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Reisebilder II.
und nach dem Hofgarten eilte, um dort ungestört den Don Quixotezu lesen, ES war ein schöner Maitag, lauschend im stillen Morgen-lichte lag der blühende Frühling und ließ sich loben von der Nachti-gall, seiner süßen Schmeichlerin, und diese sang ihr Loblied sokaressierend weich, so schmelzend enthusiastisch, daß die verschämtestenKnospen aufsprangen, und die lüsternen Gräser und die duftigenSonnenstrahlen sich hastiger küßten, und Bäume und Blumenschauerten vor eitlem Entzücken. Ich aber setzte mich auf eine altemosige Steinbank in der sogenannten Seuszerallee unfern des Wasser-falls, und ergötzte mein kleines Herz an den großen Abenteuern deskühnen Ritters, In meiner kindischen Ehrlichkeit nahm ich alles fürbaren Ernst; so lächerlich auch dem armen Helden von dem Geschickemitgespielt wurde, so Meinte ich doch, das müsse so sein, das gehörenun mal zum Heldentum, das Ausgelachtwerden ebensogut wie dieWunden des Leibes, und jenes verdroß mich ebensosehr, wie ichdiese in meiner Seele mitfühlte. Ich war ein Kind und kanntenicht die Ironie, die Gott in die Welt hineingeschaffen, und die dergroße Dichter in seiner gedruckten Klcinwelt nachgeahmt hatte — undich konnte die bittersten Thrünen vergießen, wenn der edle Ritterfür all seinen Edelmut nur Undank und Prügel genoß; und da ich,noch ungeübt im Lesen, jedes Wort laut aussprach, so konnten Vögelund Bäume, Bach und Blumen alles mit anhören, und da solcheunschuldige Naturwesen ebenso wie die Kinder von der Weltironienichts wissen, so hielten sie gleichfalls alles für baren Ernst, undweinten mit mir über die Leiden des armen Ritters, sogar eine alteausgediente Eiche schluchzte, und der Wasserfall schüttelte heftigerseinen weißen Bart, und schien zu schelten auf die Schlechtigkeit derWelt, Wir fühlten, daß, der Heldensinn des Ritters darum nichtmindere Bewunderung verdient, wenn ihm der Löwe ohne Kampflustden Rücken kehrte, und daß seine Thaten um so preiscnswerter, jeschwächer und ausgedorrter sein Leib, je morscher die Rüstung, dieihn schützte, und je armseliger der Klepper, der ihn trug. Wir ver-achteten den niedrigen Pöbel, der den armen Helden so prügelroh be-handelte, noch mehr aber den hohen Pöbel, der, geschmückt mit bunt-seidenen Mänteln, vornehmen Redensarten und Herzogstiteln, einenMann verhöhnte, der ihm an Geisteskraft und Edelsinn so weit über-legen war, Dulcineas Ritter stieg immer höher in meiner Achtungund gewann immer mehr meine Liebe, je länger ich in dem wunder-samen Buche las, was in demselben Garten täglich geschah, so daßich schon im Herbste das Ende der Geschichte erreichte, — und niewerde ich den Tag vergessen, wo ich von dem kummervollen Zwei-kampfe las, worin der Ritter so schmählich unterliegen mußte!
Es war ein trüber Tag, häßliche Nebelwolken zogen demgrauen Himmel entlang, die gelben Blätter fielen schmerzlich von den