unzähligen Siege waren gekauft/d. h. sie wurden erfochten von Mietlingen, die wir für Geld dazu gedungen hatten, und wir hatten in unserem Solde zu einer und derselben Zeit ganze Scharen von Franzosen, Holländern, Schweizern, Italienern, Russen, Österreichern, Bayern, Hessen, Hannoveranern, Preußen, Spaniern, Portugiesen, Neapolitanern, Maltesern, und Gott weiß! wie viele Nationen noch außerdem. 6) Durch solches Mieten fremder Dienste und durch Benutzung unserer eigenen Flotte und Landmacht kauften wir so viele Siege über die Franzosen, welche armen Teufel kein Geld hatten, um ebenfalls dergleichen einzuhandeln, so daß wir endlich ihre Revolution überwältigten, die Aristokratie bei ihnen bis zu einer gewissen Stufe wiederherstellten, jedoch um allcS in der Welt willen die geistlichen Zehnten nicht ebenfalls restaurieren konnten. 7) Nachdem wir diese große Aufgabe glücklich vollbracht und auch dadurch jede Parlnmentsrcform in England hintertrieben hatten, erhob unsere Regierung ein brüllendes Siegcsgeschrei, wobei sie ihre Lunge nicht wenig anstrengte, und auch lautmvglichst unterstützt wurde von jeder Kreatur in diesem Lande, die auf eine oder die andere Art von den öffentlichen Taxen lebte. 8) Beinahe ganze zwei Jahre dauerte der überschwengliche Freudenrausch bei dieser damals so glücklichen Nation; zur Feier jener Siege drängten sich Jubelfeste, Volksspiele, Triumphbogen, Lnstkämpfe und dergleichen Vergnügungen, die mehr als eine Viertel- million Pfund Sterling kosteten, nnd das Haus der Gemeinen bewilligte einstimmig eine ungeheure Summe sich glaube: drei Millionen Pfund Sterling), um Triumphbogen, Denksänlen und andere Monumente zu errichten und damit die glorreichen Ereignisse des Krieges zu verewigen. S) Beständig seit dieser Zeit hatten wir das Glück, unter der Regierung eben derselben Personen zu leben, die unsere Angelegenheiten in besagtem glorreichen Kriege geführt hatten. 10) Beständig seit dieser Zeit lebten wir in einem tiefen Frieden 204 Reisebilder II. mit der ganzen Welt: man kann annehmen, daß dieses nach jetzt der Fall ist, ungeachtet unserer kleinen zwischenspieligcn Ranserei mit den Türken; und daher sollte man denken, es könne keine Ursache in der Welt geben, weshalb wir jetzt nicht glücklich sein sollten: wir haben ja Frieden, unser Boden bringt reichlich seine Früchte, und, wie die Weltwcisen und Gesetzgeber unserer Zeit eingestehen, wir sind die erleuchtetste Nation auf der ganzen Erde. Wir haben wirklich überall Schulen, um die heranwachsende Generation zu unterrichten; wir haben nicht allein einen Rektor oder Vikar oder Kurateu in jedem Kirchsprengel des Königreichs, sondern wir haben in jedem dieser Kirchsprengel vielleicht noch sechs Religivnslchrer, wovon jeder von einer andern Sorte ist, als seine vier Kollegen, dergestalt, daß unser Land hinlänglich mit Unterricht jeder Art versorgt ist, kein Mensch dieses glücklichen Landes im Zustande der Unwissenheit leben wird, — und daher unser Erstaunen um so größer sein muß, wie irgend jemand, der ein Premierminister dieses glücklichen Landes werden soll, dieses Amt als eine so schwere und schwierige Last ansieht. 11) Ach, wir haben ein einziges Unglück, und daS ist ein wahres Unglück: wir haben nämlich einige Siege gekauft — sie waren herrlich — es war ein gutes Geschäft — sie waren drei- oder viermal so viel wert, als wir dafür gaben, wie Frau Tweazle ihrem Manne zu sagen Pflegt, wenn sie vom Markte nach Hanse kommt — es war große Nachfrage und viel Begehr nach Siegen — kurz, wir konnten nichts Vernünftigeres thun, als uns zu so billigem Preise mit einer so großen Portion Ruhm zu versehen. 12) Aber, ich gestehe es bekümmerten Herzens, wir haben, wie manche andere Leute, das Geld geborgt, womit wir diese Siege gekauft, als wir dieser Siege bedurften, deren wir jetzt ans keine Weise wieder los werden können, ebensowenig wie ein Mann seines Weibes los wird, wenn er einmal das Glück gehabt hat, sich die holde Bescherung aufzuladen. 13) Daher geschieht's, daß jeder Minister, der unsere Angelegenheiten übernimmt, auch sorgen muß für die Bezahlung unserer Siege, worauf eigentlich noch kein Pfennig abbezahlt worden. 14) Er braucht zwar nicht dafür zu sorgen, daß das ganze Geld, welches wir borgten, um Siege dafür zu kaufen, ganz auf einmal, Kapital und Zinsen, bezahlt werde; aber für die regelmäßige Auszahlung der Zinsen muß er leider Gottes! ganz bestimmt sorgen; und diese Zinsen zusammengerechnet mit dem Solde der Armee und andern Ausgaben, die von unseren Siegen herrühren, sind so bedeutend, daß ein Mensch ziemlich starke Nerven haben muß, wenn er das Geschnftchen übernehmen will, für die Bezahlung dieser Summe zu sorgen. 15) Früherhin, ehe wir uns damit abgaben, Siege einzuhandeln Die Schuld. 206 und uns allzu reichlich mit Ruhm zu versorgen, trugen wir schon eine Schuld von wenig mehr als zweihundert Millionen, während alle AriNcngclder in England und Wales zusammen nicht mehr als zwei Millionen jährlich betrugen, und während wir noch nichts von jener Last hatten, die unter dem Namen cksnck rvsiAÜt uns jetzt aufgebürdet ist, und ganz aus unserem Durst nach Ruhm hervorgegangen. 16) Außer diesem Gelde, das von Kreditoren geborgt worden, die es freiwillig hergaben, hat unsere Regierung aus Durst nach Siegen auch indirekt bei den Armen eine große Anleihe gemacht, d. h. sie steigerte die gewöhnlichen Taxen bis auf eine solche Höhe, daß die Armen weit mehr als jemals niedergedrückt wurden, und daß sich die Anzähl der Armen und Armcngcldcr erstaunlich vergrößerte. 17) Die Armengclder stiegen von zwei Millionen jährlich auf acht Millionen; die Armen haben nun gleichsam ein Pfandrecht, eine Hypothek auf das Land; und hier crgiebt sich also wieder eine Schuld von sechs Millionen, welche man hinzurechnen muß zu jenen andern Schulden, die unsere Passion für Ruhm und der Einkauf unserer Siege verursacht hat. 18) Urs cksuck ^vsiAbt besteht aus Leibrenten, die wir unter dem Namen Pensionen einer Menge Vvn Männern, Weibern und Kindern verabreichen, als eine Belohnung für die Dienste, welche jene Männer beim Erlangen unserer Siege geleistet haben, oder geleistet haben sollen. 19) Das Kapital der Schuld, welche diese Regierung kontrahiert hak, nm sich Siege zu verschaffen, besteht ungefähr in folgenden Summen: Pf. Sterling. Hinzugekommene Summe zu der Nntionalschuld . 800000900. Hinzugekommene Summe zur eigentlichen Armen- geldcr-Schuld ' 160000000. Olzuck vsiZcht als Kapital einer Schuld berechnet . 176000000. Pf. Sth'l 1^00000) d. h. elfhundert und fünfundzwanzig Millionen zu fünf Prozent ist der Betrag jener jährlichen sechsundfünfzig Millionen; ja, dieses ist ungefähr der jetzige Betrag, nur daß die Armengeld er-Schuld nicht in den Rechnungen, die dem Parlamente vorgelegt werden, aufgeführt ist, indem sie das Land gleich direkt in den verschiedenen Kirchspielen bezahlt. Will man daher jene sechs Millionen von den sechsundfünfzig Millionen abziehen, so ergiebt sich, daß die Staatsschuldgläubiger und das cksuä evsiAÜt-Bvlk wirklich alles Übrige verschlingen. 20) Indessen, die Armengeldcr sind ebenso eine Schuld wie die Schuld der Staatsschüldgläubiger, und augenscheinlich ans derselben Quelle entsprungen. Von der schrecklichen Last der Taxen 206 Rcisebilder II, werden die Armen zu Boden gedrückt; jeder andere wird zwar auch davon gedrückt, aber jeder außer den Armen wußte diese Last mehr oder weniger von seinen Schultern abzuwälzen, und sie fiel endlich mit fürchterlichem Gewichte ganz auf die Armen, und diese verloren ihre Bierfässer, ihre kupfernen Kessel, ihre zinnernen Teller, ihre Wanduhr, ihre Betten und alles bis auf ihr Handwerksgeräte, sie verloren ihre Kleider und mußten sich in Lumpen hüllen, sie verloren das Fleisch von ihren Knochen — Sie konnten nicht weiter aufs äußerste getrieben werden, und von dem, was man ihnen genommen, gab man ihnen wieder etwas zurück unter dem Namen von vermehrten Armengeldern. Diese sind daher eine wahre Schuld, ein wahres Pfandrecht auf das Land, Die Interessen dieser Schuld können zwar zurückgehalten werden, aber wenn dieses geschieht, würden die Personen, die solche zu fordern haben, in Masse herbeikommen und sich für den Betrag, gleichviel in welcher Währung, bezahlt machen. Dieses ist also eine wahre Schuld, und eine Schuld, die man bei Heller und Pfennig bezahlen wird, und zwar, ich bemerke es ausdrücklich, wird man ihr ein Vorrecht vor allen andern Schulden gestatten, 21) Es ist also nicht nötig, sich sehr zu wundern, wenn man die Not derjenigen sieht, die solche Geschäfte übernehmen! Es ist zu verwundern, daß sich überhaupt jemand zu einer solchen Übernahme versteht, wenn ihm nicht anheimgestellt wird, nach Gutdünken eine radikale Umwandlung des ganzen Systems vorzunehmen, 22) Dazu kommt: Die zwei erstgenannten Schulden, nämlich dieStnatSschuld und die ckaack -cvsiZ-bb-Schnlden, bezahlte man früherhiu, oder, besser gesagt, die Interessen derselben bezahlte man früherhiu in einen, herabgesetzten Papiergelde, von welcher Währung fünfzehn Schilling kaum so viel wert waren, wie ein Winchcsterner Scheffel Weizen, Dieses war die Art, wie man jene Kreditoren während sehr vielen Jahren bezahlt hat; aber im Jahre 1819 machte ein tiefsinniger Minister, Herr Peel, die große Entdeckung, daß es für die Nation besser sei, wenn sie ihre Schulden in wirklichem Gelde ausbezahlte, in wirklichem Gelde, wovon fünf Schilling, statt fünfzehn Schilling Papiergeld, so viel wert sind wie ein Winchesterncr Scheffel Weizen! 23) Die Nominalsummc wurde nie verändert! Diese blieb immer dieselbe, nichts geschah, als daß Herr Peel und das Parlament den Wert der Summe veränderten, und sie verlangten, daß die Schuld in einer Geldsorte bezahlt würde, wonach fünf Schillinge so viel wert sind und nur durch ebensoviel Arbeit oder ebensoviel Realien erlangt werden können, wie fünfzehn Schillinge jener Währung, worin die Schulden kontrahiert sind, und worin die Interessen jener Schulden während sehr vielen Jahren bezahlt worden. Die Schuld. 207 24) Von 1819 bis heutigen Tag lebte daher die Nation in dem trostl osesten Zustand, sie wird aufgegessen von ihren Kreditoren, die gewöhnlich Inden sind, oder, besser gesagt, Christens, die wie Juden handeln, und die man nicht so leicht dahin bringen könnte, weniger hastig auf ihren Raub loszufahren. 25) Mancher Versuch wurde gemacht, um die Folgen der Verä nderung, welche 1819 in der Währung des Geldes stattfand, einigermaßen zu mildern; aber diese Versuche mißglückten, und hätten einst bald das ganze System in die Luft gesprengt. 26) Hier giebt's keine Möglichkeit der Aushilfe, wenn man die jährliche Ausgabe der Staatsgläubiger-Schuld und der clsacl rvsiAbt- Schuld herabzusetzen sucht; um solches Herabsetzen der Schuld, solche Reduktion dem Lande anzumuten, um zu verhindern, daß sie große Umwälzungen hervorbringe, um zu verhindern, daß nicht eine halbe Million Menschen in und um London dadurch vor Hunger sterben müssen- da ist nötig, daß man zuvor weit verhältnismäßigere Reduktionen anderswo vornehme, ehe man die Reduktion jener obigen zwei Schulden oder ihrer Interessen versuchen wollte. 