Schlußwort. 167
murr den ludernden Schlafmützen; >— aber die alten Häscher, denendie Reichspvlizei anvertraut, schleppen schon die Lüscheiiner herbei,und schnüffeln jetzt um so wachsamer und schmieden um so fester dieheimlichen Ketten, und ich merke schon, unsichtbar wölbt sich einenoch dichtere Kerkermauer um das deutsche Volk.
Armes, gefangenes Volk! verzage nicht in deiner Not! — Odaß ich Katapulta sprechen könnte! O daß ich Falarika hervor-schießen könnte aus meinem Herzen!
Von meinem Herzen schmilzt die vornehme Eisrinde, eine selt-same Wehmut beschleicht mich — ist es Liebe und gar Liebe für dasdeutsche Volk? Oder ist es Krankheit? — Meine Seele bebt, undes brennt mir im Auge, und das ist ein ungünstiger Zustand füreinen Schriftsteller, der den Stoff beherrschen und hübsch objektivbleiben soll, wie es die Kunstschule verlangt, und wie es auch Goethegethan — er ist achtzig Jahr' dabei alt geworden und Minister undwohlhabend — armes deutsches Volk! Das ist dein größter Mann!
Es fehlen mir noch einige Oktavsciten, und ich will deshalbnoch eine Geschichte erzählen — sie schwebt mir schon seit gestern imSinne — es ist eine Geschichte ans dein Leben Karls V*). Doch istes schon lange her, seit ich sie vernahm, und ich weiß die besonderenUmstände nicht mehr ganz genau. So was vergißt sich leicht, wennman kein bestimmtes Gehalt dafür bezieht, daß man die alten Ge-schichten alle halbe Jahre vom Hefte abliest. Was ist aber auchdaran gelegen, wenn man die Ortsnamen und Jahrzahlcn der Ge-schichten vergessen hat; wenn man nur ihre innere Bedeutung, ihreMoral, im Gedächtnisse behalten. Diese ist es eigentlich, die mirim Sinne klingt und mich wehmütig bis zu Thränen stimmt. Ichfürchte, ich werde krank.
Der arme Kaiser war von seinen Feinden gefangen genommen,und saß in schwerer Haft. Ich glaube, cS war in Tirol. Da saßer in einsamer Betrübnis, verlassen von allen seinen Rittern undHöflingen, und keiner kam ihm zu Hilfe. Ich weiß nicht, ob erschon damals jeneS käsebleiche Gesicht hatte, wie es auf den Bildernvon Holbein abkonterfeit ist. Aber die menschcnverachtende Unter-lippe trat gewiß noch gewaltsamer hervor als auf jenen Bildern.Mußte er doch die Leute verachten, die im Sonnenschein des Glückesihn so ergeben nmwedelt, und ihn jetzt allein ließen in dunkler Not.Da öffnete sich plötzlich die Kerkerthüre und herein trat ein ver-hüllter Mann, und wie dieser den Mantel zurückschlug, erkannte derKaiser seinen treuen Kunz von der Rosen, den Hofnarren. Dieserbrachte ihm Trost und Rat, und es war der Hofnarr.
O deutsches Vaterland! teures deutsches Volk! ich bin dein
") „aus dem Lebeu des Kaisers Maximilian" heißt es richtig in der fran-zösischen Ausgabe. Anmerkung des Herausgebers.