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6 (1898) Englische Fragmente Reisebilder : 2
Entstehung
Seite
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mit einem dünnen Nöhrchen empfing. Ich erwartete große Paläste,nnd sah nichts als lauter kleine Hänser. Aber eben die Gleichförmig-keit derselben und ihre unabsehbare Menge imponiert so gewaltig.

Diese Häuser von Ziegelsteinen bekommen durch feuchte Luftund Kohlendampf gleiche Farbe, nämlich bräunliches Olivengriin; siesind alle von derselben Bauart, gewöhnlich zwei oder drei Fensterbreit, drei hoch, nnd oben mit kleinen roten Schornsteinen geziert,die wie blutig ausgerissene Zähne aussehen, dergestalt, daß die breiten,regelrechten Straßen, die sie bilden, nur zwei unendlich langekasernenartige Häuser zu sein scheinen. Dieses hat wohl seinenGrund in dem Umstände, daß jede englische Familie, und beständesie auch nur aus zwei Personen, dennoch ein ganzes Haus, ihreigenes Kastell, bewohnen will, und reiche Spekulanten, solchem Be-dürfnis entgegenkommend, ganze Straßen bauen, worin sie die Hänsereinzeln wieder verhökern. In den Hauptstraßen der City, demjenigenTeile Londons, wo der Sitz des Handels und der Gewerke, wo nochaltertümliche Gebäude zwischen den neuen zerstreut sind, nnd woauch die Vorderseiten der Häuser mit ellenlangen Namen und Zahlen,gewöhnlich goldig und in Relief, bis ans Dach bedeckt sind: da istjene charakteristische Einförmigkeit der Häuser nicht so auffallend, umso weniger, da das Auge des Fremden unaufhörlich beschäftigt wirddurch den wunderbaren Anblick neuer und schöner Gegenstände, diean den Fenstern der Kaufläden ausgestellt sind. Nicht bloß dieseGegenstände selbst machen den größten Effekt, weil der Engländeralles, was er verfertigt, auch vollendet liefert, und jeder Luxusartikel,jede Astrallampe und jeder Stiefel, jede Theckanne nnd jeder Wciber-rock uns so ünisknzck und einladend entgegenglänzt, sondern auch dieKunst der Aufstellung, Farbenkontrast nnd Mannigfaltigkeit giebtden englischen Kaufläden einen eigenen Reiz; selbst die alltäglichstenLebensbedürfnisse erscheinen in einem überraschenden Zanberglnnze,gewöhnliche Eßwaren locken uns durch ihre neue Beleuchtung, sogarrohe Fische liegen so wohlgefällig appretiert, daß uns der regen-bogenfarbige Glanz ihrer Schuppen ergötzt, rohes Fleisch liegt wiegemalt auf sauberen, bunten Porzellantellerchcn, mit lachender Peter-silie umkränzt, ja alles erscheint uns wie gemalt und mahnt uns andie glänzenden und doch so bescheidenen Bilder des Franz Mieris.Nur die Menschen sind nicht so heiter wie auf diesen holländischenGemälden, mit den ernsthaftesten Gesichtern verkaufen sie die lustig-sten Spielsachen, und Zuschnitt und Farbe ihrer Kleidung ist gleich-förmig wie ihre Häuser.

Auf der entgegengesetzten Seite Londons, die man das West-ende nennt, tirs rvsst snci ob tbs torvn, und wo die vornehmereund minder beschäftigte Welt lebt, ist jene Einförmigkeit noch vor-herrschender; doch giebt es hier ganz lange, gar breite Straßen, wo