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6 (1898) Englische Fragmente Reisebilder : 2
Entstehung
Seite
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Die Stadt Lucca, 157

und ehrenwert, nur da giebt's Begeisterung, Aufopferung, Märtyrerund Patinen. Wie schön, wie heilig lieblich, wie heimlich süß wardas Christentum der ersten Jahrhunderte, als es selbst noch seinemgöttlichen Stifter glich im Heldentum des Leidens. Da war's nochdie schöne Legende twn einem heimlichen Gotte, der in sanfter Jüng-lingsgestalt unter den Palmen Palästinas wandelte und Menschen-liebe predigte, und jene Freiheits- und Gleichheitslehre offenbarte, dieauch später die Vernunft der größten Denker als wahr erkannt hat,und die, als französisches Evangelium, unsere Zeit begeistert. Mitjener Religion Christi vergleiche man die verschiedenen Christentümer,die in den verschiedenen Ländern als Staatsrcligionen konstituiertworden, z. B. die römisch-apostvlisch-katholische Kirche, oder gar jenenKatholizismus ohne Poesie, den wir als kÜAlr Lburob ok LnAlünciherrschen sehen, jenes kläglich morsche Glaubensskelett, wvrin allesblühende Leben erloschen ist! Wie den Gewerben, ist auch den Re-ligionen das Monopolsystem schädlich, durch freie Konkurrenz bleibensie kräftig, und sie werden erst dann zu ihrer ursprünglichen Herr-lichkeit wieder erblühen, sobald die politische Gleichheit der Gottes-dienste, sozusagen die Gewcrbefreiheit der Götter eingeführt wird.

Die edelsten Menschen in Europa haben es längst ausgesprochen,daß dieses das einzige Mittel ist, die Religion vor gänzlichem Unter-gang zu bewahren; doch die Diener derselben werden eher den Altarselbst aufopfern, als daß sie von dem, was darauf geopfert wird,das Mindeste verlieren möchten; ebenso wie der Adel eher den Thronselbst und Hochdenjenigen, der Hochdarauf sitzt, dem sichersten Ver-derben überlassen würde, als daß er mit ernstlichem Willen dieungerechteste seiner Gerechtsame aufgäbe. Ist doch das affektierteInteresse für Thron und Altar nur ein Pvssenspiel, das dem Volkevorgegaukelt wird! Wer das Zunftgeheimnis belauert hat, weiß, daßdie Pfaffen viel weniger als die Laien den Gott respektieren, den siezu ihrem eigenen Nutzen nach Willkür aus Brot und Wort zu knetenwissen, und daß die Adligen viel weniger, als eS ein Roturier ver-möchte, den König respektieren, und sogar eben das Königtum, demsie öffentlich so viele Ehrfurcht zeigen und dem sie so viel Ehrfurchtbei andern zu erwerben suchen, in ihrem Herzen verhöhnen undverachten: wahrlich, sie gleichen jenen Leuten, die dem gaffendenPublikum iu den Marktbuden irgend einen Herkules oder Riesenoder Zwerg oder Wilden oder Feuerfresser oder sonstig merkwürdigenMann für Geld zeigen, und dessen Stärke, Erhabenheit, Kühnheit,Unvcrlctzlichkcit, oder wenn er ein Zwerg ist, dessen Weisheit mitder übertriebensten Ruhmredigkeit auspreisen, und dabei in dieTrompete stoßen, und eine bunte Jacke tragen, während sie darunter,im Herzen, die Leichtgläubigkeit des staunenden Volkes verlachenund den armen Hochgepriesenen verspotten, der ihnen auS Gewohn-