27) Wie wir bereits gesehen haben, die Siege wurden gekauft in der Absicht, um Parlamentsreform in England zu verhindern und die aristokratischen Vorrechte und geistlichen Zehnten aufrecht zu erhalten; es wäre daher eine himmelschreiende Greuelthat, entzögen wir ihre rechtmäßigen Zinsen jenen Leuten, die uns das Geld geborgt, oder entzögen wir gar ihre Bezahlung denjenigen Leuten, die uns die Hände vermietet, wodurch wir die Siege erlangt haben; es wäre eine Greuelthat, die Gottes Rache auf uns laden würde, wenn wir dergleichen thäten, während die einträglichen Ehrenämter der Aristokratie, ihre Pensionen, Sinekuren, königlichen Schenkungen, Militär- belohnungenund endlich gardie Zehnten des Klerus unangetastet blieben! 28) Hier, hier also liegt die Schwierigkeit: Wer Minister wird, wird Minister eines Landes, das eine große Passion für Siege gehabt, auch sich hinlänglich damit verschen und sich unerhört viel militärischen Ruhm verschafft — aber leider diese Herrlichkeiten noch nicht bezahlt hat, und nun dem Minister überläßt, die Rechnung zu berichtigen, ohne daß dieser weiß, woher er das Geld nehmen soll." Das sind Dinge, die einen Minister ins Grab drücken, wenigstens des Verstandes berauben können. England ist mehr schuldig, als es bezahlen kann. Man rühme nur nicht, daß es Indien und reiche Kolonien besitzt. Wie sich aus den letzten Parlamentsdebatten ergiebt, zieht der englische Staat keinen Heller eigentlicher Einkünfte aus seinem großen unermeßlichen Indien, ja er muß dorthin noch einige Millionen Zuschuß bezahlen. Dieses Land nutzt England bloß dadurch, daß einzelne Briten, die sich dort bereichern, durch ihre Schätze die Industrie und den Geldumlauf des Mutterlandes befördern, 203 Rcisebilder ll, und tausend andere durch die indische Kompanie Brot und Versorgung gewinnen. Die Kolonien ebenfalls liefern dein Staate keine Einkünfte, bedürfen des Zuschusses, und dienen zur Beförderung des Handels und zur Bereicherung der Aristokratie, deren Nepotcn als Gouverneure und Unterbeamte dahin geschickt werden. Die Bezahlung der Nationalschnld fällt daher ganz allein auf Großbritannien und Irland, Aber auch hier sind die Resvnrccn nicht so beträchtlich wie die Schuld selbst. Wir wollen ebenfalls hier Cobbett sprechen lassen: „Es giebt Leute, die, um eine Art Aushilfe anzugeben, von den Resourcen des Landes sprechen. Dies sind die Schüler des seligen Colqnhvun, eines DiebcSfängers, der ein großes Buch geschrieben, um zu beweisen, daß unsere Schuld uns nicht im mindesten besorgt machen darf, indem sie so klein sei im Verhältnis zu den Resourcen der Nation; und damit seine klugen Leser eine bestimmte Idee von der Unermcßlichkcit dieser Resourcen bekommen mögen, machte er eine Abschätzung von allem, was im Lande vorhanden ist, bis herab auf die Kaninchen, und schien sogar zu bedauern, daß er nicht füglich die Ratten und Mäuse mitrechnen konnte. Den Wert der Pferde, Kühe, Schafe, Ferkelchen, Federvieh, Wildbret, Kaninchen, Fische, den Wert der Hansgeräte, Kleider, Feuerung, Zucker, Gewürze, kurz, von allem im Lande macht er ein Ästimatnm; und dann, nachdem er das Ganze assnmiert, und den Wert der Ländereien, Bäume, Häuser, Minen, den Ertrag des Grases, des Korns, die Rüben und das Flachs hinzugerechnet und eine Summe von Gott weiß wie vielen tausend Millionen herausgebracht hat, grinst er in pfiffig prahlerisch schottischer Manier, ungefähr wie ein Truthahn, und hohnlachend fragt er Leute meinesgleichen: Mit Resourcen, wie diese, fürchtet ihr da noch einen Nativnalbankrott? „Dieser Mann bedachte nicht, daß man Häuser nötig hat, um darin zu leben, die Ländereien, damit sie Futter iiefern, die Kleider, damit man seine Blöße bedecke, die Kühe, damit sie Milch geben, den Durst zu löschen, das Hornvieh, Schafe, Schweine, Geflügel und Kaninchen, damit man sie esse, ja, der Teufel hole diesen widersinnigen Schotten! diese Dinge sind nicht dafür da, daß sie verkauft und die Nationnlschulden damit bezahlt werden. Wahrhaftig, er hat noch den Taglohn der Arbeitsleutc zu den Resourcen der Nation gerechnet! Dieser dumme Teufel von Diebesfänger, den seine Brüder in Schottland zum Doktor geschlagen, weil er ein so vorzügliches Buch geschrieben, er scheint ganz vergessen zu haben, daß Arbeitsleute ihren Taglohn selbst bedürfen, um sich dafür etwas Essen und Trinken zu schaffen. Er konnte ebensogut den Wert des Blutes in unseren Adern abschätzen, als ein Stoff, wovon man allenfalls Blutwürste machen könnte!" Soweit Cobbett, Während ich seine Worte in deutscher Sprache I^1. Die Echnld. 203 niederschreibe, bricht er leibhaftig selbst wieder hervor in meinem Gedächtnisse, nnd wie voriges Jahr bei dem lärmigen Mittagessen in Crown-Anchor-Tavern, sehe ich ihn wieder mit seinem scheltend roten Gesichte nnd seinem radikalen Lächeln, worin der giftigste Todeshaß gar schauerlich zusammenschmilzt mit der höhnischen Freude, die den Untergang der Feinde ganz sicher voraussieht. Tadle mich niemand, daß ich Cobbett citiere! Man mag ihn imm erhin der Unredlichkeit, der Scheltsncht nnd eines allzu ordinären Wesens beschuldigen; aber man kann nicht leugnen, daß er viel beredsamen Geist besitzt, nnd daß er sehr oft, und in obiger Darstellung ganz und gar recht hat. Er ist ein Kettenhund, der jeden, den er nicht kennt, gleich wütend anfällt, oft den besten Freund des Hauses in die Waden beißt, immer bellt, und eben wegen jenes unaufhörlichen Bellens nicht gehört wird, wenn er einmal einem wirklichen Diebe entgegcubcllt. Deshalb halten es jene vornehmen Diebe, die England Mindern, nicht einmal für nötig, dem knurrenden Cobbett einen Brocken zuzuwerfen und ihm damit das Maul zu stopfen. Dieses wurmt den Hund am bittersten, nnd er fletscht die hungrigen Zähne. Alter Cobbett! Hund von England! ich liebe dich nicht, denn fatal ist mir jede gemeine Natur; aber du dauerst mich bis in tiefster Seele, wenn ich sehe, wie du dich von deiner Kette nicht losreißen und jene Diebe nicht erreichen kannst, die lachend vor deinen Augen ihre Beute fortschleppen nnd deine vergeblichen Sprünge und dein ohnmächtiges Geheul verspotten. X. Die Oppositionsparteien. Einer meiner Freunde hat die Opposition im Parlamente sehr treffend mit einer Oppositionskntsche verglichen. Bekanntlich ist das eine öffentliche Stage-Kutschc, die irgend eine spekulierende Gesellschaft auf ihre Kosten institniert nnd zwar zu so spvttwohlfeilen Preisen fahren läßt, daß die Reisenden ihr gern den Vorzug geben vor den schon vorhandenen Stagc-Kutschen. Diese letzteren müssen dann ebenfalls ihre Preise heruntersetzen, um Passagiere zu behalten, werden aber bald von der neuen Oppositionskntsche überboten oder vielmehr unterboten, ruinieren sich durch solche Konkurrenz, und müssen am Ende ihr Fähren ganz einstellen. Hat aber die Oppositionskutschc auf solche Art das Feld gewonnen, und ist sie jetzt auf einer bestimmten Tour die einzige, so erhöht sie ihre Preise, oft sogar den Preis der verdrängten Kutsche übersteigend, und der arme Reisende hat nichts gewonnen, hat oft sogar verloren, nnd zahlt und flucht, bis eine Heine's Werke. VI. Pd/ 14 210 Rcisebilder II. neue Oppvsitivnskutsche wieder daS vorige Spiel erneut, und neue Hoffnungen und neue Täuschungen entstehen. Wie übermütig wurden die Whigs, als die Stnnrtsche Partei er lag und die protestantische Dynastie den englischen Thron bestieg! Die Tones bildeten damals die Opposition, und John Bull, der arme Staatspassagier, hatte Ursache, vor Freude zu brüllen, als sie die Oberhand gewannen. Aber seine Freude war von kurzer Daner, er mußte jährlich mehr und mehr Fuhrlohn ausgeben, es wurde viel bezahlt und schlecht gefahren, die Kutscher wurden obendrein sehr grob, es gab nichts als Rütteln und Stöße, jeder Eckstein drohte Umsturz — und der arme John dankte Gott, seinem Schöpfer, als unlängst die Ziigel des Staatswagens in bessere Hände kamen. Leider dauerte die Freude wieder nicht lange, der neue Oppv- sitivnskutschcr siel tot vom Bock herab, der andere stieg ängstlich herunter, als die Pferde scheu wurden, und die alten Wagenleuker, die alten Reiter mit goldenen Sporen, haben wieder ihre alten Plätze eingenommen, und die alte Peitsche knallt. Ich null das Bild nicht weiter zu Tode Hetzen und kehre zurück zu den Worten Whigs und Tories, die ich oben zur Bezeichnung der Oppositionsparteien gebraucht habe, und einige Erörterung dieser Namen ist vielleicht um so fruchtbarer, je mehr sie seit langer Zeit dazu gedient haben, die Begriffe zu verwirren. Wie im Mittelalter die Namen Ghibellincn und Guelfeu, durch Umwandlungen der Interessen und neue Ereignisse die vagsten und veränderlichsten Bedeutungen erhielten, so auch späterhin in England die Namen Whigs und Tories, deren Entstehungsart man kaum noch anzugeben weiß. Einige behaupten, es seien früherhin Spottnamen gewesen, die am Ende zu honetten Partciuamcn wurden, was oft geschieht, wie z. B. der Geusenbund sich selbst nach dem Spottnamen iss Znsnx taufte, wie auch späterhin die Jakobiner sich selbst manchmal Sansculotten benannten, und wie die heutigen Servilen und Obskuranten sich vielleicht einst selbst diese Namen als ruhmvolle Ehrennamen beilegen — was sie freilich jetzt noch nicht können. Das Wort „Whig" soll in Irland etwas unangenehm Sauertöpfisches bedeutet haben, und dort zuerst zur Verhöhnung der Presbyterianer oder überhaupt der neuen Sekten gebraucht worden sein. Das Wort „Tory", welches zu derselben Zeit als Partcibcnennung aufkam, bedeutete in Irland eine Art schäbiger Diebe. Beide Spottnamen kamen in Umlauf zur Zeit der Stuarts während der Streitigkeiten zwischen den Sekten und der herrschenden Kirche. Die allgemeine Ansicht ist, die Partei der Tories neige sich ganz nach der Seite des Thrones und kämpfe für die Vorrechte der.Krone; wohingegen die Partei der Whigs mehr nach der Seite des Volks hinneige und dessen Rechte beschütze. Judessen, diese Annahmen sind Die Oppositionsparteien. 21.1 vag und gelten zumeist nur in Büchern. Jene Benennungen könnte man vielmehr als Koterienamcn ansehen. Sie bezeichnen Menschen, die bei gewissen Streitfragen zusammenhalten, deren Vorfahren und Freunde schon bei solchen Anlassen zusammenhielten, und die in politischen Stürmen Freude und Ungemach und die Feindschaft der Gegenpartei gemeinschaftlich zu tragen Pflegten. Von Prinzipien ist gar nicht die Rede, man ist nicht einig über gewisse Ideen, sondern über gewisse Maßregeln in der Staatsverwaltung, über Abschaffung oder Beibehaltung gewisser Mißbrauche, über gewisse Bills, gewisse erbliche (Znsstions — gleichviel aus welchem Gesichtspunkte, meistens aus Gewohnheit. — Die Engländer lassen sich nicht durch die Partci- namen irre machen. Wenn sie von Whigs sprechen, so haben sie nicht dabei einen bestimmten Begriff, wie wir z. B. wenn wir von Liberalen sprechen, Ivo wir uns gleich Menschen vorstellen, die über gewisse Freiheitsrcchte herzinnig einverstanden sind — sondern sie denken sich eine äußere Verbindung von Leuten, deren jeder, nach seiner Denkweise beurteilt, gleichsam eine Partei für sich bilden würde, und die nur, wie schon oben erwähnt ist, durch äußere Anlässe, durch zufällige Interessen, durch Freundschaft?