156 Reisebilder II.
religivn, keine Bevorrechtung eines Dogmas und eines Kultus, sowäre Deutschland einig und stark und seine Söhne wären herrlichund frei. So aber ist unser armes Baterland zerrissen durchGlaubenszwiespalt, das Volk ist getrennt in feindliche Neligionspar-teien, protestantische Unterthanen hadern mit ihren katholischen Fürstenoder umgekehrt, überall Mißtrauen ob Kryptokatholizismus oderKryptoprotestantismus, überall Verketzerung, GesinnungSspionage,Pietismus, Mystizismus, Kirchenzeitungsschnüffeleien, Sektenhaß,Bekehrungssucht, und während wir über den Himmel streiten, gehenwir auf Erden zu Grunde. Ein Jndifferentismus in religiösenDingen wäre vielleicht allein imstande, uns zu retten, und durchSchwächerwerden im Glauben könnte Deutschland politisch erstarken.
Für die Religion selber, für ihr heiliges Wesen, ist es ebensoverderblich, wenn sie mit Privilegien bekleidet ist, wenn ihre Dienervom Staate vorzugsweise dotiert werden und zur Erhaltung dieserDotationen ihrerseits verpflichtet sind, den Staat zu vertreten, undsolchermaßen eine Hand die andere wäscht, die geistliche die weltliche,und umgekehrt, und ein Wischwasch entsteht, der dem lieben Gotteine Thorheit und den Menschen ein Greuel ist. Hat nun der StaatGegner, so werden diese auch Feinde der Religion, die der Staatbevorrechtet und die deshalb seine Alliierte ist; und selbst der harm-lose Gläubige wird mißtrauisch, wenn er in der Religion auch poli-tische Absicht wittert. Am widerwärtigsten aber ist der Hochmutder Priester, wenn sie für die Dienste, die sie dem Staate zu leistenglauben, auch auf dessen Unterstützung rechnen dürfen, wenn sie fürdie geistige Fessel, die sie ihm, um die Völker zu binden, geliehenhaben, auch über seine Bajonette verfügen können. Die Religivnkann nie schlimmer sinken, als wenn sie solchermaßen zur Staats-religion erhoben wird, eS geht dann gleichsam ihre innere Unschuldverloren, und sie wird so öffentlich stolz, wie eine deklarierte Maitresse.Freilich werden ihr dann mehr Huldigungen und Ehrfurchtsversiche-ruugen dargebracht, sie feiert täglich neue Siege in glänzenden Pro-zessionen, bei solchen Triumphen tragen sogar bonapartistische Gene-rale ihr die Kerzen vor, die stolzesten Geister schwören zu ihrerFahne, täglich werden Ungläubige bekehrt und getauft — aber diesviele Wasscraufgießcn macht die Suppe nicht fetter, und die neuenRekruten der Stantsrcligion gleichen den Soldaten, die Falstaff ge-worben — sie füllen die Kirche. Von Aufopferung ist gar nichtmehr die Rede, wie Kaufmaunsdiener mit ihren Musterkarten, soreisen die Missionäre mit ihren Traktätchen und Bekehrungsbüchlein,es ist keine Gefahr mehr bei diesem Geschäfte, und es bewegt sichganz in merkantilisch ökonomischen Formen.
Nur solange die Religionen mit andern zu rivalisieren haben,und weit mehr verfolgt werden als selbst verfolgen, sind sie herrlich