Die Stadt Lucca. 159
schmerzen dennoch! Es ist ein seltsames Martyrium, das solcheSieger in unseren Tagen erdulden, es ist nicht abgethan mit einemkühnen Bekenntnisse, wie in früheren Zeiten, wo die Blutzeugen einrasches Schafott fanden oder den jubelnden Holzstvsz, DaS Wesen desMartyriums, alles Irdische aufzuopfern für den himmlischen Spaß,ist noch immer dasselbe; aber es hat viel verloren von seiner innerenGlaubenSfrendigkeit, es wurde mehr ein resignierendes Ausdauern,ein beharrliches Überdulden, ein lebenslängliches Sterben, und dageschieht es sogar, daß in grauen, kalten Stunden anch die heiligstenMärtyrer vom Zweifel beschlichen werdein Es giebt nichts Entsetz-licheres als jene Stunden, wo ein Marcus Brutus zu zweifeln be-gann an der Wirklichkeit der Tugend, für die er alles geopfert!Und ach! Jener war ein Römer und lebte in der Blütenzeit derStoa; wir aber sind modern weicheren Stoffes, und dazu sehen wirnoch das Gedeihen einer Philosophie, die aller Begeisterung nur einerelative Bedeutung zuspricht, und sie somit in sich selbst vernichtet,oder sie allenfalls zu einer selbstbewußten Donquixvtcrie neutralisiert!
Die kühlen und klugen Philosophen! Wie mitleidig lächeln sieherab auf die Selbstquälereien und Wahnsinnigkeitcn eines armenDon Quixote, und in all ihrer Schulweisheit merken sie nicht, daßjene Donquixoterie dennoch das Preisenswerteste des Lebens, ja dasLeben selbst ist, und daß diese Donquixoterie die ganze Welt mitallem, was darauf philosophiert, musiziert, ackert nnv gähnt, zukühnerem Schwünge befliigelt! Denn die große Volksmasse mitsamtden Philosophen, ist, ohne es zu wissen, nichts anderes als einkolossaler Sancho Pausa, der trotz all seiner nüchternen Prügelschenund hausbackenen Verständigkeit dem wahnsinnigen Ritter in allenseinen gefährlichen Abenteuern folgt, gelockt von der versprochenenBelohnung, an die er glaubt, weil er sie wünscht, mehr aber nochgetrieben von der mystischen Gewalt, die der Enthusiasmus immerausübt auf den großen Haufen — wie wir es in allen politischenund religiösen Revolutionen und vielleicht täglich im kleinsten Er-eignisse sehen können.
So z, B, du, lieber Leser, bist unwillkürlich der Sancho Pausades verrückten Poeten, dem du durch die Irrfahrten dieses Bucheszwar mit Kopfschütteln folgst, aber dennoch folgst.
Knpitel xvi.
Seltsam! „Leben und Thaten des scharfsinnigen Junkers DonQuixote von La Mancha, beschrieben von Miguel de Cervantes Saa-vedra" war das erste Buch, das ich gelesen habe, nachdem ich schonin ein verständiges Knabenalter getreten unb des Buchstabenwesenseinigermaßen kundig war. Ich erinnere mich noch ganz genau jenerkleinen Zeit, wo ich mich eines frühen Morgens vom Hanse wegstahl