- und Feindschaftsverhättnisse gegen die Tories ankämpfen. Hierbei dürfen wir uns ebenfalls keinen Kampf gegen Aristokraten in unserem Sinne denken, da diese Tories in ihren Gefühlen nicht aristokratischer sind, als die Whigs, und oft sogar nicht aristokratischer als der Bürgerstand selbst, der die Aristokratie für ebenso unwandelbar hält wie Sonne, Mond und Sterne, der die Vorrechte des Adels und des Klerus nicht bloß als staatsnützlich, sondern als eine Naturnotwendigkeit ansieht, und vielleicht selbst für diese Vorrechte mit weit mehr Eifer kämpfen würde als die Aristokraten selbst, eben weil er fester daran glaubt als diese, die zumeist den Glauben an sich selbst verloren. In dieser Hinsicht liegt über dem Geist der Engländer noch immer die Nacht deS Mittelalters; die heilige Idee von der bürgerlichen Gleichheit aller Menschen hat sie noch nicht erleuchtet und manchen bürgerlichen Staatsmann in England, der torhsch gesinnt ist, dürfen wir deshalb beileibe nicht servil nennen und zu jenen wohlbekannten servilen Hunden zählen, die frei sein könnten, und dennoch in ihr altes Hundeloch zurückgekrochen sind und jetzt die Sonne der Freiheit anbellen. lim die englische Opposition zu begreifen, sind daher die Namen Whigs und Tories völlig nutzlos, mit Recht hat Francis Burdett beim Anfange der Sitzungen voriges Jahr bestimmt ausgesprochen, daß diese Namen jetzt alle Bedeutung verloren; und Thomas Lethbridge, den der Schöpfer der Welt und des Verstandes nicht mit allzuviel Witz ausgerüstet, hat damals dennoch einen sehr guten Witz, vielleicht den einzigen seines Lebens, über dieÄnßernugBurdettsgerisscn, nämlich: bls bus unborisci tlrg boriss unck unvIriAAsci kürs rvürAs. 14» 212 Reiscbilder II, Bedeutungsvoller sind die Neimen rsl'orinsrs oder ruclionl rs- lorwsrs, oder kurzweg ruelieals. Sie werden gewöhnlich für gleichbedeutend gehalten, sie zielen auf dasselbe Gebrechen des Staates, auf dieselbe heilsame Abhilfe, und unterscheiden sich nur durch mehr oder minder starke Färbung, Jenes Gebrechen ist die bekannte schlechte Art der Vvlksreprnscntalivn, wo sogenannte rottön boron-rlrs, verschollene, unbewohnte Ortschaften, oder, besser gesagt, die Oli- garchcn, denen sie gehören, das Recht haben, Volksrepräscntanten ins Parlament zu schicken, während große bevölkerte Städte, namentlich viele neue Fabrikstädte, keinen einzigen Repräsentanten zu wählen haben; die heilsame Abhilfe dieses Gebrechens ist die sogenannte Parlanientsreform, Nun freilich, diese betrachtet man nicht als Zweck, sondern als Mittel, Man hofft, daß das Volk dadurch auch eine bessere Vertretung seiner Interessen, Abschaffung aristokratischer Mißbräuche und Hilfe in seiner Not gewinnen würde. Es läßt sich denken, daß die Parlanientsreform, diese gerechte, billige Anforderung, auch unter den geiuäßigtcn Menschen, die nichts weniger als Jakobiner sind, ihre Verfechter findet, und wenn mau solche Leute rokorinsrs nennt, betont man dieses Wort ganz anders, und himmelweit ist eS alsdann unterschieden von dem Worte raclioal, ans das ein ganz anderer Ton gelegt wird, wenn man z, B, von Hunt oder Cvbbctt, kurz, von jenen heftigen, fletschenden Revolutionären spricht, die nach Parlanientsreform schreien, nm den llmsturz aller Formen, den Sieg der Habsucht und völlige Pvbelhcrrschaft herbeizuführen. Die Nuancen in den Gesinnungen" der Koryphäen dieser Partei sind daher unzählig. Aber, wie gesagt, die Engländer kennen sehr gut ihre Leute, der Name täuscht nicht das Publikum, und dieses unterscheidet sehr genau, wo der Kampf nur Schein und wo er Ernst ist. Oft lange Jahre hindurch ist der Kampf im Parlamente nicht viel mehr als ein müßiges Spiel, ein Turnier, wo man für die Farbe kämpft, die mau sich ans Grille gewählt hat; giebt es aber einmal einen ernsten Krieg, so eilt jeder gleich unter die Fahne seiner natürlichen Partei, Dieses sahen wir in der Canuingschen Zeit, Die heftigsten Gegner vereinigten sich, als es Kampf der positivsten Interessen galt; Tories, Whigs und Radikale scharten sich, wie eine Phalanx, nm den kühnen bürgerlichen Minister, der den Übermut der Oligarchen zu dämpfen versuchte. Aber ich glaube dennoch, mancher hochgeborene Whig, der stolz hinter Canning saß, würde gleich zu der alten Fvxhnnter-Sippschaft übergetreten sein, wenn plötzlich die Abschaffung aller Adelsrechte zur Sprache gekommen wäre. Ich glaube (Gott verzeih' nur die Sünde), Francis Bnrdclt selbst, der in seiner Jugend zu den heftigsten Radikalen gehörte und noch jetzt nicht zu den milderen Reformers gerechnet wird, würde sich bei einem solchen Aulasse sehr schnell neben Sir ThomaS Lcth- MMMMK^W Die Oppositionsparieien. 218 bridge gesetzt haben. Dieses fühlen die plebejischen Radikalen sehr gut, und deshalb hassen sie die sogenannten Whigs, die für Parka- mcntsrefvrm sprechen, sie hassen sie fast noch mehr wie die eigentlich hochfeindlichen Tories, In diesem Augenblick besteht die englische Opposition mehr ans eigentlichen Reformern als aus Whigs. Der Chef der Opposition im Unterhanse, tbs Isucksr ob tüs Opposition, gehört unstreitig zu jenen letzteren. Ich spreche hier von Brougham. Die Reden dieses mutigen Parlamentshelden lesen, wir täglich in den Zeitnngsblättern, nud seine Gesinnungen dürfen wir daher als allgemein bekannt voraussetzen. Weniger bekannt sind die persönlichen Eigentümlichkeiten, die sich bei diesen Reden kundgeben; und doch mutz man erstere kennen, um letztere vollgeltend zu begreifen. Das Bild, das ein geistreicher Engländer von Brvughams Erscheinung im Parlamente entwirft, mag daher hier seine Stelle finden: „Auf der ersten Bank zur linken Seite des Sprechers sitzt eine Gestalt, die so lange bei der Studierlampe gehockt zu haben scheint, bis nicht bloß die Blüte des Lebens, sondern die Lebenskraft selbst zu erlöschen begonnen; und doch ist es diese scheinbar hilflose Gestalt, die alle Augen des ganzen Hauses auf sich zieht, und die, so wie sie sich in ihrer mechanischen, automatischen Weise zum Aufstehen bemüht, alle Schnellschreiber hinter uns in fluchende Bewegung setzt, während alle Lücken auf der Galerie, als sei sie ein massives Stein- gcwölbe, ausgefüllt werden und durch die beideu Seitenthüren noch das Gewicht der draußenstehenden Menschenmenge hereindrängt. Unten im Hause scheint sich ein gleiches Interesse kundzugeben; denn so wie jene Gestalt sich laugsam in einer vertikalen Krümmung, oder vielmehr in einem vertikalen Zickzack steif zusammengefügter Linien, auseinander wickelt, sind die paar sonstigen Zeloten, auf beiden Seiten, die sich schreiend cutgegendämmen wollten, schnell wieder auf ihre Sitze zurückgesunken, als hätten sie eine verborgene Windbüchse unter der Robe des Sprechers bemerkt. „Nach diesem vorbereitenden Geräusch und während der atemlosen Stille, die darauf folgte, hat sich Henry Brougham langsam und bedächtigen Schrittes dem Tische genähert, und bleibt dort zusammengebückt stehen — die Schultern in die Höhe gezogen, der Kopf vorwärts gebeugt, seine Oberlippe und Nasenflügel in zitternder Bewegung, als fürchte er ei» Wort zu sprechen. Sein Aussehen, sein Wesen gleicht fast einem jener Prediger, die ans freiem Felde predigen — nicht einem modernen Manne dieser Art, der die müßige Svnntagsmenge nach sich zieht, sondern einem solchen Prediger aus alten Zeiten, der die Reinheit des Glaubens zu erhalten.und in der Wildnis zu verbreiten suchte, wenn sie aus der Stadt und selbst ans der Kirche verbannt war. Die Töne seiner Stimme sind voll und 214 Reisebilder II. melodisch, doch sie erheben sich lcmgscmi, bedächtig und, wie man zu glauben versucht, auch sehr mühsam, so daß man nicht weiß, ob die geistige Macht des Mannes unfähig ist, den Gegenstand zu beherrschen^ oder ob seine physische Kraft unfähig ist, ihn auszusprechen. Sein erster Satz, oder vielmehr die ersten Glieder seines Satzes — denn man findet bald, daß bei ihm jeder Satz in Form und Gehalt weiter reicht, als die ganze Rede mancher andern Leute — kommen sehr kalt und unsicher hervor, und überhaupt so entfernt von der eigentlichen Streitfrage, daß man nicht begreifen kann, wie er sie daraus hinbiegen wird. Jeder dieser Sätze freilich ist tief, klar, an und für sich selbst befriedigend, sichtbar mit künstlicher Wahl ans den gewähltesten Materialien dedncicrt und mögen sie kommen, ans welchem Fache des Wissens es immerhin sein mag, so erhalten sie doch dessen reinste Essenz. Man fühlt, daß sie alle nach einer bestimmten Richtung hingebogen werden, und zwar hingebogen mit einer starken Kraft; aber diese Kraft ist noch immer unsichtbar wie der Wind, und, wie von diesem, weiß man nicht, woher sie kommt und wohin sie geht. „Wenn aber eine hinreichende Anzahl von diesen Anfangssätzcn vorausgeschickt ist, wenn jeder Hilfssap, den menschliche Wissenschaft zur Feststellung einer Schlnßfolge bieten kann, in Dienst genommen worden, wenn jeder Einspruch durch einen einzigen Stoß erfolgreich vorgeschoben ist, wenn das ganze Heer politischer und moralischer Wahrheiten in Schlachtordnung steht — dann bewegt es sich vorwärts zur Entscheidung, fest zusammengeschlossen wie eine makedonische Phalanx, und unwiderstehlich wie Hochländer, die mit gefälltem Bajonette eindringen. „Ist ein Hauptsatz gewonnen mit dieser scheinbaren Schwäche und Unsicherheit, wohinter sich aber eine wirkliche Kraft und Festigkeit verborgen hielt, dann erhebt sich der Redner sowohl körperlich als geistig, und mit kühnerem und kürzerem Angriff erficht er einen zweiten Hauptsatz. Nach dem zweiten erkämpft er einen dritten, nach dem dritten einen vierten, und so weiter, bis alle Prinzipien und die ganze Philosophie der Streitfrage gleichsam erobert sind, bis jeder im Hanse, der Ohren zum Hören und ein Herz zum Fühlen hat, von den Wahrheiten, die er eben vernommen, so unwiderstehlich wie von seiner eigenen Existenz überzeugt ist, so daß Brongham, wollte er hier stehen bleiben, schon unbedingt als der größte Logiker der St. Stephnnskapelle gelten könnte. Die geistigen Hilfsquellen des Mannes sind wirklich bewunderungswürdig, und er erinnert fast au das altnordische Märchen, wo einer immer die ersten Meister in jedem Fache des Wissens getötet hat, und dadurch der Alleincrbe ihrer sämtlichen Geistessähigkeiteu geworden ist. Der Gegenstand mag sein wie er will, erhaben oder gemeinplätzig, abstruse oder praktisch, so kennt ihn dennoch Heinrich Brongham, und er kennt ihn ganz ans dem Grunde. Andere mögen mit ihm wetteifern, ja einer oder der Die Oppositionsparteien. 