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6 (1898) Englische Fragmente Reisebilder : 2
Entstehung
Seite
179
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London. 179

alle Hauser groß wie Paläste, aber äußerlich nichts weniger alsausgezeichnet sind, außer daß man hier, wie an allen nicht ganzordinären Wohnhäusern Londons, die Fenster der ersten Etage, miteisengittrigen Ballonen oerziert sieht und auch au rs? 6s vbnnssssein schwarzes Gitterwerk findet, wodurch eine in die Erde gegrabeneKellerwohnung geschützt wird. Auch findet man in diesem Teile derStadt große Squares: Reihen von Häusern gleich den obenbeschriebe-nen, die ein Viereck bilden, in dessen Mitte ein ovn schwarzem Eisen-gitter umschlossener Garten mit irgend einer Statue befindlich ist.Auf allen diesen Plätzen und Straßen wird das Auge des Fremdennirgends beleidigt von baufälligen Hütten deS Elends. Überallstarrt Reichtum und Vornehmheit, und hineingedrängt in abgelegeneGüßchen und dunkle feuchte Gänge wohnt die Armut mit ihrenLumpen und ihren Thränen.

Der Fremde, der die großen Straßen Londons durchwandertund nicht just in die eigentlichen Pöbelquartiere gerät, sieht dahernichts oder sehr wenig von dem vielen Elend, das in London vor-handen ist. Nur hie und da am Eingange eines dunklen Gttßchenssteht schweigend ein zerfetztes Weib, mit einem Säugling an der ab-gehärmten Brust, und bettelt mit den Augen. Vielleicht wenn dieseAugen noch schon sind, schaut man einmal hinein und erschricktob der Welt von Jammer, die man darin geschaut hat. Die ge-wöhnlichen Bettler sind alte Leute, meistens Mohren, die an denStraßenecken stehen und, was im kotigen London sehr nützlich ist,einen Pfad für Fußgänger kehren und dafür eine Kupfermünze ver-langen. Die Armut in Gesellschaft des Lasters und des Verbrechensschleicht erst des Abends ans ihren Schlupfwinkeln. Sie scheut dasTageslicht um so ängstlicher, je grauenhafter ihr Elend kontrastiertmit dem Übermutc des Reichtums,' der überall hervorprnnkt; nurder Hunger treibt sie manchmal um Mittagszeit ans dem 'dunkelnGäßchen, und da steht sie mit stummen, sprechenden Augen undstarrt flehend empor zu dem reichen Kaufmann, der geschttstig-geld-klimpcrnd vorübereilt, oder zu dem müßigen Lord, der wie ein satterGott auf hohem Roß einherreitct und ans das Menschengewühl unterihm dann und wann einen gleichgültig vornehmen Blick wirft, alswären es winzige Ameisen, oder doch nur ein Hansen niedriger Ge-schöpfe, deren Lust und Schmerz mit seinen Gefühlen nichts gemeinhat -- denn über dein Menschengesindel, das am Erdboden festklebt,schwebt Englands Nobility, wie Wesen höherer Art, die das kleineEngland nur als ihr Absteigequartier, Italien als ihren Svmmer-garten, Paris als ihren Gesellschaftssaal, ja die ganze Welt als ihrEigentum betrachten. Ohne Sorgen und ohne Schranken schwebensie dahin, und ihr Gold ist ein TaliSman, der ihre tollsten Wunschein Erfüllung zaubert.

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