130 Neisebilder II.
Arme Armut! wie peinigend muß dein Hunger sein, dort woandere im höhnenden Überflüsse schwelgen! Und hat man dir auchmit gleichgültiger Hand eine Brotkruste in den Schoß geworfen, wiebitter müssen die Thränen sein, womit dn sie erweichst! Du ver-giftest dich mit deinen eigenen Thränen. Wohl hast du recht, wenndu dich zu dem Laster und Verbrechen gesellst. Ansgestoßcne Ver-brecher tragen oft mehr Menschlichkeit im Herzen, als jene kühlen,nntadelhaften Staatsbürger der Tugend, in deren bleichen Herzendie Kraft des Bösen erloschen ist, aber auch die Kraft des Guten.Und gar das Laster ist nicht immer Laster. Ich habe Weiber ge-sehen, auf deren Wangen das rote Laster gemalt war, und in ihremHerzen wohnte himmlische Reinheit. Ich habe Weiber gesehen —ich wollt', ich sähe sie wieder! —
III.
Die Engländer.
Unter den Bogengängen der Londoner Börse hat jede Nationihren angewiesenen Platz, nnd auf hochgesteckten Täfclchen liest mandie Namen: Russen, Spanier, Schweden, Deutsche, Malteser, Juden,Hanseaten, Türken u. s. w. Vormals stand jeder Kaufmann unterdem Täfelchen, worauf der Name seiner Nation geschrieben. Jetztaber würde man ihn vergebens dort suchen; die Menschen sind fort-gerückt; wo einst Spanier standen, stehen jetzt Holländer, die Han-seaten traten an die Stelle der Juden, wo man Türken sucht, findetman jetzt Russen, die Italiener stehen, wo einst die Franzosen ge-standen/sogar die Deutschen sind weiter gekommen.
Wie auf der Londoner Börse, so anch in der übrigen Welt sinddie alten Täfelchen stehen geblieben, während die Menschen darunterweggeschoben worden und andere an ihre Stelle gekommen sind,deren neue Köpfe sehr schlecht passen zu der alten Aufschrift. Diealten stereotypen Charakteristiken der Völker, wie wir solche in ge-lehrten Kompendien und Bicrschenken finden, können uns nichtsmehr nutzen nnd nur zu trostlosen Irrtümern verleiten. Wie wirunter unseren Augen in den letzten Jahrzehnten den Charakterunserer westlichen Nachbaren sich allmählich umgestalten sahen, sokönnen wir seit Aufhebung der Kontinentalsperre eine ähnliche Um-wandlung jenseits des Kannles wahrnehmen. Steife, schweigsameEngländer wallfahren scharenwcis nach Frankreich, um dort sprechenund sich bewegen zu lernen, nnd bei ihrer Rückkehr sieht man mitErstannen, daß ihnen die Zunge gelöst ist, daß sie nicht mehr wiesonst zwei linke Hände haben, nnd nicht mehr mit Beefsteak undPlnmpndding zufrieden sind. Ich selbst habe einen solchen Engländer