215 andere mag ihn sogar übertreffen in der Kenntnis äußerer Schon heitcn der alten Litteratur, aber niemand ist tiefer als er durch drnngen von der herrlichen und glühenden Philosophie, die gewiß als ein kostbarer Edelstein hervorglttnzt ans jenen Schmuckkästchen, die uns das Altertum hinterlassen hat. Brongham gebraucht nicht die klare, fehlerfreie und dabei etwas hvfmäßige Sprache des Cicero; ebensowenig sind seine Reden in der Form denen des Demosthenes ahnlich, obgleich sie etwas von dessen Farbe an sich tragen; aber ihm fehlen weder die streng-logischen Schlüsse des römischen Redners, noch die schrecklichen Zornworte des Griechen. Dazu kommt noch, daß keiner besser als er es versteht, das Wissen des Tages in seinen Parlamentsrcden zu benutzen, so daß diese zuweilen, abgesehen von ihrer politischen Tendenz und Bedeutung, schon als bloße Vorlesungen über Philosophie, Litteratur und Künste, unsere Bewunderung verdienen würden. „Es ist indessen gänzlich unmöglich, den Charakter des Mannes zu analysieren, während man ihn sprechen hört. Wenn er, wie schon oben erwähnt worden, das Gebäude seiner Rede ans einen guten philosophischen Boden und in der Tiefe der Vernunft gegründet hat; wenn er, nochmals zu dieser Arbeit zurückgekehrt, Senkblei und Richtmaß anlegt, um zu untersuchen, vb alles in Ordnung ist, und mit einer Riesenhand zu Prüfen scheint, ob alles auch sicher zusammen hält; wenn er die Gedanken aller Zuhörer mit Argumenten festgebunden wie mit Seilen, die keiner zu zerreißen imstande ist — dann springt er gewaltig auf das Gebäude, das er sich gezimmert hat, es erhebt sich seine Gestalt und sein Ton, er beschwört die Leidenschaften ans ihren geheimsten Winkeln, und überwältigt und erschüttert die manlanfsperrcndcn Parlamcntsgenossen und das ganze dröhnende Hans. Jene Stimme, die erst so leise und anspruchlos war, gleicht jetzt dem betäubenden Brausen und den unendlichen Wogen des Meeres; jene Gestalt, die vorher unter ihrem eigenen Gewichte zu sinken schien, sieht jetzt aus, als hätte sie Nerven von Stahl, Sehnen von Kupfer, ja als sei sie unsterblich und unveränderlich wie die Wahrheiten, die sie eben ausgesprochen; jenes Gesicht, welches vorher blaß und kalt war wie ein Stein, ist jetzt belebt und leuchtend, als wäre der innere Geist noch mächtiger als die gesprochenen Worte; und jene Augen, die uns anfänglich mit ihren blaue» und stillen Kreisen so demütig ansahen, als wollten sie unsere Nachsicht und Verzeihung erbitten, ans denselben Augen schießt jetzt ein meteorisches Feuer, das alle Herzen zur Bewunderung entzündet. So schließt der zweite, der leidenschaftliche oder deklamatorische Teil der Rede. „Wenn er da? erreicht hat, was man für den Gipfel der Beredsamkeit halten möchte, wenn er gleichsam umherblickt, nin die Be- LI6 Reisebilder II, wuudcruug, die er hervorgebracht, mit Hohnlächeln zu betrachten, dann sinkt seine Gestalt wieder zusammen, und auch seine Stimme fällt herab bis zum sonderbarsten Flüstern, das jemals aus der Brust eines Menschen hervorgekommen, DieseS seltsame Hcrabstiinmen oder vielmehr Fallenlassen des Ausdrucks, der Gebärde und der Stimme, welches Brougham in einer Vollkommenheit besitzt, wie es bei gar keinem andern Redner gefunden wird, bringt eine wunderbare Wirkung hervor; und jene tiefen, feierlichen, fast hingemurmclten Worte, die jedoch bis ans den Anhauch jeder einzelnen Silbe vollkommen vernehmbar sind, tragen in sich eine Zaubergewalt, der man nicht widerstehen kann, selbst wenn man sie zum" ersten Male hört und ihre eigentliche Bedeutung und Wirkung noch nicht kennen gelernt hat. Man glaube nur nicht etwa, der Redner oder die Rede sei erschöpft. Diese gemilderten Blicke, diese gedämpften Töne bedeuten nichts weniger als den Anfang einer Peroration, womit der Redner, als ob er fühle, daß er etwas zu iveit gegangen, seine Gegner wieder besänftigen will. Im Gegenteil, dieses Zusammenkrümmen des Leibes ist kein Zeichen von Schwäche, und dieses Fallenlassen der Stimme ist kein Vorspiel von Furcht und Unterwürfigkeit; es ist das lose, hängende Vorbeugen des Leibes bei einem Ringer, der die Gelegenheit erspäht, Ivo er seinen Gegner desto gewaltsamer umschlingen kann, eS ist das Zurückspringen dcS Tigers, der gleich darauf mit desto sichereren Krallen auf seine Beute losstürzt, es ist das Zeichen, daß Heinrich Brougham seine ganze Rüstung anlegt und seine mächtigste Waffe ergreift. In seinen Argumenten war er klar und überzeugend; in seiner Beschwörung der Leidenschaften war er zwar etwas hochmütig, doch auch mächtig und siegreich; jetzt aber legt er den letzten, ungeheuersten Pfeil auf seinen Bogen — er wird fürchterlich in seinen Jnvcktiven, Wehe dem Manne, dem jenes Auge, das vorher so ruhig und blau war, jetzt entgcgenflammt ans dem geheimnisvollen Dunkel dieser zusammengezogenen Brauen! Wehe dem Wicht, dem diese halbgcflüsterten Worte ein Vorzeichen sind von dem Unheil, das über ihn herabschwebt! „Wer als ein Fremder vielleicht heute zum erstenmal die Galerie des Parlaments besucht, weiß nicht, was jetzt kommen wird. Er sieht bloß einen Mann, der ihn mit seinen Argumenten überzeugt, mit seiner Leidenschaft erwärmt hat, und jetzt mit jenem sonderbaren Flüstern einen sehr lahmen, schwächlichen Schluß anzubringen scheint, O Fremdling! wärest du bekannt mit den Erscheinungen dieses Hauses und auf einem Sitze, wo du alle Parlamentsmitglieder übersehen könntest, so würdest du bald merken, daß diese in betreff eines solchen lahmen, schwächlichen Schlusses durchaus nicht deiner Meinung sind. Du würdest manchen bemerken, den Parteisucht oder Anmaßung in dieses stürmische Meer, ohne gehörigen Ballast und das nötige Die Oppositionsparteien. 217 Steuerruder, hineingetrieben hat, und der nnu so furchtsam und ängstlich umherblickt wie ein Schiffer auf dem chinesischen Meere, wenn er an einer Seite des Horizontes jene dunkle Ruhe entdeckt, die ein sicheres Vorzeichen ist, daß von der andern Seite, ehe eine Minute vergeht, der Typhvn heranweht mit seinem verderblichen Hauche; — du wurdest irgend einen klugen Mann bemerken, der fast greinen möchte und an Leib und Seele schauert wie ein kleines Vögelchen, das in die Zaubernähe einer Klapperschlange geraten ist, seine Gefahr entsetzlich fühlt, und sich doch nicht helfen kann und mit jämmerlich närrischer Miene dem Untergange sich darbietet; — du würdest einen langen Antagonisten bemerken, der sich mit schlotternden Beinen an der Bank festklammert, damit der heranziehende Sturm ihn nicht fortfegt; — oder du bemerkst sogar einen stattlichen, wohlbeleibten Repräsentanten irgend einer fetten Grafschaft, der beide Fäuste in das Kissen seiner Bank hineingräbt, völlig entschlossen, im Fall ein Mann von seiner Wichtigkeit aus dem Hause geschleudert würde, dennoch seinen Sitz zu bewahren und unter sich von dannen zu führen. „Und nun kommt es: — die Worte, welche so tief geflüstert und gemurmelt wurden, schwellen an, so laut, daß sie selbst den Jubelruf der eigenen Partei übertönen, und, nachdem irgend ein unglückseliger Gegner bis auf die Knochen geschunden und seine verstümmelten Glieder durch alle Redefiguren durchgestampft worden, dann ist der Leib des Redners wie niedergcbrochen und zerschlagen von der Kraft seines eigenen Geistes, er sinkt auf seinen Sitz zurück, und der Beifall-Lärm der Versammlung kann jetzt unaufhaltsam hervorbrechen." Ich habe es nie so glücklich getroffen, daß ich Brougham während einer solchen Rede im Parlamente ruhig betrachten konnte. Nur stückweis oder Unwichtiges hörte ich ihn sprechen, und nur selten kam er mir dabei selbst zu Gesicht. Immer aber — das merkte ich gleich — sobald er das Wort nahm, erfolgte eine tiefe, fast ängstliche Stille. Das Bild, das oben von ihm entworfen worden, ist gewiß nicht übertrieben. Seine Gestalt, von gewöhnlicher Manncslänge, ist sehr dünn, ebenfalls sein Kopf, der mit kurzen schwarzen Haaren, die sich der Schläfe glatt anlegen, spärlich bedeckt ist. Das blasse, längliche Gesicht erscheint dadurch noch dünner, die Muskeln desselben sind in krampfhafter, unheimlicher Bewegung, und wer sie beobachtet, sieht des Redner? Gedanken, ehe sie gesprochen sind. Dieses schadet seinen witzigen Einfällen; denn für Witze und Geldborger ist eS heilsam, wenn sie uns unangemeldet überraschen. Obgleich sein schwarzer Anzug bis auf den Schnitt des Fracks ganz gentlemännisch ist, so trägt solcher noch dazu bei, ihm ein geistliches Ansehen zu geben. Vielleicht bekommt er dieses noch mehr durch seine oft gekrümmte 218 Reisebilder II, Nückenbewcgung und die lauernde, iranische Geschmeidigkeit des ganzen Leibes, Einer meiner Freunde hat mich zuerst auf dieses „Klerikalische" in Bronghams Wesen aufmerksam gemacht, und durch die obige Schilderung wird diese feine Bemerkung bestätigt, „Mir ist zuerst das „Advokatische" im Wesen Brvnghams aufgefallen, besonders durch die Art, wie er beständig mit dem vorgestreckten Zeigesinger demonstriert und mit vorgebeugtem Haupte selbstgefällig dazu nickt. Am bewunderungswürdigsten ist die rastlose Thätigkeit dieses Mannes, Jene Parlamentsreden hält er, nachdem er vielleicht schon acht Stunden lang seine täglichen Berufsgeschäfte, nämlich das Ad- vociercn in den Gerichtssälen, getrieben, und vielleicht die halbe Nacht an Aufsätzen für das Edinburgh Review oder an seinen Verbesserungen deS Volksuntcrrichts und der Kriminalgesetze gearbeitet hat, Erstere Arbeiten, der Vvlksunterricht, werden gewiß einst schöne Früchte hervorbringen. Letztere, die Kriminalgesetzgebung, womit Brougham und Peel sich jetzt am meisten beschäftigen, sind vielleicht die nützlichsten, wenigstens die dringendsten' denn Englands Gesetze sind noch gransamer als seine Oligarchen, Der Proceß der Königin begründete zuerst Bronghams Celcbrität, Er kämpfte wie ein Ritter sür diese hohe Dame, und, wie sich von selbst versteht, wird Georg IV, niemals die Dienste vergessen, die er seiner lieben Frau geleistet hat. Deshalb, als vorigen April die Opposition siegte, kam Brougham dennoch nicht ins Ministerium, obgleich ihm als loacksr ob blas op- Position in diesem Falle nach altem Brauch ein solcher Eintritt gebührte. Xl, Die Emancipation der Aatholiken. Wenn man mit dem dümmsten Engländer über Politik spricht, so wird er doch immer etwas Vernünftiges zu sagen wissen. Sobald man aber das Gespräch auf Religion lenkt, wird der gescheiteste Engländer nichts als Dummheiten zu Tage fördern. Daher entsteht wohl jene Verwirrung der Begriffe, jene Mischung von Weisheit und llusiun, sobald im Parlamente die Emancipation der Katholiken zur Sprache kommt, eine Streitfrage, worin Politik und Religion kollidieren. Selten in ihren Parlamentarischen Verhandlungen ist es den Engländern möglich, ein Prinzip auszusprechen, sie diskutieren nur den Nutzen oder Schaden der Dinge, und bringen Fakta, die einen pro, die andern oontrn, zum Vorschein, Mit Faktis aber kann man zwar streiten, doch nicht siegen, da giebt es nichts als ein materielles Hin- und Herschlagen und daS Schauspiel eines solchen Streites gemahnt uns an wohlbekannte Die Emcmcipation der Katholikeil. 219 pro xatrin-Kämpfe deutscher Studenten, deren Resultat darauf hinausläuft, daß so und so viel Gänge gemacht worden, so und so viel Quarten und Terzen gefallen sind, und nichts damit bewiesen worden. Im Jahre 1827, wie sich von selbst versteht, haben wieder die Emaucipationisten gegen die Oraniemnänncr in Westmiuster gesuchten, und, wie sich von selbst versteht, es ist nichts dabei herausgekommen. Die besten Schläger der Emaneipationisten waren Bnrdett, Plnnkett, Brougham und Canning. Ihre Gegner, Herrn Peel ausgenommen, waren wieder die bekannten, oder besser gesagt, die unbekannten Fuchsjäger. Von jeher stimmten die geistreicheil Staatsmänner Englands für die bürgerliche Gleichstellung der Katholiken, sowohl ans Gründen des innigsten Nechtsgefülsts als auch der politischen Klugheit. Pitt selbst, der Erfinder des stabilen Systems, hielt die Partei der Katholiken. Gleichfalls Bnrke, der große Renegat der Freiheit, konnte nicht so weit die Stimme seines Herzens unterdrücken, daß er gegen Irland gewirkt hätte. Auch Canning, sogar damals, als er noch ein toryscher Knecht war, konnte nicht ungerührt das Elend Irlands betrachten, und wie teuer ihm dessen Sache war, hat er zu einer Zeit, als man ihn der Lauigkeit bezichtete, gar rührend naiv ausgesprochen. Wahrlich, ein großer Mensch kann, um große Zwecke zu erreichen, oft gegen seine Überzeugung handeln und zweideutig oft von einer Partei zur andern übergehen; — man muß alsdann billig bedenken, daß derjenige, der sich auf einer gewissen Höhe behaupten will, ebenso den Umständen nachgeben muß, wie der Hahn ans dem Kirchturm, den, obgleich er von Eisen ist, jeder Sturmwind zerbrechen und hcrabschleudern würde, wenn er trotzig unbeweglich bliebe, und nicht die edle Kunst verstände, sich nach jedem Winde zu drehen. Aber nie wird ein großer Mensch so weit die Gefühle seiner Seele verleugnen können, daß er das Unglück seiner Landslente mit indifferenter Ruhe ansehen und sogar