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6 (1898) Englische Fragmente Reisebilder : 2
Entstehung
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Old Valley. 195

Auch hier, wie in den andern Gerichtshöfen Londons, sitzen dieRic hter in blanschwarzer Toga, die hellviolett gefüttert ist, nnd ihrHaupt bedeckt die weißgepuderte Perücke, womit oft die schwarzenAugenbrauen und schwarzen Backenbärte gar drollig kontrastieren.Sie sitzen an einem langen grünen Tische, ans erhabenen Stühlen,am obersten Ende des Saales, wo an der Wand mit goldenen Buch-staben eine Bibelstelle, die vor ungerechtem Richterspruch warnt, ein-gegraben steht. An beiden Seiten sind Bänke für die Männer derJury, und Plätze zum Stehen für Kläger und Zeugen. Den Richterngerade gegenüber ist der Platz der Angeklagten; diese sitzen nicht anseinem Armcsünderbänkchen, wie bei den öffentlichen Gerichten inFrankreich und Rheinland, sondern aufrecht stehen sie hinter einemwunderlichen Brette, das oben wie ein schmalgcbvgenes Thor aus-geschnitten ist. Es soll dabei ein künstlicher Spiegel angebracht sein,wodurch der Richter imstande ist, jede Miene der Angeklagten deutlichzu beobachten. Auch liegen einige grüne Kräuter vor letzteren, ninihre Nerven zu stärken, und das mag zuweilen nötig sein, wo manangeklagt steht auf Leib und Leben. Auch auf dem Tische der Richtersah ich dergleichen grüne Kräuter und sogar eine Rose liegen. Ichweiß nicht wie es kommt, der Anblick dieser Rose hat mich tief bewegt.Die rote blühende Rose, die Blume der Liebe nnd des Frühlings,lag ans dem schrecklichen Richtertische von Old Bailey. Es war imSaale so schwül nnd dumpfig. Es schaute alles so unheimlich mürrisch,so wahnsinnig ernst. Die Menschen sahen ans, als kröchen ihnengraue Spinnen über die blöden Gesichter. Hörbar klirrten die eisernenWagschalen über dem Haupte des schwarzen William.

Auch ans der Galerie bildete sich eine Jury. Eine dicke Dame,ans deren rot aufgedunsenem Gesicht die kleinen Äuglein wie Glüh-würmchen hervorglimmtcn, machte die Bemerkung, daß der schwarzeWilliam ein sehr hübscher Bursche sei. Indessen ihre Nachbarin, einezarte, piepsende Seele in einem Körper von schlechtem Postpapier,behauptete, er trüge das schwarze Haar zu lang nnd zottig, und blitzemit den Augen wie Herr Kean im Othello --Dagegen," fuhr siefort,ist doch der Thomson ein ganz anderer Mensch, mit HellemHaar nnd glatt gekämmt nach der Mode, und er ist ein sehr geschickterMensch, er bläst ein bißchen die Flöte, er malt ein bißchen, "er sprichtein bißchen französisch"Und stiehlt ein bißchen," fügte die dickeDame hinzu.Ei was, stehlen!" versetzte die dünne Nachbarin,das ist doch nicht so barbarisch wie Fälschung; denn ein Dieb, essei denn, er habe ein Schaf gestohlen, wird nach Botany-Bay trans-portiert, während der Bösewicht, der eine Handschrift verfälscht hat,ohne Gnad' nnd Barmherzigkeit gehenkt wird."Ohne Gnad' undBarmherzigkeit!" seufzte neben mir ein magerer Mann in einem ver-witterten schwarzen Rock;Hängen! kein Mensch hat das Recht, einen

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