132 Reisebilder II.
gehenden Bänden nichts nachgiebt, dennoch ein gewisses Interesse;man erwartet bedeutende Aktenstücke, und da man deren keine findet,so ist das ein Beweis, daß deren keine vorhanden waren, die zuGunsten der englischen Minister sprechen — und dieser negative Inhaltdes Buches ist ein wichtiges Resultat.
Alle Ausbeute, die das englische Archiv liefert, beschränkt sichauf einige glaubwürdige Kommunikationen des edlen Sir HudsonLowe und dessen Myrmidonen und einige Aussagen des GeneralGvurgaud, der, wenn solche wirklich von ihm gemacht worden, alsein schamloser Verrater seines kaiserlichen Herrn und Wohlthätersebenfalls Glauben verdient. Ich will das Faktum dieser Aussagennicht untersuchen, es scheint sogar wahr zu sein, da es der BaronStürmer, einer von den drei Statisten der großen Tragödie, kon-statiert hat; aber ich sehe nicht ein, was im günstigsten Falle dadurchbewiesen wird, außer daß Sir Hudson Lowe nicht der einzige Lumpauf St. Helena war. Mit Hilfsmitteln solcher Art und erbärmlichenSuggestionen behandelt Walter Scott die GefangenschaftsgeschichteNapoleons, und bemüht sich, uns zu überzeugen, daß der Exkaiser —so nennt ihn der Exdichter — nichts klügeres thnu konnte, als sichden Engländern zu übergeben, obgleich er seine Abführung nachSt. Helena vorauswissen mußte, daß er dort ganz charmant be-handelt worden, indem er vollauf zu essen und zu Irinken hatte, unddaß er endlich frisch und gesund und als ein guter Christ an einemMagenkrebse gestorben.
Walter Scott, indem er solchermaßen den Kaiser voraussehenläßt, wie weit sich die Generosität der Engländer erstrecken würde,nämlich bis St. Helena, befreit ihn von dem gewöhnlichen Vorwurf,die tragische Erhabenheit seines Unglücks habe ihn selbst so gewaltigbegeistert, daß er civilisierte Engländer für persische Barbaren unddie Beefsieakkllche von St. James für den Herd eines großen Königsansah — und eine heroische Dummheit beging. Auch macht WalterScott den Kaiser zu dem größten Dichter, der jemals auf dieser Weltgelebt hat, indem er uns ganz ernsthaft insinuiert, daß alle jenedenkwürdigen Schriften, die seine Leiden ans St. Helena berichten,sämtlich von ihm selbst diktiert worden.
Ich kann nicht umhin, hier die Bemerkung zu machen, daßdieser Teil des Walter Scottschcn Buches, sowie überhaupt dieSchriften selbst, wovon er hier spricht, absonderlich die Memoiren vonO'Meara, auch die Erzählung des Kapitän Maitland, mich zuweilenan die possenhafteste Geschichte von der Welt erinnert, so daß derschmerzlichste Unmut meiner Seele plötzlich in muntere Lachlust über-gehen will. Diese Geschichte ist aber keine andere als „Die Schick-sale deS Lemuel Gulliver", ein Buch, worüber ich einst als Knabe,so viel gelacht, und worin gar ergötzlich zu lesen ist, wie die kleinen