vermehren könnte. Wie wir unsere Mutter lieben, so lieben nur auch den Boden, worauf wir geboren sind, so lieben wir die Blumen, den Duft, die Sprache und die Menschen, die ans diesem Boden hervorgeblüht sind, keine Religion ist so schlecht und keine Politik ist so gut, daß sie im Herzen ibrer Bekenner solche Liebe ersticken könnte; obgleich sie Protestanten und Torics waren, konnten Bnrke und Canning doch nimmermehr Partei nehmen gegen das arme, grüne Erin; Jrländcr, die schreckliches Elend und namenlosen Jammer über ihr Baterland verbreiten, sind Menschen — wie der selige Castlcrcagh und der unselige Wellington. Daß die große Masse des englischen Volkes gegeil die Katholiken gestimmt ist, und täglich daS Parlament bestürmt, ihnen nicht mehr Rechte einzuräumen, ist ganz in der Ordnung. Es liegt in der menschlichen Natur eine solche UntcrdrücknngSsncht, und wenn 22l) Neisebilder II. wir auch, was jetzt beständig geschieht, über bürgerliche Ungleichheit klagen, so sind alsdann unsere Nngen nach oben gerichtet, wir sehen nur diejenigen, die über uns stehen, und deren Vorrechte uns beleidigen; abwärts sehen wir nie bei solchen Klagen, es kommt uns nie in den Sinn, diejenigen, welche durch Gewohnheitsunrecht noch unter uns gestellt sind, zu uns heraufzuziehen, ja uns verdrießt es sogar, wenn diese ebenfalls in die Höhe streben, und wir schlagen ihnen auf die Köpfe. Der Kreole verlangt die Rechte des Europäers, spreizt sich aber gegen den Mulatten, und sprüht Zorn, wenn dieser sich ihm gleichstellen will. Ebenso handelt der Mulatte gegen den Mestizen, und dieser wieder gegen den Neger. Der Frankfurter Spießbürger ärgert sich über Vorrechte des Adels; aber er ärgert sich noch mehr, wenn man ihm zumutet, seine Juden zu cman- cipieren. Ich habe einen Freund in Polen, der für Freiheit und Gleichheit schwärmt, aber bis auf diese Stunde seine Bauern noch nicht aus ihrer Leibeigenschaft entlassen hat. Was den englischen Klerus betrifft, so bedarf es keiner Erörterung, weshalb von dieser Seite die Katholiken verfolgt werden. Verfolgung der Andersdenkenden ist überall das Monopol der Geistlichkeit, und auch die anglikanische Kirche behauptet streng ihre Rechte. Freilich die Zehnten sind ihr die Hauptsache, sie würde durch die Emancipation der Katholiken einen großen Teil ihres Einkommens verlieren, und Aufopferung eigener Interessen ist ein Talent, das den Priestern der Liebe ebensosehr abgeht wie den sündigen Laien. Dazu kommt noch, daß jene glorreiche Revolution, welcher England die meisten seiner jetzigen Freiheiten verdankt, aus religiösem, protestantischem Eifer hervorgegangen; ein Umstand, der den Engländern gleichsam noch besondere Pflichten der Dankbarkeit gegen die herrschende protestantische Kirche auferlegt, und sie diese als das .Hauptbollwerk ihrer Freiheit betrachten läßt. Manche ängstliche Seelen unter ihnen mögen wirklich den Katholizismus und dessen Wiedereinführung fürchten, und an die Scheiterhaufen von Smith- field denken — und ein gebranntes Kind scheut das Feuer. Auch giebt es ängstliche Parlamentsglieder, die ein neues Pnlverkomplott befürchten — diejenigen fürchten das Pulver am meisten, die es nicht erfunden haben — und da wird es ihnen oft, als fühlten sie, wie die grünen Bänke, worauf sie in der St. Stephanskapclle sitzen, allmählich warm und wärmer werden, und wenn irgend ein Redner, wie oft geschieht, den Namen Guy Fawkes erwähnt, rufen sie ängstlich: Ulsan- bim! bsur bim! Was endlich den Rektor von Güttingen betrifft, der in London eine Anstellung als König von England hat, so kennt jeder seine Mäßigkeitspolitik, er erklärt sich für keine von beiden Parteien, er sieht gern, daß sie sich bei ihren Kämpfen wechselseitig schwächen, er lächelt nach herkömmlicher Weise, wenn sie friedlich Die Emcmcipation der Katholiken. 221 bei ihm knren, er weiß alles und thut nichts, und verläßt sich im schlimmsten Falle auf sciuen Oberschnurren Wellington. Mau verzeihe mir, daß ich in flipprigem Tone eine Streitfrage behandle, von deren Losung das Wohl Englands und daher vielleicht mittelbar das Wohl der Welt abhängt. Aber eben je wichtiger ein Gegenstand ist, desto lustiger muß man ihn behandeln; das blutige Gemetzel der Schlachten, das schaurige Sichelwetzen des rvodes wäre nicht zu ertragen, erklänge nicht dabei die betäubende türkische Musik mit ihren freudigen Pauken und Trompeten. Das wissen die Eng-- ländcr, und daher bietet ihr Parlament auch ein heiteres Schauspiel des unbefangensten Witzes und der witzigsten Unbefangenheit; bei den ernsthaftesten Debatten, Ivo das Leben von Tausenden und das Heil ganzer Länder auf dem Spiel steht, kommt doch keiner von ihnen auf den Einfall, ein deutsch-steifes Landständegcsicht zu schneiden, oder französisch-pathetisch zu deklamieren, und wie ihr Leib, so gebärdet sich alsdann auch ihr Geist ganz zwanglos, Scherz, Selbst- Persiflage, SarkaSmcn, Gemüt und Weisheit, Malice und Güte, Logik und Werse sprudeln hervor im blühendsten Farbenspiel, so daß die Annalcn des Parlaments uns noch nach Jahren die geistreichste Unterhaltung gewähren. Wie sehr kontrastieren dagegen die öden, ausgestopften, löschpapiernen Reden unserer süddeutschen Kammern, deren Langweiligkeit auch der geduldigste Zeitungsleser nicht zu überwinden vermag, ja deren Duft schon einen lebendigen Leser verscheuchen kann, so daß wir glauben müssen, jene Langweiligkeit sei geheime Absicht, um das große Publikum von der Lektüre jener Verhandlungen abzuschrecken und sie dadurch trotz ihrer Öffentlichkeit dennoch im Grunde ganz geheim zu halten. Ist also die Art, wie die Engländer im Parlamente die katholische Streitfrage abhandeln, wenig geeignet, ein Resultat hervorzubringen, so ist doch die Lektüre dieser Debatten um so interessanter, weil Fakta mehr ergötzen als Abstrattionen, und gar besonders amüsant ist es, wenn fabelgleich irgend eine Parallelgeschichte erzählt wird, die den gegenwärtigen, bestimmten Fall witzig persifliert, und dadurch vielleicht am glücklichsten illustriert. Schon bei den Debatten über die Thronrede, am 3. Februar 182S, vernahmen wir im Oberhansc eine jener Parallclgeschichten, wie ich sie oben bezeichnet, und die ich wörtlich hierhersellei hvicl. UarliarnsiUarv Iristorz- nncl rsvisv clurinA tsts ssssion ok 182S—26. UaZ-. 31.) „Lord King bemerkte, daß, wenn auch England blühend und glücklich genannt werden könne, so befänden sich doch sechs Millionen Katholiken in einem ganz andern Zustande jenseits des irländischen Kanals, und die dortige schlechte Regierung sei eine Schande für unser Zeitalter und für alle Briten. Die ganze Welt, sagt er, ist jetzt zu vernünftig, um Regierungen zu entschuldigen, welche ihre 222 Neiscbilder II, llnterthanen ivegcn Rcligiousdifferenzen bedrücken oder irgend eines Rechtes berauben, Irland und die Türkei könnte mau als die einzigen Lander Europas bezeichnen, >00 ganze Menschcnklasscn ihres Glaubens wegen unterdrückt und gekränkt werden. Der Großsultan hat sich bemüht, die Griechen zu bekehren, in derselben Weise wie das englische Gouvernement die Bekehrung der irländischen Katholiken betrieben, aber ohne Erfolg, Wenn die unglücklichen Griechen über ihre Leiden klagten und demütigst baten, ein bißchen besser als mohammedanische Hunde behandelt zu werden, ließ der Sultan seinen Großvezier holen, um Rat zu schaffen. Dieser Großvczier war früherhin ein Freund und späterhin ein Feind der Sultanin gewesen, Er hatte dadurch in der Gunst seines Herrn ziemlich gelitten, und in seinem eigenen Divan von seinen eigenen Beamten und Dienern manchen Widerspruch ertragen müssen (Gelächter), Er war ein Feind der Griechen, Dein Einfluß nach die zweite Person im Divan war der Reis Effendi, welcher den gerechten Forderungen jenes unglücklichen Volkes freundlich geneigt war. Dieser Beamte, wie man wußte, war Minister der äußeren Angelegenheiten, und seine Politik verdiente und erhielt allgemeinen Beifall, Er zeigte in diesem Felde außerordentliche Liberalität und Talente, er that viel Gutes, verschaffte der Regierung des Sultans viel Popularität, und würde noch mehr ausgerichtet haben, Hütten ihn nicht seine minder erleuchteten Kollegen in allen seinen Maßregeln gehemmt. Er war in der That der einzige Mann von wahrem Genie im ganzen Divan (Gelächter), und man achtete ihn als eine Zierde türkischer Staats- lcute, da er auch mit poetischen Talenten begabt war. Der Kiaya- Bei oder Minister des Innern und der Kapudan Pascha waren wiederum Gegner der Griechen; aber der Chorführer der ganzen Opposition gegen die Rechtsansprüche dieses Volks war der Obcrmufti oder das Haupt des mohammedanischen Glanbens (Gelächter). Dieser Beamte war ein Feind jeder Veränderimg, Er hatte sich regelmäßig widersetzt bei allen Verbesserungen im Handel, bei allen Verbcsserungen in der Justiz, bei jeder Verbesserung in der ausländischen Politik (Gelächter), Er zeigte und erklärte sich jedesmal als der größte Verfechter der bestehenden Mißbränche, Er war der vollendetste Intrigant im ganzen Divan (Gelächter), In früherer Zeit hatte er sich für die Snl- tanin erklärt, aber er wandte sich gegen sie, sobald er befürchtete, daß er dadurch seine Stelle im Divan verlieren könne, er nahm sogar die Partei ihrer Feinde, Einst wurde der Borschlag gemacht, einige Griechen in das Korps der regulären Truppen oder Janitscharcn aufzunehmen; aber der Obermnfti erhob dagegen ein so heilloses Zetergeschrei — ähnlich unserem blo xoxsr^-Geschrci, — daß diejenigen, welche jene Maßregel genehmigt, aus dein Divan scheiden mußten. Er gewann selbst die Oberhand, und sobald dies geschah, erklärte er sich für eben Die Emlmcipation der Katholiken. 223 dieselbe Sache, wogegen er vorhin ani meisten geeifert hatte (Gelächter). Er sorgte für des Sultans Gewissen und für sein eigenes: doch will man bemerkt haben, daß sein Gewissen niemals mit seinen Interessen in Opposition war (Gelächter). Da er aufs genaueste die türkische Konstitntion studiert, hatte er ausgcfuudcn, daß sie wesentlich mohammedanisch sei (Gelächter), und folglich allen Vorrechten der Griechen feindselig sein müsse. Er hatte deshalb beschlossen, der Sache der Intoleranz fest ergeben zu bleiben, und war bald umringt von Wollahs, Jmams und Derwischen, welche ihn in seinen edeln Borsätzen bestärkten, lim das Bild dieser Spaltung im Divan zu vollenden, sei noch erwähnt, daß dessen Mitglieder übereinkamen, sie wollten bei gewissen Streitfragen einig und bei andern wieder entgegengesetzter Meinung sein, ohne ihre Vereinbarung zu brechen. Nachdem man nun die Übel, die durch solch einen Divan entstanden, gesehen hat, nachdem man gesehen, wie das Reich der Muselmänner zerrissen worden durch eben ihre Intoleranz gegen die Griechen und ihre Uneinigkeit unter sich selbst, so sollte man doch den Himmel bitten, das Vaterland vor einer solchen Kabinettsspaltung zu bewahren." Es bedarf keines sonderlichen Scharssinns, um die Personen zu erraten, die hier in türkische Namen vermummt sind; noch weniger ist es von nöten, die Moral der Geschichte in trockenen Worten herzusetzen. Die Kanonen von Navarino haben sie laut genug ausgesprochen, und wenn einst die hohe Pforte zusammenbricht — und brechen wird sie trotz Peras bevollmächtigten Lakaien, die sich den: Unwillen der Völker cntgegcnstemmen —, dann mag John Bull in seinem Herzen bedenken: mit verändertem Namen spricht von dir die Fabel. Etwas der Art mag England schon jetzt ahnen, indem seine besten Publizisten sich gegen den Interventionskrieg erklären und ganz naiv darauf hindeuten , daß die Völker Europas mit gleichem Rechte sich der irländischen Katholiken annehmen und der englischen Regierung eine bessere Behandlung derselben abzwingen konnten. Sie glauben hiermit das Jnterventionsrecht widerlegt zu haben, und haben es nur noch deutlicher illustriert. Freilich hätten Europas Völker das heiligste Recht, sich für die Leiden Irlands mit gewaff- ncter Hand zu verwenden, und dieses Recht würde auch ausgeübt werden, wenn nicht das Unrecht stärker wäre. Nicht mehr die gekrönten Häuptlinge, sondern die Völker selbst sind die Helden der neueren Zeit, auch diese Helden haben eine heilige Alliance geschlossen, sie halten zusammen, Ivo es gilt für das gemeinsame Recht, für das Völkerrecht der religiösen und politischen Freiheit, sie sind verbunden durch die Idee, sie haben sie beschworen und dafür geblutet, ja sie sind selbst zur Idee geworden — und deshalb zuckt es gleich schmerzhaft durch alle Völkerhcrzcn, wenn irgendwo, sei es auch im äußersten Winkel der Erde, die Idee beleidigt wird. 224 Reisebilder II. Doch ich komme ab von meinem Thema. Ich wollte alte Parla- mcntsspkße erzählen, und, sieh da! die Zeitgeschichte macht seht aus jedem Spaße gleich Ernst. Ich will ein noch lustigeres Stückchen wählen, nämlich eine Rede, die Spring Rice den 2g. Mai desselben Jahres im Unterhanse hielt, und worin er die protestantische Angst wegen etwaiger Übermacht der Katholiken ans die ergötzlichste Weise persistiert: (vick. Uirrliarnsnt-rr^ Irrstorz? unck rsvisv sto. 252.) „Anno 1753, sagte er, brachte man ins Parlament eine Bill für die Naturalisierung der Juden, — eine Maßregel, wogegen heutzutage in diesem Lande nicht einmal irgend ein altes Weib etwas einwenden würde, die aber doch zu ihrer Zeit den heftigsten Widerspruch fand, und eine Menge von Bittschriften ans London und andern Plätzen, von ähnlicher Art, wie wir sie jetzt bei der Bill für die Katholiken vorbringen sehen, zur Folge hatte. In der Bittschrift der Londoner Bürger hieß es: „Sollte die besagte Bill für die Juden gesetzliche Sanktion erhalten, so würde sie die christliche Religion erschrecklich gefährden, sie würde die Konstitution des Staates und unserer heiligen Kirche untergraben (man lacht), und würde den Interessen des Handels im allgemeinen und der Stadt London insbesondere außerordentlich schaden (Gelächter)." Indessen, ungeachtet dieser strengen Denunziation fand der nachfolgende Kanzler des Excheguer, daß die bedrohten, erschrecklichen Folgen ausblieben, als man die Juden in die City von London nnd selbst in Dvwning- street aufnahm (Gelächter). Damals hatte das Journal „Der Kräfte-- mann" bei der Denunziation der unzähligen Unglücke, welche jene Maßregel hervorbringen würde, in folgenden Worten sich ausgelassen: „Ich muß um Erlaubnis bitten, die Folgen dieser Bill auseinander zu setzen. Bei Gott ist Gnade, aber bei den Juden ist keine Gnade, nnd sie haben 1700 Jahre der Züchtigung an uns abznrächen. Wenn diese Bill durchgeht, werden wir alle Sklaven der Juden, und ohne Hoffnung irgend einer Rettung durch die Güte Gottes. Der Monarch würde den Juden nntcrthan werden, nnd der freien Landbesitzer nicht mehr achten. Er würde unsere britischen Soldaten abschaffen und eine größere Armee von lauter Juden errichten, die uns zwingen würde, unsere königliche Familie abzuschwören, und gleichfalls unter einem jüdischen König naturalisiert zu werden. Erwacht daher, meine christlichen und protestantischen Brüder! Nicht Hannibal ist vor euren Pforten, sondern die Juden, und sie verlangen die Schlüssel eurer Kirchthüren!" (Lautes anhaltendes Gelächter.) Bei den Debatten, welche über jene Bill im ünterhause stattfanden, erklärte ein Baron aus dein Westen (man lacht), daß, wenn man die Naturalisierung der Juden zugestehe, so gerate man in Gefahr, bald von ihnen im Parlamente überstimmt zu werden. „Sie werden unsere Grafschaften, "sagte er, „unter ihre Stämme verteilen, Die Einnucipation der Katholiken. 225 und unsere Landgüter den Meistbietenden verkaufen," Man lacht,) Ein anderes Parlaincntsglicd war der Meinung, „wenn die Bill durchgehe, würden sich die Juden so schnell vermehren, daß sie sich über den größten Teil Englands verbreiten, und dein Volke sein Land ebenso wie seine Macht abringen würden," Das Parlamcnts- glied für London, Sir John Bernnrd, betrachtete den Gegenstand ans einein tieferen theologischen Gesichtspunkte, einem Gesichtspunkt, den man ganz wiederfindet in der nenlichen Petition anS Leicester, deren Unterzeichner den Katholiken vorwerfen, sie seien Abkömmlinge derer, die ihre Vorfahren verbrannt haben — nnd in solcher Art rief er, „die Juden seien die Nachkommen derjenigen, welche den Heiland gekreuzigt haben, nnd deshalb bis auf die spätesten Enkel von Gott verflucht worden," — Er (Spring Rice) bringe jene Auszüge zum Vorschein, um zu zeigen, daß jenes alte Lärmgcschrci ebenso begründet gewesen sei, wie der jetzige neue Lärm in betreff der Katholiken, (Hört! hört!) Zur Zeit der Judenbill wurde nuch eine scherzhafte „Jndcnzeitnug" ausgegeben, worin man die folgende Ankündigung las: „Seit unserer letzten Nnmmcr ist der Postwagen von Jerusalem angekommen. Vergangene Woche wurden im Etil biudungshospital, Brvwnlvw-Strcet, fünfundzwanzig Knaben öffentlich beschnitten. Gestern abend wurde im Sanhedrin durch Stimmenmehrheit die Naturalisierung der Christen verworfen. Das Gerücht eines Aufruhrs der Christen in Nord-Wales erfand sich als ganz unbegründet. Letzten Freitag wurde die Jahrfeier der Kreuzigung im ganzen Königreich sehr vergnüglich begangen," — In dieser Art nnd zu allen Zeiten, bei der Jndenbill sowohl als bei der Bill für die Katholiken, wurde der lächerlichste Widcrsctznngslärm durch die geistlosesten Mittel erregt, und wenn wir den Ursachen eines solchen Lärms nachforschen, finden wir, daß sie sich immer ähnlich waren. Wenn wir den Ursachen der Opposition gegen die Judenbill im Jahre 1753 nachforschen, finden wir als erste Autorität den Lord Chatham, der im Parlamente aussprach, „er sowohl als die meisten andern Gcntlemen seien überzeugt, daß die Religion selbst mit dieser Streitfrage nichts zu schaffen habe, und es nur dein Verfolgungs- gciste der alten erhabenen Kirche Ms olcl IriZU oburvb's psrsssnting' spirit) gelungen sei, dem Volke das Gegentheil weiß zu machen," (Hört! hört!) So ist es auch in diesem Falle, und es ist wieder ihre Liebe für ausschließliche Macht nnd Bevorrechtnng, was jetzt die alte erhabene Kirche antreibt, daS Volk gegen die Katholiken zu bearbeiten; nnd er (Spring Rice) sei überzeugt, daß viele, welche solche Künste anwenden, ebenfalls sehr gut wüßten, wie wenig die Religion bei der letzten Katholikenbill in Betrachtung kommen konnte, gewiß ebensowenig, wie bei einer Bill für Regulierung der Maße und Gewichte oder für Bestimmung der Länge des Pendels nach der An- Hcinc's Werke, VI, Bd, 15 226 Ncisebilder II. zahl seiner Schwingungen, Ebenfalls in betreff der Jndenbill befindet sich in der damaligen Hardwieke-Zeitnng ein Brief des Doktor Birch an Herrn Philipp Park, worin jener sich äußerte, daß all dieser Lärm wegen der Judenbill nur einen Einflnß ans die nächstjährigen Wahlen beabsichtigt," (Hört! Man lacht,) Es geschah damals, wie dergleichen auch in unserer Zeit geschieht, daß ein vernünftiger Bischof von Norwich zu gunstcn der Judenbill aufgetreten, Or, Birch erzählt, daß dieser bei seiner Zuriickkunft in seinen Kirchsprengel jener Handlung wegen insultiert worden; „als er nach Jpswich ging, um dort einige Knaben zu konfirmieren, ward er unterwegs verspottet und man verlangte von ihm beschnitten zu werden;" auch annoncierte man, „daß der Herr Bischof nächsten Samstag die Inden konfirmieren und tags darauf die Christen beschneiden würde," (Man lacht,) So war das Geschrei gegen liberale Maßregeln in allen Zeitaltern gleichartig unvernünftig und brutal, (Hört ihn, hört ihn!) Jene Besorgnisse in Hinsicht der Juden vergleiche man mit dem Alarm, der in gewissen Orten durch die Bill für die Katholiken erregt wurde. Die Gefahr, welche man befürchtete, wenn den Katholiken mehr Macht eingeräumt würde, war ebenso absurd; die Macht Unheil anzurichten, wenn sie dazu geneigt waren, konnte ihnen durch das Gesetz in keinem so hohen Grade verliehen werden, wie sie jetzt solche eben durch ihre Bedrückung selbst erlangt haben. Diese Bedrückung ist es, wodurch Leute wie Herr O'Connell und Herr Sheil so einflußreich geworden sind. Die Nennung dieser Herren geschehe nicht um sie verdächtig zu machen; imGegcnteil, man muß ihnen Achtung zollen, und sie haben sich um das Vaterland Verdienste erworben; dennoch wäre es besser, wenn die Macht vielmehr in den Gesetzen als in den Händen der Individuen, seien diese auch noch so achtnngswert, beruhen möchte. Die Zeit wird kommen, wo man den Widerstand des Parlaments gegen jene Ncchtseinräumnng nicht bloß mit Verwunderung, sondern auch mit Verachtung ansehen wird. Die religiöse Weisheit eines früheren Zeitalters war oft der Gegenstand der Verachtung bei den nachfolgenden Generationen. (Hört! hört!) — — — — — — Wellington. 227 XII. Wellington. Der Mann hat das Unglück, überall Glück zu haben, wo die größten Männer der Welt Unglück hatten, und das empört uns und macht ihn verhaßt. Wir sehen in ihm nur den Sieg der Dummheit über das Genie — Arthur Wellington triumphiert, wo Napoleon Bonaparte untergeht! Nie ward ein Mann ironischer von Fortuna begünstigt, und es ist, als ob sie seine öde Winzigkeit zur Schau geben wollte, indem sie ihn ans den Schild des Sieges emporhebt. Fortuna ist ein Weib, und nach Weiberart grollt sie vielleicht heimlich dem Manne, der ihren ehemaligen Liebling stürzte, obgleich dessen Sturz ihr eigener Wille war. Jetzt bei der Emancipation der Katholiken läßt sie ihn wieder siegen, und zwar in einem Kampfe, worin George Canning zu Grunde ging. Mau würde ihn vielleicht geliebt haben, wenn der elende Londonderry sein Vorgänger im Ministerium gewesen wäre; jetzt aber war er der Nachfolger des edlen Canning, des vielbcweintcn, angebeteten, großen Canning — und er siegt, wo Canning zu Grunde ging. Ohne solches Unglück des Glücks würde Wellington vielleicht für einen großen Mann passieren, man würde ihn nicht hassen, nicht genau messen, wenigstens nicht mit dem heroischen Maßstäbe, womit man einen Napoleon und einen Canning mißt, und man würde nicht entdeckt haben, wie klein er ist als Mensch. Er ist ein kleiner Mensch, und noch weniger als klein. Die Franzosen haben von Polignac nichts Ärgeres sagen können, als: er sei ein Wellington ohne Ruhm. In der That, was bleibt übrig, wenn man einem Wellington die Feldmarschalluniform desRuhmes auszieht? Ich habe hier die beste Apologie des Lord Wellington — im englischen Sinne des Wortes — geliefert. Alan wird sich aber wundern, wenn ich ehrlich gestehe, daß ich diesen Helden einst sogar mit vollen Segeln gelobt habe. Es ist eine gute Geschichte, und ich will sie hier erzählen. Mein Barbier in London war ein Radikaler, genannt Mister White, ein armer kleiner Mann in einem abgeschabten schwarzen Kleide, das einen weißen Wiederschein gab; er war so dünn, daß die Fassade seines Gesichts nur ein Profil zu sein schien, und die Seufzer in seiner Brust sichtbar waren, noch ehe sie aufstiegen. Er seufzte nämlich immer über das Unglück von Alt-England und über die Unmöglichkeit, jemals die Nativnalschuld zu bezahlen. „Ach!" — hörte ich ihn gewöhnlich seufzen — „waS brauchte sich das englische Volk darum zu bekümmern, wer in Frankreich regierte und was die Franzosen in ihrem Lande trieben? Aber der 15* 228 Nciscbilder II. hohe Adel und die hohe Kirche fiirchtctcn die FreiheitSgrnndsätze der französischen Revolution, und nm diese Grundsätze zu unterdrücken, mußte John Bull sein Blut und sein Geld hergeben und noch oben drein Schulden machen. Der Zweck des Krieges ist jetzt erreicht, die Revolution ist unterdrückt, den französischen Freiheitsadlcrn sind die Flügel beschnitten, der hohe Adel und die hohe Kirche können jetzt ganz sicher sein, daß keiner derselben über den Kanal fliegt, und der hohe Adel und die hohe Kirche sollten jetzt wenigstens die Schulden bezahlen, die für ihr eigenes Interesse, und nicht für das arme Volk gemacht worden sind. Ach! das arme Volk —" Immer, wenn er an „das arme Volk" kam, seufzte Mister White noch tiefer, und der Refrain war dann, daß das Brot und der Porter so teuer sei, und daß das arme Volk verhungern müsse, um dicke Lords, Jagdhunde und Pfaffen zu füttern, und daß es nur eine Hilfe gäbe. Bei diesen Worten Pflegte er auch das Messer zu schleifen, und während er es über das Schleifleder hin lind her zog, murmelte er ingrimmig langsam: . „Lords, Hunde, Pfaffen!" Gegen den Onlrs ok"lVoIlinoston kochte aber sein radikaler Zorn immer am heftigsten, er spuckte Gift und Galle, sobald er auf diesen zu sprechen kam, und wenn er mich unterdessen einseifte, so geschah es mit schäumender Wut. Einst wurde ich ordentlich bange, als er mich just beim Halse barbierte, während er heftig gegen Wellington loszog, und beständig dazwischen murmelte: „Hätte ich ihn nur so unterm Messer, ich würde ihm die Mühe ersparen, sich selbst die Kehle abzuschneiden, wie sein AmtSbruder und Landsmann London- dcrrh, der sich die Kehle abgeschnitten zu Nvrth-Cray in der Graf schaft Kcnt — Gott verdamm' ihn!" Ich fühlte schon, wie die Hand des Mannes zitterte, und auS Furcht, daß er in der Leidenschaft sich plötzlich einbilden könnte, ich sei der Oules ob ^-VsIIinAton, suchte ich seine Heftigkeit hcrabzm stimmen und ihn unter der Hand zu besänftigen. Ich nahm seinen Nationalstolz in Anspruch, ich stellte ihm vor, daß Wellington den Ruhm der Engländer befördert, daß er immer nur eine unschuldige Maschine in dritten Händen gewesen sei, daß er gern Beefsteaks esse, und daß er endlich — Gott weiß! was ich noch mehr von Wellington rühmte, als mir das Messer an der Kehle stand. Was mich am meisten ärgert, ist der Gedanke, daß Arthur Wellington ebenso unsterblich wird wie Napoleon Bvnaparte. Ist doch in ähnlicher Weise der Name Pontius Pilatus ebenso unvergeßlich geblieben wie der Name Christi. Wellington und Napoleon! Es ist ein wunderbares Phänomen, daß der menschliche Geist Wellington. 229 sich beide zu gleicher Zeit denken kann. Es gicbt keine größeren Kontraste als diese beiden, schon in ihrer äußeren Erscheinung. Wellington, das dnininc Gespenst mit einer aschgrauen Seele in einem steif- leinernen Körper, ein hölzernes Lächeln in dem frierenden Gesichte — daneben denke man sich das Bild Napoleons, jeder Zoll ein Gott! Nie schwindet dieses Bild aus meinem Gedächtnisse. Ich sehe ihn immer noch hoch zn Roß, mit den ewigen Augen in dem marmornen Jmpcratvrgcsichtc, schicksalruhig hinabblicken ans die vorbci- defiliercndcn Garden — er schickte sie damals nach Rußland, und die alten Grenadiere schauten zu ihm hinauf so schauerlich ergeben, so mitwissend ernst, so tvdesstolz — Ds, Lassan, moriimri saiukant! Manchmal iibcrschleicht mich geheimer Zweifel, ob ich ihn wirklich selbst gesehen, ob wir wirklich seine Genossen waren, und es ist mir dann, als ob sein Bild, losgerissen aus dem kleinen Rahmen der Gegenwart, immer stolzer und herrischer zurückweiche in vergangen- hcitliche Dämmerung. Sein Name schon klingt uns wie eine Kunde der Borwclt und ebenso antik und heroisch wie die Namen Alexander und Cäsar. Er ist schon ein Losungswort geworden unter den Völkern, und wenn der Orient und der Occident sich begegnen, so verständigen sie sich durch diesen einzigen Namen. Wie bedeutsam und magisch alsdann dieser Name erklingen kann, daS empfand ich anfS tiefste, als ich einst im Hafen von London, Ivo die indischen Docks sind, an Bord eines Ostindienfahrers stieg, > der eben ans Bengalen angelangt war. Es war ein riesenhaftes Schiff und zahlreich bemannt mit Hindvstanern. Die grotesken Gestalten und Gruppen, die seltsam bunten Trachten, die rätselhaften Mienen, die wunderlichen Leibcsbewcgungen, der wildfremde .Klang der Sprache, des Jubels und des Lachens, dabei wieder der Ernst ans einigen sanftgelben Gesichtern, deren Augen, wie schwarze Blumen, mich mit abenteuerlicher Wehmut ansahen — alles das erregte in mir ein Gefühl wie Verzauberung, ich war plötzlich wie versetzt in Schchere- zades Märchen, und ich meinte schon, nun müßten auch breitblättrige Palmen und langhttlsige Kamele und goldbcdeckte Elefanten und andere fabelhafte Bäume und Tiere zum Vorschein kommen. Der Snpercargo, der sich ans dem Schisse befand und die Sprache jener Leute ebensowenig verstand als ich, konnte mir, mit echt britischer Beschränktheit, nicht genug erzählen, was das für ein närrisches Volk sei, fast lauter Mohammedaner, zusammengewürfelt aus allen Ländern Asiens, von der Grenze Chinas bis ans Arabische Meer, darunter sogar einige pechschwarze, wollhaarige Afrikaner. Des dumpfen abendländischen Wesens so ziemlich überdrüssig, so recht enropnmiidc, wie ich mich damals manchmal fühlte, war SSV Neisebilder II. mir dieses Stück Morgenland, das sich jetzt heiter und bunt vor meinen Augen bewegte, eine erquickliche Labung, mein Herz erfrischten wenigstens einige Tropfen jenes TrankcS, wonach es in trüb hannoverischen oder königlich preußischen Winternächten so oft geschmachtet hatte, und die fremden Leute mochten es mir wohl ansehen, wie angenehm mir ihre Erscheinung war, und wie gern ich ihnen ein Liebeswörtchen gesagt hätte. Daß auch ich ihnen recht wohl gefiel, war den innigen Augen anzusehen, und sie hätten mir ebenfalls gern etwas Liebes gesagt, und es war eine Trübsal, daß keiner des andern Sprache verstand. Da endlich fand ich ein Mittel, ihnen meine freundschaftliche Gesinnung auch mit einem Worte kund zu geben, und ehrfurchtsvoll und die Hand ausstreckend wie zum Liebesgruß rief ich den Namen: Mohammed! Freude überstrahlte plötzlich die dunklen Gesichter der fremden Leute, sie kreuzten ehrfurchtsvoll die Arme, und zum erfreuenden Gegeugruß riefen sie den Namen: Bvnaparte! - M XIII. Die Befreiung. Wenn mir mal die Zeit der müßigen Untersuchungen wiederkehrt, so werde ich langweiligst gründlich beweisen, daß nicht Indien, sondern Ägypten jenes Kastentum hervorgebracht hat, das seit zwei Jahrtausenden in jede Landestracht sich zu vermummen und jede Zeit in ihrer eigenen Sprache zu täuschen wußte, das vielleicht jetzt tot ist, aber, den Schein des Lebens erheuchelnd, noch immer bvs- ttugig und unheilstiftend unter uns wandelt, mit seinem Leichendufte unser blühendes Leben vergiftet, ja als ein Vampir des Mittelalters den Völkern das Blut und daS Licht aus den Herzen saugt. Dem Schlamme des Nilthals entstiegen nicht bloß die Krokodile, die so gut weinen können, sondern auch jene Priester, die es noch besser verstehen, und jener privilegiert erbliche Kriegcrstand, der in Mvrd- gier und Gefräßigkeit die Krokodile noch übertrifft. Zwei tiefsinnige Männer deutscher Nation entdeckten den heilsamsten Gegenzauber wider die schlimmste aller ägyptischen Plagen, und durch schwarze Kunst — durch die Buchdruckerei und das Pulver — brachen sie die Gewalt jener geistlichen und weltlichen Hierarchie, die sich aus einer Verbindung des Priestertums und der Kriegerkaste, nämlich aus der sogenannten katholischen Kirche und des Feudaladels, gebildet hatte, und die ganz Europa weltlich und geistlich knechtete. Die Druckcrpresse zersprengte das Dvgmengebäude, Die Befreiung, 231 wvrin der Großpfaffe von Rom die Geister gekerkert, und Nordeuropa atmete wieder frei, entlastet tum dem nächtlichen Alp jener Klerisei, die zwar in der Form von der ägyptischen Standeserblichkeit abgewichen war, im Geiste aber dem ägyptischen Priestersysteme um so getreuer bleiben konnte, da sie sich nicht durch natürliche Fortpflanzung, sondern unnatürlich, durch mamelnckcnhafte Rekrutierung, als eine Korporation von Hagestolzen noch schroffer darstellte. Ebenso sehen wir, wie die Kricgskaste ihre Macht verliert, seit die alte Hand- werksroutiuc nicht mehr von Nutzen ist bei der neuen Kriegswcise; denn von dem Pvsauncntone der Kanonen werden jetzt die stärksten Burgtürme uiedergeblasen wie weiland die Mauern von Jericho, der eiserne Harnisch des Ritters schützt gegen den bleiernen Regen ebensowenig wie der leinene Kittel des Bauers; das Pulver macht die Menschen gleich, eine bürgerliche Flinte geht ebensogut los wie eine adlige Flinte — das Volk erhebt sich. Die früheren Bestrebungen, die wir in der Geschichte der lombardischen und toskanischen Republiken, der spanischen Kommunen, und der freien Städte in Deutschland und andern Ländern erkennen, verdienen nicht die Ehre, eine Volkserhebung genannt zu werden; es war kein Streben nach Freiheit, sondern nach Freiheiten, kein Kampf für Rechte, sondern für Gerechtsame; Korporationen stritten um Privilegien, und es blieb alles in den festen Schranken des Gilden- und Zunftwesens, Erst zur Zeit der Reformation wurde der Kampf von allgemeiner und geistiger Art, und die Freiheit wurde verlangt, nicht als ein hergebrachtes, sondern als ein ursprüngliches, nicht als ein erworbenes, sondern als ein angeborenes Recht, Da wurden nicht mehr alte Pergamente, sondern Prinzipien vorgebracht; und der Bauer in Deutschland und der Puritaner in England beriefen sich auf das Evangelium, dessen Aussprüche damals an Vernunft Statt galten, ja noch hoher galten, nämlich als eine geoffenbarte Vernunft Gottes. Da stand deutlich ausgesprochen, daß die Menschen von gleich edler Geburt sind, daß hochmütiges Besserdünken verdammt werden muß, daß der Reichtum eine Sünde ist, und daß auch die Armen berufen sind zum Genüsse in dem schonen Garten Gottes, des gemeinsamen Vaters, Mit der Bibel in der einen Hand und mit dem Schwerte in der andern zogen die Bauern durch das südliche Deutschland, und der üppigen Bürgerschaft im hvchgctürmten Nüremberg ließen sie sagen, es solle künftig kein Haus im Reiche stehen bleiben, das anders aussehe als ein Bauernhans. So wahr und tief hatten sie die Gleichheit begriffen. Noch hentigestags, in Franken und Schwaben, schauen wir die Spuren dieser Gleichheitslehre, und eine grauenhafte 232 Neisebilder II, Ehrfurcht vor dem heiligen Geiste übcrschlcicht den Günderer, wenn er im Mondschein die dunkeln Bnrgtrnmmer sieht aus der Zeit des Bauernkriegs, Wohl dem, der nüchternen Sinns, nichts anderes sieht; ist man aber ein Sonntagskind — und das ist jeder GeschichtS- kundige — so sieht man auch die hohe Jagd, die der deutsche Adel, der rohestc der Welt, gegen die Besiegten geübt, man sieht, wie tanscndweis die Wehrlosen totgeschlagen, gefoltert, gespießt und gemartert wurden, und aus den wogenden Kornfeldern sieht man sie geheimnisvoll nicken, die blutigen Baucrnköpfe, und drübcrhin hört man pfeifen eine entsetzliche Lerche, rachegellcnd, wie der Pfeifer vom Helfcnstcin, Etwas besser erging es den Brüdern in England und Schott tand; ihr Untergang war nicht so schmählich und erfolglos, und noch jetzt sehen wir dort die Früchte ihres Regiments. Aber es gelang ihnen keine feste Begründung desselben, die sauberen Kavaliere herrschen wieder nach wie vor, und ergötzen sich an den Spaßgcschichten von den alten starren Stupköpfen, die der befreundete Barde zu ihrer müßigen Unterhaltung so bnbsch beschrieben. Keine gesellschaftliche Umwcilznng hat in Großbritannien stattgefunden, das Gerüste der bürgerlichen und Politischen Institutionen blieb unzerstört, die Kasten Herrschaft und das Zunftwesen hat sich dort bis ans den heutigen Tag erhalten, und, obgleich getränkt von dem Lichte und der Wärme der neueren Civilisation, verharrt England in einem mittelalterlichen Zustande oder vielmehr im Zustande eines fashionabcln Mittelalters, Die Konzessionen, die dort den liberalen Ideen gemacht worden, sind dieser mittelalterlichen Starrheit nur mühsam abgekämpft worden, und nie ans einem Prinzip, sondern ans der faktischen Notwendigkeit sind alle modernen Verbesserungen hervorgegangen, und sie tragen alle den Fluch der Halbheit, die immer neue Drangsal und neuen Todeskampf und dessen Gefahren nötig macht. Die religiöse Reformation ist in England nur halb vollbracht, und zwischen den kahlen vier Gcfängniswttndcn der bischöflich anglikanischen Kirche befindet man sich noch viel schlechter, als in dem weiten, hübsch be malten und weich gepolsterten Geisteskerkcr des Katholizismus, Mit der politischen Reformation ist es nicht viel besser ergangen, die Volksvertretung ist so mangelhaft als möglich — wenn die Stände sich auch nicht mehr durch den Rock trennen, so trennen sie sich doch noch immer durch verschiedenen Gerichtsstand, Patronage, Hvffcihigkcit, Prärogative, GcwohnheitSvvrrechte und sonstige Fntalicn; und wenn Eigentum und Person des Volkes nicht mehr von aristokratischer Willkür, sondern vom Gesetze abhängen, so sind doch diese Gesetze nichts anderes nlS eine andere Art von Zähnen, womit die aristokratische Brut ihre Beute erhascht, und eine andere Art von Dolchen, womit sie das Volk meuchelt. Denn wahrlich, kein Tyrann vom Die Befreiung. 233 Kontinente würde ans Willkür soviel Taxen erpressen, als das englische Volk von Gesctzwegen bezahlen muß, und kein Tyrann war jemals so grausam wie Englands Kriminalgesetze, die täglich morden für den Betrag eines Schillings, und mit Bnchstabcnkälte. Wird auch seit kurzem manche Verbesserung dieses trüben Znstandes in England vorbereitet, werden auch der weltlichen und geistlichen Habsucht hier und da Schranken geseht, wird auch seht die große Lüge einer Volksvertretung einigermaßen begütigt, indem man hier und da einem großen FabrikSorte die verwirkte Wahlstimme von einem rotten dorou^b überträgt, wird gleichfalls hier nnd da die barsche Intoleranz gemildert, indem man auch einige andere Sekten bevorrechtet -- so ist dieses alles doch nur leidige Altflickcrei, die nicht lange vorhält, nnd der dümmste Schneider in England kann voraussehen, daß über kurz oder lang das alte Staatsklcid in trübseligen Fetzen auscinanderreißt. „Niemand flickt einen Lappen von neuem Tuche an ein altes Kleid; den» der neue Lappen reißt doch vom alten, nnd der Riß wird ärger. Und niemand fasset Most in alte Schläuche; anders zerreißt der Most die Schläuche, nnd der Wein wird verschüttet, und die Schläuche kommen um. Sondern man soll Most in neue Schläuche fassen." Die tiefste Wahrheit erblüht nur der tiefsten Liebe, und daher die Übereinstimmung in den Ansichten des älteren Bergpredigers, der gegen die Aristokratie von Jerusalem gesprochen, nnd jener späteren Bergprcdiger, die von der Höhe des Konvents zu Paris ein dreifarbiges Evangelium herabpredigten, wonach nicht bloß die Form des Staates, sondern das ganze gesellschaftliche Leben, nicht geflickt, sondern neu umgestaltet, neu begründet, ja neu geboren werden sollte. Ich spreche von der französischen Revolution, jener Weltcpoche, wo die Lehre der Freiheit und Gleichheit so siegreich emporstieg aus jener allgemeinen ErkenntniSguelle, die wir Vernunft nennen, nnd die als eine unaufhörliche Offenbarung, welche sich in jedem Men- schenhanpte wiederholt nnd ein Wissen begründet, noch weit vorzüglicher sein mnß als jene überlieferte Offenbarung, die sich nur in wenigen Auserlesenen bekundet und von der großen Menge nur geglaubt werden kann. Diese letztgenannte Offenbarnngsart, die selbst aristokratischer Natur ist, vermochte nie die Privilegicnherrschaft, das bevorrechtete Kastenwesen, so sicher zu bekämpfen, wie es die Vernunft, die demokratischer Natur ist, jetzt bekämpft. Die Re- volntionsgeschichtc ist die Kriegsgeschichte dieses Kanipfes, woran 284 Neisebilder II, wir alle mehr oder minder teilgenommen; eS ist der Todeskampf mit dem Ägpptentum, Obgleich die Schwerter der Feinde täglich stumpfer werden, obgleich wir schon die besten Positionen besetzt, so können wir doch nicht eher das Trinmphlied anstimmen, als bis das Werk vollendet ist. Wir können nur in den Zwischennächten, Ivenn Waffenstillstand, mit der Laterne aufs Schlachtfeld hinausgehen, um die Toten zu beerdigen, — Wenig fruchtet die kurze Leichenrede! Die Verleumdung, das freche Gespenst, fetzt sich auf die edelsten Gräber — Ach! gilt doch der Kampf auch jenen Erbfeinden der Wahrheit, die so schlau den guten Leumund ihrer Gegner zu vergiften wissen, und die sogar jenen ernsten Bergprediger, den reinsten Freiheitshelden, herabzuwürdigen wußten; denn als sie nicht leugnen konnten, daß er der größte Mensch sei, machten sie ihn zum kleinsten Gvttc, Wer mit Pfaffen kämpft, der mache sich darauf gefaßt, daß der beste Lug und die triftigsten Verleumdungen seinen armen guten Namen zerfetzen und schwärzen werden. Aber gleichwie man jene Fahnen, die in der Schlacht am meisten von den Kugeln zerfetzt und von Pnlverdampf geschwärzt worden, höher ehrt als die blanksten und gesündesten Rekrntenfahnen, und wie man sie endlich als National- rclignien in den Domen ausstellt: so werden einst die Namen unserer Helden, je mehr sie zerfetzt und angeschwärzt worden, um so enthusiastischer verehrt werden in der heiligen Genovevakirche der Freiheit, Wie die Helden der Revolution, so hat man die Revolution selbst verleumdet, und sie als ein FUrstenschrecknis und eine Vvlksscheuche dargestellt in Libellen aller Art, Man hat in den Schulen all die sogenannten Greuel der Revolution von den Kindern auswendig lernen lassen, und auf den Jahrmärkten sah man einige Zeit nichts anderes als grellkolvrierte Bilder der Guillotine, Es ist freilich nicht zu leugnen, diese Maschine, die ein französischer Arzt, ein großer Welt-Orthopäde, Monsieur Guillotin, erfunden hat, und womit man die dummen Köpfe von den bösen Herzen sehr leicht trennen kann, diese heilsame Maschine hat man etwas oft angewandt, aber doch nur bei unheilbaren Krankheiten, z, B, bei Verrat, Lüge und Schwäche, und man hat die Patienten nicht lang geguält, nicht gefoltert und nicht gerädert, wie einst Tansende und Abertausende Noturicrs und Vilnius, Bürger und Bauern geguält, gefoltert und gerädert wurden in der guten alten Zeit, Daß die Franzosen mit jener Maschine sogar das Oberhaupt ihres Staates amputiert, ist freilich entsetzlich, und man weiß nicht, ob man sie deshalb des Batermords oder des Selbstmords beschuldigen soll; aber bei mildcruugs-gründlicher Betrachtung finden wir, daß Ludwig von Frankreich minder ein Opfer der Leidenschaften als vielmehr der Begebenheiten geworden, und daß diejenigen Leute, die das Vvlk zu solchem Opfer drängten und Die Befreiung. 2gg die selbst zu allen Zeiten in weit reichlicherem Maße Fürstenblnt vergossen haben, nicht als laute Kläger auftreten sollten. Nur zwei Könige, beide vielmehr Könige des Adels als des Volkes, hat das Volk geopfert, nicht in Fricdenszeit, nicht niedriger Interessen wegen, sondern in äußerster Kriegsbedrängnis, als es sich von ihnen verraten sah, und während es seines eigenen Blutes am wenigsten schonte; aber gewiß mehr als tausend Fürsten fielen meuchlings, und der Habsucht oder frivoler Interessen wegen, durch den Dolch, durch das Schwert und durch das Gift des Adels und der Pfaffen. Es ist, als ob diese Kasten den Fürstenmord ebenfalls zu ihren Privilegien rechneten, und deshalb den Tod Ludwigs XVI. und Karls I. um so eigennütziger beklagten. O, daß die Könige endlich einsähen, daß sie alS Könige des Volkes im Schutze der Gesetze viel sicherer leben können, als unter der Guarde ihrer adligen Leibmörder. Aber nicht bloß die Helden der Revolution und die Revolution selbst, sondern sogar unser ganzes Zeitalter hat man verleumdet, die ganze Liturgie unserer heiligsten Ideen hat man parodiert, mit unerhörtem Frevel, und wenn man sie hört oder liest, unsere schnöden Verächter, so heißt das Volk die Canaille, die Freiheit heißt Frechheit, und mit himmelnden Augen und frommen Seufzern wird geklagt und bedauert, wir wären frivol und hätten leider keine Religion. Heuchlerische Duckmäuser, die unter der Last ihrer geheimen Sünden niedergebeugt einherschleichen, wagen es ein Zeitalter zu lästern, das vielleicht das heiligste ist von allen seinen Vorgängern und Nachfolgern, ein Zeitalter, das sich opfert für die Sünden der Vergangenheit und für das Glück der Zukunft, ein Messias unter den Jahrhunderten, der die blutige Dornenkrone und die schwere Krenzcslast kaum ertrüge, wenn er nicht dann und wann ein heiteres Vande- ville trällerte und Späße risse über die neueren Pharisäer und Sn- ducäer. Die kolossalen Schmerzen wären nicht zu ertragen ohne solche Witzreißcrei und Persiflage! Der Ernst tritt um so gewaltiger hervor, wenn der Spaß ihn angekündigt. Die'Zeit gleicht hierin ganz ihren Kindern unter den Franzosen, die sehr schreckliche leichtfertige Bücher geschrieben, und doch sehr streng und ernsthaft sein konnten, Ivo Strenge und Ernst notwendig wurden; z. B. LaclvS und gar Lonvct de Convray, die beide, wo es galt, mit Märthrew kühnheit und Aufopferung für die Freiheit stritten, übrigens aber sehr frivol und schlüpfrig schrieben, und leider keine Religion hatten. Als ob die Freiheit nicht ebensogut eine Religion wäre als jede andere! Da es die nnsrige ist, so könnten wir, mit demselben Maße messend, ihre Verächter für frivol und irreligiös erklären. 236 Neiselnldcr ll. Ja, ich wiederhole die Worte, womit ich diese Blätter eröffnet: Die Freiheit ist eine neue Religion, die Religion unserer Zeit. Wenn Christus auch nicht der Gott dieser Religion ist, so ist er doch ein Hoherpriester derselben, nnd sein Name strahlt beseligend in die Herzen der Jünger. Die Franzosen sind aber oas auserlesene Volk der neuen Religion, in ihrer Sprache sind die ersten Evangelien und Dogmen verzeichnet, Paris ist das neue Jerusalem, und der Rhein ist der Jordan, der das geweihte Land der Freiheit trennt von dem Lande der Philister. Drink von Hesse >5 Becker in Leipzig. mit Hiograxhien und Porträts. Kcrlag vo» Gustav Jock iu Keipzig. Clzanriffo. Biographie v, Dr. A.Siege n. Eirlzondorff. Biogr. v. Dr. G..A a r p e l e s. (zsoetlze. Biogr. v. Prof. Dr. s. tlt.Preui. Auswahl in t6 Bauden. Hauff. Biographie von A. Aofahl. H oino. Biographie v. Dr. G. A a r p e l e s. H. A. Kleist. Biogr. von Dr. A. Siegen Nüener. Biographie von Ad. Aofahl. Lonau. Biogr. von Dr. G. Aarpeles Lessing. Biographie von Dr. Di. Brasch — Port. u. dramat Wroke. 2 Lände. Solzillor. Biogr. von Dr. G. Aarpeles Slialrespeaee. übcrseia v. schiegci». T,cck Biographie von Rob. Prölß. Uljland. Biographie v. Ludw. Geiger vsrziiglich« Zl»sstatt»»g! o » « » » 0 U»iibcrtroff«n- Rsrr«ktl>elt!